Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

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Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten

Erster Band

Sechste Auflage

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten

Hinterlassene Papiere eines französisch-preußischen Offiziers

In drei Bänden

Erster Band

Egon Fleischel & Co. Berlin 1916

Inhalt des ersten Bandes.

Seite

I. Eine Taufe. -- Frau Rat Goethe. -- Voltaire in strengem 1-16 Arrest zu Frankfurt am Main; seine Perücke. -- Der erste Luftschiffer in Deutschland. -- Sonderbarer Zwischenfall. -- Blanchard werden fürstliche Ehrenbezeigungen zuteil

II. Kleinkinderjahre mit großen Episoden. -- Die letzte deutsche 17-29 Kaiserkrönung (Franz II.). -- Die französischen Emigranten. -- Die Frankfurter Juden. -- Der alte Rothschild und sein Vater

III. Die Neufranken in Frankfurt. -- Cüstine. -- Die 29-39 Kontribution. -- Die Mainzer Revolution

IV. Wiedereinnahme Frankfurts durch die Preußen und Hessen. -- 39-51 Franzosen durch den Pöbel niedergemacht. -- Schreckliche Lage der Frankfurter Abgeordneten zu Paris, aus der sie mein Oheim befreit. -- Eindruck, den die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI. macht

V. Aufenthalt des Königs von Preußen und seiner Garde in 52-71 Frankfurt. -- Spielwut der Offiziere. -- Ein Jude muß einen Wechsel fressen. -- Eine Entführung. -- Errichtung einer stehenden Bühne in Frankfurt. -- Die erste Vorstellung der Zauberflöte erregt ungeheures Aufsehen. -- Abermalige Belagerung Frankfurts (1796). -- Die Stadt wird mit glühenden Kugeln beschossen. -- Niederbrennen der Hälfte des Judenquartiers. -- Frankfurter Zustände jener Zeit. -- Meine schöne Cousine. -- Eine Scheidung. -- Eine Hochzeitsreise mit Unannehmlichkeiten in Stuttgart

VI. Das Institut zu Homburg vor der Höhe. -- Die Flegeljahre. -- 72-88 Homburg und seine Umgebungen. -- Der Hof. -- Eine Schweinsjagd im Schloßgarten und eine Schildwache im Teich. -- Eine kaiserliche Stecknadel

VII. Das Pensionat zu Offenbach. -- Die Gebrüder Bernard. -- Eine 89-117 große Prellerei. -- Das Puppenspiel. -- Der Konfirmationsunterricht. -- Schinderhannes gefangen und hingerichtet. -- Allerlei Amoretten. -- Ich will mich schlechterdings dem Theater widmen. -- Eine Reise nach Weimar. -- Goethe und Schiller

VIII. Abermaliger Aufenthalt in Homburg vor der Höhe. -- Diverse 118-139 Amoretten. -- Ich gebe den Schauspieler auf, um Soldat zu werden. -- Glänzende Folgen einer Ohrfeige. -- Eine Hanauer Zopfparade. -- Ich trete in französische Dienste

IX. Mainz; seine Geschichte. -- Ich werde zu dem Regiment Y. 139-154 versetzt. Formation desselben. -- Die Familie Jung. -- Die Mitternachtsmessen. -- Eine tödliche Krankheit. -- Das Regiment erhält Ordre, nach Toul zu marschieren. -- Ich gehe zu meiner Wiederherstellung auf Urlaub. -- Chasttelers Mätresse, und eine Nacht im Bären. -- Napoleon hält eine Revue in Mainz. -- Ich bekomme einen Transport Rekruten nach Toul zu führen

X. Marsch von Mainz nach Toul. -- Abscheuliche Zusammensetzung 154-172 des Transports. -- Oppenheim. -- Worms. -- Desertion und Diebereien. -- Die Pfalz. -- Dürkheim. -- Kaiserslautern. -- Die Familie Karcher. -- Landsstuhl. -- Homburg. -- Saarbrücken. -- Eine getröstete Strohwitwe. -- St. Avold. -- Courcelle. -- Ein schmutziger Vorfall. -- Metz. -- Ich werde in das Militärgefängnis gesetzt. -- Spitzbübereien des Quartiermachers. -- Die Sehenswürdigkeiten von Metz. -- Pont à Mousson. -- Ankunft in Toul

