Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 51

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Ich erschrack. Der Gedanke an das unglückliche Loos, welches der Familie harrte, hatte mich oftmals schmerzlich beschäftigt, ohne daß ich ein Mittel zu seiner Abwendung hätte ausfinden können; und nun wies der Arme halsstarrig selbst die helfende Hand zurück, welche gütig die Vorsehung bot! Er freilich ahnete nicht die Hoffnungslosigkeit unserer Lage, die, wie gesagt, nur Einzelnen, den Leitern, ganz klar war. Er schmeichelte sich mit der Idee, daß die jetzige Bedrängniß, wie so viele andere, vorübergehen, daß Morella, das uneinnehmbare nach der Meinung der Menge, auch dieses Mal siegreich widerstehen und Cabrera dann von neuem nach Castilien vordringen, das triumphirende Ende des Krieges rasch erkämpfen werde. Solche waren bis zur entscheidenden Stunde die Träume fast aller Carlisten, selbst vieler höher stehenden Männer; alle ließen sich fortwährend blenden und durch die ungereimtesten Hoffnungen täuschen.

So ward während des Winters allgemein erzählt, daß eine russische Armee durch Frankreich zu Hülfe komme, daß Sardinien eine Flotte senden werde, um an der Küste gegen die Christinos zu operiren, ja endlich hieß es, daß der Prinz von Asturias mit einem französischen Heere die Gränze überschreite, um Espartero im Rücken anzugreifen. Tausend und aber tausend abgeschmackte Gerüchte wurden unter Volk und Truppen verbreitet und mit Begierde aufgenommen. Auch die Religion ward zu Hülfe gerufen, um das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Dort war die heilige Jungfrau Officieren der revolutionairen Armee erschienen und hatte den nahen Untergang derselben und den Triumph der Vertheidiger des Altares verkündet; dort hatte ein Bauer, als Heiliger verehrt, Heil zusagende Offenbarungen, und Wunder wurden häufig -- von entfernten Orten her -- gemeldet. Zu Ehren der reinen Jungfrau der Schmerzen aber, welche die ersehnte Hülfe bringen sollte, wurde im ganzen carlistischen Gebiete viertägiger feierlicher Gottesdienst angeordnet, weshalb auch wir in Cañete, brennende Wachsstöcke in den Händen, große Processionen der Generalordre gemäß abhielten.

Mit der Mehrzahl hegte auch Don Remigio noch immer jene Hoffnungen und war demnach taub für alle Gründe, durch die ich zur Heimreise nach Cuenca ihn zu bewegen suchte. Er wolle kämpfen und siegen mit den Carlisten; auch er wisse ein Gewehr zu handhaben, um zur Vertheidigung der Festung mitzuwirken, und wo ich aushalte, da werde auch er auszuhalten wissen, war seine stolze Antwort. Umsonst wies ich auf die hülflosen Damen ihn hin. Sie möchten für den Augenblick dulden, bald werde der Sieg alles Verlorene reichlich ihnen ersetzen.

Da schwankte ich nicht länger. Die Sache, welche ich vertheidigte, war unrettbar verloren, ihr konnte durch das Unglück einer edlen Familie nicht geholfen, selbst nicht im Geringsten genützt werden; ich wäre ein Wicht gewesen, wenn ich aus Rücksicht auf meine Sicherheit -- jeder Officier, der unbefugt entmuthigende Nachrichten mittheilte, war zu augenblicklichem Tode verurtheilt, und unter den Carlisten wurde selten eine Drohung zum Scherz ausgesprochen -- wenn ich deshalb schwieg und dadurch den getäuschten Greis und die Seinen, denen ich so vielfach verpflichtet war, ins Elend sich stürzen ließ. Ich führte Don Remigio zur Seite und sprach offen mit ihm über unsere Verhältnisse, ich schilderte unsere Lage und sagte ihm endlich, daß Morella erobert sei, daß Cabrera mit den Trümmern des Heeres den Ebro passirt habe. Der Arme war niedergeschmettert bei so furchtbarer Kunde und lange für Alles unempfindlich.

