Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 29

Chapter 293,547 wordsPublic domain

Damals vertauschte ich meine Charge bei der Voltigeurkompagnie mit einer gleichen bei den Karabiniers, von welchen der Unterleutnant als Oberleutnant in ein anderes Bataillon versetzt wurde; ich selbst hatte bei Düret darum nachgesucht, und zwar aus folgendem Grunde. Es war immer ein Grenadier- oder Karabinieroffizier, der das aus Grenadieren oder Karabiniers bestehende Detachement in die Militärmesse kommandierte, welche jeden Sonntag mittag zu Genua in der San-Lorenzo-Kirche sowie in allen von französischem Militär besetzten Städten in den von den Platzkommandanten dazu ausersehenen Kirchen gehalten wurde. Mit klingendem Spiel, mit den Sappeurs, dem Tambourmajor und allen Tambours des Regiments marschierte man in großer Parade, mit der Bärenmütze geschmückt, die ich gerne trug, weil sie mir gut zu Gesicht stand, in den mit der schönen Welt und den eleganten Damen, welche die Tribünen und Galerien zierten und diesen Messen vorzugsweise gerne beiwohnten, angefüllten Tempel, durch das Schiff bis an das Chor. Daselbst angekommen, wurde ein donnerndes >Halt!< und >Gewehr in Arm!< kommandiert, bis die Generalität mit ihrem Stab und die höchsten Zivilbeamten, wie der Präfekt und so weiter erschienen, die ihre Plätze auf karmoisinenen Sesseln in der Nähe des Hochaltars nahmen. Sobald die Messe beginnt, schultern die in zwei langen, sich gegenüberstehenden Reihen aufgestellten Truppen das Gewehr, und wenn der Priester das Sanctissimum zeigt, präsentieren dieselben, fallen auf das Kommando wie niedergedonnert auf die Knie, wobei sie die Gewehrkolben, die Gewölbe erschütternd, auf einen Schlag aufstoßen, die Tambours schlagen _aux champs_, die Musik fällt in eigens dazu komponierten Melodien ein, sowie das aus den Opernsängern und Sängerinnen bestehende Personal auf dem Chor, wo man oft die herrlichsten Stimmen hört, und es ist nicht zu leugnen, daß diese Feierlichkeit im höchsten Grad ergreifend und imponierend ist und auf die Andächtigen einen großen Eindruck macht. Der kommandierende Offizier muß aber eine starke, sonore und durchdringende Stimme haben, an der es mir nicht fehlte, denn wenn ich im Freien kommandierte und drei Bataillone in einer Linie aufgestellt waren, so konnte man doch jedes meiner Kommandoworte auf das deutlichste von einem Flügel zum andern vernehmen. War es an unserem Regiment, das Kommando in die Messe zu geben, so ersuchte ich jedesmal den Offizier, an dem die Reihe war, dasselbe mir zu überlassen, so daß alle vierzehn Tage meine Tour kam, und mehr als einmal hörte ich beim Abmarsch die sich Entfernenden flüstern: »Das ist der Offizier, der den Don Juan singt.«

