Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 39
Später sah ich mehrere Officiere und Soldaten der Bataillone von Castilien, die so schmählich in diese Umarmung sich verwickelt sahen und die erste Gelegenheit benutzten, um zu entfliehen und den Heeren von Catalonien und Aragon sich anzuschließen. Die Gefühle der Verkauften wage ich nicht zu schildern. Die Basken freilich, denen ja stets ihre Provinzialrechte Hauptmotiv und Hauptziel des Krieges waren, beruhigten sich bald, da die Bewahrung derselben ihnen zugesichert war, und hingerissen, wie der Soldat so leicht es ist, durch den Einfluß der Chefs, denen zu gehorchen sie so lange gewohnt waren. Aber die Castilianer, sie, die kein eigennütziges Streben, kein individuelles Interesse in die Reihen der Carlisten führte, wahrhafte Royalisten und entschieden für die Sache, deren Vertheidigung sie sich gewidmet hatten -- die Castilianer wurden vom wilden Zorn ergriffen, da sie so den Liberalen sich übergeben, selbst zu Verräthern sich gestempelt sahen.
Doch sie wurden strenge bewacht, und während die Basken sofort zu friedlicheren Beschäftigungen entlassen wurden, sandte Espartero diese Getäuschten mit Bedeckung nach Vitoria und von dort in das Innere des Königreichs. Auf dem Marsche wurden Viele erschossen, unter ihnen einige Officiere, da sie auf dem Versuche zur Flucht ergriffen waren; die Übrigen wurden in Depots vertheilt, um erst später entlassen zu werden, ja Manche, die ihren Unwillen laut an den Tag gelegt hatten, ließ das Gouvernement nach den amerikanischen Colonien und den Philippinen einschiffen.
Dennoch gelang es einigen Hunderten der Verkauften, während des Winters durch die Gebirge Castilien’s bis nach Aragon zu dringen, wo sie kräftig mitfochten in dem letzten Todeskampfe gegen die Übermacht der revolutionairen Schaaren.
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Espartero besetzte nach dem Vertrage von Bergara den Rest von Vizcaya und das ganze Guipuzcoa, dessen Bewohner mit Erstaunen, aber ohne sich zu bewegen, in ihrer Mitte die Truppen erblickten, welche seit Jahren nicht mehr jene reichen Thäler zu betreten gewagt hatten. Er wandte sich dann rasch nach Navarra, durch energisches Handeln den Schrecken benutzend, den die Überraschung im ersten Augenblick hervorrufen mußte.
Der König stand noch immer an der Spitze von 14000 bis 15000 Mann; alle Bataillone von Navarra und von Alava, das 5. von Castilien und 1. von Cantabrien waren, nebst sieben Escadronen und der ausgewählten königlichen Bedeckung ihrer Pflicht getreu geblieben. Wohl hätte mit solcher Macht Viel ausgerichtet werden können, wenigstens wäre es gewiß leicht gewesen, Catalonien mit ihr zu erreichen: selbst die große Expedition, mit der Carl V. im Jahre 1837 bis an die Thore von Madrid gelangte, war nicht so stark, als sie von den Nordprovinzen auszog.
Und doch, wer möchte dem verrathenen Monarchen vorwerfen, daß er, entmuthigt und niedergebeugt durch das Geschehene, nicht sofort die zu dem kühnen Schritte nöthige Entschlossenheit fand! Auch konnte wohl die bekannte Abneigung der Navarresen, außerhalb ihrer vaterländischen Provinz zu kämpfen,[93] Zweifel erregen; und nach dem geringsten Zaudern war es zu spät, da schon die carlistische Armee ganz umringt und nach Norden hin zusammengedrängt war. Die Stellung von Lecumberry, in Gefahr, umgangen zu werden, da die feindlichen Colonnen zugleich von Guipuzcoa und unter General Rivero aus dem östlichen Navarra vordrangen, wurde verlassen, und die Bataillone, nun unter Eguia’s Commando gestellt, zogen sich in das Bastan-Thal zurück. Espartero, der am 9. September gegen jene Position aufgebrochen war, drang rasch über das Ulzama-Thal nach. Schon entflohen viele Non-Combattanten über die französische Gränze.
