Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 14

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In Mainz war es zwar sehr lebendig, denn die Festung wimmelte von Militär jeder Waffengattung, aber die Stadt bot doch im ganzen einen traurigen Anblick. Überall stieß man noch auf die Spuren der letzten schweren Belagerungen, Häuser, Klöster und Paläste lagen teilweise in Ruinen, das Dalbergsche Palais, die drei Schweinsköpfe genannt, alle Gebäude am sogenannten Höfchen, wo die schöne tempelartige St. Sebastianskapelle, die alte Jesuitenkirche stand, waren zum Teil halb abgebrannt oder ganz von Kanonenkugeln zerschossen, und selbst der Dom hatte ein melancholisches Ansehen, seine Türme waren dach- und fensterlos. Das kurfürstliche Schloß war jetzt der Aufenthalt des Jammers und Elends, und in den prächtigen Prunkgemächern, wo früher die glänzendsten Feste gefeiert wurden, standen längs den kahlen Wänden Krankenbetten, in denen oft unheilbare Kranke und Verwundete ihr Dasein verfluchten; die Fürstenwohnung war ein Lazarett geworden. Noch stand die alte Martinsburg, die vierzehnhunderteinundachtzig Erzbischof Diether erbaut hatte, aber, öde und leer, fenster- und türlos, war sie der Aufenthalt von Eulen, Uhus und Unken und wurde bald darauf (1806) von den Franzosen abgerissen. Das merkwürdige alte Kaufhaus, unter Kaiser Ludwig von Bayern (1314-1317) erbaut, eines der seltsamsten und kostspieligsten Denkmäler jener Zeit, war ebenfalls noch vorhanden (das französische Gouvernement ließ es 1812 demolieren), und im deutschen Ordenshaus wohnte ein französischer General. Eine meiner Lieblingspromenaden war nach der hoch und herrlich liegenden uralten Stephanskirche, zu der man durch einsame Mauerstraßen und Weingärten, an alten Gebäuden vorüberkommend, gelangte. Aber nirgends war ich heiterer, als wenn ich, auf der langen Rheinbrücke stehend, nach Bieberich und dem Rheingau hinabblickend, den kristallgrünen Wellen des majestätischen Stromes folgte und mich in diesem Anschauen verlor. Es gibt nicht leicht eine großartigere, das Gemüt mehr erhebende Ansicht als die, wo der alte Vater Rhein in seiner größten Breite die schönsten Gauen Deutschlands, zwischen lachenden Weinbergen und sich türmenden Felsgebirgen, hinabwogt. Noch eine lange Strecke sieht man die Fluten des schmutziggelben Mains, dem einige überpatriotische Poeten eine blonde Farbe angedichtet, in den grünen des Rheins, die sich nur ungern und widerstrebend endlich mit ihnen zu mischen scheinen, abgesondert dahinströmen.

Den schönsten Anblick gewährt aber Mainz von den Hochheimer Höhen herab; hier übersieht man die herrliche Lage der uralten, ehedem golden genannten Stadt und ihre Türme, Kirchen, Hügel und schönen Anlagen mit einem Blick, sie liegt gleich einem zu unseren Füßen aufgerollten Gemälde vor den freudig bewundernden Augen.

Bis zur französischen Revolution war der kurfürstliche Hof zu Mainz einer der glänzendsten Deutschlands, und die älteren Mainzer, die ihn noch gekannt, wußten mir nicht genug von dessen Pracht und Herrlichkeit zu erzählen. Man war auch sehr freigebig gegen die Armen, und auf der schönen kurfürstlichen Favorite, einem Lustschloß mit einem großen Park auf einer Anhöhe am Rhein, das während der Revolutionskriege zerstört worden war, wurden fast täglich Dürftige gespeist. Auch in den überreichen Klöstern konnte sich der Arme jeden Mittag eine warme Suppe holen, was freilich kein großes Verdienst war, da die im Überfluß schwelgenden feisten Pfaffen das Mark des herrlichsten Landes von Europa verzehrten, das sie inne hatten, und die abfallenden Brosamen noch lieber an wohlgenährte Hunde als an die bittere Armut verschenkten. Aber nachdem die fetten Klostergüter in arbeitsame und industriöse Hände übergingen, verschwand das ekelhafte Heer der Bettler, und das Auge wurde bald ebensowenig mehr durch den Anblick des schmutzigsten Elends als durch den der trägen widerlichen Schmerbäuche, der gemästeten kupferroten Vollmondsköpfe, der Pfaffen, beleidigt.

