Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 46

Chapter 463,519 wordsPublic domain

Angstvolles Entsetzen ergriff Alle. Erstarrt schlich ein Jeder umher, in den Augen der Andern denselben Schauder erregenden Gedanken lesend, der auch seine Brust beklemmte; kaum hörbar flog bald das Wort: Gift! von Mund zu Mund, und die Symptome machten den Verdacht nicht unwahrscheinlich. Untersuchungen wurden angestellt. Der Wirth war eben so wie seine Frau, die mit den Burschen selbst die Speisen bereitet hatte, als exaltirter, vielfältig compromittirter Royalist bekannt und dem General persönlich sehr ergeben; auch haftete auf ihnen der Argwohn keinen Augenblick. Aber das Haus war, wie allenthalben, wo Cabrera’s Ankunft bekannt wurde, stets gedrängt voll von Menschen jeder Klasse, die Bitten oder Beschwerden vorzutragen hatten und durch keine Schildwache zurückgehalten wurden. Viele von ihnen waren in der Küche, ihre Cigarillos anzuzünden und selbst sich zu wärmen, ein- und ausgegangen. Da war jede Nachforschung vergeblich, und an eine chemische Prüfung der Speisen war nicht zu denken; ich zweifele sehr, daß irgend Jemand in der ganzen Armee mit ihr sich zu befassen gewagt hätte.

Die herbei gerufenen Ärzte erklärten alsbald den General in größter Gefahr, wiewohl sie über die Art der Krankheit schwiegen. Hie und da ward wohl von Typhus gesprochen, von dem aber weder vorher noch später irgend ein Fall sich zeigte, so daß die Idee, daß er gerade allein den General ergriffen habe, ganz ungereimt und der Natur dieser Seuche direkt widersprechend ist. -- Die rasch angewandten Mittel linderten für den Augenblick die Leiden Cabrera’s; bald ergriff ihn jedoch eine Starrheit, eine Schwäche des Geistes wie des Körpers, die seiner früheren Kraft und Energie so sehr entgegengesetzt war, und von der er nie ganz genesen sollte.

Da der Kranke nicht transportirt werden durfte und ihm höchste Ruhe verordnet ward, eilte ich am folgenden Tage nach Morella, dort die mir obliegenden Geschäfte zu übernehmen. Die Stadt schien von zerschmetterndem Unglück befallen. Auf den Straßen standen kleine Gruppen mit niedergeschlagenen Mienen und alle über den einzigen Gegenstand redend, über das Schreckliche, was jeden Augenblick erwartet werden mußte; müssige Haufen sammelten sich an dem Thore, begierig auf den Weg hinaufschauend, ob Jemand Kunde bringe von dort, wohin Aller Gedanken sich richteten. „Was weiß man von Don Ramon?“ war die erste Frage eines Jeden, und die immer düsterer tönenden Nachrichten lockte eine Thräne in manches kräftigen Mannes Auge.

Die Schwestern Cabrera’s eilten nach Hervés, den Bruder zu pflegen, der, täglich schwächer und schon besinnungslos, täglich weniger Hoffnung auf Besserung gewährte. Da brachte das neue Jahr die Trauerbotschaft von seinem Tode! -- Verzweiflung ergriff die Bewohner Morella’s, wie die Krieger, welche so oft seine Lorbeeren getheilt hatten. „Wir sind verloren,“ riefen die Jammernden, „er allein hielt uns aufrecht, ohne ihn wird Zwietracht und Eifersucht wehrlos dem Feinde uns in die Hände liefern!“ Himmelstrost brachte der Bote, welcher bald verkündete, daß Scheintod den Kranken gefesselt habe, der schon wieder zu sich gekommen sei. Nur die Erinnerung an die immer noch gleich drohende Gefahr konnte den Ausdruck des unendlichen Jubels in die Brust zurückdrängen.

