Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 45
Aber um so Großes zu erlangen, mußte er jede Minute benutzen; das geringste Zögern gab die Staunenden mehr und mehr sich selbst wieder und schwächte ihn, während es den Gegnern neue Kraft und neues Vertrauen verlieh. Und bedachte der geübte Rechner denn gar nicht, daß wenn das Entwickeln seiner ungeheuern Übermacht und das kühne Vorwärtsdringen moralisch hohen Einfluß üben mußte, daß dann seine unerklärbare, wochenlange Unthätigkeit und gar der endliche Rückzug allen jenen Demonstrationen das Siegel des Lächerlichen aufdrücken, daß es ihn und seine Massen -- und was kann Schlimmeres dem begegnen, der moralisch zu wirken sucht? -- zum Gegenstande des Spottes und der Verachtung machen mußte?
Wahrscheinlich waren es ganz andere Motive, durch die Espartero zu solch einem ~faux pas~ bewogen wurde, Motive, die mit dem alten System zusammenhängen, in das allein er, wohl sich kennend, für seine Eroberungen Vertrauen setzte. Von seinem Cabañero prächtig unterstützt, zweifelte er nicht, daß er Männer finden werde, die gern, um das in rühmlichem Kampfe Erworbene zu sichern und zu mehren, ihr Gewissen, ihren König und ihre Cameraden verkaufen würden. Der gegen Cantavieja gemachte Versuch, die neuen Verräthereien, welche mehreren Officieren das Leben, andern und sehr angesehenen, unter ihnen dem Oberst Echavaste, Amt und Freiheit kosteten, und die von allen Seiten an Cabrera eingegangenen und durch Documente bestätigten Anzeigen von versuchter Bestechung[113] zeigen zur Genüge, wie Espartero arbeitete, wie er kein Mittel scheute, um das ersehnte Ziel zu erreichen.
Und da freilich war das Eindringen in die Gebirge und das Verweilen in ihrem Innern von unschätzbarem Vortheil; Espartero konnte so mit Leichtigkeit jede sich etwa darbietende Gelegenheit benutzen, und er ermuthigte diejenigen, welche geneigt sein mochten, auf seine Ideen einzugehen. Doch noch sollte er unverrichteter Sache abziehen, da er Männer fand, die mit Verachtung seine klangreichen Überredungsmittel zurückzuweisen wußten. Wahrlich, ich wäre irre geworden an der menschlichen Natur -- das letzte Jahr hatte so Entsetzliches gebracht! -- wenn ich da nicht erkannt hätte, daß unter den Carlisten Viele, die weit überwiegende Mehrzahl selbst, den eigenen Werth zu würdigen wußten. Wenn auch besiegt, durften sie mit Stolz und Verachtung auf den Sieger hinabsehen, gewiß, daß er die Ehre ihnen nicht zu nehmen vermochte.
* * * * *
Vom 31. October bis zum 18. November standen die beiden Generale der Christinos unbeweglich in ihren Dörfern -- die Besetzung der Cañada durch O’Donnell am 7. November blieb ohne weitere Folgen --; sie hatten alle Ausgänge derselben verbarrikadirt, und den Soldaten war auf das strengste untersagt, einen Schritt außerhalb der Orte zu thun, so daß sie, da bald doch nur wenige Nüsse und Eicheln als Ration ausgetheilt wurden, selbst die rings um die Dörfer eingegrabenen Kartoffeln nicht mehr holen durften, nachdem Cabrera, der zufällig zu einer Recognoscirung sich genähert, 250 Mann weggefangen hatte, welche zu jenem Zwecke von Bordon ausgesandt waren. Die Garde, am weitesten vorgeschoben, hatte natürlich den schwierigsten Stand.
Die carlistischen Führer waren indessen nicht unthätig. Zwar suchte Cabrera umsonst die feindlichen Massen in ihren Quartieren zu bestürmen; sein Angriff auf O’Donnell mißlang, und eben so wenig vermochte er Espartero’s Truppen in’s Feld oder, indem er ihnen die wichtige Straße nach dem Orcajo ganz frei ließ, zu weiterem Vordringen in das Gebirge zu locken. Er mußte sich begnügen, mit seinen Miñones bis an die Dörfer selbst vorzugehen, so daß die Freiwilligen in die Straßen und Häuser hineinschossen, wodurch der Feind viele Mannschaft verlor.