Meine musikalischen Kenntnisse brachten mir auch noch den Vorteil, daß das Musikkorps des Regiments jetzt unter meine spezielle Aufsicht gestellt wurde, so daß es mir nun nicht schwer fiel, dasselbe bisweilen für meine Privatinteressen zu verwenden, denn der Musikmeister mußte es mit mir halten, da ich ihm manchen Vorteil verschaffen und gewähren konnte; auch überhob mich dies manches Dienstes, der gerade nicht zu den angenehmsten gehörte. Ich ließ nun öfters Schönen Serenaden und Aubaden, wie es sich am besten paßte, von Blasinstrumenten trefflich ausgeführt, bringen, wozu sich die Herren Musici willig fanden, da ich sie jedesmal nach denselben mit Wein und Erfrischungen regalierte. -- Um aber den Ensemblestücken des Don Juan, die wir aufführten, noch einen höheren Reiz zu verleihen, instrumentierte ich, so gut es gehen wollte, den Klavierauszug für Violinen, Bässe, Klarinetten, Trompeten, Pauken und so weiter, was keine Kleinigkeit war, da ich von dem Generalbaß und dem Kontrapunkt wenig oder gar keine Kenntnis hatte; ich half mir aber, indem ich mich mit dem Umfang und Schlüssel eines jeden Instruments bekannt machte und dann nach Gutdünken, nachdem ich auf einem Klavier probiert hatte, welche Partie sich wohl für die Violinen, welche für die Hautbois, welche für die Hörner am besten eignen würde, dieselbe den Instrumenten zuteilte. Freilich möchte sich Mozart wohl im Grabe herumgedreht haben, wenn er sein Meisterwerk so verstümmelt gehört hätte, denn welche Verstöße gegen die Regeln der Harmonie mögen dabei mit untergelaufen sein! Einige berichtigte mir der Musikmeister. Auf diese Art komponierte ich auch Geschwind- und Parademärsche, von denen viele in allen Regimentern der großen Armee aufgenommen wurden, namentlich ein Sturmmarsch (_pas de charge_), den sogar die Musik der kaiserlichen und der neapolitanischen Garden adoptierte und der diese mehr als einmal ins Feuer führte. Auch viele Tänze, französische Romanzen und italienische Kavatinen komponierte ich und verlegte manche davon bei italienischen und französischen Musikalienhändlern. Eine Aubade, die ich in Genua einer Schönen bringen ließ, war jedoch Ursache, daß ich folgendes Billett von deren Ehemann erhielt: >Signore, ich bin kein Freund von Musik, die meine Morgenruhe und meine Ruhe überhaupt stört, am allerwenigsten aber von Hörnern, die bei Ihrer Musik vorzuherrschen scheinen; verschonen Sie mich also in Zukunft damit. Ihr und so weiter.< Ich schluckte die witzige Pille und ließ mir nichts merken, das Beste, was ich bei der Sache tun konnte.

Indessen ging alles vortrefflich in Genua, und ich hatte die beste Hoffnung, auch mit der P... zum Ziel zu kommen, als mir einige Fatalitäten begegneten, die mich beinahe in große Kalamitäten gestürzt und verwickelt hätten, aus denen ich mich jedoch noch so ziemlich gut zu ziehen verstand.

Eines Tages, als ich von dem Abendappell aus der Kaserne kam, sah ich den Kapitän Caguenec, denselben, der den Skandal im Theater zu Toulon veranlaßt hatte, in der Straße Balbi etwas schwankenden Trittes auf mich zukommen und merkte bald, daß er nach seiner löblichen Gewohnheit wieder einmal des Guten viel zu viel getan hatte. Gerne wäre ich ihm ausgewichen, allein es war nicht mehr möglich, denn schon hatte er mich gesehen, eilte auf mich zu und lud mich ein, ein Glas Rosolio im nächsten Kaffeehaus mit ihm zu nehmen. Ihm in diesem Zustand etwas abzuschlagen, daran war nicht zu denken, wenn man nicht sofort arge Händel mit ihm selbst haben wollte; ich mußte also _nolens volens_ einwilligen, und noch ehe ich Ja gesagt, hatte er mich unter den Arm gefaßt, zog mich mit sich in das nächste Kaffeehaus und ließ Vanille-Rosolio bringen. Nachdem er ein paar Gläschen zu sich genommen, fiel es ihm ein, eine Partie Billard mit mir spielen zu wollen, und als ich ihm bemerkte, daß das Billard bereits von jungen Leuten in Beschlag genommen wäre, schrie er: »Ach, was tut das, wir werden doch mehr sein als dieses Bürgerpack, ich will sogleich rein fegen.« Hierauf sprang er auf, zog, ohne daß ich es verhindern konnte, seinen Degen, fuchtelte mit der flachen Klinge auf die jungen Leute los, es waren deren über ein halbes Dutzend, indem er ausrief: »_Allez vous en tas de canaille!_« Sie ergriffen eiligst die Flucht, und in einem Nu war das ganze Kaffeehaus geleert, bis auf einen ältlichen Mann, der nicht schnell genug zur Türe hinaus konnte und dem er noch ein paar Hiebe aufzählte; hierauf stürzte er wieder einige Gläser Rosolio hinunter, schimpfte auf den Wirt und die Aufwärter, die sich zitternd in die Winkel und unter das Billard verkrochen, auf das er nun mit scharfer Klinge ein- und das Tuch desselben in Stücke zerhieb, und zwar mit einer solchen Gewalt, daß er den Säbel oft nur mit der größten Mühe aus dem Holz, in das er tief eingedrungen war, herausziehen konnte. Sodann ging es hinter die Flaschen und Gläser des Kaffeezimmers, die er ebenfalls zertrümmerte, so daß der Rosolio und alle Liquide in Strömen flossen, dabei forderte er mich beständig auf, ihm bei dieser Arbeit zu helfen und tapfer mit einzuhauen. Ohne gerade seinen Willen zu erfüllen, zog ich doch auch vom Leder, suchte aber seine vernichtenden Hiebe soviel als möglich zu parieren, während ich tat, als hieb ich zu, und mußte mehr als einmal ein »_maladroit_« von ihm hören. Nun machte er sich noch an Fenster und Spiegel, und schon hatte der Skandal einen Haufen Leute herbeigezogen, die mit Erstaunen diesen Heldentaten zusahen. Als er endlich des Einhauens müde und außer den bloßen Wänden nicht viel mehr zu vernichten war, stellte er sich vor den zitternden Wirt und sagte ihm mit drohender Stimme: »Kerl, jetzt mache mir die Rechnung; aber unterstehst du dich, einen Soldo zuviel anzurechnen, so haue ich dich in Stücke.« Der Wirt, blaß wie eine Leiche und in Todesangst, stammelte: »_Niente illustrissimo, niente affatto eccellenza._«

