Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 7

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Der Sergeant, mit dem ich einige Worte gewechselt, geleitete mich zu der großen Schanze über Passages. Da er dort seinen Bericht abgestattet, erhob sich dumpfes Gemurmel: „~the spy, the spy!~“ unter den Leuten, der dort commandirende Marine-Officier aber befahl kalt dem Sergeanten: „~give him to the Spaniards to shoot him~“; mit gleich kalter Verbeugung wandte ich mich, dem Sergeanten zu folgen. Doch der erklärte, daß ich englisch spreche, was Allem eine andere Wendung gab. Nachdem ich eine Viertelstunde mit dem Officier mich unterhalten, wobei ich, da nach spanischem Gesetz der entflohene Gefangene Todesstrafe hat, als zufällig nach dem Gefechte zu weit vorwärts gegangen und verirrt mich angab, ging ich Arm in Arm mit ihm nach Passages hinunter, wo wir mit einigen andern Engländern mehrere Flaschen leeren mußten. Dann fuhren wir auf einem kleinen Boote nach San Sebastian und blieben während der Nacht auf dem Dampfschiffe Isabel, dessen Bemannung ganz aus Engländern bestand. Nachdem wir trotz der mir offen ausgesprochenen Ansicht Aller, daß ich am andern Tage würde erschossen werden, bis lange nach Mitternacht gescherzt und getrunken, schlief ich bis zum Frühstück auf einem Sopha, worauf einer der Officiere, nachdem alle feierlich den Abschiedstrunk mir gereicht und herzlich Gutes wünschend meine Hand gedrückt hatten, zum Oberstlieutenant -- im Dienste Christina’s General-Lieutenant -- Evans mich begleitete.

Unpäßlich empfing er mich im Bette und befragte mich um manches die Faktion, wie in Spanien die carlistische Parthei gewöhnlich genannt wird, und mich selbst Betreffende; wenn ich da die Antwort meist umging, konnte ich natürlich über das, was die Politik des Vaterlandes und dergleichen anging, nur meine Unwissenheit erklären. Dann sagte er mir, daß ich, da die Legion kein Pardon erhielte noch gäbe, sofort hätte erschossen werden müssen, daß er aber, da ich doch als Hannoveraner Unterthan desselben Königs und eigentlich ein „halber Engländer“ sei, den Spaniern als Gefangenen mich übergeben werde. Ohne dieses Mal gegen das ~half english~, das so guten Dienst mir leistete, zu protestiren, folgte ich freudig dem Officier, der dem Gouverneur der Citadelle mich übergeben sollte, und ward bald in das mir bestimmte Zimmer eingeschlossen, nachdem der Gouverneur, ein Spanier, mich hatte scharf durchsuchen und unter nichtigstem Vorwande Alles, was ihm anstand, mit Beschlag belegen lassen.

Mein Zimmer bestand aus einem großen Rechteck mit zwei Alkoven, in deren einem ein Strohsack, das einzige Meubel sich befand. Täglich zwei Mal erschien ein altes Weib, mir einen kleinen Teller in Öl gekochter Bohnen und ein Stückchen Ekel erregenden Brodes zu bringen; für schweres Geld, durch den Verkauf des mir nicht Entrissenen verschafft, konnte ich Chocolate, der Spanier gewöhnliches Morgengetränk, haben; andere Erquickung war versagt, und selten nur mochte Etwas hereingeschmuggelt werden. Der Zufall wollte, daß ich mein Handbuch des Spanischen und ein anderes mir werthes Buch in der Tasche gehabt, sie konnten die Habsucht nicht reizen und waren daher ein herrlicher Trost in der Einsamkeit des Kerkers mir geblieben; sie las, durchdachte ich wieder und wieder. Und dann ging ich Stunden lang auf und ab, zur fernen Heimath versetzt, das Vergangene von Neuem durchfühlend, alles mir Theure den Augen des Geistes vorzaubernd. Die Gefühle jener Stunden klangen oft erhebend in die bittere Niedergeschlagenheit hinüber, die wohl den Gefangenen auch geistig fesseln wollte.

Es war mir erklärt, daß, so wie ich das Fenster öffnete, auf mich geschossen würde; es ging aber, wenigstens dreißig Fuß über dem Boden erhaben, auf einen Theil des Wallganges, auf dem mehrere Schildwachen standen, und der rings von entsetzlichem Abgrunde umgeben Flucht unmöglich machte, da der einzige Pfad mitten durch die Wache führte. Bald wagte ich denn auch, vorsichtig mein Fenster zu öffnen, und o Freude! es blieb fast immer unbemerkt, so daß ich auch der herrlichen Aussicht und der frischen Meeresluft mich erfreuen durfte.