XI. Die Garnison zu Toul. -- Ich werde Kadett-Sergeant. -- 173-190 Schlechte Administration und Organisation des Regiments. -- Schlimmer Ruf desselben. -- Aufstand wegen des Handgeldes. -- Deutsches und französisches Liebhabertheater. -- Nancy. -- Eine Entführung. -- Ich werde Vorleser beim Fürsten und erhalte Arrest. -- Ein Duell im Mondschein. -- Eine Klopffechterei. -- Abmarsch nach Avignon

XII. Colombey. -- Neufchateau. -- Ein greulicher Vatermord. -- 191-225 Montigny. -- Komisches Mißverständnis. -- Langres. -- Dijon. -- Chalons sur Saone. -- Wasserfahrt auf dem Coche d'Eau. -- Eine Nacht in Macon. -- Lyon. -- Ein vereitelter Gaunerstreich und beigelegtes Duell. -- Das Regiment wird auf der Rhone eingeschifft. -- Vienne. -- Condrieux. -- Schiffbruch unter der Brücke St. Esprit. -- Orange. -- Avignon. -- Aufenthalt daselbst. -- Die Insel Bartelasse. -- Villeneuve. -- Madame Croizet und die Prozession. -- Eine Tour nach Vaucluse. -- Ewiger Friede. -- Eine gefährliche Überrumpelung. -- Abmarsch nach Montpellier. -- Tarascon. -- Böses Volk. -- Eine entwaffnete Wache. -- Ein Schäferturnier. -- Nimes. -- Lünel. -- Montpellier

XIII. Die Garnison zu Montpellier. -- Der Peyron. -- Furcht der 225-270 Soldaten vor der medizinischen Fakultät. -- Die Einwohner. -- Meine Hausdamen. -- Demoiselle Verteuil. -- Fürst Y. mein Nebenbuhler. -- Ich falle in Ungnade. -- Die Fahnenweihe. -- Der souveräne Fürst in strengem Arrest. -- Folgenschwerer Ritt nach Cette. -- Nächtliche Spazierfahrt auf der See. -- Auch ich in strengem Arrest und verliere meinen Grad als Sergeant. -- Ich werde Unterleutnant. -- Abmarsch nach Toulon. -- St. Remy. -- Orgon. -- Aix. -- Das Fronleichnamsfest daselbst. -- Arles. -- Toulon. -- Stadt und Hafen. -- Das Arsenal. -- Die Galeerensklaven. -- Wiedereinnahme von Toulon durch die Republikaner (1793). -- Bonaparte tut sich zuerst hervor. -- Verbrennung der französischen Flotte und des Arsenals. -- Verheerung der Stadt. -- Rauferei mit einem Marine-Offizier. -- Ein Skandal im Theater. -- La Seine. -- Die Familie Guige. -- Eine Hochzeit auf der Insel Porquerolles. -- Abmarsch nach Genua

XIV. Marsch von Toulon nach Genua. -- Lüc. -- Frejus. -- Cannes. 271-282 -- Die lerinischen Inseln. -- Madame Grenet. -- Nizza. -- Landsleute. -- Seefahrt von Nizza nach Genua. -- Finale. -- Savona. -- Der Anblick Genuas vom Golf aus gesehen

XV. Beschreibung Genuas. -- Besuch bei einem Grafen Fiesco. -- 283-324 Ein sauberer Kanonikus. -- Soiree bei Dorias. -- Ein italienischer Sprachlehrer. -- Die Marchesa P... und ihr Cicisbeo. -- Signora Peretti. -- Mozarts Don Juan wird zuerst durch mich in Genua bekannt. -- Die Militärmessen. -- Komisches Mißverständnis. -- Ein gefälliger Gitarre-Lehrer. -- Ein Mordanfall. -- Maskenfest bei Dorias mit einer Episode. -- Abmarsch von Genua

