Part 15
Die Zeit meines Urlaubs war um, und zum zweitenmal nahm ich vom Vaterhaus und der ganzen verwandtschaftlichen Sippschaft einen herzbrechenden Abschied; manche von ihnen glaubten, daß Toul schon außer der Welt liege, aber Sophia von La Roche meinte, sie würde es noch erleben, mich mit Generalsepauletts geschmückt zurückkehren zu sehen. Nochmals reichlich mit Mutterpfennigen versehen, bestieg ich den Mainzer Postwagen, in dem ich nur einen einzigen Passagier, und zwar ein zierliches, niedliches junges Mädchen, antraf, mit der ich bald eine interessante Unterhaltung anknüpfte und von der ich erfuhr, daß sie die Geliebte des damals sich in Hanau aufhaltenden Marquis von Chastteler sei und auf acht Tage nach Mainz gehe, um ihre daselbst wohnenden Eltern, ganz ehrsame Bürgersleute, zu besuchen. Nichts war wohl geeigneter, meine durch den Abschied und Mimis Tod etwas düsteren Gedanken zu verscheuchen, als eine so hübsche Gesellschafterin _tête-à-tête_ in dem engen Raum eines Postwagens; auch kam mir die Reise trotz des Schneckenganges eines Postwagens jener Zeit gewaltig kurz vor. In Hattersheim, wo umgespannt wurde, nahmen wir ein kleines, aber fröhliches Mahl ein, nach dem wir uns wieder vergnügt in den alten Rumpelkasten sperren ließen, und waren bald einverstanden, daß wir unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit -- denn käme es an den Tag, so wäre Susannchen, so hieß die kleine Lose, um ihre Stelle bei dem Herrn Marquis gekommen -- beide in Kassel im >Schwarzen Bären< übernachten wollten, wo wir uns zwar zwei Zimmer, die jedoch im Innern miteinander kommunizierten, geben ließen. Erst gegen mittag des andern Tages gingen wir müde und ermattet über die Rheinbrücke, wo ich Susanna an das Haus ihrer Eltern begleitete, und beim Abschied das Geheimnis zu wahren und sie zu besuchen versprach; ich hielt in beiden Wort, bis Chastteler längst verfault, und die Götter mögen wissen, was aus Susanna geworden ist. Die nächste Nacht schlief ich wieder allein in meiner hohen Burg und zwar so vortrefflich, daß mich schwerlich eine Kanonade aus dem Schlaf geweckt haben würde. Ich meldete nun meine Zurückkunft dem sich noch immer in Mainz befindlichen Quartier-Maitre Viriot, der mich recht freundlich bewillkommte und mir ankündigte, daß in einigen Tagen ein Transport von etwa sechzig Mann Rekruten zum Regiment abgehen müsse, den er mir zur Führung übergeben würde, da ich der einzige jetzt noch in Mainz vorhandene Unteroffizier desselben sei. Ich fühlte mich hierdurch nicht wenig geehrt und besuchte einstweilen meine Mainzer Bekannten; aber mit beklommenem Herzen und nicht ohne ein peinliches Gefühl von Wehmut betrat ich das Haus des Hofrats Jung, denn ich hielt es für ziemlich gewiß, die Ursache des Todes dieses hoffnungsvollen Mädchens zu sein, deren Schwester Agnes ich ebenfalls leidend, sowie Vater und Brüder sehr angegriffen fand. Jetzt glaube ich es aber nicht mehr, denn ich bin bis zu einem gewissen Grad Fatalist geworden. Nur zweimal wiederholte ich diesen Besuch vor meiner Abreise, dagegen fand ich mich desto häufiger bei Susanna ein, die aber auf Befehl ihres hochgebietenden Herrn Marquis noch früher als ich Mainz verlassen und nach Hanau zurückkehren mußte.
In Mainz hatten sich unterdessen immer mehr Truppen von allen Waffengattungen gesammelt, deren Bestimmung jedermann noch ein Rätsel, da der Friede mit dem fast vernichteten Österreich so gut wie geschlossen war. Wenige Tage vor meinem Abmarsch kam der allgemein bewunderte Sieger, Kaiser Napoleon, nach Mainz und ließ die hier und in der Umgegend liegenden Truppen die Musterung passieren. Hier sah ich den Helden des Jahrhunderts zum erstenmal, und zwar ganz bequem in der Nähe, indem ich ihm Schritt vor Schritt folgte, als er die lange Front der auf der großen Bleiche und dem Schloßplatz aufgestellten Truppen hinabritt und deren Reihen musterte. Ich hörte, wie er hie und da einem Inspekteur oder Stabsoffizier eine mißfällige Bemerkung ziemlich schonungslos machte, sah, wie er bei manchem alten Soldaten, der das Zeichen seiner Tapferkeit im Angesicht trug, ein paar Augenblicke verweilte, sich erkundigend, wo und bei welcher Gelegenheit er die Schmarren und Wunden davongetragen. Er versicherte die Truppen, daß sie bald Gelegenheit erhalten sollten, sich neue Lorbeeren zu erwerben, worauf ein ungestümes »_Vive l'Empereur_« wie ein Lauffeuer durch die Reihen donnerte.
