Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 40
Diese Gebirgsbewohner sind natürlich rauh, einfacher, biederer und weniger gebildet als ihre Brüder von der Küste; sie sind sehr religiös, und die Geistlichkeit hat noch vielen Einfluß über sie bewahrt, während sie in den großen Seestädten nur Verachtung und Spott findet. Diese treuherzigen, kräftigen Menschen sind Carlisten mit Leib und Seele. -- Allen Cataloniern aber ist ein Charakterzug gemeinschaftlich, der unendlich gegen den starren, stets zum Widerstande geneigten Trotz ihrer Nachbarn, der Aragonesen absticht. Sie treten im ersten Augenblicke sehr fest und entschieden auf, und Wehe dem, der dadurch sich einschüchtern läßt oder nicht gleiche Kraft gegen sie entwickelt. Aber sie schmiegen sich alsbald unter das Joch dessen, der Macht und Willen besitzt, um sie den Ungehorsam schwer büßen zu machen; um sie zu bändigen ist eiserner Wille und rücksichtslose Strenge nöthig, der sie, wie sehr sie auch an ihren Ideen festhalten, doch stets im Äußern weichen.
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Sofort nach Ferdinand’s VII. Tode erhoben sich auch in den Hochgebirgen von Catalonien Banden, die sich für Vertheidiger seines rechtmäßigen Nachfolgers ausgaben; unter dem Namen von Carlisten ließen sie Raub und Plünderung ihr Hauptziel sein. Disciplin war ihnen eine ganz unbekannte Sache. Die Soldaten kamen und gingen und thaten, was ihnen beliebte, die Anführer lebten in höchster Uneinigkeit unter einander und strebten vor Allem dahin, ihre Koffer mit Gold zu füllen, den unglücklichen Landmann, der allein die Kosten jenes Krieges zahlte, durch ihr Plünderungs-System zu Grunde richtend.
Daher thaten sie denn auch den Christinos im offenen Kampfe geringen Schaden. Sie durchzogen vielmehr ohne Plan oder Combination die Gebirge, von denen herab sie des Raubes wegen Einfälle in die Ebene machten, wenn gerade keine Truppen dort waren, und sie überfielen höchstens einmal ein feindliches Detachement, dem sie sich zehnfach überlegen wußten, und das dann ohne Erbarmen niedergemacht wurde. Den Einwohnern konnten sie natürlich weder Vertrauen noch andere Furcht einflößen, als die, welche auf ihre Ausschweifungen und Erpressungen sich gründete, so daß die Carlisten Cataloniens damals in jeder Hinsicht den Raubhorden gleich standen, die so entsetzliches Elend über die Bewohner der Mancha brachten.
Umsonst ward General Guergué im Jahre 1835 mit einer starken Division von Navarra ausgeschickt, um die catalonischen Banden um sich zu vereinigen, sie zu organisiren und dadurch wahrhaft der Sache nützlich zu machen, deren Namen sie mißbrauchten. Alle seine Anstrengungen scheiterten an der Unlust derselben, der geringsten Zucht und Ordnung sich zu fügen, worin sie denn von ihren Chefs verstärkt wurden, die häufig offen gegen den General auftraten. So ward Guergué genöthigt, ohne seinen Auftrag vollzogen zu haben, nach den Provinzen zurückzukehren, da die navarresischen Bataillone, ihrer neuen Gefährten bald überdrüssig und an Allem Mangel leidend, einstimmig nach Navarra geführt zu werden forderten.
Dann im Jahre 1836 übertrug Carl V. dem General Maroto das Commando des Fürstenthumes, und Strenge und Festigkeit machten diesen wohl geeignet zu dem schwierigen ihm anvertrauten Werke. Aber er hatte von Anfang an wiederholtes Unglück in den militairischen Operationen, und für einen Feldherrn, der seine Autorität über undisciplinirte Haufen erst befestigen soll, ist eine Niederlage der größte, nie gut zu machende Fehler. Nachdem er umsonst Alles versucht hatte, die Widerstrebenden zu bändigen, mußte auch Maroto weichen und zog sich nach Frankreich zurück. Tristani, Royo, Urbiztondo und Andere, theils durch Mangel an Kraft, theils auch aus bösem Willen, richteten noch weniger aus.