XVI. Marsch von Genua nach Mola di Gaëta. -- Beschwerliche 324-354 Märsche durch das Gebirge. -- Der Anblick von Italiens Ebenen. -- Parma. -- Reggio. -- Modena. -- Bologna. -- Eine liebenswürdige Advokatenfamilie. -- Faenza. -- Forli. -- Cesena. -- Rimini. -- San-Marino. -- Sinigaglia. -- Loretto. -- La Casa-Santa und ihre Schätze und Reliquien. -- Macerato. -- Foligno. -- Spoleto. -- Terni. -- Der Wasserfall. -- Narni. -- Civita-Castellana. -- Roms Umgebung. -- Ein Tag in Rom. -- Marsch nach Mola di Gaëta. -- Besitznahme des Königreichs Neapel durch die Franzosen

XVII. Die Belagerung von Gaëta. -- Mola di Gaëta. -- Abmarsch nach 354-380 Neapel. -- Sessa. -- Ein Dominikanermönch verführt zwei Korporale. -- Capua. -- Aversa. -- Neapel. -- Vetter Moritz. -- Der neue König und seine Regierung. -- Das Blut des heiligen Januarius wird zugunsten der Franzosen flüssig. -- Scheußliche Exekutionen. -- Der Vesuv speit Feuer. -- Die Lazzaroni. -- Die italienischen Benefizvorstellungen. -- Aufstand in Kalabrien. -- Abmarsch dahin

XVIII. Erster Feldzug in Kalabrien. -- Portici. -- Salerno. -- 380-418 Eboli. -- Cosenza. -- Die Schlacht bei Maida. -- Scheußliche Behandlung und Martern der den Briganten in die Hände gefallenen Gefangenen. -- Die schrecklichsten Augenblicke meines Lebens. -- Gräßlicher Insurgentenkrieg und Verwüstungen. -- Fra Diavolo. -- Ich nehme seinen Adjutanten gefangen. -- Seine Galanterie gegen zwei französische Offiziersdamen. -- Rückkehr nach Neapel. -- Fra Diavolos Gefangennehmung und Hinrichtung

Einleitung.

Es gibt heute nichts, was höher im Kurs stände, als die Tatsache. Die knappen Berichte des deutschen Hauptquartiers, die in wenigen, genauen Worten den jeweiligen Stand der größten Erschütterung aufzeichnen, die die Welt je erlebt hat, sind gepreßt voll mit Tatsachen, zwischen denen keine Watte von Gefühl, Betrachtung, Ausmalung liegt. Die genaueste Projizierung vom Geschehnis ist uns heute die liebste, weil sie die reinlichste Aufzeichnung unserer Schicksalslinie darstellt. Was könnte ein anderer hinzutun, das wir selber nicht tiefer und inniger empfänden! Aber als Ergänzung dieser gewaltigen Nüchternheit, die das Gesamtbild haben muß, ist uns die Darstellung des einzelnen Erlebnisses willkommen, in dem wir die Anfänge der großen Dinge spüren und sehen. Die Tatsache ist das Entscheidende; aber ihre Farbe und manchmal ihre Bedeutung erhält sie dadurch, daß sie in Handlung oder im Unterlassen des einzelnen Menschen wurzelt, ein einzelnes Menschenschicksal ist!

Hier ist ein Buch, das solch ein einzelnes Menschenschicksal erzählt, in dem sich aber der Zusammenbruch der alten Welt in den Revolutionsjahren und der Aufstieg der neuen in Napoleon spiegelt, bis auch das Erdbeben und sein Sohn keine Faktoren eines weltpolitischen Lebens mehr sein konnten, sondern ihren Platz nüchternen, aber gewaltigen Erscheinungen abtreten mußten: der allgemeinen Wehrpflicht, dem allgemeinen Stimmrecht, dem neuen Nationalstaat.