Links bis zum Horizont dehnte sich die blaue Meeresfläche, bald bewegungslos wie ein Spiegel leuchtend, bald thürmte es im wilden Kampfe der Elemente seine Wogen häuserhoch und hüllte mit dumpfem Gebrüll das Felsengestade in Schaum. Fast immer schmückten es ein- und auslaufende Schiffe oder zahllose Fischerboote, häufig zog die leichte, feine Gestalt einer englischen Fregatte meine Aufmerksamkeit an oder ein Dampfschiff, stets gleich sicher die Wellen durchschneidend, schien die dunkeln Qualm-Wolken in langem Schweife sich nachzuziehen. Etwas weiter rechts erhob sich einem Gewölk nicht unähnlich die Hügelküste Frankreichs, auch bei Nacht durch das Feuer der Leuchtthürme weithin sichtbar. Vor mir breitete sich in seiner ganzen Schönheit das Thal aus, in dem die Straße nach Passages hinläuft, oft von den Schaaren der Christino’s und ihrer britischen Genossen durchzogen; eine Schiffbrücke verbindet es mit der Festung. Dann erschien der Hafen mit seinem Mastenwalde, und über ihm hinaus erhoben sich stufenweise die Gebirgsreihen, zu denen die Carlisten nach der Ankunft der englischen Legion zurückgedrängt waren. Von dort drang nicht selten das Getöse des Gefechtes zu mir, oder der Schüsse Blitzen, wenn der Kampf bis in die Nacht sich verlängerte, durchzuckte in rascher Folge die Dunkelheit. Das waren die elendesten Tage der Gefangenschaft!

Tief unter der Citadelle bot die Stadt den größten Theil der Straßen meinem Blicke dar, und deutlich unterschied ich das immerwährende Getümmel auf dem Marktplatze, auf dem die Spanier einen nicht unbedeutenden Theil ihres Lebens zuzubringen pflegen. San Sebastian ist nicht regelmäßig gebaut, aber sehr freundlich, die Straßen sind schmal, da der kleine Raum sorgfältig benutzt wurde, die Häuser, sonst geschmackvoll, durchgehends sehr hoch, oft sechs, sieben Stockwerke auf einander gethürmt. Die Stadt liegt auf einer durch eine hohe isolirte Felsmasse gebildeten Halbinsel, die im Norden vom Meere, im Westen vom Hafen und nach Morgen von einem Meeres-Arm umgeben ist, welcher sich so weit erstreckt, daß er vom Hafen nur durch eine schmale Landenge getrennt ist, die die kleine zwischen dem Felsen, dem Arme und dem Hafen eingeschlossene Ebene, auf der die Stadt gegründet, mit dem Festlande verbindet. Die Befestigung besteht nach der Landseite aus einem Kronwerke, nach dem Meere zu ist San Sebastian durch das auf dem Felsberge errichtete, nur auf schmalem, vielfach sich windendem Wege zugängliche Castell ganz gedeckt und beherrscht. Die Festung ist in der That eine der festesten und durch seine Lage wichtigsten des Königreiches; sie möchte am besten von der Westseite her anzugreifen sein, wo jenseit des Meeresarmes der Höhenzug, welcher bis Passages ununterbrochen hinläuft, innerhalb Kanonenschußweite zur Höhe des Castells sich erhebt, während jener Arm zur Zeit der Ebbe ohne Schwierigkeit passirt wird. Dort besonders hatten die Carlisten vor der Ankunft der Legion die Werke errichtet, die wegen Mangel an Material nur zur Blokade dienten, von dort aus griff Wellington’s englisch-spanische Armee die Festung an und nahm sie nach kräftiger Vertheidigung.