Dafür waren aber unsere Streifparthieen im Rücken der Colonnen Espartero’s ihnen desto verderblicher. Llagostera operirte nach der Vernichtung des Fremden-Bataillons auf der Communications-Linie der Christinos, unterbrach fortwährend die Verbindung, hob die Convoys auf oder verzögerte ihre Ankunft und bedrohete unaufhörlich die kleinen Garnisons, von denen er mehrere gefangen fortführte, während der verwegene Barea vergeblich seine Unternehmungen zu hemmen strebte. Er sandte 1100 Gefangene und 337 Maulthierladungen von Lebensmitteln nach Cantavieja und Morella.
Oberst Bosque, wie gesagt, blokirte stets Calanda. Da nun Martin Barea neunzehn gefangene Carlisten erschossen hatte, führte auch Bosque von den Gefangenen, die er bei seinem zweiten Eindringen in jenen Ort machte, einen Adjudanten Espartero’s und achtzehn Soldaten an den Fuß der Mauern zurück und füsilirte sie dort. Nachdem sie die Nacht in höchstem Alarm zugebracht, fand die Garnison am Morgen die Leichname und in der Hand des Adjudanten ein Schreiben, durch welches dieser Act als nothwendige Repressalie für die Ermordung jener Freiwilligen angekündigt wurde.
Die Besatzung von Alcalá la Selva, unterstützt von dem 4. Bataillon von Aragon, fing einen Convoy auf, der von Teruel dem ausgehungerten O’Donnell zugesandt wurde, und nahm drei ihn escortirende Compagnien gefangen.
Espartero’s Lage wurde täglich mißlicher: alle seine Anschläge waren gescheitert, und jede Stunde machte die Stellung, in die er sich gezwängt hatte, weniger erträglich. Bald fehlte es ganz an Lebensmitteln, und nachdem das Holz, welches in den Dörfern sich fand, dann auch die Meubles, die Thüren und Fenster aufgebrannt waren, machte sich der Mangel an Feuerung gleich fühlbar. Umsonst erwartete der bedrängte Siegesherzog das schlechte Wetter, welches sonst in diesen Gebirgen nie ausbleibt, umsonst hoffte er, daß Schnee und Sturm ihm einen Vorwand geben würden, der den Rückzug und die Nichterfüllung seiner pomphaften Verheißungen auf Rechnung der Jahreszeit zu setzen erlaubte. Der Himmel schien sich mit den Carlisten zu verschwören, um seine Verlegenheit zu vergrößern, da, wiewohl es ziemlich kalt war, die Luft fortwährend rein blieb und kein Wölkchen am Horizonte sichtbar wurde. -- Erst mit dem Anfange des Februars 1840 schien der Winter zu beginnen.
So ward denn Espartero endlich gezwungen, der Demüthigung sich zu unterziehen und die drohende Stellung aufzugeben, welche er seit drei Wochen im Herzen des Gebietes der verachteten Rebellen, wenige Stunden von ihren Hauptfestungen entfernt, behauptet hatte. Anstatt der erwarteten Eroberung von Morella lasen die erstaunten Madrider die Nachricht von dem Rückzuge ihres lorbeerbekränzten Helden. In der Nacht vom 18. zum 19. November verließen die Garden ihre Stellungen, um sich auf las Parras zurückzuziehen, wohin sie von den Compagnieen, welche zu ihrer Beobachtung bestimmt waren, begleitet und so kräftig gedrängt wurden, daß sie im Dunkel der Nacht in gänzliche Unordnung geriethen und ihren Schrecken selbst den bereits zu ihrem Empfange ausgerückten Divisionen mittheilten. Am folgenden Tage zog sich Espartero nach Calanda, O’Donnell von Fortanete auf Camarillas zurück, nachdem sie 4000 Mann geopfert hatten, um Spott und schimpflichen Rückzug damit zu erkaufen.
Rühmlich hatte die kleine Schaar, welche weder durch Versprechungen noch durch Furcht vor der sechsfachen Übermacht in ihrer Treue sich wankend machen ließ, den Feldzug des verhängnißvollen Jahres 1839 geschlossen. Mit Festigkeit sah sie den Schrecken entgegen, die der Frühling über sie häufen mußte. Espartero aber sann ergrimmt auf neue Mittel, durch die er leichten Triumph sich sichern, den gefürchteten Helden, der hindernd seinen Plänen in den Weg trat, unschädlich machen könne; er wußte, daß Cabrera’s Geist Alles belebte und aufrecht hielt, daß ohne ihn, auf den Alle mit Liebe und Vertrauen blickten, der Alles geschaffen hatte, das Werk in sich zerfallen würde. -- Seine Wahl war rasch getroffen.