Ich werde nicht die Geschichte jenes Krieges -- wenn er solchen Namen verdient -- erzählen, der ohne Erfolg von einer wie der andern Seite hingezogen wurde. Geschlagen ward fast nie; die bemerkenswerthesten Thaten bestanden in der Eroberung irgend eines befestigten Punctes durch die carlistischen Horden, meist durch Überraschung, und in der augenblicklichen Wiedernahme desselben, so wie eine Colonne der Christinos gut fand, vor ihm zu erscheinen. -- Gehen wir sogleich zu dem Zeitpunct über, in dem jene Horden endlich in ein geregeltes Heer umgeschaffen wurden.
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Don Carlos de España gehörte einer alten Familie des südlichen Frankreichs an, von wo er im Anfange der Revolution nach Spanien emigrirte; er trat als Officier in ein Linienregiment ein. Schon damals ward große Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit in ihm bemerkbar, die selbst, da er als Adjudant einen Unterofficier im Dienst niederschlug, eine königliche Ordre ihm zuzog, durch die der Gebrauch des Stockes, der in Spanien den Adjudanten unterscheidet, ihm untersagt ward; erst als General ward er von der ferneren Befolgung dieses Befehles entbunden.
In dem Kriege gegen Napoleon commandirte de España ein kleines Corps, mit dem in Estremadura und Alt-Castilien unter Wellington’s Oberbefehl operirend, er wiederholt die Anerkennung dieses Feldherrn verdiente. Er zeichnete sich besonders durch die Strenge seiner Disciplin, so selten in den spanischen Truppen jener Periode, vortheilhaft aus. Unter Ferdinand VII., während dessen Regierung, so wie in seiner ganzen Laufbahn, er sich stets als reiner Royalist zeigte, ward er mit Gunstbezeugungen überhäuft, erhielt das Commando des Infanterie-Corps der Garde und wurde zum Grafen und Grande erster Classe erhoben.
Im Jahre 1827 brach in Catalonien und den angränzenden Provinzen die ultraroyalistische Revolution aus -- wenn eine Revolution, deren Zweck ist, dem Könige die Art seiner Regierung vorzuschreiben, royalistisch genannt werden darf! -- durch die Ferdinand VII. zur Entlassung seines zu gemäßigten Ministeriums gezwungen werden sollte. Der Aufstand verbreitete sich mit Schrecken erregender Schnelle, und jede Maßregel zeigte sich gleich fruchtlos. Da sandte der König den Grafen de España ab, ihn zu unterdrücken. Dieser beurtheilte richtig den Charakter des Volkes, mit dem er zu thun hatte: er etablirte in allen Städten Kriegsgerichte, harte Strafen wurden über die Theilnehmer, noch härtere über die Begünstiger der Empörung verhängt; zugleich verfolgte er mit unermüdlicher Energie überall ihre Schaaren. -- Eine ungeheure Anzahl der Rebellen, man behauptet 30000, wurden hingerichtet, wohl eben so viele deportirt. In wenigen Wochen war die Ruhe ganz hergestellt.
Der Graf blieb dann als commandirender General in Catalonien, bis er im Jahre 1832, da Ferdinand schon unter dem Einflusse Maria Christina’s vegetirte, durch General Llauder abgelöset wurde, worauf er nach Frankreich abreisete. Übrigens war er von unbeugsamen, gebieterischem Character, gewohnt, in seinen Untergebenen nur Maschinen zu sehen, und nicht selten tyrannisch; dabei aber bieder und unerschütterlich gerecht und unpartheiisch gegen Hohe wie gegen Niedere. Die Soldaten hatten nirgend so Viel zu thun und zu leiden, wie unter seinem Commando, und waren dennoch nirgends zufriedener, da seine Strenge mit väterlicher Fürsorge gepaart war; der Officier aber mochte wohl sich vorsehen, denn sein Fehler fand nie Gnade bei dem General.