Die Einförmigkeit der Gefangenschaft wurde oft, wiewohl nicht angenehm, durch die Engländer unterbrochen, die in großer Zahl im Zustande der Trunkenheit und wegen Insubordination[16] als Arrestanten auf dem Wallgange oder im äußern Hofe sich befanden und wohl unter meinen Fenstern ihre Spiele trieben. Der Anblick war furchtbar widerlich, ich würde nicht ihn zu beschreiben wagen. Doch frappirte mich wiederholt die Bemerkung, daß unter diesem Abschaum des Inselreiches Männer sich fanden, die augenscheinlich einer höhern Sphäre angehört, andere, deren Erziehung ihrem jetzigen Zustande moralischen wie physischen Elendes ganz unangemessen schien. Ich erinnere mich, daß einer der Soldaten seine mit Narben bedeckte Brust entblößend schwur, daß er nicht mehr den feindlichen Lanzen trotzen werde, da man so ihn lohne, worauf ein Zweiter ihm Horaz’s schönes „~dulce et decorum est pro patria mori~“ anführte. Ein anderer Elender aber, in seinen grauen Mantel, seine einzige Kleidung, gehüllt, und im Schatten ausgestreckt, erwiederte trocken: „~sed dulcius vivere pro patria~.“

* * * * *

Sechs Wochen waren verflossen, sechs traurige Wochen, als die Ordre Cordova’s anlangte, der gemäß ich nach Vitoria sollte abgeführt werden. Froh verließ ich an einem der letzten Tage August’s das Castell, um auf dem Dampfschiffe ~la reyna gobernadora~ nach Santander eingeschifft zu werden. Die Officiere des Schiffes, wiederum sämmtlich Engländer, empfingen mich eben so zuvorkommend und herzlich wie früher die der Isabel, ja sie zeichneten mich so aus, daß, während zwei christinosche Officiere, die die Überfahrt mit machten, in beliebigem Winkel auf der Erde schliefen und aus eigenem Vorrathe kalte Küche genossen, ich an der Tafel der Officiere Theil nahm und selbst in des Capitains Cajüte ein Bett mir bereitet fand. Überhaupt zeigten die Engländer hohen Unwillen, gar Verachtung gegen ihre spanischen Gefährten, und wohlthuend war es mir, die Bravour der carlistischen Officiere sie mit Bewunderung anerkennen zu hören, da sie stets an der Spitze ihrer Krieger die Ersten auf den Feind sich stürzten, während die constitutionellen Officiere in den ersten Jahren des Krieges häufig hinter Felsen und Bäumen versteckt die freistehenden Soldaten zum Vorrücken ermunternd gesehen wurden. Ein Adjudant des Generals Jauregui erregte unser Lächeln, da er mit Depechen nach Santander im Augenblick der Abreise anlangte und da auf seine ängstliche Frage ein Midschipman sehr ernst ihm antwortete, daß wir wohl stürmisches Wetter haben würden, sofort mit seinen Depechen in das Boot zurücksprang und nicht wieder erschien. Capitain, Officiere, alle Welt erklärte sich für gänzlich überdrüßig dieses Krieges mit solchen Bundesgenossen; sie verhehlten sich nicht die Elemente der beiden Partheien für den Sieg und für den Widerstand, ihre Verhältnisse und die Neigungen des Volkes.

Nach nur zu rasch geendeter Fahrt längs der Küste Vizcaya’s warfen wir auf der Rhede von Santander Anker, nachdem man mich auf einen Felsen aufmerksam gemacht, den die britischen Seeleute wegen seiner Ähnlichkeit mit des Feldherrn Adlernase ~Wellington’s nose~ genannt haben. Bald erschien ein Platzadjudant mit einem Detachement, dem er unter meinen Augen zu laden befahl, und da ich an Bord das Abschieds-Glas geleert und viele warme Händedrücke und Wünsche empfangen, ward ich in dem Boote ans Land und in der Mitte von acht Soldaten zum Gefängniß geführt. Doch hatte der Anblick englischer Höflichkeit so viel vermocht, daß der Adjudant beim Fortgehen mir gleichfalls die Hand reichen und seiner Theilnahme mich versichern zu müssen glaubte, was wiederum auf die Artigkeit des Kerkermeisters wohlthätig wirkte; so lange ich nämlich Lust hatte, seine Gefälligkeiten, sein Bett und die Speisen seiner Küche zehnfach zu bezahlen. Da ich jedoch nach kurzer Zeit in Rücksicht auf meinen traurig zusammenschrumpfenden Geldbeutel erklärte, daß ich mit dem mich begnügen werde, was mir als Gefangenen ausgesetzt sei, sah ich mich plötzlich auf Schwarzbrod reducirt, indem mir mürrisch erklärt wurde, das mir bestimmte Geld reiche nicht hin, um irgend Etwas zu kaufen. Die Aussicht war trostlos; doch ward ihr nach ein Paar Tagen ein Ende gemacht, da ich, von einer Escorte von zwanzig Mann umgeben, Santander verließ und auf einem Esel die Straße nach Burgos entlang zog.

