Part 3
Den kommenden Tag hatte sich der ganze Großgünstige und Wohlfürsichtige Magistrat samt den beiden einjährig wohlregierenden Bürgermeistern und dem Herrn Stadtschultheiß in dem Kaisersaal des Römers versammelt, um den glücklichen Luftschiffer in feierlicher Audienz zu empfangen. Man hieß ihn sich in einen karmoisinsamtnen Lehnsessel niedersetzen, machte ihm ein Ehrengeschenk von fünfzig doppelten Krönungsdukaten und eröffnete ihm, daß alle Kosten seiner Luftfahrt von der Stadt, die er damit beehrt, getragen würden.
Solange unsere gute Stadt steht, wurde noch keinem Sterblichen solche Ehre zuteil, nicht einmal Voltaire,« schloß etwas malitiös lächelnd Herr Weller.
»Diesem hat man, zur ewigen Schande eurer Regierung sei es gesagt, abscheulich mitgespielt,« versetzte Herr Fahrtrapp.
»Lassen wir das jetzt beiseite,« sagte der Wirt vom Hause, »wir wollen lustig und guter Dinge sein und lieber einen Chor zur Ehre des neugebornen Christen anstimmen.«
»Einverstanden,« riefen mehrere Gäste, und man sang das Lied >Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher< aus voller Kehle; Scherz, Jubel und Gesang währten bis spät in die Nacht hinein, und mehrere von den Damen machten Chorus mit, namentlich Frau Rat Goethe und Frau Scholze, wovon die erste durch ihre geistreichen Einfälle und die andere durch ihre Anmut und Schönheit das Fest würzten. Endlich machten sich die Taufgäste größtenteils mit etwas schweren Köpfen und schwachen Beinen, das heißt die Herren, auf und verließen taumelnd und wohlgemut das Goldne Schiff. Einigen von ihnen schienen sogar die freilich nicht sehr breiten Straßen Frankfurts zu enge. Doch gelangten alle glücklich und selig daheim an, wo sie den süßen Rausch bis zum hellen Tag verschliefen.
II.
Kleinkinderjahre mit großen Episoden. -- Die letzte deutsche Kaiserkrönung (Franz II.). -- Die französischen Emigranten. -- Die Frankfurter Juden. -- Der alte Rothschild und sein Vater.
Der junge Schreihals, der in so heiterer Gesellschaft getauft worden war und dem man den Namen seines Großvaters mütterlicher Seite, des Schöffen Weller, Karl Ferdinand, gegeben hatte, war kein anderer als der, welcher diese Denkschriften niederschrieb, das heißt, ich selbst, und die im vorhergehenden Kapitel mitgeteilten Begebenheiten hörte ich wohl hundertmal von meinen Verwandten als gewaltige Merkwürdigkeiten erzählen.
In dem verhängnisvollen Jahr siebzehnhundertneunundachtzig geboren, wäre es kein Wunder, wenn ich ein rechter Revolutionsmensch geworden wäre, doch mein guter Stern hat mich vor so heillosen Gedanken bewahrt.
Das erste Ereignis von Wichtigkeit, das mir noch aus meiner frühen Kindheit, wenn auch in etwas verworrenen Bildern, vorschwebt, ist die letzte deutsche Kaiserkrönung. Obgleich ich damals noch nicht vier Jahre zählte, sind mir doch mehrere Einzelheiten jener Begebenheit, die einen besonders lebhaften Eindruck auf mich machten, vollkommen im Gedächtnis geblieben.
Es gehört nicht hierher, eine ausführliche Beschreibung der damaligen Krönungsfeierlichkeiten zu geben, wer eine solche wünscht, findet sie ja ausführlich und langweilig genug in den Krönungs-Diarien, auch hat sie Goethe in »Dichtung und Wahrheit« anschaulich beschrieben; hier also nur das Hauptsächlichste und Interessanteste von der letzten deutschen Kaiserkrönung.
