Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 42
Später beklagten sich die Officiere, daß sie so schlecht besoldet würden, daß sie kaum davon essen könnten. In der That erhielten sie, da ihnen der Gehalt nicht ausgezahlt wurde, wenig mehr als die so reichlich bedachten Soldaten. -- España lud eines Tages das Officier-Corps zum Frühstück ein. Eine Schüssel mit gesalzenen Häringen ward aufgetragen, ihr folgte eine andere mit gekochten Häringen, dann eine dritte mit Häringen, in Öl gebraten, und wieder eine mit gerösteten Häringen. Ein Commißbrod lag auf dem Tisch, und kristallhelles Wasser war im Überfluß zur Löschung des mächtig angeregten Durstes vorhanden. -- Erstaunt sahen die Officiere sich an, da sie gehofft hatten, der General werde heute seiner gewohnten Frugalität entsagen; als dieser lächelnd sie aufforderte, frei auf Soldatenart das Mahl eines Soldaten zu theilen. „Ich äße gern wilde Enten, Pasteten und köstliche Leckerbissen -- denn ich bin gewaltig lecker, meine Herren! -- und ich tränke gern Xerez oder Champagner. Aber das Geld, das Geld! Der Gehalt wird nicht bezahlt, ich bin meinem Könige in den jetzigen Umständen ein so leichtes Opfer schuldig; und Häringe, zwei Stück für einen Sou, sättigen mich am Ende eben so gut. Dann werde ich durstig, und das Wasser schmeckt mir trefflich, das kostet aber gar nichts. -- Greifen sie zu, meine Herren! Auf baldiges Frühstück in den Hotels von Barcelona!“
[100] Der Graf liebte sehr die Thiere und führte stets viele mit sich, besonders Hunde und Ziegen.
[101] Der Graf hegte augenscheinlich noch immer Mißtrauen; er glaubte vielleicht, daß ich aus irgend einem politischen Grunde die Armee Cabrera’s hätte verlassen müssen, und tentirte mich deshalb. So bot er mir auch eine bedeutende Summe an, die ich natürlich ablehnte.
[102] Einen gewöhnlichen Säbel weiß Camps gar nicht zu gebrauchen, weil er ihm zu leicht ist.
[103] Die Miñones sind ausgewählte Soldaten, im Frieden Gensdarmen-Dienst versehend. Ihre Uniform und der über die linke Schulter herabhängend getragene Überrock sind sehr reich in Gold gestickt. -- De España und Cabrera wählten Beide diese Miñones zu ihrer persönlichen Bedeckung.
[104] Der Graf hatte einige hundert Mann mit Bauernpferden beritten gemacht, um sie als Ordonnanzen, auch wohl zu Streifzügen, auf denen kein Zusammentreffen mit feindlicher Cavallerie zu fürchten war, zu gebrauchen. Ohne Uniform, mit einer Lanze oder etwas ihr Ähnlichem -- etwa einer Stange mit einem beliebigen scharfen Eisen -- bewaffnet, oft ohne Sattel und mit einem Strick statt des Zügels, sahen diese Reiter abenteuerlich genug aus. España benannte sie Kosacken, nach den Flüssen von Hoch-Catalonien die Compagnien als vom Segre, vom Cardenet, Llobregat und Ter bezeichnend.
[105] Ich habe in der That nichts von einem Chef des Generalstabes gesehen, dessen Geschäfte der Graf, so wie Cabrera, mit Hülfe seines Sekretairs Adell meistens selbst verrichtete.
XXXI.
