Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 52

Chapter 523,484 wordsPublic domain

Eine kleine halbe Stunde mochten wir marschirt sein, als der vorausgesandte Bauer eiligen Laufes die Nachricht brachte, daß in dem Thale, zu dem wir gerade hinabstiegen, hie und da Soldaten sichtbar wurden. Ich berieth mit ihm über die zu ergreifenden Maßregeln, als einige Flintenschüsse aus nahem Gebüsch zu unserer Rechten uns aufschreckten; die Kugeln schlugen zwischen und um uns nieder, Steinsplittern über uns ausschüttend. Im nächsten Augenblick ertönte eine zweite stärkere Salve gegenüber, und dicht umschwirrten uns die Geschosse, während eins der Maulthiere verwundet zusammenstürzte. Hunderte von Christinos erschienen mit wildem Geschrei auf dem nur durch eine unbedeutende Schlucht von uns getrennten Berge und suchten raschen Laufes uns abzuschneiden. Die Gefahr war dringend. Ich sprang vom Pferde, welches auf dem steilen Felswege nur langsam vorwärts konnte, und schrie den Führern zu, das Gepäck zu ergreifen und zu fliehen; sie aber standen zitternd und riefen mit der Stimme des Entsetzens: „~por Dios, misericordia~!“ Nur der brave Bauer zagte nicht. Er und Marco ergriffen die ihnen bezeichneten Effecten, während ich des Letzteren Gewehr nahm und abfeuerte, worauf wir, Pferde, Maulthiere und Führer zurücklassend, den Berg hinauf flogen, weithin von den Kugeln der Feinde verfolgt.

Nach halbstündigem, furchtbar erschöpfendem Laufe, bei dem wir fortwährend die Gewehre der Christinos blitzen sahen und ihr Geschrei zur Rechten und zur Linken hörten, barg uns der Bauer in einer Waldung auf einem isolirten Berggipfel, an dessen Fuße seine Masada lag. Er eilte dann davon, uns Wasser zu bringen, da wir vom glühendsten Durste verzehrt wurden, und Nachrichten über die feindlichen Truppen einzuziehen. Auf Alles gefaßt lud ich das Gewehr; vertheidigungslos wollte ich uns nicht schlachten lassen.

Schrecklich war meine Lage, aber zu meiner Freude fühlte ich mich vollkommen ruhig und besonnen; nachdem ich auf der Charte der Provinz, die ich wenige Tage vorher von Madrid erhalten, mich orientirt hatte, gedachte ich der Heimath und so vieler Lieben in ihr, und mancher glückliche Tag, der mit ihnen mir geworden, schwebte wieder dem Geiste vor.[121] Wenn sie sähen, wie ich jetzt hülflos von drohender Gefahr rings umgeben bin! Da lag ich, den treuen Marco neben mir, unter einem dichten Busche versteckt, jeden Augenblick das Furchtbarste, die Entdeckung, fürchtend, und Marco, so ganz kindlich wie immer, fragte leise: „~nos mataran, Señor?~“ -- werden sie uns todtschießen? -- „Noch haben sie uns nicht“ war der einzige Trost, den ich dem Armen bieten konnte.

Weit unter uns aber sahen wir nach allen Seiten hin Haufen von Christinos die Thäler und Schluchten durchziehen, häufig auch einzelne Höhen ersteigen und forschend umherspähen. Bald wandte sich auch eine Schaar nach unserer Masada, und plötzlich funkelten auf einem nahen Felsberge uns gegenüber Waffen und Uniformen, daß wir, den Blicken ganz bloßgestellt, auf dem Bauche uns fortschiebend hinter einen andern, mehr sichernden Busch uns verstecken mußten. Da ward nicht fern von uns ein Rascheln im Holze hörbar -- war es unser Bauer oder nahten die suchenden Feinde, uns zu verderben? Ich griff zum Gewehre und richtete mich halb auf, den Hahn spannend. Marco schlummerte sanft -- wozu ihn wecken: wir hatten ja nur eine Waffe! Näher und näher kam das Geräusch, bald rechts, bald links schweifend; das gierig horchende Ohr faßte jeden Laut auf, während die Augen starr auf das Gebüsch geheftet waren, welches schon sich bewegte. Ein Hündchen sprang hinter ihm hervor, und eine weibliche Gestalt folgte demselben, ihre Freude ausdrückend, daß sie endlich uns gefunden habe.

