Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 4

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Moreno, dessen Bedachtsamkeit, durch die Schwäche des Alters oft in Zaudern ausartend, die Thatenlust der Carlisten nicht befriedigte, war durch den Grafen Casa Eguia ersetzt, welcher alsbald das carlistische Gebiet nach Süden hin zu sichern und durch Wegnahme der Küstenplätze die Verbindung zur See zu eröffnen, den Rücken sich zu decken suchte. San Sebastian war schon eng blockirt, es ward mit Parapeten eingeschlossen, und wenn es auch den Basken ganz an den Mitteln zur Belagerung einer so starken Festung gebrach, brachten sie sie doch in große Gefahr, da sie weder wohl verproviantirt, noch mit dem nöthigen Kriegesmaterial versehen war. Da sandten die französischen Behörden von Bayonne aus das Fehlende. -- Die andern Forts aber fielen eines nach dem andern während des Winters. Guetaria und Plencia, Mercadillo, das zum Stützpunkt der Linie in Vizcaya bestimmte Valmaseda, endlich Lequeytio fielen trotz aller Anstrengungen der Christinos, mit den Forts eine herrliche Artillerie und Tausende von Gefangenen, in den ersten Monaten 1836 in die Gewalt der Carlisten. Umsonst hatte Cordova zu Vitoria seine Streitkräfte vereinigt und von dort aus Demonstrationen zur Rettung der bedrängten Vesten versucht. Am 16. und 17. Januar griff er, mit Evans vereinigt, 28,000 Mann stark in drei Colonnen die verschanzte Stellung von Arlaban an, um nach dem Innern von Guipuzcoa auf Oñate zu dringen. Er nahm und zerstörte die Verschanzungen, ward aber am dritten Tage kräftig angegriffen und mit schwerem Verluste nach Vitoria ganz ohne Erfolg zurückzukehren gezwungen. Die Verschanzungen waren nach wenigen Tagen wieder errichtet. Cordova aber wußte einen pompösen Bericht über die Schlacht von Arlaban zu geben, die so ganz seine Unfähigkeit gezeigt hatte, da während der beiden Tage, welche seine Truppen im entsetzlichsten Wetter auf der genommenen Höhe campirten, nur wenige Stunden von Vitoria entfernt, auch das Nothwendigste ihnen mangelte.

Während der Monate März und April waren einzelne Gefechte in Vizcaya erfolgt, so bei Orduña am 6. März, dem die Wiederbesetzung von Balmaseda durch Ezpeleta folgte, wo er jedoch bald angegriffen wurde und bedeutende Verluste erlitt. Evans aber, dessen Legion während der Winterruhe exercirt und organisirt war, zog in den ersten Tagen des Mai’s nach San Sebastian, welches, auf Flintenschuß-Weite von den Parapeten der Belagerer umgeben, täglich mehr bedrängt wurde. Kurz vorher hatte die englische Flotte an der spanischen Küste Befehl erhalten, thätig gegen die Carlisten mitzuwirken. Am 5. Mai griff Evans die Verschanzung von San Sebastian an; die vier Bataillone, welche sie vertheidigten, fochten mit Löwenmuth, der auch der Gegner Bewunderung erregte. Sturm auf Sturm ward abgeschlagen. Erst als ein gerade anlangendes englisches Dampfschiff mit seinem schweren Geschütze eine Bresche in die schwachen Werke geöffnet, als dann der brave Anführer der Carlisten, General Segastibelza, gefallen, konnten die übermächtigen Briten die Linie und in ihr drei Geschütze nehmen.

Die Carlisten ließen der Bravour der Engländer Gerechtigkeit widerfahren, da sie gestanden, daß solche Todesverachtung ihnen unbegreiflich sei; auch ich, so oft ich gegen sie gefochten, mußte bedauern, daß solche Soldaten nicht für eine bessere Sache starben. Auch hier erkauften sie theuer den Sieg: sechszehnhundert Mann war der Verlust der Christinos -- mehr als die Hälfte davon Engländer -- während ihre Feinde nicht ganz dreihundert Mann verloren hatten.

