Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 23

Chapter 233,603 wordsPublic domain

So lebte ich denn noch einige Zeit so ziemlich sorglos und unbekümmert, obgleich in Ungnade gefallen, in den Tag hinein, versah meinen Dienst, bezahlte aber meine meisten Wachen, ausgenommen die, welche mich an den Justizpalast kommandierten, wo ich mich amüsierte, weil ich dann immer den öffentlichen Verhandlungen der Tribunale beiwohnte, die oft im höchsten Grad unterhaltend und komisch waren, besonders wenn sie Ehestandszwistigkeiten, Liebesintrigen und so weiter betrafen, wo dann jedesmal die Frauen die große Mehrzahl des Auditoriums ausmachten und sich desto besser unterhielten, je größer der Skandal war, auch ihre Gesichter eine ungeheure Heiterkeit überzog. Aber bald wurde ich durch ein Ungewitter, das sich über meinem Haupt zusammenzog und plötzlich losbrach, an dem ich freilich zum Teil selbst große Schuld trug, aus meinem Schlaraffenleben aufgeschreckt. Ein berühmter Sänger von der _Academie imperiale_ in Paris gastierte hier, und solange er weilte, wurden nur Opern aufgeführt, während das Schauspiel unterdessen Vorstellungen zu Cette gab. Seine Durchlaucht war noch immer mit der Verteuil liiert, während ich jetzt einer jungen, aber recht hübschen Novize, die sich erst seit kurzem Thaliens Dienst gewidmet, den Hof machte. Demoiselle Angely hatte ein allerliebstes Stumpfnäschen _à la Roxellane_, war dabei ein sehr ausgelassenes, wildes und naseweises Ding, das seine Launen hatte, die Spröde spielte, aber für die Soubretten im Lustspiel ganz geschaffen war. Wenn ich glaubte, sie endlich ganz gewiß festzuhalten, war sie mir wieder entschlüpft, und schon öfters hatte ich bis Mitternacht bei ihr zugebracht, ohne etwas mehr als einige Küsse, und diese nur sparsam, erlangen zu können. Jedesmal ging ich verdrießlich mit leeren Versprechungen, die sie mir nebst einem Kuß beim Abschied für den folgenden Abend gab, und nie hielt, von ihr weg, mir vornehmend, das eigensinnige Mädchen ganz aufzugeben; diesen Vorsatz führte ich auch immer mit großer Festigkeit bis zum nächsten Abend aus, wo ich dann wieder das alte Spiel von neuem mit ebenso geringem Erfolg begann, mich über mich selbst ärgernd, eine solche Schmachtfahne geworden zu sein, und mich obendrein noch so an der Nase herumführen zu lassen. Endlich versprach mir Brigitte Angely, im Begriff auf mehrere Tage mit dem Schauspiel nach Cette zu fahren, daß, wenn ich sie dort besuchen wolle, sie mich gewiß erhören würde. Da ich ihr nicht traute, so sagte ich sehr ernst: »Ich will nicht hoffen, daß Sie mich wieder zum besten haben und mich vergeblich nach Cette sprengen wollen, was böses Blut setzen könnte.« Mit einem, durch einen feurigen Kuß besiegelten: »Nein, gewiß nicht!