Das Weib unsers Retters brachte den ersehnten Labetrunk, so wie einfache, aber willkommene Speise. Sie berichtete, daß die Negros, welche von Cañete, das die Besatzung geräumt habe, ausgezogen seien, überall nach mir suchten, weil sie glaubten, der fortgebrachte Mantelsack müsse Geld enthalten. Auch in ihrer Hütte wären sie gewesen und hätten ihrem Manne, den sie sofort erkannt, mit wilden Drohungen hart zugesetzt; er hätte sie aber auf eine falsche Fährte gebracht. -- Rasch verließ sie uns, keinen Verdacht zu erregen, und ließ mich in neue, peinliche Unruhe versenkt: Cañete war geräumt! Da seufzte ich wohl schwer unter den mannigfachen Gefühlen, welche die Nachricht in mir erregen mußte. Und dann unser Bauer. -- Von seiner Redlichkeit hing unser Leben ab.

Endlich brach die Dunkelheit an. Jede Stunde war zur Ewigkeit geworden, da wir mit Ungeduld die schirmende Nacht herbeiwünschten, von Minute zu Minute wieder zur Sonne blickend und mit Sorge den Raum messend, den sie noch zu durchlaufen hatte. Bald erschien auch unser Retter, mit einem Ausrufe der Freude begrüßt. Er bestätigte die Aussagen seines Weibes: die Garnison von Cañete hatte während der Nacht, da sie die Nachricht von dem Abmarsche der Division unter Palacios erhalten, die Festung geräumt, als das Belagerungscorps nur eine Stunde entfernt war. Sie sah sich von den eigenen Gefährten verlassen, geopfert, Hülfe war nicht möglich, und die Vertheidigung der Stadt, während sie der Sache nicht nutzte, mußte unabwendbares Verderben über die Truppen bringen. So hielt es Oberst Gil für Pflicht, sie wo möglich zu retten, keinen Falls aber ganz ohne ferneren Zweck sie der Vernichtung preis zu geben. Daher warf er sich in das Gebirge und schlug den Weg nach Beteta ein, um mit der dortigen Besatzung sich zu vereinigen und gleichfalls der Gränze zuzueilen.

Die Truppen der Feinde, die von Cañete entsendet waren, um etwaige Versprengte und Flüchtlinge aufzufangen, waren beim Anbruche der Nacht der Sicherheit wegen dorthin zurückgekehrt, so daß nun das Terrain frei war.

Ich verhehlte mir nicht, wie wenig ich zu hoffen hatte: die Marschrichtung der Garnison ließ mir gar keine Aussicht, mich ihr anzuschließen, so daß Tod oder Gefangenschaft unvermeidlich wurde. Während der Nacht zog ich dem höheren Gebirge zu, in welchem ich am folgenden Morgen viele zerstreute Soldaten von dem Rekruten-Bataillone antraf. Sie sagten aus, daß die Colonne von Cuenca unter Balboa am Nachmittage der Garnison entgegengekommen sei, sie bei Tragacete geworfen und zum Theil auseinander gesprengt habe; der Rest, kaum 800 Mann, hatte sich den Quellen der Flüsse zugewandt. So suchte ich denn möglichst rasch dorthin zurückzukehren. Mein wackerer Marco folgte mir überall willig, aber jeder Versuch, auch nur Einen der übrigen Soldaten, die augenscheinlich von panischem Schrecken ergriffen waren, zum Umkehren zu bewegen, war fruchtlos; der Krieg war beendet, sie zogen ihrer Heimath zu.