»Kerl, das war dir geraten, sonst wäre es dir schlecht gegangen,« versetzte Caguenec, nahm mich beim Arm und wollte mich fortziehen, als gerade eine Patrouille, welche ein Aufwärter bei der nächsten Wache requiriert hatte, in das Kaffeehaus trat, uns jedoch ehrerbietig durchließ; ich sagte dem Wirt noch im Abgehen, er möge sich beruhigen, ich wolle dafür sorgen, daß ihm alles vergütet werde. -- Caguenec wollte nun in diesem Zustand in das Theater, zu Dorias und Gott weiß wo sonst hin, aber ihm allerlei vorspiegelnd, brachte ich es durch List, indem ich ihm immer nachzugeben schien, dahin, daß er sich in seine Wohnung begab, um vorerst ein wenig auszuruhen, wo er aber, nachdem er sich auf das Bett geworfen, bald glücklich einschlief. Ich entfernte mich nun schnell, eilte in das Kaffeehaus zurück, um wo möglich den Wirt zu beschwichtigen; dieser war aber schon zu dem Platzkommandanten gelaufen, hatte dort seine Klage angebracht und kehrte jetzt mit einem Adjutanten desselben zurück, der beauftragt war, die Sache zu untersuchen. Das Haus und der Platz waren so voll mit Menschen, daß ich Mühe hatte, zu dem Adjutanten zu dringen, dem ich den Hergang der sauberen Geschichte ganz der Wahrheit gemäß mitteilte, mich dabei auf das Zeugnis des Wirtes berufend, der mir aber nicht alle, sondern nur eine zweideutige Gerechtigkeit widerfahren ließ und gerne gewünscht hätte, daß es hieße: mit gefangen, mit gehangen. Ich begleitete den Adjutanten zum Kommandanten, der mir aber, nachdem er ihn angehört, bis auf weitere Order Zimmerarrest ankündigte, weil ich geschehen ließ, was ich nicht hatte hindern können, ohne daß entweder ich oder der Kapitän auf dem Platz geblieben wäre, denn ich kannte meinen Mann, den jede Einsprache und Abhaltung nur noch wütender gemacht haben würde, obgleich ich, da ich nüchtern und jener betrunken, in großem Vorteil bei einem Klingengefecht gewesen wäre. Die Sache wurde sofort an den kommandierenden General Montchoisy berichtet, der im ersten Zorn von Kriegsgericht und sogar von Füsilieren sprach, sich aber durch Dürets und anderer Fürsprache bewegen ließ, den Caguenec auf sechs Wochen ins Fort zu setzen und mir acht Tage Stubenarrest zu geben, obgleich ich mich damit entschuldigt hatte, daß Caguenec Kapitän, mein Vorgesetzter und ein weit älterer Offizier sei als ich, der noch keine siebzehn Jahre zähle und wenig Erfahrung habe. Daß wir solidarisch zu allem Schadenersatz verurteilt wurden, den der Wirt über mehrere hundert Lire ansetzte, offenbar das Doppelte des wirklichen Betrags, versteht sich von selbst. Ich kam am schlechtesten dabei weg und mußte fast die ganze Summe zahlen, da Caguenec ein _panier percé_ war, dem fortwährend zwei Dritteile seiner Gage wegen früherer Exzesse schon einbehalten wurden.