Der Graf de España hatte, wie ich weiter oben erzählte, unter Ferdinand VII. den Auftrag erhalten, die Empörung der sogenannten Ultra-Royalisten[106] in Catalonien zu unterdrücken; er vollführte ihn eben so rasch wie vollständig, und bald war dem Fürstenthume Friede und Ruhe wiedergegeben. Ich erwähnte dort der Tausende, die mit dem Leben ihre verbrecherischen Anschläge büßten; Alle aber, auf denen der leiseste Verdacht der Theilnahme haftete, wurden deportirt oder hatten Jahre lang den Jammer eines spanischen Gefängnisses zu dulden. Die Feinde des Grafen, und ihrer waren viele, behaupteten, er habe die Provinz in einen weiten Kirchhof verwandelt, und die Ruhe, welche er schuf, sei die Ruhe des Grabes. Ohne die zahllosen Wohlthaten zu beachten, welche seine Verwaltung nach hergestellter Ordnung über das Land ausschüttete, wollten sie nur die Blutströme sehen, deren Vergießung zur Verhütung weit schrecklicheren Unheils unumgänglich war, und sie urtheilten so einseitiger Ansicht gemäß.
Unzeitige Milde ist oft grausamer, als die härteste Strenge. Hätte de España mit der revolutionairen Bewegung temporisirt, hätte er nicht mit eiserner Faust durch einen Schlag sie niedergeschmettert, so würde schon damals das ganze Königreich in Elend und Blut ertränkt sein. Denn die Grundsätze, welche jener Aufstand verfocht, waren die des politischen und religiösen Fanatismus, der, unduldsam gegen Alles, was um einen Grad tiefer oder höher steht, keine andere Mittel zur Befestigung seiner Herrschaft kennt, als das Beil des Henkers, die Flammen des Auto da Fé und alle die Schrecken, durch die in andern Jahrhunderten die Inquisition ihre Opfer verfolgte.
Als der Graf de España im Jahre 1838 nach Catalonien zurückkehrte, fand er die Verhältnisse ganz anders gestaltet. Die Mehrzahl der Theilnehmer jener früheren Empörung hatte sich nun den carlistischen Banden angeschlossen, und Viele, die damals, vom Grafen als Verbrecher bestraft, in den Gefängnissen geschmachtet hatten oder gar nach Afrika’s Giftküste deportirt waren, hielten jetzt die ersten Stellen im Heere und in der Regierungs-Junta inne; noch Mehrere haßten in ihm den Feind, durch den ihre Verwandten und Genossen Tod oder schwere Leiden fanden. Sie alle unterwarfen sich ihm nur durch die Macht des Zwanges und durch die Furcht, die beim Nennen seines Namens sie durchbebte.
Mit diesen Unzufriedenen verbanden sich natürlich alle diejenigen, welche des neuen Generals Strenge und Gerechtigkeitsliebe hinderte, das alte Raubsystem fortzusetzen, welches doch ihr Hauptzweck war in dem Kampfe, den sie unter dem Vorwande des Carlismus unternommen hatten.
Während der erfahrene Feldherr also Alles that, um die Sache zu heben, deren Führung ihm anvertraut war, und während er sich dadurch die Liebe, ja die Anbetung der Soldaten und Einwohner, so wie die Verehrung aller Gutgesinnten erwarb, umringten ihn alte und neue Feinde, begierig dem Augenblick entgegensehend, der ihnen Gelegenheit biete, ihren glühenden Rachedurst zu löschen. Und diese Feinde waren Catalonier, wild und rauh, wie die schroffen Gebirgszüge der Pyrenäen, in denen sie geboren, bereit, jedes Mittel zu ergreifen, welches ihnen Befriedigung der Rache versprach, dieser Lieblingsleidenschaft jedes Spaniers, der alles überwiegenden Sucht der Catalonier. Zugleich wußten sie jedoch ihren Haß meisterlich zu verbergen und heuchelten tiefste Ergebenheit, enthusiastische Anhänglichkeit dem greisen Führer, während sie, die zuckende Faust an den Dolch gelegt, jede seiner Bewegungen bewachten, um eine Blöße zu erspähen, in die sie sicher die verrätherische Waffe stoßen könnten.