Ich muß gestehen, daß mich Napoleons Äußeres nicht befriedigte, namentlich verriet seine Gestalt und seine Haltung eben nicht, was man sich gewöhnlich unter einem Helden vorstellt, sie hatte nichts Majestätisches, ja nicht einmal etwas Edles, dagegen war sein Blick so finster imponierend, daß er mehr erschreckte als anzog, hatte aber für die Soldaten dennoch etwas Aufmunterndes, so daß derselbe auf den, der ihn einmal gesehen, auch noch in seiner Abwesenheit einen magischen Einfluß ausübte und ihm gleich einem leitenden Genius bei den ernsten Waffentaten und Kämpfen vorschwebte und begeisterte.
Zwei Tage nach dieser interessanten Musterung erhielt ich die Feuille de Route für mich und meinen Transport und trat mit demselben den Marsch nach Toul an, nachdem ich die Nacht vorher noch einen brillanten Maskenball in spanischem Kostüme beigewohnt und mit Louise und Henriette die Abschiedswalzer getanzt hatte.
X.
Marsch von Mainz nach Toul. -- Abscheuliche Zusammensetzung des Transports. -- Oppenheim. -- Worms. -- Desertion und Diebereien. -- Die Pfalz. -- Dürkheim. -- Kaiserslautern. -- Die Familie Karcher. -- Landsstuhl. -- Homburg. -- Saarbrücken. -- Eine getröstete Strohwitwe. -- St. Avold. -- Courcelle. -- Ein schmutziger Vorfall. -- Metz. -- Ich werde in das Militärgefängnis gesetzt. -- Spitzbübereien des Quartiermachers. -- Die Sehenswürdigkeiten von Metz. -- Pont à Mousson. -- Ankunft in Toul.
Ungeachtet ich die vorhergehende Nacht fast ganz durchschwärmt hatte, stand ich doch am andern Morgen um sechs Uhr marsch- und reisefertig vor der Wohnung des Quartier-Maitres, der mir noch einige Instruktionen erteilte, an der Spitze meines, einige siebenzig Mann starken Transports. Dieser bestand in aus allen Ecken und Enden zusammengerafftem Gesindel, noch ungekleidet und unbewaffnet; da waren preußische, österreichische, bayerische, hessische Deserteure, Polen, Russen, Böhmen und Ungarn, alles durcheinander, zum Teil noch die abgenutzten Uniformen ihres frühern Dienstes tragend, zum Teil in Lumpen gehüllt. Das Ganze hatte ein recht abenteuerliches Aussehen und glich eher einer Räuberbande oder einem zusammengelaufenen Vagabundenkorps als einem militärischen Detachement; in der Tat waren auch ein paar Kerls dabei, die früher unter der Bande des Schinderhannes gestanden und sich dessen sogar gegen ihre Kameraden rühmten. Außerdem ward mir noch eine ganz besondere Zugabe, nämlich die Frau und die vier Töchter des Wagenmeisters des Regiments, die noch zurückgeblieben waren und die nebst einigen Weibern verheirateter Rekruten den weiblichen und wahrhaftig nicht am leichtesten zu dirigierenden Teil des Transports ausmachten und mir überdies angelegentlich vom Kapitän Viriot empfohlen worden waren. Von diesem war es jedoch eine leichtsinnige Unvorsichtigkeit, einem noch so jungen, ganz dienstunerfahrenen, kaum sechzehn Jahre zählenden Menschen ein solches Detachement zur Führung zu übergeben, bei dem sich die abgefeimtesten und verschmitztesten, mit allen Hunden gehetzten Galgenstricke, die selbst einem unter den Waffen ergrauten Krieger noch zu schaffen gemacht haben würden, befanden; auch machten sich die Folgen dieser Unüberlegtheit nur zu bald fühlbar.
