Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 47
Doch Entsatz war nicht möglich, das Wasser fehlte, und endlich setzte eine Bombe auch das Magazin der Mundvorräthe in Brand. Da vereinigten sich die 87 Mann, welche noch lebten, ließen sich bei Nacht an Stricken von der 50 Fuß hohen Felswand in den Fluß hinab und schlugen sich durch den staunenden Feind, der hier am wenigsten angegriffen zu werden erwartete. -- Arévalo belohnte einen jeden Freiwilligen mit einem ~real vitalicio~ -- einem Real täglich auf Lebenszeit, in Spanien gewöhnliche Prämie für kriegerische Auszeichnung der Soldaten --; die Officiere bekamen einen Grad.
Nach dem Verluste von Chulilla ward Chelva, wo eine Kirche zur Sicherung gegen einen Handstreich befestigt war, geräumt, worauf der Feind es sofort besetzte und nebst Tuejar, Titaguas und Aras befestigte, wo er dann seine Depots für die auf das Frühjahr aufgeschobene Belagerung der übrigen carlistischen Festungen bildete.
Arévalo, der sich im Allgemeinen ganz auf die Defensive beschränkte, überfiel im Februar 1840 eine feindliche Colonne in Peralejos de las Truchas in Castilien und nahm dreihundert Mann gefangen, gab aber im März das Commando an den Brigadier Don Salvador Palacios ab, welcher bis dahin mit Auszeichnung die Brigade von Tortosa befehligt hatte.
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Im Norden arbeitete indessen Espartero eifrig, um seinen Kaufplänen Eingang zu verschaffen. Schon im December war Cabrera genöthigt gewesen, eine General-Ordre mit der Bestimmung zu erlassen, daß Niemand etwaigen schriftlichen Befehlen, selbst wenn sie mit seiner Unterschrift und seinem Siegel versehen und auf das dazu gebräuchliche, lithographisch reich verzierte Papier geschrieben seien, in irgend zweifelhaftem Falle gehorche, wenn sie nicht persönlich durch einen der -- in der Ordre mit Namen bezeichneten -- Adjudanten und Ordonnanz-Officiere überbracht würde. Espartero hatte nämlich durch einen Spion an den Gouverneur der Festung Aliaga eine Ordre gesendet, vom Grafen von Morella unterzeichnet, welche die bestimmte Weisung enthielt, die Festung sofort zu räumen und nach Verbrennung aller Vorräthe, wo möglich mit den leichten Kanonen des Forts, auf Villarluengo oder Cantavieja sich zurückzuziehen. Dem Gouverneur, der kurz vorher ganz entgegengesetzte Befehle erhalten hatte, schien dieser so eigenthümlich, daß er einen Irrthum voraussetzte, die Vollziehung auf seine Verantwortung aufschob, bis er neue Instructionen vom General erhalten würde, an den er sogleich einen Adjudanten schickte, und während der Zeit den Überbringer, der sich verwirrt zeigte, arretirte.
Da fand sich, daß der General nie eine ähnliche Ordre ausgestellt hatte. Der Spion, da er sich entdeckt sah, gestand, daß Espartero sie ihm eingehändigt und für die Überbringung eine große Belohnung zugesagt habe; er ward erschossen. Der große Siegesherzog an der Spitze seiner sechsfach überlegenen Massen fand es nicht unter seiner Würde, auch noch zur Fälschung seine Zuflucht zu nehmen! Er hatte die Handschrift des Grafen von Morella und die Verzierungen den echten so vollkommen nachgemacht, daß ein Unterschied nicht zu entdecken war. -- Ich selbst sah im Hauptquartiere diese falsche Ordre.
