Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 50
Hätte wohl unser unternehmender Feldherr, wie er früher es war, ruhig den Feind solche Fortschritte machen, zu bloß passiver Defensive sich drängen lassen, ohne kräftigen Widerstand, ohne Diversionen zu versuchen und jeden Fußbreit Landes den Sieger theuer mit seinem Blute bezahlen zu machen? Hätte Cabrera je seine Forts, die so große Opfer, so unendliche Anstrengungen gekostet, von Position zu Position ohne Kampf weichend, geräumt oder gar ihre Vertheidiger in nutzlosem Ringen gegen die Übermacht hülflos hingeopfert, um endlich unthätig sich zurückzuziehen, nachdem er eben so unthätig der Vernichtung seiner Treuen zugeschaut hatte?! --
O’Donnell war seinerseits nicht weniger erfolgreich. Im Anfange Aprils schon schritt er zur Belagerung von Aliaga, und nach kraftvoller Gegenwehr, die dem Feinde 1100 Mann gekostet hatte, ergab sich am 15. die Besatzung, nachdem zwei und zwanzig Geschütze vier Tage lang sie beschossen hatten. Sofort eilten die Christinos, das Fort von Alcalá la Selva zu berennen, dessen Gouverneur barbarischer Weise, nur um den Belagernden das Obdach zu nehmen, bei deren Annäherung das Städtchen niederbrannte, wiewohl es seiner Vertheidigung keinen Abbruch thun konnte. Auch er zeigte sich brav. Die schwarze Fahne, das bekannte Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod, winkten von den Mauern hinab den feindlichen Schaaren entgegen; aber nach zweitägigem Bombardement war das Innere des Forts in einen Schutthaufen verwandelt, die Cisternen waren verschüttet, die Gewölbe zertrümmert durch die Macht der schweren Wurfgeschosse und die Mauern an mehreren Punkten rasirt, da die Carlisten nur vier leichte Geschütze, gleich denen in Cañete, den zwanzig Belagerungsgeschützen entgegensetzen konnten.
Da empörte sich die zusammengeschmolzene Garnison verzweifelnd und öffnete den Christinos die Thore, nachdem sie wieder 900 Mann eingebüßt hatten. Als der Gouverneur vor O’Donnell geführt wurde, fragte ihn dieser lächelnd, warum er seinen Entschluß, sich nicht zu ergeben, nicht ausgeführt habe, und entließ ihn auf die Erklärung, daß er sofort das Commando des Forts in dem jetzigen Zustande wieder übernehme, wenn er zuverlässige Mannschaft bekomme, mit den Worten: „Sie sind ein Braver und haben schon zu Viel gethan.“
Dann zog O’Donnell gegen Cantavieja, während Espartero mit dem Hauptheere zu der so lange vorbereiteten, so lange angekündigten Belagerung von Morella sich anschickte.
Oben sagte ich, daß Cantavieja’s Befestigung, den Händen des Obersten Cartagena anvertraut, traurig vernachlässigt war. Die Stadt ist auf drei Seiten durch die Schroffheit und Höhe des felsigen Bergrückens, auf dem sie gebaut, vollkommen gegen jeden Angriff gesichert; aber gegen Süden ist sie auf Flintenschußweite von einer durch eine Ebene mit ihr verbundenen Erhöhung beherrscht, die demnach mit mehreren Forts, der eigentlichen Angriffsfronte, gedeckt wurde. Es war nun durch die Fehler des ursprünglichen Planes und durch die allmählich vorgenommenen Änderungen und Nachhülfen[119] ein Flickwerk entstanden, welches endlich nicht mehr den Namen einer Festung verdiente und aus einer Anhäufung von Mauern, Gräben, Caponieren, Traversen und sonderbar gestalteten, namenlosen Dingen bestand, die wechselseitig einander hinderten und unnütz machten.