Aber dies Buch eines französisch-preußischen Offiziers erzählt eben nicht von hoher Warte, sondern aus dem Gewimmel der vielen heraus, in dem hier und da der Siebenmeilenschritt des kleinen Korporals auftaucht. Ein Mann erzählt ein ungewöhnliches, aber auch unbekanntes Leben, Jahr für Jahr, Woche für Woche, von seiner Kindheit in Frankfurt am Main, über der, landsmännisch respektlos behandelt, der Name Goethe steht, von seinem Eintritt in die glorreiche Armee, seinen Feldzügen in Italien, Spanien, im Balkan und auf Korfu, von der preußischen Dienstzeit mit Drill, Langerweile und letzten Erinnerungen an den Gamaschendienst, und schließlich von einem freien Vagabondieren durch ganz Europa, das Deutschland des Frankfurter Bundestags und das Frankreich Ludwigs XVIII., um dessen zerbrechliche Herrlichkeit immer noch das Gespenst des verbannten Napoleon spukt. Ja, als der Verfasser in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist und langsam in die Glorie des stimmberechtigten Bürgers einrückt, taucht noch einmal die bestimmende Gestalt seines Lebens auf: der Kaiser! Er hat ihn bewundert, aber nie geliebt; noch weniger liebt er seine Kerkermeister, die Engländer. So wird er das tätigste Mitglied einer bonapartistischen Konspiration, die den Gefangenen von Sankt Helena mit einem märchenhaften, unwahrscheinlichen und heut, hundert Jahre später, uns so geläufigen Mittel befreien will: mit einem Unterseeboot. Aber der Kaiser stirbt, eh das Wunder verwirklicht werden kann. Und die Welt geht, des Gigantenkampfs müde, zu neuen, etwas muffigen und saftlosen Spielereien über. Das Leben eines Toten kehrt in die Niederungen zurück.

Fünfundzwanzig Jahre durchstreift der Frankfurter Bürgersohn, der mit seinem wahren Namen Friedrich hieß, Europa, und fünfundzwanzig Jahre lang ist ihm Feldzug und Reise fast nichts anderes als der Flug von einer Frau zu einer anderen Frau. Er wird wohl ein wenig übertreiben; aber selbst nach dem Abzug eines mäßigen Prozentsatzes bleiben noch soviel galante Abenteuer über, wie sich sonst nur bei Casanova finden lassen. Und die erzählt er nun mit heller Freude und dem ausgesprochenen Genuß des Nachkostens. Er erlebt all die Frauen noch einmal, die er in Quartieren und im Salon errungen hat, und vergißt bei keiner, die Beweise seiner Kraft aufzuzählen. Allerdings, mit tiefschürfender Psychologie gibt er sich dabei nicht ab. Er ist auch hier ein unbedingter Anhänger der Tatsache und weiß sich nichts Amüsanteres, als den Weg zu ihr möglichst genau darzulegen. Er kennt hundert Arten der Verführung, und die Frauen, denen er begegnet, kennen, -- das muß man zugeben -- hundert und eine Art, sich verführen zu lassen. Von der Fürstin bis zum Dienstmädchen kennt er die ganze weibliche Klaviatur des damaligen Europa, und (er ist auch ein großer Musiker) seine Lieblingsoper, die damals noch kaum über Österreich und Deutschland hinausgedrungen war, ist natürlich der unsterbliche Don Juan. Er weiß die Schönheit Mozartscher Musik wohl zu erfassen. Aber ganz uneigennützig ist seine Propaganda für den Meister doch nicht, denn seine größten Liebes-Triumphe erringt er immer wieder durch das Duett Don Juans, das er mit geschickten Impromptus mit der Erkorenen durchnimmt.