Auf dem Fuße von den Massen der Christinos verfolgt, zog sich der König von Elisondo nach Urdax, unmittelbar neben der Gränze; er konnte sich noch nicht entschließen, sein Königreich zu verlassen, um im fremden Lande eine zweideutige Zufluchtsstätte zu suchen. Doch immer näher kam von allen Seiten der Schall des Feuers. Vier starke Divisionen griffen rings die Stellungen der Carlisten an, welche die Pässe des Gebirges zu behaupten suchten; Fuß vor Fuß wichen sie fechtend vor der Übermacht, wobei ein Bataillon umzingelt und fast ganz aufgerieben wurde. Die feindlichen Schaaren standen, die nahen Höhen krönend, im Angesicht der Gränze.
So war am Nachmittage des 14. Septembers fernerer Verzug nicht mehr möglich. Carl V. betrat, ein Flüchtling, das französische Gebiet, nachdem er sechs Jahre lang mit männlicher Standhaftigkeit jeder Strapatze getrotzt und den tausendfach gehäuften Mühen und Sorgen im Kampfe um den Thron seiner Vorfahren heldenmüthig sich unterzogen hatte. 2000 Mann, welche ihm unmittelbar folgten, wurden bis zu dem Augenblicke des Übertrittes von den Kugeln der Christinos decimirt. Den König begleitete seine erhabene Gemahlinn nebst dem Prinzen von Asturias und dem Infanten Don Sebastian. Die Behandlung, welche die französische Regierung dem unglücklichen Fürsten zu Theil werden ließ, ist allgemein bekannt und gewürdigt.
Mehrere Generale und Minister waren dem Könige schon vorangegangen, viele andere folgten sogleich, unter ihnen Graf Casa Eguia, General Sylvestre, Chef des Genie-Corps, der Kriegsminister Montenegro, Don Basilio Garcia, vor kurzem erst nach Spanien zurückgekehrt, Villareal, Gomez, Zariategui, der greise Pfarrer Merino und Andere, die das Exil der Unterwerfung unter das Joch der Usurpation vorzogen. Sofort betraten auch sechs Bataillone von Alava mit einer Escadron, das Bataillon von Cantabrien, einige navarresische Compagnien und die königliche Garde unter den Generalen Elío und Grafen Negri das fremde Gebiet; ihnen folgten in den nächsten Tagen alle Bataillone und Escadrone von Navarra, unfähig sich länger zu halten.
Estella und die übrigen Forts in Navarra ergaben sich bald, und vor dem Ende des Monats war mit der Einnahme des schönen Castells von Guevara in Alava, welches sofort gesprengt wurde, der Krieg in den baskischen Provinzen gänzlich beendigt.
Doch noch hatten die Carlisten einen herben Verlust zu beklagen, einen Verlust, der noch schmerzlicher wurde, weil er zu mancher Mißdeutung Veranlassung gab: der ehrwürdige Moreno, er, der so oft an der Spitze der Armee gekämpft und zu so manchem glorreichen Siege sie geführt hatte, ward von seinen eigenen Soldaten ermordet, da er Spanien zu verlassen im Begriff war. Auch die regelmäßigsten und am höchsten geachteten Heere verloren die frühere Kriegszucht, wenn furchtbares Unglück über sie hereinbrach. So ist es nicht zu bewundern, daß die Navarresen, ehe sie nach Frankreich übergingen, der Straflosigkeit gewiß, zu manchen Ausschweifungen und Verbrechen sich hinreißen ließen; und sie sind ganz besonders in diesem Abschütteln der gewohnten Bande zu entschuldigen, da ja der Umsturz aller ihrer Hoffnungen und der Werke ihrer schweren Blutarbeit durch die eigenen gepriesenen Anführer herbeigeführt war und sie also wohl Grund hatten, mit Mißtrauen gegen ihre Vorgesetzten zu verfahren.