Diese Geschichte, mit allen möglichen Zusätzen und Vergrößerungen ausgeschmückt, machte in Genua großes Aufsehen, und ich hatte viel zu tun, mich bei den Familien, in denen ich bekannt war, wieder rein zu waschen. Während meinem Arrest lernte ich den ganzen Tag italienisch, das ich nun anfing, ziemlich geläufig zu sprechen; doch machte ich noch manchen und oft sehr komischen Bock. So fragte ich einst nach dem italienischen Namen ich weiß nicht mehr welches Medikaments, worauf man mir sagte, es sei in der _Spezeria Galetti_ zu haben; ich aber hatte verstanden, das Medikament hieße _spezeria Galetti_, und wurde von einer Apotheke in die andere gewiesen, bis ich in die genannte kam, wo ich durchaus _spezeria galetti_ haben wollte, während man mir bedeutete: »_Ma é qui, Signore._« -- »_Eh bene datemi._« -- »_Ma che cosa, Signor?_« -- »_Spezeria Galetti_,« und man lachte, bis sich das komische Mißverständnis aufklärte. Ich hatte die Apotheke statt dem Medikament gefordert.

Mein erster Besuch nach meinem Arrest und nachdem ich mich gemeldet hatte, war bei der Signora Peretti, die mich zwar freudig empfing, mir aber mitteilte, daß ihr die Geschichte großen Kummer gemacht, da man sogar von Erschießen gesprochen habe; ich lachte und tröstete sie, wir musizierten und probierten zweierlei Gattungen von Duetten. Da ich ihr den Hergang der fatalen Sache ganz zu meinem Vorteil erzählt, so nahm sie es auf sich, mich allenthalben zu rechtfertigen, und ich wurde nach wie vor in den guten Häusern Genuas gerne gesehen. Ja, die Marchese P... fragte mich teilnehmend in einer Abendgesellschaft, wie es mir ergangen, und sagte, sie wünsche wohl ein kleines zweistimmiges Lied, >_Nice so piu non m'ami_<, mit mir durchzugehen, bei welcher Gelegenheit ich erfuhr, daß ein alter Musiklehrer namens Guercino, der gerade gegenüber wohne, ihr manchmal neue Kompositionen bringe. Mir schien es, als habe sie mir dieses nicht ganz ohne Absicht mitgeteilt, besonders da sie den Namen des Mannes einigemal nachdrücklich wiederholt hatte. Gleich den andern Tag suchte ich diesen Guercino auf, der schon ein Sechziger war, sich sehr freute, als ich ihm ankündigte, daß ich Unterricht auf der Gitarre bei ihm zu nehmen wünsche, und zwar in seiner eigenen Wohnung, um ihm die Mühe zu ersparen, in meine etwas entfernt liegende gehen zu müssen. Ich hatte schon längst im Sinne gehabt, dieses Instrument, das zum Akkompagnieren so bequem, nicht schwer und in Italien und Spanien so allgemein im Gebrauch ist, zu erlernen. Der gute Mann meinte, es sei zuviel verlangt, daß ich zu ihm gehen solle, und glaubte vermutlich, daß ich dies um zu sparen tun wolle, weil er dann einen billigeren Preis eingehen müsse; ich nahm ihm den Wahn und gab ihm ein Zwanzigfrankenstück, den Preis für acht Lektionen, die man in Italien gewöhnlich antizipando bezahlt, nahm auf der Stelle die erste Stunde und gab ihm den Auftrag, mir eine gute Gitarre zu kaufen. Er fand einen gelehrigen Schüler an mir, der ihm schon bei der ersten Lektion mitteilte, daß er es der Marchesa P... zu verdanken habe, daß ich ein Schüler von ihm geworden sei, die ihn sehr gerühmt. »_Oh é una eccelentissima signora, la Signora Marchesa!_« rief er aus, »sie war auch meine Schülerin und hat eine hübsche Stimme, _é un vero angelo_.«

Ich schielte fortwährend über die Gitarre weg, deren Tonleiter er mir zeigte, nach dem Balkon jenseits der Straße, aber alle Fenster waren verschlossen und verhängt; ich sah ein, daß ich viel zu früh gekommen sei, um meine Schöne sehen zu können, und zeigte meinem Lehrer an, daß ich künftig meine Stunde nach der Parade um achtzehn oder neunzehn Uhr (zwölf oder ein Uhr nach unseren Uhren) nehmen wolle, und zwar drei- oder viermal die Woche. Wir trennten uns, einer mit dem anderen sehr zufrieden. Den nächsten Tag kam ich zur festgesetzten Zeit und bemerkte, als ich in das Haus trat, daß die Marchesa hinter den Samtgardinen eines Balkons stand und mich wahrgenommen hatte. Sie zeigte sich auch während der Stunde mehrmals am Fenster, und zwar allein, ohne daß sie mich jedoch sehen konnte, da wir etwas weit zurück in der Stube saßen, ich ging aber einigemal unter allerlei Vorwand an das Fenster und grüßte die Signora verstohlen; auch wurde der Gruß durch eine leichte Verbeugung erwidert.