Unter den mancherlei Bekannten, die ich in meinen freien Stunden besuchte, das französische Exerzitium, das wir jetzt zweimal des Tages mit großem Eifer auf dem Glacis der Zitadelle betrieben, nahm täglich vier bis fünf Stunden in Anspruch, war es hauptsächlich das Haus des Hofrats Jung, unseres alten Familienfreundes, bei dem ich schon bei der Reise zu Schinderhannes Hinrichtung logiert hatte, das mich am meisten anzog. Dies war eine höchst achtungs- und liebenswürdige Familie, welche, in guten Vermögensumständen sich befindend, besonders den Wissenschaften und Künsten huldigte. Der älteste Sohn Eduard beschäftigte sich mit Malerei, die Töchter Mimi und Agnes mit Musik, Zeichnen und auserwählter Lektüre, zwei kleinere Jungens besuchten noch die Schule. Der Vater, ein hochwissenschaftlich gebildeter und sehr vorurteilsfreier Mann, Witwer, widmete sich fast ausschließlich der Erziehung seiner Kinder. Die Abende in diesem Haus wurden meistens in einem vertrauten Familienkreis, abwechselnd mit kritisierenden Unterhaltungen über die neuesten ausgezeichnetsten literarischen Erzeugnisse, mit Vorlesungen, Musik, Deklamation und so weiter auf das angenehmste hingebracht. Bisweilen verlor man sich auch in das Feld der Politik, das damals unermeßlichen Stoff bot, jedoch nur, wenn man so ganz unter sich war, denn es war sehr gefährlich, sich über das Treiben des damaligen allmächtigen Gewalthabers und seine Staatskunst selbst nur bescheiden auszulassen, und nicht ratsam, seine Meinung offen zu äußern. Ich selbst war indessen zu jener Zeit ein blinder Verehrer des neugebackenen Kaisers, in dem ich einen zweiten Cäsar erblickte, seine glänzenden Siege hatten auch mich wie so viele tausend andere verblendet, Jung aber fällte sehr richtige Urteile über den korsischen Machthaber, die sich auch später vollkommen bewährten und die ich beinahe als in einem prophetischen Geist gesprochen ansehen möchte. Was aber diesen unterhaltenden Abenden den meisten Reiz verlieh, war die älteste Tochter des Hauses, Mimi, ein Mädchen, das bei körperlicher Schönheit unendlich geistige Reize besaß und bald der Gegenstand meiner innigsten Verehrung ward, ohne daß ich gerade ein sinnlicheres Vergnügen als ihre Unterhaltung gewünscht oder begehrt hätte.

Vier Wochen mochte ich ungefähr in Mainz sein, dessen heitere, lebenslustige und muntere Bewohner mich weit mehr ansprachen als die griesgrämigen besorglichen Prozentgesichter meiner Vaterstadt, als mich eines Morgens mein Oberst zu sich rufen ließ und mir eröffnete, daß meine Familie wünsche, ich möchte in das Regiment treten, welches Fürst Y... im Begriff sei, für den Kaiser der Franzosen zu formieren, und daß er, wenn mir dies angenehm sei, nichts dagegen habe, ob er gleich glaube, daß ich in seinem Regiment wohl ebenso gut und vielleicht noch besser als in dem des Fürsten mein Glück machen würde. Ich erwiderte hierauf, daß ich dies meinen Eltern überlassen wolle. Mir war die Sache ziemlich gleichgültig, obgleich das Regiment Latour schon einen großen Vorsprung hatte und beinahe organisiert war; indessen versprach ich mir doch eine angenehmere Existenz im Regiment Y., in dem ich alte Bekannte aus Offenbach anzutreffen hoffte, auch sagte mir dessen Uniform (hellblau mit gelbem Kragen, weißem Paspel und Silber) mehr zu, als die dunkelgrüne mit Rot des Regiments Latour d'Auvergne. Noch denselben Tag erhielt ich einen Brief von meinem Vater, in welchem er mir meldete, daß er den folgenden Tag nach Mainz kommen würde, um mich dem Fürsten Y., bei dem schon alles eingeleitet sei, und der in den >Drei Reichskronen< logiere, vorzustellen. Gegen Mittag des bestimmten Tages kam mein Vater an, und wir machten sogleich unsere untertänigste Aufwartung bei Seiner Durchlaucht. Der Fürst war außerordentlich gnädig, erbot sich sogar, mich sogleich mit Unterleutnantsrang anstellen zu wollen, was mein Vater sich gehorsamst verbat, indem er wünschte, daß ich von der Pike auf dienen solle, was indessen gar nicht tunlich war, aus dem einfachen Grunde, weil, außer einem Dutzend designierter Offiziere, das Regiment erst auf dem Papier vorhanden war. Der Fürst erteilte mir daher den Rang eines Furiers und verwies mich an den Kapitän Quartier-Maitre, Herrn Viriot, einen äußerst humanen und liebenswürdigen Mann, um einstweilen in dessen Bureau zu arbeiten und mich mit der militärischen Komptabilität zu befreunden.