Der General befand sich indessen regungslos an sein Bett gekettet in einem offenen Flecken, der nicht drei Stunden von den Stellungen der feindlichen Armee entfernt war, und zu seiner Deckung hatte er eine schwache Compagnie, die Miñones, bei sich. Kein Bataillon wurde zwischen Hervés und die von den Christinos besetzten Dörfer geschoben, und laut ward Llagostera, der interimistisch commandirte, beschuldigt, daß er die Gefangennehmung seines Feldherrn nicht ungern gesehen hätte. Espartero aber rührte sich nicht. Er that nicht den geringsten Schritt, um Cabrera’s sich zu bemächtigen, der doch als das einzige Hinderniß seines Sieges mußte angesehen werden, und von dem er, wie die Madrider Blätter spotteten,[115] nur durch eine Wand geschieden war, ohne daß er Muth gehabt hätte, in die Höhle des sterbenden Löwen zu treten.

Ach, er war seiner Beute nur zu gewiß! Espartero hatte das Mittel gefunden, welches, die Kraft seines Gegners auf immer brechend, den leichten Sieg ihm in die Hände spielen sollte, und passend vermehrte er mit so schmählich, so entehrend gewonnenem Lorbeer den Kranz, den er bei Bergara sich zu erkaufen gewußt. Aber er wollte seinem edlen Feinde selbst nicht den Ruhm lassen, zu sterben für die Sache, welche er glorreich vertheidigt hatte; er wußte wohl, daß, so lange Cabrera lebte, die Besiegung des Helden ihm den Ruhm geben würde, den seine Thaten in den baskischen Provinzen ihm nicht erringen konnten. Daher zog er vor, den Gefürchteten geistig zu schwächen und so sich unschädlich zu machen.

Am 10. Januar wurde der General auf einem Tragebette nach Morella gebracht, und am 31. konnte er zum ersten Male zu Pferde sich zeigen, mit Enthusiasmus vom Volke begrüßt. Das zur Feier seiner Genesung gehaltene ~Te Deum~ zog eine so große Zahl dankbarer Zuhörer an, daß die prachtvolle Cathedrale, ein altes gothisches Gebäude, sie alle nicht zu fassen vermochte; auch der weite Platz vor ihr war ganz mit Menschen bedeckt. Vivas und allgemeiner Jubel begrüßten den verehrten Feldherrn, wo er erschien, und am Nachmittage erfreuten gefahrlose Rindergefechte -- wegen des Mangels an geübten Kämpfern waren nicht ganz ausgewachsene Rinder gewählt -- die gaffende und jauchzende Menge.

Doch erregte die Mattigkeit des sonst so feurigen Auges und das geisterhaft bleiche Antlitz Besorgnisse, die nur zu bald verwirklicht wurden. Kaum war Cabrera nach dem Ebro-Thale abgereiset, dessen lieblich mildes Klima die gänzliche Wiederherstellung beschleunigen sollte, als er einen Rückfall hatte, der abermals den Pforten des Grabes ihn nahe brachte. Er wollte indessen dieses Mal die wichtigsten Geschäfte selbst versehen und ließ sich fortwährend über Alles Bericht abstatten, bis er gegen das Ende des Aprils 1840 dem Anschein nach wieder an die Spitze der Armee sich stellte.

Dem Anschein nach! -- Er war nicht mehr der frühere Cabrera, der Held, welcher schaffend und kämpfend und siegend den Titel des Grafen von Morella so ruhmreich sich erworben hatte. Sein Körper war zerrüttet, sein Geist geschwächt, die Alles überwältigende Energie in Lauheit hingeschwunden: ohne Kampf sah er die feindlichen Heere in die Schluchten und Defilées des Hochgebirges sich vertiefen, durch Verrath oder durch die gewaltige Übermacht ihres Materials ein Fort nach dem andern erobern und endlich Morella belagern, Morella, den Kern seiner Macht, den Schauplatz herrlicher Thaten und Siege. Er opferte die starke und erprobte Garnison im vergeblichen Widerstande, ohne einen Schritt zu ihrer Rettung zu versuchen.