Da der Streich nicht gelungen war, griff er wieder zur Bestechung. Am 9. Januar ließ Llagostera einen Capitain und einen Kriegscommissair in Castillote erschießen, überführt und geständig, mit dem feindlichen Heerführer in Communication zu stehen und Geldsummen von ihm erhalten zu haben. Wenige Tage später wurden zu Morella zwei Sergeanten und ein Assistenz-Wundarzt, kurz vorher vom feindlichen Garde-Corps desertirt, gefangen gesetzt, da sie durch heimlichen Verkehr mit unbekannten Personen Verdacht erregt und viel in den Befestigungswerken sich umhergetrieben hatten. So wie die Nachricht davon bekannt wurde, verschwand ein Geistlicher, der in der Verwaltung angestellt und in dessen Wohnung der Wundarzt mehrere Male gesehen war. Unter den Effecten des Arztes fanden sich bei der Durchsuchung vier Päckchen mit schnell wirkendem Gifte, versteckt unter anderen Päckchen von eben derselben Form, welche Arzneimittel enthielten.
Der Wundarzt wurde von den erbitterten Miñones des kranken Generals niedergestochen, die Sergeanten aber, kaum der Wuth der Soldaten entrissen, bekannten sich als Scheinüberläufer, zur Ausforschung und Bearbeitung des Geistes der Besatzung und nebenbei zur Besichtigung der Werke bestimmt; sie standen übrigens ganz zur Disposition des Wundarztes, der auch durch zwei Bauern die Correspondenz mit dem feindlichen Hauptquartier führte. Beide Sergeanten wurden füsilirt. Die Bauern erschienen nicht wieder, der verschwundene Geistliche befand sich schon am andern Morgen im Mas de las Matas.
Doch wie viele seiner Anschläge vereitelt wurden, Espartero ermüdete nicht, und es ist leicht begreiflich, daß unter Tausenden Einzelne sich fanden, die seinen lockenden Verheißungen Gehör gaben und zum Verrathe an der sinkenden Sache sich hinreißen ließen, da ja solcher Verrath Gold und Ämter und selbst -- Schande den sogenannten Liberalen Spaniens! -- Ehrenbezeugungen ihnen sicherte. Schon war die Armee ihres Führers beraubt und damit die Hauptsache gethan. Der nächste Schlag sollte ihr einen ihrer trefflichsten Stützpunkte nehmen, denjenigen, der am meisten Espartero’s Truppen beunruhigte, da er weit in ihre Flanke und ihren Rücken vorgeschoben war, und durch dessen Besitz es den Carlisten möglich wurde, noch immer bis tief nach Aragon hinein zu operiren.
Die Wichtigkeit des Castells von Segura ist früher hinlänglich dargethan. Da Espartero erst den Verkäufer gefunden, wußte er die Ausführung so schlau und gewissenlos zu ordnen, daß auch der Scharfsinnigste getäuscht und im Augenblicke der That unvorbereitet überrascht werden mußte.
Der Gouverneur von Segura, ein Oberst, dessen Name mir entfallen, war ein alter braver Haudegen, seit dem Beginn des Krieges unter den Waffen und entschiedener Royalist, der die Briefe, in denen ein Adjudant Espartero’s im Namen seines Generals ihm Grade und bedeutende Geldsummen anbot, im Fall er seine Veste überliefere, unerbrochen dem Grafen von Morella zusandte, welcher das höchste Vertrauen in seinen alten Waffengefährten setzte. Er hatte unter seinem Commando drei Compagnien Infanterie von Aragon, ein Detachement Sappeurs und ein anderes von der Artillerie als Besatzung des Castells und einige Cavallerie, den Umständen nach von verschiedener Stärke, mit einem kleinen Freicorps für die Streifzüge in das Innere der Provinz.
Am 18. Februar fing der dienstthuende Capitain im Thore einen Bauer auf, der in das Castell trat, und fand bei ihm Briefschaften von Espartero, durch die dessen Einverständniß mit dem Gouverneur und dem Platzmajor von Segura unzweifelhaft klar ward, so wie die Absicht, während der Nacht die Festung zu überliefern. Der Capitain sticht sofort den Bauer nieder, lieset seinen Grenadieren die aufgefangenen Schreiben vor und fordert sie auf, im Blute der elenden Verräther die Schandthat zu rächen und ihrem angebeteten Don Ramon zu zeigen, daß er noch treue Soldaten hat. Einen Augenblick später haben die Grenadiere wüthend den Gouverneur, den Platzmajor und einen andern Officier getödtet, und ihr Capitain als ältester Officier übernimmt das Commando.
