Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 2

Chapter 23,647 wordsPublic domain

Als endlich der hochwürdige Pastor Stark in seinem protestantisch-geistlichen Kostüm mit breitem Lutherkragen, wie sie zu jener Zeit die lutherischen Pfarrherrn in Frankfurt trugen, die Taufhandlung beendigt hatte, übergab er den kleinen Schreihals dem Paten, und dieser überreichte ihn der Wartfrau Greifenstein mit den Worten: »Wohlan, junger Weltbürger, suche deinen Weg in dieser Welt voll Eitelkeit zu machen; es scheint, du bist mit einer guten Lunge begabt, dies ist schon etwas, du kannst es einmal bis zum Stadtamtmann, wohl gar zum einjährig wohlregierenden und gestrengen Bürgermeister in unserer guten Republik bringen.«

Nach beendigter Zeremonie empfahl sich der Pastor, nachdem er sich noch durch ein paar Gläser Malaga erquickt hatte. Die übrige Gesellschaft, von seiner etwas genierenden Hochwürden befreit, überließ sich nun ungestört den Genüssen, welche ihr die Freigebigkeit des Herrn vom Hause und Vaters des Getauften, Herrn Fröhlich, bereitet hatte. Perlender Niersteiner und uralter Hochheimer Dompräsenz wurden reichlich kredenzt, sowie flüssige und kompakte Süßigkeiten für die Damen.

Man war eben im Zug, sich so recht _en_ Gevatter zu vergnügen, als die Frau Oberstin und Stadtkommandantin plötzlich ausrief: »Ach, mein Herr Jesus, wir sind ja zu dreizehn!«

»Hast du mich nicht erschreckt,« sagte Frau Rat Goethe etwas ärgerlich zu ihrer Schwester.

»Und was ist's denn weiter? Wir haben ja zu essen und zu trinken für mehr als dreißig,« sagte der Antiquarius, Goethes Tante ein Glas hundertjährigen Hochheimer präsentierend, und setzte hinzu: »Auf Ihre Gesundheit, Frau Gevatterin!«

»Wir wissen schon lange, daß Sie ein arger Freigeist sind, Herr Fahrtrapp,« erwiderte die Oberstin, das dargebotene Glas ausschlagend, »aber wer weiß, was noch aus Ihnen dereinst werden wird.«

»Was aus uns allen, Frau Gevatterin; die Substanz meines Leibes verspeisen meine Urenkel vielleicht einmal in einem saftigen Hammelbraten oder gar in einem Spanferkel, und meine Seele -- je nun, ein großer Bösewicht bin ich nie gewesen, so wird sich wohl auch noch für diese ein Plätzchen im Elysium finden.«

»Aber um Himmelswillen, Herr Bruder,« fiel nun Schöffe Weller dem Sprecher in die Rede, »laß doch dies bei einem Tauffest so unpassende Gesalbader.«

»Gerade bei einer Taufe möchte es am passendsten sein, denn jeder Neugeborne ist doch nur ein Kandidat des Todes. Doch das beiseite, muß ich selbst gestehen, daß es mir eines Tages bei einem Mahl, bei dem wir zu dreizehn waren, gewaltig unbehaglich wurde.«

»Wieso?« fragte Herr Scholze.

»Aha, Herr Freigeist, jetzt kömmt's,« sagte die Stadtkommandantin.

»Ja, jetzt kömmt's,« fuhr der Antiquar fort, »denn es war kaum für sieben zu essen da, und Sie werden mir allerseits eingestehen, daß dies eine große Fatalität ist. Es war bei dem seligen Senator Brenner.«

»Aber wie zum Henker kamen Sie dazu, bei diesem Filz zu speisen?« fragte der Oberst Schulter, »diesem wahrhaften Hieronymus Knicker, dem größten Geizhals auf hundert Meilen in der Runde. Der hat mir nie ein Glas Wein angeboten, so oft ich auch in Kriegszeugamtsangelegenheiten zu ihm kam und ...«

»Aber mit all dem Gerede sind wir noch immer zu dreizehn,« unterbrach Frau Schulter ihren Mann halb im Zorn.