Fürst Y. setzte alles in Bewegung, das Regiment möglichst bald zu formieren und vollzählig zu machen, was um so schwieriger war, da keine Franzosen in demselben aufgenommen werden durften, was aber nicht so genau genommen wurde; indessen würden doch Jahre damit hingegangen sein, wenn nicht besondere Ereignisse die Komplettierung schnell möglich gemacht hätten. Erst ganz kürzlich hatte der Krieg mit Österreich (1805) begonnen, und soeben hatten dreiunddreißigtausend Mann Österreicher mit sechzig Kanonen, vierzig Fahnen, achtzehn Generälen und so weiter bei Ulm das Gewehr gestreckt und sich zu Gefangenen ergeben. Aus diesen Gefangenen rekrutierte man nun so viel als möglich für das Regiment Y., wobei man sich mitunter der gewissenlosensten Kunstgriffe und Kniffe bediente, indem man die Leute betrunken machte und ihnen Gott weiß was alles vorspiegelte, um sie zu bewegen, französische Dienste zu nehmen, ihnen großes Handgeld versprach, sechzig bis hundert Franken, das sie nie erhielten, und so weiter. Im übrigen hatten es diese Leute weit besser in französischer Gefangenschaft, wo sie alle mögliche Freiheit genossen, auf Arbeit gehen durften, gut genährt waren und so weiter, als in ihrem früheren Dienst. Noch weit schlimmer spielte man später den bei Austerlitz gefangenen Russen und Österreichern mit, um sie zu vermögen, Dienste bei den französischen Fremdenregimentern zu nehmen. Man zwang sie durch den Hunger dazu, indem ihnen die vom Gouvernement zugedachten Portionen von den mit diesen Austeilungen beauftragten Beamten, im Einverständnis mit den Werbern, so sehr geschmälert wurden, daß sie unmöglich dabei bestehen konnten und der ärgste Feind des Menschen, der Hunger, sie nötigte, zu dienen, um sich zu sättigen. Fürst Y. selbst hatte diese Schändlichkeiten zwar nicht befohlen, war aber schwach genug, denen, die sie begingen und die von jedem angeworbenen Mann zehn Franken erhielten, durch die Finger zu sehen; obendrein wurden die armen Teufel noch um das ihnen versprochene Hand- oder besser Blutgeld geprellt, das größtenteils nichtswürdige Speichellecker, die sich dem Fürsten angenehm zu machen gewußt, unterschlugen und einsteckten. Fürst Y. hatte den Fehler begangen, viele Offiziere ohne weitere Prüfung und oft auf sehr verdächtige Empfehlungen hin bei dem Regiment anzustellen, wodurch gar manche nichtswürdige Subjekte in dessen Reihen figurierten, die wegen allerlei schlechter Streiche, Betrügereien und so weiter aus anderen Korps fortgejagt worden waren, wodurch das Regiment in sehr üblen Ruf kam. So war zum Beispiel ein gewisser Wable, ein ehemaliger Douanenleutnant, den man wegen Diebstahl zum Teufel gejagt und der nur mit genauer Not der Galeere entgangen war, als Adjutant-Major angestellt; der Kerl hatte ein so widrig konfisziertes Gesicht und Äußeres und stand in einem so abscheulichen Ruf, daß man ihn sogar in öffentlichen Gast- und Kaffeehäusern nicht mehr hatte dulden wollen, allein er hatte dem Fürsten Y. gewisse geheime, eben nicht sehr ehrenvolle Dienste erwiesen, weshalb er sich dessen Protektion zu erfreuen hatte. Als er später einen Teil der Löhnung der Rekruten unterschlug, kamen bei dieser Gelegenheit seine anderen Streiche zur Sprache, und er mußte dennoch fort, sich wo anders hängen zu lassen. Später säuberte sich das Regiment allerdings nach und nach von seinem Unkraut, aber der böse Ruf war einmal da und nicht so leicht auszumerzen, besonders da auch die aus aller Welt zusammengerafften Soldaten es nicht an Exzessen aller Art fehlen ließen.