Die Unruhen und die trüben Aussichten auf den bereits erklärten Krieg, eine Folge der französischen Revolution (der Landgraf von Hessen-Kassel hatte zum Schutz der Krönung ein Lager von zehntausend Mann bei Bergen aufgeschlagen), waren Ursache, daß die Wahl- und Krönungszeremonien bei weitem nicht mehr mit den bedächtigen und großen Weitläufigkeiten, wie das bei den früheren Krönungen der Fall war, vorgenommen wurden, auch hatten sich zum großen Leidwesen der edlen Bürgerschaft weit weniger Fremde von Rang und Reichtum als sonsten eingefunden. Man beeilte sich, die Sache so schnell als möglich zu beendigen, als fürchtete man, das aufrührerische Frankreich möchte sonst den guten Deutschen den ganzen Spaß verderben. Viele Dutzend der damaligen deutschen Souveränchen blieben aus, und von den Kurfürsten hatten sich nur die geistlichen Herren eingefunden. Das Leben und Treiben in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen war indessen immer noch lebhaft und tumultuarisch genug, das Zusammenströmen der Bewohner der Umgegend außerordentlich, und dazu kamen fortdauernd starke Durchmärsche österreichischer und preußischer Truppen, die sich nach der Grenze von Frankreich begaben. In den Familien, Gasthöfen und Weinstuben sprach man zwar viel von der bevorstehenden Krönung, allein die täglich von Paris kommenden hochwichtigen Nachrichten machten, daß man sie fast nur als eine Nebensache betrachtete. Eine gewisse Ängstlichkeit hatte sich der aristokratischen Gemüter der Reichen der Stadt bemächtigt, welche ihnen die bevorstehenden Feierlichkeiten und Freudenfeste sehr verbitterte. Die Meinungen der Bewohner Frankfurts über die französische Revolution waren zwar sehr verschieden, doch waren im allgemeinen die Patrizier und wohlhabenden Spießbürger der guten Reichsstadt bis zu den geringern Ständen herab gegen dieselbe eingenommen, nur einzelne Familienglieder, unter denen viele Frauen, waren zum Teil enthusiastisch für diese Umwälzung und für die neue Freiheit. So waren in unserer ganzen Familie meine Mutter, deren beide Brüder Franz und Fritz und eine hübsche Cousine, Jakobine Fahrtrapp, die einzigen, welche sich für die Neufranken erklärten und die französischen Revolutionslieder >_Ça ira_< und so weiter am Klavier spielten und sangen, was oft zu Neckereien Veranlassung gab, die selten ohne Bitterkeiten abliefen. Obgleich mein Vater die Notwendigkeit einsah, den heillosen Zustand der fast in Sklaverei schmachtenden Völker zu verbessern, und zugab, daß es endlich an der Zeit sei, einmal den Plunder veralteter Schnurrpfeifereien und Vorurteile auf die Seite zu schaffen und die jedem Menschen zustehenden Rechte geltend zu machen, so war er doch durchaus gegen jede gewaltsame blutige Umwälzung, die meistens das Übel nur verschlimmert, und wollte alles nur durch heilsame Reformen bewirkt wissen. In vielen Häusern Frankfurts war es so, das Ansehen des Oberhaupts reichte nicht immer aus, um den Hausfrieden zu erhalten, und häufig fanden unangenehme Auftritte deshalb statt.
Indessen waren die fürtrefflichen Herren Wahlbotschafter samt ihrem zahlreichen Gefolge nach und nach in der alten Wahl- und Krönungsstadt eingetroffen und durch die Deputationen eines hochedlen Magistrats untertänigst und krummrückig genug bekomplimentiert und empfangen worden, ebenso des Reichs Erbmarschall Graf von Pappenheim Exzellenz. Die üblichen feierlichen Auffahrten fanden statt, die Wahlkonferenzen begannen, und nachdem die Staatswagen und Pferde des _nolens volens_ zu wählenden Kaisers angekommen, wurde unter Trompetenschall verkündet, daß die Wahl, bei der man keine Wahl mehr hatte, vor sich gehen würde. Einige Tage vorher legte die ehrsame Bürgerschaft sowie der ganze Magistrat in Gegenwart der fürtrefflichen, höchst ansehnlichen Herren Wahlbotschafter den Schwur und Sicherheitseid mit der gebührenden Demut ab, und die Herren Kurfürsten, von denen nur die von Mainz, Köln