« beteuerte sie dieses, und ich dachte, es ist eine von den närrischen Launen des Mädchens, daß sie mich nur in Cette und nicht in Montpellier beglücken wolle, warum, das mögen die Götter wissen, und versprach ihr, schon den kommenden Tag zu folgen. Nach der Parade bat ich meinen Kapitän um zwei Tage Urlaub, die er mir auch gewährte, doch dabei bemerkte, daß es auch der Einwilligung des Fürsten bedürfe, wie ich wohl wisse, die er aber selbst einholen wolle. Seine Durchlaucht lagen aber gerade diesen Tag wieder an ihrem alten Übel, dem Podagra, darnieder, Saint Jüste wurde nicht vorgelassen, hatte mein Anliegen dem Kammerdiener mitgeteilt, der ihm die Antwort brachte, der Fürst könne sich in diesem Augenblick nicht mit Dienstsachen befassen, er würde später darüber Bescheid geben. Am folgenden Tage, an dem ich Brigitten nach Cette zu kommen versprochen, war noch nichts entschieden, der Fürst kam nicht zur Parade, ich hatte mir schon ein Pferd gemietet, bat meinen Sergeant-Major, daß, wenn ich bei den Appellen fehlen würde, er sagen möge, daß ich mich krank gemeldet habe, was er mir versprach. Ich ritt nun in gestrecktem Trabe nach Cette, wo ich jetzt das Meer in seiner unendlich scheinenden Unermeßlichkeit zum erstenmal ganz in der Nähe bewunderte und dann die Angely aufsuchte, die zu meinem Erstaunen sich mit der Verteuil in derselben Wohnung, und zwar so eingemietet hatte, daß beide in demselben Zimmer schliefen, worüber ich ihr während der Vorstellung Vorwürfe hinter den Kulissen machte, die sie aber mit einem: »Was tut das, lassen Sie mich nur machen« beantwortete. Wir soupierten nun _à trois_, die Verteuil schien von der besten Laune beseelt, welche spanische Feuerweine noch vermehrten, und machte Witze auf Kosten des Fürsten Y. Nach dem Souper schlug sie vor, die herrliche stille Mondnacht zu einer kleinen Spazierfahrt auf der See zu benutzen, was mir, der ich noch nie auf dem Meere gefahren, ganz willkommen war. Wir suchten einen Schiffer an dem Hafen auf, der uns mit einem Gehilfen in die gerade ganz spiegelglatte See, wie sie nur am Mittelländischen Meer zu finden ist, und in welcher die silbernen Mondstrahlen sich herrlich spiegelten, eine ziemliche Strecke fuhr. Die ganze Natur war so still und ruhig, daß es uns schien, als seien wir die einzigen lebenden Wesen in derselben, man hörte kein anderes Geräusch als das Niederschlagen der beiden Ruder unserer Barke. Brigitte wurde ganz gegen ihre Gewohnheit ernst und stille, sprach wenig, seufzte sogar bisweilen, und schmiegte sich fest an mich, während ich sie mit dem linken Arm umschlang. Die Verteuil lächelte etwas ironisch und fragte die Ruderer, ob sie kein languedozisches Lied zu singen wüßten, was diese bejahten und gleich das in dieser Gegend so beliebte >_La Nisada d'amour_<, das mit den Worten: >_Connonyssés la bella Liseta_< beginnt, anstimmten. Nach einer guten halben Stunde fuhren wir wieder ans Land und begaben uns in unsere Wohnung zurück, wo sich die Verteuil in das eine Bett und die Angely in das andere, in einem Alkoven stehende verfügte, während ich mich angekleidet auf eine Ottomane warf, als aber die Lichter gelöscht waren, in den Alkoven schlich, wo man mich mit offenen Armen, jedoch ganz leise ein »Pst, Pst!