Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 26

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Nachdem wir etwa sechs Wochen in Toulon waren, wurde die Voltigeurkompagnie des ersten Bataillons, der ich seit meiner Ernennung zum Offizier zugeteilt war und die ein Hauptmann Grenet befehligte, nach dem an dem Ufer der großen Reede liegenden bedeutenden Flecken La Seine detachiert, wo es mir weit mehr als in dem düsteren Toulon gefiel. Dieser über zweitausend Einwohner zählende Ort hat eine sehr schöne Lage, und man erhält daselbst die besten Seefische, Austern und Muscheltiere aus der ersten Hand, namentlich die _moules noirs_, die einen noch feineren Geschmack als die Austern haben und die man mit dem köstlichen Wein de la Malgue hinunterspült, womit man sich zur Not auf einen ganzen Tag begnügen kann, da sie sehr nahrhaft sind, ein äußerst billiges Mahl, das wenige Sous kostet. Übrigens kann man in der Provence und Languedoc sehr gut und dabei sehr billig leben, nur muß man sich vor Unmäßigkeit hüten und des Guten nicht zu viel tun wollen, was nur auf Kosten der Gesundheit geschehen kann und bittere Reue im Gefolge hat; alle Nahrungsmittel und Getränke sind hier vorzüglich kräftig und wohlschmeckend. Fleisch, Fische, Geflügel, Gemüse, Obst, Wein und Liköre, namentlich die letzteren aus den Fabriken von Montpellier, der Ratafia und Crême de Mokka genannt, verführen den Gaumen gar zu leicht.

In La Seine war ich bald mit den wenigen Honoratioren daselbst bekannt, namentlich in der Familie Guige, deren Haupt eine gute Anstellung und eine sehr liebenswürdige Tochter hatte, die mit einem Stabsoffizier, der bei dem Heer in Deutschland stand, versprochen und also Braut war; die Vermählung sollte gleich vor sich gehen, wenn die Truppen nach Frankreich zurückgekehrt sein würden, wozu aber damals noch wenig Aussicht war. Dieses Mädchen zählte ungefähr zweiundzwanzig Jahre und war über ihren langen Brautstand, von dem sie das Ende noch nicht absah, ziemlich ungeduldig; sie sang nicht übel und spielte zur Not etwas Klavier. Die Musik bahnte mir auch hier wieder den Weg zu einer intimeren Bekanntschaft, und manche Morgenstunde brachte ich musizierend mit der hübschen Marie zu, mit der ich die neuesten Gesänge und Romanzen durchging. Zwar war die Mama fast immer bei diesen musikalischen Morgenstunden zugegen, doch konnte sie nicht umhin, uns manchmal allein zu lassen, wo ich dann diese Augenblicke auf das beste benutzte, um in näheren Rapport mit der Braut zu kommen, und wir verstanden uns schnell. Eine Braut hatte immer etwas besonders Anziehendes für mich und war mir ein _morceau friand_, und gar zu gerne mochte ich den Bräutigams Nasen drehen, wenn ich es dahin bringen konnte. Mit dieser Familie machte ich auch mitunter Promenaden in der Nähe des Orts, wo wir mehr als einmal Gelegenheit fanden, uns, wenn es das Terrain erlaubte, auf einige Augenblicke unsichtbar zu machen, die wir dann gut zu benutzen wußten. Öfters fuhren wir auch in einem Boot nach Toulon, wo wir das Theater besuchten und nach demselben beim Mondschein oder auch in dichter Finsternis, wie es der Himmel eben wollte, heimkehrten. Einigemal traf es sich, daß sich während der Vorstellung Winde und Stürme erhoben hatten, so daß die Wellen in der Reede bei der Rückfahrt hoch gingen und wir ziemlich geschaukelt wurden. Dies war aber gerade das Angenehmste bei diesen Lustfahrten, denn je wilder die See ging und je finsterer die Nacht, desto höher wallte Mariechens Busen, die sich dann fester und fester an mich schmiegte und das Köpfchen auf meine Schulter legte, während ich sie mit dem einen Arm innig umschlang und die Hand des andern bald da, bald dort ruhte, oder je nach Umständen auch nicht ruhte; dabei trillerte ich die Melodie des Liedes: >Das waren mir selige Stunden.< Ich hatte Marien einigemal deutsche Lieder vorgesungen, und sie bekam Lust, diese _langue barbare_, wie sie sagte, zu lernen. Gerne verstand ich mich dazu, ihr Unterricht in derselben zu erteilen, aber sie konnte es nie weiter als zu Ja und Nein bringen; in anderen Dingen war sie weit gelehriger.