und Trier in höchst eigener Person gekommen waren, hielten ihre Einzüge in sechsspännigen Galawagen unter dem Donner der Kanonen, wie dies so gebräuchlich, und der Paradierung der edlen Bürgerschaft. Auch sie wurden von einer Senatsdeputation mit untertänigstem Respekt bewillkommt. Endlich verkündeten den fünften Juli, nachdem die Glocken schon eine Weile die Mittagsstunde angezeigt, dreihundert Kanonenschüsse, daß das schwere Werk der Wahl vollbracht und Seine Majestät der König von Ungarn und Böhmen unter dem Namen Franz II. zum Schutz und Schirm und Vermehrer des Reichs erwählt sei, das er jedoch weder zu schützen noch zu schirmen und am allerwenigsten zu vermehren vermochte. Zwei Tage darauf trafen auch die Reichsinsignien glücklich und wohlbehalten von Aachen und Nürnberg ein, unter denen die Reichskrone, die angeblich noch vom großen Karl herrühren sollte, sowie dessen Schwert, ein Kästchen, in welchem sich Erde, mit dem Blut des heiligen Stephan getränkt, befindet und so weiter. Diese kostbaren Reliquien wurden von einer Magistratsperson an der Spitze der bürgerlichen Reiterei in Empfang genommen. Den elften Juli abends kam der Erwählte selbst nebst seiner Gemahlin und hohem Gefolge in Frankfurt an und wurde vom guten Volk wie herkömmlich mit erstaunlichem Jubel empfangen, ungeachtet er im strengsten Inkognito angekommen sein wollte. Den folgenden Tag verfügte sich ein hochedler Magistrat _in corpore_ zu Seiner Majestät und bezeugte Allershöchstderselben das Entzücken, in welches die getreue Wahlstadt ob seiner glücklichen Ankunft geraten sei. Hierauf beschwor Franz, auch unter dem Akkompagnement von hundert Kanonenschüssen und der Glocken, die Wahlkapitulation in der St. Bartholomäuskirche und schenkte dem Reichserbmarschall, Grafen von Pappenheim, eine kostbare, goldene, reich mit Brillanten besetzte Dose, deren Wert man auf zwanzigtausend Gulden schätzte. Derselbe war Seiner Majestät entgegengeritten, ihr die glücklich vollbrachte Wahl zu verkünden. Diese Dose mußte später Hebräisch lernen und fiel in oder ging vielmehr durch die Hände des Juden Mayer Amschel Rothschild, Vater der jetzigen Häuser Rothschild, der ein ziemliches Profitchen an diesem Kleinod machte und so in den Stand gesetzt wurde, seinen kleinen Negoz mit Umwechseln verschiedener Geldsorten und mit alten Gold- und Silbersorten, die er einhandelte, zu erweitern.
Während nun rasch die Vorbereitungen zur Krönung des neuen Kaisers gemacht wurden, marschierten unaufhörlich preußische Truppen durch die Stadt, in der Absicht, eine Promenade nach Paris zu machen, um den armen Ludwig XVI. aus den Händen der abscheulichen Jakobiner zu befreien, was, wie man die guten Leute versichert hatte, nur ein Kinderspiel sein sollte.
Endlich brach der Morgen des zur Krönung bestimmten und ersehnten Tages, der vierzehnte Juli siebzehnhundertzweiundneunzig, an, der Jahrestag, an dem drei Jahre früher das Pariser Volk die Bastille erstürmt hatte. Mehrere schwachköpfige Aristokraten hatten sich stark gegen die Wahl dieses Tages erklärt und behauptet, daß er von einer schlimmen Vorbedeutung für das heilige römische Reich sein könnte, und diesmal hatten diese Unglückspropheten recht, dagegen hatten aber andere starksinnige Geister eingewendet, man müsse dem Volk gerade zeigen, daß man sich nicht fürchte, und ihm zum Trotz diesen Tag wählen, und diese Meinung drang durch.
Kaum fing der Tag zu grauen an, als in Häusern und Straßen auch alles lebendig wurde, und das Gedränge nahm nun von Minute zu Minute zu. Unter dem unaufhörlichen Geläute aller Glocken versammelte sich die buntgekleidete und bewaffnete Bürgerschaft aller vierzehn Quartiere und verfügte sich gehorsam an die ihr zur Aufrechthaltung der Ordnung angewiesenen Plätze, die meisten von ihren Weibern, Kindern und Schwestern begleitet, die da hofften, durch die Protektion der Väter, Gatten und Brüder ihre Schaulust besser befriedigen zu können.