« lispelnd, empfing. Erst als es zu spät war, erkannte ich, daß es die Verteuil war, die ich umschlungen hatte, ließ aber nicht merken, daß ich den Betrug entdeckt, und schlich mich nach Mitternacht, als ich sie eingeschlafen glaubte, davon und an das andere Bett, dessen Inhalt gleichfalls schlief, und den ich mit Küssen bedeckte, auch schlaftrunken wieder geküßt ward und endlich wahrnahm, daß es -- wieder die Verteuil war, die ich umarmte. Es war, wie ich nun wohl einsah, eine abgekartete Sache zwischen den Damen, mich so zu foppen, aber ich nahm mir fest vor, die schelmische Brigitte dafür _à tout prix_ zu bestrafen, ging gegen Morgen auf mein Zimmer, das Gemach der Aktricen verschließend und den Schlüssel zu mir steckend. Angekleidet warf ich mich nun auf mein Bett, schlief bald ein und -- verschlief den halben Morgen, denn ich bedurfte der Ruhe. Als ich erwachte und nach der Uhr sah, die schon zehn zeigte, fiel es mir heiß ein, daß ich eigentlich ohne Urlaub von Montpellier fort sei und mir dies einen schlimmen Handel bei der ungnädigen Stimmung des Fürsten gegen mich zuziehen könne, wenn es an den Tag käme, daß ich die Nacht in Cette zugebracht. Ich ließ also eilig mein Pferd satteln und jagte, ohne Abschied von den noch Eingesperrten zu nehmen und den Schlüssel ihres Gemachs bei mir behaltend, _ventre à terre_ nach Montpellier, um womöglich noch zu rechter Zeit zur Parade einzutreffen; aber ich hatte mich verrechnet, der elende Mietgaul hielt das tolle Rennen nicht aus und stürzte, als ich noch nicht den halben Weg zurückgelegt hatte, keuchend unter mir zusammen. Ich raffte mich und dann die Mähre nicht ohne große Mühe auf, führte sie im langsamen Schritt, jeden Augenblick fürchtend, daß sie auf der Stelle liegen bleiben würde, bis zum nächsten Dorf, wo ich mir so schnell als möglich einen Karren verschaffte und auf diesem den Rest des Wegs, wenn auch _à forçe des pourboires_, ziemlich rasch, doch immer noch viel zu langsam, zurücklegte, denn als ich zu Montpellier ankam, war die Parade längst vorüber und alle Donner gegen mich losgelassen; der erboste Fürst wähnte nicht anders, als ich sei der Verteuil zu Gefallen nach Cette, weshalb er auch Saint Jüste so abfertigen ließ, als dieser Urlaub für mich begehrte. Fürst Y. hatte wenigstens insofern recht, als sie ganz gegen meinen Willen und mein Wissen in meinen Armen eine Untreue gegen ihn beging. Als ich in meiner Wohnung ankam, erfuhr ich von meinen Wirtinnen, daß schon dreimal ein Unteroffizier nach mir gefragt und zuletzt mein Kapitän selbst gekommen sei, sich nach mir zu erkundigen, und daß er, als man ihm gesagt, daß man mich seit dem gestrigen Mittag nicht gesehen, geäußert habe: »Das wird eine saubere Geschichte werden.« Dies waren böse Omen; ich ging nun sogleich in die Kaserne zu meinem Sergeant-Major, von dem ich erfuhr, daß er Ordre habe, mich sofort nach meiner Ankunft in den _Salle de police_ der Unteroffiziere zu bringen, was er auch vollzog, und wohin ich ihm, meinen Degen abschnallend, ganz geduldig folgte. Ich traf dort ein halbes Dutzend Kameraden, unter denen noch zwei Kadetten für Disziplinarvergehen verhaftet waren, welchen ich sogleich die _bien venue_ spenden mußte. Bald darauf erschien auch mein Kapitän, der mich beiseite nahm und mir verkündete, der Fürst sei im höchsten Grad aufgebracht gegen mich, denn er wisse, daß ich ohne Urlaub mit der Verteuil nach Cette gefahren, daß ich bei den Appellen und der Parade gefehlt und mich habe krank melden lassen, während ich _des parties de plaisir_ mit Aktricen ausgeführt, und ich müsse mich auf seinen ganzen Zorn gefaßt machen, was ich in der Erwartung der Dinge, die da kommen würden, tat. Am andern Morgen brachte mir der Fourier der Kompagnie das Ordrebuch, in welchem ich las: >Der Kadett Fröhlich ist seines Grades als Sergeant verlustig und bis auf weitere Ordre wegen vierundzwanzigstündiger unerlaubter Entfernung aus der Garnison und Dienstvernachlässigung in strengem Arrest zu behalten.