Und dann überschritt er den Ebro, um wenige Wochen später vor dem nachdrängenden Espartero ein Asyl in Frankreich zu suchen, während noch viele Tausende braver Krieger seinem Commando gehorchten, ja da einige catalonische Anführer noch länger den ungleichen Kampf fortsetzten!

Nie hätte der wahre Cabrera so den glorreichen Krieg geendigt; er hätte nie in halben Maßregeln das Blut seiner Streitgenossen unnütz vergeudet, nie ohne Schwerdtschlag vor dem übermüthigen Feinde weichend die Vertheidigung der heiligen Sache aufgegeben, für die er so oft freudig sein Blut vergossen, sein Leben eingesetzt hatte. Cabrera würde gewußt haben zu sterben mit den Waffen in der Hand, da das Geschick die Möglichkeit des Sieges ihm versagte. Espartero mußte zum bloßen Schatten seines eigenen früheren Ich ihn machen, damit er so seiner selbst unwürdig handeln konnte.

Es ist nothwendig, bei der Beurtheilung der Thaten des Grafen von Morella von diesem Gesichtspunkte auszugehen. Dann wird es leicht, den himmelweiten Abstand dessen, was er nach dem unheilsvollen 16. December unternahm, von den mit eben so viel Talent entworfenen, wie mit Energie und Geist ausgeführten Plänen der ganzen sechs Krieges- und Siegesjahre vor jener Epoche sich zu erklären. Auch der strengsten Kritik gegenüber steht Cabrera während dieser langen Zeit als Royalist, als Anführer und als Soldat gleich groß da; es wäre ungerecht, die letzten Monate, während deren er in Spanien vegetirte, zur Grundlage des Urtheiles über ihn zu wählen.

[114] Die spanischen Royalisten bedienen sich des Ausdruckes ~franmason~ zur Bezeichnung eines wild revolutionairen Menschen, da die dortigen Freimaurerlogen stets als Anzettler und Leiter der anarchischen Complotte erschienen.

[115] Auf der Charte mußte ihnen übrigens die Distance weit kleiner scheinen, als sie durch das wilde Gebirgsterrain es ist, welches denn auch viele Schwierigkeiten schuf, die natürlich von Madrid aus übersehen wurden.

XXXV.

Eintönig und langsam, wiewohl in ununterbrochener Thätigkeit, vergingen mir die ersten drei Monate des neuen Jahres: eintönig, da die Leitung der Arbeiten und die fortwährenden Reisen von Morella nach Villarluengo und Cantavieja -- während der letzten sechs Wochen unter stetem Schneegestöber -- gar wenig Abwechselung darboten; langsam, denn ich sehnte mit der ganzen Gluth der Seele den Augenblick herbei, in dem Espartero seine Batterien gegen uns errichten würde. Unsere Vernichtung war, besonders bei dem Zustande des Generals, nur zu hoffnungslos gewiß; daher wünschte ich, daß die Stunde der Entscheidung, was sie auch bringen möge, rasch da sei.

Dabei war die Lebensweise in Morella keinesweges angenehm zu nennen. Die Rationen waren sehr spärlich, und andere Lebensmittel selten zu erhalten; noch schlimmer aber war, daß ich gar keinen Anspruch auf Gehalt hatte, da die Intendantur das ganz zwecklose System eingeführt hatte, von den im Rückstande befindlichen Monaten immer den am längsten verflossenen nach den in ihm eingereichten Listen der Corps auszuzahlen, so daß z. B. im Januar 1840 der Sold des Monats April 1839 bezahlt wurde. Dadurch blieben sehr viele Officiere und Soldaten, welche zu jener Zeit noch nicht im Dienste, oder wie ich gefangen gewesen waren, und selbst die, welche damals einer andern Armee angehörten, ganz ohne Gehalt auf die Rationen beschränkt, bis vielleicht nach Jahren die Zeit, in der sie dienten, zur Auszahlung kommen würde. Dagegen erhielten die Corps den Gehalt aller während jener neun Monate Getödteten und Desertirten, weil deren Namen auf der Liste sich befanden, was denn die meisten Commandeure, da Niemand Ansprüche darauf machte, zur eigenen Bereicherung oder, wenn uneigennützig -- und das fand sich nicht häufig --, etwa zur Ausschmückung des Corps benutzten. Seit dem Ende des Märzes ward diesem Übelstande abgeholfen, da befohlen wurde, nun stets den laufenden Monat auszuzahlen.