Bisher hatte ich geglaubt und geklagt, daß ich schlecht und allem Völker- wie Krieges-Rechte zuwider behandelt werde, doch sollte ich nun erkennen, wie relativ der Begriff des Guten und Schlechten ist und wie die Ideen unserer liberalen Gegner über Ehre und Recht von denen der andern Europäer abwichen. Während des Tagemarsches durfte ich in der That nicht klagen, denn wenn der Officier sich ganz gleichgültig zeigte, so thaten die Soldaten dagegen, was sie nur thun konnten, um das Harte meiner Lage mir weniger fühlbar zu machen; die christinoschen Soldaten waren meistens nicht wegen individueller Meinung in jenem Heere: durch Gewalt waren sie ausgehoben, Furcht, Gewohnheit, oft Gleichgültigkeit hielt sie fest. So bestand denn das Unangenehme nur in den Volkshaufen, die lärmend, oft drohend, mir durch die Ortschaften folgten, und in den Diners, die ich von neugieriger Menge umringt, stets auf dem Marktplatze halten mußte, oder in den Bemerkungen der Weiber.

So wie wir aber Abends im Nachtquartier anlangten, begann das Elend. Irgend ein unterirdisches Loch ohne Fenster noch Luftzug, geschwärzt von Qualm und Rauch, stinkend und voll Ungeziefer, der Landplage Spaniens, nahm mich auf, oder -- noch widerlicher -- ich sah mich mit den niedrigsten Verbrechern beider Geschlechter, zwischen denen Kinder im Schmutz sich wälzten, in engem Kerker vereinigt, deren freche Vertraulichkeit ich mit Mühe zurückweisen konnte, während die Scenen, die unter solchen Menschen vorauszusetzen, mit Ekel und Abscheu mich füllten. Glücklich schätzte ich mich, wenn ich selten ein Mal in einem Fort der Obhut eines Officiers und einer militairischen Wache übergeben wurde. Wohl darf ich meine Überzeugung aussprechen, daß, wäre ich der Sprache wie später Meister gewesen, hätte ich irgend eine Geldsumme zu meiner Verfügung gehabt, es mir nicht schwer geworden wäre, mit Leuten und Waffen, ja mit den Officieren vielleicht, mich davon zu machen und den Meinigen sie zuzuführen. Ihre Unterhaltung, ihre Fragen, einzelne Bemerkungen verriethen, wo nicht immer Geneigtheit für die carlistische Parthei, Kälte gegen die, welche sie vertheidigten, und vor Allem die nun in allen Classen der Spanier so gewöhnliche Verderbtheit, welche, wenn ihr Interesse angeregt, wenn ihnen +genug+ geboten wird, sie bereit macht, schnöder Geldgier Alles zu opfern.

Nachdem wir die hohe Kette überschritten, die so reich an malerischen und majestätischen Scenen von dem Hauptstamme der Pyrenäen bis Galizien sich hinzieht, und da wir den Ebro seiner Quelle nahe mehrere Mal passirt hatten, wandten wir uns links von der Straße von Burgos über Reynosa, Pancorvo und Miranda auf Vitoria. Ich dachte der Zeiten, in denen auf eben diesen Gefilden Wellington’s Armee der Herrschaft Napoleon’s in der Halbinsel den letzten entscheidenden Schlag gab; ein Gefangener fand ich mich, wo einst so viele meiner braven Landsleute, viele persönlich mir Theure in den Reihen des siegreichen Heeres gekämpft. Mannigfache Empfindungen mußte der Gedanke in mir hervorrufen!