Evans drang dann bis Passages vor, welches er besetzte und durch Schanzen deckte, während die Carlisten, jetzt zu schwach, theils ihm gegenüber leichte Brustwehren errichteten, theils die Vorbereitungen zu kräftigem Angriffe trafen, so wie Verstärkung anlangen würde. Eguia war auf die Nachricht von der Action bei San Sebastian von Vitoria, wo er Cordova’s Armee beobachtete, nach Hernani geeilt, ward jedoch durch die Demonstrationen dieses Generals sogleich nach Alava zurückgerufen. In der That drang Cordova am 21. Mai nach Guipuzcoa vor und nahm mit schwerem Verluste die schon früher eroberten Höhen von Arlaban; er bedrohete Oñate, besetzte Salinas und Villareal de Alava, zu dessen Befestigung er alles Nöthige mit sich führte, ward zwar geworfen, drang aber nochmals in Salinas ein, bis er, von Eguia mit zwei Colonnen in Flanke und Rücken bedroht, sich zurückzog und am 25. wieder in Vitoria anlangte, ohne das geringste Resultat erlangt zu haben. Die reiche Stadt Villareal und mehrere Dörfer hatte er in Schutthaufen verwandelt. Er befand sich wenige Tage später in Madrid, der Regierung, die gerade eine bedeutende Veränderung getroffen, die Lage der Dinge und die bei dem Mangel an jeder Resource täglich zunehmenden Schwierigkeiten selbst darzulegen.

Die royalistische Armee bestand, da ich in Spanien anlangte, aus neun und dreißig Bataillonen, welche zwanzig bis zwei und zwanzig tausend Mann enthielten, und etwa fünfhundert Pferden. Die Bataillone der Carlisten waren immer sehr schwach, gewöhnlich fünf oder sechshundert Mann zählend, oft auf dreihundert sinkend, wofür der Grund wohl in dem Streben liegt, ihre Zahl dem Feinde größer scheinen zu machen, als sie es war. Auch scheute ein solches Bataillon sich nie, ein feindliches, oft doppelt starkes anzugreifen: war die Zahl der Bataillone auf beiden Seiten dieselbe, so wurden die Corps von gleicher Stärke geschätzt. -- Bisher hatten die carlistischen Feldherren sich bemühet, von den baskischen Provinzen als Grundlage ausgehend, nach und nach sich auszudehnen, so die Mittel zu fernerem Kampfe zu vermehren, bis das Übergewicht der Macht bei Schwächung des Gegners den entscheidenden Sieg möglich machte. Hätten sie nie diesen Plan verlassen! Doch schon verzagten sie an der Möglichkeit seiner Ausführung, und glaubten durch die befestigten Linien und die Übermacht der Feinde auf das Gebiet sich beschränkt, welches sie nun besaßen, und das freilich als unnehmbare Veste mußte angesehen werden; wenig belehrt durch die Erfahrung, die doch der unglückliche Ausgang der Expedition ihnen aufgedrungen, welche Guergue’s Division im Jahre 1835 nach Catalonien versucht, sprachen sie von der Nothwendigkeit, durch die Aussendung kleiner Corps die baskischen Provinzen, so hart gedrückt, zu erleichtern, den Aufstand nach den andern Theilen Spaniens zu tragen und ihn, wo er schon ausgebrochen, zu ermuntern oder doch die Hülfsquellen der Monarchie durch solche Kriegeszüge auszubeuten und den Feinden zu entreißen. Da Casa Eguia diesen Expeditionen ganz entgegen war, arbeiteten ihre Vertheidiger an seinem Sturze.

Im Halbkreise um die aufgestandenen Provinzen her bewegten sich die Schaaren, welche Isabella’s Herrschaft aufrecht hielten; für den Augenblick beschränkten sie sich, der Carlisten Vordringen zu verhindern. Sie zählten über hundert und zwanzigtausend Mann, von denen fast die Hälfte in den zahllosen Garnisonen zersplittert war, welche Cordova um die Provinzen errichtet hatte. Über etwa funfzig spanische Bataillone, durchschnittlich neunhundert Mann stark, nebst den fremden Corps konnte der Obergeneral für seine Operationen verfügen. Eine mobile Colonne -- ~de la rivera~, des Flußthales, genannt -- stand in Navarra, bald stärker, bald schwächer, doch nie unter sechstausend Mann zählend; ihr war die Deckung der Arga-Linie aufgetragen, während die französische Legion, von Pamplona aus operirend, die Linie von Zubiri schützte und oft heiße Kämpfe mit dem unternehmenden Befehlshaber Navarra’s, General D. Francisco Garcia, bestand. Diese Legion war mit Ausnahme einiger Compagnieen ganz aus Deutschen, großen Theils Deserteuren, zusammengesetzt, und wie niedrig sie auch moralisch standen, bewährten sie dem Feinde gegenüber sich doch so deutsch, daß endlich der nahende Schall ihrer Trommeln hinreichte, um die navarresischen Bataillone, so oft sie etwas gegen die Linie unternommen, durch Zurückführung der schweren Geschütze zum Weichen sich vorbereiten zu machen; und die Navarresen sind nicht feig. Aber furchtbar blutig erkaufte die Legion den Ruf solcher Tapferkeit.