Aber die Abenteuer des Toten spielen sich im Rahmen napoleonischer Heerzüge ab! Es sind Feldpostbriefe aus einer Zeit, wo die Kriegsschauplätze so zahlreich waren wie heute. Allerdings muten uns diese Kämpfe, neben dem eisernen, zerfleischenden Ringen von heut, wie Scharmützel an, die mehr jugendlichem Tatendrang als weltgeschichtlicher Notwendigkeit zu entstammen scheinen. Seltsam liest sich die bunte Schilderung des Kleinkriegs am Ende des italienischen Stiefels, Sizilien gegenüber, wo die Engländer in schöner Skrupellosigkeit Tag und Nacht neapolitanische Banditen an Land setzen und mit ihrer Flotte den Franzosen das Leben sauer machen. Die Freunde von heute benutzten damals schon Mittel gegeneinander, die sie heut kräftig miteinander gegen uns ins Werk zu setzen trachten, und gaben einander an Sorglosigkeit in der Wahl der Kampfmethoden nichts nach; das beweist vor allem die ausführliche Schilderung der Land- und Seeschlacht bei Toulon. Aber viel interessanter ist noch der Einblick in das Napoleonische Weltgebäude, das wir in der großen Geschichte sozusagen nur in der Verschalung kennen lernen, während es hier bloßgelegt wird, mit dem Wurm im Gebälk und flüchtig nur aufgenagelten Sparren. Was wissen wir von Napoleons Glück und Ende? Daß er etwa 1805 auf dem Gipfel seiner Macht stand, 1814 Land und Krone verlor, zurückkehrte und am 16. Oktober 1815 als Gefangener auf Sankt Helena landete. Hier aber, aus dem Leben eines Toten, erfahren wir von einem höchstbeteiligten Augenzeugen, wie es um das Weltreich, auch zur Zeit der größten Blüte, bestellt war. Wir erleben mit, wie kaum ein Quadratmeter ruhig und sicher gewesen ist, wie auch in den unterworfensten Städten und Ländern die Empörung züngelte und emporschlug und ständige, blutige Gewaltherrschaft nötig war, um den Schein der Macht nach außen aufrecht zu erhalten. In Neapel, Rom, Venedig, Wien, Madrid, an allen Enden Europas war die Unsicherheit napoleonischer Größe dieselbe. Gewiß, unser Gewährsmann ist ein ganz kleiner Leutnant, aber er kommt überall hin, er ist, wenn auch ein unbedeutendes, so doch ein Glied der Herrscherkaste, er findet seinen Weg immer im Umkreis der Fußstapfen des Titanen, und siehe da: auch _dieser_ Koloß hat tönerne Füße. Nirgends ist seine Herrschaft anerkannt, nirgends an der Peripherie klappen die militärischen Dinge so richtig, nirgends kommt die Verpflegung und der Sold zur rechten Zeit, für nichts hat Napoleon die Zeit sachgemäßer Maßregeln: er dekretiert und sehr oft so, daß seine glühenden Anhänger zu seinen Gegnern werden müssen, weil seine Anordnungen für das betreffende Gebiet tödlich wirken. Tragisch geradezu und in ihrer Komik doch wieder lächerlich wirkt die Liquidation dieses größten Weltreichs. Unser Erzähler sitzt strafversetzt auf Korfu, von der Welt durch die englische Flotte abgesperrt. Und während die Menschheit den Sturz Napoleons tragödienhaft nach der Völkerschlacht bei Leipzig erlebt, nimmt er auf Korfu die Gestalt einer ganz gewöhnlichen Geldklemme an, bis schließlich die Engländer, Wochen nach Napoleons Ende, auch auf der kleinen Insel mit einer längst operettenhaft gewordenen Weltherrschaft Schluß machen. Die kleine preußische Garnison, die unsern Helden später aufnimmt, kann natürlich nach den Abenteuern einer zehnjährigen Kriegszeit nicht gut wegkommen. Der große Schwung der Befreiungskriege ist verflogen, die heilige Allianz lastet auf Preußen, der Garnisondienst ist noch nicht so recht der allgemeinen Wehrpflicht angepaßt, wenn auch die Fuchtel verschwunden ist. Langsam erst konnte aus der Enge von Provinz und Drill das herauswachsen, was damals in den Windeln lag und heut unser aller Rettung und Stolz ist: das deutsche Volksheer!

