Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 13

Chapter 133,492 wordsPublic domain

»Unmöglich,« rief M..., »Sie haben mich zum besten.«

»Wie würde ich mich so etwas unterstehen!«

Aus dem stupiden Gesicht des Hofrats war nun mit einem Mal alle Schadenfreude verschwunden, und es zog sich ellenlang.

»Also wirklich von Schiller?« fragte er wieder.

»In dem soeben erschienenen zweiten Band von Schillers Gedichten Pagina so und so können Sie es nachlesen.«

Ich ließ den Hofrat stehen, eilte nach Haus, nahm Schillers Gedichte und schickte sie dem Fräulein von Breidenbach, der ich fortwährend Bücher zur Unterhaltung lieh; diese ließ noch denselben Tag das Buch im Schloß von Hand zu Hand gehen, und alle, die gegen das Gedicht so losgezogen hatten, mußten sich nun den beißendsten Spott gefallen lassen; aber Eleonore grollte ein paar Tage mit mir, weil ich ihr den Verfasser nicht gesagt und sie so die unmittelbare Veranlassung war, daß sich mehr als ein Hofgehirn gewaltig kompromittiert hatte.

Mein Oheim ließ mich rufen und teilte mir mit, ich habe mich zur Mittagsstunde des kommenden Tages auf der bezeichneten Terrasse einzufinden, wo ich etwas Neues erfahren würde, ich dürfe aber ja nicht fehlen. Auf weiteres ließ er sich nicht ein. Meine Neugierde machte, daß ich seinen Willen pünktlich befolgte. Nachdem meine Geduld schon während einer ganzen Stunde vergeblichen Wartens auf die Probe gestellt war, sah ich die Landgräfin in Begleitung einer Hofdame und von einem Bedienten gefolgt, wie sie um diese Zeit regelmäßig ihre Promenade zu machen pflegte, die Terrasse herabkommen. Als sie mich erblickte, schickte sie den Bedienten, ich möge mich zu ihr verfügen; ich eilte, dem Befehl ehrfurchtsvoll zu gehorchen, und als ich vor ihr stand, sagte sie:

»Was höre ich, Sie wollen Schauspieler werden, ist dies an dem?«

»Ja, Durchlaucht.«

»Der Neffe des Herrn Oberpfarrers von Homburg ein Komödiant! -- Was wird die Welt dazu sagen?«

»Oh, der Oberpfarrer von Homburg ist auch etwas Rechtes!«

Die durchlauchtigste Frau machte nun ein Rechtsumkehrt, trotz einem preußischen Grenadier, und ließ mich mit langer Nase und etwas verblüfft stehen. -- Erst nach einigen Augenblicken kam ich wieder zur völligen Besinnung und fühlte, welche Artigkeit ich der Landgräfin gesagt hatte.

Noch denselben Abend, als ich zu Brandensteins ging, erzählte mir Leonore, daß sie die Landgräfin gefragt, ob ich noch ihre Mutter besuche, und als sie dies bejaht, habe sich die Fürstin geäußert, sie könne nicht begreifen, wie man einem Menschen, der ein Komödiant, das heißt ein Hanswurst werden wolle, den Zutritt gestatten möge; Leonore habe darauf gestammelt, ich lese ihrer Mutter sehr gut vor, worauf ihr die Dame gesagt: »Was vorlesen, Komödianten darf man in keinem honetten Haus dulden.« Brandensteins und Fräulein von Breidenbach drangen nun auch in mich, doch einen anderen Stand und zwar den des Militärs zu wählen, und letztere meinte, ich müsse ein recht schmucker Offizier werden, als Soldat könne ich eine ganz andere Karriere machen, ja zu hohen Würden gelangen, kur- und tafelfähig und allgemein geachtet werden, ein solcher Entschluß würde mich auch sogleich wieder mit der zürnenden Landgräfin sowie mit meinen Verwandten aussöhnen, und das Haus Homburg könne mir sowohl in österreichischen wie in preußischen Diensten, wenn ich diese wähle, sehr förderlich und zu schnellem Avancement behilflich sein.