Noch entschlossen, im Vaterlande sich zu vertheidigen, sahen sie in einem Jeden, der nach der Gränze floh, einen Verräther, welcher in der Fremde sich zu sichern suche. Mit andern Unglücklichen fiel der untadelhaft treue General Moreno ein Opfer dieser Wuth; die Navarresen tödteten ihn mit dem Geschrei: „Nieder mit den Verräthern!“
So war der langwierige Kampf der Basken gegen die Macht des liberalisirten Spanien beendet; das kühne Bergvölkchen hatte mit Aufopferung seines Königs sein Hauptziel erreicht, seine Privilegien waren bestätigt, so fern die Versprechungen der Regierung Isabella’s als Bestätigung gelten konnten. Und beurtheilen wir die Basken nicht zu hart! Bedenken wir, wie sie von ihren Chefs hingerissen und geführt wurden, und wie Volk und Soldat ja so oft, anstatt selbst zu urtheilen, durch diejenigen sich leiten lassen, welchen sie gewohnt sind mit Ehrfurcht und Gehorsam zu folgen; bedenken wir auch, daß die Basken wehrlos den Massen der Christinos sich hingegeben sahen, als schon ihre Kraft nach dem langen, blutigen Ringen erschöpft war.
Das Benehmen aber der Alavesen und Navarresen bis zum letzten Augenblicke zeigt wohl hinlänglich, daß das Heer und das Volk, wo es treue Anführer an seiner Spitze sah, bereit war, Alles für seinen Herrscher zu opfern.
Aber Schande, ewige Schande dem Mann, der sich nicht scheute, zum Verrathe die erhabene Stellung und die Macht zu mißbrauchen, welche das unbeschränkte Vertrauen seines Monarchen ihm schenkte; der um des schnöden Goldes willen Gefährten, Vaterland und König verkaufen konnte! Die Rache wird ihn zu ereilen wissen. -- Und Schande den Elenden, die wissend und willig zur Ausführung der ehrlosen That ihre Hand liehen!
Die Regierung der unmündigen Isabella würdigte den unschätzbaren Dienst, welchen Maroto ihr geleistet hatte, und sie stand nicht an, öffentlich ihn dafür zu belohnen. Der abtrünnige General ward in den Grafenstand[94] erhoben und zum Präsidenten des höchsten Kriegsrathes ernannt; er prunkte seitdem in Madrid mit den Millionen, die jener Handel ihm eingebracht hatte. Auch seine Helfershelfer, Cabañero, Urbiztondo, la Torre und die Führer der vizcaischen, guipuzcoanischen und castilianischen Truppen, wurden reich abgelohnt.
Espartero aber, da nun seine Gegenwart im Norden Spaniens überflüssig ward, beeilte sich, indem er die Provinzen stark besetzt ließ und zugleich ganz sie entwaffnete, mit 45000 Mann nach Unter-Aragon aufzubrechen; auch detachirte er eine starke Division nach Catalonien zur Hülfe des Baron de Meer, der dort schwer gedrängt wurde. Er hoffte, daß sein gefürchteter Name und der Anblick der Massen, die er heranführte, hinreichen werde, um die kleine Schaar des Grafen von Morella zu eiliger Unterwerfung zu bewegen. Wie hätte er auch ahnen mögen, daß er Männer treffen könne, die seinen so oft erprobten Künsten zu widerstehen wagten; Männer, die mit der Gewißheit des Unterliegens und mit Bestechung und Verrath aus ihrer eigenen Mitte angegriffen, vorzogen, ihrem Könige und ihrer Pflicht treu, bis zum letzten Augenblick ehrenvoll zu kämpfen und mit den Waffen in der Hand zu fallen, als daß sie den lockenden Verheißungen Gehör gegeben hätten, durch die der Siegesherzog seine Siege zu erkaufen suchte!
