Part 20
Mit dem frühesten Morgen marschierten wir, von der aromatischen Luft der provenzaler Sonne erquickt, nach dem Ort unserer einstweiligen Bestimmung, nach Avignon, ab. -- Hier wird das Himmelsblau schon lebhafter, Nebel bei Sonnenauf- und -untergang kennt man nicht, freundlich heiter sind die Fluren, und die klimatische Veränderung fühlt man durch den ganzen Körper.
Eine Viertelstunde vor Avignon wurde Halt und Toilette gemacht, man warf sich in grande tenue, die Karabiniers setzten ihre Bärenmützen mit den roten Federbüschen auf und schmückten ihre Schultern mit den Epaulettes von derselben Farbe, sowie die Voltigeurs mit gelben und die Chasseurs mit grünen Epaulettes und Federn; da das Regiment ganz neu und schön uniformiert war, so nahm es sich stattlich und imponierend aus und marschierte gehörig geschniegelt und gestriegelt in schönster Ordnung in die neue Garnison und alte Residenz so vieler Päpste ein, wo wir durch sehr enge, winklige Straßen mit altertümlichen Häusern, aus denen aber doch sehr moderne Damen auf uns herabsahen, auf den Waffenplatz kamen. Das Bataillon wurde gleich in die geräumigen gewölbten Säle der alten päpstlichen, auf hohen Felsen liegenden Burg kaserniert. Ich mietete mir aber eine _Chambre garnie_, die recht schön möbliert war, für den äußerst billigen Preis von acht Franken per Monat in der Nähe des großen Platzes. -- Als ich in Gesellschaft mehrerer Kameraden nach Wohnungen suchte, gerieten wir auch an ein Haus, an dessen Mauern mit großen Lettern geschrieben stand: »_Ici on loue des chambres garnies pour hommes et non pas pour femmes_«; bald wußten wir, was es damit für eine Bewandtnis hatte, eine solche Unverschämtheit kann man sich nur in Frankreich erlauben. Eine andere Sache, nach der man sich eifrigst in jedem Haus, wo wir Wohnungen suchten, erkundigte, war: ob wir keine Kosacken, Tataren, Kalmücken oder Russen seien, und man wollte uns in der Regel nicht eher Zimmer zeigen, bis wir zur Genüge dargetan, daß wir Franzosen oder doch wenigstens _des bons allemands_ und Christen seien. Den Grund dieser ängstlichen Erkundigungen erfuhren wir bald; man hatte nämlich von unserm Regiment das Gerücht, das uns vorausging, verbreitet, daß es fast aus lauter wilden und barbarischen Völkern bestünde, die nicht nur raubten und plünderten, sondern sogar die kleinen Kinder wegfingen, wo sie deren habhaft werden könnten, um diese nach Umständen roh, gebraten oder auch in einem Fricot zusammengehackt zu verzehren. Solche Dinge glaubten die Einwohner in allem Ernst und fluchten dem Napoleon, daß er solches Volk in Dienst nehme und ihnen zuschicke. Erst nachdem ich hinlänglich beteuert hatte, daß ich kein Kinderfresser sei, willigte man ein, mir die erwähnte Wohnung bei einem Herrn Croizet, einem kleinen Rentier, der eine hübsche Frau hatte, zu vermieten.
Die alte Stadt liegt in einer reizenden, fast immer grünenden, etwas abhängigen Ebene, an dem linken Ufer der Rhone, und ist von gelbbraunen Mauern und Türmen, nach der alten Befestigungsart, umgeben. Hier findet man sich schon ganz unter dem südlichen Himmelsstrich, wo Oliven und andere Südpflanzen gedeihen, die meistens der tropischen Zone angehören; der Himmel hat schon den italienischen Anstrich, und die immergrünen Fluren sind mit Limonen-, Orangen- und Feigenbäumen bedeckt; die herrliche Natur gibt in üppiger Fülle, was den Lebensgenuß versüßt, und die bläulichen Wasser der Rhone strömen majestätisch wild dem nahen Meere zu. Unvergleichlich und entzückend ist die Aussicht von dem hohen Felsen, auf dem die alte Residenz der dreikronigen Priester steht, von wo man die blühenden Gefilde der Rhone auf eine unabsehbare Weite überschaut, die der Fluß zwischen romantischen Ufern durchströmt. Besonders reizend ist die Aussicht gegen das malerische Tal von Vauclüse, und nicht mit Unrecht wird diese Gegend als die schönste in ganz Frankreich und als eine der anmutigsten Europas gepriesen.