Als eines Tages eine Fregatte vom Stapel gelassen werden sollte, erhielt die Familie Guige eine Einladung zu dieser Feierlichkeit und lud mich ein, sie zu begleiten; der Schiffsbaumeister war ein naher Verwandter der Madame Guige. Wir fuhren am Morgen nach Toulon und bestiegen das Gerüst, auf dem sich die ganze beau monde der Stadt sowie das Offizierkorps der Marine und Landtruppen befand, die Festivität mit anzusehen. Die Admiralität, die Generalität, der See- und der Landpräfekt, der Hafenkommandant hatten für sich und ihre Angehörigen besondere schön ausgeschmückte Plätze. -- Als alle Arbeiter sowie die künftige Bemannung desselben auf dem Schiff und auf ihren Posten um dasselbe herum waren und das Zeichen zum Loslassen gegeben war, herrschte eine ängstliche Stille. Jetzt gab der Erbauer das Signal zum Abstoßen, und in einem Augenblick waren alle Seile und Taue, die es noch zurückhielten, zerhauen. Das Schiff setzte sich unter dem Schall der Musik, unter Jubel und Jauchzen der auf demselben befindlichen Mannschaft und vieler tausend Zuschauer in Bewegung, die mit jeder Sekunde rascher wurde, so daß bald Rauch und sogar Flammen unter demselben hervorbrachen, die aber, sobald das Fahrzeug das Wasser erreicht hatte, schnell gelöscht waren. Ein splendides Dejeuner _dansant_ beschloß die Feier, und die Fregatte war nun dem wilden Element, das es aus dem Bassin abgeholt, überliefert, um seine gefährliche und verhängnisvolle Laufbahn anzutreten, die so oft mit einer schrecklichen Katastrophe endigt.

Ein paar Tage später machten wir auch einen Besuch auf der Fregatte Müron, derselben, welche den General Bonaparte aus Ägypten zurückgebracht hatte und deren Kommandant ein Freund des Herrn Guige war, der uns viele Details über Napoleon während seiner Überfahrt mitteilte und uns so recht angenehm unterhielt.

Der Aufenthalt in La Seine, wo der Dienst, das Exerzieren ausgenommen, gar nichts heißen wollte, wurde mir durch die Freundlichkeit der Familie Guige sehr angenehm gemacht, und da Marie nicht nur sehr hübsch, sondern auch sehr geistreich und witzig war, so wurde mir ihr Umgang von Tag zu Tag lieber. Wir besuchten die Bastiden ihrer Bekannten in der Umgegend, wo ich in einer ein Bild fand, das einen fatalen Eindruck auf mich machte, den ich lange nicht loswerden konnte. Das Gemälde stellte nämlich gräßliche Schreckensszenen der furchtbaren Pest vor, die im Jahre 1721 hier und in Marseille wütete und die ein Matrose, der einen Ballen Seide aus der Quarantäne entwendet und heimlich nach Toulon eingeschmuggelt, in diese Stadt gebracht hatte. In weniger als sechs Monaten waren drei Vierteile der Einwohner von Toulon gestorben, so daß die meisten Häuser leer standen und lange unbewohnt blieben. Das Bild stellte Haufen verpesteter und schon in Fäulnis übergegangener Leichen dar, an denen die Pestbäulen mit ekelhafter Täuschung nachgemacht waren, so daß man sich die Nase zuhalten zu müssen glaubte, um den Gestank nicht zu riechen.