Für viele Officiere, selbst höherer Classen, wenn sie nicht auf irgend eine unrechtmäßige Art Hülfsquellen sich verschaffen wollten, hatte indessen jener Fehler der Administration die Folge, daß sie lediglich die ihnen zukommenden Rationen für ihren Unterhalt hatten, so daß ich buchstäblich Monate lang, wenn nicht zu Gast gebeten, nur mit Öl und Weinessig abgekochte trockene Vicebohnen und schwarzes halb Hafer- halb Roggenbrod genoß, woraus der Bursche für Morgen, Mittag und Abend mit möglichster Variation das Mahl bereiten mußte. Damals verlor ich nie viel Zeit bei Tische.

An Geselligkeit war auch nicht viel zu denken. Die Schwestern des Generals, in deren Hause sonst täglich Tertulia war, folgten ihrem Bruder nach Mora, und die übrigen Familien verließen nach und nach die Festung, um theils nach den christinoschen Provinzen, theils, wenn sehr compromittirt, nach kleinen Dörfern im Gebirge abzureisen: sie erkannten sehr wohl, daß Morella bald nicht mehr passender Aufenthalt für Damen sein werde. So waren wir ganz auf die Gesellschaft unserer Cameraden beschränkt, unter denen besonders im Sappeurs-Corps mehrere sehr gebildete Officiere sich fanden, mit denen ich, rings um das flackernde Feuer des Küchenheerdes oder, wenn viel Luxus, um den mit glühenden Kohlen gefüllten Bracero gruppirt, manchen Abend verplauderte. Meine schriftlichen Arbeiten dagegen und selbst das Zeichnen der Pläne u. s. w. mußte ich bei der grimmigen Kälte des Februars und Märzes in ungeheizter, mit Papierfenstern versehener Stube verrichten, alle zehn Minuten trotz der wärmenden Zamarra und des Mantels und wollener Decken aufspringend, um durch Laufen und Hauchen die erstarrten Glieder geschmeidig zu machen.

Vor allem waren mir da die Tage erfreulich, die ich in Gesellschaft eines Freundes, des Genie-Capitains -- er fiel als Oberstlieutenant bei der letzten Belagerung von Morella -- Don José Maria Verdeja Arguelles y Mier zubringen durfte. Er zeichnete sich eben so sehr durch die feinste Bildung aus, die er seiner Erziehung in dem Collegium der Jesuiten zu Madrid verdankte, wie durch lebhaften Geist, hohe Kenntnisse in seinem Fache und großen persönlichen Muth. Cabrera schätzte ihn sehr, Herr von Rahden liebte ihn wahrhaft und pflegte ihn nur seinen Sohn zu nennen, und der von demselben bei seiner Abreise ausgesprochene Wunsch, daß wir wie Brüder zusammen leben möchten, war durch die herzlichste, auf Achtung gegründete Cameradschaft ganz erfüllt.

Verdeja war nebst dem Fort von Cullá mit der regelmäßigen Befestigung einer großen Höhle bei Ares del Mestre beauftragt, die, unter einem Felsberge hinlaufend und mit zwei Ausgängen versehen, dabei als Fort durch seine Lage von strategischer Wichtigkeit, von Cabrera zum Stützpunkte seiner Operationen für den kommenden Feldzug ausersehen war. Wie so Vieles, war auch diese Arbeit vergeblich, seit der General am 16. December auf immer erkrankte! -- Von dort nun kam Verdeja, wenn ich in Morella mich befand, herüber, um von unserm Chef, dem Obersten Alzaga, Instructionen zu empfangen und, die Hauptsache, über den Mangel an allem zu kräftiger Beförderung der Arbeiten Nothwendigen bitter zu hadern, wobei ich durch stets wiederholte, stets gleich vergebliche Forderungen ihn unterstützte.

