Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 10

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In Offenbach war damals das gesellige wie das öffentliche Leben überaus heiter und fröhlich, die Fabriken hatten einen guten Absatz, die Gewerbe blühten, und eine Albernheit der Frankfurter Behörden war dem Städtchen von großem Nutzen. Das Verbot, daß in Frankfurt keine Maskenbälle gegeben werden durften, kam den Offenbachern sehr zustatten, wo während des ganzen Winters jeden Sonnabend bei ziemlich hohen Eintrittspreisen dieses Vergnügen im dortigen Schauspielhaus gestattet wurde, wohin die Frankfurter karawanenweise fuhren, um desselben teilhaftig zu werden, und wodurch viel Geld von Frankfurt nach Offenbach geleitet wurde; denn außer dem Eintrittsgeld und was in solchen Nächten verzehrt und verspielt wurde, bezahlte man auch die brillanten Kostüme und was zu den Maskenanzügen gehörte, in dem damit reichlich versehenen Magazin der Mamsell Niepold zu enormen Preisen. Als Ursache, daß man diese Bälle, ausgenommen in Krönungszeiten, wo man nicht anders konnte, in Frankfurt nicht dulden wollte, gab man an, daß mehrmals den regierenden Bürgermeistern große Unannehmlichkeiten bei solchen Gelegenheiten widerfahren, ja einer sogar einmal beinahe ermordet worden wäre.

In den Sommermonaten wohnte ich, wie gesagt, zu meiner großen Freude bei meinen Eltern, wo ich weit mehr Freiheit als in Scherers Institut hatte. Unser nächster Gartennachbar, ein Kaufmann O... aus Frankfurt, hatte mehrere Kinder, mit denen ich bald eine nähere Bekanntschaft anknüpfte. Der älteste Junge, Adam, war indessen ein stupid-trauriges Subjekt, der zweite, Fritz, ein ausgelassener Wildfang; sie hatten eine Schwester, Lilli geheißen, ein artiges Mädchen, der den Hof zu machen ich schon der Mühe wert fand. In den Erholungsstunden setzte ich mit einem Sprung über die Planken, die unsere Gärten trennten, und befand mich bei diesen Kindern, wo ich indessen bald noch ein anderes sehr hübsches Mädchen, ebenfalls die Tochter eines Kaufmanns aus Frankfurt, kennen lernte, der ein naher Verwandter O.s und d'Orvilles war, die Karoline Th... hieß. Kaum hatte ich dieses liebenswürdige Kind erblickt, so hatte ich auch keine Augen mehr für Lilli, sondern bewarb mich eifrig um die Gunst der ersteren, die mir auch bald in vollem Maße zuteil ward, und wir verstanden es vortrefflich, die gute Lilli und ihren einfältigen Bruder Adam unter allerlei Vorwand zu entfernen, namentlich wenn wir Verstecken spielten. Aber dabei hatte es sein Bewenden nicht, sondern bei den Abendharmonien in Bernards Boskett machte ich die Bekanntschaft noch mancher anderen liebenswürdigen Kinder, unter denen eine Jeannette, eine Annette und eine Arkade, die letztere die Tochter eines reichen, in Offenbach privatisierenden Holländers namens Amerong, und reservierte mir diese für meine Winterschönheiten, da Lilli und Karoline wieder nach Frankfurt zurückkehrten, sobald der Herbstwind die Blätter gelb färbte und die Schwalben abzogen. -- Um mehr Gelegenheit zu haben, mit all diesen Mädchen zusammen und in nähere Berührung zu kommen, und auch aus angeborener Liebhaberei, nahm ich wieder zu meinem erprobten alten Mittel, dem Komödienspielen, meine Zuflucht, und wir spielten in Bernards Garten, wo sich die beste Gelegenheit dazu bot und gar manch heimliches, >stillvertrautes Örtchen< war, Komödien jeder Art, in denen auch manchmal die Eifersucht schon eine Rolle spielte, namentlich von seiten der Aktricen.

Mit dem Ende des Sommers hatten auch unsere Garten-Komödien aufgehört, und ich glaubte schon, einen recht traurigen Winter in dem Institut zubringen zu müssen, da fügte es sich, daß sich meine Eltern entschlossen, bis Weihnachten in Offenbach zu bleiben, und zu meiner großen Freude fand sich eine Schauspielergesellschaft, deren Direktor ein gewisser Badewitz war, für die Wintersaison ein; meine Mutter nahm ein Abonnement in einer Loge, das meistens mir zugute kam. Die Gesellschaft war so übel nicht; Madame Badewitz, eine hübsche junge Frau, spielte die Liebhaberinnen recht natürlich, eine Demoiselle Sternfeld war leidlich, auch der erste Liebhaber, Herr Stahl, gefiel, nur tobte und schrie er bisweilen gar zu arg.