Indeß wußte der alte Graf sehr wohl, daß er nicht von lauter Freunden umgeben war, und die Maßregeln, welche er für seine Sicherheit und damit für die des Ganzen nahm, hinderten die Verschworenen lange, ihre blutlechzenden Pläne auszuführen. Nach und nach aber gelang es ihnen, das Mißtrauen einzuschläfern und immer mehrere ihrer Genossen in die bedeutendsten Stellen, besonders in die Junta, einzuschieben; der General, da fortwährend Nichts gegen ihn oder seine Autorität unternommen wurde, zeigte sich weniger vorsichtig und glaubte wohl, daß die Furcht den alten Haß niedergedrückt habe. -- Da erschallte die Schreckenskunde von dem Übergange Maroto’s und dem Rückzuge des Königs nach Frankreich.
Junta und General standen allenthalben, wo diese beiden Autoritäten existirten, stets feindselig oder besser als Rivale neben einander. Die Junta als Stellvertreterinn des Gouvernements will Alles ordnen und leiten und stürzt es gewöhnlich in erschöpfende Unordnung und Verwirrung, wo nicht in gänzliche Anarchie; der General, an der Spitze der militairischen Macht die Mängel und Schwächen, welche durch die vielköpfige Verwaltung der Junta entstehen, am bittersten fühlend und häufig durch sie gehemmt und gehindert, sucht sich dem widrigen Einflusse derselben zu entziehen, indem er sich unabhängig von ihr und dann sie zu seinem Werkzeuge zu machen und sich unterzuordnen strebt. Diese Nothwendigkeit, die sonst unbeschränkten Befugnisse der Junta zu Gunsten des Generals zu schmälern, mußte in einem Kriege, wie die Carlisten ihn führten, doppelt stark hervortreten, da ja der Anführer mit so viel mehr Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und Alles ohne Ausnahme selbst schaffen und sich erringen sollte. Die Folge war, daß der General stets zum Präsidenten der Junta ernannt wurde, wodurch natürlich die Stellung der beiden Gewalten zu einander sehr verändert ward.
Auch der Graf de España hatte die Junta von Catalonien mehr als seine Gehülfinn bei dem großen Werke, denn als höhere Behörde betrachtet und Manches von ihren ursprünglichen Attributen ihr genommen. Dennoch war nicht selten heftiges Widerstreben sichtbar geworden und hatte einige Male -- wiewohl der General, wenn etwas Wichtiges vorgeschlagen ward, persönlich präsidirte, um durch seine mächtige Gegenwart den Widerstand niederzuschlagen -- verzögernd in den raschen Gang seiner Organisations- und Operationspläne eingegriffen.
Da, als Carl V. schon nach Bourges abgereiset war, wohl erkennend, daß unter den nun unendlich mehr schwierigen Umständen nur die höchste Energie und Einheit retten könne, erklärte sich der Graf de España zum Stellvertreter des Königs in dem Fürstenthume und ward in dieser Eigenschaft von Sr. Majestät bestätigt, so daß er nun alle ursprünglichen Befugnisse der Junta in sich vereinigte.