Dann zeigte ich ihm, daß, wenn es meine Pflicht sei, als Soldat auf dem mir anvertrauten Posten auszuharren und jede Rücksicht aus den Augen zu setzen, so lange Widerstand möglich blieb, er als Privatmann und Familienvater eine andere Pflicht habe, die, für das Beste der Seinen nach Kräften zu sorgen; daß er also, da unsere Parthei für jetzt hoffnungslos vernichtet und seine fernere Aufopferung ihr ganz ohne Nutzen war, die dargebotene Gelegenheit, um seine Familie aus dem Strudel zu retten, nicht dürfe entschlüpfen lassen. Und was sollte aus den Frauen, aus seiner Tochter werden, wenn sie in die belagerte Festung sich einschlossen! Was, wenn sie mit den Soldaten in das wilde Banditenleben der Guerrilleros geschleudert wurden!

Lange, lange stand der alte Herr unbeweglich da, in schmerzliches Nachdenken versunken; dann umarmte er mich, einen wahren Freund mich nennend, wie er unter seinen Landsleuten nicht ihn gefunden habe. Am Tage vor meinen Abmarsche nach Beteta reisete er und seine Familie nach Cuenca zurück, Glück und Segen mir wünschend, als ich mit den Sappeurs, mit denen ich bis eine Stunde vor dem nächsten feindlichen Fort ihn geleitet hatte, zurückzukehren genöthigt war. -- Mit erleichtertem Herzen sah ich der Zukunft entgegen.

* * * * *

Am 9. Juni spät Abends langte ich in Beteta -- Provinz Guadalajara -- an, nachdem ich, nebst meinen Bedienten und einer Ordonnanz nur von zehn Pferden begleitet, dreißig Stunden mit weniger Unterbrechung marschirt war. Da eine feindliche Colonne jede Verbindung auf der geraden Linie unterbrach, hatte ich mehrfach Umwege einschlagen müssen und war kaum den drohenden Gefahren entgangen. Das Terrain war übrigens im Allgemeinen hügelig mit weiten, fruchtbaren Thälern; nur in der Mitte etwa zwischen den beiden Festungen durchkreuzten wir drei bis vier Stunden lang die rauhen, mit Nadelholz bedeckten Schluchten und Rücken der Sierra de Cuenca.

Valmaseda war in den ersten Tagen des Monates mit seinen Escadronen und fast der ganzen bewaffneten Infanterie in das Innere von Castilien vorgedrungen, wo er Soria durchzog und selbst bis nahe vor Burgos, Schrecken verbreitend, gelangte. Er befestigte rasch die herrliche Stellung von Carazo auf einem hohen Felsenplateau in letzterer Provinz, nicht fern vom Duero, während er verwüstend mehrere bedeutende Städte besetzte und selbst seine Vaterstadt, deren Einwohner als sehr liberal gesinnt bekannt waren, fast ganz niederbrannte, mit seinem eigenen Hause anfangend. Oberst Mondediu aber, sein Stellvertreter, wußte nicht, was er für Maßregeln ergreifen sollte, da er nur über etwa hundert und funfzig Mann Bewaffneter und die unbewaffnete Hälfte des Bataillons ~fidelidad al Rey~ nebst einigen Pferden disponirte; er wollte sich dem anschließen, was die übrigen Chefs entscheiden würden.

Das romantische Castell, welches, auf den Ruinen eines maurischen Schlosses aufgeführt, hoch die Stadt überragte, fand ich in einem traurigen Zustande. Seit Brusco’s Abreise hatte der Gouverneur, in Fortification eben so unwissend, wie eigennützig und erpresserisch in der Verwaltung, Alles gethan, was ihm gut dünkte, da Valmaseda den dort befindlichen Lieutenant ~du genie~ mit sich nach Castilien genommen hatte, dieser auch in seiner untergeordneten Stellung zu schwach war, um vorher den Ansinnen jenes Chefs fest sich entgegenzustellen. In wenigen Tagen war so viel Unnützes und offenbar Nachtheiliges gethan, so viel Nothwendiges unterlassen, daß ich mich weigern mußte, die Fortführung der Arbeiten und die eventuelle Vertheidigung zu übernehmen: wie hätte ich unter so drohenden Verhältnissen solcher Verantwortlichkeit mich unterziehen sollen!

Der Plan des Castells war übrigens höchst angemessen; aber durch Nichtvollendung des Begonnenen stand der Eingang in die Werke dem Feinde fast ganz offen, auch waren sie nur mit einem kleinen Mörser versehen, indem Valmaseda die übrige Artillerie fortgeführt hatte. Die Fabriken waren im besten Gange, eine Pulvermühle war nach dem Auffliegen der ersten mit überraschender Thätigkeit neu etablirt, und in eben jenen Tagen sollte das erste grobe Geschütz, ein Achtzehnpfünder, gegossen werden, was jedoch durch die reißend schnell sich drängenden Ereignisse verhindert wurde.