Da traf ich einige Officiere, dann dichte Haufen Freiwilliger von allen Waffengattungen, endlich selbst einen Theil meiner Sappeurs, eiligen Schrittes und mit finsterem Antlitze durch die Thäler sich zerstreuend. Der niederschlagende, nur zu wahre Bericht Aller war derselbe: Oberst Gil hatte, da er vergeblich gestrebt, nach Frankreich sich Bahn zu brechen, und rings umstellt von feindlichen Colonnen, den nutzlosen Kampf aufgegeben. Er vereinigte seine Truppen und erklärte ihnen, daß sie, von den Gefährten verlassen und ganz isolirt in der Mitte der Christinos, im Widerstande keine Rettung hoffen durften; er entband sie daher ihrer Pflicht als Soldaten im Dienste des Königs und forderte sie auf, ein Jeder für die eigene Sicherheit zu sorgen und, so gut er könne, dem väterlichen Hause zuzueilen.

Oberst Gil mit mehreren der angesehensten Officiere war nach Cuenca gegangen, um dort dem Feinde sich zu ergeben, Brusco aber hatte sich auf Zaragoza gewendet, wo er als Fremder Paß nach Frankreich zu erlangen hoffte. Die übrigen Officiere hatten sich, wie die Soldaten, nach allen Seiten hin zerstreut.

* * * * *

So war denn Alles vorbei. -- Blutenden Herzens zog ich nach Royuela, Marco’s Dorfe, und blieb dort noch einen Tag in dem Hause des Pfarrers versteckt, den ich von einem meiner Streifzüge her als redlichen Mann kannte. Der Bruder desselben überbrachte dem Gouverneur der feindlichen Festung Teruel ein Schreiben, in welchem ich mich bereit zeigte, die Waffen niederzulegen, wenn mir der Paß nach der Gränze zugestanden werde. Da ich unverzüglich vom Gouverneur die Antwort bekam, daß er Befehl habe, einen jeden Carlisten, der freiwillig die Waffen niederlege, nach seinem Geburtsorte zu entlassen, weshalb ich ohne Besorgniß kommen möge, den Paß zu empfangen, setzte ich mich am Morgen des 20. Juni nach Teruel in Marsch. Die Theilnahme, welche die Einwohner von el Albarracin und den übrigen Ortschaften, in denen ich früher an der Spitze meiner Truppen gewesen war, in so veränderter Lage mir bewiesen, mußte bei allem Schmerze, den die Erinnerung hervorrief, mir unendlich genugthuend sein; das rauhe, aber biedere Gebirgsvölkchen, gewohnt, nur Härte und erpressenden Eigennutz zu finden, hatte die Rücksicht anerkannt, die in der Ausübung der schweren Pflicht mich stets Schonung und Milde, wo sie erlaubt waren, gegen die Bedauernswerthen üben ließ.

Gegen Mittag lag die Festung vor mir. Bei eben dem Gartenhäuschen, bis zu welchem ich wenige Wochen vorher mit meinen Sappeurs vorgedrungen war, trennte ich mich nun nach herzlichem Abschiede von meinem treuen Marco, der bis dicht an die Stadt mich geleiten wollte.

Als ich wenige Minuten später das gewölbte Thor betrat, als ich den triumphirenden Feinden mich überlieferte, da schwand meine Kraft, ich fühlte mich niedergeschmettert, und nur der Gedanke, von den verhaßten Christinos umgeben zu sein, konnte mich stärken, um im Äußern Festigkeit und Ruhe zu zeigen, während die widerstreitendsten Empfindungen meine Brust durchwühlten. Es war ja Alles vorbei. Die ewig gerechte Sache, für die wir gestritten, deren Sieg das erhabene Ziel unseres Strebens und unserer Hoffnungen bildete, war der herrlichen Früchte so vieler Thaten, so vielen Blutes -- vielleicht auf immer -- beraubt; sie unterlag der Übermacht der usurpatorischen Revolution, welche sie so glorreich bekämpft und so oft mit dem Untergange bedroht hatte, unterlag, weil ein Elender sich fand, ein Verräther, der, niedrigen Leidenschaften zu genügen, das Heiligste für Gold hingab! -- Das zerreißt das Herz und füllt den Busen mit Gluth des Hasses und der Rache, welche nie erlöscht.