Nachdem ich ungefähr zehn bis zwölf Lektionen genommen hatte, bei denen ich die Marchesa fast jedesmal, wenigstens auf ein paar Augenblicke zu sehen bekam, war ich schon so weit, mich mit einigen Arpeggis und Akkorden begleiten zu können, da ich mich auch zu Haus fleißig übte und die Gitarre ein leicht zu lernendes Instrument ist, besonders wenn man schon Musik kennt. Eines Tages bat ich meinen Lehrer, doch ein leichtes Tonstück für zwei Gitarren mit mir durchgehen zu wollen, und hoffte ihn dadurch in die Notwendigkeit zu versetzen, vielleicht eine zweite Gitarre bei der P... entlehnen zu müssen; er holte aber ein anderes Instrument dieser Gattung aus einem alten Schrank hervor und stimmte es. Ich dachte: warte, der Gang ist dir doch nicht geschenkt, und da ich wußte, daß er keine umsponnenen Saiten, sondern nur Cantinen (Quinten) und G- und H-Corden im Hause hatte, so stimmte ich so lange an der D-Saite, bis diese glücklich sprang.

»_Ma che facciam Signore, non ho altre corde in casa._«

»Maestro,« erwiderte ich, »dem ist leicht abzuhelfen, leihen Sie einstweilen ein anderes Instrument in der Nachbarschaft, vielleicht bei Ihrer ehemaligen Schülerin?«

»Sie haben recht,« versetzte der alte gute Narr, machte sich auf die Beine und kam bald mit einer sehr eleganten Chitarra-Lira zurück, auf der gewöhnlich die schönen Finger der reizenden P... spielten. Wir probierten nun ein paar leichte Stücke, und als sich die holde Marchesa wieder am Balkon blicken ließ, machte ich eine Pause, ging mit dem Instrument an das Fenster, schlug einige Akkorde an, und da ich sah, daß ihre Blicke auf mich gerichtet waren, zog ich ein längst in Bereitschaft habendes Billettchen, auf Rosapapier geschrieben, aus dem Busen, hob es in die Höhe, damit es Madonna wahrnehmen konnte, küßte es und warf es sodann in den Resonanzboden der Lyra. Dies alles hatte die Signora ganz gut, mein lieber Lehrer, dem ich den Rücken zudrehte, aber gar nicht bemerkt, da es das Werk eines Augenblicks war. Sie verließ errötend das Fenster, ich aber, ganz vergnügt, bat den gefälligen Guercino, das Instrument, verbindlichst dankend, doch gleich wieder seiner Eigentümerin zurückbringen zu wollen, wozu er sich verstand und bald mit der Nachricht zurückkam, daß ihm die Marchesa selbst dasselbe schon oben an der Treppe abgenommen habe. Ich verweilte nun noch eine kurze Zeit an dem Fenster, aber der Gegenstand meiner Verehrung ließ sich nicht mehr blicken. Der alte Guercino war sehr gesprächig und suchte alles Mögliche hervor, um mich zu unterhalten, indem er mir öfters den Grad seiner Verwandtschaft mit dem Maler Guercino, von dem mehrere Kirchen Genuas gute Gemälde besitzen, recht ausführlich langweilig auseinandersetzte. Endlich begab ich mich weg, indem ich ihm versprach, selbst neue Silbersaiten mitbringen zu wollen, was ich wohlweislich vergaß; ja um meiner Sache noch gewisser zu sein, ließ ich durch meinen Burschen Louis die eine Gitarre unter dem Vorwand, daß an meiner etwas zerbrochen sei und ich mich üben wolle, bei ihm holen, schickte sie nicht zurück und erklärte meinem Maestro den anderen Tag beim Unterricht, daß ich sie behalten und ihm abkaufen wolle, bezahlte ihm sechzig Lire dafür, obgleich sie keine dreißig wert war, worüber besonders seine alte Ehehälfte entzückt schien, die mich seitdem in besondere Affektion nahm und ihren Mann ermunterte, die Gitarre hin- und herschleppend, den _Postillon d'amour_ in aller Unschuld fortwährend zu machen. Er holte das Instrument wieder, das ich um und um drehte und schüttelte; es konnte aber nichts herausfallen, denn es war leider leer; auch sah ich die Marchesa erst gegen das Ende der Stunde am Fenster, wo ich ihr nun ein zweites Billett zeigte und sie durch die Zeichensprache, die man in Italien zur höchsten Stufe der Vollkommenheit gebracht, welche ich neben der des Mundes fleißig studierte und bald begriffen hatte, dringend bat, mich doch mit einer Antwort zu beglücken. Sie schien mich nicht verstehen zu wollen, indessen sandte ich das zweite Billett, in dem dieselbe Bitte wiederholt war, auf dem Wege wie das erstemal ab.