Gar zu gerne hätte ich im elterlichen Haus jetzt ein Liebhabertheater etabliert, aber da sich diesem Vorhaben nicht zu beseitigende Schwierigkeiten entgegensetzten, so mußte ich mich begnügen, ein Puppentheater bestmöglich einzurichten, auf dem ich mit Hilfe einiger anderen Kinder gewöhnlich Sonntags Vorstellungen gab. Dies Theater stellte ich dann dicht an die Türe, die aus der Stube, in der wir spielten, in ein anderes Zimmer führte, so daß dasselbe samt den Dirigenten völlig von den Zuschauern, welche meistens aus Kindern und dem Gesinde bestanden, getrennt war und niemand hinter das Theater konnte. Die Bühne hatte mir unser Tischler nach meiner Angabe verfertigen müssen, mehrere Dekorationen hatte mir unser Zeichenlehrer Herchenröder gemalt, andere hatte ich selbst nach denen des Frankfurter Theaters, die zum Teil von dem berühmten Quaglio und Fuentes gemalt waren, zusammengepfuscht, und meine Gehilfen bei der Aufführung waren meistens Mädchen, namentlich Jeannette und Arkade. Indessen glaube man nicht, daß wir uns begnügten, kleine Harlekinaden aufzuführen, im Gegenteil, die größten Maschinenstücke, wie eine Nymphe der Donau, der Spiegel von Arkadien, die Teufelsmühle, das Sternenmädchen, die Zauberzitter waren uns nicht zu schwierig, und sogar an große Ritterstücke und Opern, wie Maria von Montalban, Oberon, das unterbrochene Opferfest, die Zauberflöte, den Titus und so weiter wagten wir uns und leierten sie ab, so gut es gehen wollte; freilich sangen wir nur einzelne Lieder und Gesänge aus denselben, und alle Ensemblestücke und die meisten Chöre blieben weg. Ein Klavier, das wir abwechselnd spielten, war das Orchester, aber gar oft waren Orchester und Sänger um zwanzig bis dreißig Takte und mehr auseinander. Wir sangen eben so gut wir konnten und strengten uns dabei ganz gewaltig an. Indessen muß dies Marionettenspiel doch nicht so durchaus langweilig gewesen sein, da es nicht selten auch von erwachsenen Personen beehrt wurde, die den Vorstellungen bis zu Ende beiwohnten. Eine der aufmerksamsten Zuschauerinnen war Bettina Brentano, die damals mit noch zwei anderen Schwestern bei ihrer Großmutter, der Schriftstellerin Sophia von La Roche, zu Offenbach wohnte und unser Haus öfters mit einem Besuch beehrte. Dieses originelle Mädchen war ein ganz eigenes und geniales Geschöpf, welches in ihrem Wesen viel von Goethes Mignon hatte, dabei ein etwas wildes, sehr naives und ungeniertes Naturkind war, unser Puppenspiel mit großer Vorliebe gegen jede hämische Kritik verteidigte und in Schutz nahm. Sie war damals schon eine außerordentliche Verehrerin Goethes, und in Ermangelung des großen Dichters selbst brachte sie ihre Huldigung einstweilen dessen Mutter, der Frau Rat, die sie jedoch so sehr mit ihren Besuchen zu fast jeder Stunde bestürmte, daß sich dieselbe öfters verleugnen ließ. Bettina aber merkte dies und ließ sich dann nicht abweisen, sie klopfte an der Tür des Schlafzimmers, in welchem sie die Dame vermutete, und rief ihr ganz naiv zu: »Machen Sie nur auf, Frau Rat, ich weiß doch, daß Sie zu Hause sind,« oder öffnete ein Fenster des Vorzimmers und schlug von außen mit einem Stöckchen an das Fenster der Stube, in der sie Goethes Mutter glaubte, dieselben Worte wiederholend, bis endlich die gute Frau, durch diese Beharrlichkeit erweicht, lächelnd öffnete, wo dann das Mädchen in die Hände patschend freudig herumsprang und ausrief: »So muß man es machen, Frau Rat, wenn man Sie sehen will.« --