Die Junta blieb nicht gleichgültig bei so entscheidendem Angriffe auf das, was sie als ihr Recht ansah, und die persönlichen Feinde des Generals wußten schlau diesen Schritt zu benutzen, um auch die übrigen Vocale gegen ihn einzunehmen und zu Gewaltmaßregeln sie geneigt zu machen. Es ward beschlossen, aus eigener Machtvollkommenheit den General zu entsetzen, der Herrschaft sich zu bemächtigen und fortan die Zügel nicht mehr aus den Händen zu geben. Deshalb ward der schwache Segarra, von dem man Nichts befürchtete, zum Nachfolger des Grafen designirt; er war bald in den Bund gegen seinen Oberfeldherrn, der stets ehrend ihn ausgezeichnet, hineingezogen, und auch der Intendant des Heeres Don Jaspar Diaz de Labandero, ein tüchtiger Geschäftsmann, schloß den Verschworenen sich an. Es kam nun darauf an, den Greis hülflos in ihre Gewalt zu führen.[107]
* * * * *
Der Graf hatte zur Besoldung der ganzen Armee am nahen Namenstage des Königs, wie für die zu eröffnenden Operationen die Herbeischaffung einer starken Summe befohlen, wogegen die Junta und der Intendant Schwierigkeiten erhoben. Da am 26. October darüber berathen werden sollte, beschloß er, bei der Sitzung selbst zu präsidiren, wozu eine Deputation der Junta ihn besonders einlud; er zog mit einem Detachement Miñones und einigen Kosacken nach Avia, ließ diese unten in dem Hause der Sitzung und begab sich mit dem Oberstlieutenant Adell in die erste Etage. Mehrere Vocale, unter ihnen der Vice-Präsident Brigadier Ortéu, empfingen den Grafen artig und unterhielten ihn einige Zeit, bis die fehlenden Glieder ankommen möchten; bald eilten zwei von ihnen fort, um sie holen zu lassen.
Diese ertheilten im Namen des Grafen der Escorte Befehl, für die Nacht in zwei nahe Landhäuser sich zurückzuziehen, was die Officiere ohne Argwohn thaten, wiewohl die Miñones der ein für alle Mal gegebenen Instruction zufolge nur vom General selbst und von seinen Adjudanten Befehle empfangen sollten. Die Vocale eilten wieder hinauf, und einer von ihnen, Ferrer, sagte laut die Losungsworte: „~ya está hecho!~“ -- es ist geschehen. -- Sofort drängten sich die Vocale Torrebadella, Sanz, der Präsident Ortéu und andere um den General mit der Erklärung, er sei auf Befehl des Königs abgesetzt und ihr Gefangener. Zugleich traten aus einem Cabinett zwei bis an die Zähne bewaffnete, dort verborgen gewesene Menschen hervor, und Ferrer hielt dem Grafen zwei Pistolen auf die Brust, indem er drohte, bei der geringsten Bewegung ihn niederzuschießen.
Fest verlangte de España die königliche Ordre zu sehen und erklärte sich bereit, dann, aber auch nur dann, seine Charge aufzugeben. Die Antwort war ein Schlag auf die Schulter; da der Greis entrüstet gegen den Thäter sich wandte, streckte ihn ein zweiter Schlag auf das Haupt besinnungslos nieder. Adell, der, auf kurze Zeit in das Dorf gegangen, jetzt wieder zurückkehrte, wurde entwaffnet und in eine Kammer eingeschlossen.
So wie der Graf sich erholte, ward er, noch auf der Erde ausgestreckt, mit Schmähungen und Mißhandlungen überhäuft, bis ein Maulthier herbeigeführt war, auf das er, nur mit seiner Uniform bekleidet, gehoben wurde, ohne daß ihm gestattet wäre, Etwas von seinem Privat-Eigenthume mit sich zu nehmen. Zwei Vocale, unter ihnen wieder Ferrer, der glühendste Feind des Gestürzten, wurden beauftragt, ihn nach Frankreich. zu geleiten; mit ihnen vereinigten sich auf dem Wege dahin mehrere Chefs, auch der Ros de Eroles, alle rachgierig und nach dem Blute des edlen Greises dürstend. Die Mißhandlungen wurden von jedem neu Hinzukommenden wiederholt, das Empörendste ward an dem Hülflosen, dem man Bauerntracht angelegt hatte, ausgeübt, Schandthaten, wie nur Spanier sie erdenken mögen, verwildert und an alle Gräuel gewöhnt durch die schaudervollen Scenen, deren Theater ihr Vaterland seit dem Anfange dieses Jahrhunderts war.