Die Carlisten thaten also das Klügste, was ihnen übrig blieb, als sie die Titulair-Veste bei dem Anmarsche O’Donnell’s am 11. Mai räumten und sich auf Morella zurückzogen.
Dieser General fand die Stadt in Flammen: die männlichen Bewohner hatten sämmtlich als ~voluntarios realistas~ die Waffen ergriffen und setzten, mit Weib und Kind abziehend, selbst ihre Wohnungen in Brand, um sie nicht dem Feinde zu überlassen. Die großen Fabriken und Magazine waren schon nach Morella verlegt, die Artillerie jedoch wurde, da der Entschluß zur Räumung erst im letzten Augenblicke gefaßt war, vernagelt zurückgelassen. Ein unersetzlicher Verlust!
O’Donnell zog darauf nach dem nördlichen Valencia und dem Ebro zu, um in Cabrera’s Rücken zu operiren und von dem Flusse ihn abzuschneiden, traf aber bei la Cenia auf diesen General, in dem dort ein Überrest des alten Feuers noch einmal -- leider ohne weitere Folge -- aufzulodern schien. Er bewährte, was er vermocht hätte. Nach siebenstündigem furchtbaren Ringen auf dem den Christinos nicht ungünstigen Terrain zwang er sie, wiewohl sie doppelt so stark waren, mit Verlust von 2500 Mann zum Rückzuge auf Vinaroz. Der Bruder O’Donnell’s, welcher, früher carlistischer Oberst, „der Umarmung von Bergara“ sich angeschlossen hatte und nun mit demselben Grade als Adjudant seines Bruders gegen seine früheren Waffengefährten focht, ward schwer verwundet, der Chef des Generalstabes getödtet.
Cabrera aber ... eilte nach dem Ebro und überließ Morella seinem Schicksale! --
Doch nein; ich thue Unrecht, da ich dem edlen, braven Cabrera, ihm, der tausendfach sich bewährt, den Schein eines Tadels gebe. Beklagen wir ihn und die Sache, welche er so lange aufrecht hielt, daß des Siegesherzoges wohl berechnetes Verbrechen so entsetzlich wirken durfte!
* * * * *
Auch Aspiroz hatte sich seit den ersten Tagen des Aprils wieder in Bewegung gesetzt. Montan, ein nur für Gewehrfeuer und gegen einen Handstreich eingerichtetes Fort, fiel sofort, worauf Aspiroz sich gegen Alpuente wandte. Von dem Gouverneur desselben sprach ich weiter oben. Er ließ die unglückliche Stadt einäschern und selbst, um dem Feinde Unbequemlichkeit zu verursachen, alle Masadas auf zwei Meilen rings um das Castell verwüsten, eine Maßregel, die bei ihrer Nutzlosigkeit auch unter den Carlisten allgemeinen Unwillen erregte. Und dann übergab der Erbärmliche nach zweitägiger Beschießung sein herrliches Castell, eingeschüchtert durch die Menge der geworfenen Bomben, da doch noch nicht die Spur einer Bresche da war!
Während jener zwei Tage hatte er, das feindliche Feuer fast gar nicht erwiedernd, mit der ganzen Besatzung in die bombenfesten Gewölbe sich versteckt, so daß ein kühner Hornist der christinoschen Jäger unaufgehalten die Werke erklimmte und in das Innere des Castells gelangte, ehe er entdeckt und, da er allein war, verjagt wurde. Der ganze Verlust der Belagerer bestand in -- einem Officier und drei Mann! Alsbald zog Aspiroz gegen Vejis, welches er in der Mitte des Mais nach kräftigerer Gegenwehr gleichfalls einnahm.
[116] Der Capitain im Geniecorps avancirt zum Grade des Oberstlieutenants der Infanterie. Überhaupt finden in der spanischen Armee von einer Charge zur andern stets zwei Avancements Statt: das erste Mal erhält z. B. der Secondelieutenant, -- und so alle Chargen bis zum Obersten -- den Grad von Premierlieutenant und erst wenn er sich zum zweiten Male auszeichnet, die Effectivität desselben. Als graduirt versieht er den Dienst seiner früheren Charge, die Anciennetät in der folgenden zählt aber vom Tage der Ernennung zum Grade.