Espartero, der bisher ruhig in seinen Standquartieren geblieben war, um nicht die Aufmerksamkeit oder gar Truppen dorthin zu ziehen, eilte am folgenden Tage mit einem Theile seines Heeres nach Segura. Eben so flog Llagostera auf die Nachricht des Geschehenen von Castillote hinzu, die Garnison abzulösen und einen neuen Gouverneur zu ernennen. Er fand, am 21. bis Ejulve vorgedrungen, durch Espartero’s Massen den Weg sich versperrt.
Dieser begann am 23. die Belagerung der Festung, und am 25. eröffneten seine Batterien ihr Feuer, welches die sechs Geschütze des Castells mit Kraft erwiederten. Es dauerte sechs und dreißig Stunden ununterbrochen fort, ohne jedoch Bresche geöffnet zu haben, da eine schmale Öffnung in den Werken an einer Stelle, wo die Mauer auf einen dreißig Fuß tief perpendiculair sich senkenden Felsen gegründet war, den Namen einer Bresche nicht verdiente; es wäre unmöglich gewesen, sie practicabel zu machen, da die Felswand stets dasselbe Hinderniß gegen den Sturm bot.
Indessen hatte der selbstbestallte Gouverneur seine Compagnie seinem Zwecke gemäß bearbeitet, indem er sie auf die gefährlichsten Posten stellte, wo sie sehr litt, sie stets im Dienst hielt und dabei von der Unmöglichkeit des Entsatzes und der Nutzlosigkeit weiterer Vertheidigung durch dazu bestellte Leute reden ließ. Bei Tagesanbruch am 27. rief er die Garnison zusammen und erklärte die Nothwendigkeit der Capitulation, da Bresche geöffnet, Entsatz nicht zu hoffen sei. Seine Compagnie stimmte ihm bei, aber die übrigen Officiere erklärten entschieden, daß an Übergabe nicht gedacht werden könne, und der Commandeur der Sappeurs, begleitet von den beiden andern Compagnien, führte seine Leute zu der sogenannten Bresche, um den Schutt aufzuräumen und sie sofort zu schließen, jenen Vorwand für die Ergebung zu entfernen. Thätig mit der Arbeit beschäftigt, erhielten die braven Freiwilligen plötzlich eine Salve aus dem Innern des Castells; die Grenadiere hatten mit dem Geschrei: „~viva Don Ramon~; diese wollen uns opfern!“ den Christinos das Thor geöffnet.
So fiel die herrliche Festung, bei deren Erbauung so glänzende Hoffnungen gefaßt werden durften, durch Verrath in die Gewalt der Feinde. Die ganze Besatzung ward auf Discretion gefangen, doch erlaubte ihr Espartero in seinem Jubel, ihr Gepäck und so viel Lebensmittel mit sich zu nehmen, wie sie fortbringen könnte. Ungeheure Vorräthe fanden sich im Castell und sechs schöne Geschütze, von denen nicht ein einziges demontirt war.
Llagostera, nach erhaltener Verstärkung am 26. bis Cabra, nahe Montalban, vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von dem Verluste von Segura auf Castillote zurück. Wenige Tage später langten sechszehn von den Gefangenen, auf dem Marsche nach Daroca entflohen, bei der Armee an; unter ihnen waren drei Grenadiere, die arretirt, aber, da sie selbst so schändlich getäuscht waren, nicht weiter bestraft wurden.
