Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 21

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Gerne hätte ich mit Laura-Amelie diese wilden und manchmal gefährlichen Partien, wo der Dichter so sinnig schwärmte und dichtete, allein besucht, aber meine gefällige Hauswirtin ließ mich nicht außer Augen, sondern wußte es so einzurichten, daß wir uns nicht allein sprechen konnten. Unter dem Vorwand, mir noch eine ganz besondere Schönheit zeigen zu wollen, führte sie mich den jähen Felsenpfad hinauf, der zu der schauerlichsten Einsamkeit führt, und wollte mir hier eine strenge Strafpredigt über meine Unbeständigkeit, Treulosigkeit und Gott weiß was noch alles halten, aber ich hielt es für das beste, den obgleich zürnenden doch liebenswürdigen Mund mit Küssen zu schließen und den Friedenstraktat, wenn auch nicht mit der Feder, zu unterzeichnen, versprach was man begehrte, und hielt was ich versprochen bis zur -- Heimfahrt, wo schützende Finsternis wieder eine kleine Untreue begünstigte. Nachdem die Gesellschaft lange genug geschwärmt, gekost und mitunter auch geküßt hatte, kehrten wir nach Vauclüse und von da nach l'Ile zurück, um das beorderte Mahl einzunehmen, dessen Hauptbestandteile köstliche Forellen und noch trefflichere Aale ausmachten, würzten dasselbe mit Eremitagewein, Scherzen und Lachen, und besuchten noch die Kirche zu l'Ile, in welcher Petrarka zum erstenmal seine Laura gesehen und das ihn verzehrende Feuer gefangen hatte, das er nicht zu löschen verstand. -- Die Heimfahrt war nicht minder angenehm als die Hinfahrt, und trotzdem es Madame Croizet so einzurichten wußte, daß Amelie nicht mehr mein Visavis, sondern in der andern Ecke des Wagens war, während sie selbst mir gegenüber saß, so hatte sie ihre eigne, mir nicht minder gefährliche Schwester, der ich ohnehin schon Fleuretten genug erzählt hatte, neben mich placiert. -- Mit stockfinsterer Nacht kamen wir zu Hause an, uns alle nach Ruhe sehnend. Am andern Morgen wurde ich durch eine unangenehme Geschichte aus dem besten Schlaf in aller Frühe geweckt. Ich hatte einen ältern Soldaten von der Kompagnie, namens Roß, zu meiner Bedienung genommen, eine ehrliche Haut, die sich aber von Zeit zu Zeit dem Trunke ergab, wie die große Mehrzahl des Regiments, eine Leidenschaft, welche die Leute in Avignon um so leichter befriedigen konnten, als eine Flasche starker dicker roter Wein nur zwei Sous kostete. An den Zahlungstagen wurde dann auch das Regiment immer in den Kasernen konsigniert, denn die Russen, Polen, Böhmen und so weiter tranken sich toll und voll, begingen Exzesse aller Art und wälzten sich zum Skandal der Einwohner in den Gossen herum. Roß hatte sich den Tag, da ich zu Vauclüse war, mit einigen Kameraden einen tüchtigen Zopf getrunken, und sie wußten dann nichts Besseres zu tun, als in einer Schenke mehr denn dreißig große umflochtene Korbflaschen, wie man sie in jener Gegend hat, und von denen eine jede über fünfzig gewöhnliche Flaschen hält, in toller Vollwut mit ihren Säbeln zusammenzuhauen, so daß man bald bis an die Knöchel in der Schenke im Wein watete. Dabei schrien und schimpften die Kerls wie besessen über die _f..._ Franzosky, wie sie sie nannten. Der Wirt aber, der den Skandal nicht hatte verhindern können, war zum Platzkommandanten gelaufen, um Hilfe zu suchen, die er auch sogleich erhielt, indem starke Wachtpatrouillen abgesandt wurden, die Trunkenbolde zu verhaften und in das militärische Gefängnis abzuführen. Der Schaden wurde auf über hundertfünfzig Franken angeschlagen, und die Burschen, die ihn nicht ersetzen konnten, sollten auf das strengste bestraft werden. Roß hatte seinen Helfershelfern, nachdem er wieder nüchtern geworden war, erzählt, daß ich ihn öfters an die Ecke der Gasse, wo ich wohne, als Lauerposten aufgestellt habe, um mich beizeiten zu benachrichtigen, wenn der Hausherr käme, mit dessen Frau ich mich einstweilen amüsiere. Nun meinten seine Sauf- und jetzt Leidensbrüder: wenn