Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 9
Einige Wochen operirte Gomez in den Provinzen Leon, Palencia und Burgos; sein Auftrag war, wiewohl unerfüllt, beendigt, dazu hemmten die Gefangenen, deren Zahl schon die seiner Truppen überstieg, jede Bewegung. Er suchte daher, in Gewaltmärschen die feindliche Linie cotoyirend, sie zu durchbrechen und so nach Vizcaya zurückzukehren. Doch während Espartero und Manso ihn kräftig drängten, hatte sich Cordova zwischen ihn und die Linie geschoben, den Durchbruch unmöglich machend, weshalb Gomez, da er in einem Nachtrab-Gefechte etwa 100 Mann verloren, was Espartero als Vernichtung der Division berichtete, nach gehaltenem Kriegsrathe in das Innere der Halbinsel den Krieg zu tragen beschloß und also nach Osten sich wandte, wo er mit den carlistischen Chefs in Aragon sich zu vereinigen hoffte.
Am 23. August zog das Expeditions-Corps in Palencia ein, und große Magazine von Kriegsbedürfnissen jeder Art nebst mehreren Cassen fielen in seine Hände, dann drang es in die Provinz Guadalajara vor und setzte Madrid in solche Bestürzung, daß alle compromittirten Personen ihre Effekten gepackt, die Ministerien und anderen Behörden sich zur Flucht vorbereitet hatten. Brigadier Lopez wurde mit seiner Brigade, 3000 M. stark, als Avantgarde des Kriegsministers, Marquis Rodil, der mit der ganzen Besatzung von Madrid nach der Nordarmee hatte abgehen sollen, gegen Gomez beordert, während Alaix mit der Division Espartero ihn auf dem Fuße verfolgte und die mobile Colonne von Soria von Norden ihn bedrohen und hindern sollte, nach Navarra sich zu wenden.[21] Am 30. August fand Gomez die Brigade Lopez in einer vortheilhaften Stellung im Dorfe Matillos bei Jadraque, zehn Meilen von Madrid: die Truppen hatten, da Lopez sich zurückziehen wollte, ihren Anführer gezwungen, den Feind zu erwarten. Gomez umstellte das auf einer Höhe liegende Dorf und griff kraftvoll an; nach einer halben Stunde war das Dorf erstürmt, Lopez mit 2800 Mann gefangen, seine beiden Geschütze waren genommen und nur zwei Uhlanen entkamen, den geängstigten Bewohnern Madrid’s die Nachricht von der Vernichtung der Brigade zu bringen. Gomez aber, seiner Schwäche sich wohl bewußt, setzte den Marsch nach Aragon fort; er durchzog die Provinz Cuenca, nahm Moya, drang bis Chelva im Königreiche Valencia und vereinigte sich, da er seine Verwundeten und alle Gefangenen nach Cantavieja geschickt, bei Utiel mit General Cabrera, der den größten Theil seiner Cavallerie und die Brigaden Quilez und Miralles, 3400 Mann Infanterie und 400 Pferde, ihm zuführte.
Gomez beschloß nun, nach seiner Heimath Andalusien vorzudringen, da die Fruchtbarkeit dieser Königreiche und ihr nicht durch den Krieg verminderter Reichthum ihm herrliche Beute versprachen, wenn er selbst nicht dort sich festsetzen könnte, was der Charakter der Andalusier wohl nicht mit Grund hoffen ließ. Unendlich schlau, selbstsüchtig und lebenslustig sind sie wenig geneigt, die Ruhe des Friedens gegen die Beschwerden zu vertauschen, die der Krieg unvermeidlich macht; sie fühlen sich nicht so sehr durch ihre Meinungen hingerissen, daß sie deshalb den Gefahren einer Erhebung, den Leiden sich aussetzten, die die Niederlage mit sich bringen müßte. In ihrer Indolenz und Trägheit, die doch mit glühendem Blute und wild aufbrausender Leidenschaftlichkeit verbunden sind, ist ihr einziges Streben auf Lebensgenuß gerichtet, und wenig kümmert es sie, ob Carl V., ob Isabella’s Vormünder ihnen Gesetze ertheilen. Sie ziehen es vor, den Gang der Ereignisse abzuwarten, um in dem Augenblicke, der den Sieg für eine der streitenden Partheien sich entscheiden sieht, mit hohem Enthusiasmus sich zu erheben und einstimmig als begeisterte, ruhm- und lohnwürdige Patrioten sich zu verkünden. Ein geistreicher Officier, selbst Andalusier, stellte einst die Behauptung auf, der Krieg werde erst beendigt sein, wenn ganz Andalusien in Masse sich erhoben hätte; denn, setzte er auf das ungläubige Lächeln der Umstehenden hinzu, meine Landsleute rühren sich gewiß nicht, bis sie den Sieg für uns entschieden sehen.