Ein andermal fuhren wir auf die naheliegende Insel Porquerolles, wo auch eine Kompagnie von unserem Bataillon detachiert war, um die auf der Insel liegenden Forts zu bewachen. Nachdem wir an das Ufer getreten, kamen wir durch ein kleines Lustwäldchen; als wir ungefähr in der Mitte desselben waren, hörten wir plötzlich ein freudiges Jauchzen und Vivatrufen, und bald darauf erblickten wir einen Haufen fröhlicher Menschen, die größtenteils in die Uniform unseres Regiments gekleidet waren, an deren Spitze der schon ziemlich bejahrte Hauptmann Gasqui, ein äußerst liebliches, höchstens siebzehn Jahre altes weibliches Wesen am Arm, marschierte. Es war seine junge Frau, mit der er soeben von der Trauung kam, die Tochter eines reformierten Stabsoffiziers, Luise von Argout. Mit der bezauberndsten Anmut schritt die junge Ehefrau an der Seite ihres beinahe fünfzigjährigen Gatten einher und wiegte ihr reizendes Lockenköpfchen auf einem blendend weißen Schwanenhals; Wuchs, Haltung und Gang schien den Grazien entlehnt, und es war ein Jammer, anzusehen, daß der alte Sünder einen solchen Engel heimführte und dabei eine dreifache Dummheit beging, denn erstens ist es allemal eine Dummheit, wenn ein Offizier heiratet, besonders in Kriegszeiten; doppelt ist sie, wenn er schon bei Jahren noch heiratet; und dreifach, wenn die Frau jung und schön ist, was hier alles der Fall war. Auch hatte Gasqui bald Gelegenheit, die begangene Torheit zu bereuen, wie wir später sehen werden und wozu auch ich mein Scherflein beitrug. -- Das Gefolge des zu der Hochzeitsfeier eilenden jungen Paares bestand aus mehreren Offizieren, Einwohnern, und einem Dutzend weißgekleideter Frauen und Mädchen, denen die halbe Kompagnie, ihrem Hauptmann beständig Vivats bringend, folgte. Wir bewillkommneten uns gegenseitig, ich brachte meine herzlichsten Glückwünsche dar und wurde mit meinen Begleitern von dem zur Hälfte alten, zur Hälfte jungen Ehepaare so dringend gebeten, die Hochzeit mit zu feiern, daß wir, ohne unhöflich zu sein, die Einladung unmöglich ausschlagen konnten. Tänze, Spiele und Schmausereien auf einem schönen grünen Platze der Insel, unter freiem Himmel, verherrlichten die eben geschlossene Verbindung, und wir hatten es nicht zu bereuen, die Einladung angenommen zu haben, da wir uns trefflich unterhielten, besonders bei den Kontretänzen, die bei dem Klange einer Violine und einer Klarinette aufgeführt wurden und bei denen ich bald die schöne junge Frau, bald Mariechen und andere hübsche Mädchen balancierte. Erst spät in der Nacht verließen wir die romantische Insel, nachdem wir, herzlich dankend, freundlichen Abschied von dem jungen Ehepaar genommen, und fuhren bei hellem Mondschein über die ganz ruhige Seefläche nach Hyères zurück; obgleich an Mariens Seite traulich sitzend, schwebte mir doch das Bild der jungen Frau beständig vor Augen. Was hätte ich hier nicht um das _droit du seigneur_ gegeben! Auch ich konnte die lebhafte Vorstellung, daß jetzt der alte Gasqui in all diesen Reizen schwelge, nicht aus meiner Einbildungskraft entfernen. Da ich während der Heimfahrt so ganz gegen meine Gewohnheit stille und einsilbig war, fragte mich Marie einigemal, was mir fehle. Ich schützte Müdigkeit und Kopfweh vor und ließ die Bilder auf der schönen Insel noch einmal vor meinen geschlossenen Augen in der Phantasie vorüberziehen. Am anderen Tag erhielten wir Marschorder und Befehl, Toulon zu verlassen, um es mit Genua zu vertauschen. Also nach Italien, dem Zauberland der Poesie und Romantik, das ich schon in frühester Kindheit zu sehen gewünscht und wohin die Sehnsucht durch Goethes und anderer Autoren Werke noch weit mehr in mir gesteigert wurde; denn Genua war mir vor allem durch Schillers Fiesko, eine meiner Lieblingsrollen, wert geworden. Obgleich es nur noch ein paar Tage bis zum Abmarsch waren, so konnte ich doch kaum diesen erwarten und brachte sie mit Abschiedsbesuchen in der Stadt und auf den Schiffen in der Reede, auf denen ich Bekannte und Freunde zählte, den letzten aber noch im Schoß der mir teuren Familie Guige zu, der ich so manche frohe Stunde zu verdanken hatte. Marie konnte ihre Tränen nicht unterdrücken, ich suchte sie zu trösten, versicherte ihr, daß, wenn ich eher Kapitän würde, als der Oberst, ihr bestimmter Bräutigam, zurückkäme, sie meine Frau werden müsse, versprach, sie nicht zu vergessen, und habe Wort gehalten, wie man sieht. Den Abend vor dem Abmarsch nahm ich mit einem langen Kuß Abschied von ihr; um vier Uhr des Morgens rappelierten die Tambours, wir marschierten an ihrem Hause vorüber, wo sie schon hinter dem Fenster stand und ich ihr noch einen letzten Kuß, den sie, so lange sie mich noch sehen konnte, erwiderte, zuwarf, auf das Marsfeld nach Toulon, wo wir uns mit dem Bataillon vereinigten und dann frohen Mutes den Marsch nach Italien antraten. --

XIV.