dem so ist, so muß dein Kadett auch die Zeche bezahlen, sonst soll ihn der Teufel holen. Sie schickten hierauf einen Boten mit der Bitte an mich ab, ich möge doch den Wirt befriedigen, das hätte Roß durch sein Schildwachestehen wohl an mir verdient. Der Abgesandte stieß unglücklicherweise zuerst auf Herrn Croizet, den er nicht kannte, ließ sich mit ihm, da er etwas Französisch verstand, in ein Gespräch ein, und letzterer lockte so von dem dummen Teufel halb und halb den Grund heraus, warum die saubern Patrone diese Forderung an mich machten. Er führte ihn nun zu mir, der ich noch in den Federn lag. Ich ließ den Burschen sagen, daß ich die Sache zu arrangieren suchen würde, begab mich auch vor der Parade zum Wirt, wo der Skandal vorgefallen war, und fand mich mit diesem für eine runde Summe ab, die ich zu bezahlen versprach, wenn der Mann dagegen die Sache bei dem Platzkommandanten so abmachen würde, daß die Delinquenten wenigstens mit einem blauen Auge, das heißt mit einigen Tagen Arrest davonkämen. Der Wirt brachte es in der Tat dahin, daß die Leute dem Regiment zu einer Disziplinarstrafe überlassen wurden, und ich zahlte ihm dann neunzig Franken aus, mit denen er zufrieden war, da er sonst gar nichts erhalten haben würde; somit war von der einen Seite die Sache abgemacht, aber nicht so von der andern. Croizet war jetzt argwöhnisch geworden und wollte sich von dem Grund der Aussagen des Soldaten und seines Verdachts überzeugen. Ich hatte mit Madame Croizet, ihrer Schwester und dem Kadetten Roger, der mich öfters besuchte und mit von der Vauclüse-Partie gewesen war, abgemacht, daß wir uns den kommenden Abend alle vier verkleiden, die beiden Damen nämlich Uniformen von uns und wir Kleider von den Damen anziehen, und so eine Abendpromenade in den Straßen der Stadt machen wollten. Croizet hatte das Haus wie gewöhnlich verlassen, wir waren mit der Toilette der Damen, die uns schon in Weiberkleider gesteckt, beschäftigt, zogen ihnen die Uniformen unter Lachen und Schäkern an, und eben machte ich der Madame Croizet die Brusthaken zu, als sich plötzlich die Türe ihres Schlafzimmers, denn dieses hatten wir zu unserm Ankleidezimmer gewählt, öffnete und Herr Croizet mit grimmiger Gebärde hereinstürzte. Er war durch ein Hinterpförtchen des Hauses, zu dem er allein die Schlüssel hatte, heimlich zurückgekehrt, während das Kammermädchen der Madame Croizet im Salon am offenen Fenster aufpaßte, daß uns niemand überrasche. Zum Glück lag mein Degen in der Nähe, den ich bei des Mannes unvermutetem Erscheinen schnell ergriff, und setzte mich in eine defensive Positur. Herr Croizet aber wandte sich nur an seine uniformierte Gattin, die er eben nicht mit den feinsten Epitheten anredete und bedrohte; aber die Schwester, die, wie es schien, viel Gewalt über ihn hatte, warf sich sogleich zwischen beide, indem sie dem aufgebrachten Ehemann versicherte, daß ja das Ganze nur ein durchaus unschuldiger Scherz sei, und er sich doch nicht durch eine wirklich unbegründete Eifersucht lächerlich machen solle, es sei in ihrer Gegenwart auch nicht das mindeste Unanständige vorgefallen und so weiter; wir alle machten Chorus mit der jungen Witwe und überschrien den Mann so sehr, daß er gar nicht mehr zu Wort kommen konnte; er wendete jedoch dagegen ein, was er von dem Soldaten herausgebracht, es war mir aber ein Leichtes, ihm glauben zu machen, er habe den Burschen ganz mißverstanden, der zu allem, was man ihn frage, sein »_Oui_« sage, und es gelang unsern vereinten Kräften, nicht nur den ehrlichen Ehemann völlig zu besänftigen, sondern sogar zu bereden, mit von der Partie und des jungen Rogers, der ein sehr hübsches unbärtiges Gesicht hatte, Ehrenkavalier zu sein, während ich mich von den beiden weiblichen Kadetten, die mich in die Mitte nahmen, führen ließ; so traten wir munter unsere Promenade an, kehrten in einem eleganten Kaffeehaus auf dem großen Platz ein, wo wir uns Eis geben ließen, und alles lief auf das beste ab.