Aber noch konnte ich einen Plan, den auszuführen ich mir seit Jahren alle erdenkliche Mühe gegeben, und einen Stand, für den mich auszubilden ich bisher fast nur allein rastlos und mit großem Eifer gearbeitet hatte, nicht so rasch aufgeben, ob ich gleich schon wankte. Da beschied mich abermals mein guter Oheim zu sich, empfing mich ungewöhnlich ernst, indem er mir mit einem feierlichen Tone sagte, daß es nun die höchste Zeit für mich sei, einen Entschluß zu fassen, denn mein Vater habe beinahe sein ganzes Vermögen verloren. -- Ich sah meinen Oheim mit großen Augen und zweifelnd an, als wollte ich ihn fragen: Ist dies auch wahr? -- »Du scheinst die Sache in Zweifel zu ziehen,« fuhr derselbe nach einer Pause fort, und teilte mir sodann die näheren Umstände dieser nur zu wahren Begebenheit mit.

Ohne sein Verschulden hatte mein Vater eine große Summe, über zweimalhunderttausend Gulden, verloren. Er hatte einem auswärtigen Haus, mit dem er schon lange in Geschäftsverbindung stand, auf ein Deposito von österreichischen Staatspapieren eine sehr bedeutende Summe auf mehrere Monate vorgeschossen und zu diesem Zweck selbst noch fremdes Geld aufgenommen. Kaum war diese Operation gemacht, so teilte er sie dem alten Rothschild mit, dieser aber sagte ihm ganz bestürzt: »Um Gotteswillen, Herr Fröhlich, was haben Sie getan, bevor acht Tage vergehen, erklärt sich Österreich bankrott.« -- Mein Vater erschrak, wollte jedoch Rothschild keinen Glauben schenken, der ihm dagegen versicherte, dies sei nur zu wahr, er habe es aus einer Quelle, die auch nicht den mindesten Zweifel übrig ließe. »Oh, warum haben Sie mir nicht vorher etwas davon gesagt,« setzte er hinzu. -- Mein Vater schrieb nun gleich an das Haus, erhielt aber erst nach sechs Tagen zweideutige und ausweichende Antwort, und schon den siebenten war die Finanzoperation, welche die österreichische Regierung (Ende 1804) vorgenommen, wodurch sie ihr Papiergeld sehr bedeutend herabsetzte, also Bankrott machte, in Frankfurt bekannt. Das Haus, von dem das unsrige die Papiere hatte, ließ diese im Stich und fallierte ebenfalls, so daß mein Vater den ganzen ungeheuren Verlust allein zu tragen hatte. Er hielt die Sache indessen sehr geheim, und mein Oheim teilte sie mir unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit mit, wenn ich meines Vaters Kredit nicht untergraben wollte.

Mein Oheim drang nun nochmals in mich, eine Karriere, und zwar eine andere als das Theater zu wählen und meinen armen Eltern nicht noch mehr Kummer zu machen, als sie jetzt schon hätten. »Übrigens,« setzte er, mich tröstend, hinzu, »bleibt ihnen noch immer so viel, daß sie dich in dem Stand, den du wählen wirst, vorerst noch unterstützen können. Würdest du dich der Theologie widmen, so kannst du auch noch auf meine Hilfe zählen und vielleicht dereinst meine Stelle bekleiden.«

Ich erbat mir nun noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, obgleich ich ihm hinsichtlich des theologischen Studiums -- ich wäre ein sauberer Theolog geworden -- gleich mit einem sehr positiven >Nein< hätte antworten können.

Noch den nämlichen Abend teilte ich der Frau von Brandenstein mit, daß ich mich nun für den Militärstand entschlossen habe und daß allerdings die Worte der Frau Landgräfin nicht ohne Einfluß auf diesen Entschluß geblieben seien; am anderen Morgen eröffnete ich dasselbe meinem Oheim und schrieb meine Sinnesänderung an meine Eltern. Obgleich man auch diesem Stand nicht sehr hold war, so war man doch froh, daß >mir der Komödiant aus dem Kopf war<, ergab sich darein und ließ mich vorerst noch in Homburg, um mich zu der neugewählten Laufbahn vorzubereiten, während man überlegen wolle, wie und wo ich am besten unterzubringen sei.