Der alte päpstliche Palast ist eine auf hohen Felsen erbaute ungeheure Steinmasse, einer Feste ähnlich, ein ungeheures Gebäude mit öden Gemächern und Zimmern, fast alle hochgewölbt. In dem weitläufigen Schloßhof stieß man allenthalben auf Schutt und Trümmer, und die imposanten Ruinen ließen noch die Herrlichkeit längst vergangener Größe bewundern. In den am besten erhaltenen Sälen, Kirchen, Kapellen und Gewölben lagen jetzt unsere Soldaten, und an der Stelle, wo einst, dem Donnergott gleich, die Oberpriester der Christenheit ihre Blitze über das zu ihren Füßen liegende Avignon, gegen Venedig und Mailand, Deutschland und Italien, gegen Kaiser und Könige schleuderten, an dieser Stelle putzten jetzt Russen und Österreicher, Ungarn und Böhmen, in französische Uniformen gesteckt, ihre Gewehre und Patronentaschen und aßen mit hölzernen oder eisernen Löffeln ihre Menagesuppen. In den Gemächern und Höfen, wo die Päpste die prächtigsten und glänzendsten Feste mit üppiger Verschwendung gaben, wo einst die schöne Johanna von Neapel als Gebieterin von Avignon mit einem zahlreichen Gefolge von Kardinälen und Bischöfen, Rittern und Edelfrauen, in die kostbarsten und reichsten Gewänder gekleidet, an der Seite ihres Gatten unter einem Prachthimmel einzog und vom heiligen Vater in seiner ganzen Glorie empfangen und bewillkommnet wurde, da ertönte jetzt das eintönige Verlesen der barocksten russischen, deutschen, polnischen und böhmischen Soldatennamen, und das düstere »_Qui vive!_« (»Wer da!«) der Schildwachen des in Kasernen verwandelten Prunkpalastes, in dessen weiten Räumen und Höfen das einsilbige Kommando der Unteroffiziere widerhallte, die den exerzierenden Rekruten die Soldatenschule und Handgriffe einbläuten.
Von einer uralten Brücke, die hier über die Rhone führte und von dem wilden Strom zerstört wurde, sind nur noch einige Bogen mit einer kleinen Kapelle übrig, sie hatte deren neunzehn. Im Mund des Volkes der Umgegend ist folgende, sie betreffende Sage: Ein sehr frommer Schäfer mit Namen Benedikt (Benezet in der dortigen Volkssprache) weidete eines Tages seine Herden auf den Auen der Insel Bartelasse, wo ihm der heilige Petrus erschien und ihm im Namen des Himmels befahl, die Bewohner Avignons und der Umgegend aufzufordern, zum Besten der Pilger, die nach Rom und Jerusalem wallfahrten, hier eine Brücke über den Strom zu bauen. Er fand jedoch die Leute nicht sehr willfährig für sein Ansuchen, obgleich er im Namen des Petrus sprach, das Unternehmen war zu schwierig und zu kostspielig; Benedikt aber war beharrlich und hörte nicht auf, das Volk aufzufordern, den Willen des Himmels zu erfüllen. Zuletzt verlangte der Bischof, er solle seine Sendung durch irgendein Wunder beweisen, und der Schäfer hob ein ungeheures Felsenstück, das wohl viele Tausend Pfund wog, so leicht auf seinen Rücken, als sei es eine Feder, trug es auf seinen Schultern eine große Strecke weit bis an den Fluß, auf dessen Oberfläche er bis zur Mitte mit seiner schweren Bürde schritt, ohne sich nur die Knöchel zu benetzen, und warf es dann mitten in den Strom, sprechend: »Dies sei der erste Grundstein zu der neuen Brücke.