Zwei Tage nach dieser Begebenheit erhielt das Regiment Ordre, nach Montpellier zu marschieren; ich nahm Abschied von allen meinen Lieben, ließ mir noch eine Summe bei Blavet _et frères_ auszahlen, denn ich hatte ziemlich große Depensen in Avignon gemacht, und marschierte in aller Frühe um sechs Uhr mit dem Bataillon ab, da ich keine Quartiere mehr machte, seit wir einen französischen Fourier bei der Kompagnie hatten. Manche jetzt verlassene Schöne sah hinter ihren Gardinen wohl mit Tränen in den Augen das Regiment dahinziehen, das sie anfangs gefürchtet und später gerne gesehen hatte.

Nur vier Etappen waren es von Avignon nach Montpellier, wovon die erste nach Tarascon lautete. Tarascon mag ungefähr zehntausend Einwohner zählen, die jedoch ein bitterböses und händelsüchtiges Volk sind, wie alle niederen Klassen in der Provence und Languedoc, und uns während unserm vierundzwanzigstündigen Aufenthalt einen Beweis lieferten, wie sehr sie ihren guten Ruf verdienen, indem sie beinahe unsere Wache steinigten, wozu aber das einfältige Benehmen des dieselbe kommandierenden Offiziers Veranlassung gab. Als die Avantgarde des Bataillons ankam, welche jedesmal die Wache in der Etappenstadt bildete, in die man einmarschiert, versammelte sich sogleich ein Haufen Volk vor dem Wachthaus und musterte die Angekommenen mit neugierigen Blicken; auch sie hatten schon viel von den Wundertieren, aus denen das Regiment bestehen solle, gehört, und besahen sich die ungewöhnlichen Uniformen mit ziemlicher Zudringlichkeit. Den kommandierenden Unterleutnant, einen gewissen Buchwald, ein kleines, unansehnliches Männchen, das früher ich weiß nicht bei welchem deutschen Duodezfürsten in Diensten gestanden, verdroß dieses Begaffen, und noch von dem deutschen Zopfdünkel besessen, befahl er der Schildwache vor dem Gewehr, die Leute auseinanderzutreiben. Der Posten, ein Österreicher, und von seinem frühern Dienst ebenfalls gewöhnt, alles, was nicht Uniform trage, müsse man als Bauer verachten, sich noch in Prag oder Olmütz in Garnison glaubend, war nicht faul und wollte die Haufen mit dem Kolben auseinanderjagen, dabei auf gut böhmisch fluchend; das Volk jedoch, statt sich zu entfernen, fing an zu lachen, der Leutnant wurde erbost und rief dem Soldaten zu: »Stoß zu auf das Lumpenpack!« Aber noch ehe der Mann einen Stoß hatte anbringen können, war er auch schon beim Kragen gepackt und ihm das Gewehr abgenommen. Der Leutnant zog jetzt den Degen und rief der übrigen Mannschaft, einigen zwanzig, zu, unter das Gewehr zu treten, aber auch dazu ließen es die wütend gewordenen Tarasconer nicht kommen, sondern hatten in einem Nu die Wache erstürmt, und ein starker stämmiger Provenzale faßte den kleinen Buchwald, der wenig mehr französisch als die Worte _b... f..._ hervorzubringen vermochte, um den Leib und hob ihn samt seinem Degen hoch in die Luft, so daß die kleine Figur mit Armen und Beinen, den Degen hoch in der Hand haltend, in der Luft zappelte, was so possierlich anzusehen war, daß die ganze Menge und namentlich die Weiber in ein schallendes Gelächter und lautes Applaudieren ausbrachen, wodurch gewiß größeres Unheil verhindert wurde. Der provenzale Herkules setzte endlich das Männlein wieder auf den Boden und ließ ihn laufen. Glücklicherweise rückte jetzt gerade das Bataillon ein, und als Düret von dem unglücklichen Wachtkommandanten erfahren hatte, was vorgefallen, geriet er so sehr in Zorn, daß er ihn sogleich in strengen Arrest schickte, nachdem er ihn abwechselnd bald deutsch, bald französisch vor der Front heruntergeputzt. Es wurde nun eine andere Wache dahin kommandiert, und da sich die Haufen Volks noch immer mehrten, so kam der Maire mit seiner dreifarbigen Schärpe und forderte sie auf, auseinanderzugehen was sie auch befolgten. Aber Düret war hiermit nicht zufrieden, ließ durch alle Straßen patrouillieren, verdoppelte die Wache und verlangte vom Maire, daß er die Schuldigen bestrafen und dem Bataillon Satisfaktion geben solle. Dieser machte jedoch Schwierigkeiten und erklärte, daß, wenn sich die Truppen an den Einwohnern vergreifen würden, er für nichts stehen könne, und diese gewiß sogleich das Tocsin (die Sturmglocke) läuten und die Landleute herbeiziehen würden. Man ließ jetzt die fatale Sache, welche auch den beiden uns folgenden Bataillonen keinen sehr angenehmen Empfang zu Tarascon bereitete, auf sich beruhen. Ich führte eine der Streifwachen an, und wenn ich an einen dichten Haufen kam, wo nicht gut durchzukommen war, so sagte ich laut: »_Messieurs, de la place s'il vous plait!_«, worauf man mir höflich die Gassen öffnete und mich ungehindert und ungeneckt mit meinen Leuten durchließ. Buchwald aber machte die Sache so viel Verdrießlichkeiten, daß er bald darauf das Regiment quittierte, um anderwärts ein Unterkommen zu suchen.