Die letzten Tage des Monats vergingen ohne bedeutende Operationen. Nur Llagostera zeichnete sich wiederum aus, da er in der Nacht vom 25. zum 26. November das vom Feinde befestigte und als Depot benutzte Estercuel angriff, sich dadurch in die Mitte der feindlichen Linie und zwischen die Truppen schiebend, welche rings umher cantonnirten. Er öffnete in der folgenden Nacht durch eine Mine Bresche und nahm die Stadt mit Sturm, worauf er den größten Theil der Magazine fortführte, das Übrige zerstörte und eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des heranrückenden christinoschen Corps den Ort verlassen hatte.
Diese letzten Monate des Jahres 1839 bilden die Glanzperiode Llagostera’s, da die ungewohnte Thätigkeit, welche er unter den doppelt schwierigen Umständen entwickelte, und die dadurch errungenen Erfolge den sehr gegen ihn eingenommenen Geist der Armee auf einige Zeit mit ihm aussöhnten. Doch wußte er durch sein späteres Handeln die neu erregten Hoffnungen nicht zu befriedigen und verlor deshalb im April 1840 sein Commando.
[111] Sie waren fast alle unbärtige, sechszehn- bis zwanzigjährige Jünglinge. Die Männer, welche in den ersten Jahren des Krieges sich erhoben, hatten größtentheils mit dem Leben ihre Treue besiegelt oder befanden sich längst in dem Invaliden-Corps.
[112] General Baron von Rahden hat seinem Werke über Cabrera eine Charte des Kriegsschauplatzes im östlichen Spanien hinzugefügt, welche sehr genau und für das Verständniß der Züge und Operationen Cabrera’s seit dem Beginne des Krieges und der ihn bekämpfenden Heere zu empfehlen ist.
[113] Kein Chef vom Oberst aufwärts ist ohne glänzende Anerbietungen von Seiten Espartero’s geblieben.
XXXIV.
Während der Abwesenheit des Generals Baron von Rahden stand das Geniecorps unter der interimistischen Direction des Obersten Don José Alzaga, welcher, da während des Winters in allen Festungen thätig gearbeitet werden sollte und daher alle Officiere des Corps beschäftigt waren, die Leitung der Werke von Morella und dessen Castell gleichfalls über sich nahm. Diese befanden sich zur Zeit des Anrückens Espartero’s in eben dem Zustande, in dem Oráa im Jahre 1838 sie gelassen hatte; man war lediglich darauf bedacht gewesen, die Bresche zu schließen. Umsonst hatte Herr von Rahden seit seiner Ankunft darauf gedrungen, die Befestigung zu vervollständigen und die nahen, vom Feuer des Castells beherrschten Höhen mit wechselseitig sich vertheidigenden Werken zu krönen, hinter denen ein deckendes Corps wie in einem verschanzten Lager stehen könnte, während sie die Arbeiten des Feindes unendlich erschwert hätten, da sie ihn nöthigten, Zeit und Material für die gar nicht leichte Eroberung derselben zu verlieren und die Arbeiten auf weit größere Distance anzufangen, indem sie von seinem eigentlichsten Angriffspunkte, den schwachen Mauern der Stadt, lange und wirksam ihn fern hielten.
Wohl hatte der Graf von Morella die Wichtigkeit dieser Arbeiten erkannt und deshalb Herrn von Rahden aufgetragen, den Plan zu entwerfen; ja, der größte Theil derselben war längst abgesteckt und bezeichnet. Aber die Offensiv-Operationen nahmen während des ganzen Jahres die Aufmerksamkeit und noch mehr alle Mittel des Generals in Anspruch, so daß bei den fortwährend unternommenen Belagerungen das Geniecorps immer fern von Morella beschäftigt war. Auf die dringenden Mahnungen des Herrn von Rahden pflegte er dann mit derbem Fluche zu erwiedern, daß, so lange er lebe, die Christinos nie mehr wagen würden, Morella sich zu nähern. So hatte Jener kaum erlangen können, daß der Bau des regelmäßigen Hornwerkes angefangen wurde, durch das er des wichtigen Punktes der Hermite von San Pedro Martyr sich versichern wollte, der von einer weit die Umgegend beherrschenden Höhe die Festsetzung des Feindes und vor Allem die Errichtung der Batterien auf dem fast einzig dazu passenden Punkte, der Querola, unmöglich machte.