[117] Bei einer Explosion ward ein Stein über das Castell hinweg bis auf die an der andern Seite im Thal hinlaufende Straße -- fabelhaft scheinende Entfernung -- geschleudert und traf ein armes Mädchen von dreizehn Jahren an den Kopf, so daß es eine Stunde nachher starb. Überhaupt kamen bei den Arbeiten im Felsen viele Unglücksfälle vor.
[118] Jeder unabhängige Corps- oder Detachements-Chef hat den spanischen Kriegsgesetzen gemäß das Recht, bis zur Todesstrafe über seine Untergebenen zu verhängen, wobei Kriegsgerichte fast nie Statt finden. Unzählige Male war ich bei Carlisten und Christinos Zeuge, daß der Anführer einen bei einem Diebstahl ertappten oder insubordinirten Soldaten und selbst Bauern, die des Spionirens +verdächtig+ waren oder, wie so oft, gezwungen für den Feind Papiere überbringen mußten, augenblicklich niederknieen und füsiliren ließ. -- Früher erwähnte ich, daß ich als unabhängiger Corps-Chef dastand.
[119] Des Herrn von Rahden Plan war nach dessen Abreise von dem eigensinnigen Cartagena trotz aller Remonstrationen gar nicht weiter beachtet.
XXXVIII.
Unerwartet war Brusco nach Cañete zurückgekommen. Da Valmaseda, der von Fortification gar keinen Begriff hatte, in Beteta die unthunlichsten Dinge vollbracht sehen wollte, war Brusco mit ihm in lebhafte Streitigkeiten gerathen und verließ endlich die Festung, um sich nicht wehrlos der wilden Leidenschaftlichkeit des Brigadiers hinzugeben, dessen erstes Wort, wo er festen Widerstand erfuhr, „Niederschießen“ zu sein pflegte, was er denn auch nicht lange anstand auszuführen.
Da saßen wir denn oft, drei oder vier Cameraden, auf die alten hölzernen Lehnsessel hingestreckt bis tief in die Nacht um das knisternde Feuer -- denn die Abende waren noch immer sehr frisch, so daß der Sitz am Herde in der Küche ganz heimisch war -- und unterhielten uns traulich über das, was die nächste Zukunft bringen mußte. Wenige Tage vorher waren die beiden Cavallerie-Regimenter von Aragon angelangt, welche nach dem Vordringen des Feindes in das Innere des Gebirges dort unnütz nach Castilien detachirt waren. Sie brachten uns die General-Ordre, durch die Brusco und mir der Grad von Oberstlieutenant verliehen war; und durch sie erfuhren wir den Stand der Dinge bei der Armee. Bald kam auch mein wackerer Manuel, ein Bedienter, den ich krank in Morella zurücklassen mußte, mit zwei andern Sappeurs von dort an, da der Wunsch, ferner bei mir zu sein, durch alle Gefahren des Weges ihn getrieben hatte. Da hörten wir, daß Morella bereits, wenn auch wegen des Terrains nicht vollständig, blokirt sei, und daß der Gouverneur von Ares del Mestre dieses Fort dem Feinde verkauft habe, indem er, als die Garnison in der Kirche zur Messe versammelt war, die Christinos einließ, so daß eine Compagnie Sappeurs und zwei von Valencia gefangen wurden. Wieder Verrath!