Um acht Uhr marschierten wir ab und zum neuen Tor hinaus. Noch manchen, nicht ganz wehmutslosen Rückblick warf ich auf das alte Mainz, wo ich, nur kurze Zeit dort, doch so manche vergnügte Stunde hatte. Nach der Marschroute war mir ein vierspänniger Wagen für die Bagage und allenfallsige Marode gut getan, diesen nahmen, kaum vor dem Tor, Deßwarts -- so nannte sich die Familie des Wagenmeisters -- in Besitz, behauptend, daß sie der Herr Quartier-Maitre darauf angewiesen habe; auf dessen Empfehlung hatte ich auch einem gewissen Lamertz, einem preußischen Deserteur, welcher vorgab Feldwebel in jener Armee gewesen zu sein und wegen Händeln mit seinem Hauptmann, der ihn zu ungerechten Dingen habe nötigen wollen, dieselbe Verlassen zu haben, die Marschroute übergeben, um die Quartiere machen zu können; Viriot hatte ihm außerdem versprochen, daß er bei seiner Ankunft bei dem Regiment wieder eine Unteroffiziersstelle erhalten solle. Dieser Mensch war jedoch ein Ausbund von Verschmitztheit und in allem, was man damals preußische Pfiffe und Kniffe nannte, trefflich bewandert. Der erste Marsch, nach Oppenheim, ging glücklich und munter von statten, wir hatten heiteres Wetter, einige Rekruten sangen lustige Schelmen- und Soldatenlieder; wir kamen durch die ihrer Weine wegen berühmten Orte Laubenheim, Bodenheim und Nierstein, und in letzterm Ort, der sehr alt ist und ehemals eine königliche Burg hatte, ließ ich halten und, um mir die Burschen anhänglicher zu machen, jedem Mann einen Schoppen Niersteiner, der freilich nicht von der ersten Qualität sein mochte, verabreichen. Dieses versetzte die Leute in die beste Stimmung, sie ließen mich hochleben, aber auch zum Dank ein paar Gläser verschwinden, die ich samt dem Wein bezahlen mußte. Vor Oppenheim kam uns Lamertz mit geschäftiger Miene entgegen, mir ein Quartierbillet mit den Worten: »Ein fürstliches Quartier, Herr Fourrier,« überreichend. Es war bei einem Apotheker, wo ich aber nichts weniger als etwas Fürstliches, ja nicht einmal etwas Anständiges fand, denn trotz meiner Ermüdung vom Tanz und Marsch konnte ich fast die ganze Nacht kein Auge vor Ungeziefer schließen. Das Detachement wurde aber in dem eine halbe Stunde von Oppenheim entfernt liegenden Dorf Dienheim einquartiert, wohin auch ich eigentlich gehört hätte, aber mein dienstfertiger Lamertz meinte, daß dort gar kein passendes Unterkommen für mich sei, der Transportkommandant müsse doch etwas extra haben, dies gehöre sich, und er wolle sorgen, daß alles in bester Ordnung abliefe. Ich führte die Leute nach Dienheim, und nachdem ich den Sold, den ich ihnen nach Viriots Vorschrift Tag für Tag selbst auszahlen sollte, verabreicht und die Appelle gehalten, begab ich mich nach Oppenheim zurück und sah mich in demselben und dessen Nähe um. Oppenheim war ehemals eine freie Reichsstadt, ist aber ein unansehnlicher und schlecht gebauter Ort, der jedoch eine der schönsten gotischen Kirchen Deutschlands besitzt, deren eine Hälfte beinahe in Ruinen zerfällt. So wenig ich mich damals noch um Gemälde, namentlich wenn sie religiöse oder heilige Gegenstände darstellten, bekümmerte, so fiel mir doch eines in dieser Kirche auf, nämlich eine Darstellung der Empfängnis Marias, wo Gott der Vater derselben den heiligen Geist ins Ohr hineinbläst. -- Hier sind auch an fünftausend spanische Totenköpfe, welche die Schweden gemäht, aufeinandergeschichtet, und auf dem sogenannten spanischen Kirchhof liegen deren Körper begraben. Oppenheims Lage soll Ähnlichkeit mit der von Jerusalem haben, um sich dies zu denken, mag doch eine gute Portion Phantasie nötig sein.