Alzaga, Baske von Geburt, stand als Civil-Ingenieur, beauftragt mit den königlichen Lustschlössern um Madrid, unter Ferdinand VII. in hohem Ansehen und sehr einträglichen Ämtern, die er, seine Loyalität beurkundend, opferte, um mit höchster Gefahr nach Vizcaya zu entfliehen und dem Heere Zumalacarregui’s sich anzuschließen. Er war stolz und ehrgeizig und hatte daher, wie er selbst gestand, gegen Herrn von Rahden die höchste Eifersucht gehegt und sich mit Widerstreben dem Fremden untergeordnet. Außerordentlich pedantisch und ängstlich, immer zögernd und aufschiebend, hob er gern seine Wichtigkeit hervor, wollte Alles selbst leiten und ordnen, tadelte stets, was Andere gethan, und war unendlich eifersüchtig auf seine Autorität. Dabei, wohl im Gefühl seiner Schwäche, hatte er eine wahrhaft lächerliche Furcht vor Cabrera, die denn wieder seine Ängstlichkeit in allen verantwortlichen Geschäften auf den höchsten Grad trieb. Überhaupt war er leicht durch festes Auftreten eingeschüchtert und zum Nachgeben gebracht, wenn sein Stolz nicht verletzt wurde.

Mit diesem Manne nun mußten wir über eine jede Sache verhandeln und ihn um Rath fragen; von ihm hatten wir die unaufhörlichen Bedürfnisse an Menschen, Thieren, Instrumenten und Materialien zu fordern, und vor Allem sollten wir von ihm Hülfe erwarten in dem steten Kampfe gegen Gouverneure, Commandanten und Kriegscommissaire, die, wo eine Gelegenheit sich bot, störend in unsere Befugnisse eingriffen. Er aber zögerte immer und verschob, und das Resultat war, daß alle Arbeiten ungeheuer zurückblieben. Es fehlte fortwährend an dem Nöthigsten, die Gouverneure wollten mit leiten, hauptsächlich selbst die Requisite herbeischaffen, wobei denn zwei Drittel in ihren Taschen kleben blieben, und unser Chef, anstatt uns zu unterstützen, wußte stets neue Schwierigkeiten uns aufzuthürmen.

Wie seufzten wir da über die Abwesenheit unseres energischen Brigadiers! Wie knirschten wir oft mit Ingrimm, da Woche auf Woche verfloß und Monat auf Monat, da der unheilschwangere Frühling immer näher rückte, während wir stets gleich langsam in unseren Vorbereitungen vorwärts kamen!

Wenn wir ihm dann freilich von vierzehn zu vierzehn Tagen den Bericht über das Geschehene und nicht Geschehene vorlegten, da verzagte der Oberst und klagte, den General von Rahden zurückwünschend, sein Mißgeschick an, das in so schwierige Stellung ihn gesetzt hatte. Er versprach, morgen mit verdoppelter Kraft zu beginnen -- „wenn ich nur wüßte, wie es machen!“ und er seufzte wohl kleinlaut: „Meine Herren, der General läßt mich erschießen; um Gottes willen, rathen Sie mir, Sie haben ja sonst immer solche Riesenpläne im Kopfe.“ Schlugen wir dann aber vor, daß er sofort einige tausend Arbeiter und Maulthiere vom Lande requiriren, alle Maurer und Zimmerleute aus unserm ganzen Gebiete durch Detachements zusammenholen und von jedem Hause einen Sack und ein Handwerksgeräth eintreiben, dabei selbst zum noch immer kranken General eilen, ihm den Zustand der Dinge und die Nothwendigkeit der entschieden strengsten Maßregeln vorstellen möge; so wußte er tausend verschiedene Schwierigkeiten anzuführen: den Befehl des Generals gegen jede Plackerei der Landleute, das die Arbeiten erschwerende Wetter, den Zorn Cabrera’s, weil nicht früher daran gedacht war, und den bösen Willen der Gouverneure. Er beschloß, etwas Anderes zu ersinnen, und -- -- Nichts geschah. Alles blieb beim Alten!