»Ja, wenn du uns verlassen wolltest, wären wir gerade noch ein Dutzend, mein Schatz,« erwiderte der Oberst seiner Ehehälfte.

»Um Himmelswillen nicht, Frau Oberstin,« rief der Antiquar, »wer zuerst weggeht, stirbt auch zuerst.«

Die Oberstin war indessen von ihrem Stuhl aufgestanden und hatte bis zur Hälfte den Weg zur Zimmertür zurückgelegt, unschlüssig, was sie tun sollte; endlich wandte sie sich an Frau Scholze und bat diese, sich mit ihr zugleich zu entfernen.

»Leiden Sie das nicht, Herr Scholze,« sagte Herr Fahrtrapp, »sonst verlieren Sie Ihre schöne Frau, die dann in Kompagnie mit der Oberstin stirbt.«

»Herr Rasor, Herr Fahrtrapp, ich hoffe, daß Sie so galant sind, mich zu begleiten.«

»Oh, daß ich ein Narr wäre,« antwortete der letztere, »die Galanterie gegen die Damen geht nicht bis zum Tod. Wenden Sie sich doch an Ihren Herrn Gemahl, dann haben Sie auch das Vergnügen, als Ehepaar das Himmelreich zusammen zu betreten.«

»Nun, Kaspar, so komm, wir wollen gehen.«

»Mit nichten, liebes Weib, und am allerwenigsten, wenn ich bei altem Hochheimer sitze, möchte ich diesen im Stich lassen, um in den -- Tod zu gehen. Sei keine Närrin und setze dich wieder zu uns.«

Frau Schulter suchte noch einige andere Personen zu bewegen, sich mit ihr zu entfernen, aber zu ihrem großen Verdruß spielten alle die Gefühllosen und die Tauben, namentlich auch die Frau Rat Goethe, welche endlich zu ihrer Schwester sagte:

»Schäme dich doch, die Tante meines Wolfgangs, und so abergläubisch; du machst der ganzen Familie Schande.«

Die Oberstin nahm endlich mit einem süßsauern Gesicht ihren Platz wieder ein.

»Dein Wolfgang, geh mir nur mit dem, das ist mir auch der Rechte, der glaubt an keinen Gott und an keinen Teufel mehr, an dem werden wir noch schöne Dinge erleben.«

»Frau Schwester, das verbitte ich mir, sein Werther hat die ganze Welt entzückt und gerührt und mehr Tränen vergießen machen, als ... als ...«

»Als Wein in allen Kellern Frankfurts ist,« fiel der Oberst ein.

»Das wollte ich gerade nicht sagen,« fuhr die Frau Rat fort, »aber Werther, Götz von Berlichingen und Clavigo haben ihm in ganz Deutschland einen Namen gemacht, wenn man in Frankfurt auch diese Werke nicht nach Verdienst zu schätzen weiß[2]. Kein Prophet gilt in seinem Vaterland, und am wenigsten in unserer freien Reichsstadt, da kennt man keinen andern Klang als Batzengeklimper und höchstens den der Posthörner, wenn sie Passagiere verkünden. Aber die Nachwelt, die Nachwelt wird noch erkennen, was ich ihr für ein Geschenk mit meinem Wolfgang gemacht, und wenn wir lange nicht mehr sind, wird Frankfurt stolz auf meinen Sohn sein!«

[Fußnote 2: Man vergesse nicht, daß Frau Rat Goethe im Jahr 1789 spricht.]

»Mag sein,« sagte der Antiquar, »wünsche Glück dazu, aber was nützt es mir, daß der Schornstein vom Bratendampf raucht, wenn ich nicht mehr genießen kann.«

»Eigne Schuld, Herr Fahrtrapp, hatte Ihnen mein Sohn den Werther nicht zu Verlag angeboten?«

»Ich befasse mich nicht mit so sentimentalen Produkten.«

»Aufrichtig, lieber Herr Fahrtrapp, wenn Sie gewußt hätten, was diese Sentimentalität einbringt, Sie würden ihr gewiß die Ehre Ihres Verlags erwiesen haben.«

»Um Vergebung, nein, aber wäre es sein Götz gewesen, den mir Ihr Herr Sohn angeboten, dann würde ich sogleich mit beiden Händen zugegriffen haben.«