« Jetzt schrie alles Volk: »Mirakel!« und warf sich vor dem zum Ufer zurückkehrenden Schäfer auf die Knie. Der Bau der Brücke ging jetzt schnell vor sich und war in wenigen Jahren vollendet, Benezet aber ward nach seinem Tode unter die Heiligen versetzt und ihm zu Ehren in der Nähe der Brücke ein Kloster erbaut, dessen Mönche verpflichtet waren, die ankommenden Pilger zu verpflegen, die Brücke zu unterhalten. Man nannte sie deshalb _fratres pontifices_ (Brückenbrüder). -- Der Insel gegenüber liegt Villeneuve, wo noch die Ruinen eines ehemals wegen seiner Pracht und Größe berühmten Karthäuserklosters zu sehen sind, sowie das alte Schloß St. André mit seinen ungeheuren Mauern und dicken runden Türmen. Ludwig VIII. ließ diese starke Feste im dreizehnten Jahrhundert auf dem Hügel erbauen, der die Stadt beherrscht. Im Innern des Schlosses sind noch die Gebäude des ehemals so reichen Benediktinerklosters vorhanden. Villeneuve war der Geburtsort unseres Bataillonschefs Düret, der aus einer nicht sehr wohlhabenden Familie stammte, die während der Schreckenszeit aus dieser Stadt ausgewandert war. Nach mancherlei Schicksalen hatte er endlich zu Offenbach ein Ruheplätzchen bei dem Fürsten Y. gefunden, der ihn zum Kommandanten seines fünfzig Mann starken Heeres ernannte und bei der Formation des Regiments Y. zum Bataillonschef beförderte. Düret galt viel beim Fürsten und hatte ihn vermocht, beim Kriegsminister zu erbitten, daß das Regiment, um sich völlig einzuexerzieren, eine kurze Zeit in Avignon garnisonieren dürfe, was der Minister um so eher bewilligte, als er dasselbe ohnehin schon zu diesem Zweck nach Montpellier auf einige Monate bestimmt hatte. Also hatten wir es Dürets Eitelkeit zu verdanken, der sich seinen Verwandten und Landsleuten, die er seit vierzehn Jahren nicht gesehen, gerne an der Spitze seines Bataillons in glänzender Uniform zu Pferde zeigen wollte, daß wir auf kurze Zeit in Avignon in Garnison lagen, denn Montpellier war deswegen nicht aufgegeben. Ohne diesen Umstand hätte das Regiment wahrscheinlich Avignon nicht oder doch nur im Durchmarsch gesehen. Dafür mußten wir auch oft genug eine militärische Promenade durch Villeneuve machen. Das Offizierkorps des Regiments bestand, namentlich das des ersten Bataillons, meistens aus zum Teil sehr hübschen jungen Männern, an denen die holden Avignoneserinnen ihr Wohlgefallen zu haben schienen. Ich erinnere mich, daß nach der ersten Militärmesse, die wir hatten, eine junge hübsche Dame ganz außer sich zu meiner liebenswürdigen Wirtin ins Zimmer trat und mehrmals ausrief: »_Oh le beau corps d'officiers, le beau corps d'officiers!_« Schönheit war die beste Empfehlung bei dem Fürsten Y., und er hatte die meisten Offiziere aus diesem Beweggrund angestellt.