General Cordova hatte das Commando niedergelegt und in Folge der neuen gewaltthätigen Änderung der Verfassung nach Frankreich sich zurückgezogen, weshalb ich den Ebro entlang wieder über Miranda, Arro und Logroño nach Calahorra geführt wurde, wo General Oraa, der interimistisch den Oberbefehl übernommen, einen Angriff auf Estella vorbereitete. Wir trafen ihn am 13. Sept. früh im Augenblicke des Abmarsches, da schon die Truppen aufgebrochen waren. Er ertheilte Ordre, mich bis auf Weiteres in das Depot zu Logroño zu placiren, wohin ich abgeführt wurde, nachdem ich von einem Mordversuch der Soldaten der Garnison gerettet war. Wie immer auf dem Marktplatze von der müßigen Menge umringt, genoß ich ruhig die Chocolate, welche ein alter Capitain, der in Rußland Kriegsgefangener gewesen, mir übersandt. Da nahten sich fluchend mehrere Soldaten und warfen der Escorte vor, daß sie mich nicht längst unterwegs getödtet hätten; sie schimpften auf den Ehrenmann, der mir die Chocolate geschickt: die Liberalen könnten auf der Straße verhungern, ohne daß Jemand sich ihrer annehme. Der Lärm tobte jeden Augenblick mehr, laut ward mein Blut gefordert, schon berührten die Bajonete meine Brust, Messer funkelten: ich strebte als braver Carlist fest zu sterben. Doch die kleine Escorte, deren Zuneigung ich erworben, drängte sich zu meinem Schutze, sie stieß die Wüthenden mit Kolbenstößen zurück und entriß mich mit Mühe dem tobenden Pöbel, der durch die Straßen bis ins Freie mit Mordgeschrei uns folgte. Mehrere Verwundungen waren vorgekommen.

Am folgenden Tage sah ich in dem zur Caserne umgeschaffenen Kloster der Jesuiten von Logroño ein kleines, reinliches Zimmer sich mir öffnen, in dem ein junger spanischer Officier in französischer Sprache sein Vergnügen ausdrückte, daß die traurige Gefangenschaft durch so angenehme Gesellschaft ihm erleichtert werde.

[13] Die Bataillone bestehen in Spanien aus acht Compagnien, von denen zwei, die Grenadier- und die Jäger-Compagnie, als Elite -- ~de preferencia~ -- bezeichnet werden. Sie formiren an der Tête und Queue des Bataillons, wählen ihre Leute aus den übrigen Compagnieen und haben im Kriege, da sie stets ergänzt werden, oft die doppelte oder dreifache Stärke derselben. Sie sind stets die ersten und letzten dem Feinde gegenüber, leiden daher immer unverhältnißmäßig, weshalb die Officiere, die besten des Bataillons, auch mehr Avancement haben, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Die Compagnie, welche 125 Mann stark sein soll, zählt einen Capitain, zwei Premier-, zwei Seconde-Lieutenants. Im Kriege führt sie natürlich oft ein Seconde-Lieutenant, in mehreren Fällen sah ich selbst einen zweiten Sergeanten -- Unterofficier -- die Compagnie mehrere Tage lang commandiren, da stets außerordentlich viele Officiere der Carlisten, ganz im Gegensatze der Christinos, blieben.

[14] Da ein Capitain mit seiner Compagnie zur Besetzung und Vertheidigung einer Reihe Felsen beordert wurde, sah ich ihn seine Leute im Kreise zum Beten des Rosenkranzes vereinigen, worauf er einen Caplan bat, ihnen für den Fall des Todes die Absolution zu ertheilen, was sogleich feierlich geschah.

[15] Als die Feinde Passages nahmen, fanden sie dort nur Weiber. Die Männer ohne Ausnahme waren den Carlisten gefolgt, und ergriffen die Waffen gegen ihre Unterdrücker.

[16] Viele behaupteten, nur auf ein Jahr sich engagirt zu haben, und weigerten sich daher, ferner zu dienen.

V.

Es ist Viel über die empörenden Grausamkeiten geschrieben, die allgemein wie besonders gegen die Kriegsgefangenen von beiden Partheien im spanischen Bürgerkriege begangen sind; und -- wie die Umstände es mit sich brachten -- die öffentliche Meinung hat sich allgemein gegen die Carlisten als Urheber und Hervorrufer jener Schreckens-Scenen ausgesprochen. Dieses war natürlich. Die Constitutionellen hatten zu ihrer Verfügung zahlreiche öffentliche Blätter, durch die sie sich bemüheten, die Ereignisse so darzustellen, wie es ihren Zwecken genehm war. Sie schilderten jede neue Rachethat der Carlisten mit den schwärzesten Farben, die ihre Phantasie hervorzubeschwören vermochte, während sie die unglaublichen Frevel, durch die jene Thaten hervorgerufen und ihre Gegner zu wildester, rücksichtsloser Verzweiflung gereizt sein mußten, ganz mit Stillschweigen übergingen. Sie fanden aber in der liberalen Presse der Nachbarländer eifrige Verbündete, welche sich beeilten, die so entstellten Thatsachen zu verbreiten, durch ganz Europa den Schrei des Abscheu’s gegen die Royalisten Spanien’s ertönen zu machen. Diese dagegen besaßen nicht solche Zeitschriften, selbst nicht Zeit zum Schreiben und zum Aufklären des Truges, sie waren genöthigt, zu den Verleumdungen zu schweigen, die meistens wohl nicht ein Mal bis zu ihren Bergen und Lagern durchdrangen; und wenn etwa eine vereinzelte Stimme in der Fremde zur Rechtfertigung der schmählich Verleumdeten sich erhob, war sie bald durch hundertfaches Geschrei der Getäuschten oder bei der Täuschung Interessirten übertönt und erstickt.