»Bei seiner letzten Anwesenheit las mir der Wolfgang einige Stellen aus einem Manuskript, Faust betitelt, vor,« sagte die Frau Rat, »da hätten Sie hören sollen, welcher Gedankenflug des menschlichen Geistes, welche sublimen Ideen ... und diesen Geist habe ich geboren.«

»Halt's Maul, Schwester, mit Respekt vor der ehrbaren Gesellschaft, da hast du einen saubern Geist geboren! Er hat seinem Oheim, meinem Mann, auch ein Stück von diesem Faust vorgelesen, das ist ein sündhaftes, gottloses Werk, das mich aus der Stube getrieben hat; wenn er das drucken läßt, dann soll er nicht mehr sagen, daß ich seine Tante bin, ich müßte mich zu Tode schämen; unsern lieben Herrgott läßt er darin eine Unterredung mit dem Teufel haben, gerade wie wenn er wie unsereins wäre; ist das nicht himmelschreiend? Ich würde mich zu Tode grämen, wenn ich so einen gottlosen Sohn hätte. Unsern Herrgott mit allerlei Lumpengesindel, Komödianten, Hexen, Dichtern und andern Hanswursten in einer Komödie auftreten zu lassen! bewahre mich unser Heiland. Aber das ist die Folge eurer freigeisterischen Erziehung. Schon als Kind hat der Wolfgang immer mit Puppenspielen und dem gottlosen Komödienwesen zu tun gehabt, da haben sie den Jungen in der Messe in die Marionetten gehen lassen, und da hat er den Faust und all das Unwesen gelernt und abgeguckt; wie oft habe ich dir nicht gesagt, daß du dies nicht dulden solltest, es würde nimmer etwas Gutes daraus entstehen, und nun haben wir die Bescherung.«

»Nimm mir's nicht übel, liebe Schwester, aber allen Respekt vor der Gesellschaft, du bist eine alberne Gans. Was kann man auch anders von Leuten erwarten, die sich fürchten, zu dreizehn an einem Tische zu sitzen. Übrigens begreife ich gar nicht, wie sich so fromme und gläubige Seelen wie du vor dem Tod fürchten können, da ihnen doch das Himmelreich mit all seinen Freuden gewiß ist; sie sollten sich im Gegenteil freuen, dieses irdische Qualtal je eher je lieber zu verlassen, um baldmöglichst der himmlischen Glückseligkeit teilhaftig zu werden; ihre Todesfurcht und ihr Glaube sind schwer zu erklärende Widersprüche, der letztere muß eben nicht sehr kapitelfest sein.«

»Ja, wenn die geheimen Sünden nicht wären,« versetzte mit einem boshaften Seitenblick Herr Fahrtrapp. »Doch lassen wir das, die Frau Oberstin muß sich nun schon drein geben, zu dreizehn zu bleiben, wenn sie nicht zuerst sterben will, und wenn es ans Weggehen kömmt, will ich ihr auch den Gefallen tun, zuerst zur Türe hinauszugehen, sollte ich auch zuerst abfahren müssen. Einstweilen wollen wir aber noch wacker auf die Gesundheit des neuen Christen trinken.«

»Sehr verbunden, lieber Oheim,« erwiderte Herr Fröhlich.

»Und du wirst uns mit einigen Schnurren unterhalten, damit wir die fatalen dreizehn vergessen,« sprach Schöffe Weller zu seinem Schwager.

»Mit Vergnügen,« versetzte der Antiquarius.

Unterdessen war die Wartfrau Greifenstein wieder in das Zimmer getreten, und Frau Schulter hatte sie gepackt und ließ sie nicht mehr weg, indem sie sagte, sie wolle selbst von Zeit zu Zeit nach der Wöchnerin und ihrem Kind sehen und diese versorgen. Der guten Frau war ein großer Stein vom Herzen gefallen, denn sie waren ja nun zu vierzehn.