Als die Schreckenskunde von der Annäherung Espartero’s ertönte, war dieses Werk noch sehr zurück. Da eilte denn freilich Cabrera herbei, die rasche Vollendung zu betreiben, und da er den ursprünglichen, trefflichen Plan und das zu seiner Ausführung noch Mangelnde sah, befahl er mit dem Ausrufe: „Carajo, das sind ja wahre Römer-Arbeiten; die passen nicht hierher!“ das Hornwerk zu verkürzen. Die Folgen des peremtorischen Befehls waren traurig. Das Fort mußte, da es außer dem wirksamen Bereiche des Geschützes der Festung lag, als detachirtes und unabhängiges Werk ganz auf die eigene Vertheidigung beschränkt sein; es ward nun aber möglich, da, wo die Abschneidung Statt finden mußte, bis auf hundert und funfzig Schritt sich ihm gedeckt zu nähern, und gerade dieser bedrohete Punkt verlor fast seine ganze Flankenvertheidigung. Dort griffen denn später die Feinde das Werk auch an und nahmen es nach dreitägiger Beschießung.
Herr von Rahden hatte im Augenblicke der Gefahr die Verschanzung rasch -- zum Theil mit Pallisaden -- geschlossen, um sie gegen einen Handstreich sicher zu stellen. Oberst Alzaga befahl sofort, das so eben Errichtete wieder niederzureißen und es ganz kunstgemäß und permanent von neuem zu erbauen -- er fand nie gut, was nicht von ihm selbst herrührte. -- Zugleich sollte dort eine bombenfeste Caserne angelegt werden.
Die Leitung dieser Arbeiten auf San Pedro Martyr ward mir übertragen, so wie ich die kürzlich begonnene Befestigung von Villarluengo vollenden und abwechselnd mit dem Capitain Verdeja Cantavieja inspiciren sollte. Diesem wurden die Forts Ares del Mestre und Cullá südlich und dem Capitain Jimenez Castillote und Peñaroya nördlich von Morella zugetheilt, während der vierte Capitain Don Manuel Brusco in den Festungen jenseit der Heerstraße von Teruel nach Segorbe befehligte. Die Subalternofficiere und Werkmeister, so wie die Compagnien des Sappeurs-Bataillons waren dem Bedürfnisse gemäß unter uns vertheilt.
Im ersten Augenblicke fühlte ich mich etwas unsicher in meinem neuen Wirkungskreise. Wenn ich auch in früheren Verhältnissen viel mit der Theorie der Befestigungskunst mich beschäftigt und in Spanien mehrfach Gelegenheit gehabt hatte, mich in ihr praktisch auszubilden, konnte ich doch unmöglich meine Kenntnisse für hoch genug anschlagen, um mit Ruhe so verantwortungsschweren Aufträgen mich zu unterziehen. Dazu fehlten wissenschaftliche Bücher ganz, so wie Instrumente so selten waren, daß ich selbst einen Zirkel von Holz mir anfertigen mußte. Indessen der Würfel war einmal geworfen, und ich konnte nur streben, durch Thätigkeit das etwa Mangelnde zu ersetzen. Thätigkeit aber war im erschöpfendsten Maße nothwendig, da ich wöchentlich zwei Mal von Morella nach Villarluengo und zurück und alle vierzehn Tage nach Cantavieja zum immer gleich unnützen Strauße mit dem Obersten Cartagena reisen mußte und überall der Arbeit im Übermaß fand. -- Doch sollte ich noch einige Wochen unverhoffter Weise frei bleiben.
* * * * *
Wenige Tage nach des Herrn von Rahden Abreise ward ich zum General gerufen und bekam die Ordre, auf den Nachmittag marschfertig zu sein, da ich ihn begleiten würde; er entließ mich erst nach mehreren Fragen und Bemerkungen über den Fortgang der Befestigung von San Pedro Martyr. Ich war um so mehr durch die auf mich gefallene Wahl überrascht, da der Liebling Cabrera’s, Capitain Verdeja, gerade in Morella sich befand; ohne Zweifel wollte er selbst mich prüfen, und ich war froh, daß es geschah. Rasch war ein Bagage-Maulthier besorgt und mit dem Mantelsäckchen beladen, und am Mittage des 3. Decembers ritten wir den treppenförmig construirten Weg hinab, der von dem Felsberge Morella’s in das Thal führt, worauf wir gen Norden uns wandten.