Als die Landgräfin meinen Entschluß hörte, sowie daß ihre Worte denselben hervorgebracht, äußerte sie sich wieder sehr gnädig über mich, und der Herr Landgraf sagte: »Unter den Soldaten wird man ihn schon zurechtbringen.« Indessen wurde mir die hohe Gnade, an den Exerzierstunden des Prinzen Leopold, er lernte die Handgriffe und das Marschieren bei einem ehemaligen preußischen Unteroffizier, teilnehmen zu dürfen, und da der junge Brandenstein auch zugelassen wurde, so formierten wir eine ganze Rotte und konnten nach Verlauf von wenigen Wochen schon ordentlich im Feuer exerzieren, marschieren, alle Wendungen und so weiter machen. Meine Eltern hatten mir einige Werke über Taktik, Strategie und so weiter geschickt, in denen ich fleißig studierte, und Prinz Leopold, der kleine Schanzen mit Wällen und Gräben anlegte, machte, daß ich wenigstens einen Begriff von der Fortifikationskunst erhielt, auch hatte er in Hölzer eingereihte Bleisoldaten, mit denen er die Pelotonsschule übte, sowie Festungen von Pappe, die wir mit kleinen messingenen Kanonen beschossen. War es schlechtes Wetter, so exerzierten wir in den Schloßgängen, wobei wir bisweilen die Gewehrkolben so gewaltig aufstießen, daß die Frau Landgräfin schickte und sich zu menagieren gebot.

Meine Eltern beschäftigten sich jetzt, eine passende Anstellung im Militär für mich ausfindig zu machen. Mein Vater hatte anfänglich den Gedanken, mich nach Petersburg zu seinem Bruder Wilhelm, der Oberst in der russischen Garde war, zu schicken. Eine Ohrfeige bewirkte, daß er den Handelsstand mit dem Soldatenstand vertauschte, in welchem er rasch ein glänzendes Glück gemacht. Als er von Bremen wieder in das elterliche Haus zurückgekehrt war, mußte er auf dem Kontor seines Vaters arbeiten und sollte sich dabei streng an die eingeführte Hausordnung halten, namentlich sich präzis um acht Uhr zum Abendessen einfinden; da er sich aber öfters verspätete, so zog ihm dies mehrmals Verweise zu, und als er wieder einmal erst um halb neun Uhr kam, empfing ihn sein Vater mit einer Ohrfeige vor dem ganzen Kontorpersonal. Wilhelm eilte zur Tür hinaus, ließ sich von der Köchin vier Kreuzer für die Torsperre geben, da er gar kein Geld zu sich gesteckt hatte, und eilte so zum Allerheiligentor hinaus nach Hanau zu. Hier angekommen, wurde er nicht eingelassen, diese Stadt war damals ebenfalls noch eine Festung, und schlief die Nacht auf dem Glacis. Am folgenden Morgen verkaufte er seine Uhr in Hanau und reiste weiter bis Leipzig, suchte daselbst einen Geschäftsfreund seines Hauses auf und schrieb nun seinen Eltern, was aus ihm geworden, sowie daß sein fester Vorsatz sei, nicht mehr nach Frankfurt zurückzukehren, sondern sich nach St. Petersburg zu begeben, den Kaufmann für immer an den Nagel zu hängen und in russische Militärdienste zu treten. Durch einen Bruder seines Vaters, der schon eine hohe Militärcharge daselbst bekleidete, die er durch Verwendung des russischen Generals Prinzen von Anhalt erhalten, nachdem er als Rittmeister in dem Leibkürassier-Regiment des Großfürsten Paul gedient und bald ein Liebling Pauls I. geworden war, machte auch Wilhelm rasch sein Glück in Rußland und heiratete obendrein ein sehr reiches Fräulein, eine Anverwandte des Fürsten Potemkin. Er fügte seinem Brief noch hinzu, man möge etwas Geld und Wäsche nach Leipzig schicken, womit er bis St. Petersburg reisen könne, wo nicht, so würde er sich so durchzuhelfen suchen; man tat, was er wünschte.

Meiner Mutter aber lag Rußland zu fern, sie fürchtete, mich nie wiederzusehen, und so ward dieser Plan aufgegeben, ehe ich nur etwas davon erfahren hatte. Man sprach von österreichischen Diensten, gegen diese hatte ich aber eine Abneigung, weil man die Österreicher so oft zum Gegenstand des Spottes und des oft schalen Witzes und sich über sie lustig machte; sie standen mir nicht hoch genug in der öffentlichen Meinung, eher neigte ich mich zu den Preußen hin, aber hier hatte ich trotz aller Protektion nur wenig Aussicht auf Beförderung, da ich kein gegerbtes und bekritzeltes Eselsfell vulgo Pergament aufzuweisen hatte, welches bewies, daß ich schon so und so viel faule Ahnen habe, die zu jener Zeit, bei der Artillerie ausgenommen, erforderlich waren, um des Tragens eines Portepees in der preußischen Armee würdig zu sein. -- Also auch hier nichts.

