Part 22
Die beiden ersten Tage hatte ich mich in ein Hotel logiert, suchte mir aber schon am zweiten eine passende Privatwohnung, die ich auch bald in der Nähe des Theaters und der Esplanade bei ein paar liebenswürdigen Frauen fand, von denen die eine an einen bei den Armeen in Deutschland angestellten Kommissär verheiratet, und die andere, ihre Schwester, noch unverheiratet war; bei dieser Wohnung befand sich ein hübscher Garten mit einem sehr eleganten Pavillon, der in dessen Mitte, von Zypressen umgeben, lag. -- Ich erhielt ein elegant möbliertes Wohnzimmer und ebensolches Schlafkabinett, das in den Garten ging, für vierzig Franken monatlich. Auch für Montpellier hatte ich Empfehlungsschreiben an das Haus Michel und Gayral bald nach unserer Ankunft daselbst von meinem Vater erhalten und wurde von demselben mit zuvorkommender Artigkeit empfangen. -- Ich besuchte schon den zweiten Abend das Theater, ein Vergnügen, das ich seit Lyon zu meinem Leidwesen entbehrte, da in Avignon während unseres Aufenthaltes nicht gespielt wurde, und fand die Oper wenigstens leidlich, das Lust- und Schauspiel aber ziemlich gut besetzt; besonders war es eine Aktrice, Demoiselle Verteuil, die zum Entzücken spielte, und deren Äußeres ganz mit dem Spiel harmonierte. Es war Molières >Tartüffe<, den ich zuerst hier sah und der sehr gut gegeben wurde. Die Vorstellung hatte ein glänzendes Publikum, das ganze Offizierskorps samt dem Fürsten Y., der erst hier wieder zu dem Regiment gestoßen war, da er, als wir von Toul abmarschierten, abermals einen Abstecher nach Paris gemacht hatte, wohnte derselben bei. Die Offiziere mußten sich nun für ein Lumpengeld, einen Tag der monatlichen Gage, per Monat abonnieren, die Kadetten bezahlten für Unterleutnantsgage. -- Auch die Damen von Montpellier hatten sich diesen Abend in der glänzendsten Toilette eingefunden und schmückte die Logenreihen auf das eleganteste. Ich war von dieser Vorstellung in jeder Hinsicht so enchantiert, daß ich mir vornahm, mich möglichst schnell in der hiesigen schönen Welt zu orientieren, und um dies zu können, auf folgendes Mittel fiel, das sich als vollkommen bewährt erfand. Ich ließ nämlich gleich den andern Morgen den Friseur der Stadt holen, der in derselben an der Tagesordnung, das heißt in der Mode war, empfing ihn sehr artig, ihn bittend, mir doch die Haare nach dem neuen Pariser Schnitt zuzuschneiden, mich nebenbei _au fait_ der städtischen Angelegenheiten, das heißt der schönen Damenwelt, zu setzen, und mit dem Treiben der eleganten Welt und der _Chronique scandaleuse_ bekannt zu machen. Dabei spielte ich mit einem Sechs-Livretaler zwischen den Fingern, was dem Haarkünstler, der, wie alle seines Handwerks in Frankreich, zugleich auch Barbier war, die Zunge so trefflich löste, daß ich in weniger als einer Stunde mehr wußte, als hätte ich jahrelang in Montpellier gelebt und mich selbst um diese Angelegenheiten bemüht. Ich fand das Mittel so probat, daß ich von jetzt an beschloß, sogleich nach der Ankunft in jeder Stadt, in der wir länger verweilen würden, dasselbe anzuwenden; der Erfolg war immer der erwünschteste, und meine Kameraden, denen ich die Sache geheim hielt, konnten gar nicht begreifen, wie ich nach den ersten vierundzwanzig Stunden in einer Garnison schon alle in einigem Rufe stehenden Schönheiten, deren Verhältnisse, Intrigen und so weiter wußte und an den Fingern herzählen konnte.