* * * * *

Wenige Zeilen werden hinreichen, um eine Übersicht der Ereignisse zu geben, welche von der Eroberung Morella’s bis zu dem bald und ohne wichtigen Kampf erfolgenden Übertritt der Trümmer der carlistischen Heere auf französisches Gebiet erfolgten. Sie sind, da der Sieg entschieden war, von nur untergeordnetem Interesse, mögen aber der Vollständigkeit wegen kurz angeführt werden.

Palacios und Arévalo trafen schon am Tage nach meiner Trennung von ihnen, am 15. Juni, mit ihren sieben Bataillonen und neun Escadronen westlich von Medinaceli mit der Colonne des Generals Concha zusammen, der die Königinn Wittwe auf ihrer Reise nach Zaragoza escortirt hatte. Die Carlisten wurden, doch ohne auf ernsthaftes Gefecht sich einzulassen, geworfen und erlitten den schweren Verlust von 1400 Mann, welche von dem Nachtrabe abgeschnitten und gefangen wurden. Sie vereinigten sich darauf in den Pinares zwischen Soria und Burgos mit Valmaseda, welcher zwei starke Escadronen und 400 Mann Infanterie führte, und zogen dem Ebro zu, um durch Navarra die französische Gränze zu erreichen.

Sie überschritten jenen Fluß in Miranda de Ebro und durchzogen Alava, wurden aber, da sie das Volk in Navarra umsonst zum Aufstande zu bewegen suchten, am 25. Juni bei Tafalla nochmals ereilt und geschlagen. Valmaseda drang jedoch mit kaum 2000 Mann nach Frankreich durch; er betrat dieses Königreich am 28. im Departement des Basses Pyrenees und ward sofort als Gefangener nach dem Norden abgeführt. Palacios dagegen sah sich abgeschnitten und genöthigt, in Pamplona sich zu präsentiren, indem er erklärte, daß er die Waffen niederlegen und in feine Heimath sich zurückziehen wolle. Unter dem Vorwande, daß dieser Schritt zu spät gethan und durch die äußerste Nothwendigkeit erzwungen sei, wurde er als Kriegsgefangener behandelt.

Der Graf von Morella hatte den Ebro mit nicht ganz 5000 Mann Infanterie und etwa 400 Pferden passirt, da mehrere Bataillone von ihm abgeschnitten wurden, andere die Garnison von Morella bildeten, alle aber durch die wiederholten empfindlichen Verluste des Frühjahres sehr geschwächt waren. Wir sahen oben, wie der größte Theil der Cavallerie dem Brigadier Palacios sich anschloß. Er vereinigte sich alsbald mit den Divisionen von Catalonien, welche durch Königliche Ordre bald nach der Ermordung des Grafen von España gleichfalls seinen Befehlen untergeben waren. Auch sie hatten schon bedeutende Verluste erlitten und zählten nur noch 5000 Mann.

Der General wandte sich nach Berga, welches er auf den besten Vertheidungszustand zu bringen befahl, während er noch einmal einen Rest der alten Energie zeigte, da er die Mörder des heldenmüthigen de España nach der Strenge der Gesetze bestrafen ließ. Mehrere Theilnehmer der Schandthat wurden arretirt und sogleich erschossen; die meisten hatten sich auf die Nachricht seiner Annäherung durch die Flucht gerettet.