Tarascon hat ein schönes altes Schloß, das die Einwohner die Burg des Königs René nennen, der sich öfters in dieser Stadt aufhielt. Es war aber die Residenz der alten Grafen der Provence; es ist von gotischer Bauart und dient jetzt zum Gefängnis; von seinen Mauern hat man eine herrliche Aussicht in die unabsehbaren Ebenen von Languedoc. Unter dem König René fand hier ein sehr sonderbares Tournier statt, welches man das Schäfertournier nannte, weil die demselben beiwohnenden Ritter auf ihren herrlichen Tournierhengsten, ganz geharnischt und die Helme mit purpurroten Federn geschmückt, nebst ihren Waffen auch einen Schäferrock, eine Schäferschippe, eine Sackpfeife oder Flöte und ein Brotkörbchen nebst einer Wasserflasche bei sich führten. Die Preise wurden dem Sieger von einer als Schäferin gekleideten Dame, die auf einem von zwei Edelknaben geführten und mit Goldstoff bedeckten Zelter ritt, und der voran eine ganze Herde Schafe ging, ausgeteilt. Ihr grünes Schäferhütchen war mit Wiesenblumen geschmückt und ihr Schäferstab war von Silber, auch sie hatte ein Brotkörbchen und ein Wasserfläschchen am Gürtel hängen. Während man tournierte, saß sie in einer Blumenlaube auf erhöhtem Sitz. Der Preis, den sie auszuteilen hatte, bestand in einem Kuß und Blumenstrauß an goldenen Stengeln. Rechts von ihr saß der König René und seine Gattin auf einer rot ausgeschlagenen Tribüne, hinter ihnen deren Gefolge, und links von ihr saßen die Kampfrichter. Einer der Ritter-Schäfer, der den Preis erhielt, um den er lange verzweifelt gekämpft, begnügte sich mit dem Kuß und zierte unter dem donnernden Beifall der ganzen Versammlung die hübsche Schäferin mit den Blumen an goldenen Stengeln.

Zu Tarascon war auch der Hauptsitz der provenzalischen Galanterie und Minne, hier wurden manche Liebeshöfe abgehalten und prächtige Feste gefeiert, und fast alle Troubadoure und Dichter der Provence haben die Schlösser von Tarascon und Beaucaire, denn auch diese Stadt hatte eine berühmte Burg, durch ihre Gesänge verherrlicht. Das Schloß von Tarascon hat noch große unterirdische Gewölbe und ungeheure Hallen und Säle; von seinen Zinnen und Türmen sprangen einst über fünfzig Gefangene in die unten vorbeifließende Rhone hinab, lauter Engländer, von denen die meisten in den Wellen ertranken, während sich mehrere durch Schwimmen retteten. Der Gouverneur ließ nun auf allen Mauern zweischneidige Schwerter, Sensen und Spieße befestigen, damit man nicht mehr versuchen möge, sich auf diese Weise in Freiheit zu setzen.