Nachdem ich erfahren, was ich zu wissen begehrte, entließ ich meinen Figaro, ihm den Sechs-Livretaler einhändigend, für den er sich tausendmal bedankte, machte Toilette und dann meinen liebenswürdigsten Wirtinnen meine gehorsamste Aufwartung. Sie nahmen mich recht artig auf und luden mich sogar zum zweiten Frühstück ein, was ich aber ausschlug, die Parade vorschützend. In dem Salon stand ein Piano, die Damen waren beide ein wenig musikalisch, die eine spielte, die andere sang französische Romanzen zwar etwas falsch, aber doch mit ziemlich klangreicher Stimme und vielem Ausdruck, und die liebe Kunst wurde bald wieder die gefällige Kupplerin. Madame Amiot war eine charmante Brünette, die ein kleines, etwas verzogenes Mäulchen hatte, das ihr allerliebst ließ, besonders wenn sie lächelte; ihre Schwester aber war eine dunkle Blondine, eine geistreiche und sehr muntere Französin. Noch an demselben Abend besuchte ich in Gesellschaft meiner Wirtinnen den hochberühmten Peyron oder _lieu pierreux_, wie er im dortigen Patois genannt wird, ein großer Lustgarten, zu dem drei steinerne Treppen durch drei schöne Gittertore führen. Es ist ein großes längliches Viereck, von prächtigen Balustraden eingefaßt, an dessen einem Ende zwischen zwei Reihen Bäumen sich eine Terrasse mit einem sehr schönen achteckigen Wassertempel befindet, zu dem zwei Prachtstiegen führen. Dieser Lustplatz ist ohne Widerrede eine der schönsten Promenaden Europas, mit der großartigsten Aussicht, von ihm aus sieht man rechts die Pyrenäen, links die Gipfel der Alpen; das Amphitheater der Stadt liegt zu den Füßen, und über demselben hinweg ragen zwischen Baumgruppen und Zypressen schöne Villen und andere Gebäude hervor. Gegen Süden hat man in geringer Ferne die schöne, oft spiegelglatte, mit Schiffen belebte Fläche des mittelländischen Meeres vor Augen, das ich hier zum erstenmal sah, und gegen Norden die lange Kette der Cevennen.
Ganz nahe bei dem Peyron liegt der erste botanische Garten, der in Frankreich von Belleval im Jahre 1598, und zwar aus dessen eigenen Mitteln, angelegt wurde; er verwandte die für jene Zeit ungeheure Summe von hunderttausend Livres darauf, da die ihm von der Regierung bewilligten Gelder nicht hinreichten. Zweimal mußte der Mann erleben, daß seine Schöpfung in den Religionskriegen unter Heinrich IV. und Ludwig XIII. wieder gänzlich verwüstet wurde, und dreimal hatte er den Mut, sie von neuem zu schaffen. Er wurde hier der erste Professor der Botanik und Akademie. In einem entlegenen Winkel dieses Gartens befindet sich das Grabmal der Adoptivtochter des berühmten Verfassers der Nachtgedanken, Youngs, der reizenden Narcissa, die der Vater auf seinen Schultern selbst hierher getragen und begraben, weil ihm die katholischen Priester ein Grab auf dem Kirchhof für das Mädchen verweigerten. Meine beiden liebenswürdigen Führerinnen teilten mir diese Begebenheit zwar gerührt mit, meinten aber doch, es sei ja eine Ketzerin gewesen, diese Narcissa, also das Unglück nicht so groß, nicht ahnend, daß sie mit einem sogar lutherischen Ketzer in Gesellschaft seien. Ich brachte indessen den Nachmittag recht vergnügt mit den Damen zu, die für das verschmähte Frühstück sich meine Teilnahme bei ihrem Souper ausbaten, was ich jetzt nicht refüsierte, und beide zur guten Nacht küßte.