Espartero aber, so wie er Morella erobert hatte, führte zur Verfolgung der Carlisten den größten Theil seines Heeres über den Ebro und übernahm den Oberbefehl im Fürstenthum Catalonien. Er drängte rasch die schwachen, ihm entgegengestellten Truppen in die Gebirge von Hoch-Catalonien zurück, ohne irgendwo kräftigen Widerstand zu finden. Berga wurde nach leichten Scharmützeln eingeschlossen; es ergab sich, ehe noch die Belagerungs-Artillerie herangebracht war. Das Heer, fortwährend den Kampf vermeidend, zog sich auf dem Fuße verfolgt nach der Gränze zurück, welche seit dem Anfange des Julius täglich Flüchtlinge, Beamte, Priester, Weiber und Kinder überschritten, denen bald einzelne Officiere sich anschlossen. -- Am 6. Juli führte Cabrera etwa 8000 Menschen von der Armee von Aragon, unter denen über 3000 Nichtcombattanten, auf das französische Gebiet, wo er arretirt und nach Paris mit Gensdarmen gebracht wurde. Die catalonischen Truppen, deren Anführer General Segarra zu den Feinden überging, zerstreuten sich größtentheils, der Rest folgte alsbald ihren Gefährten nach Frankreich, und die unbedeutenden Banden, welche hauptsächlich unter der Anführung des Generals Tristany noch einige Wochen lang die rauhen Schluchten der catalonischen Pyrenäen durchzogen, wurden ohne Mühe erdrückt und vernichtet.

Nach fast siebenjährigem Bürgerkriege, durch ihre Selbstsucht hervorgerufen, sahen die Männer der Revolution ihre Herrschaft über das verwüstete, mit dem Blute seiner besten Söhne getränkte Königreich befestigt. Sie zögerten nicht, den schmählich erkauften Triumph würdig zu benutzen. Maria Christina, so lange ihr Werkzeug, nun als überflüssig mit Hohn bei Seite geworfen, sollte das erste Opfer ihrer Umtriebe werden.

[121] Einige Zeilen, die ich dort in dem Verstecke in mein Tagebuch notirte, schließen nach kurzer Erzählung des Geschehenen mit den Worten: „Jetzt liege ich in einem Pinar verborgen, von glühendem Durste gequält. Mein treuer Bursche Marco Valero von Royuela hat mich nicht verlassen; er schläft an meiner Seite. -- O Spanien! O meine Heimath!“

XL.

Vom Gouverneur von Teruel mit hoher Artigkeit empfangen, entging ich nicht den Insulten des Nationalgarden-Pöbels, besonders, da ich das weiße Barett der Carlisten nicht ablegte und nie verheimlichte, daß ich nur durch die Macht der Verhältnisse gezwungen und mit bitterem Schmerze jetzt dem Kampfe für die Sache des Royalismus entsagte. Am Nachmittage wurden einige hundert Gefangene von den Truppen von Cañete, so wie die Besatzung von Beteta eingebracht. Wuthgeheul begrüßte sie, und trotz dem kräftigen Einschreiten des Militairs wurden mehrere der Unglücklichen durch Steine schwer verletzt. Ein armer Priester aber, der früher in der Stadt angestellt gewesen war, hatte, die Wuth der Elenden fürchtend, -- er hatte die päpstlichen Indulgenz-Bullen, deren Ertrag für die Kriegscasse der Carlisten vom Papst bestimmt war, in der Provinz Teruel verkauft und dabei manche Härte ausgeübt -- vom Chef der Escorte erlangt, mit zwei Soldaten in einem Gartenhäuschen bis zum Anbruche der Nacht zu bleiben. Eine rasende Schaar flog auf die Kunde davon hinaus und bemächtigte sich des Priesters; +Weiber+ mordeten ihn unter langen, entsetzlichen Martern und Gräueln mit Scheeren und Nadeln.