Umsonst flehte der Gemarterte, fast siebenzigjährige Mann um raschen Tod -- er hatte ja die Hoffnung, Frankreichs Gränze zu erreichen, längst aufgegeben --; umsonst suchte er die Peiniger zu leidenschaftlicher Wuth zu reizen, indem er ihr Verbrechen, ihren niedrigen Undank ihnen vorwarf und zeigte, wie sie zu Verräthern an dem Könige wurden, dem sie zu dienen vorgaben. Von Hof zu Hof durch die finstern Schluchten des Gebirges der Gränze parallel geschleppt, duldete der Greis, der Feldherr während drei Tage, was immer seiner Henker Wuth ihn zu quälen ersinnen konnte. Und er bewährte bis zum letzten Augenblicke die hohe Standhaftigkeit, durch die er während seiner ganzen Laufbahn sich auszeichnete.
Da endlich naheten seine Begleiter der Gränze; noch ein Mal belebte ein schwacher Hoffnungsstrahl die Brust des Grafen: wann schwände dem Menschen ganz die Hoffnung! Aber plötzlich wird angehalten und der Dulder, durch Erschöpfung schon dem Tode nahe, ist vom Maulthiere gehoben, und losgebunden; er sieht vor seinen Füßen eine dunkle Tiefe, in deren Grunde der Segre schäumend über die Felsen sich Bahn bricht. Errathend, was seiner hattet, erfleht der Greis, sich bekreuzend, die Gnade der heiligen Jungfrau und fordert dann die Elenden auf, ihr Werk zu vollenden.
Doch ein junger Officier stürzt athemlos herbei: Don Mariano Ortéu, der Adjudant des Grafen und sein Liebling -- noch kommt er zu rechter Zeit, um zu retten und zu rächen! Der Graf, als er ihn erblickt, haucht schwach mit bittend hoffnungsvollem Tone: „Mariano!“ -- Das Ungeheuer drückt hohnlächelnd sein Pistol ab und durchbohrt die Brust seines Generals, seines Wohlthäters, Güte und Liebe mit Mord vergeltend.
Der Sterbende ward gebunden in den Fluß gestürzt, auf dessen Ufern nach einigen Tagen Landleute den zerschmetterten Leichnam, kaum noch kenntlich, fanden; trauernd beerdigten sie die Überreste des verehrten und gefürchteten Grafen de España auf dem Friedhofe ihres Dörfchens.
Die Mörder aber kehrten im Triumph nach Berga zurück und erfrechten sich selbst, das Andenken ihres Opfers zu schänden, indem sie in einer allgemein verbreiteten Proclamation als Verräther ihn darstellten, der, ein zweiter Maroto, seine Armee dem Feinde habe verkaufen wollen. Die Verleumdung fand überall die gebührende Verachtung. Der edle Graf de España wird stets als ein Märtyrer seiner Treue und nie wankenden Loyalität in dem Andenken aller guten Spanier eben so hoch stehen, wie er lange schon als General und als gerechter Mann die Achtung und das Vertrauen seines Fürsten und die Bewunderung Aller sich erworben hatte, die seine Eigenschaften zu erkennen und zu würdigen wußten.
Das Heer empfing die Nachricht von der Absetzung und dann von dem Tode seines Anführers mit Staunen, welches mehrfach selbst in Gährung überging. Aber auch Segarra hatte bis dahin die Achtung und Liebe der Soldaten genossen, und er wußte für den Augenblick ihre Unruhe durch Freigebigkeit und durch Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Heeres hinzuhalten, bis bald der Versuch des General Valdés, das bedrängte Solsona mit Lebensmitteln zu versehen, ihre kriegerische Thätigkeit ganz in Anspruch nahm. Und der Soldat, gewohnt zu gehorchen und Andere für sich denken zu lassen, ist ja so leicht getäuscht, so leicht gelenkt, wenn er nur begriffen ist.