Der loyale Gouverneur und sein Major waren als Opfer ihrer Treue gefallen, während der Capitain der Grenadiere -- welcher ~garde du corps~ Ferdinands VII., Secondelieutenant in der Armee, gewesen war -- nachdem er die Sache, der er sich widmete, verrathen, seine Chefs und eigenhändig selbst den Unglücklichen, der ihm als Werkzeug diente, ermordet und den ihm anvertrauten Posten ehrlos überliefert hatte, als Oberst und mit dem Orden Isabella’s der Zweiten geschmückt, ohne Scham in den Standquartieren der Christinos sich zeigte, bis er nach Cuba, wohin er versetzt ward, abreisete. Espartero aber, nachdem er prahlende Berichte über seine Waffenthat ausgefertigt hatte, zog sich in seine alten Stellungen zurück, über weitere Ausdehnung seines Systems zu brüten.
Den Unwillen und das Entsetzen zugleich, welche der Verkauf von Segura, begleitet von so empörenden Umständen, in Volk und Heer hervorrief, wage ich nicht zu beschreiben; Jedermann blieb betäubt und von kaltem Schauder durchrieselt bei der furchtbaren Nachricht. Den hingeschlachteten Treuen zu Ehren ward ein feierlicher Trauergottesdienst angeordnet, während dem Verräther der Fluch Aller folgte. Noch war diese That in ihren Folgen besonders unheilbringend, da schon die erste Botschaft von dem beabsichtigten Verrathe des wackern Gouverneurs und von seinem Tode auf den General so tiefen Eindruck machte, daß man abermals für sein Leben zitterte.
Ich gestehe, daß ich außer mir war vor bitterm Schmerz und Grimm; ich lachte, aber das Knirschen der Zähne tönte durch das dumpfe Gelächter hindurch. Das waren entsetzliche Tage! Meine Gefühle machten mich ungerecht. Da sehnte ich mich und flehte, daß ich von diesen Spaniern befreit werde, daß Espartero rasch angreife und unter den Trümmern von Morella uns begrabe, um nur nicht in solcher Lage leben zu müssen. „So muß ich denn in jedem Gefährten einen Verräther fürchten,“ fügte ich der Schaudernachricht im Tagebuche zu, „und darf Niemand mehr vertrauen! Schrecklich, schrecklich, von solchem Geschlecht sich umgeben zu wissen. Wenn doch Espartero mit einem Schlage Alles beendete, Alles zermalmte, wenn es sein soll! Sollte ich das Ende des Krieges überleben, so wird der Augenblick, in dem ich Spaniens Gränze überschreite, der herrlichste meines Lebens, der Tag auf immer ein Dank- und Jubelfest mir sein!“
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Wie wenig übrigens die Christinos daran dachten, die Zusagen zu erfüllen, welche sie doch, so bald dadurch Hoffnung auf Erfolg sich bot, überreichlich verschwendeten, trat um eben diese Zeit klar hervor, da die constitutionelle Regierung im Königreiche Galicia in einer Nacht alle die früheren Guerrilleros, welche dem Vertrage von Bergara sich angeschlossen hatten, verhaften und nach den Colonien deportiren ließ. Über funfzehnhundert jener Unglücklichen wurden so, größtentheils wohl auf immer, ihrem Vaterlande und ihren Familien entrissen, da sie doch volle Ansprüche auf alle die Vortheile hatten, welche der Vertrag den ihm sich Anschließenden gewähren sollte. Wie schwer sie auch fehlten, da sie verzagend ihren König verließen, als er gerade mehr als je ihrer Treue und Festigkeit bedurfte, war es doch nie die Sache der Christinos, dieses Verbrechen, dessen Früchte sie geerntet hatten, selbst ihr Wort brechend, zu strafen.
Gewiß eine gute Lehre für die, welche, nur den Einflüsterungen der Selbstsucht folgend, geneigt sein mochten, den Versprechen und Lockungen Gehör zu geben, durch die jetzt Espartero ebenso ihrer Pflicht sie abwendig zu machen suchte.
XXXVI.
