Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 38

Chapter 383,411 wordsPublic domain

Cabrera -- ich muß es hier wiederholen -- während er im Getümmel des Kampfes und vor Allem, wo er seine Freiwilligen um sich her fallen sah, keine Schonung kannte und, von Haß und Rache glühend, den fechtenden Feind bis auf den letzten Mann vernichtete; Cabrera bewährte gegen die Entwaffneten, die Gefangenen stets den Edelsinn und die Großherzigkeit, welche den Grundtypus seines Charakters bilden. Auch bei Carboneras wurden die Gefangenen mit ungewöhnlicher Großmuth behandelt. Sie behielten ihr Gepäck unangerührt, und den Officieren wurden selbst die Pferde für den weiten Marsch bis zum Depot gelassen, während alle ihre Bedürfnisse sogleich mit höchster Sorgfalt befriedigt wurden. Als aber dem General angezeigt ward, daß die Christinos kurz vor der Übergabe die in den Cassen befindlichen bedeutenden Fonds nach Verhältniß ihrer Grade unter sich vertheilt hätten, wobei man ihm bemerklich machte, daß er auf sie als königliche Gelder vollkommenes Recht habe, befahl er: „Nein, laßt es den Armen; sie werden mehr, als wir, es nöthig haben.“ Die unglücklichen Einwohner aber des zerstörten Dorfes sprach er für die Dauer des Krieges von jeder Abgabe und Leistung frei, ließ auf Kosten des Gouvernements die zerstörten Wohnungen ihnen aufrichten und bewilligte ihnen ansehnliche Vorräthe an Korn für den Unterhalt und die Aussaat.

* * * * *

Nach Beendigung des Kampfes bat ich den General von neuem um Paß nach dem Heere von Catalonien, und er gestand ihn ohne Schwierigkeit mir zu. Ich ersetzte die ganz erschöpfte Kraft durch Speise und kurzen, aber erquickenden Schlaf und ritt am Nachmittage auf Cañete zurück, nachdem ich einen letzten Blick auf das unglückliche Dorf geworfen hatte, in dem nur die Kirche mit vier oder fünf Häusern aus dem Trümmerhaufen emporragte. Gräßlich durch das Feuer verstümmelt, lagen Leichen in Entsetzen erregender Zahl unter dem mit Blut getränktem Schutte der zusammengestürzten Gebäude, aus dem noch hie und da dichte Rauchsäulen und zuweilen auflodernde Flammen sich erhoben. Ringsum waren die Bataillone und Escadrone gelagert, von der schweren, sieggekrönten Arbeit ruhend, nachdem sie jubelnd im feurigen Weine, der nach dem Kampfe ausgetheilt wurde, auf das Wohl ihres Königs und des angebeteten Feldherrn getrunken. Schmerzlich bewegt zog ich von dannen; ich beneidete die Braven, welche ich verließ, überzeugt, daß Großes ihrem Muthe vorbehalten sei. Unterweges traf ich viele Officiere und kleine Truppenabtheilungen, die ihnen sich anzuschließen eilten, so wie ein starkes Detachement Sappeurs, welches von Cañete herab zum Heere beordert war.

Nachdem ich wieder einige Tage bei dem wackern Arévalo zugebracht hatte, reisete ich über Vejis, Linares und Mosqueruela langsam nach Morella, von wo aus ich nach Catalonien abzureisen gedachte. Überall zeigten die Gebirge, welche ich zu übersteigen hatte, der wahre, ein mächtiges Hochplateau bildende Knoten der wilden Sierras von Unter-Aragon, jene Schroffheit und Unzugänglichkeit, welche im Königreiche Valencia mich frappirt hatten. Die Thäler aber waren nicht mehr so lieblich und so reich bebaut, wie dort; auch sie trugen das Gepräge der Ungastlichkeit und Rauheit, so wie die Wohnungen sich nicht durch jene Sauberkeit auszeichneten, mit der der Valencianer auch die Hütte anziehend zu machen weiß.