Marsch von Toulon nach Genua. -- Lüc. -- Frejus. -- Cannes. -- Die lerinischen Inseln. -- Madame Grenet. -- Nizza. -- Landsleute. -- Seefahrt von Nizza nach Genua. -- Finale. -- Savona. -- Der Anblick Genuas vom Golf aus gesehen.

Unser erstes Nachtquartier war das Städtchen Cüers, das etwa drei- bis viertausend Einwohner zählen mag. Den zweiten Tag kamen wir nach dem Flecken Pignans und den dritten nach Lüc, einer kleinen Stadt mit einem alten Schloß, die durch ihre herrlichen Maronenwälder bekannt ist, deren schöne Frucht hauptsächlich von den Pariser Konditoren gesucht wird und die Prunktafeln der Reichen daselbst schmückt. Von Lüc ging der Marsch nach Le Muy, einem großen Flecken, und von da nach Frejus, bekannt durch Napoleons Landung, als er von Ägypten zurückkam. Diese Stadt, die unter der Römerherrschaft sehr bedeutend war und ein Seearsenal hatte, vergrößerte und verschönerte Cäsar außerordentlich und nannte sie Forum Julii. Ihr Hafen war in gutem Stand; sie hatte ein Tor, welches man das goldene nannte, weil es mit Nägeln beschlagen war, deren Köpfe vergoldet waren und von dem noch Reste vorhanden sind. Der Hafen ist jetzt versandet und das Meer, welches früher die Stadtmauern bespülte, eine gute halbe Stunde davon entfernt. Hier schiffte sich 1814 der abgedankte Kaiser nach seinem bescheidenen Reich, der Insel Elba, ein. Der Hintergrund des Golfs von Frejus bietet einen schönen Anblick und ist mit Pomeranzen-, Limonen- und Granatbäumen übersät. Man findet hier sogar mehrere Edelsteine, namentlich Amethyste und weißen und roten Jaspis im Überfluß. Von Frejus marschierten wir nach dem Seestädtchen Cannes, das an einem steilen Abhang, auf dessen Höhe ein altes Schloß liegt, gelegen ist und herrliche Umgebungen hat. Neben Oliven sind seine Sardellen als vorzüglich bekannt und machen einen wichtigen Handelsgegenstand der Stadt aus, da von diesen in günstigen Jahren bis zweitausend Zentner versandt werden. Ihr Fang wird auf folgende Art bewerkstelligt. Sobald es Nacht geworden, zünden die Schiffer auf ihren Barken ein helloderndes Feuer mitten auf der See an, das die kleinen Silberfische herbeilockt, die man dann zu Tausenden in den Netzen fängt.

Cannes gegenüber liegen die lerinischen Inseln, ganz nahe an der Küste; die größte derselben, St. Marguerite, ist keine zweitausend Fuß entfernt und hat ein Fort, in welchem unter Ludwig XIV. der Mann mit der eisernen Maske gefangen saß, der für jeden, der Richelieus Memoiren mit Aufmerksamkeit gelesen hat, kein Geheimnis mehr ist. Auf der zweiten dieser Inseln, St. Honorat, war ein sehr berühmtes Kloster, das der heilige Honorat im Jahr 410 stiftete. Andreas Doria nahm diese Inseln im Jahr 1536 weg, und die Spanier bemächtigten sich 1635 derselben. In Gesellschaft einiger Kameraden und eines Einwohners von Cannes fuhr ich gegen Abend in einer Barke diesen Inseln zu, wo wir die sich zu einem Staatsgefängnisse allerdings vortrefflich eignende Zitadelle in Augenschein nahmen. Man zeigte uns das stark vergitterte Fenster, hinter welchem der unglückliche Bruder Ludwig XIV. saß. Zu Cannes landete Napoleon den 1. März 1815, von Elba zurückkehrend, um noch einmal Europa auf kurze Zeit in Alarm und Unruhe zu setzen, den Wiener Kongreß zu beendigen und dann zu St. Helena jämmerlich klein zu enden.