Weltberühmt ist die Hochschule zu Montpellier, besonders hinsichtlich der Arzneiwissenschaft, der Chirurgie und Anatomie. Unter dem Volk ging aber die Sage, daß die Herren Mediziner hier ein so gewissenloses Volk seien, daß sie nicht selten in stiller Nacht an einsamen Orten gesunde Menschen wegfingen, um ihre Kunst an ihnen zu probieren, indem sie sie töteten und dann im anatomischen Theater sezierten, namentlich seien sie auch den abgelegen stehenden Schildwachen sehr gefährlich, von denen schon gar manche auf diese Weise schlafen gegangen. Diese letztere Albernheit hatte sich bald im Regiment unter den Soldaten verbreitet, die lange Zeit daran glaubten und gewisse Posten nicht ohne Widerwillen bezogen, auch dann sehr auf ihrer Hut waren. Da nun der Zufall wollte, daß mehrere Schildwachen von ihren Posten desertierten, so ließen es sich die Leute nicht ausreden, die Herren Doktoren hätten sie weggefangen und tranchiert, bis endlich einmal ein solcher Deserteur wieder eingebracht und vor der Front des Regiments zur Schau auf- und niedergeführt wurde, um die Soldaten zu überzeugen, daß ihn die Doktoren nicht verschnitten hatten. Dies rottete aber dennoch den Köhlerglauben der Leute nicht ganz aus, besonders da der Bursche, diesen Umstand benutzend, in seinem Verhör aussagte, er habe in der Tat seinen Posten nur verlassen, weil mehr als ein Dutzend in schwarze Mäntel und Kappen verhüllte Kerls auf ihn zugekommen seien und ihn hätten fangen wollen, weshalb er in der Angst sein Gewehr weggeworfen und zum Teufel gelaufen sei. Dies hinderte nicht, daß er hundertfünfzig Prügel in drei Portionen in drei Tagen bekam und bei erster Gelegenheit wieder davonging. Indessen ist es in früherer Zeit wirklich geschehen, daß solcher Menschenraub von der hiesigen medizinischen Fakultät verübt wurde.
Ich hatte gleich in den ersten Tagen dem Fürsten Y. meine untertänigste Aufwartung gemacht und wurde nicht nur sehr gnädig von demselben empfangen, sondern er geruhte mich auch zu versichern, daß er jeden Tag mein Offizierspatent mit denen von noch einigen andern Kadetten von Paris erwarte, wo er uns bei dem Kriegsminister zu Unterleutnants vorgeschlagen und auch dessen Zusage erhalten habe; ich dankte gehorsamst für diese Mitteilung und überließ mich der frohen Hoffnung, nun bald der mir oft lästigen Sergeantendienste los zu werden. In meiner Wohnung war ich unterdessen völlig der Hahn im Korb geworden und schon nach einem zweiten Souper ruhte die verheiratete Schwester auf meinen Knien und tändelte in meinen Armen, so daß uns die ledige scherzend zurief: »_Modérez vous_!« -- »_Mais il ne me laisse pas, que veux -- tu que je fasse_?«, antwortete die Schwester, und ich setzte hinzu: »_Me laisser faire_,« und: «_Elle se laissa faire._« Von jetzt an war ich der Herr vom Hause.