Und doch war Alzaga außer Dienst ein biederer, braver, gefälliger und bis auf seine Wichtigkeitsmiene, die häufig Stoff zum Lachen gab, selbst liebenswürdiger Mann. Er paßte nicht für solche Stellung.

Endlich wurde ich zu meiner Freude aus jener peinlichen Lage befreit. Der Capitain Don Manuel Brusco leitete die Befestigungen im Turia und in Neu-Castilien, wo er, seit der Premieurlieutenant Aparicio vom Ingenieurs-Corps bei einem feindlichen Überfall in Beteta gefangen war, ganz allein mit seinen zwei Compagnien Sappeurs sich befand, deren Officiere er durch die ihm untergebenen Festungen vertheilen mußte. Seit Monaten schon forderte er dringend, daß man von seinem schweren Posten ihn ablöse oder doch einen andern Capitain dahin sende, der die Last mit ihm theile; ebenso verlangte er mehrere Subaltern-Officiere. Der Oberst, unschlüssig wie immer und zugleich unwillig, irgend einen von uns zu detachiren, da wir in der That für die dringendsten Bedürfnisse des diesseitigen Gebietes nicht hinreichten, verschob die Erfüllung jenes Wunsches fortwährend und würde ihn ohne Zweifel nie gewährt haben.

Da sandte Brusco einen seiner Officiere direct an den General nach Mora de Ebro; er stellte ihm vor, daß er allein sechs Festungen -- Vejis, el Collado, Alpuente, Castielfavib, Cañete und Beteta --, die eine Linie von funfzig Stunden Weges bildeten und sämmtlich vom Feinde bedroht waren, unter seiner Obhut habe und daher seiner Pflicht an keinem Orte genügen könne. -- Am 19. März langte die Ordre Cabrera’s an, daß ich sofort mit zwei Officieren nach jener Linie abgehen solle, um dort in Gemeinschaft mit Brusco die Leitung zu übernehmen.

Es war mir dadurch die Hoffnung geraubt, bei der letzten Vertheidigung von Morella mitzukämpfen, und diese Aussicht hatte mich so vieles Schwere und Verdrießliche freudig ertragen gemacht. Aber dennoch war es mir so lieb wie schmeichelhaft, daß der General mich zu dem wichtigen und mit so vieler Verantwortlichkeit verknüpften Auftrage ausersehen hatte; denn die dorthin gesandten Ingenieure mußten als ganz selbstständig und unabhängig angesehen werden, da ihre Verbindung mit dem Chef in Morella nur höchst unterbrochen und mitten durch feindliches Land bewerkstelligt wurde. Auch wußte ich wohl, daß unsere Stellung daselbst bei weit größerer Gefahr natürlich in jeder Hinsicht sehr angenehm war, und Brusco kannte ich durch des Herrn von Rahden und Verdeja’s Schilderungen als trefflichen Mann und treuen Cameraden, mit dem ich gern mich vereinigen konnte. Und der Soldat liebt Abwechselung und Veränderung.

* * * * *

So wie Espartero im November auf Calanda sich zurückgezogen, begann er die ungeheuern Rüstungen, durch die er im Frühjahre jeden Widerstand zu erdrücken dachte. Die Ingenieurs- und Artillerie-Parks wurden vervollständigt, Belagerungsgeschütze und besonders Mörser wurden in großer Zahl in Alcañiz versammelt und mit achtzigtausend Schüssen versehen, die Truppen arbeiteten unaufhörlich an der Anfertigung von Faschinen, Schanzkörben und Sandsäcken, und selbst aus entlegenen Provinzen wurden Transportmittel zusammengeschleppt.