Es war ein eigenthümliches Gefühl, wie wir so die Stunde des Unterganges mit Riesenschritten heranrücken sahen, unvermeidlich und ohne daß menschliche Kraft den Strom aufzuhalten vermocht hätte. Wir berechneten schon unsere Existenz nur noch nach Wochen und erwogen jede Chance für und wider, welche die Katastrophe um einen Tag beschleunigen oder um so viel weiter hinausschieben konnte; und doch scherzten wir selbst bei diesen ernsten Betrachtungen und haschten nach Lust und Vergnügen, wie immer, und handelten, als sei gar keine Veränderung in unsern Verhältnissen eingetreten. Der Mensch ist ein sonderbares Wesen; ich begreife wahrlich jetzt kaum, wie solche Contraste in uns sich vereinigen konnten. Während wir sehr wohl erkannten, wie nur noch Tage uns überblieben, und im vertrauteren Kreise diese Gewißheit uns nicht verheimlichten, schienen wir fortwährend, wie im vorigen Jahre, die siegesstolzen, hochstrebenden Krieger, die in kurzem ihren König auf den Thron seiner Väter zurückzuführen und die rebellische Herrscherstadt zu seinen Füßen zu beugen hofften. Im öffentlichen Leben, in allem Dienstlichen fuhren wir fort, Pläne zu entwerfen, auf Monate hinaus zu denken und vorzuarbeiten, als gäbe es gar keine Vernichtung drohende Gefahr. Höchstens verrieth etwa ein scherzhafter Wink, daß das Bewußtsein derselben nicht in uns erloschen sei. Und jene Arbeiten und Entwürfe wurden mit eben der Sorgfalt betrieben, wie wenn wir des Triumphes durch sie gewiß wären.
Aspiroz aber bereitete seinen Artilleriepark vor, um uns zu erdrücken, Balboa that ebendasselbe in Cuenca, wo er bereits siebenzehn grobe Geschütze vereinigt hatte. Er ließ Recognoscirungen bis unter die Mauern von Beteta vornehmen, denen die schwachen carlistischen Truppen sich nicht widersetzen konnten, und stellte die Wege nach jenem Platze sowohl, als nach Cañete für Artillerie her, während Palacios und Valmaseda, der erstere nur noch auf den Collado gestützt, eine thätige Defensive durch Streifzüge, unerwartete Märsche und wiederholte Überfälle kleinerer Detachements führten. Doch gewannen die Feinde durch Übermacht Schritt vor Schritt Terrain.
Tag auf Tag brachte so irgend eine neue Unglückskunde, bis eines Morgens -- es war an einem der ersten Tage Juni’s -- Brusco, vom Gouverneur kommend, ernst in mein Zimmer trat und mir zuflüsterte: „Morella ist gefallen, und der General hat den Ebro passirt!“ -- Wenn auch längst erwartet, wirkte die Schreckensbotschaft doch im ersten Augenblick erstarrend auf Jedermann, und mancher schwere Seufzer entwand sich der Brust, da mit Morella ja der letzte Pfeiler des schon lange untergrabenen Gebäudes einstürzte. Furchtbar beklemmend, erdrückend ist der Schmerz des Mannes, wenn er das unrettbar vernichtet sieht, dem er ganz sich hingegeben hat, dessen Triumph sein Ziel und seine Hoffnung war, und für das er mit enthusiastischem Feuer gekämpft und sein Blut vergossen hat. Schwere, schwere Stunden waren jene, in denen kaum das Gefühl, bis zum Untergange treu und fest die Pflicht erfüllt zu haben, den glühenden Schmerz lindern konnte. -- Und dann die theuren Gefährten, welche wir in Morella wußten!