Am 21. Juni Morgens verließ ich zu Fuß Teruel, die werthvollsten Gegenstände, welche ich gerettet, in einem Pakete tragend. Ich ahnete nicht, daß Gefahr existiren könne, oder sorgte sie nicht in meinen düstern Gedanken, weshalb ich ganz allein den Marsch nach Frankreich antrat. Ein halbes Stündchen war ich gegangen, als ein Mann keuchend mich einholte und mir im Namen des Gouverneurs befahl, zu diesem zurückzukehren. Kaum waren wir hundert Schritt weit zurückgegangen, als ein zweiter Kerl, in einen zerlumpten rothen Mantel gehüllt, sich uns zugesellte und auf meine andere Seite trat; eine kleine Strecke weiter trafen wir zwei ähnliche Menschen im Chausseegraben sitzend, welche bei unserer Annäherung sich erhoben.

Da befahl plötzlich der Rothmantel: „Nehmet diesem Menschen das Bündel und bindet ihm die Hände!“ Verächtlich lächelnd hielt ich das Packet hin, indem ich nur einige Papiere zu bergen suchte, als, ehe noch die Beiden herzugetreten waren, der Bandit eine Pistole unter dem Mantel hervorzog. Ein jäher Schreck durchzuckte mich: Meuchelmord! Ich versuchte, durch Versprechungen die Gefahr abzuwenden, aber ruhig den Hahn spannend, hielt er mit den Worten: „~carajo~, ich habe lange Lust, solch’ Einen zu tödten“ die Pistole mir auf die Brust. Blitzschnell wandte ich mich um, und das Packet flog dem Mörder an den Kopf in dem Augenblicke, da der Schuß ertönte: mein Arm sank blutend an der Seite nieder, aber unaufgehalten flog ich der Stadt zu. Die Kugel, durch die rasche Bewegung das Ziel verfehlend, streifte nur längs der Brust, drang in die Schulter und durchbohrte den rechten Oberarm.

Schon erschöpft durch Blutverlust und Schmerzen erreichte ich die Thorwache, von wo ich zum Gouverneur und dann in das Hospital getragen wurde. Durch seltenen Zufall hatte die Kugel weder die Arterie noch den Knochen bedeutend verletzt, da doch beide gestreift waren und das Hindurchgleiten zwischen ihnen und den Sehnen, von denen einige halb abgeschnitten waren, nach dem Ausspruche der Ärzte ein Wunder schien.

Nach sechs Wochen konnte ich das Hospital verlassen. Der Gouverneur erklärte mir, daß seine Bemühungen, die Meuchelmörder zu entdecken, fruchtlos gewesen seien; das mir Geraubte, worunter viele wichtige Andenken aus den letzten vier Jahren, Notizen und Effecten, war unwiederbringlich verloren. Während meines Aufenthaltes im Hospitale wurden übrigens über zwanzig entwaffnete Carlisten, mehr oder weniger schwer verwundet, nach demselben gebracht, und täglich liefen Nachrichten von Mordthaten ein, welche in der Umgegend vorgefallen waren. Ich glaube, mich selten gefürchtet zu haben; aber als ich zum erstenmale wieder die Straßen von Teruel betrat, konnte ich das Gefühl der Furcht nicht überwinden und warf fortwährend scheue Blicke nach allen Seiten. Schrecklich ist der Gedanke, nach so vielen überstandenen Gefahren und nach dem Schlusse des Krieges zu fallen -- durch Mord!

Vorsichtiger gemacht marschirte ich nun mit einem Convoy wegen schwerer Wunden nach den Bädern bestimmter Christinos nach Valencia ab. Während das Volk, eben dasselbe, welches uns, da wir bewaffnet und siegreich das Land durchzogen, stets mit Jubel aufgenommen hatte, nach dem Blute der Wehrlosen lechzete, übten die Krieger, verstümmelt im Kampfe mit den Carlisten, -- zwei von ihnen waren im Scharmützel mit meiner eigenen Streifparthie verwundet -- die zarteste Rücksicht gegen mich aus und verfluchten die Feigen, welche, so lange der Krieg wüthete, unthätig hinter ihren Mauern sich versteckt hatten und nun ihren Patriotismus durch gefahrlose Insulte und Mord darzuthun suchten. Ja, eben diesen verwundeten Feinden dankte ich wiederholt das Leben. Der wahre Soldat, wenn auch wild und blutdürstig in der Aufregung des Kampfes, wird nie dem mit Muth unterliegenden Gegner Achtung und Bewunderung versagen.