Zugleich erwarb sich der Graf die Zuneigung derer, die ihm nahe standen, durch Herablassung und Freigebigkeit, und er bezauberte Fremde leicht durch seinen scharfen Verstand und den Geist, der in jedem seiner Worte blitzte, wie durch unübertreffbar feines Benehmen.
Zwei Fehler verdunkelten die hohen Eigenschaften des kräftigen Greises, er gab den augenblicklichen Einfällen seiner Laune zu sehr Spielraum, und er wollte Alles ohne Ausnahme rücksichtslos auf militairisch despotischem Wege ordnen. Sein Despotismus, verbunden mit der durch die Verhältnisse bedingten Härte in der Bestimmung der Strafen, erwarb ihm zahlreiche Feinde, die mit spanischer Rachsucht den günstigen Augenblick erlauerten, in dem sie ihn wehrlos in ihren Händen sehen würden; während die nicht immer seiner Stellung angemessenen Seltsamkeiten, zu denen Caprice ihn verleitete, seinen Gegnern und den Pedanten, deren ja überall so viele sich finden, Veranlassung gab, ihn verrückt zu schelten, und ihnen manche Waffe gegen ihn lieferte.
Diesen Mann stellte Carl V. wiederum an die Spitze des Fürstenthumes, als jeder Versuch, die catalonische Faction zu einem geordneten Ganzen zu machen, gescheitert war; im Juni 1838 passirte er die französische Grenze. Wohl kannten ihn die Catalonier, und Carlisten wie Christinos zitterten, da sie dem gefürchteten Greise das Commando übergeben sahen. Sein Auftreten rechtfertigte sofort die Furcht und die Hoffnungen, welche der bloße Name des Grafen de España erregt hatte. So wie er in Berga anlangte, ließ er über der Stadt einen hohen Galgen errichten und verkündete zugleich, daß ein Jeder, der die geringste Veruntreuung oder Erpressung sich zu Schulden kommen lasse, ohne Gnade aufgeknüpft werde, ob es gleich der erste General sei. Und es blieb nicht bei der Drohung. Officiere und Soldaten, Beamte und Einwohner empfanden bald die unerbittliche Gerechtigkeitsliebe des alten Kriegers; mehrere der bisherigen Chefs wanderten nach Frankreich aus, Böses fürchtend, andere wurden abgesetzt und erhielten ganz unbedeutende, passive Stellen, und das Commando der Truppen wurde Männern anvertraut, die als wahre Royalisten und wahre Militairs sich bewährt hatten, oder die ihre Gesinnungen unter der Maske der Redlichkeit und des Eifers schlau zu verbergen wußten.
Da entwickelte der Graf in der Organisation seiner Truppen eben so viel Kraft wie Talent. In wenigen Monaten waren die nackten Horden, welche raubend und stets fliehend die Pyrenäen durchirrten, in eine Armee verwandelt, organisirt und disciplinirt, wie weder Carlisten noch Christinos seit dem Beginn des Krieges sie besessen hatten.[98] Die Infanterie, aus 21 Bataillonen in vier Divisionen bestehend, war stets vollkommen uniformirt und gewaffnet, und sie erhielt regelmäßig ihren Sold und ihre Rationen; die Officiere mußten abwechselnd die zu dem Zwecke errichtete Akademie besuchen, um zugleich in Theorie und Praxis sich zu vervollkommnen. Die Cavallerie, noch im Werden, da es sehr an Pferden mangelte, zählte drei Escadrone unter versuchten Chefs, die unter Zumalacarregui ihre Schule gemacht hatten.