Cabrera wollte persönlich die Werke von Mora de Ebro inspiciren, welche Stadt von höchster Wichtigkeit war, da sie nicht nur die Verbindung mit dem Heere von Catalonien, sondern auch die Herrschaft über das ganze reiche Thal des untern Ebro sicherte. Eben deshalb war auch das etwas höher liegende Flix gegen den ersten Anlauf gedeckt und Miravet, einige Stunden südlich von Mora, ein altes maurisches Castell, mit großem Kostenaufwande in ein sehr starkes Fort umgewandelt. Jetzt ordnete Cabrera auch die Befestigung von Peñaroya an, wodurch er den doppelten Zweck erlangen wollte, die Communication Espartero’s mit dem Königreiche Valencia auf der geraden Linie durch das Hochgebirge zu verhindern und die eigene mit jenen Forts sicher zu stellen. Peñaroya ward übrigens im Frühjahre geräumt, da die Jahreszeit die so rasche Beendigung der Arbeiten nicht zugelassen hatte.
Auf dem Marsche war der General nur von einigen Ordonnanzen und etwa sechszig Miñones begleitet, die stets vor den scharf trabenden Pferden in eben so leichtem Laufe bergauf und bergab flogen. Nur selten, wo die Gebirgspfade es unumgänglich erheischten, durfte der Trab eingestellt werden, und ein einziges Mal, da wir mit Hand und Fuß uns anklammernd in eine tiefe Schlucht hinabkletterten, sah ich auch Cabrera absteigen; wie die Pferde lebend herunterkamen, kann ich noch nicht begreifen. Dabei verließ er oft die gewöhnlichen Wege, um Stunden lang fast unbetretenen Pfaden zu folgen, die er alle genau zu kennen schien: wir befanden uns auf dem Schauplatze seiner ersten Kriegesthaten, aus denen seine Gefährten mehrere blutige Anekdoten erzählten, die uns die wilde Unerschrockenheit, die Ausdauer und den Scharfsinn des feurigen jungen Studenten bewundern ließen.
Über Hervés, Monroyo, Valderobles und das reiche, nun halb zerstörte Gandesa in wunderlichen Hin- und Herzügen -- denn Cabrera wollte Alles selbst sehen und überall anordnen -- langten wir endlich auf dem Ufer des majestätischen Ebro an. Nur vom Gouverneur und von mir begleitet, eilte der General sofort zur Besichtigung der neu angelegten Werke von Mora. Da kamen denn sonderbare Dinge zum Vorschein, wie ich ihrer jedoch, so oft beim Mangel eines Ingenieurs die Gouverneure die Arbeiten leiteten, fast immer noch weit schlechtere antraf; der General selbst, wiewohl auch er in Betreff der Befestigungen den Ansichten des Guerrillero nicht ganz entsagt hatte, äußerte seine Unzufriedenheit. Das Ganze bestand aus einer Menge über einander gehäufter Mauern, die fast gar keine flankirende Vertheidigung gewährten und auf die eigenthümlichst bunteste Art crenelirt waren -- und deshalb war das Land weit umher hart bedrückt!
So beklagte sich der Magistrat von Gandesa, daß von den Maulthieren der Stadt die eine Hälfte stets unterweges sei, um die andere von den Arbeiten in Mora abzulösen; nur vier blieben frei, und diese reichten lange nicht hin, um den Bagagedienst auf so besuchter Straße zu versehen. Der General befahl daher, daß die voluntarios realistas zu den Leistungen für die Armee, von denen sie bis dahin befreit waren, zugezogen würden, um dadurch das Land zu erleichtern.
Dieser Theil des carlistischen Gebietes, unendlich reich durch seine Fruchtbarkeit, zeichnete sich ganz besonders durch die entschieden royalistische Gesinnung der Einwohner aus, welche zwischen drei und viertausend Männern, außer der Division vom Ebro, die Waffen in die Hände gegeben hatte, um im Falle eines Angriffes die vaterländische Provinz zu vertheidigen. Begünstigt durch die Schroffheit der niedrigen Gebirgszüge, welche von dem Hochgebirge nach dem Ebro hin sich absenken, trugen sie im Frühjahre Viel dazu bei, dem Feinde die Eroberung des Ebro-Thales zu erschweren und unserer Armee die Passage des Flusses frei zu erhalten.