Nachdem Herr Fahrtrapp nochmals den großen silbernen Taufpokal mit Hochheimer gefüllt, auf das Wohl des Hausherrn und seines Erstgebornen getrunken, ihn dann in der Reihe hatte herumgehen lassen, sprach er mit erhobener Stimme: »Damals, als Herr François Arouet von Voltaire in unsern Mauern ...«

»Nichts von Voltaire, Herr Fahrtrapp, nichts von Voltaire,« riefen mehrere Stimmen zugleich, »diese Geschichte haben wir schon zur Genüge gehört.«

»Tut nichts, Sie können sie immer noch einmal hören,« erwiderte der Antiquarius etwas unwillig.

»Und ich kenne sie noch gar nicht,« sagte Herr Scholze, der Bremer Millionär, »was hat es denn für eine Bewandtnis damit?«

»Ach, es ist eben nicht viel daran,« murmelte Herr Weller.

»Was, nicht viel daran? Ei, dich soll ja ... ja, wärest du nicht mein lieber Schwager, so ... Voltaire, und nicht viel daran! Weißt du, daß alles, was Voltaire berührt, groß ist?«

»Dann mußt du freilich auch ein großer Mann sein,« erwiderte Herr Weller, »da auch du in Berührung mit ihm gekommen bist.«

»Keinen unzeitigen Spaß, Herr Schöffe, ich weiß recht gut, daß euern hochobrigkeitlichen Ohren die Geschichte nicht allzu wohl klingt, und zwar aus sehr handgreiflichen Ursachen; aber da kehre ich mich nicht daran, darum hören Sie, Herr Scholze, ich will Ihnen mit zwei Worten sagen, was an der Sache ist. Als Herr von Voltaire auf Befehl des großen Friedrich gezwungen ward, wohlbewacht in unserer kaiserlichen freien Reichsstadt unfrei zu verweilen, hatte ich Gelegenheit, diesem damals verfolgten großen Genie einige kleine Dienste zu erweisen. Die hiesigen Behörden hatten sich, mit Gunst, Herr Schwager Schöffe, eben nicht zum ehrenvollsten bei dieser Gelegenheit benommen. Es war im Monat Juni des Jahres 1753, als der selige Buchhändler Van Düren vom Herrn von Voltaire, der wegen einem Manuskript Friedrichs des Großen auf dessen Verlangen in Frankfurt festgehalten und von zwölf Soldaten unserer achtbaren Miliz bewacht wurde, hundert Dukaten in Gold für ein anderes Manuskript von diesem König, das den Titel >Antimacchiavell< führte und er auf Voltaires Veranlassung gedruckt hatte, forderte. Der in jenem Jahr wohlregierende Bürgermeister Fichard ließ mich rufen, um mein Gutachten in dieser verdrießlichen Sache zu hören. Nachdem ich mich genau von allen Umständen unterrichtet hatte, fiel dasselbe dahin aus, daß Van Düren höchstens zwanzig Dukaten in Anspruch nehmen könne, und Herr von Voltaire hatte es mir zu verdanken, wenn er mit dieser geringen Summe und einigen Plackereien, denen die Fremden häufig bei uns ausgesetzt sind, davon kam[3]. Bei dieser Gelegenheit hatte ich öfters Unterredungen mit diesem großen Manne und wurde dadurch instand gesetzt, ihn gehörig zu würdigen, auch entsinne ich mich noch jedes Wortes, das zwischen uns gewechselt wurde, und besonders, was er über unsere Regierung äußerte, was ich mich aber wohl hüten werde zu wiederholen, um die etwas empfindlichen Ohren unserer hohen Obrigkeit nicht zu beleidigen.«

Bei diesen Worten warf der Sprecher einen Blick auf den Schöffen und fuhr fort:

»Was mich anbetrifft, so zeigte sich der große Mann ungemein erkenntlich für die geringen Dienste, die ich ihm geleistet hatte, und bei der letzten Unterredung, die ich mit ihm gehabt, sagte er, mich vertraulich auf die Schultern klopfend:

>Mein werter Freund, Sie haben großes Unrecht, in einer Stadt zu bleiben, wo man Ihre Verdienste so wenig zu würdigen versteht; an Ihrer Stelle würde ich dieses Land verlassen und mich in der Hauptstadt der zivilisierten Welt, zu Paris, niederlassen, dort ist das Feld für Männer Ihres Schlages, und wenn ich Ihnen daselbst nützlich sein kann, so dürfen Sie nur über mich gebieten, mit Vergnügen würde ich für Sie tun, was in meiner Macht steht.<

[Fußnote 3: Voltaire selbst erzählt die ihn betreffenden Frankfurter Vorfälle ganz ähnlich, nur etwas zugespitzter.]