Den zweiten Pfingstfeiertag wird hier ein seltsames Fest gefeiert; man führt nämlich ein großes Ungeheuer, von Holz verfertigt, das man _la Tarasque_ nennt, in den Straßen der Stadt umher und läßt es die Leute niederwerfen und nicht selten beschädigen. Diese Art von Prozession geschieht zum Andenken an einen Wasserdrachen, der in uralten Zeiten die Schiffe in der Rhone umwarf, die Schiffer verschlang oder zerriß, selbst in die Straßen von Tarascon drang, und was ihm an Menschen begegnete, raubte und auffraß. -- Unter Nero, so erzählt die Sage, zogen bewaffnete Kohorten gegen das Ungetüm aus, aber dieses verschlang alles samt Schild und Speer, die Ufer des Stromes waren mit Menschenknochen besät, und es war nahe daran, daß alle Einwohner die Stadt auf immer verlassen wollten, um sich ein anderes Vaterland, wo sie vor dem Drachen in Sicherheit wären, zu suchen; da kam plötzlich eine schön geschmückte Barke den Strom herabgefahren, in der ein wunderschönes Frauenbild saß, das eine ehrwürdige männliche Gestalt begleitete. Die Jungfrau landete in der Nähe der Höhle, in welcher sich der Drache aufhielt, der, als er sie erblickte, sich winselnd zu ihren Füßen wand und geduldig litt, daß sie ein Band um seinen schuppigen Hals befestigte. Dann aber folgte er ihr zitternd. Sie führte das Ungetüm mitten auf den Markt der Stadt Tarascon und befahl den staunenden Einwohnern, es zu erschlagen, was sie auch sogleich taten. Jetzt hielt der Begleiter der Jungfrau eine Predigt an das Volk, um es zum Christentum zu bekehren, denn es waren noch eitel Heiden, und brachte eine solche Wirkung hervor, daß sich sogleich alle und ohne Ausnahme taufen ließen. Die Retterin war niemand anders als die heilige Martha selbst gewesen, und ihr Begleiter war ihr Bruder Lazarus, der erste christliche Bischof in jenem Land. Der hölzerne Drachen, den man jetzt noch alljährlich am Pfingstfest und auch am Festtag der heiligen Martha herumführt und den Tarasque nennt, hat ungefähr die Gestalt einer Riesenschildkröte, die langgeschwänzt ist, und ist ein von hellgrüner, mit goldenen Schuppen bemalter Wachsleinewand überzogenes hölzernes Gerippe, unter dem acht junge Burschen stecken, die es sechzehnfüßig machen, leiten und lenken, und mit ihm sich gewandt drehend, unter die dichtesten Haufen der Zuschauer rennen, sie zu Dutzenden niederwerfen, und mit dem Drachenschwanz so derb schlagen, daß alle schreiend davonlaufen. Zugleich speit das Ungetüm aus dem Rachen und den Nasenlöchern Feuer und schleudert Schwärmer unter die Menge. Am Festtag der heiligen Martha wird das Ungeheuer von einem jungen weißgekleideten Mädchen an einem langen Bande geführt, wo es sehr friedfertig ist, und wird zuletzt in die Kirche der heiligen Martha gebracht, in der sich auch deren schönes Grabmal von Marmor befindet, auf dem sie liegend dargestellt ist; hier leitet man es in das Chor, wo es ein Priester mit Weihwasser besprengt, worauf es leblos niederstürzt, und in dieser Kirche wieder bis zur nächsten Prozession aufbewahrt wird. In der Revolution hatte man es zerschlagen, aber nach der Wiedereinführung der christlichen Religion wurde auch ein neuer Tarasque verfertigt, und das Volk begrüßte mit Jubel und Freudengeschrei die Wiederauflebung seines alten Drachens.

Von dem uns so unfreundlichen Tarascon marschierten wir nach dem durch seine berühmten römischen Denkmäler berühmten Nimes.