< Wäre ich noch zur Parade eingetroffen, so hätte der Fürst von meiner Abwesenheit nichts erfahren, aber als ich da fehlte, schickte er ein- über das anderemal in mein Quartier. Ist der Teufel einmal los, so ist er es auch gewöhnlich in allen Ecken. Jetzt meldete sich auch der Eigentümer des Pferdes, das ich gemietet hatte, und das ihm der Bauer zugeführt, dem ich diesen Auftrag nebst sechs Livres gegeben, und verlangte nicht weniger als sechshundert Franken für den Gaul, den man ihm ganz unbrauchbar und halb tot zurückgebracht habe. Er war zu meinem Kapitän gegangen, der mir riet, die Sache gütlich mit ihm abzumachen, damit das Feuer nicht noch mehr geschürt würde; ich schrieb nun an die Herren Michel und Gayral, an die ich empfohlen war, dieselben bittend, diese Sache aufs beste zu arrangieren, und sie fanden sich mit der Hälfte der Summe, die er gefordert hatte, mit dreihundert Franken, mit dem Spitzbuben ab. Das Pferd war keine hundert wert. Aber, was noch das ärgste war: der Fürst schrieb oder ließ an meine Eltern schreiben und malte diesen ein schreckliches Bild von meiner Aufführung aus, machte ihnen Vorwürfe, daß sie mir so viel Geld zukommen ließen, denn ich vertue dreimal mehr, als die Gage eines Kapitäns erster Klasse betrage, meine Konduite sei dabei abscheulich (nicht abscheulicher war sie als die Seiner Durchlaucht selbst, oder noch viel weniger abscheulich), ich versäume den Dienst und so weiter. Hieran erhielt ich sehr bald ein nicht minder fulminantes Schreiben von Haus, in dem man mir mein Betragen vorwarf und mir ankündigte, ich habe mich in Zukunft mit der mir bewilligten Zulage von hundert Franken monatlich zu begnügen und man werde Ordres an die Bankiers geben, daß mir keiner etwas darüber auszahlen dürfe, ich solle mein ausschweifendes Leben einstellen, sonst würde man ganz seine Hand von mir abziehen und so weiter. In Frankfurt hatte man die Sache noch weit mehr ausgeschmückt und vergrößert, da war ich kassiert und Gott weiß was alles worden, während das Abnehmen eines Unteroffiziergrades, oder Zurücksetzung um einen Grad, oder Suspension eine sehr gewöhnliche Disziplinarstrafe bei den Franzosen und besonders in unserm Regiment war, wo dies oft sogar von den Kapitäns, oder doch auf deren Antrag geschah. Ich beantwortete den Brief meines Vaters so gut ich vermochte, ihm die Sache mit Auslassung gewisser Punkte auseinandersetzend. Vierzehn Tage waren schon beinahe verflossen und ich noch immer im Arrest, ohne zu wissen, was am Ende daraus werden solle. Fürst Y. war bereits wieder nach Paris und von da mit Urlaub nach Deutschland gereist, und das Regiment sollte ihn nicht wieder zu sehen bekommen, als eines Morgens mein Bataillonschef Düret in das Arrestzimmer trat und mich mit lachender Miene fragte: »_Eh bien en avez -- vous assez?