Dagegen ward ich überall wahrhaft herzlich willkommen geheißen und mit tausend Fragen über die Armee und ihre letzten Siege bestürmt, die gewöhnlich mit einem enthusiastischem viva Don Ramon! geschlossen wurden. Diese Bergbewohner hatten in der That seit dem Beginn des Krieges sich stets als echte Carlisten bewährt und standen daher hoch in der Gunst Cabrera’s, dessen sie sehr wohl sich erinnerten, wie er als Abanderado in dem Corps von Carnicer im Studentenrock und ein buntes Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt[90] die Sierra’s durchstrich, oft nur durch die Ergebenheit der Landleute von den verfolgenden Streifparthieen der Negros gerettet.

Schon jetzt war in diesen Gebirgen, deren Bewohner, auf den Bau von Roggen und Kartoffeln beschränkt, durch Gewerbthätigkeit das Fehlende sich ersetzen, die Luft rauh und herbe geworden, und wiewohl am Mittage die belebende Wärme der Sonne in sengende Hitze überging, waren doch die Nächte schauerlich frisch, und schneidende Kälte begleitete die Winde von den mit Schnee bedeckten Höhen herab. So näherten wir uns gern den mächtigen Feuern, welche in allen Häusern einladend vom Heerde uns entgegen leuchteten, da hier im Gegensatz zu den nackten Hochrücken von Valencia das Gebirge mit reichen Fichtenwaldungen bedeckt ist.

Gegen das Ende September’s langte ich in Morella an, dessen Castell von seinem Felsblocke herab weit umher über die niederen Berge hin sichtbar war. Ich bewunderte die feste Lage der Stadt, wie sie hoch über die Thäler erhaben um den Fuß des schützenden Felsens malerisch sich gruppirt, und ich bewunderte die Bravour der Christinos, welche trotz so vieler von der Natur ihnen entgegengesetzten Schwierigkeiten bis zum Fuße der Bresche stürmend vordringen konnten. Aber Staunen ergriff mich, als ich den ungeheuren Felskegel vor mir aufgethürmt sah, auf dessen Gipfel das Castell wie durch Zaubermacht hingepflanzt scheint; als ich die senkrechte Wand betrachtete, wo die braven Castilianer furchtlos sie erstiegen! Unmöglich scheint es, daß Menschen solches Unternehmen im Geiste auffaßten, unmöglich, daß Menschen sich fanden, die nicht vor der Ausführung schaudernd zurückbebten. Dort auf dem schmalen, abschüssigen Absatze in furchtbar schwindelnder Höhe faßten die Stürmenden Fuß, dort, über dem Abgrunde schwebend, setzten sie die gebrechlichen Leitern an zur Erklimmung der noch eben so hoch über ihnen senkrecht aufsteigenden Felsenmasse!?

Noch ward ich durch Rücksicht auf einige Officiere, die nach Catalonien mich begleiten wollten, in Morella und dem nahen Orcajo festgehalten, als am 6. October Cabrera dort ankam, finster die Stirn umwölkt, während schwankende Gerüchte verkündeten, daß Espartero mit zahlreichen Heerhaufen in Zaragoza stehe. Nachdem er O’Donnell, der zur Beobachtung von Valencia über Teruel nach Castilien sich richtete, durch gewandte Demonstrationen getäuscht und zurückgedrückt hatte, war der General mit zwölf Bataillonen und neun Escadronen nebst sechs Geschützen über Beteta nach Guadalajara aufgebrochen, wo keine feindliche Colonne mehr existirte, die seinem Vormarsch auf Madrid sich hätte widersetzen können. O’Donnell aber befand sich weit entfernt im Königreiche Valencia, während Forcadell und Arévalo mit neun Bataillonen und vier Escadronen in Cañete und dem Turia zurückgelassen waren, um das feindliche Heer zu beobachten und den Rücken des vordringenden Corps zu sichern.