Seit dem Anfange Aprils, da schon die Gefahr so ungeheuer drängte, hatte plötzlich die höchste, krampfhafte Energie und Thätigkeit jene Lauigkeit ersetzt, die bis dahin mit der Strenge des Winters sich verbündete, um die Fortschritte der Vertheidigungswerke von Morella zu hindern. San Pedro Martyr, der Vollendung nahe, war rasch geschlossen, und nun wurde mit der Kraft der Verzweiflung -- und auch mit ihrer Blindheit -- der Plan wieder aufgenommen, den Herr von Rahden einst entworfen und bereits tracirt hatte. Man bedachte nicht, daß jetzt weder hinreichende Zeit gegeben war, um so umfassende Werke gehörig auszuführen, noch das nöthige Material, besonders an Artillerie, zur wirksamen Vertheidigung derselben angeschafft werden konnte; man bedachte auch nicht, daß jener Plan auf die kraftvolle Mitwirkung der Armee berechnet war, wie sie von Cabrera -- dem Cabrera der sechs ersten Kriegsjahre vor dem verhängnißvollen 16. December -- nicht anders erwartet werden konnte, und ohne die freilich so ausgedehnte Arbeiten unnütz wurden.
Indessen geschah das unmöglich Scheinende. Capitain Verdeja, nach Morella berufen, leitete die außerhalb der Ringmauer anzulegenden Verschanzungen, und da Espartero nach kurzer Blokade in der zweiten Hälfte des Mais zur Belagerung der Festung schritt, fand er die nahen, unter dem Feuer des Castillo liegenden Höhen mit Erdwerken bedeckt, die jedoch sämmtlich nur mit Infanterie besetzt waren.
Die Garnison von Morella bestand aus drei Bataillonen Infanterie, indem jede der Divisionen eins geliefert hatte, aus vier Compagnien Sappeurs, zwei Compagnien Artillerie, dreihundert ~voluntarios realistas~ von Aragon und etwa hundert von Morella, da die übrigen fünfhundert bei der Annäherung des Feindes vorgezogen hatten, ihre Vaterstadt zu verlassen. So befanden sich etwa 2800 Mann in der Festung. San Pedro Martyr war mit 400 Mann und vier Geschützen besetzt, deren das Castell und die Stadt nur neun hatten, während die Christinos drei und sechszig Belagerungsgeschütze mit einer großen Zahl Mörser heranführten. Der brave Brigadier Beltran commandirte als Gouverneur.
Espartero war genöthigt, zuerst das beschnittene Hornwerk von San Pedro Martyr anzugreifen; er that es natürlich auf dem Punkte, welcher auf Befehl des Generals verkürzt und dadurch sehr schwach geworden war. So konnte er das Feuer von vorn herein auf nur zweihundert Schritt Distance eröffnen, bis wohin er vollkommen gedeckt vorgehen konnte. Am 25. Mai ergab sich das wichtige Werk, da die Bresche practicabel und die Geschütze demontirt waren. An demselben Tage nahmen die Belagerer mehrere der kürzlich errichteten Verschanzungen nach kurzem Widerstande der Carlisten, welche, erschreckt durch den raschen Fall von San Pedro, in dessen Stärke sie so viel Vertrauen gesetzt, und überschüttet mit Geschossen jeder Art von der feindlichen Artillerie, in die Stadt sich zurückzogen, gegen die sofort die Batterien etablirt wurden.
Es war indessen nicht die Absicht Espartero’s, mit dem Blute seiner Soldaten den Besitz von Morella zu erkaufen, dessen er leichter sich zu bemächtigen hoffte. Er errichtete mehrere Mörser-Batterien und begann ein lebhaftes Bombardement, welches alsbald die unheilsvollste Wirkung hatte, da nur das Castell einige bombenfreie Räume besaß, während in der Stadt die einzige Cathedrale nicht einmal für die Niederlage der Munition und der Hauptbedürfnisse ausreichte. Nach dreitägiger Bewerfung war die ganze Stadt in einen Haufen rauchender Trümmer verwandelt; alle Vorräthe waren zerstört, selbst ein Pulvermagazin flog auf und tödtete den Chef der Artillerie, Oberst Soler, mit vielen Officieren und sechszig Mann. Laut forderten die Truppen, da keine Hülfe von außen her sichtbar wurde, gegen den Feind geführt zu werden, um in seinem Lager ihn anzugreifen.