Bald darauf kehrten meine Eltern nach Frankfurt zurück, und ich mußte zu meinem Leidwesen wieder ganz in dem Institut wohnen, wo sich indessen eine neue, sehr hübsche, kaum dreizehnjährige Nichte des Hofrats, Helenchen Valentin, eingefunden hatte, mit der ich nun meine Aufgaben in den Abendstunden zusammen in der erwähnten Garderobe machte und auswendig lernte, und man darf es mir aufs Wort glauben, daß auch ohne die Pestalozzische Methode, die wir nicht kannten, wir beide durch gegenseitigen Unterricht erstaunlich schnelle Fortschritte machten. Gegen das Frühjahr verlor ich meinen guten, schon länger kränkelnden Großvater Weller. Der Mann hatte sich übermäßig angestrengt und fast zu Tode gearbeitet, während die meisten Römerherren ihre Stellen als Sinekuren betrachteten und es sich in träger Behaglichkeit wohl sein ließen. Das edle Roß arbeitet unaufgefordert bis zum letzten Atemzug, der Esel aber läßt sich zur Arbeit prügeln und tut sich doch nicht weh.

Der gute Mann hatte noch vor seinem Tode geäußert, daß man mich doch in den Religionsunterricht des Pfarrers Doktor Hufnagel nach Frankfurt schicken solle, der ein berühmter Prediger und sein intimer Freund war, um von diesem konfirmiert zu werden. -- Dies war Wasser auf meine Mühle, denn nun mußte mich Hofrat Scherer jede Woche ein-, auch zweimal zu dieser Gebetstunde nach Frankfurt gehen lassen. Hier fesselte sogleich nicht Doktor Hufnagel, sondern ein allerliebstes Mädchen, die Wirtstochter aus dem Englischen Hof, Jungfer L..., wie sie sich nannte, meine Aufmerksamkeit, ich hatte bald nur noch Augen und Ohren für sie und war taub für die Lehren des wackeren Hufnagels. Bald hatten wir erst nur durch Blicke, dann durch Zettelchen korrespondiert, die ich ihr beim Verlassen der Gebetstunde zusteckte, worauf wir aus Mangel an passenderen Orten uns Rendezvous hinter den einsamen Stadtmauern in der Gegend des Eschenheimer Tors gaben; aber dies Einverständnis hatte kaum einige Wochen gedauert, als es durch die Unvorsichtigkeit meiner Teueren plötzlich gestört und mir der fernere Besuch der Religionsstunden in Frankfurt untersagt wurde. Die L. ließ während des Unterrichts ein Zettelchen, das ich ihr beim Eintreten zugesteckt, indem ich sie auf den Wall am Eschenheimer Tor beschied, und das mit einem: >einstweilen tausend Küsse, mein lieblicher Engel< schloß, aus ihrem Gebetbuch fallen, ohne es sogleich wahrzunehmen, ein anderes neben ihr sitzendes Mädchen hob es auf und übergab es dem Doktor Hufnagel, der es zu unserm beiderseitigen Schrecken las, zu sich steckte und nach der Konfirmandenstunde das arme Kind vornahm, das, heiße Tränen vergießend, beichtete, ich habe sie zu all den gottlosen Dingen verführt. Meine Eltern wurden von der gemachten Entdeckung in Kenntnis gesetzt, teilten sie dem Hofrat Scherer mit, der ohnehin über das Nach-Frankfurt-Laufen als viel zu zeitraubend ärgerlich war, und nun wurde beschlossen, daß ich den Frankfurter Religionsunterricht aufgeben, die Konfirmandenstunden in Offenbach bei dem lutherischen Oberpfarrer Waldeck fortsetzen und daselbst auch konfirmiert werden solle. So unangenehm mir dieser unwiderrufliche Beschluß anfangs war, so wußte ich mich doch bald darein zu finden und fing in der neuen Gebetstunde da an, wo ich es in Frankfurt gelassen hatte, nämlich statt auf die Lehren des guten Herrn Oberpfarrers zu achten, suchte ich mit den hübschesten Mädchen zu liebäugeln, deren es auch hier gab, und eine schmachtende Sophia, ein Kind der Liebe in jedem Sinn, hatte neben Rosettchen, die gleichfalls diese Gebetstunden besuchte, schnell mein so empfängliches Herz zu fesseln gewußt, ich war getröstet, nahm mir aber vor, meine Sache jetzt klüger anzufangen und vor allem keine Zettel mehr zu schreiben, dagegen unterstrich ich die mir gerade dienlichen Worte in meinem Katechismus mit Bleifeder, machte ein kleines Zeichen an den Rand der Zeilen, in denen sich die unterstrichenen Worte befanden, ein Kreuz hinter dem Wort, das eine Phrase schloß, und machte mich so vollkommen verständlich. Beim Herausgehen tauschten wir die gleich gebundenen Bücher gegeneinander aus, ich fand die erbetene Antwort auf dieselbe Weise bezeichnet, denn ich hatte gar gelehrige Schülerinnen für meinen Unterricht, und auf diese Weise wurde gar manche Zusammenkunft verabredet und zustande gebracht.