Am 22. März verließ ich Morella, um den Marsch nach dem Turia anzutreten. Die Gipfel der Gebirge waren weithin mit tiefem Schnee bedeckt, während die Thäler schon das freundliche Frühlingskleid anzulegen begannen, so daß ich, stets auf- und niedersteigend, eben so oft die eisige Temperatur des Winters gegen laue Westhauche vertauschte. Wo aber hoch im Gebirge der an ihrem Fuße so liebliche Wind schneidend durch die Schluchten brausete, schien er alles Lebende erstarren zu wollen.
Wenige Tage früher hatte Espartero die Operationen wieder aufgenommen. Auf dem Wege nach Cinctorres hörte ich weithin zur Rechten das Krachen der Geschütze, die gegen das seit dem 19. März belagerte Castillote so eben ihr Feuer eröffneten; und auch am folgenden Tage, da ich das Gebirge gegen Mosqueruela erstiegen hatte, begleitete mich lange der todverkündende Schall, schauerlich dumpf über die starren Schneegefilde hintönend.
Die Bravour, mit der Castillote vertheidigt wurde, ist selbst von den Feinden anerkannt, die lediglich dem ungeheuern Übergewichte ihres Materiales die endliche Eroberung zuschrieben und eingestanden, daß sie durch die Waffen der Belagerten, wie durch das plötzlich eingetretene strenge Wetter 2300 Mann ~hors de combat~ zählten -- der carlistische Bericht gab 4500 Mann an --. Das Castell, von einem hohen Felsen hinab den Flecken beherrschend, hatte nur einen Zugang, gegen den neunzehn schwere Geschütze aufgestellt wurden. Die Garnison, nachdem sie den achten Sturm abgeschlagen hatte, ergab sich am 26. März, nur noch 270 Mann stark, da alle künstlichen Werke der Angriffsfronte demolirt waren und die im Angesicht des Forts stehenden carlistischen Truppen keine Bewegung zu Gunsten desselben unternahmen.
Der Mariscal de Campo Don Luis Llagostera verlor sein Commando, weil er, mit sechs Bataillonen kaum eine halbe Stunde von Castillote entfernt, vor seinen Augen es hatte nehmen lassen, ohne auch nur die Arbeiten der Belagerungsarmee, die übrigens 32 Bataillone stark war, im geringsten zu erschweren oder einen Versuch zur Rettung der braven Besatzung zu machen. Der älteste Brigadegeneral Don Juan Muñoz y Polo erhielt an seiner Stelle den Oberbefehl der Division von Aragon, da er im Sommer 1839 mehrere Expeditionen in das Innere Castiliens mit Gewandheit ausgeführt hatte und so eben von einem neuen Zuge nach der Provinz Guadalajara zurückkehrte.
Ich ward auf meinem Marsche von zwei Lieutenants des Geniecorps und von acht Sappeurs begleitet, welche ich selbst aus dem Bataillon mir ausgewählt; lauter entschlossene Kerle, auf die ich vor dem Feinde mich verlassen durfte. Mit diesem Detachement sollte ich die funfzig Meilen bis Cañete zurücklegen und zwar großentheils mitten durch ganz dem Feinde unterworfenes und von seinen Forts gedecktes Land. Doch war wirklich Gefahr nur in den fünf Meilen zu jeder Seite der Heerstraße von Teruel nach Segorbe, während der Rest des Weges mit guten Führern, Sorgfalt und Glück wohl ohne große Besorgniß zurückgelegt werden konnte.