Ich bemerkte jedoch dem großen Geist, daß meine Geschäfte eine solche Ortsveränderung nicht zuließen, dankte für das gütige Anerbieten und sagte ihm, daß, wenn für den kleinen Dienst, den ich so glücklich war ihm erweisen zu können, er mir eine andere Gunst erzeigen wolle, mich dies überaus glücklich machen würde.

>Und was wünschen Sie, lieber Fahrtrapp, sprechen Sie, wenn es in meinen Kräften steht, mit Vergnügen ... Was ist's?<

>Mein Begehren wird Ihnen ein wenig sonderbar vorkommen, aber Kaiser Karl VII. hat mich auf gleiche Weise für einige ihm erwiesene Dienste belohnt.<

>Nun, so reden Sie.<

>Ich mag es kaum.<

>Wagen Sie immerhin.<

>Sehen Sie, Herr von Voltaire, ich wünschte ein kleines Andenken von Ihnen zu besitzen, das mich zeitlebens daran erinnerte, das Glück gehabt zu haben, Ihre Bekanntschaft zu machen.<

>Sehr gerne, Herr Fahrtrapp, ist Ihnen vielleicht mit einer meiner Dosen, einer Uhr, einem Ring gedient, Sie dürfen nur sprechen ...<

>Nichts von allen dem, ich bin viel bescheidener, unbescheidener wollte ich sagen.<

>Nun, endlich heraus damit, was wünschen Sie?<

>Eine -- eine Ihrer Perücken, eine von denen, die Sie schon oft getragen.<

>Seltsame Grille! Doch es sei Ihnen gewährt,< antwortete das Genie mit einem etwas faunartigen Lächeln.

>Tausend Dank, wertester Herr von Voltaire, ich werde das kostbare Geschenk höchst in Ehren zu halten wissen und mein Haupt nur bei den allerhöchsten Feiertagen, wie bei einer kaiserlichen Krönung oder dem Begräbnis eines wohlregierenden Bürgermeisters oder dem Leichenschmaus eines bürgerlichen Fähnrichs damit schmücken. Außerdem wird das teure Andenken in meinem wohlverwahrten Schrank von Ebenholz auf demselben Perückenstock ruhen, den schon eine kaiserliche Perücke ziert, die ich ebenfalls das Glück habe zu besitzen.<

>Wie, Sie sind im Besitz einer kaiserlichen Perücke?<

>Freilich, der Monarch verehrte sie mir noch an dem Tage vor seiner Abreise.<

Um der Sache ein Ende zu machen, meine Herren, ich war so glücklich, das gewünschte Andenken aus Voltaires eigenen Händen zu empfangen, es ist eine der schönsten Perücken, die ich je gesehen, von einem der ersten Pariser Haarkünstler verfertigt. Erst dreimal habe ich mich damit geschmückt, einmal bei der Krönung unsers Kaisers Joseph II. im Jahr 1764, das zweitemal vor vier Jahren, als der weltberühmte Blanchard auf unserer Bornheimer Heide die erste Luftschiffahrt in Deutschland machte, und endlich heute zu Ehren des nun Getauften: sehen Sie, das ist sie.«

Herr Fahrtrapp nahm nun die Perücke von seinem Kopfe und ließ sie der Reihe nach von den Anwesenden bewundern. Als sie alle gehörig und nach allen Seiten betrachtet hatten, nahm sie der Besitzer wieder zu sich und setzte sie sich selbst auf das platt geschorene Haupt, indem er sprach: »Aber bei Blanchards Luftfahrt wäre ich beinahe um diese kostbare Reliquie gekommen.«

»Wieso, Herr Fahrtrapp?« fragte Herr Scholze.