Ich hatte zwar meinem Wirt empfohlen, mich ja mit Tagesanbruch wecken zu lassen, weil ich, so müde wie ich war, zu verschlafen fürchtete, aber mein unseliges Quallager machte, daß ich früher aufstand als einer der übrigen Hausbewohner, und ich diese wecken mußte, wenn ich das Haus nicht nüchtern verlassen wollte. Nach schnell eingenommenem Frühstück, das in einem Eierkuchen bestand, eilte ich nach Dienheim, wo beim Appell zwei Mann fehlten, die auch nicht wieder zum Vorschein kamen; statt ihrer aber fand sich ein Bauer ein, welcher klagte, daß ihm seine Einquartierung, die sich schon vor Tage davongemacht, zwei Gänse mitgenommen. Dies waren meine beiden Deserteurs; ich gab dem Mann zwei Taler für seine geraubten Vögel, um seinem Jammer ein Ende zu machen, und nahm mir vor, den Transport nicht mehr allein zu lassen, um möglichst solchen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, was ich indessen nicht zu bewirken vermochte. Vor dem Abmarsch stellte sich auch noch Frau Deßwart mit ihren Töchtern ein, mir die Ohren vollschreiend über das schlechte Quartier, das sie gehabt, die Schuld auf Lamertz schiebend, der sich selbst bei dem Herrn Pfarrer des Orts einquartiert hatte, wo er, wie sie behaupteten, trefflich versorgt gewesen. Ich empfahl dem Schlingel, doch in Zukunft galanter gegen diese Damen zu sein, was er auch versprach, und lachend trollte er sich.
Nachdem diese Dinge beseitigt waren, brach ich doch ziemlich munter nach Worms auf, wo wir ohne besondere Zufälle glücklich ankamen. Hier kündigte mir unser Quartiermacher an, daß wir abermals auf ein nahes Dorf, Forchheim, an dem die Reihe sei Einquartierung aufzunehmen, verlegt würden, ich könne aber ein gutes Quartier in der Stadt haben, was ich mir verbat, das Billett zurückwies und mit meinen Leuten nach Forchheim marschierte, wo ich mich bei einem wohlhabenden Bauern einquartierte, und nachdem ich alles gehörig angeordnet zu haben glaubte, nach Worms zurückging, um die einst so berühmte und wohlhabende Stadt, die jetzt kaum mehr ein Schatten ihrer ehemaligen Herrlichkeit war, in Augenschein zu nehmen. Hier ist bekanntlich der Schauplatz der Nibelungensage. Früher bis zum vierzehnten Jahrhundert führten viele Wormser Familien den Namen Niebelung, und die hier wohnende Familie der Dalberge war, wenn auch nicht ganz so alt wie die Montmorency, die schon bei der Sündflut unsern Herrgott baten, ihrer zu schonen, wie ein Gemälde ihres Hotels bis zur Revolution von 1789 bewies, doch immer noch alt genug, da ein Dalberg in römischen Diensten bei der Kreuzigung Christi als Hauptmann zugegen war und die Jungfrau Maria demselben zugerufen: »Bedeckt Euch doch, Herr Vetter!« Ein Sohn oder Enkel desselben befand sich unter dem Heer des Titus bei der Zerstörung von Jerusalem, kaufte eine Menge gefangene Juden, die er nach Worms versetzte und Stück für Stück mit einem Silberling bezahlte, daher die vielen Juden in dieser Stadt, für die ihm die übrigen Einwohner wenig Dank wissen.
Worms hatte in seiner Blütezeit und bis zum Dreißigjährigen Krieg über vierzigtausend Einwohner, seine Mauern prangten mit mehr denn hundert Türmen, und ein Dutzend wohlbefestigter Tore führten in die feste Stadt; damals (1805) konnte es kaum fünftausend Bewohner aufweisen, unter denen beinahe ein Fünftel Nachkommen der von Dalberg hierher geschafften Kinder Israels waren. 1689 wurde die Stadt von den Franzosen fast gänzlich zerstört und an tausend Wohngebäude lagen in wenig Stunden in Asche; das Feuer hatten die Mordbrenner des jämmerlich großen Königs Ludwig XIV. angelegt und geschürt, während sie die Liebfrauenmilch und andere köstliche Weine aus den zerschlagenen Fässern, nachdem sie sich satt und dumm gesoffen, in die Straßen rinnen ließen, Frauen und Mädchen notzüchtigten und raubten und stahlen. Fast nur der Dom war stehen, aber nicht unversehrt geblieben, denn auch diesen hatten die Räuber geplündert. Diese merkwürdige Kirche rührt aus dem achten Jahrhundert; noch ist ein Bildhauerwerk vorhanden, welches den Teufel und seine Großmutter darstellt.