[92] Orduña ist die einzige ~ciudad~ und die alte Hauptstadt der Provinz, wiewohl oft die ~villa~ -- Stadt zweiter Classe -- Bilbao außerhalb Spaniens falsch als solche bezeichnet wird.
[93] Sie trat bei jeder Gelegenheit sehr markirt hervor. So wie der Navarrese Navarra verließ, ward er der schlechteste Soldat, unruhig, zu Aufstand und Unordnungen geneigt und stets unzufrieden, indem sein ewiger Refrain war: „Nach Navarra, nach Navarra!“
[94] Als Graf Casa-Maroto.
XXIX.
Am 13. October verließ ich Morella, um den Marsch nach Catalonien anzutreten, auf dem zwei Officiere mich begleiteten, die, in diesem Fürstenthume geboren, in der Armee desselben ihre Dienste fortzusetzen wünschten. Wiewohl bis dahin nur unbestimmte Nachrichten über die Ereignisse in den baskischen Provinzen mich erreicht hatten, wußte ich doch, daß Espartero mit seinen Divisionen schon in Zaragoza angelangt sei, und daß er öffentlich erklärt hatte, noch vor dem Ende des Jahres die Horden Cabrera’s zu Paaren treiben zu wollen. So, ich leugne es nicht, schmerzte es mich tief, daß ich die Armee des Helden verlassen sollte, für den in der kurzen Zeit, die ich in seiner Nähe mich befand, die höchste Bewunderung sich mir aufgedrängt hatte; ich bereuete fast als zu rasch den Schritt, der nun in so entscheidender Stunde, da Kampf und Gefahr bevorstand, von den bedroheten Kriegsgefährten mich trennte, die ich unter dem Feuer des Feindes achten und lieben gelernt hatte. Wann ist der Soldat mehr in seinem Elemente, als da er gewiß ist, daß bald das blutige Kriegsspiel in seiner wildesten Gestalt sich entfalten wird? Und ich sollte, den Ebro passirend, gerade jetzt so süßer Erwartung entsagen!
Doch ich beruhigte mich mit der Hoffnung, daß ja auch Catalonien’s Heer nicht unthätig bleiben werde, und ich jubelte in dem Gedanken, mit Truppen zu dienen, die, durch Organisation und Kriegszucht die ersten Spanien’s, als regelmäßige Armee und echte Soldaten im europäischen Sinne der Worte bezeichnet werden durften. Noch einen -- ich wähnte, den letzten -- Scheideblick warf ich auf das mächtige Castell, das trotzig Morella’s Veste überragt; dann zog ich dem Norden zu, so bald wie möglich das Heer des Grafen von España zu erreichen.
So wie wir den schroffen Gebirgsknoten hinter uns ließen, bei dem die Gränzen von Valencia, Aragon und Catalonien sich berühren, nahm das Land einen milden Charakter an, der immer an Lieblichkeit zunahm, je mehr wir zum Ebro hinabstiegen. Die Provinz blieb überall gebirgig, aber die Ketten nahmen an Höhe und Rauhheit ab, befruchtende Bäche, die bald in Flüßchen sich vereinigten, schlängelten sich zwischen ihnen hin, und die Thäler wie die Rücken der Hügel waren mit Olivenbäumen und Reben bedeckt, deren Früchte in lockender Reife prangten. Die reinlichen Dörfer und Landhäuser, welche rings umher freundlich winkten, zeigten an, daß wir stündlich weiter von dem Schmutze Aragon’s uns entfernten; sie waren überall mit reichen Frucht- und Gemüsegärten umgeben, und zahllose Feigenbäume, durch die Felder längs dem Wege zerstreut, boten zum zweiten Male im Jahre ihre nährende Frucht dem Wanderer.