Schon war ich im Begriff, trotz den Bitten Mondediu’s mit meinen Sappeurs nach Cañete aufzubrechen, als am 12. Juni Abends ein Schreiben von Palacios aus dem nahen Peralejos anlangte, durch das er die Chefs zu einem Kriegsrathe einlud. Er erklärte uns, daß er sich entschlossen habe, mit den Truppen, welche er vereinigen konnte, nach Frankreich sich durchzuschlagen, und forderte uns demnach auf, wenn wir gleiche Absicht hätten, uns ihm anzuschließen; Brigadier Arévalo stehe mit einigen Bataillonen ein paar Meilen entfernt und werde gleichfalls mitziehen. Auf meine Frage nach der Besatzung von Cañete erwiederte er, daß sie noch erwartet werde. -- Wir stimmten vollkommen mit dem vorgeschlagenen Plane überein und kehrten deshalb in der Nacht nach Beteta zurück, die Vorbereitungen zu treffen.

Am folgenden Morgen bot das Städtchen ein Schauspiel der unsäglichsten Verwirrung dar. Überall wurden Befehle, oft sich widersprechend, ertheilt und häufig nicht ausgeführt, Munitionen wurden den Truppen gegeben, Saumthiere jeder Art, mit ungeheuren Ballen der verschiedenartigsten Effecten beladen, sperrten die Straßen, die Magazine wurden geöffnet, und Jedermann erhielt Erlaubniß, so Viel zu nehmen, als er fortbringen könne. Frauen und Kinder liefen schreiend durch die Soldatenhaufen, welche bald die Llamada zum Sammelplatze rief, und die Einwohner schauten, in Gruppen vor den Thüren versammelt, stumm und niedergeschlagen dem wilden Treiben zu, während in den Mienen der Freiwilligen finsterer Trotz sich malte. Die Absicht, das Fort zu abandoniren, war klar; aber den Plan, nach Frankreich durchzudringen, verschwiegen die Chefs, so wie die unglücklichen Ereignisse der letzten Wochen, und machten die Truppen glauben, daß Depeschen von Valmaseda uns nach Castilien riefen.

Um Mittag zog endlich Oberst Mondediu mit seinen Truppen ab, eine Stunde später folgte ich mit den Sappeurs und die Mitglieder der Junta de Govierno mit ihrer Bedeckung, den Nachtrab sollte die eigentliche Garnison des Castells bilden, welches der Gouverneur bei seinem Abzuge in die Luft zu sprengen Ordre erhielt. Ehe er dieses aber ins Werk gesetzt, langte Brigadier Palacios an und befahl ihm, mit der Compagnie im Castell zu bleiben, da ein Mißverständniß obwalte: die Truppen würden nur eine kurze Expedition gegen eine feindliche Colonne machen und alsbald wiederkehren.

Wir übernachteten in dem vier Leguas entfernten Zahorejas, wo Palacios mit drei Bataillonen und fünf Escadronen mit uns sich vereinigte. Früh Morgens am 14. Juni setzten wir den Marsch nach der Provinz Soria hin fort und rasteten in dem zwei Leguas entfernten Villar de Coveta; dort erwartete uns Mondediu mit seinen unbewaffneten Compagnien, Arévalo aber war zugleich mit drei Bataillonen und vier Escadronen in dem eine halbe Stunde entfernten Coveta eingetroffen. -- Drei Bataillone und zwei Escadrone von Valencia hatten sich, von Cabrera’s Armee abgeschnitten, nach Castilien gezogen, wo schon, wie erwähnt, fünf Escadrone von Aragon angelangt waren, so daß sich dort eine Colonne von sieben Bataillonen und neun Escadronen, 4200 Mann Infanterie und über 700 Pferde, unter Arévalo und Palacios vereinigte. --

Nachdem die Truppen bis gegen Abend geruht hatten, sollte dann während der Nacht die Heerstraße von Madrid nach Zaragoza, auf der am Tage vorher die Königinn Wittwe mit ihren Töchtern nach dieser Stadt gereiset war,[120] so wie die von Ziguenza in jene einmündende Chaussee passirt werden, worauf wir bald mit Valmaseda, der zweihundert Reiter und ein halbes Bataillon commandirte, uns zu vereinigen und den Durchzug durch Navarra nach der Gränze zu erzwingen hofften.