Da hier die Einwohner in einem gewissen Wohlstand waren, so fanden sie sich meistens mit den Soldaten, die Quartierbillette auf sie hatten, durch Geld ab und zahlten drei bis sechs Franken per Mann für das Billett; so kam es, daß beinahe die Hälfte des Bataillons während der Nacht auf den Straßen kampierte. Nachdem die Leute das erhaltene Geld in den Wirtshäusern verzehrt, sich größtenteils betrunken hatten, schlenderten sie lärmend in der Stadt umher, machten auch hie und da einige Exzesse, bis sie endlich unter freiem Himmel, den Tornister statt Kissen unter dem Kopf, einschliefen. Der Bataillonschef gab den andern Tag eine strenge Ordre, durch welche er bei namhafter Strafe den Soldaten das Verkaufen ihrer Quartierbilletts untersagte, um künftig ähnlichen Unordnungen zu steuern, was den Leuten eben nicht behagte. Denn in den Quartieren im Innern von Frankreich hatten sie außer der Schlafstelle auf nichts als Kochsalz und Licht Anspruch zu machen, und das geringste, was man ihnen dafür gab, waren doch immer dreißig Sous, wofür sie viel essen und noch weit mehr trinken konnten. -- Ich hatte wieder das Glück, zu einer hübschen jungen Frau ins Quartier zu kommen, deren Ehemann ihr jedoch, solange ich da war, nicht von der Seite wich, ergo war jeder Versuch unmöglich.

Den vierten Tag nach unserm Ausmarsch von Avignon rückten wir in unserer neuen Garnison Montpellier ein. Je näher wir dieser Stadt kamen, desto angenehmer wurde die hier im allgemeinem sehr kahle Gegend mit fast kreideweißem Erdreich, welcher die vielen graugrünen Olivenbäume zwar ein sehr friedliches, aber auch totes Ansehen geben; auch um Montpellier sieht man außer Granat-, Pomeranzen-, Maulbeer-, Feigen-, Mandel-, Cypressenbäumen und Weinstöcken wenig andere Bäume und Gebüsch. Die Stadt liegt in einer der fruchtbarsten Ebenen von Südfrankreich, ist von hübschen Landhäusern umgeben und an einem Hügel amphitheatralisch erbaut, was ihr ein großartiges Ansehen gibt. Aber im Innern ist sie schlecht gebaut und hat meistens sehr enge und winklige Straßen und wenig freie Plätze; demungeachtet hat sie eine sehr gesunde Lage und Luft. Sie ist die Hauptstadt des Departements Herault, Sitz einer Präfektur, und zählt vierzigtausend Einwohner; ihre Entstehung ist neuerer Zeit; im elften Jahrhundert stand hier noch ein Flecken, den man _Mons puellarum_ (junger Mädchenberg) nannte, weil er, wie die Sage will, an der Stelle lag, wo sich früher eine Einsiedelei befand, in welcher zwei sehr junge und wunderschöne Jungfrauen, die sich Gott geweiht, als Eremitinnen lebten.

Wir marschierten gleich auf die Esplanade, einen schönen, großen, mit Bäumen besetzten Platz, der zwischen der Stadt und der von Ludwig XIII. als Zwinger für die Protestanten erbauten Zitadelle liegt. Das Bataillon wurde in den prächtigen und sehr geräumigen Kasernen untergebracht, in denen die drei Bataillone des Regiments, die sich in wenig Tagen hier wieder vereint fanden, hinlänglich Raum hatten.

XIII.

Die Garnison zu Montpellier. -- Der Peyron. -- Furcht der Soldaten vor der medizinischen Fakultät. -- Die Einwohner. -- Meine Hausdamen. -- Demoiselle Verteuil. -- Fürst Y. mein Nebenbuhler. -- Ich falle in Ungnade. -- Die Fahnenweihe. -- Der souveräne Fürst in strengem Arrest. -- Folgenschwerer Ritt nach Cette. -- Nächtliche Spazierfahrt auf der See. -- Auch ich in strengem Arrest und verliere meinen Grad als Sergeant. -- Ich werde Unterleutnant. -- Abmarsch nach Toulon. -- St. Remy. -- Orgon. -- Aix. -- Das Fronleichnamsfest daselbst. -- Arles. -- Toulon. -- Stadt und Hafen. -- Das Arsenal. -- Die Galeerensklaven. -- Wiedereinnahme von Toulon durch die Republikaner (1793). -- Bonaparte tut sich zuerst hervor. -- Verbrennung der französischen Flotte und des Arsenals. -- Verheerung der Stadt. -- Rauferei mit einem Marine-Offizier. -- Ein Skandal im Theater. -- La Seine. -- Die Familie Guige. -- Eine Hochzeit auf der Insel Porquerolles. -- Abmarsch nach Genua.