In stolzer Zuversicht durchzogen die Colonnen das fruchtbare Hügelland Castilien’s; schon jubelten die Freiwilligen, nur noch zwölf Leguas von der Hauptstadt entfernt, des nahen, herrlichen Triumphes gewiß[91] -- da ordnete Cabrera den Rückzug an und führte die erstaunten Truppen in Eilmärschen nach Aragon zurück. Er hatte die Nachricht von dem schmählichen Verkaufe von Bergara und dem Übertritt Carls V. nach Frankreich erhalten.

Espartero war in Zaragoza angekommen, um mit O’Donnell vereint die Armee Cabrera’s zu erdrücken, der sich schon durch den Letzteren von dem ganz vertheidigungslosen Hochgebirge abgeschnitten sah, welches die Grundlage und den Kern seiner Macht bildete. Bei seiner Annäherung zog sich jedoch der feindliche Feldherr ehrerbietig in die Festungen zurück, ohne den Rückmarsch zu stören. Cabrera eilte, zum Todeskampfe sich vorzubereiten.

[85] Denn die ganze Stärke der Armee des Centrum mit Garnisonen u. s. w. war etwa 60000 Mann.

[86] O’Donnell wollte überall durch Massen siegen, den kleinen Krieg gar nicht kennend. So erreichte er zwar augenblicklich sein Ziel, aber stets mit so ungeheurem Verluste, daß jeder Vortheil dadurch einer Niederlage gleich wurde.

[87] Die beiderseitigen Vorposten pflegten sich zu unterhalten, oft auch sich zu höhnen und zu schimpfen. Da nun die Carlisten ihre Gegner fortwährend verspotteten, daß sie durch so wenige Bataillone zurückgehalten würden, ward endlich der feindliche Führer durch die immer wiederholten und immer gleichlautenden Nachrichten von seinem Irrthum überzeugt.

[88] Die Truppen waren nie zufriedener, als wenn gegen einen von diesen Blutsaugern, die sie redlich haßten, solche rasche Justiz geübt wurde.

[89] Übrigens ließ er sie gar nicht zur Übergabe auffordern. Auch geschah das sehr selten in Spanien, indem der Bedrängte stets die ersten Schritte thun mußte.

[90] Die Kopfbedeckung der Guerrillas in Aragon und Catalonien bestand ursprünglich in diesem bunten Tuche, bis sie das Barett der Basken adoptirten.

[91] Ich will nicht deshalb behaupten, daß Madrid in jenem Augenblicke den Carlisten in die Hände gefallen wäre. Man darf vielmehr aus vielfachen Äußerungen abnehmen, daß es Cabrera’s Absicht war, Schritt vor Schritt Castilien zu erobern und durch angelegte Festungen -- wie Cañete, Beteta -- in ihm sich festzusetzen, bis er, wie er selbst sich ausdrückte, eine Kette von Forts errichtet hätte, deren letztes in die Fenster Maria Christina’s hineinschauen und auf immer den Trotz des revolutionairen Pöbels der Hauptstadt brechen sollte. -- Aber sehr, sehr nahe war die Zeit des Triumphes, wenn nicht Espartero’s Ankunft die Lage der Dinge so ganz umkehrte.

XXVIII.

Seht Ihr jene Schaaren, die in nicht endendem Zuge die fruchtbaren Gefilde von Nieder-Aragon durchschreiten, stolz die Stirn erhebend, als ob sie so eben ruhmwürdige Thaten vollbracht hätten? Drohend ziehen sie einher in kriegerischer Haltung, hochmüthig prahlen sie mit ihrer Zahl, wie in diesem Kriege die zitternden Bürger sie noch nicht vereinigt sahen. Tausende funkelnder Reiter begleiten die weit ausgedehnten Colonnen der Infanterie, und in ihrem Gefolge schleppen sie die Verderben speienden Maschinen, bestimmt, die hohen Mauern und Wälle niederzuschmettern und Tod und Verwüstung in die Reihen des Feindes, wie in die Wohnungen des friedlichen Bürgers zu tragen.