Mein Dienst wollte immer noch wenig sagen, obgleich das erste Bataillon von einem Bataillonschef namens Düret kommandiert, der früher Hauptmann und Generalissimus des vierzig Mann starken Heeres des Fürsten Y. und dessen Günstling gewesen, bereits vollständig und ich der ersten Kompagnie desselben zugeteilt war, aber es war weder gekleidet noch bewaffnet und konnte also nicht einexerziert werden. Auf dem Bureau des Quartiermeisters brachte ich des Tags nur wenige Stunden zu, hatte die übrige Zeit so ziemlich für mich, meine Studien und andere Angelegenheiten und benutzte sie bestens. Das Jungsche Haus frequentierte ich fortwährend, Mimis Umgang wurde mir täglich teurer, obgleich er ganz platonischer Art war, vielleicht gerade deshalb, auch schien ich dem liebenswürdigen Mädchen nicht zu mißfallen, und wir brachten manche Stunde mit wissenschaftlicher Unterhaltung oder vierhändige Sonaten spielend zu. Da mir indessen mit einer bloß geistigen Liebe nicht gedient war, so suchte ich mich anderwärts dafür zu entschädigen und fand auch bald, was ich suchte. Mimis älterer Bruder hatte mich in Tanzstunden eingeführt, die im Schröderschen Kaffeehaus wöchentlich einigemal gegeben wurden, und hier lernte ich wieder eine Henriette, die Tochter vom Haus, und eine Luise, eine Anverwandte des Kaufmanns Kretzinger, bei dem sie sich aufhielt, kennen. Beide Mädchen waren katholisch, und bald war ich so weit mit ihnen, daß wir uns in den einsamen Kreuzgängen der abgelegenen Stephanskirche sprachen und dann auch deren Turm bestiegen, um der herrlichen Aussicht, die man von demselben in die paradiesische Umgegend von Mainz hat, teilhaftig zu werden.

Als das Weihnachtsfest herangekommen war, verabredete ich mit Luise, uns bei der Mitternachtsmesse in der Quintinskirche zu treffen, während mich Henriette in die St. Stephanskirche beschied, ich selbst jedoch dieser Feierlichkeit gerne im Dom, wo der Bischof fungierte und sie am glänzendsten begangen wurde, beigewohnt hätte. Es gelang mir indessen, die den beiden Mädchen gemachten Versprechungen zu erfüllen und auch das Ende der Feierlichkeit im Dom zu sehen, auch hatte ich im Vorübergehen sogar noch einen Blick in die Emeranskirche geworfen. Nachdem ich in St. Quintin einige Minuten neben Luise gekniet, ihr die Hand gedrückt und ein paar Worte zugeflüstert hatte, verlor ich mich nach St. Stephan und kniete hier neben Henriette, betete mit ihr ein kleines Weilchen und ward wirklich von dieser mitternächtlichen Feier der Geburt des Christuskindes ergriffen, daß ich den eigentlichen Zweck meines Herkommens ganz vergaß und, von der Feier des Gottesdienstes hingerissen, nicht mehr an die neben mir kniende Schöne dachte, die ohnehin in Begleitung einer Tante der Feier beiwohnte. Als der größte Teil derselben vorüber war, flüsterte ich ihr eine >Gute Nacht< zu und eilte in den Dom; hier fand ich die weiten, düster beleuchteten Hallen sehr öde, nur hier und da kniete eine vermummte Gestalt einsam und verlassen, während die anderen Kirchen zum Erdrücken voll waren, und nur der Chor war belebt und mit einem Heer von Geistlichen aller Grade angefüllt, an deren Spitze der Bischof in seinem Ornat fungierte; ich war kurz vor der Beendigung der Messe angekommen. In diesem Tempel war der Eindruck auf mich ein ganz anderer als zu St. Stephan, das ganze hatte etwas schauerlich Unheimliches; zum erstenmal in meinem Leben hatte ich einem solchen nächtlichen Gottesdienst beigewohnt und konnte lange die Bilder nicht aus meiner Phantasie verdrängen. Diese Feier hatte von jetzt an immer etwas Anziehendes für mich, und ich versäumte nie, ihr beizuwohnen, wenn sich Gelegenheit dazu bot.