Die Artillerie und das Geniecorps, so schwer zu bilden, wo auch die einfachsten Elemente für sie fehlten, brachte der General durch Zuziehung von fremden Officieren und durch fortwährende Instruction zu einem Grad der Brauchbarkeit, wie er sonst nach vieljährigen Anstrengungen selten sich findet. Kanonengießereien, Gewehr- und Pulverfabriken wurden angelegt und militairische Schulen für jede Waffengattung etablirt. Ja, es gelang dem erfahrenen Anführer, seinen Truppen mit der bewundernswürdigsten Subordination und Kriegszucht jenes Ehrgefühl und den ~esprit de corps~ einzuflößen, die so unendlich den moralischen Werth derselben heben und ihn verbürgen. Die ganze Armee bestand übrigens aus kaum 7000 Mann, da der Graf gleichfalls die Methode adoptirte, seine Bataillone möglichst zu vervielfältigen, um sich dadurch den Schein größerer Stärke zu geben. Die meisten Bataillone waren nicht über 300 Mann stark, manche namentlich nach Gefechten natürlich weit schwächer.
Indem aber der Graf sein Heer bildete, richtete er auch seine Aufmerksamkeit auf die Verwaltung, die von beiden Partheien so ganz vernachlässigt war. Da er höchste Ordnung und Regelmäßigkeit herrschend machte, waren seine Cassen stets gefüllt, und durch kraftvolle Maßregeln, denen der Respekt, welchen die Catalonier von früher her ihm bewahrten, besonderes Gewicht gab, vermochte er auch das Unglaubliche, daß der größte Theil der vom Feinde besetzten festen Punkte ihm regelmäßig die fälligen Abgaben und Contributionen zahlte. Die aber, welche dessen sich weigerten, verloren durch Gewalt den doppelten Werth des Schuldigen. Einem jeden der Districte, Barcelona nicht ausgenommen, setzte er militairische Gouverneurs vor, die, in irgend einem, oft weit entfernten Fort residirend, mit der Erhebung der Abgaben beauftragt waren; sie hatten selten Gelegenheit, über Säumniß der Behörden zu klagen.
Dadurch konnte der Graf der Armee stets ihren Sold auszahlen und alle ihre Bedürfnisse aus den königlichen Magazinen befriedigen, so daß selbst das Brod aus den eigenen Bäckereien geliefert und den Truppen nachgeführt wurde. Er bewirkte dadurch, daß die Lasten, welche der Krieg dem Einwohner, besonders dem Landmanne aufhäufen mußte, gleichmäßig über das ganze Fürstenthum vertheilt wurden, während bis dahin, wie in den andern carlistischen Heeren, die Gegend nicht selten ruinirt wurde, in der eine Colonne eine Zeit lang hausete.
Die Folgen waren eben so schnell, als wohlthätig. Die friedlichen Bauern, welche früher die Horden als Todfeinde gefürchtet hatten, sahen sich plötzlich gegen jede Ausschweifung gesichert, strenge Gerechtigkeit ward ihnen zu Theil, und die erlittene Beleidigung wurde hart bestraft. Sie erkannten, daß die Abgaben, wenn auch schwer, gleichmäßig auf Alle vertheilt waren, und sie gewöhnten sich bald, die Anwesenheit carlistischer Colonnen als eine Wohlthat zu betrachten, da sie ja alle Bedürfnisse baar bezahlten und also erwünschte Gelegenheit zum Absatz der Produkte gaben. Die Einwohner gaben sich daher ganz ihren den Royalisten so günstigen Gesinnungen hin, und was der gute Wille der Einwohner vermag, ist durch hundertfach wiederholte Erfahrungen bewährt.