_« Ein Seufzer war meine Antwort. Er nahm nun ein Papier aus einem Portefeuille und übergab es mir mit den Worten: »_Tenez lisez, cela vous consolera._« Ich öffnete es, es war meine Ernennung zum Unterleutnant, die ich mit Staunen las. »Sie können von Glück sagen,« fuhr Düret fort, »denn wären Sie nicht schon vor einigen Monaten vom Fürsten vorgeschlagen worden, jetzt würde es sicher nicht so bald geschehen.« Diese Nachricht erfüllte mich auf einmal wieder mit Freude und frohen Hoffnungen, ich verließ mit Düret den _Salle de police_, war frei und Offizier nach wenig Monaten Dienst, und eilte in meine Wohnung, wo mich meine hübschen Wirtinnen recht freundlich mahnend empfingen, indem sie sagten: »Dies sind die Folgen, wenn man das _mauvais sujet_ mit Aktricen macht.« Ich schrieb jetzt schnell die gute Nachricht nach Haus, ließ mir ein paar Epauletten von dem Kapitän d'Habillement geben, und den andern Tag rückte das Regiment aus, dem ich mit noch vier andern Kadetten, unter denen auch Prinz Santa-Croce, die ebenfalls zu Offizieren avanciert waren, >_au nom de S. M. l'Empereur et roi Napoleon I._< unter dem Wirbeln der Tambours und dem klingenden Spiel der Musik als Offizier vorgestellt, von dem Bataillonschef und meinen Kameraden umarmt wurde; ich wähnte nun einen Riesenschritt zum Marschallsstab getan zu haben. Omeara, der nach der Abreise des Fürsten die Funktionen des Obersten versah, lud uns zu einem Diner ein, ebenso General Quesnel, an den ich mir schon vorgenommen hatte zu schreiben, um ihn um Befreiung aus meinem Arrest zu bitten, aber so war es besser. Auch die beiden Damen, die an der ganzen Geschichte schuld waren, suchte ich gleich auf, um mich ihnen als Offizier zu präsentieren, wurde aber von diesen mit Vorwürfen empfangen, weil ich sie eingesperrt, ohne Abschied verlassen und sogar den Zimmerschlüssel mitgenommen habe, weshalb sie die Probe versäumt und einen Schlosser hätten müssen kommen lassen, sie zu befreien; es sei mir daher ganz recht geschehen, daß ich gestraft worden, denn auch sie hätten wegen der Versäumnis Strafe zahlen müssen. Ich aber stopfte Brigitten den Mund mit Küssen, sagte ihr, daß sie wohl wissen müsse, daß sie noch in großer Schuld bei mir stünde, und ich auf Berichtigung dränge. Alle ausgestandenen Leiden waren jetzt rein vergessen, aber das lange Einsetzen ohne Bewegung hatte doch meine Gesundheit angegriffen, und ich machte eine nicht ganz unbedeutende Krankheit durch, während welcher mich meine gutmütigen Wirtinnen recht sorgsam pflegten.

Kaum war ich genesen, erhielt das Regiment Marschordre, und zwar so, daß das erste und zweite Bataillon nach Toulon und die beiden andern nach Marseille gewiesen wurden. Den Tag vor unserm Abmarsch erreichte ich noch meinen Zweck bei der Angely, halb durch Überrumpelung, halb durch Überredung, auch sagte sie mir, daß sie bereits mit dem Direktor des Theaters zu Toulon in Unterhandlung stehe, dort ein vorteilhaftes Engagement zu erhalten hoffe, und gab mir deshalb ein Schreiben an denselben mit, mich bittend, mich in Toulon für ihre Angelegenheiten zu interessieren, was ich versprach. Es war vielleicht mit ein Grund ihrer endlichen Ergebung. Den andern Morgen marschierte ich mit dem Bataillon nach Toulon ab.