Bei Croizets, meinen Wirtsleuten, lebte ich unterdessen wie der Vogel im Hanfsamen, und Madame Croizet war eine der liebenswürdigsten und muntersten Damen der Stadt, die mich gleich Rousseaus Mama in ihren besonderen Schutz nahm und in allem wahrhaft mütterlich für mich sorgen wollte, aber kein sehr gehorsames Kind an mir fand. Da sie mit den angesehensten Familien der Stadt bekannt und zum Teil verwandt war, so bekam sie täglich Besuch von jungen hübschen Damen, denen sie mich vorstellte und deren Bekanntschaft ich hierdurch machte. Da kein Instrument im Haus war, so mietete ich ein Fortepiano, welches mir Madame Croizet erlaubte, in ihren Salon zu stellen. Ich war somit befugt, denselben zu jeder Stunde zu betreten. Herr Croizet, obgleich in Avignon geboren, hatte eine gute Portion Phlegma, bei einer ziemlichen Zahl von Jahren; er war Kaufmann gewesen, hatte sein Schäfchen ins Trockene gebracht und ruhte, wenn auch nicht gerade im Überfluß und auf Lorbeeren, so doch gemächlich auf seinem Errungenen aus. Ich schien ihm noch viel zu jung und unerfahren, als daß er mich für gefährlich gehalten hätte, und da er alle Nachmittage und die Abende bis elf Uhr in den Kaffeehäusern meistens mit Dominospielen zubrachte, so hatten wir völlig freies Spiel zu Hause. Der Dienst war nicht sehr beschwerlich; außer dem Exerzieren und den militärischen Promenaden hatten wir fast alle Zeit frei, und die Wachen kamen nur selten an mich.
Ein paar Tage nach unserer Ankunft hatte ich Briefe von meinen Eltern mit Empfehlungsschreiben an das Haus Blavet _et frères_, von dem mein Vater öfters französische Südweine bezogen, erhalten. Ich präsentierte mich bei demselben und wurde mit der zuvorkommendsten Artigkeit aufgenommen, erhielt häufige Einladungen zu Dejeuneurs, Diners und _parties de Campagne_, lernte in diesem Haus die ganze _beau monde_ von Avignon in ihrem Glanze kennen, und hatte auch bald, nach echt französischer Art, ein halbes Dutzend Amouretten von mehr oder weniger Bedeutung, mit mehr oder weniger Begünstigung. Madame Croizet war und blieb mir jedoch lieb und wert, besonders solange ich noch nichts wie einige Küsse im Vorübergehen von ihr erlangt hatte; um aber bald weiter zu kommen, suchte ich die Eifersucht zu rechter Zeit in Bewegung zu setzen, wozu mir ein besonderer Umstand günstig war, der mich zu dem Ziele brachte, das ich durch Bitten und Stürmen noch nicht hatte erreichen können. Eines Tages fand eine prächtige Prozession, ich weiß nicht mehr zu Ehren welches Heiligen, statt, die an dem Haus Croizets vorbeikam. Hier fanden sich viele Zuschauerinnen ein, um die Feierlichkeit bequem mit ansehen zu können. Unter ihnen war auch eine Cousine des Präfekten des Departements, ein charmantes Mädchen; dieser hatte ich zwar schon einigemal den Hof gemacht, aber heute stellte ich mich, als hätte ich nur Augen für sie, und dies setzte Madame Croizet in üble, mir aber günstige Laune. Als die Vorläufer der Prozession ankamen, wies Madame Croizet schnell jedem das Fenster an, durch welches er schauen sollte; sie entführte mir meine Schöne, und zwar in den zweiten Stock, und ich war somit von ihr getrennt. Sie selbst aber begab sich mit noch mehreren älteren Damen in mein Zimmer, das ebenfalls drei auf die Straße gehende Fenster hatte, da alle andern schon in Beschlag genommen waren, stellte sich mit mir unter eine der Fensterhallen, während die übrigen Damen die beiden andern zierten. -- Wohl, dachte ich, diesmal wirst du mir nicht so ganz ungerupft davonkommen, denn Aufsehen kannst du in dieser Lage nicht machen, Küsse und Umarmungen hast du mir ja schon gewährt, und kannst keinen Eklat machen, also frisch gewagt. -- Nachdem ich mich nun umgesehen und überzeugt hatte, daß uns die andern, ebenfalls in den Fensterhallen stehend, nicht sahen und alle ihre Aufmerksamkeit auf die sich nähernde Prozession gerichtet hatten, schlang ich meinen linken Arm um ihre schlanke Taille, sie fester und fester an mich drückend, und die Wangen der Dame glühten. -- Dies war mir für jetzt genug und ich flüsterte: »_A ce soir?