Acht Tage später wurde zur Feier der Neujahrsnacht ein großer Ball in dem Schröderschen Kaffeehaus veranstaltet, den auch der Marschall Lefebre und sein ganzer Generalstab mit ihrer Anwesenheit beehrten und dem ich, obgleich mich sehr unwohl fühlend, dennoch in Zivilkleidern beiwohnte; denn ich konnte unmöglich die mit meinen liebenswürdigen Freundinnen eingegangenen Engagements versäumen und hatte zudem eine neue Intrigue mit einer sehr pikanten Französin, der Frau eines Kriegskommissars, Madame Nellier, angeknüpft, von der ich mir viel Unterhaltung versprach. Das Schicksal wollte es anders: schon nach ein paar Quadrillen fühlte ich mich so unwohl, daß ich gezwungen war, den Ball zu verlassen; kaum zu Hause angekommen, rüttelte mich ein starkes Fieber, das in eine schwere, hitzige Krankheit, einen Lazarett-Typhus ausartete, den ich mir im Dienst durch Ansteckung zugezogen hatte. Immer noch auf dem Bureau des Quartier-Maitre arbeitend, wurde mir häufig der Auftrag, die aus den Gefangenen angeworbenen Rekruten zur körperlichen Visitation zu dem Regimentsarzt zu führen, wo sie sich ganz nackend auskleiden mußten, und dann diejenigen, die krank befunden wurden, in das Lazarett zu bringen, wo dieser Typhus herrschte und sehr viele Leute und auch manche Einwohner von Mainz wegraffte. Hierdurch hatte ich mir aller Wahrscheinlichkeit nach die Krankheit zugezogen, die mich in zweimal vierundzwanzig Stunden an den Rand des Grabes brachte. Als der Fürst Y. von meinem Zustand unterrichtet war, befahl er, daß man mich sogleich ins Lazarett schaffen solle, wo ich durch seine Vermittlung in den Offizierssaal gebracht wurde, in dem noch am nämlichen Tage ein Dragonerrittmeister, mein nächster Bettnachbar, an derselben Krankheit starb. Gerade nach dem Tag, als man mein Ende erwartet hatte, öffnete sich gegen mittag die Tür unseres Zimmers, und mein guter Vater trat mit bekümmerter Miene an mein Bett; er schien mir ein tröstender Retter, tat alles, was er konnte, mir Mut einzusprechen, und brachte jeden Tag zweimal mehrere Stunden an meinem Krankenlager zu, so lange er sich in Mainz aufhielt; erst als ich außer aller Gefahr war, reiste er ab, mich reichlich mit Geld und was ich bedurfte versehend. Etwas hatte für den Augenblick denn doch diese Krankheit und der Anblick der Sterbenden um mich herum, meinen angeborenen Leichtsinn verscheucht, der aber mit dem allmählichen Besserwerden sich auch wieder einstellte. Auch Hofrat Jung, der wider mein Wissen und meinen Willen meine Krankheit an meine Eltern berichtet hatte, besuchte mich einigemal, und das Bild seiner holden Tochter Mimi war das einzige, das mich in dieser Periode fast immer umschwebte, während mir alle anderen ganz aus dem Sinn gekommen waren; auch mein Kapitän, St. Jüst, ein sehr guter Mann und ein Verwandter des Verfassers des Librettos des Kalifen von Bagdad, des Johann von Paris und noch so mancher anderen Stücke, dem mich mein Vater noch besonders empfohlen, kam einigemal, um nach mir zu sehen.

Während ich noch rekonvaleszent im Lazarett lag, erhielt das Regiment Befehl, sich binnen wenig Wochen marschfertig zu machen, um seine endliche Formation in Toul in Lothringen zu vollenden. Der Grund hiervon war, daß viele der neuangeworbenen Rekruten ein paar Tage nach ihrem Engagement mit den erhaltenen Effekten wieder über die Rheinbrücke gingen und desertierten, was ihnen in Toul nicht so leicht war. Ich erhielt jedoch, nachdem ich das Lazarett verlassen hatte, einen Urlaub von vierzehn Tagen, den sich mein Vater vor seiner Abreise von dem Fürsten erbeten, um meine völlige Wiederherstellung im elterlichen Hause abzuwarten.