Die Christinos boten nun alle Kräfte auf, um Gomez’s weitere Fortschritte zu hindern, weshalb General Rodil Madrid mit allen disponibeln Truppen verließ und, die Hauptstadt deckend, über Guadalajara mit 8000 Mann heranzog, während Alaix mit 9000 Mann unmittelbar die Expedition verfolgen sollte. Die vereinigten carlistischen Führer brachen am 15. Sept., nachdem ein Versuch gegen das feste Requena mißlungen, nach der Mancha auf, wurden aber am 19. bei Tagesanbruch in Villarrobledo auf der Gränze von Cuenca und la Mancha durch Alaix überfallen. Es gelang diesem, den rechten Flügel der Carlisten, ehe er überrascht sich hatte formiren können, zu werfen, und trotz einiger glänzenden Chargen der beiden Escadronen des Brigadiers Villalobos ritt der Chef der feindlichen Cavallerie, Oberst Don Diego Leon, mit dem Regiment Husaren der Kronprinzessinn, einige Bataillone nieder, die in wilder Verwirrung dem nahen Gebirge zuflohen. Der linke Flügel aber unter Cabrera’s Befehl wies, an das Gebirge gestützt, den Angriff kräftig zurück und deckte durch seine feste Haltung den Rückzug der übrigen Corps; dennoch verloren die Carlisten gegen 1300 Gefangene von den Bataillonen, die vor dem Andringen der Husaren sich zerstreut und dadurch wehrlos sich in ihre Hände gegeben hatten. Alaix hätte durch energische Benutzung seines Sieges dem Expeditions-Corps verderblich werden können. Er blieb aber, seine erschöpften Truppen ruhen zu lassen und die Gefangenen nach Cartagena zu senden, in Villarrobledo stehen und setzte sich erst nach mehreren Tagen zur Verfolgung in Bewegung.
Gomez hatte, so wie er die geschlagenen Truppen formirt, den Marsch auf Andalusien fortgesetzt. Er durchkreuzte die Mancha, warf sich in die Sierra morena, passirte den Engpaß des Despeñaperros, wo nur auf enger, zwischen Felsen und Abgründen eingezwängter Straße die Verbindung zwischen Castilien und Andalusien möglich ist, und zog am 26. Sept. in la Carolina im Königreiche Jaen, dann in das Innere streifend in Ubeda am Guadalquivir, in Baylen und Andujar auf der großen Heerstraße ein, überschritt jenen Fluß und rückte gegen Cordova vor. Am 30. Sept. erschien Cabrera, der die Vorhut befehligte, vor den Thoren der reichen Hauptstadt, wo Niemand den Feind erwartet hatte; ungeheure Verwirrung herrschte, während die Truppen und National-Gardisten großentheils in die Forts sich einschließen wollten, eilten andere zur Vertheidigung der Mauern und Thore. Da Cabrera, der an der Spitze einiger Reiter die Stadt umkreisete, einem derselben sich nähernd, es geschlossen aber ohne Truppen fand, befahl er den Einwohnern, es zu öffnen, und stürmte durch die Straßen, aus denen die Besatzung nach den Forts sich zurückzog, wo sie bald, 3500 M. stark mit drei Kanonen, sich ergab. Die Eroberung Cordova’s hatte dem eben so braven als wie loyalen Cavallerie-Brigadier Villalobos das Leben gekostet, da er mit weniger Mannschaft einem der festen Gebäude zufällig sich genähert hatte.