Auch verkannten die Catalonier nicht, wem sie solches Glück zu danken hatten; -- denn als glücklich darf ihr Zustand bezeichnet werden im Vergleich mit dem Elend der früheren Jahre und dem, was die andern Provinzen litten. -- Wie oft hörte ich während meines kurzen Aufenthaltes im Fürstenthume den Grafen von España als Retter gesegnet; wie oft wünschten die Bauern ihm Heil und Glück, den Augenblick preisend, in dem er die Zügel der Regierung in die Hand nahm!
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Auch schien das Glück dem edlen Greise nicht abhold. Denn wiewohl er nicht durch gewonnene Schlachten seinen Namen verherrlichte, gelang es ihm, selbst gegen den Baron de Meer, der eben so kräftig und gewandt in Barcelona durch Militair-Despotismus herrschte, wie der Graf in Berga, in den Gebirgen Hoch-Cataloniens sich zu souteniren, während er mit der Organisation seiner kleinen Armee beschäftigt war. Und als er dieses vollbracht, breitete er trotz der numerischen Überlegenheit der Feinde, die über 40,000 Mann stark waren, ihre Zersplitterung klug benutzend, mehr und mehr in die Niederungen sich aus und nahm einige feindliche Forts. Täglich wurde sein Übergewicht fühlbarer, seine Herrschaft weiter ausgedehnt.
Er belagerte Ripoll, eine ansehnliche, Gewerbe treibende Stadt in Hoch-Catalonien. Die Besatzung und die Nationalgarde vertheidigten sich mit äußerster Hartnäckigkeit, wie denn die Einwohner der Stadt als exaltirt liberal gesinnt berüchtigt waren. Am 27. Mai 1839 ward der Sturm auf die offene Bresche angeordnet. Die carlistischen Bataillone griffen äußerst brav unter den Augen des Grafen an, der kaltblütig dem heftigsten Feuer ausgesetzt blieb und seine Krieger ermunterte. Dreizehn Mal rückten die Stürmenden unter dem Schall der Janitscharen-Musik gegen die Bresche; dreizehn Mal wiesen die Christinos, gleichfalls durch ihre Musik, wie durch das Angstgeschrei der Weiber und Kinder angefeuert, standhaft den Angriff zurück. Doch der vierzehnte Sturm ward gleich fest unternommen, und die Vertheidiger wichen ermattet von der Bresche, auf der die Mehrzahl gefallen war. Alles, was Waffen trug, wurde von den wüthenden Soldaten niedergemacht; die übrigen Bewohner mußten sogleich die Stadt verlassen, welche niedergebrannt und bis auf den letzten Stein rasirt wurde. Der Verlust der Carlisten war sehr bedeutend; ein Bataillon zählte von seinen acht Capitains sieben außer Gefecht gesetzt.
Der Graf ließ eine Säule errichten mit der Inschrift: ~aqui fué Ripoll~. -- Hier stand Ripoll. --
Ein solches Beispiel rächender Strafe verfehlte seine Wirkung nicht. Mehrere Posten der Feinde wurden geräumt oder ergaben sich, und die Carlisten streiften, fast ohne Widerstand zu finden, bis nahe nach Barcelona und südlich in die reichen Gefilde des Ebro, während die Christinos sich darauf beschränkten, mit starken Massen ihre Festungen zu verproviantiren. Zugleich trat ein wichtiger Wechsel in der feindlichen Armee ein, da das Commando derselben an der Stelle des energischen Baron de Meer, der, ganz Militair, von den Anarchisten unendlich gefürchtet ward, dem General Valdés übertragen wurde, demselben, der gegen Zumalacarregui so unglücklich gekämpft hatte.