Außer jener Bedeckung sollte auch der Sappeur-Officier, welcher von Brusco an den General gesendet war, mit mir nach Cañete zurückkehren. Don Manuel Matias hatte in seinem Vaterlande Portugal als Sergeant in dem Heere Don Miguel’s gedient und war nach dessen Vertreibung mit der portugiesischen Legion nach Spanien gekommen, wo er die erste Gelegenheit ergriff, um zu den Carlisten überzugehen. Bei wildem, aufbrausendem Charakter zugleich höchst brav, entschlossen und kenntnißreich war er bald zum Officier ernannt; noch in Chulilla hatte er sich besonders hervorgethan, da er von Brusco zur Leitung der Arbeiten dorthin detachirt war. Oberst Alzaga hatte ihn in Morella arretirt, weil er einer Dame wegen, welche, die Gnade des Generals für ihren auf dem Collado wegen Veruntreuungen in enger Haft gehaltenen Gatten, einen Oberstlieutenant, zu erflehen, mit Matias von Cañete her gekommen war, und mit der er in sehr vertrauten Verhältnissen stehen sollte, grobe Nachlässigkeiten sich zu Schulden kommen ließ. Erst im Augenblicke des Abmarsches wurde er in Freiheit gesetzt. Er hatte übrigens etwa zwölfhundert Duros für die beiden jenseit der Straße stationirten Compagnien Sappeurs bei sich, so wie das Pferd und die prachtvollen Waffen, welche sein Compagnie-Chef für die Reise ihm geliehen hatte.
In dem Städtchen Cinctorres angelangt, fand ich den vorausgerittenen Matias und mit ihm -- die verrufene Doña! Das war mir ein Donnerschlag aus heiterem Himmel, da abgesehen von dem Widerwillen, den solche Geschöpfe stets mir einflößten, auf einem Marsche, wie der unsere, und unter jenen Verhältnissen Damen mit sich führen wenig anders hieß, als geradezu sich und, was schlimmer, die anvertrauten Leute dem Feinde in die Hände liefern. Ich expostulirte mit Matias, der mir jedoch erklärte, daß ihm die Ehre nicht erlaube, die Dame zu verlassen, welche seinem Schutze sich übergeben habe, und daß er lieber allein mit ihr den Gefahren der Reise sich aussetzen werde, wenn ich für meine Sicherheit oder Bequemlichkeit ihre Gesellschaft nicht zulassen wolle. Da schwieg ich und gab achselzuckend meine Einwilligung unter der Bedingung, daß wir nie ihretwegen warten oder gar Veränderungen in unserm Reiseplane -- wir mußten billiger Weise Tag und Nacht marschiren -- treffen würden, was bereitwillig angenommen wurde.
Doch schon am folgenden Morgen stand das Detachement eine halbe Stunde zum Abmarsch fertig, ehe Matias seinen Schützling heranführte. Die Sappeurs, deren einige mit ihm von Cañete gekommen und da um des Weibes willen Viel geplagt waren, murrten laut und prophezeiten Unheil aus solcher Begleitung; erst die Drohung, zweihundert Stockschläge auszutheilen und im Wiederholungsfalle den Schuldigen erschießen zu lassen, brachte sie zum Schweigen, da sie wohl wußten, daß das Recht dazu mir zustand, und daß ich nicht zweimal zu drohen pflegte.
Aus Rücksicht auf den Cameraden hatte ich meine Abneigung so weit besiegen zu müssen geglaubt, daß ich der Dame, da kein Maulthier im Dorfe aufzutreiben war, eines meiner Packthiere einräumte, wogegen ich dachte, ihr Sohn, ein Cadet von vierzehn Jahren, könne füglich eben so gut wie meine Sappeurs zu Fuß gehen. Ich ritt mit dem Lieutenant Losada und vor mir zwei Sappeurs an der Spitze, Matias mit seiner Gefährtinn und der Bagage folgte, und Lieutenant Valero mit vier Sappeurs schloß den Zug, während die beiden andern rechts und links das Terrain durchsuchten. Der Cadet, ein hübscher, munterer Junge, sprang leicht wie ein Reh bald vor mir her, bald scherzte er hinten mit Valero, der eben so munter und etwa achtzehn Jahr alt war.
Da die Wege furchtbar schlecht und oft mit fußhohem Schnee bedeckt waren, ein grimmig kalter Wind aber fortwährend neue Schneemassen uns in das Gesicht peitschte, bildete sich nicht selten ein Zwischenraum von einigen hundert Schritt zwischen den verschiedenen Abtheilungen, die eine jede für sich streng geschlossen zu bleiben angewiesen waren.