Viele Officiere aber verließen die Armee Cataloniens, unwillig, unter den Mördern des Chefs weiter zu dienen, den ihres Königs Weisheit ihnen gegeben hatte. Einige schlossen sich der Armee des Grafen von Morella an; die meisten, unter ihnen General Ivañez -- el Llarj de Copons --, Oberst Camps und Perez Davila, Commandeur der ersten Division, verzweifelnd, da solche That unbestraft bleiben konnte, wanderten nach Frankreich aus.
[106] Die Aufrührer Cataloniens gegen Ferdinand’s rechtmäßige Regierung und die Edlen, welche in Estella von dem Verräther Maroto gemordet wurden, sind mit dem einen Namen von Ultra-Royalisten bezeichnet!
[107] Ich erzähle die Schandthat, wie sie im Januar 1840 im Hauptquartiere des Grafen von Morella von Cataloniern berichtet ward, welche hoch genug standen, um genau unterrichtet zu sein.
XXXII.
In trübe Gedanken versenkt zog ich am 30. October aus den Thoren von Berga, welches ich wenige Tage vorher mit so freudigen Hoffnungen betreten hatte. Das erste dumpfe Gerücht von des Grafen Ermordung war am Morgen bis zu mir gedrungen, zu voreilig wohl, denn kaum konnte die Nachricht des auf dem Ufer des nicht nahen Segre Geschehenen so rasch herdringen. -- Der Graf ermordet! Kaltes Grausen überlief mich, und eine innere Gewalt trieb mich vorwärts, weit, weit die Mauern hinter mir zu lassen, in denen die blutbedeckten Mörder hauseten.
Allein, denn meinem Burschen war die Erlaubniß, mich zu begleiten, vom General Segarra versagt worden, folgte ich auf meinem Maulthiere der Straße nach der festen Hermite von Pinos, von einem stummen Knaben als Führer geleitet. So wie ich das Fort verließ, begann schon die Gefahr, die jetzt, da ich ganz allein und unbewaffnet reisete, noch weit drohender, als bei dem Marsche vom Ebro herauf war; doch am Nachmittage wurde ich durch eine Gesellschaft überrascht, die ich freilich nicht erwartet hatte und unter jenen Umständen nicht eben wünschenswerth nennen konnte. Zwei junge Frauen holten mich ein und flehten, sie unter meinen Schutz zu nehmen. Die jüngere, kaum neunzehn Jahr alt, hatte fünf Tage nach der Hochzeit mit dem Bruder ihrer Gefährtinn den Gatten sich entrissen gesehen, da er, um wenige Stunden zu spät in das schützende Band der Ehe getreten, nach dem durch de España eingeführten Conscriptions-Gesetze für eines unserer catalonischen Bataillone ausgehoben war. Die zweite, vielleicht sechs und zwanzig Jahr alt, war seit dem Beginn des carlistischen Aufstandes von ihrem Manne getrennt, der, ein echter, freiwilliger Royalist in den Schaaren, welche Carnicer nach Ferdinand’s VII. Tode bildete, bei der Vernichtung derselben gefangen genommen und nach der Insel Cuba geschickt wurde, weil er sich weigerte, unter Christina’s Banner gegen die Vertheidiger seines Königs zu fechten.
Die beiden Frauen, in einem am Ebro liegenden Dorfe wohnhaft, hatten, wie häufig die Familien unserer Soldaten es thaten, ihrem Bruder und Gatten Wäsche und andere Bedürfnisse überbracht; zagend waren sie auf der Heimreise bis Pinos gelangt, da sie von der Brutalität der christinoschen Soldaten und vor Allem der Nationalgardisten, denen sie auf dem dreißig Leguas langen Wege bis zum Ebro so leicht begegneten, das Schlimmste fürchten mußten. So waren sie innigst erfreut, einem Mayor[108] sich anschließen zu dürfen. Natürlich erlaubte ich ihnen ohne Zögern, mich zu begleiten, aber ich mußte oft lächeln, wenn ich das Trio betrachtete, welches zu dreitägigem Marsche durch feindliches Gebiet und zwischen zwölf bis vierzehn feindlichen Vesten hin sich vereinigt hatte: ein Fremder, des Terrains gar nicht und sehr wenig der eigenthümlichen Sprache der Provinz kundig, ohne Waffen gegen den Feind und nur seinen Character als carlistischer Capitain habend, um von den Einwohnern die Bedürfnisse -- Maulthiere, Rationen und Führer -- sich zu erzwingen; und mit ihm zwei junge Frauen, welche, die dunkeln Gluthaugen in steter ängstlicher Bewegung, bei jedem Geräusch zusammenschraken und scheu zum Begleiter, Hülfe suchend, aufschauten.