_« -- Keine Antwort. -- »_A quelle heure?_« -- Noch immer stumm. -- »_A onze heures ou a minuit?_« -- Noch immer kein Laut. -- »_Mais pour l'amour de dieu quand donc?_« -- Endlich ein: »_Laissez moi tranquille pour l'amour de dieu!_« -- »Nicht eher bis ich weiß, wann?« -- »_Eh bien à minuit, mais finissez donc!_« Jetzt nahm ich ihre Hand, drückte sie fest an meinen Busen, und sagte, ich hoffe, daß sie Wort halten würde. Daß uns Herr Croizet nicht im Wege stehe, wußte ich, denn er hatte sein besonderes Schlafzimmer in einer höhern Etage. Aber der Zufall wollte, daß ich nicht einmal so lange mehr auf die versprochene Schäferstunde warten sollte, sondern diese mir denselben Nachmittag noch wurde. Als das ganze Haus, bis auf Madame Croizet und ich, die wir allein zurückgeblieben waren, von allen Bewohnern verlassen war, um der Kirchenfeierlichkeit beizuwohnen, erlangte ich auf der Ottomane des Salons, was ich wünschte, und erschöpft ruhten wir Arm in Arm, als uns das Klingeln der Haustüre aufjagte und trennte, und die Zofen heimkamen. Denselben Abend brachte ich bei Blavets zu, wo ich wieder die hübsche Cousine des Präfekten, Amelie, traf, und fortsetzte, wo ich es am Morgen gelassen hatte. Daß hier nicht viel zu erreichen war, wenn ich nicht ernstliche Absichten blicken ließ, wozu ich ebensowenig Lust hatte, als Aussicht dazu vorhanden gewesen, denn die nächste zu einer Heirat war wohl ein Kapitänspatent in noch unabsehbarer Ferne, war mir bald klar, und ob ich gleich ewige Liebe und Treue versicherte, wurde mir außer einem verstohlenen Händedruck und einem Kuß zum Abschied nichts gereicht. Dagegen war ich weit glücklicher bei einer allerliebsten Grisette, die _vis-à-vis_ von mir wohnte, aber schon einen Liebhaber hatte. Wir wechselten erst Blicke, dann Kußhände und endlich kleine Zettelchen, die ich um einen kleinen Stein gewickelt in das offene Fenster gegenüber warf. Es kam bald zu einem Rendezvous und zwar zuerst in der stillen Franziskanerkirche, wo wir uns verständigten und spätere Zusammenkünfte in der Wohnung einer ihrer Freundinnen verabredeten, die ich aber bald wieder zu vermeiden für gut fand; nicht so das Mädchen, das diese Intrige durchaus fortsetzen wollte, und es so auffallend machte, daß nicht nur die Nachbarschaft und Madame Croizet das Verhältnis merkten, sondern auch ihr Liebhaber Lunte roch und eifersüchtig ward. Ich war dann abends mehr als einmal Ohrenzeuge von heftigen Szenen, die zwischen beiden vorfielen, konnte aber wenig verstehen, da sie sich in dem Patois Avignons, das schon ziemlich dem Provenzalischen gleicht, zankten; doch merkte ich wohl, daß Madame Croizet das Feuer geschürt haben mußte; jeder Streit endigte aber immer mit einer zärtlichen Versöhnung, nachdem Annette, so hieß das Mädchen, ihrem Geliebten unerschütterliche Treue und ewige Liebe geschworen hatte. Ich machte der Sache ein Ende, indem ich Annetten ein kleines silbernes Körbchen, mit Orangenblüten gefüllt, unter denen ein Billettchen verborgen war, zuschickte, in welchem ich ihr den guten Rat erteilte, sich in Zukunft allein an ihren Liebhaber zu halten, der sie auch ehelichen wolle. Mit Madame Croizet hatte ich aber manchen Strauß deshalb zu bestehen, bis wir bald darauf an der Quelle zu Vauclüse einen ewigen Frieden auf kurze Zeit schlossen.