Von allen Seiten eilten die feindlichen Massen herbei, um combinirt das kleine Carlisten-Corps zu vernichten. Alaix hatte schon die Sierra morena überstiegen, und Rodil, durch die Vereinigung mit der Division Rivero 11000 Mann stark, zog durch die Mancha heran, während der General-Capitain von Andalusien die ganze Provinz in Kriegszustand erklärte und bei Sevilla ein Corps zusammenzog, General Escalante mit einer kleinen Colonne von Malaga, General Quiroga eben so von Granada und eine dritte Colonne von Estremadura heranrückte. Trotz so vieler drohenden Maßregeln konnte Gomez vierzehn Tage lang in Cordova bleiben, wo er eine Regierungs-Junta errichtet hatte und dauernde Herrschaft zu beabsichtigen schien; der größte Theil der Provinz, den Krieg schon als beendigt ansehend, proclamirte jubelnd Karl V. als König. Zahlreiche Rekruten-Bataillone, aus den Freiwilligen gebildet, die von allen Seiten herbeigeströmt, wurden rasch organisirt und exercirt. Damals zählte Gomez etwa 13000 Mann unter seinem Commando, weshalb ihm häufig zum Vorwurf gemacht ist, daß er mit solchen Streitkräften sich nicht in Cordova behauptete; doch darf nicht übersehen werden, daß ihm nicht nur die feindlichen Führer um mehr als das Doppelte überlegen blieben, sondern auch die Hälfte seiner Truppen aus so eben bewaffneten Rekruten bestand, daß die Lage der Provinz Cordova, rings den feindlichen Colonnen offen, sehr ungünstig ist, während die wilde und ganz nackte Sierra morena wohl Räuber-Banden bergen, nicht aber einer Armee als dauernder Aufenthalt und Stütze dienen kann, daß endlich von dem Geiste der Einwohner, so hell er plötzlich aufloderte, auf die Länge nichts erwartet werden durfte.
Nachdem Cabrera am 5. Oct. bei Baena die Colonne Escalante’s vernichtet und 400 Mann gefangen hatte, zog am 9. Gomez dem nahenden Alaix entgegen, kehrte jedoch ohne Kampf zurück und räumte am 13. die Stadt, die der Feind sogleich besetzte und unter dem Vorwande, die royalistisch Gesinnten zu strafen, fast sie ganz plünderte; die Truppen ließen die furchtbarsten Excesse sich zu Schulden kommen, Alaix selbst warf viele der angesehensten Einwohner in’s Gefängniß, erhob schwere Contributionen, raubte die kostbaren Kirchen-Geräthe und behandelte die Stadt schlimmer als eine feindliche. Gomez aber ward von dem Bedauern der Einwohner begleitet, als er abzog. Während der ganzen Expedition zeigte er so viel Menschlichkeit und Milde, daß selbst die Christinos einige Mal sein untadelhaftes Betragen anzuerkennen genöthigt waren: überall ward das Privat-Eigenthum streng respektirt und Niemand seiner Meinung wegen belästigt; er verkündete im Namen des Königs allgemeine Amnestie für Diejenigen, welche sich unterwürfen, und begnügte sich die National-Gardisten zu entwaffnen, wo sie sich nicht widersetzten, wenn sie aber Widerstand leisteten, als Kriegsgefangene sie zu behandeln. Viele von diesen entließ er nach kurzer Haft in ihre Heimath. Gomez sorgte dafür, daß die Contributionen, welche er allenthalben erheben mußte, mit Rücksicht eingetrieben wurden, die Disciplin wurde unter den Truppen mit Strenge aufrecht erhalten, jede Gewaltthätigkeit, jeder Insult hart bestraft, Plünderungen fanden selbst in den mit den Waffen in der Hand genommenen Städten niemals Statt. Dennoch hatten die häufigen Gefechte, da die Gefangenen stets dem Sieger ihr Geld ausliefern mußten, und die zahllosen Convoys und königl. Cassen, die auf dem langen Zuge der Division in die Hände fielen und unter die Truppen vertheilt wurden, solchen Überfluß an Geld in dem Corps erzeugt, daß die Einzelnen, in deren Taschen, wie gewöhnlich im Kriegerleben, durch Spiel das Geld sich concentrirte, dem Bürger allenthalben 25 und 30 ~duros~ in Silber für eine Gold-Unze -- 16 ~duros~, 84 ~francs~ -- gaben.