Da beschloß der zusammengerufene Kriegsrath, sich durchzuschlagen: in der ganz ruinirten Stadt länger zu bleiben hieß, ohne den geringsten Nutzen sich aufopfern. In der Nacht zum 29. Mai stürmte die Garnison, 2200 Mann stark, aus der Festung und warf sich auf die feindlichen Positionen; nach blutigem Kampfe, in dem 250 Mann abgeschnitten und gefangen wurden, ward sie von der Übermacht in die Stadt zurückgeworfen. Einzelne nur waren durch die Schluchten entkommen. Der Gouverneur verlangte zu capituliren, aber seine Bedingungen wurden zurückgewiesen, und das Bombardement begann von neuem. Am Morgen ergab sich die Besatzung, noch fast 1800 Mann stark, auf Discretion.
Kein Flintenschuß war von der carlistischen Armee, die nach Catalonien sich zurückzog, auf die Belagerer abgefeuert, keine Bewegung zu Gunsten der Festung unternommen. So fiel Morella in die Gewalt der Christinos; der Krieg war beendigt. --
Am 29. Mai ward auch der Mariscal de Campo Don Domingo Forcadell getödtet, seit siebentehalb Jahren einer der thätigsten und einflußreichsten Anführer der Carlisten im östlichen Spanien, commandirender General von Valencia und Chef der Division dieser Provinz. Er traf bei Hervés mit einigen hundert Mann auf das Freicorps des Brigadiers Zurbano und starb im Kampfe der Verzweiflung.
* * * * *
Unsere Lage war sehr kritisch, da wir, nachdem Cabrera den Ebro überschritten hatte, im Innern der Halbinsel ganz isolirt standen, rings von drohenden Massen umgeben. Dazu ward die Desertion in unserm Rekruten-Bataillone von Cañete täglich größer, wiewohl der Fall von Morella nur den sechs oder sieben Chefs bekannt war, die wir an der Spitze unserer Republik standen, und es war zu fürchten, daß allgemeine Muthlosigkeit die Menge ergreifen würde, so wie die Nachricht von den Ereignissen des letzten Monats sich verbreitete.
Schon wurde in unserm Rathe von Räumung der Festung gesprochen, die doch nur kurze Zeit dem Feinde trotzen könne; es ward beantragt, in die Gebirge uns zu werfen, um den kleinen Krieg fortzusetzen, wie ihn die Guerrillas der Carlisten im Anfange des Krieges so erfolgreich geführt. Dagegen protestirten Brusco und ich, da durch solch eine Maßregel bei dem Stande der Dinge bald nur noch Raubbanden bestehen würden, eine Geißel dem Lande und ohne Vortheil, ja zur Schande der Sache, welche wir vertheidigten. So weit würden wir nie uns erniedrigen. Wir verlangten, daß Cañete vertheidigt werde, da das Rühmlichste sei, bis zum letzten Augenblick auf dem anvertrauten Posten zu verharren und kämpfend ehrenvolle Bedingungen sich zu erzwingen, wenn Unterliegen zur Nothwendigkeit wurde.
Dessen weigerten sich die Spanier fast alle, indem sie es für Wahnsinn hielten, in die Mauern sich einzuschließen und so ohne Nutzen und ohne Hoffnung muthwillig den Feinden sich auszuliefern. „~Al pinar, al pinar!~“ -- in das Waldgebirge! -- war ihr Losungsgeschrei. Dann schlugen wir vor, nach Frankreich uns durchzuschlagen, und erklärten, daß wir, im Fall die Festung zur Fortsetzung jenes kleinen Krieges abandonnirt werde, mit unsern beiden Compagnien allein den Versuch machen wollten, die Gränze zu erreichen, da es unsere Pflicht sei, unsere Leute nicht zu opfern, um etwas ganz Zweckloses zu unternehmen, was nur zu schimpflichstem Ende führen könnte.