Valdés erklärte sofort, daß es mit den Mitteln, über die er verfügte, nicht möglich sei, die Fortschritte des Grafen de España zu hemmen, dessen Truppenzahl doch drei bis vier Mal so schwach war, als die mobile Macht der Christinos. Er mußte indessen, um sich zu halten, irgend etwas unternehmen und erklärte endlich nach der Mitte Septembers seine Absicht, Berga, den Hauptsitz der Carlisten, anzugreifen, da er wohl hoffte, daß die Kunde von dem vollbrachten Verrathe Maroto’s und der Beendigung des Krieges in Navarra Entmuthigung oder gar Sympathie für ihn hervorbringen werde. Wahrscheinlich würde es ihm nicht besser ergangen sein, als einst dem General Oráa vor Morella. Aber Valdés begnügte sich, da die anticipirte Muthlosigkeit nicht sichtbar wurde, von einer Höhe herab das einige Stunden entfernte Berga zu betrachten, und kehrte wieder um.
España benutzte dagegen trefflich die Fehler des feindlichen Anführers; er nahm die feste Stadt Moyá und führte die männlichen Bewohner gefangen fort, da die Garnison sie gezwungen hatte, gleichfalls die Waffen zu ergreifen und die beiden Forts zu vertheidigen; ein Theil der Stadt ward bei dem Angriffe eingeäschert. Dann eroberte er das eben so hartnäckig vertheidigte Copons und zog in Castell-Tresols ein, welches ihm die Thore öffnete.
Valdés, an Geld und Hülfsquellen eben so Mangel leidend, wie sie dem Grafen im Überfluß zuflossen, und nur reich an Soldaten, die er nicht zu benutzen verstand, wagte kaum noch, im Felde sich zu zeigen, und erwartete mit Ungeduld die Verstärkungen, welche ihm von Espartero zugesagt waren. Solsona selbst, durch seine Lage wichtig und bedeutende Festung, die de Meer den Carlisten abgenommen hatte, schon lange eng blokirt, war im Begriff, sich zu ergeben, da es ganz an Lebensmitteln fehlte und Valdés nicht zum Entsatz anrückte. Das Fürstenthum war der That nach dem Grafen de España unterworfen und duldete willig eine Herrschaft, die, auf strenge Gerechtigkeit basirt, so sehr die traurige Lage der Einwohner erleichterte; die Christinos geboten nur noch da, wo sie gerade standen, und wagten nur in starken Colonnen das Land zu durchkreuzen, in dem der einzelne Carlist ruhig die Befehle seines Generals ausführen durfte.
[95] In Catalonien besaßen die Christinos nicht weniger als hundert und einige zwanzig feste Punkte. Es ist einleuchtend, wie solche Zersplitterung ihrer Macht die Offensive paralysiren mußte; dagegen hinderten sie auch sehr die Fortschritte der Carlisten.
[96] Diese doppelten Behörden waren erst eingeführt, seit der Graf de España das Commando der Carlisten übernommen hatte. Früher wären sie schwerlich so verschont geblieben.
[97] Früher erwähnte ich, daß die catalonische Sprache, der französischen, italienischen und spanischen gleich verwandt, von den Castilianern nicht verstanden wird. Einzelne gothische Worte und Wendungen finden sich auch in ihr.
[98] Gegen das Ende des Jahres 1839 gestanden selbst die Feinde ein, daß das Heer des Grafen von España nur mit der königlichen Garde Ferdinand’s VII. verglichen werden könne.
XXX.