Mein Vater hatte einige finanzielle Relationen mit Hessen-Kasselschen höheren Beamten und glaubte in diesem kleinen Staat mir eine Karriere eröffnen zu können, obgleich auch hier wie in allen deutschen Staaten und Stäätchen der Adel sehr bevorzugt war. Es wurde nun an diese Herren geschrieben, die Antwort lautete ziemlich günstig, wir wurden an einen in Hanau garnisonierenden Obersten empfohlen, der mich dem Erbprinzen daselbst vorstellen und zum Kadetten oder Junker vorschlagen sollte. Ich fuhr an einem Sonntag mit meinem Vater dahin ab, wo uns der Oberst im Gasthof zum Riesen erwartete, um uns mit auf die Parade zu nehmen und die Gelegenheit abzupassen, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen. -- Als ich die steifen abgemessenen hessischen Soldaten, die mir gleich hölzernen Maschinen vorkamen, mit ihren langen bis an die Kniekehle reichenden Zöpfen und weißgepuderten Locken, mit ihren ausgestopften Puppen ähnlichen Offizieren, die aufs Haar den Nürnberger, von schwarzem Brotteig geformten, gebackenen und lackierten Soldaten glichen, welche die Kaufleute auf die Frankfurter Messe bringen, so bei mir vorübermarschieren sah, da bekam ich einen Schauder, es wurde mir ganz komisch zumute, und das Theater fiel mir wieder ein. -- Ich erklärte auch sofort meinem Vater, daß ich nicht in hessische Dienste treten wolle und es besser wäre, wir führen gleich wieder heim. Er meinte aber, daß, da wir einmal hier seien, man auch das Ende abwarten müsse, und man könne nicht weg, bevor ich wenigstens vorgestellt sei, der Oberst von M... könne sonst glauben, man habe ihn zum besten gehabt.

Als endlich die Parade vorüber war, kam der Oberst und beorderte mich, ihm zu folgen. Er führte mich zum Erbprinzen, der von mehreren Stabsoffizieren mit hohen, lang bespornten Kanonenstiefeln, mit ungeheuren Federhüten auf den Köpfen, martialische Dienstmienen, aber recht nichtssagende Gesichter machend, umgeben war. Als wir in der Nähe des Erbprinzen waren, sagte mein Führer: »Da bringe ich Eurer Durchlaucht einen neuen Rekruten, den Sohn des Herrn Fröhlich aus Frankfurt,« und gab mir ein Zeichen, vorzutreten.

Der Erbprinz und seine Offiziere musterten mich von oben bis unten und betrachteten mich ungefähr mit der Miene wie ein Fleischer, der ein Rind zum Schlachten kaufen will. Hierauf sagte der erste:

»Man hat Lust, Soldat zu werden?«

»Ja, Durchlaucht.«

»Das gehörige Maß scheint man zu haben, auch kann man noch wachsen. Aber man hat die verteufelte französische Jakobinermode mitgemacht, trägt abgeschnittene Haare, wie steht es da mit dem Zopf?«

»Oh, der kann wieder wachsen,« fiel der Oberst ein.

»Ja, das wird lange währen,« meinte der Erbprinz, »und ein hessischer Soldat ohne Zopf ist so viel wie gar nichts.«

Hier wackelten sämtliche Offiziere mit ihren Köpfen, gleichsam um durch die Bewegung ihrer ellenlangen Zöpfe anzudeuten, wie sehr sie mit der Meinung Seiner Durchlaucht einverstanden seien. Dieser fuhr fort:

»Wie alt ist man?«

Ich stand wie auf Kohlen und platzte endlich heraus:

»Man ist fünfzehn Jahre vorüber.«

Der Erbprinz sprach nun einige für mich unverständliche Worte zu seiner Umgebung und entfernte sich, ohne mich weiter eines Blickes zu würdigen. Ich eilte zu meinem Vater zurück, der der ganzen Szene in einiger Entfernung zugesehen hatte, und gleich darauf kam der Oberst zu uns und sagte zu demselben, ich habe mich so sonderbar benommen, daß der Erbprinz sehr ungnädig sei und er es nicht wage, ferner einen Schritt in dieser Angelegenheit zu tun.