Den andern Abend war große Gesellschaft bei dem kommandierenden General, wohin auch der Marchese P..., seine Gattin und deren Schatten, der Ritter Negroni, eingeladen waren. Hier sollten zum erstenmal mehrere Stücke aus dem ersten Finale des Don Juan mit der von mir arrangierten Orchesterbegleitung, die unser Verein einstudiert hatte, vorgetragen werden, worauf Souper und Tanz folgten. Alle geladenen Nobili trafen mit ihren Frauen und Cicisbeen zur bestimmten Stunde im höchsten Glanz und reich geschmückt zu dem Feste ein, unter ihnen ragte die Marchesa P... in den ersten Reihen gleich einer Sonne unter Sternen hervor; bei dem Vortrag der Musik saß sie mir gerade gegenüber. Außer den Gesängen aus dem Don Juan trug ich diesen Abend noch die bekannte italienische Arie: >_Tu non sai da quanti moti_< vor, die ich wegen des vielsagenden Textes gewählt, hauptsächlich an meine Herzensdame richtete, und bei jeder bezeichnenden Stelle warf ich die Blicke auf sie, wo sie dann die ihrigen niederschlug, doch, wie ich wohl bemerkte, bisweilen verstohlen nach mir schielte. Es lief alles ziemlich nach Wunsch ab. Als der Tanz begann, verfehlte aber der mir so fatale Negroni nicht, diesen Abend aufmerksamer als je sein Amt zu versehen; dennoch aber konnte er nicht verhindern, daß ich zwei Quadrillen mit der unter seiner Aufsicht stehenden Dame tanzte, ihr einigemal die Hand drückte und sie leise fragte, warum sie mir keine Antwort auf meine Briefchen gebe, ob sie denn wolle, daß ich vor Kummer und Gram und aus Verzweiflung sterben solle? und so weiter.

Nachdem sie sich allenthalben umgesehen, ob man uns nicht beobachte, sagte sie mir auf französisch, >_Je n'ose._< --

Dies war mir hinreichend, ich arrangierte nun die zweite Quadrille, für die ich mit ihr engagiert war, so, daß nur Offiziere in derselben mittanzten, und bat einen Kameraden, mit dem ich genauer bekannt war, den Negroni doch in einer anderen Quadrille während dieses Tanzes zu placieren, was ihm auch gelang; ich hatte nun freieres Spiel, und die Marchesa benahm sich weit ungezwungener und weniger ängstlich. Ich wiederholte mündlich, was ich geschrieben, sprach von meiner feurigen, innigen Liebe und erhielt das Versprechen, daß sie mich mit ein paar Zeilen Antwort beglücken würde. Auf meine Frage, warum sie bisher so streng und zurückhaltend gewesen, erwiderte sie: »Sehen Sie denn nicht, wie man mich bewacht und beobachtet? Der fatale Negroni, den mir mein Mann zum Begleiter aufgedrungen, verfolgt mich bei Tag und bei Nacht, deswegen hoffen Sie nicht viel.«

»Diesem wird doch auch noch eine Nase zu drehen sein,« erwiderte ich.

»Vielleicht, daß der bevorstehende Karneval Gelegenheit dazu bietet,« versetzte sie, »sonst wüßte ich nicht, wie es zu machen wäre. Indessen werde ich Ihnen schreiben, da Sie mich versichern, daß dieses schon Sie glücklich macht.«

»Tausend Dank, schönste Signora, oh, wenn nur erst wir beide uns verstehen, dann ist es mir wegen dem übrigen nicht bange.«