Auf dem linken Flügel der christinoschen Armee im westlichen Vizcaya stand gleichfalls ein abgesondertes Corps, den Umständen nach aus zehn bis vierzehn Bataillonen bestehend, oft durch eine zweite Division verstärkt; dennoch konnte es seinen Auftrag, die dort projectirten Forts zu errichten und zu decken, nie durchführen. General Cordova mit der Hauptarmee zog bald den Bewegungen der Carlisten folgend in der reichen Rioja, südlich vom Ebro, und in Unter-Navarra umher, bald stellte er sich beobachtend und drohend zugleich in der Hochebene Alava’s auf, bereit, nach Navarra sich zu wenden oder den bedrängten Garnisonen Vizcaya’s zu Hülfe zu eilen. Die Configuration des Kriegsschauplatzes ließ ihn nicht selten zu spät zur Rettung kommen. Etwa dreitausend Pferde, welche am Ebro standen, schlossen sich entweder dem Hauptcorps oder der Colonne der Rivera an.

Ganz in dem Rücken der carlistischen Armee endlich hielten die Christinos Bilbao inne, mit starker Besatzung versehen, und San Sebastian, wo Evans das Commando übernommen hatte und Großes versprach, weshalb er durch mehrere spanische Bataillone von Navarra[7] und Vizcaya aus verstärkt wurde. Ein gefährlicher Punkt in der That, der die höchste Aufmerksamkeit der Feldherren Carls V. verdiente: ein starkes Corps, von dort aus im Herzen der Provinzen operirend, gut geleitet und in steter Combination mit den Bewegungen des Hauptheeres, mußte alle Anstrengungen der Carlisten paralysiren, da es zu immerwährender Zersplitterung ihrer Macht sie zwang und sie hinderte, irgend Entscheidendes zu unternehmen oder errungene Vortheile zu benutzen, indem es sofort nach dieser schwachen Seite sie zurückrief. Ein solches Corps konnte entscheidend werden, da es im Rücken des Feindes, im Innern seines Gebietes ihn immer bedrohete und die mindeste Nachlässigkeit und Schwäche benutzen konnte, so daß die Früchte der Siege, ja der Bewegungen aller andern Colonnen zu sammeln ihm überlassen blieb.

Evans verstand nicht solche Vortheile zu würdigen, die der Werth seiner Truppen noch unendlich ihm erleichtern mußte.

[3] Diese Hanfsandalen, ~alpargatas~, werden in dem größten Theile Spaniens von den unteren Classen statt der Schuhe getragen und bilden, mit farbigen Bändern am Beine befestigt, eine eben so niedliche wie in der trockenen Jahreszeit passende Fußbekleidung. In einigen Provinzen tragen die Bauern auch Sandalen aus einem viereckigen Stücke gegerbten oder rohen Ochsenfelles; diese wurden jedoch von den Soldaten nur im Falle augenblicklicher Noth getragen, während die alpargatas in der Armee allgemein waren.

Übrigens war die carlistische Armee späterhin oft sehr gut uniformirt; so stets die Divisionen beim Ausmarsch zu Expeditionen. Die Uniform bestand aus dem Überrock, der ohne Jacke etc. getragen wurde, rothen Beinkleidern, dem Barett mit wollenen Quasten; die Officiere trugen dunkelblaue Überröcke und darüber die beliebte ~zamarra~, eine elegante Jacke aus schwarzem Lämmerfell mit seidenen Schnüren; die Quasten ihrer Baretts waren von Gold oder Silber. Das Gepäck der Soldaten, wie der Officiere war sehr einfach, da selbst diese Effecten von den Bedienten getragen werden mußten: nur die Capitains durften ein Pferd mit sich führen. -- Die christinische Armee war eben so uniformirt; trug aber größtentheils weißes Lederzeug und, oft einzige Unterscheidung der streitenden Corps, Czako’s oder französische Mützen. -- Die Bekleidung der spanischen Armee in Friedenszeit ist äußerst geschmackvoll. Während des Krieges fehlte es oft an Allem.