Ha, wie sie jubeln, die Tausende! Wie sie rüstig daherziehen, als gingen sie, ein lärmendes Freudenfest zu feiern! -- Und doch, sind nicht unter ihnen eben die, welche zwei Jahre früher in diesen Feldern zitternd entflohen oder, Gnade erflehend, der kühnen, siegreichen Schaar sich gefangen gaben, die unter ihres Königs Führung von ihrer Bergveste hinabstieg, bis zu den Thoren von Madrid den Schrecken ihres Namens zu tragen? Sind sie nicht dieselben, welche so lange umsonst die braven Basken niederzudrücken suchten, dieselben, deren ruchloses Wuthgeheul so oft verstummte vor dem loyalen Kriegsrufe der gefürchteten Söhne des Gebirges, gegen deren Racheschwerdt sie hinter den Wällen ihrer Festungen schimpflichen Schutz suchten?!

Sie sind es -- -- aber, wehe! jener begeisternde Schlachtenschrei der Treue erschallt nicht mehr; nicht eilen, wie in jenen glorreichen Tagen, die Krieger Carls V. herbei, den Triumphmarsch des Heeres der Revolution zu hemmen. Unaufgehalten, unangefochten zieht es über die offene Ebene den Gebirgen zu, denen, fern stufenförmig über einander gethürmt, die Vertheidiger Isabella’s so lange nur mit Zagen naheten; und übermüthig verkündet es, daß schon der Krieg, der seit sechs Jahren das schöne Königreich verwüstete, auf immer beendigt sei, daß der kleine Haufen, der noch in jenen Bergen für die Vertheidigung seines rechtmäßigen Königs die Waffen führt, bei ihrem Anblick flehend sich unterwerfen oder sofort unter der Übermacht zermalmt werde.

Die Bataillone, welche bisher diesen Massen entgegenstanden und sie fesselten, existiren nicht mehr. Die Männer, welche, die Waffen in der Hand, ihre Gebirge gegen alle Anstrengungen der mächtigen Usurpatorinn vertheidigten, unterwarfen sich, verkauft von dem General, den sie mit hoffnungsvollem Enthusiasmus an ihrer Spitze sahen, dem verachteten Feinde, oder sie mußten mit dem Herrscher, für den ihr Blut geflossen, im fremden Lande unwillig gewährten Schutz suchen.

Maroto hatte sein Werk vollbracht. Nachdem er die Generale, deren Ergebenheit er fürchtete, meuchlings hingemetzelt, nachdem er den Geist der Truppen durch fortwährendes Weichen ohne Gefecht, durch Aufgeben aller Vortheile und weiter Landstrecken geschwächt und ihre Zuversicht, wie die der Einwohner, untergraben hatte, krönte der treulose Feldherr seine Schande, da er am 29. August 1839 den Kern der ihm anvertrauten Armee dem Feinde in die Hände spielte. Die Umarmung von Bergara, wie Christina’s Liberale den Act der Überlieferung nannten, zeigte den erstaunten Völkern das Schauspiel eines Generals, der, von seinem Könige mit dem höchsten Vertrauen, ja mit fast königlicher Macht geehrt, diese Macht und dieses Vertrauen benutzte, um seinen Herrscher, seinen Wohlthäter den empörten Unterthanen desselben zu verrathen und aus dem angestammten Reiche ihn zu vertreiben.