Das Haus meiner Eltern, unser Schiff, lag glücklicherweise in einer der Hauptstraßen, der alten Fahrgasse, durch welche sich der Krönungszug bewegte. Um zehn Uhr kam er denn auch an unserm Haus vorüber, dessen Fenster mit Bekannten und Verwandten bis in das fünfzehnte Glied garniert waren, denn bei solchen Gelegenheiten entsinnen sich auch die vergeßlichsten Vettern und Muhmen der alten Verwandtschaft, und alle Bekannten werden zu intimen Freunden. Mein Vater hatte außerdem auch, dem Beispiel anderer Hauseigentümer folgend, noch Brettergerüste für die Zuschauer vor seiner Wohnung aufschlagen lassen. Unter beständigem Läuten und Schießen nahte der Zug. Fürsten und Reichsgrafen eröffneten ihn, diesen folgte der Wappenkönig mit den Herolden zu Pferd, sodann kamen die Wahlbotschafter nach ihrem Rang, einer hinter dem andern geritten. Ihnen folgten ebenfalls zu Pferde und in spanischen Mänteln der Reichserbschatzmeister mit der Krone, der Reichskämmerer mit dem Zepter, der Reichserbtruchseß mit dem Reichsapfel auf Kissen von rotem Sammet, sodann der Reichserbschenk und der Reichserbmarschall mit dem Schwert, alle zum letztenmal ihre Funktionen verrichtend. Endlich kam der Kaiser unter einem Baldachin von gelbem Damast, auf dem der österreichische Doppeladler gestickt war, reitend. Zehn hochweise Magistratspersonen eines edlen Rats, sie hatten schön gepuderte Perücken mit Haarbeuteln, trugen die Last des wandernden Baldachins mit entblößtem Haupt. Als der Kaiser in die Nähe unserer Wohnung gekommen war, da insinuierte mir meine schöne Tante Scholze, die ebenfalls von Niedesheim gekommen war, der seltenen Feierlichkeit beizuwohnen, mich im Arm haltend, jetzt müsse ich Vivat schreien, und ich schrie mit den andern aus vollem Hals mein »Vivat Franziskus!«, und zwar so lange, als ich den Gegenstand sah, dem es galt. Dieser Augenblick und eine Szene auf dem Römerberg ist es, was ich mir noch am lebhaftesten von jenem Ereignis vorstellen kann. Indessen hatte trotz allem Vivatrufen die ganze Zeremonie einen etwas sehr düsteren Anstrich, und ein gewaltiger Platzregen, der fiel, ehe der Kaiser noch den Dom erreicht hatte, durchnäßte den ganzen Zug bis auf die Haut. -- Es gab Leute, die damals prophezeiten, dies sei der Leichenzug des heiligen römischen Reichs -- und auch diese Propheten hatten wahrgesagt. Um ein Uhr war endlich die Krönungsfeierlichkeit vorüber, und der Zug begab sich aus dem Dom in den Römer und schritt über rotes, gelbes und weißes Tuch, womit die Straßen belegt waren, durch die er kam. Der Gekrönte hatte jetzt die schwere Reichskrone auf dem Haupte und war mit dem kaiserlichen Pontifikalium bekleidet, er ging nun zu Fuß und hielt in der einen Hand das Zepter und in der andern den Reichsapfel. Das kurfürstliche Trifolium hielt die Zipfel seines Mantels, und kaiserliche und kurfürstliche Garden machten den Beschluß. Kaum war der letzte Mann derselben vorüber, so fiel das gute Volk über das ihm preisgegebene Tuch her und riß es in Stücke. Der schließende Offizier mußte beständig rückwärts wie ein Krebs marschieren und mit seinem Degen abwehren, wollte er nicht, daß er und vielleicht die ganze Prozession von denen, welche das Tuch abrissen und abschnitten, über den Haufen geworfen würde.