Schon in Segorve war ich kaum einigen Erbärmlichen entgangen, die unter dem Vorwande, mich nach meinem Logis zu führen, in die abgelegensten Theile der Stadt mich lockten. Ihr Glaube, daß ich den valencianischen Dialect nicht verstehe, rettete mich. In Murviedro aber am 31. Juli erkannten mich einige Nationalgardisten, da ich früher als Kriegsgefangener dort gewesen war; zum Glück bemerkte ich ihr Nachschleichen, ihre lauernden Blicke und das drohende Geflüster, mit dem sie wieder und wieder vor meiner Thür vorbeigingen. Da die Militairbehörden von Murviedro im entlegenen Castell wohnten und ich so spät nicht mehr wagen durfte, dorthin mich zu begeben, baten mich einige der Verwundeten, welche neben meinem Hause einquartiert waren, bei ihnen die Nacht zuzubringen, für meine Sicherheit sich verbürgend. Und wohl bedurfte ich dieses Schutzes. Bis nach Mitternacht standen große Haufen von halbtrunkenen Schurken, mit ihren armlangen Messern bewaffnet, an der Thür und hinter den Ecken, erwartend, daß ich meinen Zufluchtsort verlasse.

Wieder durchschritt ich die herrlichen Gefilde der Huerta, aber mit wie so ganz andern Empfindungen. Damals ging ich kampflustig und vertrauend auf nahen Triumph zur Auswechselung, die langen Leiden ein Ziel setzen sollte; und jetzt ...!

Nachdem mir der englische Consul in Valencia bereitwillig einen Paß unter falschem Namen als verabschiedetem Soldaten der britischen Hülfslegion ausgestellt hatte, da ich nur so mit einiger Sicherheit die Reise fortsetzen konnte, schiffte ich mich am 8. August auf einem kleinen Kauffahrer im Grao ein, um die im ewigen Frühlinge prangende Stadt zu verlassen. Ein günstiger Wind trieb uns längs den mit Hügeln umkränzten Küsten von Valencia und Catalonien hin, deren niedliche Städte, dicht an einander gereihet, langsam vorüberschwanden. Wir bewunderten die von der Natur zum geräumigsten und gegen alle Winde gleich trefflich geschützten Hafen gemachte Bai der Alfarques, da wir, drohendes Gewölk fürchtend, eine Nacht auf ihrer stets spiegelglatten Fläche zubrachten. Unter Carl IV. ward dort die Grundlage zu einer neuen Stadt, San Carlos, gelegt, in der einzelne prachtvolle Gebäude eine hohe Cathedrale umgeben, so wie alle Straßen abgesteckt sind. Die politischen Stürme und Drangsale, unter denen Spanien seit funfzig Jahren seufzet, ließen die Ausführung des schönen Gedankens auf günstigere Zeiten verschieben.

Dann durchschnitten wir den schmalen, weiß schäumenden Streifen, durch den der Ebro einige Meilen weit ins Meer hinein die Gewalt seiner Wasser bekundet, und legten am 11. Juli vor Tarragona bei, schon zur Zeit der Römer gerühmt und unter den Arabern als eine der ersten Städte der Halbinsel blühend, jetzt nur noch durch Ruinen an seine einstige Größe erinnernd. Am folgenden Tage erreichten wir den schönen Hafen von Barcelona, der reichsten Stadt Spaniens, eben so lieblich durch ihr Klima, wie sie in der Geschichte des Bürgerkrieges durch die Wildheit ihrer Bewohner hervorsticht, welche häufige Revolutionen und Mordscenen hervorrief.