Froh, wieder in einer Stadt zu sein, wo sich ein Theater befand, versäumte ich nicht leicht eine Vorstellung, und besuchte diese oft in Gesellschaft meiner beiden Hausdamen; aber bald interessierte mich die hübsche Verteuil weit mehr als diese, so daß ich noch lieber den Proben, als den Vorstellungen, und diesen jetzt fast immer nur hinter den Kulissen beiwohnte. Vermittelst einiger kleiner Geschenke und artiger Galanterien, vielleicht auch weil man mich für reich hielt, stand ich bald auf einem sehr vertrauten Fuß mit der liebenswürdigen Aktrice, und brachte manche Stunde in ihrer und der andern Theaterprinzessinnen Gesellschaft zu. Aufrichtig gestanden, habe ich in meinem ganzen Leben die Erfahrung gemacht, daß der Umgang und die Gesellschaft von Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen, die in der Regel nicht ohne Geist, Witz und Verstand und mit der muntersten Laune begabt sind, das Unterhaltendste von der Welt, während die vornehme Welt und sogenannte gute Gesellschaft zugleich auch die zum Einschlafen langweiligste ist, weshalb ich den Umgang mit hübschen Aktricen, wo deren waren, allem andern vorzog; doch hat er auch seine unangenehme und etwas kostspielige Seite und kann nach Umständen gefährlich werden und viel Unheil anrichten, wie ich mehrmals die Erfahrung machte und wir sogleich sehen werden. -- Madame Verteuil hatte zu meinem Unstern auch wieder Gnade bei Seiner Durchlaucht unserm Regimentschef gefunden, den sie ebenfalls nicht verschmähte, wovon ich aber ebensowenig wußte, als der Fürst mein Verhältnis mit ihr ahnte. Eines Abends, nachdem ich mich nach dem Theater noch eine gute Weile mit einem alten pensionierten General aus der Zeit Ludwigs XVI. in dem Zelt der Esplanade unterhalten und die Erzählung von dessen Abenteuern, die er in seiner Jugend in Deutschland, namentlich am Hof des Vaters unsers Fürsten Y. mit einer Prinzessin, dessen Tante, gehabt, geduldig zugehört hatte, fiel es mir nach zehn Uhr ein, der Verteuil noch einen Besuch _en passant_ zu machen; sie wohnte ebenfalls in der Nähe des Theaters. Ich wurde aber nicht von ihr erwartet, da wir in dem Theater davon gesprochen hatten, daß ich heute nicht kommen würde, weil sie über Kopfweh und Unwohlsein klagte, was öfters der Fall war. Ich fand die Haustüre offen, schlich mich leise die Treppe hinauf, öffnete ebenso leise die Zimmertüre meiner Prinzessin und fand Seine Durchlaucht den Fürsten Y. halb entkleidet auf einer Ottomane ausgestreckt liegen; die Verteuil, mich sogleich erblickend, schrie: »_Ah mon dieu qui vient si tard?_« Mit den Worten: »_Mille pardon je me suis trompé_,« schlug ich die Türe wieder zu und eilte von dannen und zur Kloster, der ich lachend mein Abenteuer erzählte, worauf mir diese versetzte: »_Mais comment, vous ne saviez donc pas qu'elle est entretenue par son Altesse?_« »_Ma foi non._« Ich tröstete mich, ein Glas Punsch mit der Kloster trinkend, die, wie auch ihr Name andeutete, deutschen Ursprungs war, jedoch kein Wort deutsch verstand, und nahm mir vor, die Verteuil nicht wieder zu besuchen, denn ich dankte für die Ehre, auch >da mit dem Fürsten zu teilen, wo er noch unter den Menschen hinunterkriecht<, wie Schiller sagt. Indessen war mir doch nicht so ganz wohl bei der Sache, und die Folge zeigte nur zu sehr, daß meine Furcht nicht unbegründet war, denn Fürst Y. warf jetzt einen unverdienten Haß auf mich und sah mich schon den andern Tag auf der Parade, der die Kadetten jedesmal, auf dem linken Flügel der Offiziere stehend, beiwohnen mußten, einigemal von der Seite mit einem zürnenden Blick an, während er sonst selten an mir vorüberging ohne ein paar freundliche Worte an mich zu richten. Er sprach diesmal mit dem neben mir stehenden jungen Prinzen Santa-Croce, der seit kurzem als Kadett in das Regiment getreten war, ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. -- Noch denselben Tag erließ er eine Ordre _du jour_, welche den Kadetten auf das strengste befahl, sich zu allen Appellen in den Kasernen einzufinden, und daß bei Kontreappellen deren Anwesenheit in den Quartieren verifiziert werden solle; zugleich fügte er noch hinzu, daß sich die Herren Offiziere, sowie die Kadetten, nicht mehr unterfangen sollten, die Bühne während der Vorstellungen zu besuchen, wie er sehr mißfällig wahrgenommen, daß dieses stattgefunden. Außer mir und Seiner Durchlaucht wußte schwerlich jemand, wodurch dieser Tagesbefehl hervorgerufen worden war, und wir schwiegen beide weislich. Der Prinz Santa-Croce, den man trotz dieser Befehle eines Abends hinter den Kulissen erblickte, erhielt sogleich acht Tage strengen Arrest. Fürst Y. hätte dies alles nicht nötig gehabt, denn ich kam ihm nicht mehr ins Gehege, ob mir gleich die Verteuil ein halbes Dutzend parfümierter Entschuldigungs- und Einladungsschreiben auf Rosapapier zusandte. Ich hielt mich an die Kloster.