Der eine Vorwurf, der nach deutschem Kriegsrechte dem carlistischen General gemacht werden könnte -- er ließ die Gefangenen, wenn sie den forcirten Märschen nicht folgen konnten, niederschießen -- ist durch spanischen Kriegsbrauch ganz zurückgewiesen, wie denn auch die Feinde stets eben dasselbe thaten und deßhalb nie der Grausamkeit ihn anklagten. Dagegen ließ Alaix in allen Orten des gewiß christinoschen Gebietes, in denen die Expedition gewesen, seine Soldaten ungestraft Ausschweifungen begehen, und fünf Parlamentäre, welche Gomez mit Vorschlägen wegen Auswechselung der Gefangenen und der Etablirung neutraler Hospitäler zu ihm gesendet hatte, unter ihnen einen Oberst, schickte er als Kriegsgefangene nach Granada. Die Anträge aber seines edlen Feindes, ihm die Gefangenen, da sie nicht zu folgen vermochten, gegen einen Empfangschein überliefern zu wollen, wogegen er eben so viele Carlisten, sobald er könne, zurückzugeben habe, wies er mit der Bemerkung zurück, die Gefangenen seien ihrer Parthei todt, möchten also seinetwegen sterben.
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Nach der Räumung Cordova’s warf sich Gomez in die Sierra morena. General Rodil im Norden, General Alaix im Süden folgten seinem Marsche parallel auf einer Entfernung von vier bis fünf Meilen, ohne daß einer der beiden einen Angriff auf das Expeditions-Corps versucht hätte, welches so zwischen sie eingezwängt war. Nachdem er drei Tage in solcher Begleitung geblieben war, täuschte Gomez die ihrer Beute gewissen, stets für den nächsten Bericht die Vernichtung des schon rettungslosen Feindes verheißenden Generale, ließ sie weit zurück, stieg vom Gebirge nach Norden herab und erschien nach einigen Scheinmärschen am 22. Oct. vor der festen Stadt Almaden, bekannt durch seine reichen Quecksilber-Minen. Die Avantgarde unter Cabrera’s Führung überraschte eine vom General Flinter, dem Chef der activen Division von Estremadura, zur Recognoscirung entsendete Schwadron Carabiniers und drang mit ihr, auf dem Fuße sie verfolgend, in die Stadt ein, wo auf die größte Sorglosigkeit, da Niemand, auf den Schutz der christinoschen Divisionen vertrauend, einen Angriff erwartet, eben so große Verwirrung folgte. Flinter, ein Engländer, und Brigadier de la Fuente, Gouverneur der Festung, schlossen sich mit 1800 Mann in zwei massive Gebäude ein, schnelle Hülfe hoffend, mußten aber, da diese nicht erschien, nach verzweifeltem Widerstande, capituliren. Zwei Tage nachher überschritt Gomez, der dem Drängen anderer Chefs auf Vernichtung der Quecksilber-Minen fest widerstanden hatte, die Guadiana und stand am 27. in der bedeutenden Stadt Guadalupe in der Provinz Toledo, schon nahe der Gränze von Estremadura, wohin er sich wandte: ihm parallel, wenige Stunden, wie immer entfernt, folgte General Rodil, der gleichfalls die Guadiana passirt hatte.