Damals verbreitete sich in Offenbach und der Umgegend plötzlich die Nachricht, daß der berüchtigte und allgemein gefürchtete Räuberhauptmann Schinderhannes (Johannes Bückler) in Frankfurt im Roten Ochsen, dem österreichischen Werbhaus, gefangen worden sei. Anfänglich wollte niemand daran glauben, bald bestätigte sich jedoch diese große Neuigkeit, sowie, daß man ihn an das französische Gouvernement nach Mainz abgeliefert habe, da er hauptsächlich das linke Rheinufer zum Schauplatz seiner Untaten und Missetaten gemacht hatte, von denen viele höchst originell waren, namentlich die, welche er an Juden, die er besonders haßte, verübte. Seitdem das linke Rheinufer französisch war, hatten ihm die dortigen Gendarmen so gewaltig zugesetzt, daß er sich schon einigemal auf das rechte Ufer geflüchtet und, um sich aus der Klemme zu retten, bei österreichischen oder preußischen Werbern engagiert hatte. Da er noch ein sehr junger und wohlgewachsener Mann war, so wurde ihm jedesmal ein schönes Handgeld ausgezahlt, worauf er sich bei der ersten Gelegenheit wieder aus dem Staube machte und sein Räuberhandwerk von neuem begann. Als ihm einst ein österreichischer Werbeunteroffizier vier Karolin Handgeld ausgezahlt hatte und beide hierauf durch den Frankfurter Wald kamen, zog Schinderhannes plötzlich zwei Terzerole unter dem Wams hervor und sagte zu dem Korporal: »Jetzt geht jeder seinen Weg, ich bin Johannes Bückler,« und der Unteroffizier mußte ihn gehen lassen. Diesmal war er jedoch im Werbehaus selbst erkannt, festgenommen und wohl geknebelt nach Mainz transportiert worden.

Ich hatte schon so viele und seltsame Dinge von diesem Schinderhannes erzählen hören, daß ich mir ein großes Genie, einen wahren Wundermann unter demselben dachte, den zu sehen ich weiß nicht was gegeben hätte. Zudem war meine Phantasie soeben durch das Lesen des Rinaldo Rinaldini aufgeregt, und obendrein studierte ich die Rolle des Karl Moor aus Schillers Räubern ein. Ich träumte und phantasierte wachend von diesem Helden und dem Schinderhannes, von dem man allgemein glaubte, daß er sich selbst wieder befreien würde, und täglich eine solche Nachricht erwartete; unter dem Volk stand sogar der Glaube fest, daß er sich unsichtbar machen könne. Unterdessen aber wurde sein Prozeß und der seiner Spießgesellen, von denen man die gefährlichstem wie den schwarzen Peter, den tollen Jonas und so weiter nach dem Habhaftwerden ihres Hauptmanns ebenfalls eingefangen hatte, bei den französischen Gerichten zu Mainz eifrigst betrieben, und nach mehreren Monaten kam die Nachricht, daß er samt seinen gefangenen Helfershelfern, dreiundzwanzig an der Zahl, zum Tode verurteilt sei.

Schinderhannes sterben, ohne daß ich dieses Genie gesehen, war mir ein unerträglicher Gedanke. Unter andern Gaben, mit denen mich die gütige Natur beschenkt, war auch eine gute Portion Leichtsinn, die mich gar oft in die allerbedenklichsten Lagen brachte, und mehr als hundertmal setzte ich gleich einem verzweifelten Spieler Existenz, Leben und Vermögen auf einen einzigen Wurf und -- gewann meistens; dies ist allerdings das wenn auch desperate Mittel, manches gefährliche Wagnis durchsetzen zu können, indessen muß man dabei auf alles, was kommen kann, gefaßt und resigniert sein.