Bevor ich wieder nach Forchheim zurückkehrte, nahm ich ein paar Flaschen von der echten Milch der Wormser Lieben Frauen mit; angekommen, kündigte mir mein Wirt an, daß, da seine Frau in den Wochen, er also deshalb geniert sei und mir keine Stube geben könne, er mich in die Schenke ausquartiert habe, ich mußte mich fügen, denn er hatte das Recht dazu. In der Schenke aber, die einer wahren Rauchhöhle glich, waren schon die Deßwarts einquartiert, denen man die Wirtsstube eingeräumt, wo man ihnen eine Streu bereitet hatte; der Wirt erklärte mir nun, er habe kein anderes Lokal und müsse mir ein Lager in derselben Stube aufschlagen. Es war schon spät, kein anderes Quartier aufzufinden, zudem waren zwei der Mädchen nicht häßlich, eine, die jüngste, sogar recht hübsch, und ich ließ mir eine Streu in eine andere Ecke des Zimmers machen, bestellte für uns alle ein Abendbrot so gut man es haben konnte, dessen Hauptsubstanz Speck und Eier war, und gab meine Liebfrauenmilch zum besten. Dies machte die Damen fröhlich und munter, sie sangen, schäkerten, ich erlaubte mir manche Freiheiten, küßte abwechselnd die beiden liebenswürdigsten, und erst gegen Mitternacht begaben wir uns sämtlich und ziemlich ent- oder vielmehr nur zur Hälfte bekleidet zur Ruhe. Am andern Morgen war es schon hell am Tag, als der Bursche, den ich auf Lamertz Rat zu meiner Bedienung auserwählt hatte, klopfte und mir zurief: »Herr Fourrier, die Leute stehen schon vor der Türe und erwarten Sie.« -- Ich sprang schnell von der Streu auf, zog meinen Rock an, hing den Säbel um, und als ich in den Hof trat, stürmten ein halbes Dutzend Bauern mit Klagen über ihre Einquartierung auf mich ein, die teils bestohlen, teils mißhandelt worden zu sein vorgaben. Dem einen waren ein paar Schinken, dem andern eine Speckseite und dem dritten gar sein Sonntagsrock abhanden gekommen; einem vierten hatte man die Kuh mit Gewalt gemolken und einem fünften die Frau geschlagen, und als ich über die Täter die Appelle zu machen suchte, waren die Kerls zum Teufel gegangen und mein Faktotum Lamertz schon über alle Berge. Dies war mir ein sauberes Kommando, ich wußte mir nicht anders zu helfen, als die klagenden Bauern wieder mit Geld zu beschwichtigen, um Ruhe zu haben, und dachte bei mir selbst: >Wenn so ein Transport solche Unannehmlichkeiten verursacht, was mag es erst sein, wenn man eine Armee zu kommandieren hat.< Ich befahl den Abmarsch, und das auserwählte Korps, mit dem ich auf der Stelle die trefflichste Räuberbande hätte bilden können, marschierte singend und jubelnd zum Dorfe hinaus und freute sich, einen so nachsichtsvollen und humanen Führer zu haben. Nachdem ich etwa eine gute Stunde marschiert und ziemlich müde war, denn es war schon die dritte Nacht, die ich mehr wachend als schlafend zubrachte, setzte ich mich zu den Mädchen auf den Leiterwagen, an Mimis Seite, so hieß die jüngste von des Wagenmeisters Töchtern, und unterhielt mich recht artig mit ihr. Bei dem schönsten Wetter fuhren wir durch die Gauen der herrlichen Pfalz, ein schönes Land, dessen üppig bebaute Fluren und Weinberge Herz und Gemüt freudig erregen, und das besonders zur Zeit eines guten Weinjahrs und im Herbst in großer Pracht strahlt.
Unsere heutige Etappe war Dürkheim, und diesmal wurden wir nicht ausgewiesen, sondern blieben in der Stadt, welche der Mittelpunkt einer der fruchtbarsten und schönsten Gegenden am Rhein ist. Auch hier kamen wieder Klagen wegen Diebstählen an mich, und diesmal nahm sich der Maire selbst der bestohlenen Bürger an, rief mich beiseite und riet mir, das Gepäck der Rekruten durchsuchen zu lassen; ich willigte sogleich ein und ließ diese Prozedur durch zwei Gendarmen vornehmen, die der Maire zu meiner Verfügung stellte. Der Erfolg war, daß man bei einem Ungarn drei silberne Löffel, bei einem Polen mehrere feine Hemden und über ein Dutzend weiße Tücher, bei einem Böhmen eine silberne Uhr und ein paar Ringe, bei einem Russen einige zwanzig Talglichter und bei ein paar Deutschen eine Menge Linnen fand; die letztern waren die Subjekte, die sich gerühmt hatten, bei der Bande des Schinderhannes gestanden zu haben. Mehrere dieser Gegenstände gehörten Dürkheimer Einwohnern, andere hatten die Kerls wahrscheinlich schon früher gestohlen. Die Burschen ließ ich nun sofort ins Gefängnis abführen, um durch die Gendarmerie von Brigade zu Brigade zum Regiment gebracht zu werden.