Die feindlichen Anführer schmiedeten fortwährend Einfange-Pläne, bald selbst von den liberalen Blättern mit Hohn bedeckt, da ihr gerühmtes System der parallelen Linien den einzigen Erfolg hatte, daß die in jeder Depeche als ganz umstellt geschilderte Expeditions-Division stets von neuem unter den Händen ihnen entschlüpft war und nebenher von Stadt zu Stadt unbelästigt einherzog. General Narvaez war mit neuen 6000 Mann von Madrid hergesandt: er sollte, die Hauptstadt deckend, Gomez von Osten drängen, während Rodil, den Übergang über den Tajo zu vertheidigen, beim Puente del Arzobispo sich aufstellte und Alaix, der nun auch die Sierra morena überschritten, im Süden an der Guadiana operirend, die Carlisten von dort abschneiden und, wenn sie gegen den Tajo vorgingen, auf Rodil werfen sollte, um sie zwischen beiden Corps zu erdrücken. Gomez aber, anstatt wie man gewiß erwartete, den Übergang dieses Flusses zu versuchen und durch das westliche Spanien nach den baskischen Provinzen sich zu wenden, stand bis zum 3. November abwechselnd in den reichen Städten Caceres und Trujillo, ruhig hin und her die schönsten Gegenden Estremadura’s durchziehend und seinen Truppen die nöthige Erholung gebend. Indem ihm eben so langsam die Division Rodil auf der gewöhnlichen Entfernung von einigen Leguas folgte, entwaffnete er allenthalben die National-Gardisten, die zitternd sich unterwarfen, rüstete die zahlreichen Partheigänger der Provinz und wandte sich, da er einen vollständigen Aufstand nicht organisiren konnte, unerwartet wieder gen Süden. Am 6. Nov. passirte er die Guadiana bei Medellin, wenige Stunden von Alaix entfernt, und drang in das Königreich Sevilla ein.
Cabrera, der seine Unzufriedenheit über die Vorsicht des Obergenerals, der ihm zu sehr den Kampf vermied, nicht verhehlte, trennte sich mit einem großen Theile der Cavallerie von dem Expeditions-Corps, und zog durch die Sierra morena, die Mancha und Castilien den ihm untergebenen Provinzen zu, da die beunruhigenden Nachrichten, welche von dorther über die durch den Feind errungenen Vortheile einliefen, seine Gegenwart unumgänglich erforderten. Miralles -- ~el serrador~ -- war schon früher mit seiner Brigade dahin zurückgekehrt, so daß nur noch die schwache Brigade Quilez mit Gomez’s Division vereinigt blieb, welche nun 5000 Mann Infanterie und etwa 1000 Pferde zählte, die meistens in Andalusien requirirt durch besondere Güte sich auszeichneten. Die dort neu gebildeten Bataillone hatten sich natürlich fast ganz zerstreut, so wie die Strapazen zugenommen. Das Commando der schönen Division Rodil, dessen Unthätigkeit die Christinos erbitterte, war dem General Rivero übertragen.