[4] „Königliche Freiwillige“: unter Ferdinand etablirt, den National-Garden der christinischen Regierung entsprechend, aber mit gerade entgegengesetzter Richtung, übrigens weit zahlreicher als diese, wiewohl sie alle freiwillig, die liberalen Nationalen großentheils gezwungen die Waffen trugen.

[5] Die baskischen Provinzen und Navarra werden in Spanien gewöhnlich nur durch „~las provincias~“ bezeichnet.

[6] Er ist erbitterter Feind Espartero’s.

[7] Sie durchzogen Frankreich, die Waffen auf Wagen mit sich führend.

III.

Von einigen Freiwilligen geleitet trat ich am Morgen des 26. Mai’s den Marsch nach Irun an, wobei wir das französische Gebiet, dessen Gränze unserer Richtung im Allgemeinen parallel lief, mehrfach auf kurze Strecken durchkreuzten, augenscheinlich mit vieler Vorsicht und Scheu meiner Reisegefährten. Der Weg schien absichtlich über die schroffsten und zerrissensten Theile des Gebirges geführt zu sein und ward bisweilen so steil, daß er wie eine Treppe mit Stufen in den Felsen gehauen war. Mit Mühe nur konnte ich, des Bergsteigens noch ganz ungewohnt, den rüstigen Guiden folgen und die Ermüdung ihnen verbergen, welche mich fast besiegte. Da fühlte ich mich denn recht ~à mon aise~, als ich, in dem zum Nachtquartier ausersehenen Dörfchen mit der echten Gastfreiheit der Gebirgsbewohner vom Alcalde aufgenommen, im hölzernen Lehnstuhl auf dem Balkon mich dehnte und von der freundlichen Wirthin kredenzt den Apfelwein im bunten Glase mir dargereicht sah.

Früh am folgenden Tage, da ich zum Aufbruch mich rüstete, überraschte mich der Anblick eines langen Zuges schwarzgekleideter Weiber: es waren die Bewohnerinnen des Dorfes, welche, wie ich später erfuhr, stets zur Messe die niedliche schwarze Mantilla von Seide sich anlegen. Der Marsch brachte eben die Mühseligkeiten wie am Tage zuvor, bis wir am Mittag auf den Gipfel der letzten von Irun uns trennenden Kette anlangten. Vor uns dehnte eine kleine, reich bebaute Ebene sich aus, von dem Meere begränzt, welches in unabsehbare Ferne einem leuchtenden Spiegel gleich sich erstreckte; zur Rechten entwand sich die Bidassoa den engenden Felswänden und erschien rasch erweitert als mächtiger Meeres-Arm. Dort ward die Brücke von Behobia sichtbar, deren von den Christinos besetzte Caserne die Unsrigen so oft vergebens angegriffen, da die unmittelbare Nähe des französischen Bodens die Entfaltung der nöthigen Angriffsmittel nicht erlaubte. Links erhoben sich wieder die Gebirge, welche die Aussicht nach San Sebastian und in das Innere Guipuzcoa’s schlossen, während zu unseren Füßen das reiche Irun lag und einige tausend Schritt entfernt, näher der Mündung der Bidassoa, Fuenterrabia, die ~fons rapida~ der Römer, in dem die Carlisten ein festes Gebäude als Fort eingerichtet, da die regelmäßigen Befestigungen des einst bedeutenden Platzes von den Kriegern der französischen Republik gesprengt wurden.