Als ich mit Bestimmtheit den Tag kannte, der zur Exekution meines Helden festgesetzt war, erklärte ich dem Herrn Hofrat zwei Tage früher, daß ich den kommenden Morgen zur Geburtstagsfeier meines Vaters nach Frankfurt gehen müsse, was er mir nach einigen Einreden, die ich zu widerlegen wußte, zugestand. Ich hatte erfahren, daß den Tag vor der Hinrichtung außer dem jeden Morgen abgehenden Marktschiff noch eine Extrajacht von Frankfurt nach Mainz fahren würde, ich machte mich deshalb in aller Frühe auf die Beine, kam nach sechs Uhr in Frankfurt an, eilte sofort an die Ufer des Mains und schiffte mich auf der Jacht ein, wo ich nicht eher ruhig war, als bis sie die Anker gelichtet, das heißt die Seile, die sie am Ufer hielten, losgebunden, denn ich fürchtete immer noch, eingeholt und zurückgebracht zu werden. Endlich fuhren wir mit Musik und unter dem Jubel der Menge ab. Jetzt erst wurde es mir leichter ums Herz, und ich freute mich innerlich über das Gelingen meines Geniestreichs. Das Schiff war mit Passagieren jeder Gattung bis zum Erdrücken angefüllt. Greise und Jünglinge, alte Weiber und blühende Mädchen, wichtigtuende Beamte und sorglose Bänkelsänger, alles war in buntem Gemisch durcheinander und vertrug sich bestens. Daß fast nur von dem berühmten Räuberhauptmann und seiner Bande die Rede und das dritte Wort Schinderhannes war, von dem man sich die wunderlichsten Abenteuer und Anekdoten, wahr oder erfunden, erzählte, kann man sich denken, sowie daß ich jedes Wort und jede Meinung mit Begierde aufschnappte und das Gesicht verzog, wenn sie mit meinem Ideal nicht übereinstimmten. Indessen war die Fahrt lustig und unterhaltend genug, man sang, spielte, schmauste und zechte, ich naschte Kuchen und Backwerk, was man zum Verkauf ausbot, und verschenkte manch Stückchen an ein hübsches Mädchen. Aber jedermann wunderte sich, daß ich so allein, ohne alle Kopfbedeckung, im bloßen Hals, in dieser Jahreszeit, es war im Winter, und ohne alle Aufsicht zu einer solchen Feierlichkeit nach Mainz reise. Aber unbekümmert stimmte ich in das originelle Lied, das einige lustige Brüder sangen: >So geht es in Schnutzel-Putz-Häusel, da tanzen die Katzen und Mäusel< mit ein und fuhr heiter den Strom hinab. Erst gegen Abend bekamen wir das alte ehrwürdige, ehemals goldene Mainz mit seinen Türmen, Kirchen und Klöstern zu Gesicht. Nach fünf Uhr wurde gelandet, und während sich alle Passagiere nach Gasthöfen und einem Nachtlager umsahen, war, als ich ausgestiegen, meine erste Frage, ob ein Theater in Mainz sei und ob man diesen Abend spiele, worauf mir eine bejahende Antwort wurde, und zwar, daß man französische Komödie spiele. Ein französisches Stück hatte ich noch nie aufführen sehen, und nichts hätte mich, dessen Neugierde aufs höchste erregt war, abhalten können, demselben beizuwohnen. Ich ließ mir sogleich den Weg zeigen, der nach dem Theater führte, nahm ein Parkettbillett und sah den >Kalif von Bagdad< und noch ein paar französische Lustspiele aufführen. Als gegen zehn Uhr das Schauspiel beendigt war und ich das Haus verließ, ergoß sich der Regen in Strömen, ich hatte noch an kein Nachtquartier gedacht, befand mich zum erstenmal in einer mir ganz fremden und ziemlich großen Stadt, fragte nun erst nach Gast- und Wirtshäusern, lief, in allen abgewiesen, von einem zum andern, denn niemand wollte sich mit dem seltsamen Gast, der ohne Mantel, Binde und Hut, schon wie ein Pudel durchnäßt, kein großes Vertrauen einflößte, befassen, und zudem waren ja alle Wirtshäuser vom ersten bis zum letzten überfüllt. So rannte ich nun umher, ohne zu wissen wohin, und schon ging es auf Mitternacht zu, als, zähneklappernd und vor Frost zitternd und schaudernd, durch die schon längst menschenleeren Straßen irrend mich der Zufall an das Judenplätzchen führte, wo ich eine vor dem dortigen Wachthaus stehende französische Schildwache anredete und ihr meine Verlegenheit klagte. Sie hieß mich in die Wache eintreten, wo ich mich bei einem guten Feuer trocknen und erwärmen könne, und da ich diesem Rat nicht sogleich Folge leistete, so öffnete mir der Soldat selbst die Tür, rief den wachehabenden Sergeanten, dem er mein Abenteuer mitteilte, der mich nun in das Wachtzimmer nötigte, wo er und seine Leute warmen Anteil an meinem Schicksal nahmen, mich scherzend bedauerten, nach französischer Weise Witze und Bonmots über mein Malheur machten, sonst aber sehr artig waren. Sie halfen mir die nassen, triefenden Kleider ausziehen, mich einstweilen in eine ihrer Kapotten hüllend, und mir, während sie meine Effekten am Feuer trockneten, ein Nachtlager auf der Pritsche mit Soldatenmänteln und einem Tornister, der mir statt Kopfkissen diente, bereitend, auf dem ich auch bald nach Herzenslust schnarchte. Als ich am anderen Morgen erwachte, waren meine Kleidungsstücke getrocknet und sogar gereinigt und ausgebürstet, man war mir beim Ankleiden behilflich, und ich, für die erwiesene Gastfreundschaft erkenntlich, regalierte die ganze Wache _avec la goutte_ und eilte, nachdem ich Teil an dem militärischen Frühstück und Abschied von meinen gefälligen Schlafkameraden genommen, mit fast ganz leerer Tasche, denn ich hatte nur wenige Gulden, nach dem zur Exekution bestimmten Platz, auf dem ehedem die prächtige kurfürstliche Favorite gestanden und den jetzt wieder schöne Gartenanlagen zieren. Die schon von allen Seiten dahin strömenden Volksmassen zeigten mir den Weg.