In Casserras angelangt, ging ich am 23. October Nachmittags zum Logis des Grafen de España, mich zu melden; ein Ordonnanz-Officier überbrachte meine Papiere dem General, der als Antwort mir und den beiden mich begleitenden Officieren den Befehl sandte, uns als arretirt auf die Hauptwache zu begeben. Meine Cameraden fluchten und verwünschten den launigen alten Narren, wie sie wüthend ihn nannten; ich beschloß, entschieden dem herrischen Mann entgegenzutreten. Der die Wache habende Officier erzählte uns tröstend, daß die Wachzimmer, wo der General gerade weilte, stets mit Officieren angefüllt seien, und daß er selbst vor kurzem zehntägigen Arrest gehabt habe, den er nur dem Zufalle zuschreiben könne, daß er vor dem Logis des Generals einem jungen Mädchen zunickte, da unmittelbar nachher ein Adjudant ihm ohne weiteren Grund die Ordre gebracht habe, sich als Arrestant zu stellen. Andere Anwesende erzählten da noch manche Sonderbarkeit des Grafen, indem sie ruhig hinzufügten: „so ist einmal unser Alter.“[99]
Noch am Abend schrieb ich in festem Tone an den General, ihn bittend, da ich auf eine Art mich empfangen sähe, die ein Officier unter meinen Umständen gewiß nicht erwarten dürfe, mich sogleich nach der Strenge der Gesetze zu richten, und wenn ich unschuldig befunden sei, mich dem Feinde gegenüber zu stellen, oder mir zu erlauben, nach dem Heere von Aragon zurückzukehren, um dort ferner für die Sache des Königs zu kämpfen. Dann legte ich mich, in den Mantel gehüllt, auf einen Tisch schlafen, nicht gerade den angenehmsten Gefühlen hingegeben.
Um drei Uhr schon weckte mich die Reveille, die, von den Musikchören und den Banden der fünf im Flecken stationirten Bataillone ausgeführt und alle Straßen durchziehend, auch den Schlaftrunkensten plötzlich munter machte.
Stunde auf Stunde verging, die Zeit wurde mir lang. Endlich ritt der General, von wenigen Officieren begleitet, zu einer Musterung, von der er gegen Mittag zurückkam; ich sah einen kräftig das Pferd bändigenden Greis, untersetzt und wohl beleibt, mit der goldgestickten Uniform, dem dreieckigen Hute und der seidenen Schärpe, die den spanischen General auszeichnen. Ein Adjudant half ihm beim Absteigen, worauf er leicht in das Haus trat. Wenige Augenblicke nachher eilte derselbe Officier, der uns gestern nach der Wache beordert hatte, über die Straße und theilte mir den Befehl des Generals mit, sofort vor ihm zu erscheinen.
Ich fand ihn auf der obern Flur des Hauses, welches einfach, wie jedes große Bauernhaus, und mit sehr massiven hölzernen Meubles versehen war. Der Graf, sieben und sechszig Jahr alt, hatte mit der Elasticität der Jugend keinesweges ihr Feuer und wenig von ihrer Kraft verloren; sein Auge, geistreich und durchdringend, strahlte in hoher Lebendigkeit, wenige greise Haare umgaben die edel gewölbte Stirn, und ein leichtes Lächeln um den Mund machte den Eindruck der imponirend majestätischen Züge sehr einnehmend. Er empfing mich äußerst artig und führte mich in sein Privat-Zimmerchen, wo er mir sein Bedauern über die unbequeme Nacht ausdrückte, die er mir verursachte, indem er hinzufügte, daß sein Adjudant mich als Franzosen genannt habe, gegen welche Nation er, obgleich selbst der Geburt nach ihr angehörend, den größten Widerwillen hege. Übrigens sei unter den obwaltenden Verhältnissen Verdacht und Mißtrauen so natürlich, daß dadurch auch die äußerste Vorsicht gerechtfertigt werde.
Dann befragte mich der Graf über den Zustand der Armee Cabrera’s, über ihren Geist und besonders über den Eindruck, den der Verrath Maroto’s auf sie machte. Da ich ihm erwiederte, daß bisher sehr wenig davon bekannt und ich selbst in der That nicht von ihrem Umfange unterrichtet sei, schilderte er mir in glühenden Worten die Schandthat des Erbärmlichen und die Folgen, welche sie für das Heer und den Monarchen gehabt hatte. Furchtbarer Unwille sprach sich in Wort und Mienen aus, seine Augen sprühten Verachtung und den Wunsch der Rache. Der biedere, bis zum Tode seinem Könige unwandelbar ergebene Greis konnte solche Niedrigkeit nicht fassen.