»Bei diesem noch nie gesehenen Schauspiel, das aber an dem dazu bestimmten Tage aus besonderen Ursachen, die Sie sogleich hören werden, nicht stattfinden konnte ...«

»Höre, Bruder,« fiel ihm Weller in die Rede, »mache keine so lange Brühe um diese ebenfalls schon hundertmal erzählte Geschichte, oder erlaube mir, daß ich sie den Herren in wenig Worten mitteile.«

»Nach Belieben, mein hochweiser, großgünstiger, auch wohlfürsichtiger et cetera Herr Schöffe.«

»Gut, also hören Sie,« begann nun Weller. »Den siebenundzwanzigsten September siebzehnhundertfünfundachtzig, an dem Blanchard Deutschland mit dem noch nie gesehenen Schauspiel einer Luftschiffahrt erfreuen wollte, hatte sich eine unzählige Menge Menschen aus allen Winkeln und Enden des deutschen Reiches nebst vielen Standespersonen in und um Frankfurt eingefunden, so daß in der ganzen Stadt in keinem Gasthof und in keinem Privathaus ein Unterkommen mehr zu finden war. Nur mit Mühe hatten wir uns, mein Schwager und ich nebst unsern Frauen, Plätze im ersten Rang des mit Brettern vernagelten Rondels zu einer Karolin in Gold den Platz verschaffen können, der zweite Rang wurde mit einem Dukaten und der dritte mit einem halben Dukaten bezahlt. Trotz dieser hohen Preise waren alle Plätze schon mehrere Stunden vor der zum Aufsteigen bestimmten Zeit besetzt, und außerhalb dieses Raumes harrten wohl über zweihunderttausend Zuschauer des nie gesehenen Schauspiels.

Endlich war alles zur Auffahrt bereit; da wollte der Erbprinz von Hessen-Darmstadt durchaus und trotz allem Widerreden seiner hohen Anverwandten die halsbrechende Fahrt mitmachen. Schon hatte er neben Blanchard nebst noch einem Herrn in dem verhängnisvollen Schiffchen Platz genommen und eben sollte der Ballon abgeschnitten werden, um sich zu erheben, als ein pfeifenartiges Sausen dicht an dem linken Ohr meines erschrockenen Schwagers vorbeistrich, und in demselben Augenblick erhielt der Ballon auch ein Loch, aus welchem das Gas entströmte, er schrumpfte allmählich zusammen und fiel endlich nieder. Blanchard selbst war über diesen Vorfall so erschrocken, daß er die Sprache samt dem Kopf verloren zu haben schien, und die Zuschauer, besonders die nichtzahlenden außerhalb der Rotunde, gerieten in großen Aufruhr und wurden fast wütend, sie glaubten, man habe sie nur foppen wollen und zum besten gehabt. Ich sah den Augenblick kommen, wo man den armen Luftschiffer in Stücke reißen würde. Nur durch die unerhörtesten Anstrengungen einiger angesehenen Personen gelang es, ihn der Wut des Pöbels zu entziehen. Der Fürst von Nassau-Weilburg nahm ihn in seinen Wagen, der durch eine starke militärische Bedeckung geschützt wurde, und brachte ihn so mit heiler Haut in sein Quartier im Gasthof zum goldnen Löwen zurück.

War Blanchard durch diesen Unfall sehr ergriffen, so war es mein werter Schwager nicht minder, denn stellen Sie sich vor, daß, als man, alle Zucht und Ordnung beiseite setzend, die bretternen Schranken niederriß und in das Sanktissimum einstürmte, auch er von einem panischen Schrecken ergriffen, gleich den andern in der allgemeinen Flucht mit fortgerissen, niedergeworfen und mit Füßen getreten wurde, und als es ihm nach vielen vergeblichen Anstrengungen gelang, sich wieder zu erheben, siehe, da war er hut- und perückenlos. Sie können sich nun seinen Schmerz vorstellen, als er den nicht mehr zu ersetzenden Verlust dieses Kleinods wahrnahm. Den kommenden Tag ließ mein Schwager durch Trommelschlag bekannt machen, daß derjenige, der ihm seine Perücke wiederbringen würde, eine Belohnung von fünfzig Dukaten in Gold erhalten solle, und noch ehe sich der Tag neigte, brachte ihm ein ehrlicher Fleischer gegen Empfang der Dukaten, die er diesem unter Freudentränen einhändigte, den unersetzlichen Haarschatz, wenn auch etwas übel zugerichtet. Dies, meine Herren, der Hergang dieser merkwürdigen Begebenheit.«

»Aber wie endigte es mit Blanchard?« fragte Herr Schulze.