Wir kamen wieder über Lünel, Nimes, bis Tarascon zurück und den vierten Tag in Saint Remy an. An römischen Altertümern fehlte es hier so wenig, wie in der ganzen Gegend. Ein halb in Ruinen vor der Stadt liegender Triumphbogen, ein noch gut erhaltenes Mausoleum, fünfzig Fuß hoch, dessen Basreliefs meisterhaft dargestellte Schlachtstücke bilden, sind die bemerkenswertesten, auch viele römische Münzen, Urnen und so weiter werden fortwährend hier gefunden. Saint Remy ist die Vaterstadt des berühmten Astrologen und Leibarztes Karl IV., Nostradamus, dessen Prophezeiungen noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei Galeerenstrafe und Bann verboten waren, weil er den Untergang des Papstes geweissagt hatte; aber gerade das vom Heiligen Stuhl neuerdings ausgegangene Verbot machte die Leute wieder auf dieses Werk aufmerksam, von dem ein Exemplar sogar für zweitausend Livres verkauft wurde. Von Saint Remy marschierten wir in das kleine Städtchen Orgon; die nächste Etappe nach dem Städtchen Lambeß war nicht von Bedeutung, auf diese aber folgte Aix, das alte _Aquae Sextiae_. Aix war die erste Kolonie in dem römischen Gallien. Zur Zeit Karl Martels von den Arabern verwüstet, aber von den Grafen der Provence wieder hergestellt, war sie im Mittelalter deren Hauptstadt. Diese hielten hier einen glänzenden Hof, an dem sich die berühmtesten Troubadours befanden. Unter René, der den Titel eines Königs von Jerusalem und Sizilien führte, und 1480 als Graf von Provence starb, blühten Wissenschaften und Künste aufs höchste in Aix; er war es auch, der die hiesige so berühmte und berüchtigte Fronleichnamsprozession einführte, die eine der seltsamsten Merkwürdigkeiten dieser Stadt ist. Die Teufel und heidnischen Gottheiten spielen dabei eine große Rolle. Das ganze soll den Sieg des Christentums über das Heidentum darstellen, dessen letzter Tag gekommen ist, und das vor der aufgehenden Sonne gleich der Finsternis der Nacht verschwindet. Das Fest beginnt schon mit dem Sonntag Trinitatis und dauert mehrere Tage. Der ganze Olymp und die halbe Hölle figurieren bei diesem religiösen Mummenspiel. Ein alter Küster übernimmt gewöhnlich die Rolle des Zeus und hat ein Bündel Blitze von Goldpapier in den Händen; seine Gattin, die Frau Juno, ist ein derber Bäckergeselle; die Venus stellt meistens ein klapperdürres Schneiderlein und den Vulkan ein rußiger Fleischer dar; ein dicker Fleischersjunge macht den Schalk Amor und führt statt der Pfeile ein blankes Schlachtmesser; die keusche Diana ist nicht selten ein rauhbärtiger Matrose und Mars ein invalider Krieger und so weiter. Abends gegen zehn Uhr verlassen sämtliche Götter ihren Olymp, das heißt, das Rathaus, auf dem sie sich versammelten, und ziehen nun beim Fackelschein mit Pauken und Trompeten, Zimbeln und Trommeln durch alle Hauptstraßen der Stadt. Diesen Götterzug verkündigt eine zu Pferde vorausreitende Fama, der Merkur, Pluto, Proserpina, Momus, Charon und drei Höllenrichter, sämtlich beritten, folgen; nach ihnen kommt der christliche Fürst der Finsternis mit ein paar Dutzend christlicher Teufel, dann kommen Furien, Hexen, Faunen, Nymphen und so weiter, alles durcheinander, die beim Klang der Schalmeien, Sackpfeifen und Basquen tanzen. Bacchus sitzt auf einem ungeheuern Faß, Mars und Minerva, Apoll und Diana, Vesta und Cybele und so weiter reiten phantastisch geschmückte Rosse, während Ihre Majestäten Jupiter und Juno, von der Frau Venus und ihrem Söhnchen begleitet, in einem vergoldeten, mit vielen bunten Laternen erleuchteten Wagen fahren. Die unseligen Parzen auf rabenschwarzen Tieren, und Tambourin spielende und dabei tanzende Höllengeister schließen den Zug.