Gomez durchzog den westlichen Theil von Sevilla, die herrliche Stadt bedrohend, überschritt am 10. Nov. den Guadalquivir und nahm am 14. Ecija, eine der ersten Städte des Königreiches in der fruchtbaren Ebene von Sevilla. Vier Divisionen, ein Ganzes von 30000 Mann bildend und fortwährend verstärkt, operirten nun gegen ihn, da Espinosa im Süden ihn bedrohete, während Narvaez Sevilla deckte und Alaix von Norden, Rivero von Osten her drängten. Dennoch wand sich Gomez mitten zwischen die feindlichen Colonnen hindurch, erreichte die Sierra de Ronda, nahm am 16. Nov. diese Stadt und richtete sich, alle vier Divisionen hinter sich herziehend, nach dem äußersten Süden der Halbinsel, wo er in Algeciras eindrang und San Roque und das ~campo de Gibraltar~[22] besuchte, dessen Garnison unter die englischen Kanonen sich geflüchtet hatte. Ein englisches und ein portugiesisches Kriegsschiff beschossen hier, jedoch fast ganz ohne Effekt, die Division; auch nahmen sie das Fahrzeug, auf dem die Junta mit einem Theile der königlichen Gelder -- 30000 Thlr. -- sich eingeschifft, und lieferten sie den Christinos aus. Da aber die Feinde dem Expeditions-Corps, zwischen ihren Truppen und dem Meere auf der schmalen vorspringenden Südspitze des Königreiches eingeschlossen, jeden Ausweg sicher genommen glaubten, hatte Gomez wiederum die christinoschen Generale getäuscht und, wiewohl so furchtbar bedrängt, daß er die Division in mehrere kleine Colonnen theilen mußte, die Sierra de Ronda erreicht, wo er, am 25. Nov. von Narvaez am Guadalete ereilt, 150 Gefangene verlor, welche von der Nachhut abgeschnitten wurden.
Gomez’s Lage war höchst bedenklich. Er war umringt von sechsfach überlegenen Streitkräften in einer Provinz, in der er keinen Anhaltspunkt hatte, ohne irgend eine Verbindung mit den carlistischen Armeen und vor Allem beschwert und gehemmt durch mehrere tausend Gefangene und einen ungeheuren aus Maulthieren und großen Wagen bestehenden, oft zwei und drei Stunden Weges einnehmenden Convoy, wie die Beute nach solcher Expedition ihn bilden mußte. In Andalusien länger sich zu halten war unmöglich, und doch hatte er bestimmten Befehl, im Süden Spanien’s zu verharren, um die Aufmerksamkeit der Feinde zu theilen und nicht vor der Einnahme von Bilbao die bedeutenden ihn verfolgenden Truppenmassen nach den Nord-Provinzen zu ziehen. Gomez glaubte trotz dem der Nothwendigkeit weichen zu müssen; gewiß fehlte er schwer, da er direkt jenen Provinzen sich zuwandte. Einmal entschlossen, that er zur Rettung seiner Division das unmöglich Scheinende: nachdem er den größten Theil der Gefangenen in Freiheit gesetzt hatte, legte er in sechs und zwanzig Tagen auf großen Umwegen die Entfernung von dem Felsen Gibraltar’s zu dem vizcaischen Meere zurück, indem das Corps täglich Märsche von zwölf bis vierzehn Stunden, an einzelnen Tagen bis zu siebenzehn Stunden machte. Nur spanische Truppen möchten zu Ähnlichem fähig sein. Noch erstaunlicher ist, daß die ihn verfolgende Colonne nicht nur eben diese ungeheuren Märsche machen, sondern selbst ein Mal ihn überholen konnte.
Über Ossuna und Lucena richtete sich Gomez auf das Königreich Jaen; am 29. November ward er von Alaix bei Alcaudete überrascht, litt jedoch außer einem Theile der Bagage keinen Verlust. Er passirte die Guadiana, überschritt am 2. December die Sierra morena durch den Despeñaperros und durchkreuzte in stets forcirten Märschen die Provinzen der Mancha und Guadalajara. Ihm folgte auf dem Fuße Alaix, von dessen Division 800 Mann, die durch so gewaltige Anstrengungen erschöpft zurückblieben, unter einigen Sergeanten nach Jaen zogen und die Stadt plünderten. Am 8. December langte Gomez nach einem Marsche von funfzehn Stunden Abends neun Uhr in Huete an: eine Stunde später überfiel Alaix, der an dem Tage siebenzehn Stunden zurückgelegt, die Stadt, in der die Compagnien mit Austheilung des Soldes beschäftigt waren. Er machte ungeheure Beute, aber kaum 200 Gefangene, da die Division nach den ersten Schüssen zwar in gränzenloser Verwirrung aus der Stadt entflohen war, sich aber sofort in dem Felde formirte und kaum eine Meile entfernt in Ordnung campirte. Sie durchzog mit reißender Schnelle die Provinzen Soria und Burgos, passirte den Ebro und langte am 19. December in Orduña, der Hauptstadt Vizcaya’s, an. Zugleich war Alaix mit den 6000 Mann, die von seiner Colonne ihm gefolgt, in Valmaseda angekommen und vereinigte sich mit Espartero, ihm folgten Rivero und Narvaez. Am 24. December erstürmte Espartero die Positionen der Carlisten vor Bilbao und entsetzte die wichtige Stadt.