In Irun, wo ein guter Gasthof sich findet, mußte ich einige Tage mich aufhalten, bis ich die Erlaubniß aus dem königlichen Hauptquartier zur Weiterreise erhielt. Da ward mir die erste Lection praktischer Menschenkenntniß und Klugheit, die dem Unerfahrenen in Spanien so oft zufallen sollte. Die Stadt war durch eine einfache Mauer geschlossen, und auf einer unbedeutenden Höhe, welche die große Madrid-Pariser Straße beherrscht, ward gerade eine Schanze angelegt, deren Einrichtung, da mir damals die Befestigungsart der Carlisten noch nicht bekannt war, mich nothwendig in das höchste Staunen versetzen mußte. Man denke sich ein regelmäßiges Sechseck, dessen Seiten durch eine sechs oder sieben Fuß starke Brustwehr mit vorliegendem Graben gebildet sind; auf der Brustwehr sind unendlich viele Schießscharten für das Infanterie-Feuer in Stein errichtet und vertikal, horizontal und schräg, in jeder Größe und Gestalt durcheinander geworfen. Das Sechseck ist so auf der Höhe angelegt, daß weite Strecken unmittelbar am Fuße derselben ganz unbestrichen bleiben, damit der stürmende Feind dort zur letzten Kraftanstrengung gedeckt sich sammeln und ordnen kann, während doch die Gestalt des Hügels eine Befestigung erlaubt, deren Theile sowohl sich wechselseitig flankiren und schützen, wie den ganzen Abhang und Fuß bestreichen können.

In der That war dieses Werk das Erzeugniß der vereinigten Talente des Gouverneurs und einiger dort garnisonnirender Officiere, die, da sie vor dem Aufstande nie daran gedacht, daß das Vaterland je ihrer Fähigkeiten zu seiner Vertheidigung bedürfe, nun den Mangel an militairisch-wissenschaftlicher Ausbildung schwerlich durch ihren Eifer ersetzen konnten -- wie brav sie auch, darin +allen+ carlistischen Officieren gleich, dem Feinde gegenüber sein mochten. Der Gouverneur, so wie er erfahren, daß ich preußischer Officier, führte mich zu der sogenannten Befestigung mit der Bitte, ihm meine Meinung über +sein+ Werk zu geben. Da ich nun aus natürlicher Schüchternheit wie in der Furcht, Zweck und Plan desselben wohl nicht zu verstehen, zurückhaltend und billigend darüber sprach, ward ich sofort von dem Gouverneur für ein wahres Talent erklärt und glänzend fetirt. Als ich aber am nächsten Tage, nach Überlegung dieses für meine Pflicht haltend, einige der krassesten Fehler ihm andeutete und, da er widersprach, klar aus einander setzte, erkannte der gute Herr seinen gestrigen Irrthum, entschied plötzlich über meine Unwissenheit und Impertinenz und behandelte mich demnach mit der kalten, geringschätzenden Höflichkeit, die so sehr gegen seine vorige Herzlichkeit abstach.[8]

Bald ritt ich auf einem kräftigen Maulthiere, der großen Heerstraße folgend, über Tolosa, eine der ersten und angenehmsten Städte der baskischen Provinzen und bekannt durch seine ausgezeichneten Fabriken, nach Villafranca de Guipuzcoa, wo der kleine Hof Carls V. damals sich aufhielt. Wie schlug mir das Herz, da ich den Monarchen sehen sollte, für dessen Rechte kämpfen zu dürfen ich so freudig mich gesehnet! -- für den gekämpft zu haben ich immer stolz bin.

* * * * *

Am 31. Mai hatte ich die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Der König empfing mich mit der Huld und Leutseligkeit, die einen Hauptzug seines Characters bilden, und die, da sie die Verehrung seines Volkes ihm erworben, doch gegen den Verrath Derer ihn nicht sichern konnte, die mehr als Alle seiner Gnade sich erfreut. Er ist klein, regelmäßig und kräftig gebaut, das Gesicht trägt den Stempel hoher Güte, das graue Auge verräth tiefes Gefühl, aber auch viele Sorgen, vielleicht Schmerzen; ein starker blonder Bart bedeckte den Mund. Die Stimme des Königs ist sanft und voll Melodie, er unterhielt sich mit mir in französischer Sprache, wie er gern mit allen Fremden es that, wenn sie selbst des Spanischen kundig waren. Er trug einfache Civil-Kleidung.

Es ist viel über den Privat-Character Carls V. wie über seine Eigenschaften als Herrscher gefabelt worden, und die öffentlichen Blätter aller Länder haben manches ganz Unwahre oder doch Entstellte über ihn im Publicum verbreitet. Wer hätte auch Anderes erwarten mögen, wenn er die Quellen berücksichtigte, aus denen die Mehrzahl solcher Urtheiler ihre Ansichten sich bildete: die Zeitungen und Flugschriften des liberalen Spaniens oder die Schriften von Männern, welche bittern Haß dem Fürsten weiheten, der im Nachbarstaate muthig der Verbreitung ihrer Grundsätze zu widerstehen wagte. Da ich überzeugt bin, daß die Wahrheit am vollständigsten die Verläumdungen widerlegt, die gegen den Monarchen, für den ich mein Schwerdt ziehen durfte, von allen Seiten erhoben sind, stehe ich nicht an, meine Meinung, wie ich auf eigene und solcher Männer Beobachtung sie gründete, die lange Jahre den Infanten und den König gekannt, schmucklos, weil sie der Ausschmückung nicht bedarf, darzulegen.