Daselbst angekommen, fand ich einen großen Kreis durch ein militärisches Spalier gebildet, in dessen Mitte die rot angestrichene Guillotine stand. Gerne wäre ich in den Kreis gegangen, aber das Militär ließ niemand durch, nur Offiziere und höhere Beamte hatten dieses Vorrecht. Schon harrte die unermeßliche Zahl der Neugierigen stundenlang, als man endlich einen dumpfen Trommelschlag und gleich darauf ein: »Sie kommen, sie kommen!« vernahm. Es fuhren nun mehrere Kutschen mit diensttuenden Beamten in den Zirkus, ich paßte einen günstigen Augenblick ab und stahl mich hinter einer solchen in denselben. Jetzt kamen die armen Sünder auf mehreren Leiterwagen, teils mit roten, teils mit weißen Hemden bekleidet, in Begleitung katholischer und protestantischer Geistlicher angefahren. Noch immer dachte ich, daß irgendein _Deus ex machina_ kommen müsse, um die Räuberhelden zu befreien, aber vergeblich. -- Jetzt herrschte eine Totenstille im ganzen Umkreis. Schinderhannes sprang zuerst vom Wagen, stieg beherzt und mit Anstand auf das Schafott, sprach noch einige Worte, die ich nicht verstand, machte eine kurze Verbeugung gegen die Zuschauer, legte das Haupt auf den Block, den das zentnerschwere Messer mit einem ringsum widerhallenden Schlag vom Rumpf trennte, wobei mir ein tiefer Seufzer entfuhr, und ich lispelte: »Rinaldo Rinaldini ist nicht mehr!« Ich hatte den einst so gefürchteten Schinderhannes ganz in der Nähe gesehen und dessen Züge nicht ohne einen Ausdruck, der einen gewissen Edelmut zu verkünden schien, gefunden. Bis zum letzten Augenblick zeigte er die größte Standhaftigkeit und Entschlossenheit. Ihm folgten die Mitverurteilten der Reihe nach rasch hintereinander, keiner jedoch zeigte den Mut des Anführers, einige mußten sogar ohnmächtig auf das Schafott getragen werden. Ich hielt es nur bis zum zehnten aus, dann wurde mir die Schlächterei und das viele Blut zuwider; ich eilte in die Stadt zurück, wo ich am Tor hinter einem Tisch, auf dem eine blecherne Büchse war, mehrere Männer stehend fand, von denen einer ein einjähriges Kind auf dem Arm hatte; es war der Sohn des guillotinierten Räuberhauptmanns, dem alle Vorübergehenden reichliche Gaben spendeten; auch ich warf ein Sechskreuzerstück, die Hälfte von dem, was ich noch übrig hatte, in die Büchse, als Beitrag für den Nachkömmling des verunglückten Helden.