Während die Salbung und die andern Verrichtungen im Dom vorgingen, hatte mich mein Vater mit auf den Römerberg genommen, und ich wurde daselbst durch Vergünstigung eines bürgerlichen Kapitäns, der unser Haus mit gutem Ochsenfleisch versorgte, auf eine von Trommeln errichtete Pyramide gesetzt, von welcher Höhe herab ich das Gewühl der Menge, die bretterne Hütte, in welcher der mit Geflügel, Hasen und Spanferkeln gespickte Ochse gebraten wurde, und den Springbrunnen mit dem doppelten Adler, aus dem sehr christlich getaufter roter und weißer Wein sprang, wohl übersehen konnte. Als sich jedoch der aus der Kirche kommende Zug näherte und die Tambours nach ihren Trommeln griffen, mußte ich meinen hohen Standpunkt verlassen und würde schwerlich die weiteren Zeremonien gesehen haben, wenn sich nicht wieder eine Dame, und zwar die Frau Oberst Schulter, Goethes Tante, die wir schon bei der Taufe kennen lernten, meiner angenommen hätte. Die gute Frau befand sich nämlich in einem auf dem Römerberg gelegenen uralten Haus, welches wegen dem reichen und künstlichen Schnitzwerk, mit dem seine ganze Fassade verziert ist, eine der Merkwürdigkeiten Frankfurts ausmacht, hatte mich bemerkt und ließ mich zu sich in den zweiten Stock dieses Hauses holen, von wo ich nun abermals den ganzen Zug von dem gegenüberliegenden Markt ankommen sah. Dafür mußte ich aber auch meine Lunge wieder gehörig mit Vivats anstrengen, als sich Franz dem Römer näherte. Schon von weitem begrüßte ihn hier die Kaiserin und der Erzherzog von einem Balkon des Hauses Limburg. -- Ich sah nun zu meiner Freude recht gemächlich, wie sich das gute Volk um den Hafer balgte, nachdem der Reichserbmarschall dem Kaiser ein silbernes Maß voll davon vorgehalten und wieder ausgeschüttet hatte, wie der Reichstruchseß ein Stück von dem gebratenen Ochsen samt einem Spanferkel in einer vergoldeten Schüssel für die kaiserliche Tafel empfing, worauf der Überrest des Tieres von der kräftigen und ehrsamen Zunft der Fleischer, jedoch nicht ohne harten Kampf erbeutet wurde; wie der Reichserbschatzmeister keinen Platz-, sondern einen etwas dünngesäten Gold- und Silberregen um sich her verbreitete, den zu empfangen tausend Hände sich in die Lüfte erhoben, sodann die als Gold- und Silbermünzen auf den Boden fallenden Tropfen aufsuchten und sich darum ebenso sehr, wie endlich noch um den leeren Beutel rissen. Auch ein Wagen voll weißes Brot wurde unter das wilde Volk geworfen, wonach es jedoch weniger gierig haschte als nach einem Becher Wein von dem einzigen Brunnen, der solchen lieferte. Indessen speisten Seine Majestät Franz II. mit echt österreichischem Appetit in dem Kaisersaal auf dem Römer, was nach den gehabten Fatiguen sehr natürlich war, ebenso die Herren Kurfürsten, die an besondern Tafeln schmausten und von denen der geistliche Herr von Köln, seines stattlichen Bauches wegen, eine wahre Kuriosität war. -- Es wurde auch nicht vergessen, auf die Gesundheit des neuen Oberhaupts Deutschlands gehörig zu trinken, und die Vivats und der Kanonendonner erschütterten das glückliche Frankfurt in seinen Grundfesten. Daß bei einbrechender Nacht große Illumination und allerlei Feuerwerk war, versteht sich von selbst. Der Fürst Esterhazy, der in der ganzen Stadt kein Haus gefunden hätte, dessen Fassade würdig gewesen wäre, mit der von ihm projektierten Illumination zu prangen, ließ zu diesem Zweck ein besonderes von Brettern und gemalter Leinwand auf dem Roßmarkt erbauen und setzte die guten Frankfurter dadurch in Erstaunen und Verwunderung.
Den folgenden Tag schwuren Magistrat und Bürgerschaft, dem neuen Herrscher treu, hold und gewärtig zu sein, und leisteten den Huldigungseid, den Seine Majestät auf einem mit rotem Tuch behangenen Balkon und einen mit Imperialfedern geschmückten Hut auf dem Haupt, unter einem Baldachin allergnädigst anzunehmen geruhten.