Nach sehr lebhafter Discussion wurde endlich mit Mühe der Beschluß durchgesetzt, ruhig zu bleiben, bis wir die Ansicht der andern mächtigeren Führer erfahren und mit ihnen über das Auszuführende uns verständigt hätten. Brusco ward demnach mit dem Capitain Echevarria nach Castiel Favib gesandt, um dort Palacios zu treffen, mit dem so eben drei Bataillone von Valencia nebst einigen Escadronen, vom Ebro abgedrängt, sich vereinigt hatten. Ich aber eilte nach Beteta, dessen Leitung ich Brusco abnahm, um sowohl dort das zur Vertheidigung Nöthige anzuordnen, falls diese beschlossen würde, als auch im entgegengesetzten Falle das Detachement Sappeurs, welches Brusco dort gelassen hatte, nach Cañete oder zur Vereinigung mit dem Corps zu führen und zugleich die Absichten Valmaseda’s zu sondiren, das Schwierigste von Allem bei dem Charakter dieses Chefs.
Ehe ich abreisete, hatte ich die Genugthuung, zu der Rettung einer werthen Familie, der ich mannigfach verpflichtet war, beitragen zu können. Vielleicht erinnert sich der Leser, daß, als ich im Jahre 1838 schwer verwundet ein Gefangener in Cuenca mich befand, ein junges Mädchen mit ihrer Mutter im Hospitale mich besuchte und tausend kleine Annehmlichkeiten mir verschaffte. Die enthusiastisch royalistische Familie hatte dort manche Unbilde und Beschimpfung zu ertragen, da sie, wo Carlisten ihrer Hülfe bedurften, furchtlos jedes Opfer mit Freude brachte, und selbst die kleine Paquita, unter dem Namen ~la hermosa facciosa~ -- die schöne Rebellinn -- bekannt, ward durch ihre Reize nicht immer gegen die Insulte der Freiheitsmänner geschützt.
Bei meiner Ankunft in Cañete ward ich von meinem alten Cameraden Echevarria fast mit Gewalt bei einer Familie eingeführt, die mich kennen und mit höchstem Interesse nach mir geforscht haben sollte. Meine Überraschung und meine Freude waren gleich groß, als ich, in das niedrige Häuschen tretend, von der herrlich aufgeblühten Paquita Cantero, nicht weniger überrascht, mich empfangen sah. Ihre Eltern waren in Folge von Espartero’s Austreibungs-Gesetz gezwungen, Cuenca zu verlassen, nachdem ihr ganzes Vermögen confiscirt war; kaum hatten sie durch List eine kleine Summe für die ersten Bedürfnisse gerettet. Ich brachte seitdem, so oft ich in Cañete war, die angenehmsten Stunden in der Gesellschaft dieser Familie zu, welche, wie zurückgezogen sie sonst auch lebte, mich ganz als Sohn vom Hause behandelte. Paquita, als das reizendste Mädchen der Gegend gerühmt, war so anspruchslos wie liebenswürdig, und nie erschien sie einnehmender, als wenn sie, die an jede Bequemlichkeit und Eleganz der höheren Stände Gewöhnte, lachend die häuslichen Geschäfte versah, welche die Verhältnisse jetzt ihr auferlegten, und die ihre Mutter, eine wohlwollende alte Dame, stolz auf die schöne Tochter, umsonst scheltend ihr abnehmen wollte.
In den ersten Tagen des Juni bekam der alte Herr, eben so exaltirter Royalist, als biederer, braver Mann, die Nachricht, daß mächtige Freunde es dahin gebracht hatten, das gegen ihn erlassene Verbannungs-Edict aufzuheben, weshalb er nach Cuenca zurückkehren und den Besitz des confiscirten Vermögens wieder antreten sollte. Er überreichte mir den Brief, mit verächtlichem Lächeln hinzufügend, daß die Christinos sehr sich irrten, wenn sie glaubten, daß er um der Güter willen seine Carlisten verlassen und neuen Insulten sich aussetzen werde.