Plötzlich erregte ein lautes Geschrei hinter mir meine Aufmerksamkeit. Matias, vom Pferde gesprungen, haute unter Fluchen und Schreien mit einem Knittel auf einen der ~bagageros~ los, der auf dem kaum sechs Fuß breiten Wege zurückweichend, im Begriffe war, in den neben demselben tief unten brausenden Fluß rücklings hinabzustürzen, als ein Sappeur den Lieutenant ergriff und mit unwiderstehlicher Kraft dem Abgrunde zuschleuderte. Mit dem Kopfe voran stürzte Matias hinunter; aber seine Füße verwickelten sich in einigen Wurzeln, und rasch mit den Händen unten sich anklammernd blieb er hängen, während er, in die Tiefe fallend, unrettbar auf den Felsen zerschmettert wäre.
Im nächsten Augenblicke war ich dort und hatte den Sappeur durch einen Säbelhieb zu Boden gestreckt; es war Zurita, der beste und ruhigste Mann des Bataillons. Bald war Matias an den Füßen in die Höhe gezogen und konnte, wiewohl noch todtenbleich, den Vorfall erzählen. Seine Freundinn wollte den Cadet mit sich auf das Saumthier steigen lassen, wogegen der Eigenthümer protestirte; die Dame schalt in nicht sehr gewählten Ausdrücken auf den Bauer, dieser antwortete impertinent, und der leidenschaftliche Matias eilte, ihn dafür zu strafen. Jetzt forderte er -- und mit Recht --, daß Zurita, da er sich an seinem Vorgesetzten vergriffen hatte, augenblicklich erschossen werde. Ich begnügte mich indessen, den in die Schulter so schwer Verwundeten, daß er ein Maulthier besteigen mußte, zu arretiren, das Weitere mir vorbehaltend, worauf wir den Marsch fortsetzten und spät am Abend in Mosqueruela anlangten. Im Hause eines armen, aber wackern Mannes, bei dem ich früher ein Mal logirt hatte und daher eines herzlichen Empfanges sicher war, thauete ich an einem tüchtigen Feuer in der Küche die erstarrten Glieder auf.
Am 24. März mußte ich in dem Städtchen, welches niedlich und zur Zeit des Friedens durch Gewerbthätigkeit wohlhabend ist, wiewohl die Lage im wildesten Gebirge es nicht begünstigt, wegen heftigen Schneegestöbers ruhen, da der Weg über das hohe und rauhe Plateau, die Wasserscheide des Ebro-Gebietes und der südlich durch Valencia dem Meere zuströmenden Gewässer, nach Linares ganz ungangbar war. -- Ich erklärte dort dem Lieutenant Matias, daß ich fortan gar keine Rücksicht auf seine Gefährtinn nehmen werde, da ich um solch eines Weibes willen die Sicherheit meiner Leute nicht länger compromittiren durfte, die übrigens stets unruhiger und nur durch größte Festigkeit, gepaart mit guter Behandlung, in ihrer Pflicht erhalten wurden. Sie waren, wie gesagt, die besten Leute des Corps; aber der Gedanke, ihren Cameraden wegen jener Frau vielleicht füsilirt zu sehen, regte sie so auf, daß sie leicht zu jeder Gewaltthat sich hätten hinreißen lassen.
Zurita dagegen erkannte sehr wohl die Größe des Verbrechens, welches er begangen hatte. Zu sich gekommen von der ersten Überraschung, war er betäubt bei der Idee dessen, was er gethan; er begriff nicht, wie er dazu gekommen war, und indem er die Gerechtigkeit der Strafe anerkannte, beklagte er nur, so schimpflichen Todes sterben zu müssen. Ich war glücklich, da die Umstände mir gestatteten, den Bedauernswerthen dem ihm drohenden Geschicke zu entziehen.