Es ist nicht zu verwundern, daß Carl V. unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, bis zum letzten Augenblicke das künstlich um ihn geworfene Gewebe nicht durchschaut, und daß er dann, als zu spät die Wahrheit ihm klar ward, die Besonnenheit verlor und zagend floh, wo entschlossene Maßregeln und Energie die Schandthat zwar nicht mehr verhüten, aber doch ihre Wirkungen schwächen und sie weniger entscheidend machen konnten. Anstatt, da er nicht mehr auf dem bisherigen Kriegstheater sich halten konnte, an der Spitze der ihm gebliebenen, stets entschieden treuen Bataillone zur Vereinigung mit den Armeen sich durchzuschlagen, welche in Catalonien und Aragon für ihn kämpften, ließ der König nach der Gränze von Frankreich sie zusammendrängen und zog sich endlich mit ihnen in dieses Königreich zurück.

Nach so bitterer Täuschung an Allem verzweifelnd bewog ihn sein immer gleich milder und christlicher Charakter, ferneres Blutvergießen zu vermeiden. Ich wiederhole mit tiefem Schmerze: die Eigenschaften Carls V. hätten ihn zum großen, Segen spendenden Monarchen gemacht, wenn ihm gegeben wäre, in ruhigerer Zeit friedlich sein Volk zu regieren. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, der eiserne Brust und eisernen Willen erforderte.

Doch betrachten wir näher die Ereignisse, welche die Herrschaft der Carlisten in den baskischen Provinzen vernichteten und ihre Hoffnungen, die so schön erblüheten, auf immer brachen, da durch sie auch die Anstrengungen der Braven unnütz gemacht wurden, die im Osten Spaniens so erfolgreich für die Rechte ihres Königs stritten und zur Vollendung des von den Basken Begonnenen bestimmt schienen. Schwer wird es mir wahrlich, meine Blicke auf jene Zeit des Verbrechens und des Unterganges zu heften und mit Ruhe zu detailliren, wie der erkaufte Feldherr den Verrath vorbereitete und ausführte.

Jeder edel Denkende aber, welcher politischen Meinung er auch sei, mag er nun Carl V. als dem rechtmäßigen Souverain Spaniens oder den Anhängern der Tochter Ferdinand’s, wähnend, daß sie nicht bloß dem Namen nach Liberale seien, Erfolg gewünscht haben; er wird mit Abscheu auf den Mann sehen, den keine Verpflichtung zu binden vermochte, für den Treue und Dankbarkeit und Ehre bedeutungslose Worte waren, da allein niedrigste Selbstsucht ihn beherrschte und seine Handlungsweise bestimmte.

* * * * *

Maroto hatte während des Monates Mai die in der Provinz Santander und auf der Gränze von Vizcaya errichteten Forts dem christinoschen Heere übergeben, dann ohne zu schlagen die westliche Hälfte von Vizcaya geräumt und selbst in der Hauptstadt Orduña[92] den Feind sich festsetzen lassen. So schwächte er den Muth und die Zuversicht des Heeres und vor Allem des Volkes, welches den gehaßten Feind das Land überschwemmen sah, ohne daß die Truppen den geringsten Widerstand entgegengesetzt hätten; mit der Zuversicht aber schwand der frühere Enthusiasmus, wie der Wunsch nach Beendigung des immer drohender sich gestaltenden Krieges und nach Abhülfe der gehäuften Leiden täglich glühender wurde.

Da er diesen ersten Zweck erreicht hatte, glaubte er seine Pläne schon etwas bestimmter hervortreten lassen zu dürfen. Es galt, die Menschen nach und nach an den Gedanken des Beschlossenen zu gewöhnen. Bald sprach man öffentlich in den Provinzen von Unterhandlungen und Transactionen, und die Chefs, welche mit Maroto im Complott waren und denen er hauptsächlich in Vizcaya und Guipuzcoa alle wichtigeren Stellen hatte geben können, thaten, wie Viel sie vermochten, um ihre Untergebenen für diese Gerüchte empfänglich zu stimmen. Doch wie wenig klare Ideen die Masse über das Vorhaben ihrer Chefs sich machte, geht daraus hervor, daß bis zum letzten Augenblicke bald von der Heirath des Prinzen von Asturias mit der Infantinn Isabella, bald von dem Rückzuge des Königs nach Frankreich und dem Anerkennen der Fueros durch die Madrider Regierung gesprochen wurde, während noch öfter behauptet ward, Espartero wolle mit der carlistischen Armee sich vereinigen, um mit ihr gegen Madrid zu ziehen.