Auf dem Landhaus des Herrn Gayral, wohin ich sehr oft eingeladen wurde, hatte ich unterdessen auch die Bekanntschaft einer sehr artigen Kaufmannsfrau, der Madame Cauchin, gemacht, die mich, so wie ihr Mann, einlud, sie doch bisweilen zu besuchen, und mir sogar ihre Loge im Theater zur Disposition stellte. In diesem Haus brachte ich von jetzt an manche hochvergnügte Stunde zu. Überhaupt war bis dahin das Leben in Montpellier ein wahres Götterleben für uns gewesen, und es fehlte uns an Vergnügungen und Zerstreuungen nicht. Barras, der auf Befehl Napoleons hundert Lieues von Paris entfernt leben mußte und sich damals hier aufhielt, gab mehrmals große Soireen, zu denen er das ganze Offizierkorps des Regiments einlud, und die sehr glänzend waren, da sich die Hautevolee und die ersten Schönheiten der Stadt hier vereinigt einfanden. Ein großes Fest aber war die Fahnenweihe unsers Regiments, dessen Bataillone hier ihre Fahnen erhielten, deren reich mit Gold gestickte Krawatten ein Geschenk der Kaiserin Josephine waren, wie die Inschrift mit goldenen Buchstaben besagte. Nach der großen Parade, bei welcher die Fahnen den Bataillonen und den dazu bestimmten Trägern, nachdem sie in der Peterskirche von dem Bischof unter Gewehrsalven eingeweiht worden waren, eingehändigt wurden, fand ein großes Diner und am Abend ein Ball auf Kosten des Offizierkorps statt, zu dem alle Notabilitäten von Montpellier eingeladen waren, und der bis zum Grauen des Tages währte. -- Wir hatten nun unsere Vereinigungszeichen, aber es waren bunte seidene Lappen, statt Adlern, wie sie die französischen Linienregimenter hatten; wahrscheinlich hielt uns Napoleon seiner Adler nicht wert, und wir mußten uns mit Latour d'Auvergne und andern sogenannten Fremdenregimentern trösten, denen es nicht besser erging.