Am Morgen des Fronleichnamsfestes versammeln sich in aller Frühe die zum biblischen Zuge gehörigen Personen. Ein König, im Kostüm des Kreuzkönigs der Spielkarten, erscheint an der Spitze von einem Dutzend großer, hochgehörnter und langgeschwänzter Teufel. Vier Teufelchen folgen, Bocksprünge machend, einem Engel, der eine gerettete Seele an der Hand führt, dann kommt das goldene Kalb, durch eine mit Goldpapier geschmückte große Katze vorgestellt, ihm folgt ein zweigehörnter Moses mit den Gesetztafeln, Aaron, die Königin Saba und Herodes mit einem Trupp von mehr als hundert weißgekleideten Kindern, welche von Zeit zu Zeit durch mit Keulen von Pappendeckeln oder Beilen von Blech bewaffnete, blutrot gekleidete Henker niedergeworfen werden und sich dann im Kot oder Staub, je nachdem das Wetter ist, heulend und winselnd wälzen; auch wird sogar auf sie geschossen. Petrus, Judas, Johannes der Täufer im Schafspelz und Christus unter dem Kreuz keuchend, die Schächer und Pharisäer und Pontius Pilatus fehlen nicht. Diesen Zug, der sich nach beendigter Messe aus der Hauptkirche durch die Stadt bewegt, schließt ein lebendig Toter, in ein Leichengewand gehüllt, eine Sanduhr auf dem Haupt und eine Riesensense von blankem Blech in der Hand. Die Teufel werden beständig mit Weihwasser besprengt, damit sich der wirkliche Teufel, Satanas selbst, nicht unter sie mischen kann, wie sich dies einmal zugetragen haben soll; auch einige Teufelinnen befinden sich bei der Prozession, und alle sind mit Schellen behangen. Wenn der vom Teufel verfolgte König aus der Kirche tritt, fallen sie über ihn her, stoßen und stechen ihn mit Mistgabeln oder Spießen, Seine Majestät schlägt aber mit einem großen Szepter wütend um sich und versetzt den Gehörnten eins, wo und wie er kann. Auch die arme Seele hat viel von den kleinen Teufelchen zu leiden, die sie fortwährend zu haschen suchen, aber der mit einem gelbblechernen Heiligenschein und goldenen Flügeln geschmückte Engel nimmt sie in Schutz, wobei er doch manchen derben Schlag von den Teufeln erwischt. Das ganze Fest endigte mit Spiel und Tanz; ein Teufelstanz, ein Tanz der Aussätzigen, einer von gräßlichen Ungeheuern, halb Menschen, halb Pferde von Pappe, vermutlich Zentauren vorstellend, wurde dabei aufgeführt. Während der Revolution und der Republik (von 1790 bis 1803) unterblieben diese grotesken Feierlichkeiten, aber als die christliche Religion wieder Mode in Frankreich ward, wurden auch sie wieder mit erneuertem Glanz und großem Aufwand fortgesetzt, wie ich später zu sehen Gelegenheit hatte.

In Toulon galt mein erster Weg dem Zeughaus. Dies ist wieder ein für sich bestehendes Ganzes, das in vielen Abteilungen und Magazinen alle ganz fertigen Gegenstände aufbewahrt, die zur Armierung eines Kriegsschiffes jeder Größe nötig sind. Da sieht man einen Artilleriepark von tausend Schiffskanonen zwischen kolossalen Pyramiden aus den vertilgendsten Materialien erbaut, nämlich Kugeln, Kettenkugeln, Bomben und Granaten von jedem Kaliber, zwischen Reihen von Kanonen, Feldschlangen, Karthaunen, Mörsern und Haubitzen, die in unabsehbaren Linien aufgeschichtet sind. In den Waffen- und Rüstsälen sind unzählige Flinten, Musketen, Karabiner, Säbel, Spieße, Pistolen, Dolche und so weiter, welche oft die zierlichsten und seltsamsten Figuren, wie große Blumenvasen, Weinstöcke, deren Trauben Kartätschen sind, und so weiter bilden, aufgestellt. Im Modellsaal ist eine vollständige Sammlung von Modellen aller möglichen Schiffe, von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten, von dem aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestehenden Kahn des Wilden an, bis zu dem mit allem Luxus und aller Kunst ausgerüsteten Admiralschiff von hundertundzwanzig Kanonen, ebenso Flöße, Maschinenwerke und so weiter.