Noch sehr schwach verließ ich das Krankenhaus, das früher das Schönbornsche Palais am Tiermarkt war, in welchem zu den kurfürstlichen Zeiten so manches Prunkfest gefeiert worden, und das sich jetzt in die Herberge des Elends umgestaltet hatte, und bezog wieder meine Wohnung in der >Hohen Burg<. Mein erster Besuch war bei Jung, dem ich freundschaftlich vorhielt, daß er an meine Eltern geschrieben, denen ich keine unnötige Sorgen habe machen wollen, sie sollten meine Krankheit erst nach überstandener Gefahr oder nach meinem Tod erfahren. Mimi schien über meinen Anblick zu erschrecken, ich sah noch sehr leidend und elend aus, mit einem: »Ach, mein Gott!« eilte sie auf mich zu, faßte mich bei der Hand und sagte endlich: »Dank dem Himmel, daß Sie dem Leben wiedergeschenkt sind, lieber Freund, wir waren recht bange um Sie.« In diese Worte legte sie einen nicht zu beschreibenden Ausdruck. Als wir uns bald darauf allein im Zimmer befanden, fiel sie mir um den Hals und gestand mir mit Tränen, daß sie recht sehr besorgt um mich gewesen; ich drückte sie innig an mich, und Brust an Brust wechselten wir minutenlange Küsse; erst durch das Kommen ihrer Tante wurden wir aus unserem Vergessen erweckt. -- Meine Abreise nach Frankfurt war schon auf den nächsten Morgen festgesetzt, was das liebe Geschöpf viel zu frühe fand und meinte, sie würde mich nicht mehr wiedersehen. Ich lächelte bei diesen Worten der blühend schönen Jungfrau, die behauptete, eine nur zu sichere Ahnung sage es ihr, und klagte, daß sie sich schon seit einigen Tagen nicht ganz wohl befinde. Indessen konnte ich meine Abreise unmöglich länger aufschieben; Mimi veranlaßte, daß man mich für diesen Abend zum Essen einlud und ersuchte mich, doch ja beizeiten zu erscheinen, da dies der letzte Abend sei, den wir in diesem Leben zusammen zubringen würden. Nochmals lächelnd, versprach ich gerne, was das liebe Mädchen wollte, kam schon mit einbrechender Nacht wieder und brachte noch ein paar selige Stunden mit ihr am Klavier zu, wo wir abwechselnd vierhändige Sonaten spielten und uns küßten. Um zehn Uhr nahm ich mit bewegtem Herzen Abschied von der gastfreundlichen Familie und fuhr am andern Morgen nach Frankfurt ab.

Meine guten Eltern hatten mich erwartet und empfingen mich wie einen vom Tode erretteten Sohn mit unendlicher Liebe und Wohlwollen; nachdem man mich nach den geringfügigsten Umständen meiner Krankheit und deren Behandlung mit großer Teilnahme gefragt hatte, fiel meine Mutter plötzlich mit den Worten ein: »Sieh, lieber Ferdinand, wärest du Kaufmann geworden oder hättest studiert, so wäre dir dies gewiß nicht begegnet,« und meinte, daß, wenn ich wolle, es noch Zeit sei, umzusatteln und in das ruhige bürgerliche Leben zurückzukehren. Der Meinung waren auch mehrere meiner Verwandten, ich aber beharrte darauf, beim Militär zu bleiben, hoffend, unter Napoleon eine recht glänzende Karriere zu machen, und lehnte alle Einladungen eines Heeres von wißbegierigen Vettern und Basen ab, die mich gerne zu Tode gefüttert hätten, um ihre löbliche Neugierde zu befriedigen.

Zehn Tage mochte ich etwa im Vaterhaus sein, als meinem Vater gerade bei Tische ein schwarz gesiegelter Brief übergeben wurde, der, die Adresse lesend, erschrocken ausrief: »Mein Gott, das ist ja vom Hofrat Jung!« Auch ich entsetzte mich, und ehe wir uns recht besinnen konnten, sagte mein Vater, nachdem er einige Zeilen durchlaufen, mit bebender Stimme: »Mein Gott, Jungs Tochter, die Mimi, ist an derselben Krankheit gestorben, die Ferdinand gehabt.« -- Ich ward leichenblaß, stand mit verhülltem Gesicht vom Tisch auf und es war mir in diesem Augenblick, als schwebe die verklärte Engelsgestalt dieses Mädchens an meinem Auge vorüber. Nachdem ich mich ein wenig erholt, erzählte ich meinen Eltern, ohne ihnen jedoch das nähere Verhältnis mitzuteilen, was mir das Mädchen beim Abschied versichert hatte, worüber sie, namentlich meine Mutter, höchst erstaunt waren. Sie meinten, ich könne die Krankheit in dieses Haus gebracht haben, was wenigstens möglich war und uns viel Kummer verursachte, da der gute Jung so schrecklich für sein Wohlwollen belohnt wurde.