Die Zeit vor hundert Jahren in einem deutschen Spiegel! Die Zeit, in der die Wurzeln der unseren ruhen! Der Held erlebt sie, wie kaum ein anderer, in fremder Uniform wie so viele, aber mit unverfälschtem Blick für die Not seines Vaterlandes. Was preßt sich alles in die fünfundzwanzig Jahre seiner Wanderfahrt! Er erlebt die erste Aufführung der Zauberflöte in Deutschland und bringt die erste des Don Juan in Italien zustande; er verhaftet den guten Papst Pius VII. und beinahe den nicht minder berühmten Fra Diavolo. Er ist der Liebhaber von Napoleons schönster Schwester Pauline und drauf und dran, der Retter und Erlöser des Gefangenen von Sankt Helena zu werden. Er ist -- und das ist das Beste an ihm, dem flotten Erzähler, unermüdlichen Schürzenjäger, mutigen Soldaten -- eine der typischen Gestalten, in denen sich deutsche Tatenlust ins Weltgedränge mischte, seit Jahrhunderten fremde Geschäfte besorgte und heut im mächtigen Rahmen deutscher Herrschaft und deutscher Ausdehnung sich im eigenen Haus, am eigenen Werk betätigen muß!

April 1915. Ulrich Rauscher.

I.

Eine Taufe. -- Frau Rat Goethe. -- Voltaire in strengem Arrest zu Frankfurt am Main; seine Perücke. -- Der erste Luftschiffer in Deutschland. -- Sonderbarer Zwischenfall. -- Blanchard werden fürstliche Ehrenbezeigungen zuteil.

Denselben Tag und zur selben Stunde, als die Kanonen bei der Erstürmung der Bastille zu Paris donnerten, nämlich den 14. Juli 1789, kam in der ehemaligen freien Reichsstadt des seligen heiligen römischen Reichs, von dem schwer zu ermitteln, was heilig und was römisch an ihm war, zu Frankfurt am Main, in einem in der alten Fahrgasse gelegenen Haus, zum goldnen Schiff genannt, ein Knäblein zur Welt, dessen Vater, Johann Nikolaus Fröhlich, ein wohlhabender Handelsmann und Bürger dieser Stadt war.

Zehn Tage nach dieser Begebenheit gewahrte man in einer langen, grünen, braungetäfelten Stube dieses Hauses einen dreieckigen, mit schneeweißem, mit kostbarer Spitzenarbeit versehenem Linnen gedeckten Tisch. Auf demselben stand ein sehr kunstreich gearbeitetes silbernes und vergoldetes Taufbecken zwischen zwei wohlduftenden japanischen Blumenvasen und vier schwere silberne Armleuchter von getriebener Arbeit, das Patengeschenk für den Neugeborenen. Um diesen so geschmückten, eine Art Altar repräsentierenden Tisch stand in einem Halbkreis eine hochachtbare Gesellschaft ganz honetter Spießbürger aus den angesehensten Familien der alten Reichsstadt samt ihren Frauen. Alle waren in stattliche Galakleider von Sammet und Seide, im Geschmack jener Zeit gestickt, gekleidet, die Herren trugen prächtige Perücken mit stattlichen Haarbeuteln und die Frauen hochgetürmte, sehr künstliche Haargebäude auf ihren Häuptern und waren trotz der heißen Jahreszeit in steifen, schweren Damast gehüllt. All diese respektablen Personen hatten sich hier eingefunden, um der Taufe des jungen Christen beizuwohnen, der während der ganzen Dauer der heiligen Handlung gleich einem Neuntöter schrie.

Unter denen, welche diesen feierlichen Akt mit ihrer Gegenwart beehrten, befand sich auch ein Herr Weller mit seiner Gattin, ein Achtundvierzigstteil der damaligen Frankfurter Souveränität, das heißt, er war als Schöffe Mitglied des aus achtundvierzig Personen bestehenden und Hochwohlgebornen, Gestrengen, Fest- und Hochgelahrten, Hoch- und Wohlweisen, auch Wohlfürsichtigen, insonders Großgünstigen, Hochgebietenden und Hochzuverehrenden betitelten Magistrats[1]. Dieser gewichtige Mann war der Pate und Großpapa des zu taufenden Kindes.