Gomez, da er mit 2900 Mann die Nord-Provinzen verlassen und fortwährend von zwei bis fünf überlegenen Corps verfolgt wurde, hatte in sechs Monaten Spanien in jeder Hinsicht durchkreuzt; er hatte alle Provinzen des Königreiches, mit Ausnahme von Catalonien, berührt und war in viele der bedeutendsten Städte eingerückt. Wie oft er auch in den Berichten der Feinde als verloren, vernichtet erschien, wußte er immer durch gewandte Bewegungen sie zu täuschen, er nahm unter ihren Augen verschiedene feste Punkte und vernichtete selbst durch glückliche Gefechte mehrere Colonnen. Häufig mit doppelt so viel Gefangenen belastet, als er selbst Truppen zählte, lieferte er in die Depots der Nord-Armee und von Aragon über 9000 Gefangene ab, wiewohl er alle National-Gardisten und später viele Soldaten in Freiheit gesetzt hatte; und trotz so vieler Beschwerden und Kämpfe, trotz der erlittenen Unfälle kehrte er endlich mit fast 5000 Mann, worunter 700 Pferde, vollkommen organisirt und disciplinirt, nach Vizcaya zurück.
Zum Erstaunen Aller, welche nur diese glänzende Seite der Expedition beachteten, ward Gomez sogleich seines Commandos entsetzt, arretirt und vor ein Kriegsgericht gestellt. Er wurde angeklagt, seinen ursprünglichen Auftrag in Galicien und Asturien nicht erfüllt, später den erhaltenen Befehlen zuwider das südliche Spanien verlassen und durch seine Rückkehr das Scheitern des Unternehmens auf Bilbao veranlaßt zu haben. Dazu kamen Beschuldigungen über Mißbrauch und Vergeudung der königlichen Gelder; doch wurden sie nie bewiesen. Später ward Gomez in Rücksicht auf seine sonst ausgezeichneten Dienste durch die Gnade des Königs in Freiheit gesetzt.
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Noch muß ich die kurze und unbedeutende Expedition erwähnen, zu der General Sanz, welcher schon bei Gomez’s Abzuge mit einigen Bataillonen eine Bewegung aus Castilien gemacht hatte, um die Aufmerksamkeit des Feindes zu theilen, Ende Septembers mit drei Bataillonen und zwei Escadronen nach Asturien abmarschirte, während die Hauptarmee zu seiner Unterstützung im Thale von Mena operirte. Er zog am 4. October in Oviedo ein, wandte sich nach Galicien und, von dort abgedrängt, auf Castilien, durchzog einen Theil des Königreiches Leon und kehrte kräftig verfolgt nach Asturien zurück. Da er am 19. October einen neuen Versuch, in Oviedo einzudringen machte, ward er abgewiesen, nahm am 21. die Hafenstadt Gijon und wurde, da er am 24. bei Salas eine der ihn verfolgenden Colonnen angriff, mit einigem Verluste zurückgetrieben, worauf er sich in die Gebirge von Santander warf und mit dem dort operirenden General Castor vereinigte. Sein Zug hatte gar keinen Erfolg gehabt.
[21] Wie wenig die feindlichen Feldherren die Expeditionen als den Carlisten vortheilhaft ansahen, wird dadurch gezeigt, daß sie stets ihre Rückkehr zu verhindern sich bemüheten.
[22] Befestigte Linie der Spanier, Gibraltar gegenüber und auf Kanonenschußweite von der Festung angelegt.
VII.