Mißtrauen und Unruhe nahmen indessen, da die Armeen bei so prekärer Lage wieder einige Monate ganz unthätig sich betrachteten, natürlich mehr und mehr überhand, und die navarresischen Bataillone, deren erprobte Anführer ja von Maroto hingemordet waren, geriethen in immer größere Gährung gegen diesen General. Am 9. August brach die Unzufriedenheit in offenen Aufstand aus, indem das 5. Bataillon, nahe der Gränze postirt, den Ruf erhob: „Nieder mit Maroto; es lebe Carl V. +frei+!“ Ihm schlossen sich mehrere andere, endlich fast alle Bataillone von Navarra an.

Jener Augenblick war der entscheidende. Hätte der König, dem gewiß schon von den Unterhandlungen, wenn auch nicht ihrer ganzen Ausdehnung nach, Kunde geworden war, an die Spitze der Navarresen sich stellen, dadurch ihre Erhebung sanctioniren und mit ihnen gegen den treulosen General sich wenden können, so würden die übrigen Truppen in der zu treffenden Wahl zwischen ihrem Herrscher und dem Verräther nicht geschwankt haben. Aber Carl V. war in der That nicht mehr König, nicht mehr frei; wohl hatten die Navarresen richtig seine Lage beurtheilt. Selbst als die +Gemäßigten+, von denen er umringt war, zu einer Zusammenkunft mit den Häuptern der Aufgestandenen ihn gehen ließen, damit er zur Unterwerfung sie berede, mußte er als Pfand der Rückkehr die Königinn in ihren Händen lassen. Maroto aber stellte, die Fortschritte der Royalisten zu hemmen, sofort die am meisten ihm ergebenen Truppen ihnen entgegen.

So hatte dieser Versuch der treuen Bataillone, die Allmacht des Generales zu brechen und ihren König dem drohenden Geschick zu entreißen, keine andere Folgen, als daß der Verräther sein Werk nun nicht in so großem Maßstabe ausführen konnte, wie er beabsichtigte, ehe die Navarresen seinem Einfluß sich entzogen.

Eben dieser theilweise Aufstand zeigte aber Maroto, daß er nicht länger zögern dürfe; er mußte fürchten, daß auch die Truppen der andern Provinzen, seine Absichten durchschauend und durch das Beispiel ihrer Cameraden aufgeregt, gegen ihn sich erklärten. Am 12. August verließ Espartero mit 20000 Mann und einem starken Artillerie-Train Vitoria und drang alsbald in Vizcaya vorwärts, Maroto wich fortwährend zurück, nur selten in ein Scharmützel sich einlassend. So besetzte Espartero, auf der großen Heerstraße vorgehend, am 22. selbst Durango ohne Kampf. Die Uneinigkeit und Verwirrung im carlistischen Heere stieg auf den höchsten Grad: schon waren Niemandem die Unterhandlungen der beiden Oberfeldherrn verborgen, und englische und französische Agenten eilten fortwährend von dem einen Hauptquartier zum andern. Espartero zog auch in Bergara ein.