Trotz dem Verbot hatten sich dennoch mehrere von den in Koblenz ein wüstes Leben führenden französischen Emigranten bei der Krönungsfeierlichkeit in Frankfurt eingeschmuggelt, namentlich auch die Mätressen des Grafen Artois (nachherigem Karl X.), deren er ein halbes Dutzend mit von Paris gebracht hatte. Er selbst fuhr in einer illuminierten Gondel mit Musik bei Nacht auf dem Main und durch die Bogen der Brücke mit diesen Damen. Die sauberen Herren führten in Koblenz ein wahres Luderleben, der Kurfürst von Trier war nicht mehr Herr in seinem Lande, und dabei benahmen sie sich auf das unverschämteste. Der beste Wein aus den kurfürstlichen Kellern war ihnen kaum gut genug, um sich mit ihren Mätressen darinnen -- zu baden! und selbst die Kammerjungfern dieser Weiber besudelten die kurfürstlichen Gerätschaften auf das frechste. Dieser französische Adel, der hier ein Frankreich außerhalb Frankreichs bilden wollte, erlaubte sich die größten Ungezogenheiten und sogar Mißhandlungen gegen die Einwohner des Landes, wo er so großmütig und gastfreundlich aufgenommen worden war, und mit Klagen gegen diese Herren war nichts auszurichten. Nichts war ihnen gut genug, nicht selten warfen sie die Schüsseln mit den Speisen den sie darbringenden Dienern an den Kopf, indem sie sagten, dies wäre Kost für deutsche Schweine, aber nicht für französische Seigneurs. Sie mißbrauchten die deutsche Gutmütigkeit auf das schändlichste, sich alles erlaubend, und doch waren es Almosen, die man ihnen reichte, denn man war ihnen nichts schuldig. Sie waren meistens gratis logiert und ebenso genährt. Sie nannten sich nur den Hof, hielten ein paar Dutzend französische Köche und gebrauchten fünftausend Livres täglich, welche ihnen deutsche Dummheit lieferte, ohne das Fleisch, Brot, Wein und Gemüse zu rechnen, das man ihnen schenkte. -- Ein gewisser Dominique, damals allmächtiger Minister des sonst eben nicht freigebigen Kurfürsten Clemens von Trier, war es, der ihnen so zu hausen gestattete und die Mittel dazu verschaffte. Aber diese Herren waren auch lauter Dücs, Marquis, Grafen, Vicomtes, Barone und Chevaliers d'Industrie. Besser hatte es der Kurfürst von Köln verstanden, sie sich vom Leibe zu halten, er warf ihnen einen Zehrpfennig hin, den sie auch gütigst anzunehmen geruhten, und schickte sie weiter. Schnell hatte sich aber auch das Mitleid und die Teilnahme, die man anfänglich für sie fühlte, in Abscheu und Verachtung verwandelt. Dazu kamen noch ihre ebenso lächerlichen als nichtigen Großsprechereien und das jämmerliche Aussehen dieser an Leib und Seele gleich ausgemergelten Helden, welche Mühe hatten, die großen Säbel zu schleppen, an die sie sich gebunden. Wenn man sie hörte, so war ihre Rückkehr nach Paris nichts als eine Reihe von Triumphen, die damit endigen würden, daß sie all die bürgerlichen Kanaillen hängen ließen, die sich unterstanden, einer hochadeligen Tyrannei ein Ende zu machen. »Werden wir uns diesen Winter zu Paris sehen?« fragte einer den andern und erhielt zur Antwort: »das versteht sich,« oder: »_je ne vois point d'inconvenient_,« und begab sich einer von ihnen in eine andere Stadt, so nahm er mit den Worten: »Auf Wiedersehen zu Paris!« von den übrigen Abschied. -- Sie sollten jedoch bald für ihre Missetaten und für ihren Übermut schrecklich gezüchtigt und der Spott der deutschen Bauern werden, und zeigten sich dann sehr dankbar, wenn man ihnen eine Brotrinde zuwarf.
Mehrere dieser Herren, welche zu ihrer Zerstreuung oder Geschäfte halber nach Frankfurt gekommen waren, wußten sich daselbst durch einige Bankiers und namentlich vermittelst gewinnsüchtiger Juden nicht unbedeutende Summen zu verschaffen, indem sie ungeheure Zinsen verschrieben und außerdem noch große Belohnungen versprachen, sobald sie wieder in ihre Güter und Rechte eingesetzt sein würden, woran damals fast niemand in Frankfurt zweifelte, und was man sehr nahe glaubte, da man so viele stattliche Truppen nach der französischen Grenze marschieren sah. Die Wucherer ließen sich dadurch blenden und schossen die verlangten Gelder vor. -- Außerdem hatte man in Frankfurt viele falsche Assignaten in Umlauf gesetzt, deren Ursprung, als die Sache entdeckt war, man jedoch nicht erforschen konnte. Dies alles sowie die Gefälligkeit der Wucherer sollte die Stadt teuer bezahlen, wozu noch kam, daß auch die Frankfurter Zeitungen so unklug waren, sich sehr unvorsichtig gegen die neue Ordnung der Dinge in Frankreich und gegen das französische Volk auszusprechen, woran der Magistrat sie nicht nur nicht hinderte, sondern sein Wohlgefallen zu haben schien.
Auch der Judenschaft in Frankfurt wurde die hohe Gnade zuteil, dem kaiserlichen Ehepaar Geschenke zu machen und durch eine Deputation untertänigst huldigen zu dürfen, jedoch nahm ihnen diese Huldigung ein kaiserlicher Hofrat im Namen seines Herrn ab und versprach ihnen in demselben Namen Schutz und Gunst, weshalb die guten Hebräer eine große Freude hatten und ihre Augen von Tränen glänzten.