Will man ~par force~ Fehler in Carl V. auffinden -- und er ist Mensch --, so möchte ihm +der+ vor allen aufzubürden sein, daß er seine Geburt nicht in eine Periode versetzte, in der es ihm gegeben wäre, das Glück seines Volkes zu machen, statt daß er nun dieses Volk, durch Empörung oder durch Furcht ihm entfremdet, sich erst erobern sollte. Carl V. hat in der That alle die Eigenschaften, deren Zusammentreffen in der Person des Fürsten bei friedlicher Regierung die Blüthe des Landes auf den möglichen Höhepunkt treiben mag, und selten wurden sie von einigen der Schatten verdunkelt, welche ja alles Menschliche, wie erhaben es sei, trüben. Er ist mild und herablassend, streng beflissen, seine Pflicht stets zu erfüllen und unerschütterlich in der Vollbringung dessen, was er als solche erkennt; einfach, mäßig, enthaltsam in Allem, was ihn persönlich betrifft, ist er dagegen nachsichtig und großmüthig für seine Unterthanen, streng gerecht für Niedere wie für Hohe, Jedermann zugänglich, ein Vater seines Volkes. Sein Wort ist ein wahrhaft königliches Wort: bekannt ist der Tadel, den er offen gegen seinen Bruder Ferdinand aussprach, da dieser, dessen Zusagen, den augenblicklichen Umständen folgend, mit ihnen ihre Kraft verloren, nach seiner Befreiung durch Ludwigs XVIII. Heere das, was während der Herrschaft der Constitution geschehen, so wie den ihr geleisteten Eid für ungültig erklärte, da doch er selbst sie beschworen hatte. Da erklärte ihm der Infant Don Carlos, daß er lieber hätte sterben müssen als den Eid leisten, welchen die empörten Unterthanen von ihm forderten; wenn er aber die Schwäche gehabt, die aufgedrungene Constitution anzuerkennen, müsse er nun auch unwandelbar seinem Versprechen nachkommen.

Selbst die Fehler, welche in den Verhältnissen der letzten sieben Jahre als solche hervortraten, beruhen im Übermaße der Tugenden, welche den König auszeichnen, selten in seiner Erziehung. Die eigene Herzensgüte, sein Edelsinn erlaubten ihm nicht, die Erbärmlichkeit der Menschen und so Vieler besonders aus seiner nächsten Umgebung zu ahnen; er beurtheilte nach seinem Charakter den der Andern, schenkte daher leicht sein Vertrauen und ließ sich leiten von Denen, welche heuchelnd ihn zu täuschen wußten. Dazu erzeugte die hohe Religiösität des Königs ein oft ängstliches Festhalten an den Formen der Religion, wie sie von jeher als heilig sich ihm eingeprägt, und wie er bei dem Zustande der geistigen Cultur und den Neigungen seines Volkes sie vom wohlthätigsten Einflusse für dasselbe hielt. Die Spanier haben durch die Ereignisse der letzten zehn Jahre ihn gewiß nicht überzeugen können, daß die Reformen, welche ihre herrschsüchtigen Schreier für sie forderten, ihren Bedürfnissen wahrhaft angemessen sind und sie in einen glücklicheren Zustand versetzt haben; daß aber umfassende Verbesserungen in den kirchlichen Verhältnissen der Monarchie nöthig seien, daß große, tief eingewurzelte Mißbräuche von Grund aus vernichtet werden mußten, das war dem Könige eben so klar wie jedem aufgeklärteren Spanier, und wiederholt sprach er bestimmt darüber sich aus. Die oft im Auslande gehörte Behauptung, als ob mit der Herrschaft Carls V. auch die der Inquisition ins Leben zurücktreten werde, ist so absurd, daß jede Widerlegung derselben ganz unnütz ist: in Spanien ist es nie Jemand, welcher Parthei er angehöre, in den Sinn gekommen, Ähnliches aufzustellen.