Auf Befehl des Generals hatte ich den Plan zur weiteren Befestigung von Mora entworfen und, während er einen Ausflug nach Miravet machte, den Gouverneur, einen alten Kampfgenossen Cabrera’s und deshalb stets mit Schonung von ihm behandelt, in dem Nöthigsten instruirt und die Haupttheile der zu errichtenden Werke tracirt, auch vieles die Verwaltung Betreffende besser geordnet, da, soweit sie die Fortification betrifft, nach dem spanischen Reglement auch sie ganz unter der Controle der Ingenieure steht. Diese sind dadurch in eine sehr unabhängige Stellung versetzt, werden aber auch stets von Kriegscommissairen, Factoren, Gouverneuren und allen denen, die dabei die Hand im Spiele haben, auf das bitterste angefeindet, wenn sie nicht mit ihnen zum Unterschleif sich verbinden wollen.
Bei der Rückkehr des Generals hatte ich die Genugthuung, alle meine Maßregeln ganz von ihm gebilligt zu sehen, so wie er denn täglich wohlwollender gegen mich sich äußerte, wobei er einst erklärte, daß ich mit der verdammten blauen Brille noch freimaurermäßiger[114] ausgesehen habe, als der Franzose, der einst für die Christinos bei ihm spionirte. Da erfuhr ich, daß im Jahre 1837 ein Franzose, der gleichfalls eine Brille getragen, als exaltirter Carlist von Madrid zu der Armee gekommen, bald aber als Emissair der usurpatorischen Regierung entdeckt und erschossen war!
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Wir traten den Rückmarsch an. In Orta erhielt Cabrera die Rapporte der verschiedenen Corps über den Etat der Bataillone und Escadrone. Mit Thränen im Auge rief er aus: „Wie kann ich meinen treuen Burschen so viel Hingebung und Festigkeit vergelten; nicht ein einziger ist seit dem Anmarsche Espartero’s desertirt! Dagegen,“ und die ausdrucksvollen Züge verfinsterten sich, „sind drei Officiere übergegangen, von denen zwei die Cassen ihrer Bataillone mitnahmen. Ich muß wieder einmal ein Dutzend solcher Spitzbuben erschießen lassen.“ Zu seinen Adjudanten gewendet, fügte er hinzu, daß sie zuerst die Reihe treffen würde, da er am wenigsten um seine Person Schurken duldete. „Wer kein gutes Gewissen hat, der mache, daß er fortkomme!“ -- Einer jener Officiere wurde kurz nachher bei einem Überfall, den einige Bataillone von Valencia auf einen Convoy ausführten, von seiner eigenen Compagnie gefangen und sofort füsilirt.
Nachdem wir auch Peñaroya besucht und die Vorarbeiten für die Befestigung angeordnet hatten, ritten wir über Monroyo auf Aguaviva, eine kleine Stunde von dem vom Feinde besetzten Mas de las Matas entfernt, dem wir sofort uns näherten, von zwei Compagnien Schützen des Obersten Bosque begleitet. An der Spitze von zehn oder zwölf Ordonnanzen flog der General voraus und traf etwa tausend Schritt von dem Dorfe auf ein unglückliches Detachement, das, aus einer halben Compagnie und sechszehn Pferden bestehend, auf die Kunde von unserer Annäherung dorthin sich zurückzog. Im Nu hatte Cabrera die Reiter zersprengt und mit Verlust von fünf Todten verjagt, die Infanterie aber abgeschnitten, nachdem sie sich in einen kleinen Busch geworfen hatte; so wie sie die Miñones eiligen Laufes herankommen sahen, hielten die Christinos die Kolben der Gewehre hoch in die Luft, Pardon erflehend. Während die Truppen im Mas Alarm schlugen, hatten wir uns mit 63 Gefangenen zurückgezogen; zwei Ordonnanzen waren schwer verwundet.
Am 16. December langten wir wieder in Hervés an. Der General nahm ein leichtes Mahl zu sich, in kurzer Zeit zubereitet, denn Delicatessen existirten nicht. Eine halbe Stunde nachher fühlte er sich unwohl, Beängstigungen traten ein, mit heftigen Schmerzen in den Gliedern verbunden, und kalter Schweiß brach hervor. Dann folgte furchtbare Abspannung, durch die der Kranke genöthigt ward, das Bett zu hüten.