Der Wunsch, mit Brusco und den Meinen vereint zu sein, trieb mich nach Coveta, wo ich mit Arévalo’s Colonne sie zu finden hoffte. Wie groß war mein Staunen, mein Schrecken, da ich erfuhr, sie seien nicht dort, und von Arévalo auf meine Frage hörte, die Garnison von Cañete sei zurückgeblieben, damit nicht die ganze Macht des Feindes sofort auf die Abziehenden sich werfe! Ich flog wieder nach dem Villar, wo denn Palacios nach dringendem Forschen mir endlich erklärte, daß der Gouverneur jener Festung von dem Beabsichtigten gar nicht in Kenntniß gesetzt sei.

Mein Unwille bei solcher Eröffnung ist leicht zu begreifen; auf die niedrigste Art waren ja die Unglücklichen von ihren Gefährten verlassen, deren Rückzug sie durch die eigene Vernichtung sichern sollten. Augenscheinlich hatte der Umstand, daß die Mannschaft des Obersten Gil zum Theil unbewaffnet war, viel zu Palacios’ Entschluß beigetragen. Als ich ihm nun sagte, daß ich nie meine Cameraden auf solche Art verlassen würde, auch durch meine Pflicht, so lange Cañete besetzt sei, dorthin gerufen werde, antwortete er achselzuckend mit dem spanischen Sprichworte, daß die Freundschaft aufhöre, wo es sich um den Hals handele. Übrigens stehe ich nicht unter seinen Befehlen und werde daher thun, was mir beliebe, wiewohl er mich warne, da die Folgen vorauszusehen seien und ich vielleicht doch nicht mehr nach Cañete gelangen könne.

Ich leugne nicht, daß ich schwankte und lange ungewiß blieb, was ich wählen, welcher Stimme ich gehorchen sollte. Wohl wünschte ich da, in abhängiger Stellung zu sein und den Befehlen eines Chefs gehorchen zu müssen, unbekümmert, was sie geböten. Als spät am Nachmittage die Hörner zum Marsche bliesen und bald die Bataillone langsam aufbrachen, den unermeßlichen Haufen der Bagage mit Weibern, Kindern und Kranken in die Mitte nehmend; als dann auch die Cavallerie ihr folgte und endlich die letzte Escadron in ernstem Schweigen den Zug schloß: -- ja, da ward mir unendlich beklemmt und wehmuthsvoll ums Herz, es drängte mich, den Abziehenden mich anzuschließen und mit ihnen der rettenden Gränze zuzueilen. Einzelne Bekannte hatten erstaunt mich dastehen gesehen und meine Absicht zu bleiben lebhaft bekämpft, und die Sappeurs, welche hinter mir aufmarschirt die Entscheidung erwarteten, murrten laut und lauter, daß ja doch schon Alles verloren sei, und daß sie sich nicht opfern würden.

Vor mir lag die Hoffnung, rasch aus dem Kriege zu scheiden, der unter den obwaltenden Verhältnissen mich nicht mehr anziehen konnte, die Hoffnung, dieses Spanien zu verlassen, wonach ich so lange glühend mich sehnte, und in das Leben der civilisirten Welt zurückzutreten; und dann, was nützte mein Bleiben? Hinter mir sah ich nur Elend und unvermeidlichen Untergang, schnellen Tod oder im glücklichsten Falle -- und da war die Wahl nicht leicht -- die furchtbare, so bitter empfundene Gefangenschaft. Aber dort standen die Gefährten verlassen in der Mitte der übermächtigen Feinde, die bereit waren, sich auf sie zu stürzen, um der Beute sich zu versichern; sollte ich nicht ihr Loos theilen, wie schwer es auch sein möge? Dorthin rief mich vor Allem die Pflicht. Von dem mir anvertrauten Posten durfte ich nicht feige fliehen, so lange die Unseren zur Vertheidigung ihn inne hielten, ich wollte, ich konnte nicht aus dem Kampfe, den ich mit Stolz Jahre lang gefochten, scheiden, indem ich, die eigene Rettung zu fördern, meine Untergebenen dem drohenden Schicksal überließ. Wäre dieses das ehrenvolle Ende, welches, da Verrath den Sieg uns entrissen, das höchste Ziel meiner Wünsche geworden war?