Als wir endlich den das Ebro-Thal begränzenden Höhenzug erstiegen hatten, staunten wir bewundernd bei dem Anblicke der herrlichen Landschaft, die so ruhig und so reich vor uns sich ausbreitete, als hätte ununterbrochener Friede hier wohlthuend gewaltet, ohne je seine Gaben den Bewohnern dieses bevorzugten Landes zu entziehen. Ja, als ich diese liebliche Scene überschaute, in welcher der Ebro, breit und majestätisch, zwischen den Hügeln sanft hinglitt, die im Norden rasch steigend an dunkele Gebirge fern sich anlehnten; als ich die zahllosen Ortschaften im rosigen Scheine der Abendsonne so friedlich mit ihren fruchtbaren Gefilden glänzen sah, wie sie dicht an einander gereihet den Strom umkränzten -- da verfluchte ich die Leidenschaften, die, in tausend Formen des Menschen Glück unterwühlend, auch in dieses Paradies die Thränen und das Elend einführten, ihre steten Begleiterinnen. -- Die Ufer des Ebro wären wahrlich ein Paradies, wenn der Mensch nicht sie bewohnte.
Am vierten Tage des Marsches erreichten wir Flix, nächst Mora de Ebro der wichtigste Übergangspunkt über den Strom, welchen die carlistische Armee inne hatte, und seit kurzem leicht befestigt, um es gegen einen ~coup de main~, besonders von der nahen Festung Mequinenza, zu sichern. Für die Verbindung mit Catalonien waren jene Punkte natürlich von hoher Wichtigkeit.
Wir waren genöthigt, in Flix zu rasten, da gerade eine feindliche Division in unserer Marschlinie auf Berga, die Hauptstadt des carlistischen Catalonien’s, sich befand und jede Communication interceptirte. Erst am 19. October zeigte der Gouverneur, höchste Vorsicht empfehlend, mir an, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg die Reise antreten könne, und da ich den Abmarsch eines Detachements, welches in wenigen Tagen aufbrechen sollte, nicht abwarten mochte, passirte ich mit den beiden Gefährten und meinem Burschen noch an demselben Tage den Fluß.
Als die Fähre langsam die spielenden Wellen durchschnitt, gedachte ich der Zeit, da ich fast zwei Jahre früher den gewaltigen Strom überschritt. Es war in den letzten Tagen des Jahres, und im Dunkel der Winternacht mußten wir in die brausenden Fluthen uns stürzen; denn das Wasser, nicht wie hier sanft und einladend, stürmte mit wildem Toben einher und riß die durch seine grimme Kälte Erstarrten mit sich fort zu schrecklichem Tode. Wie mancher brave Gefährte fand da zu früh sein Grab! -- Und ich gedachte der Tage, die seitdem verflossen waren, in denen so Vieles mich traf, Gutes wie Übel; ich durchlebte wieder auf den Flügeln des Gedankens Leiden und Gefecht, das traurige Schmerzenlager nach schwerer Verwundung, die gräßliche, hoffnungs- und thatenlose Gefangenschaft, dann die Befreiung und wieder die Scenen des Kampfes und des Sieges über die Gehaßten. Hatte ich nicht hundertfach Grund, dem ewigen Erhalter innigen Dank zu spenden, da ich jetzt sorglos auf den tanzenden Fluthen mich schaukelte!
Sorglos! -- Ha, wie so ganz anders gestalteten sich seit jener Zeit die Verhältnisse und die Hoffnungen der erhabenen Sache, deren Vertheidigung ich mein Schwerdt gewidmet hatte! Damals ja, duldeten wir viel von der Elemente Wuth und den Fatiguen, unvermeidlich in so schwierigem Unternehmen; damals umgaben uns rings Gefahren und Leiden, und Tod drohete in mannichfacher Gestalt. Aber wir litten Alles freudig und mit Enthusiasmus, wir jubelten bei dem Gedanken, den Krieg in das Gebiet der stolzen Feinde zu tragen, und wir vertrauten, daß der Erfolg, so viele Anstrengungen krönend, das ersehnte Glück uns bringen werde, den Monarchen, für dessen Rechte wir fochten und duldeten, siegreich auf seiner Vorfahren Thron zurückzuführen.