Wenn die Carlisten, wie so oft, solche gefährliche Reisen machen mußten, pflegten sie bei Tage zu ruhen und nur bei Nacht den Marsch fortzusetzen, in der Dunkelheit ihre Sicherheit suchend. Ich beschloß nun, dieses zu benutzen und gerade das Gegentheil davon zu thun: ich marschirte nur bei Tage und strebte, besonders die gefährlichsten Punkte am Mittage zu überschreiten, wogegen ich des Abends irgend einen größeren Ort, wo möglich, oder sonst einen Weiler aufsuchte, wie sie auch in dem schroffsten Gebirge nur selten fehlten, um dort die Nachtstunden zuzubringen. Später, da ich häufig in ähnlichen Lagen mich befand, habe ich die Methode stets mit dem besten Erfolge angewendet. Denn da der Feind jene Gewohnheit des nächtlichen Marsches kannte, traf er demnach seine Maßregeln; er legte sich am Abend in Hinterhalte, die Einherziehenden erwartend, während er in der Nacht gern die Ortschaften vermied, da er jeden Augenblick die Ankunft eines carlistischen Trupps erwarten mußte, was bei der Abneigung der Bevölkerung gegen ihn leicht ihm verderblich werden konnte. Da war ich also mit einiger Vorsicht ganz sicher.
Am Tage dagegen wußte er die Carlisten ruhend und suchte deßhalb in ihren Schlupfwinkeln sie zu überraschen; dann zog ich aufmerksam meines Weges und war, wenn ich etwa einer feindlichen Streifparthie begegnete, immer zeitig genug von ihrem Nahen benachrichtigt, um über die zu ergreifenden Maßregeln mich entscheiden zu können.
* * * * *
Der erste, besonders Gefahr drohende Punkt auf meinem Marsche war die große Heerstraße von Barcelona über Lerida nach Zaragoza: sie mußte zwischen den beiden, anderthalb Leguas von einander entfernten Festungen la Igualada und Cervera überschritten werden, was bei unserer Hinaufreise nicht ohne viele Mühe und in steter Besorgniß um Mitternacht bewerkstelligt war. Jetzt kam ich, von den zitternden Weibern begleitet, um eilf Uhr Morgens bei der Straße an, nachdem ich von einer nahen Höhe das Terrain sorgfältig recognoscirt hatte.
Rechts, eine gute Viertelstunde entfernt, breitete sich, auf einem Hügel liegend, Cervera mit seinen aus schneeweißen Quadersteinen errichteten Befestigungen aus, hoch von zahlreichen Thürmen überragt, welche den früheren Glanz der Stadt beurkunden; noch jetzt enthält sie die einzige Universität des Fürstenthumes. Ich hatte den Übergangspunkt ihr so nahe gewählt, weil dort die Gebirge zu beiden Seiten bis nahe an die Chaussee sich hinziehen; übrigens wagten die Christinos nie anders, als in schlagfertigen Trupps, auch nur tausend Schritt weit aus ihren Werken hervorzugehen. Bis zu den Thoren von Cervera hin war die Aussicht frei, so daß wir deutlich selbst die Soldaten der Wache unterschieden. Links, jedoch in weiter Ferne, wurden die Thürme des Fleckens la Igualada sichtbar, welcher durch die zwischenliegenden Höhen unsern Blicken verdeckt war.