Der Kampf war sehr, sehr hart, doch die bessere Stimme siegte. Das Murren der Sappeurs rief mich zuerst zur gewohnten Energie zurück. Nachdem ich ihnen geschworen, daß ich einen Jeden, der ferner ein subordinationswidriges Wort äußere, auf der Stelle werde niederschießen lassen, und zugleich kurz die Beweggründe zur Vereinigung mit den Cameraden angegeben hatte, schlug ich an ihrer Spitze den Weg nach Beteta ein, einen letzten trauernden Blick den schon im Gebirge sich verlierenden Colonnen zuwerfend. -- Meine Sappeurs aber, wiewohl sie schwiegen, zeigten eine Unruhe, eine Muthlosigkeit, die mir deutlich sagten, daß ich nicht mehr auf sie bauen dürfe. Wie konnte ich von den Burschen Anderes erwarten?

[120] Daher behaupteten die Christinos, daß Palacios diese Fürstinnen habe aufheben wollen, was gänzlich falsch ist.

XXXIX.

Am Morgen des 15. Juni befand ich mich wieder in Beteta, nachdem ich während der Nacht im Walde bivouakirt hatte. Ich fand das Städtchen traurig verwüstet, da auf die Nachricht von dem Abzuge der Garnison einige hundert Christinos herzugeeilt waren, um die Festung in Besitz zu nehmen; sie hatten in der Stadt die gräulichsten Excesse ausgeübt und sich dann zurückzogen, da sie ihren Versuch zur Überrumpelung mit Verlust von eilf Mann kräftig abgewiesen sahen. Der kleine Mörser, als die Werke gesprengt werden sollten, den Felsen hinab in eine tiefe Schlucht gestürzt, lag bei diesem Besuche der Feinde noch dort, so daß die Besatzung ihnen die Bomben in das Städtchen nur hinabrollen konnte. Erst nach ihrem Abzuge wurde der Mörser wieder hinaufgeschafft.

Ich traf dort einen Obersten von der Junta, der mit einigen Officieren schon von Zahorejas zurückgekehrt war, um das Commando der Provinz zu übernehmen. Auf seine Anfrage setzte ich ihm auseinander, daß das Castell einem regelmäßigen Angriffe nicht vier und zwanzig Stunden widerstehen könne. Er stutzte, beschloß aber doch dort zu bleiben; seine Absicht dabei konnte ich nicht wohl begreifen, da er nur achtzig Mann im Castell hatte, die er durch Austheilung von Geld und doppelte Rationen Wein bei gutem Muth zu erhalten suchte. Vier Tage später hatten die Christinos Beteta genommen und die Garnison gefangen gemacht. Der Oberst wurde auf der Flucht getödtet.

Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, indem ich mit einem Umwege von mehr als zwölf Leguas auf Checa, eine nicht unbedeutende Stadt in Aragon, mich dirigirte, da der Feind mit Sicherheit auf dem geraden Wege vorausgesetzt werden mußte. Von dort wollte ich dann nach Süden mich richten und die Sierra de Albarracin übersteigen, wodurch ich bis nahe Cañete mich stets in sehr schroffem Gebirge befand.

Als ich von Palacios’ Colonne mich trennte, bestand mein Detachement aus einem Sergeanten und acht und zwanzig Sappeurs nebst zwei Bedienten und einer Ordonnanz. Bei meiner Ankunft in Beteta zählte ich nur noch siebenzehn Mann, und während des Nachtmarsches nach Checa verschwanden wiederum acht, denen, während wir dort frühstückten, der Sergeant mit zwei Corporalen folgte. Wir näherten uns der Provinz el Albarracin, aus der die Mehrzahl der in unsern Compagnien stehenden Sappeurs gebürtig war, weshalb sie, von Muthlosigkeit ergriffen, die doppelt günstige Gelegenheit zu benutzen eilten, um durch die Rückkehr zum väterlichen Hause den Gefahren sich zu entziehen, welche in Cañete ihrer warteten. Das Landvolk erzählte ihnen überall, wie ich später erfuhr, daß sie die Festung schon nicht mehr erreichen würden und gewissem Tode entgegengingen.

Als ich gegen Abend in Griegos Halt machte, um zu futtern, war ich nur noch von den beiden Bedienten und der Ordonnanz begleitet; auf sie konnte ich sicher vertrauen, da sie mir ganz ergeben waren. Manuel hatte ja hundertfachen Gefahren getrotzt, um von Morella mir zu folgen, er zeigte sich stets als treuen, redlichsten Menschen und hing mit wahrer Liebe an mir, Marco aber, der Deserteur, den ich nicht lange vorher von der Todesstrafe befreite, flog jeden Wunsch zu erfüllen, ehe ich ihn auszusprechen Zeit hatte, während die Ordonnanz, welche seit meiner Ankunft in Castilien mit mir war, gleichfalls sich bewährt hatte.