Jetzt war keine Hoffnung mehr für uns: das Heer, dem ich früher angehörte, war vernichtet, der König mit seinen Getreuen in fremdes Gebiet gedrängt, ein Gefangener. Die Massen der Feinde, die bisher jenem Heer gegenüberstanden, zogen nun heran, mit vielfacher Übermacht uns zu erdrücken; wir konnten nur noch streben zu unterliegen unserer würdig, zu kämpfen, bis auch die Möglichkeit des Kampfes genommen sei, und dann ... Schrecklicher Gedanke: dieser entsetzliche Wechsel ist das Werk des Verrathes!
Aber eben dieser Gedanke, wie peinlich schmerzhaft er war, hatte etwas Erhebendes, Befriedigendes. Unsere Schaaren, aus so schwachem, so verachtetem Kern entsprossen, standen unbesiegt und drohend, die zahllosen Söldlinge der Revolution vermochten Nichts gegen die Kämpen der Loyalität; Bestechung und Verrath allein konnten uns besiegen. Da war es glorreich, besiegt zu sein. -- Wie oft drängt sich das Gebet jenes Helden uns auf: „Schütze mich, o Herr, vor meinen Freunden, vor den Feinden werde ich selbst mich schützen!“
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Unser Marsch war gefährlich, da wir über dreißig Meilen weit von dem eigentlichen Gebiete der catalonisch-carlistischen Armee entfernt waren, während auf dieser ganzen Strecke nur dann Truppen sich fanden, wenn die Communication zwischen den beiden Heeren sie dort nöthig machte. Der Weg, dem wir zu folgen beschlossen, führte uns fortwährend durch einen wilden Gebirgszug, in dessen schmalen und scharf abgesetzten, aber fruchtbaren Quer-Thälern, welche wir sämmtlich durchkreuzen mußten, unansehnliche Dörfer dicht neben einander lagen. Zur Rechten und zur Linken ließen wir, oft nur eine halbe Stunde entfernt, die Forts liegen, mit denen die Christinos, wie allenthalben, das Terrain besäet hatten, welches sie das ihre nannten;[95] und wiederholt verdankten wir den Warnungen der ganz royalistisch gesinnten Bauern unsere Rettung von den kleinen Streifcorps, die unaufhörlich das Gebirge durchschwärmten, um die Passage zu verhindern.
Es verdient bemerkt zu werden, daß in allen diesen Dörfern zwei Behörden etablirt waren, eine christinosche und eine carlistische, die, wie sie mit der einen Parthei oder mit der andern zu thun hatten, abwechselnd ihre Functionen ausübten. Diese Einrichtung, von den beiderseitigen Anführern stillschweigend anerkannt, hatte für die Truppen sowohl, als für die Einwohner viele Vortheile und Annehmlichkeiten. Doch entstand daraus für einzelne Reisende, wie wir es waren, der gefährliche Umstand, daß die christinoschen Autoritäten sofort den Feinden die Ankunft derselben pflichtgemäß melden mußten, was sie jedoch, gleichfalls Carlisten, gewöhnlich bis nach dem Abmarsche verschoben. Übrigens wurden die Behörden der einen Parthei nie von den Truppen der andern belästigt.[96]
Nach manchen Gefahren und erschöpft durch mehrtägiges Marschiren ohne Rast, da wir selbst in den abgelegensten Orten kaum die zur Zubereitung der einfachen Speise nöthige Zeit bleiben durften, hatte unsere Caravane, aus vier Menschen, eben so vielen Maulthieren und einigen Guiden bestehend, in der Nacht die letzte feindliche Linie überschritten, und am Morgen des dritten Tages leuchtete von einem hohen Felsen die befestigte Hermite von Pinos uns entgegen, die uns als carlistisches Fort bezeichnet war. Bald sahen wir einige Compagnien von der Armee von Catalonien: ich bedauerte nicht länger, ihr angehören zu sollen.