Schon seit einiger Zeit hatte ich eine Partie nach Vauclüse beabsichtigt, die jetzt zustande kam. Ich wußte es auch zu veranstalten, daß Amelie an derselben teilnehmen konnte, damit wenigstens doch auch eine Laura dabei war, denn meine Haustyrannin, das war Madame Croizet wirklich geworden, konnte mir keine solche mehr sein; freilich war auch ich nichts weniger als ein Petrarka. --
An einem Sonnabend fuhren wir fast mit Sonnenaufgang von Avignon ab. Von der Partie war auch noch eine jüngere Schwester der Madame Croizet, eine hübsche Witwe, die sonst nur selten in das Haus kam, und, wie ich später erfuhr, die Geliebte des Präfekten war. Auf dem Wege durch die reizende Gegend bis zum Städtchen l'Ile war Amelie mein Visavis im engen Wagen, deren Knie zwischen die meinigen eingeengt, so daß ich sie bei jedem Stoß über eine holprige Stelle zusammendrücken mußte und auch oft ohne eine solche Veranlassung zusammendrückte, wobei die Blicke des holden Mädchens jedesmal verlegen, sowie die der Dame Croizet, wenn sie etwas bemerkte, finster und gewitterschwanger wurden. In l'Ile stiegen wir aus und legten, nachdem wir vor dem Ort in dem Hotel, welches das Aushängeschild >Petrarka und Laura< führt, ein gutes Diner für den Abend bestellt hatten, den übrigen Teil des Weges durch das schöne und wilde Felsental Valla Clausa zu Fuß zurück. Ungefähr eine Stunde von l'Ile liegt das Dörfchen Vauclüse, das kaum ein Viertelhundert Häuser zählt. Auf einem steil hervorstehenden überhängenden Felsen sieht man die Ruinen eines alten Schlosses, das vor Zeiten der Familie von Sade gehörte. Der Volksglaube hält es für Petrarkas Wohnung und nennt es mit seinem Namen. Unter diesem Felsen liegt das Dörfchen Vauclüse, zu dem man über eine hölzerne Brücke durch ein düsteres Felsengewölbe gelangt. Eine Papiermühle, welche fast sämtliche Einwohner des Orts, kaum mehr als hundert Seelen, ernährt, steht alten Nachforschungen zufolge an der Stelle, wo Petrarkas kleines Wohnhaus war, sein zweiter Garten aber, den er den transalpinischen Parnaß nannte, lag unfern der Quelle. Es war im Jahre 1357, als sich der treffliche Dichter hier niederließ; seine Wohnung erbaute er ungefähr 250 Schritte von dem Felsental entfernt; hier war er mit seinen Büchern, den Musen, einem treuen Hund und zwei Personen zu seiner Bedienung und Gesellschaft, allein, lebte seinen Träumen, seiner Sehnsucht, seinen Phantasien, und nannte sich selbst >den Eremiten von der Sorgue<. Als Schäfer gekleidet ging er auf den Fischfang, pflückte Mandeln und Feigen, verschaffte sich so sein Mittagsbrot und schrieb seine Lobrede auf die Einsamkeit, seine Ansichten über das Mönchsleben, sein Gedicht über Scipio, seine _fastes de Romae_ und so weiter, führte dabei ein beschauliches Leben und schilderte in seinen Briefen die reizende Einsamkeit desselben mit den verführerischsten Farben. Seine Laura sah er hier nie, sondern klagte nur den Felsen der Valchiusa, in deren Echo seine Seufzer widerhallten, sein Sehnen und seine Leiden; doch hatte er eine Gesellschafterin bei sich.