Von Cannes nach Nizza, wohin wir den nächsten Tag marschierten, bietet der Weg nichts Bemerkenswertes; zur Linken meistens Berge, zur Rechten das Meer, an dessen Ufern viele große, wildwachsende Aloestauden stehen. Gleich nach unserem Ausmarsch begegneten wir etwa einem Dutzend ganz schwarzer Schweine, die von mehreren Treibern begleitet waren, welche ihnen Säcke mit Eicheln nachtrugen und sie auf die Felder jagten. Zu meinem größten Erstaunen hörte ich, daß dieses abgerichtete Trüffelschweine seien, die man hier wie bei uns die Hunde abrichtet, diesen Leckerbissen schnüffelnd mit ihren Rüsseln unter dem Boden hervorzuwühlen; da aber die gefräßigen Tiere diese köstlichen Knollen, des Sprichworts eingedenk: >Jeder ist sich selbst der Nächste<, sobald sie dieselben gewahren, verzehren würden, so wirft man ihnen schnell einen Haufen Eicheln hin, über den sie nun herfallen, die Trüffeln im Stiche lassend, welche die Treiber dann vollends ausgraben.

Auf diesem Marsch hatte ich die Arrieregarde des Bataillons kommandiert, mit welcher Madame Grenet, die Gattin meines Kapitäns, eine allerliebste junge Frau, erst zwei Jahre verheiratet, in ihrer Reisekalesche fuhr. Neben dem Wagen hergehend, unterhielt ich mich recht angenehm mit ihr, so daß mir der Marsch fast zu kurz vorkam. Bei dem Halten frühstückte ich mit der Dame köstlichen Thunfisch, den sie mitgebracht hatte und den man in dieser Gegend ganz vortrefflich findet, dafür braute ich ihr ein Getränk aus süßen Pomeranzen und Muskatwein, eine Art Orangeade, die sehr erfrischend und stärkend ist. Madame Grenet hatte die Güte, mir nun einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, den ich auf ein paar Stunden annahm und so hinter meiner Arrieregarde herfuhr. Sie teilte mir mit, daß sie sich zu Nizza, von wo der Weg über sehr steile Gebirge, die Meeralpen, gehe, samt ihrem Wagen einschiffen und von da aus den Weg bis Genua zur See machen werde. Da ich wußte, daß auch die Armatur und das Gepäck des Bataillons daselbst unter dem Kommando eines Offiziers und einiger Mannschaft ebenfalls eingeschifft werden sollte, so sagte ich der freundlichen Dame, daß ich den Bataillonschef um dieses Kommando bitten wolle, was mir Düret wohl zugestehen würde. Sie lächelte und meinte: »Dann bleibe ich unter Ihrem Schutz.«

»Den ich Ihnen gewiß auf das kräftigste angedeihen lassen werde,« erwiderte ich, ihre Hand küssend.

Vor der Etappenstadt stieg ich aus dem Wagen, Madame Grenet für die gehabte Güte dankend, und führte mein Kommando unter Trommelschlag auf den großen, mit Arkaden umgebenen Napoleonsplatz zu Nizza, dessen sämtliche Gebäude von ganz gleicher Bauart, Farbe und Höhe waren, so daß man sich eher in einem ungeheuren Schloßhof, als auf einem öffentlichen Platz glaubte. Nachdem ich die Bagagewagen der neuen Wache übergeben und die Leute entlassen hatte, suchte ich mein Quartier auf, das mir der Zufall wieder bei der jungen Strohwitwe eines sich in Mailand befindenden Armeebeamten, einer Piemonteserin aus Turin, bescherte, die aber leider kein Wort Französisch, während ich noch kein italienisches konnte. Ich bekam sie auch erst später zu sehen, da mir in Abwesenheit der Gebieterin eine Zofe das Billett abnahm.

Ob ich gleich mehrere Tage in Nizza verweilte, so wurde ich doch wenig mit den Schönheiten und Reizen der Umgegend bekannt, von denen so manche Reisenden mit Entzücken phantasieren, ich war vielleicht auch noch ein gar zu prosaisches Menschenkind, und zudem waren meine Gedanken mit meiner hübschen Hauptmannsfrau zu sehr beschäftigt, als daß ich den Naturschönheiten so viel Aufmerksamkeit hätte schenken können; nur die sich gegen Norden erhebenden Gebirgsterrassen, aus vier übereinander ragenden Bergen bestehend, machten durch ihr imposantes Ansehen einigen Eindruck auf mich.