Nachdem wir im ersten Dorfe durch zwölfstündigen Schlaf uns gestärkt hatten, langten wir am 23. October in Casserras an, wo der commandirende General des Fürstenthumes, der gefürchtete Graf von España, an demselben Tage angekommen war.
Catalonien ist eine der größten Provinzen der Monarchie und ohne Zweifel die reichste: ihre Bewohner zeichnen sich eben so sehr durch Thätigkeit und Industrie aus, wie die meisten übrigen Spanier und besonders die Bewohner der wie Catalonien von der Natur begünstigten Theile durch Trägheit und Indolenz. Dabei sind sie wilden, heftigen Charakters, der in den niederen Ständen oft in Grausamkeit und Blutdurst ausartet, stolz, standhaft, ja eigensinnig in den Ideen und auch in den Vorurtheilen. Noch immer hängen sie mit Vorliebe, die in jeder Hütte wie eine alte Sage vom Vater auf die Söhne übertragen wird, an dem Hause Östreich, für das sie einst so hart gekämpft, so schwer gelitten haben; noch immer hoffen sie, wieder den östreichischen Stamm über sich herrschen zu sehen, und jeder ~Austriaco~ ist sicher, bis in die fernsten Gebirge hin Wohlwollen und freundlichste Aufnahme zu finden. Der Franzose aber, der verachtete ~Gavacho~, findet nur Haß und nicht selten martervollen Tod.
Das Fürstenthum muß als aus zwei in mancher Hinsicht sehr verschiedenartigen Theilen bestehend angesehen werden. Das Flach- oder Küstenland, ganz hügelig, im Süden dem Ebro entlang und im Osten längs dem Ufer des Meeres sich erstreckend, ist mit zahllosen Städten bedeckt, die durch den Handel zu den reichsten der Halbinsel gemacht sind. Dort blühen Manufakturen und Fabriken, die Wissenschaften sind in hohem Schwunge, und das Land zeichnet sich aus durch das lieblichste Klima, welches alle Arten Südfrüchte in Fülle hervorbringt. Dort auch sind die festen Plätze der Provinz, dort herrschten stets die Statthalter Christina’s, und die Einwohner, wie überall, wo der Handel blühete, wenn nicht vorzugsweise der Herrschaft des Liberalismus geneigt, waren doch gleichgültiger gegen das Streben der royalistischen Parthei. Sie wollten Frieden, unter wem es auch sei.
Wenn man aber in die Gebirge sich vertieft, die von den Pyrenäen wild verschlungen gen Süden sich hinziehen, den größten Theil des Fürstenthumes bedeckend, nehmen alsbald Land und Bewohner einen andern Charakter an. Die Luft wird rauh; anstatt der Weingärten und Olivenhaine bedecken dichte Eichenwaldungen die Bergrücken und umgeben Getreidefelder die zahlreichen Dörfer. Große Städte werden seltener und fallen endlich ganz weg, wogegen kleinere Ortschaften und vor allen die einzelnen Gehöfte zunehmen, welche überall durch die Thäler zerstreut sind. Ackerbau und einige Viehzucht ist dort der einzige Erwerbszweig.
Alle Bauern sind sehr wohlhabend, da in Catalonien, der einzigen Provinz Spanien’s, die Untheilbarkeit der Grundstücke gesetzlich ist. Die jüngeren Söhne werden irgend eine andere Nahrungsquelle suchen -- daher wohl der Unternehmungsgeist der Catalonier, der so Viele außer Landes treibt, -- wenn sie nicht, wie sehr oft, vorziehen, im Hause des ältesten Bruders, des als Kind schon mit Ehrfurcht behandelten ~heréu~,[97] als Knechte zu bleiben.