»Ist auch nicht nötig, Herr Oberst,« versetzte ich, »ich werde um keinen Preis hessische Dienste nehmen.« -- Mein Vater hieß mich schweigen, war verlegen und suchte mich bei dem Obersten zu entschuldigen. Wir kehrten in den Riesen zurück, wo uns ein Bekannter aus Hanau aufsuchte, der mit meinem Vater über die Sache sprach und diesen einigermaßen beruhigte, indem er ihn versicherte, daß ich auf keinen Fall ein großes Glück bei den hessischen Zopfhelden gemacht haben würde, da ich, nicht von Adel, noch hätte von Glück sagen können, wenn ich mit dem fünfzigsten oder sechzigsten Jahre eine Kompagnie erhalten hätte, denn bei vielen heiße es: >Herr Leutnant, dir lebe und dir sterbe ich<, und man könne sich nicht vorstellen, welch eine Misere es sei, einem kleinen deutschen Souverän zu dienen. Das Elend sei nicht einmal ein glänzendes, sondern ein ganz gewöhnliches.

Ich stimmte dem braven Mann von Herzen bei und sagte meinem Vater, als er bei der Heimfahrt äußerte, er wisse nun gar nicht, was er mit mir anfangen solle, es wäre wohl das beste, wenn ich es mit den französischen Diensten versuchte, wo man wenigstens weder nach albernen Hirngespinsten, wie verfaulten Ahnen, noch nach Schnurrpfeifereien, wie Zöpfen, frage. Diese Sprache hatte ich Breidensteins Erziehung zu verdanken, der uns wenigstens so viel als möglich von allen albernen Vorurteilen frei zu machen suchte, dabei aber vergaß, uns die nötige Klugheit anzuempfehlen, und seine Freude daran zu haben schien, wenn wir uns recht derb deshalb ausließen, eine Freude, die ihm durch mich in vollem Maß wurde. Diese Erklärung setzte meine werte Verwandtschaft, die noch meistens gut kaiserlich gesinnt war und die Franzosen haßte, neuerdings in Alarm, und es gab abermals Debatten, die jedoch durch die Furcht, meine Theaterlust möchte wieder erwachen, und da auch meine Mutter Neigung für den französischen Dienst zeigte, bald beseitigt wurden; es ward nun beschlossen, daß ich in französische Dienste treten sollte. -- Ich fuhr ein paar Tage darauf mit meinem Vater nach Mainz, wo Latour damals ein neues Regiment für die französische Regierung errichtete. -- Als wir ankamen, ließ General Lefevre, ein Müllerssohn, gerade ein Armeekorps von zwanzigtausend Mann auf der großen Bleiche, die zum Heer Napoleons stoßen sollten, die Musterung passieren. Als ich diese wahrhaft martialischen und dabei doch gutmütigen Gesichter defilieren sah, machte dies einen ganz anderen Eindruck als die Hanauer Zopfparade auf mich. Das kriegerische Aussehen dieser Truppen, das legere Marschieren, die ungezwungene und doch imponierende Haltung derselben, das unaufhörliche Wirbeln der vielen Trommeln, mit denen eine etwas wilde Janitscharenmusik wechselte, dies alles machte mein Herz freudig pochen. Ich vergaß und versäumte das Mittagessen über dieser Revue und kam erst nach drei Uhr in die drei Reichskronen zurück, in denen wir abgestiegen waren. Noch denselben Tag besuchten wir Latour, dem wir durch einen Mainzer Bekannten empfohlen wurden, und eine halbe Stunde darauf war ich mit Unteroffiziersrang in dem neuen Regiment angestellt. Am folgenden Tag kehrten wir wieder nach Frankfurt zurück, um meine Equipierung instand zu setzen, die eben nicht sehr umständlich sein durfte; als Abzeichen meines Dienstes hatte ich schon eine dreifarbige Kokarde, die ich aufsteckte, mitgebracht, kündigte mich allenthalben und mit triumphierender Miene, namentlich auch in Homburg, als angehender französischer Krieger an, was mir manche verdrießliche Miene zuzog und mir namentlich der alte Oberst Schulter übel nahm, der wie viele andere eine wahre Antipathie gegen die Franzosen hatte, ebenso die Homburger, mit Ausnahme der Landgräfin, die für die Franzosen eingenommen war und sehr gut französisch sprach. -- Während ich so mit meinen Abschiedsbesuchen bei allen meinen Lieben und mit meiner Equipierung beschäftigt war, kam Frau von Waldschmidt zu uns und teilte uns mit, daß der Fürst Y... ebenfalls im Sinn habe, ein Regiment für den Kaiser Napoleon zu errichten, es könne sich nicht leicht bessere Gelegenheit finden, meine Militärdienste anzutreten, ja ich könne ohne Zweifel als Offizier in dieses Regiment treten, da der Fürst junge Leute von Distinktion für dasselbe suche. -- Mein Vater entgegnete ihr jedoch, daß, da ich schon definitiv bei Latour d'Auvergne angestellt sei, dies zu spät komme, ohnehin sei es nicht sein Wille, daß ich gleich eine Offizierscharge bekleide, die mir zu viele Freiheit lasse, was bei meiner großen Jugend und meinem Hang zu einem wilden Leben gerade nicht wünschenswert sei. Aber Frau von Waldschmidt meinte, ich könne gerade in dieser Hinsicht nirgends besser aufgehoben sein als in dem Regiment des Fürsten Y..., der unsere Familie kenne und mich gewiß unter seine besondere Obhut nehmen würde, eine Versetzung von dem einen Regiment zu dem anderen ließe sich ja leicht bewirken und so weiter. Mein Vater dankte für die Aufmerksamkeit, ließ es indessen vorerst dabei bewenden, und nach ein paar Tagen reiste ich allein nach Mainz ab, meine militärische Laufbahn anzutreten, die wenigstens lustig genug werden sollte.