Im Theater hatte man seit einiger Zeit bei jeder Vorstellung drei sehr hübsche Mädchen in einer Loge des ersten Ranges bemerkt, welche immer in der elegantesten Toilette nach der neuesten Pariser Mode gekleidet erschienen und aller Augen, namentlich auch die unsers Großmajors Omeara, eines Irländers, auf sich zogen. Diese Damen gaben sich für Pariserinnen aus, welchen das herrliche Klima Montpelliers von den Ärzten verordnet worden, ihre etwas angegriffene Gesundheit wieder völlig herzustellen; sie spielten übrigens die Spröden, waren sehr zurückhaltend und gaben namentlich Subalternoffizieren und andern Herren, die sich bemühten, ihre Bekanntschaft zu machen, kein Gehör. Man sprach viel von der strengen Tugend dieser Demoiselles, die einer der ersten Familien der Hauptstadt angehören sollten, prächtig, aber eingezogen mit einer älteren Gouvernante in einem eleganten Gartenhaus wohnten, keine Gesellschaft frequentierten, auch eine Einladung auf unsern Fahnenball zurückgewiesen hatten. Bald jedoch flüsterte man sich in die Ohren, daß sie unser Großmajor mit nächtlichen Besuchen beehre, andere sagten, es sei der Fürst selbst, der sich um die elfte Stunde nachts zu ihnen schleiche, und nun liefen allerlei mysteriöse Gerüchte auf Rechnung dieser Damen um, die das Gespräch der ganzen Stadt waren, bis endlich der Zufall das geheimnisvolle Wesen derselben an den Tag brachte. -- Ein Schauspieler vom französischen Theater zu Paris, der nach Montpellier gekommen war, um hier Gastrollen zu geben, erkannte gleich zwei derselben als zwar sehr schöne, aber auch sehr kommune Nymphen des Palais-Royal in Paris. Jetzt war ihre Rolle ausgespielt, und als sie wieder in ihre Loge traten, zischte und pfiff man solange, bis sie sich entfernt hatten, was sie erst dann taten, als der Tumult aufs höchste gestiegen war. Schon am andern Tage waren sie aus Montpellier verschwunden. Es war nun gewiß, daß sie den Fürsten Y., den Großmajor Omeara und einige reiche Gimpel in ihr Netz zu ziehen gewußt und ihnen tüchtig die Federn gerupft hatten. Man lachte viel über diese Aventüre, denn wer den Schaden hat, darf ja für den Spott nicht sorgen. Dies war nicht die einzige Unannehmlichkeit, die dem Fürsten hier widerfuhr, eine weit größere stand ihm noch bevor. Der General, Kommandant zu Montpellier, namens Quesnel, der die neunte Division befehligte, war ein alter Soldat, der von der Pike auf gedient hatte und seinen hohen Grad einzig seinem Mut und seinen Verdiensten verdankte, war sehr unzufrieden mit der Art, wie im Regiment Y. der Dienst versehen wurde, sowie auch mit den Manövern bei dem Exerzieren, weshalb er uns jeden Tag ausrücken ließ und den Übungen selbst beiwohnte. Eines Tages kam, als das Regiment manövrierte, Fürst Y. in einer mit vier Pferden bespannten Kalesche in Begleitung zweier Damen auf dem Exerzierplatz angefahren, wo er aus seinem Wagen den Übungen bequem mit zusah; dies wurmte den alten General, der einen Adjutanten an ihn abschickte mit dem Befehl, der Herr Oberst möge die Güte haben, ihm sein Regiment vorzuführen und dasselbe selbst zu kommandieren. Fürst Y. mußte nun wohl oder übel aussteigen, und da er kein Reitpferd bei der Hand hatte, das Regiment zu Fuß anführen. Er hatte von Natur eine unangenehme und gellende Stimme ohne Kraft und Ausdruck beim Kommando, so daß man ihn bisweilen nicht recht verstand, wodurch dann Irrtümer entstanden; auch war er nichts weniger als kapitelfest in den Evolutionen. Ärgerlich, sozusagen jetzt _par ordre du_ Mufti kommandieren zu müssen, verlor er ganz die Geistesgegenwart und machte einige arge Verstöße, die der General aber nicht sogleich