»Dieser kündigte die Luftfahrt für einen andern Tag an, sowie daß er diesmal das Schiffchen allein besteigen würde. Dieselbe ging auch in der Tat Montags den dritten Oktober über alle Erwartung gut von statten. Um zehn Uhr morgens erhob sich der Ballon majestätisch unter dem Jubel- und Freudengeschrei von mehr als hunderttausend Kehlen und dem Beifallklatschen von ein paarmal hunderttausend Händen Blanchard, eine weiße Fahne schwingend, schwebte bald hoch über uns, und in weniger als vierzig Minuten legte er mehr denn fünfzehn Stunden zurück. Als er sich in der Gegend von Weilburg herablassen wollte, nahmen mehrere Hirten und Landleute die Flucht, wähnend, daß irgendein übernatürliches Wesen oder der Gottseibeiuns selbst durch die Lüfte herabfahre. Dies kann nicht auffallen, wenn man bedenkt, daß noch wenige Jahre früher man denjenigen, der nur von der Möglichkeit einer Luftschiffahrt gesprochen, für närrisch, und den, der sie wirklich vollbracht, für einen Zauberer gehalten haben würde und ihm als einem solchen den Prozeß gemacht und ihn wahrscheinlich verbrannt hätte. Ein Schäfer und ein Junge von fünfzehn Jahren schnitten sogar die Stricke entzwei, mit denen Blanchard die Anker geworfen hatte. Endlich gelang es ihm mit Hilfe einiger vernünftiger Leute, in der Nähe von Weilburg die Erde zu erreichen.

Den folgenden Tag fuhr er in einem fürstlichen Wagen vierspännig nach Frankfurt, wo man so außerordentliche Vorbereitungen gemacht hatte, als gälte es ein gekröntes Haupt zu empfangen. Man führte ihn in das Theater, wo ihm Pauken und Trompeten entgegenschmetterten und die Vivats gar kein Ende nehmen wollten. Als der Vorhang in die Höhe gegangen war, krönten die Schauspieler in phantastischen Feierkleidern seine Büste mit Lorbeeren und deklamierten ihm zu Ehren ein in französischer Sprache abgefaßtes Festgedicht mit echt deutschem Akzent. Nach dem Schauspiel wurde ihm ein herrliches Souper gegeben, das mein werter Herr Schwager hier angeordnet hatte und dem viele hohe Standespersonen und Gesandte beiwohnten. Auf den folgenden Tag wurde ein noch prächtigeres Mittagsmahl im Gasthof zum römischen Kaiser veranstaltet, dessen Anordner ebenfalls Herr Fahrtrapp war, der, wie Sie wissen, jeden Sonn- und Feiertag daselbst zu speisen für gut findet.«

»Herr Bruder, ich verbitte mir dergleichen Anmerkungen, die nicht zur Sache gehören,« fiel hier der Genannte ein.

»Man unterbreche mich nicht zur Unzeit,« versetzte Herr Weller und fuhr fort: »Der Gefeierte wurde abermals mit Trompeten empfangen, und um ihn zu belustigen, warf man vom Balkon unter das vor dem Haus versammelte Volk Geld herab. Bis beinahe zur einbrechenden Nacht saß man zu Tisch, von dem man aufstand, um den kühnen Luftschiffer abermals in das Theater zu führen; diesmal waren es jedoch nicht Pferde, sondern Menschen, die, seinen Wagen ziehend, die Viehdienste versahen und dafür reichlich aus unserm Stadtärarium belohnt wurden. Mit noch größerer Feierlichkeit als das erstemal wurde er im Schauspielhaus empfangen. Der Saal war auf das prächtigste ausgeschmückt und erleuchtet, man führte ein Stück auf, das man ihm zu Ehren eigens in der Eile verfaßt hatte, und ein köstliches Nachtmahl, dem mehrere fürstliche Personen und Prinzen beiwohnten und das bis lange nach Mitternacht währte, beschloß endlich das dreitägige Fest.