Am 25. August hielt der König Revue über die dem Feinde gegenüberstehenden Divisionen, wobei das Bestehen und die Ausdehnung der Verschwörung ganz unzweifelhaft wurde, da mehrere Anführer schon ihrem Herrscher zu trotzen wagten, während dem General die ~vivas~ gebracht wurden, welche dem Könige versagt blieben. Nach der Revue wohnte dieser einem Kriegsrathe der vorzüglichsten Generale bei. Da legte Maroto, hart befragt, endlich die Maske ab; er gestand die Übereinkunft mit dem feindlichen Chef und legte die Bedingungen vor, welche ihm bewilligt waren. Die Sitzung wurde stürmisch. Die Verbündeten Maroto’s stimmten für ihn und stellten ferneren Krieg als hoffnungslos dar, die wenigen dem Könige Getreuen erklärten laut jene Unterhandlung für Hochverrath. Gänzlicher Bruch war die Folge.

Noch hätte rasches, energisches Handeln Vieles retten können, da die Armee keinesweges unbedingt den Verräthern gehörte; sie würde gewiß zu ihrer Pflicht zurückgekehrt sein, wenn Maroto und mit ihm die hauptsächlichsten Verschworenen, so wie sie offen ihr Verbrechen anerkannten und ihren König insultirten, augenblicklich ergriffen und vor der Front der Divisionen füsilirt wären. -- Aber Carl V., nicht mehr wissend, wem er vertrauen durfte, wen er als Feind und Rebellen betrachten mußte, anstatt kraftvoll aufzutreten, schwang sich auf’s Pferd und schlug, von Wenigen begleitet, den Weg nach Navarra ein, den Truppen ein schmerzliches: „Kinder, wir sind verkauft!“ zurufend.

Maroto dagegen führte das Heer den Positionen des Feindes zu und stellte sich zwei Stunden von ihm entfernt auf, er hatte in den folgenden Tagen mehrere Zusammenkünfte mit Espartero, in denen endlich Alles angeordnet und festgestellt wurde. Am 29. August führte er, begleitet von den Generalen Urbiztondo, Cabañero, Simon de la Torre, Luqui und seinem glänzenden Stabe, zwei und zwanzig Bataillone -- die Divisionen von Guipuzcoa und Vizcaya und fünf Bataillone von Castilien -- nebst einer Schwadron und einer Batterie nach Bergara, wo das Heer der Christinos, in Schlachtordnung aufgestellt, sie erwartete. Ihm gegenüber rangirte sich das carlistische Corps. Die Castilianer wußten noch nicht den wahren Zweck der Vereinigung, aber die Feinde hatten alle nahen Höhenpunkte besetzt, so daß die Rückkehr schon unmöglich gemacht war.

Die beiden Generale umarmten sich vor der Front der Armeen, worauf Maroto eine Anrede an die Christinos hielt, während Espartero zu den bisherigen Carlisten sprach, die endliche Aussöhnung preisend und die Segnungen des Friedens, der nun das so lange verwüstete Land beglücken werde. Dann wurden die Gewehre zusammengesetzt, die Soldaten, dem Beispiele ihrer Anführer folgend, umarmten sich und begrüßten sich als Brüder, um endlich vermischt die Erfrischungen einzunehmen, welche zur Feier des Tages herbeigeschafft waren. -- So hatte Maroto seinen Verrath vollbracht!

Nach dem Vertrage, der für die Provinzen Vizcaya und Guipuzcoa allein abgeschlossen war, da die Truppen der andern Provinzen sich nicht unterworfen hatten, sollten sie die Herrschaft Christina’s anerkennen, wogegen ihre Privilegien aufrecht erhalten würden. Den Officieren der überlieferten Divisionen wurden ihre Grade und Decorationen bestätigt, und die Verwundeten bekamen Pensionen, die Truppen aber sollten die Waffen niederlegen und in die Heimath sich zurückziehen, wenn sie nicht etwa vorzögen, in die christinosche Armee überzutreten. Diejenigen Officiere, welche Spanien verlassen wollten, bekamen viermonatlichen Sold ausgezahlt. Sehr Viele, welche getäuscht oder durch Gewalt nach Bergara hingezogen waren, verlangten sofort den Paß nach Frankreich.