IX.

Mainz; seine Geschichte. -- Ich werde zu dem Regiment Y. versetzt. Formation desselben. -- Die Familie Jung. -- Die Mitternachtsmessen. -- Eine tödliche Krankheit. -- Das Regiment erhält Ordre, nach Toul zu marschieren. -- Ich gehe zu meiner Wiederherstellung auf Urlaub. -- Chasttelers Mätresse, und eine Nacht im Bären. -- Napoleon hält eine Revue in Mainz. -- Ich bekomme einen Transport Rekruten nach Toul zu führen.

Mit zwar etwas beklommenem Herzen, aber leichtem Sinn, leichter Bagage -- mein militärisches Equipement sollte ich erst beim Regiment erhalten --, ziemlich gefüllter Börse, übrigens frohen Muts verließ ich das Vaterhaus und setzte mich in den nach Mainz abfahrenden Postwagen. An meinen solideren Kenntnissen trug ich auch nicht schwer: Geschichte, Erdbeschreibung und Französisch, das ich gut sprach und schrieb, waren die einzigen Dinge, die ich ziemlich gründlich kannte, namentlich hatte ich Plutarch, Cäsar und Titus Livius gut inne; meine Muttersprache, das Deutsche, sprach und schrieb ich nicht einmal sehr korrekt, ebenso sprach ich nur schlecht Englisch, und in der Mathematik wie im Zeichnen hatte ich es auch nicht sehr weit gebracht, eine Hand schrieb ich, daß es zum Erbarmen war, dagegen aber hatte ich in frivoleren Künsten eine ziemlich hohe Stufe erreicht; in der Musik, im Klavier und Singen war ich ein Virtuose, dabei ein guter Reiter und ebenso guter Tänzer. Von allen meinen Büchern hatte ich nur die, welche von den Militärwissenschaften handelten, die ich erst kürzlich bekommen hatte, und sodann noch Schillers Don Carlos und Fiesko, Kramers Adolph der Kühne, Raugraf von Dassel, dies war mein Homer und Plutarch, und den Klavierauszug des Don Juan eingepackt und mitgenommen.

In Mainz angekommen, stieg ich im Gasthof >Zur hohen Burg< ab, denn man hatte mir gesagt, daß sich dort ein allerliebstes Wirtstöchterchen befände; ich fand mich aber getäuscht, es war eine zwar jugendliche, frische, rotwangige, aber ziemlich derbe Schönheit, für die ich in meinem Leben nie inklinierte, blieb indessen vorerst da wohnen. Am nächsten Morgen stellte ich mich meinem Regimentschef vor, der mich wohlwollend empfing und einer Kompagnie zuteilte. Der Dienst des kaum errichteten Regiments war noch nicht geregelt, und ich hatte vorderhand nichts weiter zu tun, als mich bei den Appellen einzufinden, benutzte deshalb die müßige Zeit, um mich in dem alten Mainz umzusehen, und nahm bei einem Ingenieuroffizier Unterricht in der praktischen Feldmeßkunst und Fortifikation sowie bei einem Unteroffizier-Maitre-d'Arme (Fechtmeister) in der Fechtkunst, denn mir ahnte, daß es mir an Händeln der besten Sorte nicht fehlen würde. Glücklicherweise war damals kein Theater in Mainz, das mich von meinen Berufsstudien hätte abwendig machen und zu sehr zerstreuen können.