Außer ihm waren noch zugegen: der Stadtkommandant und Generalissimus des aus vier- bis fünfhundert Mann bestehenden freireichsstädtischen Heeres, nämlich der Herr Oberst Schulter nebst Gattin und Schwägerin, von denen die erste die Tante und die zweite die Mutter Goethes, die Frau Rat Goethe, waren. Letztere war eine etwas stolze und mitunter hochfahrende Dame, welche nicht versäumte, bei Gelegenheit anzubringen, daß der Verfasser Werthers und Götz von Berlichingens ihr leiblicher Sohn sei. Indessen war ihr Herz und Geist nicht abzusprechen, und ihre vertrauteren Freunde behaupteten, daß sie auch Gemüt und Gutmütigkeit besitze. Ferner befand sich noch ein Herr Fahrtrapp, Wellers Schwager, ein reicher, gelehrter Buchhändler und Antiquarius, holländischen Ursprungs, ein geniales Original, in dieser ehrenwerten Gesellschaft. Dieser Mann hatte große Verbindungen und Gelegenheit gehabt, Voltaire kennen zu lernen, als dieser in Frankfurt auf Befehl Friedrichs II. in Gewahrsam gehalten und bei dieser Gelegenheit von einigen Gaunern daselbst mißhandelt und geprellt wurde. Der Antiquar war ein wissenschaftlich gebildeter und geistreicher Mann, wenn auch, gleich allen Sterblichen, mit einigen Schwachheiten begabt. Er hatte die Gnade gehabt, während Karls VII. gezwungenen Aufenthalts zu Frankfurt am Main, als dieser unglückliche Kaiser trotz dem Beistand, den ihm Ludwig XV. von Frankreich leistete, seine Staaten hatte verlassen müssen, denselben unangemeldet durch eine geheime Hintertreppe in seinem Kabinett aufsuchen zu dürfen, was er dem Umstand verdankte, daß er dem Kaiser mehrmals hochwichtige Nachrichten hinterbracht hatte, ehe noch die diplomatischen Spürnasen Sr. Majestät eine Ahnung von denselben gehabt und die der Buchhändler vermittelst seiner weitverbreiteten Verbindungen in Erfahrung gebracht. Auch wollte ihn der Kaiser zum Edelmann und Baron stempeln, was sich Franz Fahrtrapp jedoch verbat und, für die hohe Gnade dankend, Sr. Majestät antwortete: Ich mag ein leidlicher Antiquarius und passabler Buchhändler sein, würde aber allem Anschein nach nur ein mittelmäßiger Baron und ein sehr schlechter Höfling werden, deshalb geruhen Allerhöchstdieselben mich in _statu quo_ zu lassen, -- und damit hatte es auch sein Bewenden. Dagegen hatte Herr Fahrtrapp die Schwachheit, daß, eine Meinung oder Tatsache behauptend, er häufig hinzusetzte: »so dachte auch mein Freund Voltaire,« oder »ich hab' es vom Kaiser Karl selbst!«

[Fußnote 1: Dies war der Titel, der damals dem Frankfurter Senat gegeben werden mußte.]

Von den übrigen mehr oder minder bedeutenden Taufgästen führe ich nur noch eine wunderschöne junge Frau an, die sich Madame Scholze nannte, die Schwester des Herrn vom Haus und die Gattin eines Millionärs aus der Hansestadt Bremen war, der in der Nähe von Worms ein schönes Gut, Niedesheim genannt, besaß, wohin ihm die Ankunft des Neugebornen vermittelst einer Stafette und blasendem Postillon gemeldet und die Einladung zur Taufe durch einen Freund der Familie, Herrn Rasor aus Worms, ebenfalls ein Taufgast, zugekommen war.