inneward, weil er das deutsche Kommando nicht verstand; bald aber sah er doch ein, daß die Fehler vom kommandierenden Oberst ausgehen müßten und stellte diesen deshalb zur Rede. Fürst Y. replizierte etwas unbesonnen, worauf Quesnel ein französisches Donnerwetter losließ, ihm zu schweigen gebot, und da er dies nicht sogleich befolgte, ihm befahl, sich auf der Stelle in Arrest zu verfügen. Seine Durchlaucht wurden nun blaß, wollten mehrmals etwas entgegnen, aber der General drohte ihm, glühend rot, daß, wenn er nicht sogleich ginge, er ihn _par la force armée_, das heißt mit der Wache abführen lassen werde. Hier blieb nun nichts anderes übrig, als Ordre zu parieren, wollte man sich nicht noch größeren Fatalitäten aussetzen und wohl gar ein Kriegsgericht passieren sehen. Mit dem Ausruf: »Dies einem souveränen Fürsten!« entfernte sich Y. zu Fuß, um acht Tage strengen Zimmerarrest anzutreten, und die in dem Wagen sitzenden Damen, die dem ganzen Skandal beigewohnt hatten, fuhren ganz verstimmt und unter dem Hohnlachen der Soldaten in dem vierspännigen fürstlichen Wappenwagen vom Exerzierplatz heim. Als die Zeit des Arrests um war, stellte sich Y. noch mehrere Tage krank, mußte aber endlich dennoch in den sauern Apfel beißen, dem bösen General aufzuwarten, um sich zu melden, den er zu seiner großen Freude seinerseits an einem Halsgeschwür wirklich krank darniederliegend fand.
Der Fürst erschien nun wieder bei der Parade, wo er aber gleich das erstemal noch eine Fatalität anderer Art hatte. Es fanden sich bei derselben jedesmal eine Menge Zuschauer, meistens aus den unteren Klassen des Volks, ein, hauptsächlich, um der Musik zuzuhören; diese Leute drängten sich aber oft so unverschämt dicht an die aufziehende Wachtmannschaft heran, daß dieser kaum mehr Raum zum Abschwenken mit Pelotons übrigblieb. Der die Wachtparade kommandierende Bataillonschef, ein gewisser Brüge, ein Elsässer, wollte das Volk mit Schreien und Schimpfen zurückgehen machen, man lachte ihm aber ins Gesicht und drang noch frecher vor. Brüge ließ nun mit Sektionen abschwenken, so daß die Soldaten rasch in die Haufen drangen, die nicht schnell genug zurückweichen konnten, und Brüge rief ihnen dabei noch auf deutsch zu: »Tretet die Hundsfötter, die nicht weichen, nieder!«, so daß es beinahe zu einem Handgemenge zwischen den Soldaten und dem hier so bösartigen Volk gekommen wäre, aus dem mehrere der Kecksten vortraten und den kommandierenden Offizier förmlich herausforderten. Glücklicherweise trat Düret hinzu, der so ziemlich das Patois dieser Menschen sprach, und dem es gelang, die fatale Sache friedlich beizulegen. Aber der General, dem der Vorfall rapportiert wurde, ließ dem Fürsten abermals einen Verweis zukommen und schickte den Bataillonschef Brüge vier Tage in Arrest.
In meiner Wohnung lebte ich indessen ganz behaglich, ich hatte auch die Kost bei den Damen, und wir führten mit noch einigen andern Bekannten derselben bisweilen kleine französische Lustspiele und Vaudevilles im Gartensalon, aber möglichst geheim, auf, wobei nur wenige Eingeweihte als Zuschauer zugelassen wurden. Ich fand dies um so nötiger, als Fürst Y. früher einmal bei der Parade zu mir gesagt hatte: »Nun, wie steht's mit unserm Theater, werden Sie bald wieder etwas zum besten geben? Sie können auch nächstens wieder Ihre Vorlesungen bei mir beginnen.« Worauf ich erwidert hatte: »Durchlaucht, ich stehe zu Befehl!« Nach dem Vorfall mit der Verteuil war aber von dem allem keine Rede mehr, ob ich gleich überzeugt war, daß mich Fürst Y. während seinem Arrest und seiner wirklichen oder fingierten Krankheit gerne wieder zum Vorlesen gehabt hätte.