Bei Sonnenuntergang brach ich auf, um den höchsten Punkt des wilden, aber fruchtbaren Gebirges zu ersteigen, das westlich vom Albarracin bis zur Sierra de Cuenca sich erstreckt und die Quellen von vier bedeutenden Flüssen dicht neben einander enthält; dann konnte ich Cañete leicht am folgenden Mittage erreichen. Die Führer betraten so eben den Saum eines dichten Waldes, als Marco, der hinter mir meine beiden Maulthiere führte, mir zurief, daß Manuel und die Ordonnanz noch zurück wären. Ich hielt das Pferd an, sie zu erwarten: Niemand erschien; ich befahl Marco, laut zu rufen: keine Antwort erfolgte. Von düsterer Ahnung ergriffen ließ ich das Gepäck ihn untersuchen; mit einem Fluche rief er aus, daß ihre Tornister fehlten. -- Auch sie waren davon gegangen!

Der Schlag traf mich hart, da ich Alles, nur das nicht, erwartet hatte. Das Gefühl der bitter schmerzlichen Enttäuschung preßte gewaltsam die Brust mir zusammen; ich seufzete tief. Die Sappeurs hatte ich einen nach dem andern verschwinden sehen, ohne daß es mir mehr, als ein augenblickliches, verächtliches Lächeln entlockt hätte, während ich so ruhig blieb, als wäre Nichts geschehen, da ich von ihnen ja nichts Anderes hoffen durfte. Aber mein Manuel! Auch er verließ mich! Das erschütterte mich.

Mit dumpfer Stimme wandte ich mich zu Marco: „So gehe Du auch hin, wenn Du willst; ich werde allein mich durchschlagen.“ Doch der wackere Bursche antwortete ernst: „Nein, Herr, wohin Sie gehen, dahin gehe ich -- bis zur Hölle.“ Gerührt drückte ich ihm die Hand und setzte freudiger den Marsch fort, tief nachsinnend über so Manches, was mich bewegte.

* * * * *

In der Masada la Fuente de Garcia, zwanzig Schritt von der Quelle des Tajo, wo ich neue Führer nehmen sollte, fand ich nur Weiber, weshalb ich bis zum Morgen dort ruhen mußte. Bald berichtete mir, als ich dann gen Süden von der Sierra hinabstieg, ein Bauer, daß er am Abend vorher in Salvacañete die Colonne des Generals Aspiroz gesehen habe, welche, 6000 Mann stark, zur Belagerung des nur drei Stunden von dort entfernten Cañete zog. Ich beschleunigte den Schritt, entschlossen, Alles zu wagen, um in die bedrohete Festung zu gelangen. Auf entlegenen Fußsteigen durch das steilste Gebirge ziehend, hoffte ich, entweder die Stadt noch nicht eingeschlossen zu finden, oder sonst bei Nacht mit Hülfe meiner genauen Kenntniß des Terrains mich durchschleichen zu können.

Um Mittag ward die Hitze in den Schluchten entsetzlich drückend, da die Felswände rings die Gluthstrahlen der Sonne zurückwarfen. Wir machten in einer kleinen Masada, die tief in einem engen Thale versteckt lag, Halt, und die Wirthinn bereitete schnell aus den reichlich mitgebrachten Vorräthen und einigen Forellen des nahen Flüßchens ein wohlschmeckendes Mahl. Die Familie so wie die Führer aßen tüchtig mit, da ja Überfluß vorhanden war, und während dann der Bauer, welcher das Gepräge der herzlichsten Biederkeit in den offenen Mienen trug, in Ablösung eines andern Führers mit mir kam, blieb sein Weib überglücklich zurück, da ich einen Schinken ihr geben ließ. Seit Jahren hatten die Armen nur Kartoffeln und Forellen gegessen, zu denen ihnen oft selbst das Öl fehlte; die unerschwinglichen Contributionen nahmen ihnen Alles.

Da wir nur noch zwei bis drei Stunden von Cañete entfernt waren, hatte ich zugleich die Bagage umpacken und ein Mantelsäckchen mit den wichtigsten Effecten nebst meinem und Marco’s Mänteln lose oben auf die Lasten placiren lassen, indem ich Jedermann anwies, im Fall des Zusammentreffens mit dem Feinde, da an Widerstand nicht zu denken war, diese auf die Schultern zu nehmen und zu retten. Getrost zogen wir dann den schmalen Fußsteig hinauf.