Zugleich, da er gesehen hatte, daß Furcht und Versprechungen gleich wenig die Standhaftigkeit der carlistischen Freiwilligen erschütterten, suchte er durch einen Act kalt berechneter Grausamkeit auf sie zu wirken, wie ihn bis dahin in solcher Ausdehnung selbst Spanien nicht gesehen hatte; und diese Grausamkeit traf Schuldlose! Er ertheilte Befehl, alle Individuen in Aragon, Valencia und Murcia, welche einen Sohn, einen Bruder, Vater oder Gatten in den Reihen der Royalisten zählten, unverzüglich aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben und nach dem nächsten carlistischen Gebiete zu führen. Bei Todesstrafe ward ihnen die Rückkehr untersagt, während ihr Vermögen confiscirt wurde. -- Zu Tausenden langten bald die unglücklichen Ausgestoßenen in Morella und den andern festen Punkten an, von Allem entblößt und ihr Geschick beklagend; dennoch forderten sie die Ihrigen zur Ausdauer auf und flößten ihnen nur noch wilderen Haß ein. Cabrera, indem er ihnen Rationen reichen ließ, befahl strenge Repressalien, wohin immer seine Truppen dringen möchten.

Espartero’s Absicht war, während des Winters unsere Armee in ihrem Hochgebirge zu blokiren und sie zu hindern, Hülfsmittel aus den fruchtbaren Niederungen zu ziehen. Er errichtete deshalb Linien, ließ viele kleine Orte befestigen und garnisoniren und gab selbst, wo das Volk irgend den Christinos geneigt sich zeigte, den Landleuten Waffen in die Hand, damit sie gegen unsere Streifcorps sich schützen könnten. Dennoch drangen diese mitten durch sie und selbst in den Rücken jener Linien ein und beuteten die Provinzen aus. Doch rettete die Krankheit des Generals den Feind vor größeren Verlusten, da die Unterfeldherren mehr mit Intriguen wegen der Folgen von Cabrera’s sicher erwartetem Tode, als mit der Bekämpfung der Christinos sich beschäftigten und ihre Truppen während des Winters fast ganz unthätig ließen.

O’Donnell aber, um die Verbindung Arévalo’s im Turia mit der Hauptarmee ganz abzuschneiden, hatte alle Ortschaften längs der Chaussee von Teruel nach Segorbe befestigt, so daß es unumgänglich wurde, zwischen zwei dieser, höchstens drei bis vier Stunden von einander entfernten, Forts zu passiren, zwischen denen stets starke Cavallerie-Patrouillen die Straße auf- und abtrabten. Er nahm darauf das drei Stunden jenseit derselben liegende leicht befestigte Manzanera.

Dann wurde General Aspiroz beordert, Chulilla anzugreifen, welches im Thale des Guadalaviar -- Rio Blanco -- den Übergang über denselben beherrschte, das südliche Valencia den Streifzügen der Carlisten öffnete und dagegen den Feinden el Turia nach Südosten hin schloß. Das Fort, auf einem isolirten Felsen angelegt, dessen Fuß im Süden der Fluß bespült, enthielt nur Infanterie, etwa 200 Mann. Aspiroz stellte sechszehn Geschütze gegen dasselbe auf, mit denen er bald die künstlichen Vertheidigungswerke zermalmte, und die er so nahe placirte, daß drei Scharfschützen, hinter einem Felsen liegend, eine Batterie von vier Geschützen in einem Tage zweimal zum Schweigen brachten. Dreizehn Tage hielt die brave Garnison das Feuer dieser Geschützmasse aus, der sie nur ihre Gewehre entgegensetzen konnte; viermal versuchte der Feind mit hohem Muthe die Erstürmung durch Escalade, und viermal wurde er, schon auf dem Felsen angekommen, mit den Leitern in die Tiefe zurückgeschleudert.