Ich werde durch Thatsachen, von deren Genauigkeit ich mich zu überzeugen Gelegenheit hatte, das gegen die Carlisten als Menschen so allgemein herrschende Vorurtheil zu bekämpfen suchen, wie sehr ich auch die Schwierigkeit und Undankbarkeit des Unternehmens würdige: -- gerade seinen Vorurtheilen klammert das arme Menschen-Geschlecht ja am festesten sich an. Dabei muß ich voraussenden, daß ich keinesweges leugne, daß von einzelnen Individuen Grausamkeiten begangen sind: in solchem Kriege und bei solchem Charakter des Volkes waren sie unvermeidlich. Aber die Tendenz der Carlisten als Ganzes, ihrer Leiter und hervorstehenden Personen war stets auf Milde und Großmuth gerichtet; selbst da verleugneten sie diese nicht, wo Pflicht der Selbsterhaltung, Pflicht gegen ihre Untergebenen sie zwang, den Schreckens-Maßregeln der Christinos durch Strenge einen Damm zu setzen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Übrigens bezieht sich das hier zu Sagende, wenn auch großen Theils auf ihn anwendbar, nicht auf den -- stets als blutdürstigen Tiger bezeichneten -- General Cabrera. Gegen ihn haben so mannigfache Stimmen sich erhoben, mit Hintansetzung alles Rechtes und aller Wahrheit so die Schmähungen ihm gehäuft, daß die Gerechtigkeit erfordert, ihm später abgesondert einige Zeilen zu widmen.

Werfen wir einen Blick auf den Beginn des Bürgerkrieges, auf die Zeit, da kurz nach Ferdinands VII. Tode die baskischen Provinzen und in den andern Theilen des Königreiches viele einzelne Edle für Carl V. zu den Waffen griffen. In Blut sollte da der drohende Aufstand erstickt werden: in allen Städten wurden Blutgerüste errichtet, die Verdächtigen wurden eingekerkert, die mit den Waffen in der Hand Gefangenen sofort erschossen. Wir sahen früher, wie die Anhänger der unschuldigen Isabella in den Nordprovinzen wütheten, wie dort Mina, Sarsfield, Valdes, Lorenzo, Rodil in Mord und Zerstörung wetteiferten. Sie erließen Tod und Vernichtung athmende Edikte, sie brannten die Dörfer der aufgestandenen Distrikte nieder, zerstörten Saaten und Vorräthe, schändeten die Frauen und Mädchen und opferten ohne Barmherzigkeit, wen immer sie den carlistischen Guerrillas angehörig oder ihnen nur günstig gesinnt glaubten. Bald fiel der edle Don Santos Ladron, der General, der unter Ferdinand VII. an die Spitze der Getreuen sich gestellt hatte, in Lorenzo’s Hände: mit seinen Gefährten ward er zu Pamplona rücklings erschossen, worauf der Mörder, seiner Schandthat sich rühmend, neue Proclamationen, noch mehr Mord schnaubend als die früheren, erließ und freudig den Entschluß des Gouvernements ankündigte, +keinem+ Rebellen Gnade zu schenken.

Und die Carlisten? Ohne Zweifel regten ihre Anführer zu blutiger Rache sie auf, vergalten Drohung mit Drohung, Tod mit Tod? -- General Eraso, der in den Thälern von Ober-Navarra befehligte und nach Ladron’s Ermordung seine Stelle als Chef des Aufstandes einnahm, indem er den Seinen den Tod ihres Führers anzeigte, forderte sie auf, zu bedenken, daß sie für eine gerechte Sache, für die Religion der Liebe kämpften, daß sie daher nicht Böses mit Bösem vergelten, auf die Gerechtigkeit ihrer Anstrengungen gestützt vielmehr durch Großmuth die Wuth der Revolutions-Kämpfer bändigen, den durch die Bravour errungenen Sieg verschönern müßten. -- So beantworteten anfangs der Carlisten Anführer die immer erneuten Drohungen und Gräuel der Generale Christina’s.