Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 37

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Erst am 14. August, da die Feinde durch die Unvorsichtigkeit der Carlisten[87] von deren Schwäche unterrichtet waren, stürmten sie mit Aufbietung aller ihrer Kräfte die nur durch vier Bataillone vertheidigten Stellungen derselben, welche sie auch alsbald nahmen, den linken Flügel nach hartnäckigem Widerstande aus dem Dorfe Suera baja vertreibend, worauf sie es niederbrannten. Sie bemächtigten sich dann der beiden Thürme -- ein jeder war durch funfzehn Mann vertheidigt -- und verbrannten auch das Dorf Tales, wurden aber bei dem Sturme auf das Castell zurückgeschlagen, weshalb sie nun ihre Batterien nahe demselben aufführten.

Cabrera, der am Morgen in den vordersten Reihen der Tirailleurs mehrere Male nur durch das sehr gebrochene Terrain dem andringenden Feinde entkommen war, stürmte am Nachmittage mit zwei Bataillonen von Tortosa wieder vor, warf die ihm entgegenstehenden Massen über den Haufen und stand während der Nacht einen Flintenschuß weit von der am Morgen verlorenen Stellung. Als er aber am folgenden Tage, durch die detachirten drei Bataillone verstärkt, zu neuem Angriffe eilte, fand er das Castell in der Gewalt des Feindes: die kleine Garnison hatte es auf Befehl des Gouverneurs geräumt. Dieser wurde, da er Ordre erhalten hatte, bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen, nach dem Ausspruche eines Kriegsgerichtes erschossen.

O’Donnell zog sich auf Castellon de la Plana. Sein Heer war selbst in dem errungenen Erfolge außerordentlich entmuthigt und geschwächt, da es bei Tales gegen 4000 Mann eingebüßt hatte, während zugleich von allen andern Punkten des Kriegstheaters die niederschlagendsten Nachrichten einliefen. Die Unterfeldherrn Cabrera’s hatten die Entfernung der feindlichen Armee thätig benutzt, um bis zu den Thoren der großen befestigten Städte vorzudringen und das flache Land sich zu unterwerfen. Teruel, Daroca und Zaragoza waren blokirt, Llagostera, den Ebro passirend, fiel in Hoch-Aragon ein, Arévalo vernichtete die Brigade Ortiz, Polo durchzog und brandschatzte Mancha und die Besatzung von Cañete beherrschte die ganze Provinz Cuenca und drang selbst in Verbindung mit Beteta in das Innere von Guadalajara vor, wo sie am 6. August den berühmten Badeort Sacedon überfiel und mehrere hohe Hofbeamten der Königinn Wittwe nebst einigen Deputirten der Cortes gefangen fortführte.

Von nun an schloß sich O’Donnell in seine festen Plätze ein, ohne weiter den Operationen des carlistischen Feldherrn sich entgegen zu stellen. Er folgte ihm höchstens beobachtend in der Ferne und eilte bei seiner Annäherung unter den Schutz seiner Festungen zurück. Ohne Zweifel trug zu solcher Unthätigkeit die Erschlaffung und gänzliche Muthlosigkeit der christinoschen Truppen viel bei, da sie im Fall eines Zusammentreffens verderblich werden mußten; aber eben so sehr mochten den feindlichen General die Instructionen Espartero’s dazu bewegen, der, des Unterganges der carlistischen Hauptarmee in den Nordprovinzen gewiß, bis dahin Nichts auf das Spiel zu setzen befahl.

Cabrera aber flog mit gewohnter Thätigkeit nach Aragon und führte die schwere Artillerie von Alcalá la Selva über die Heerstraße von Teruel auf Segorve nach el Turia, wo er sie einstweilen in der Bergveste el Collado deponirte. Er vereinigte dort die Divisionen vom Ebro und von Valencia und die Brigade Arnau von der Division von Aragon nebst der kleinen Division Arévalo’s und der Besatzung von Cañete, zusammen 12000 Mann Infanterie und 1300 Pferde in 18 Bataillonen und 13 Escadronen. Llagostera stand mit dem Reste seiner Division in Nieder-Aragon, die vor kurzem gebildeten Bataillone 4. von Tortosa und 7. von Valencia nebst dem Bataillon Sappeurs und kleinen Detachements der andern Corps im Königreiche Valencia, größtentheils als Besatzung der festen Punkte, während zwei Escadrone von Tortosa am untern Ebro streiften und Oberst Bosque mit seinem Frei-Bataillon Schützen von Aragon die Festungen Alcañiz und Caspe blokirte.

* * * * *

Am Tage nach der Ankunft des Generals stellte Brigadier Arévalo mich ihm vor. Mein Vorurtheil gegen Cabrera mochte wohl Grund sein, daß ich in den kühnen Zügen etwas Wildes, Unheimliches zu erkennen glaubte, was mir späterhin nie mehr auffallend war. Übrigens ist das Äußere desselben so oft geschildert worden, daß ich das oft Gesagte nur nochmals wiederholen könnte; doch werde ich nie den Eindruck vergessen, welchen die Augen Cabrera’s auf mich machten, diese dunkel glühenden Augen, die in unaufhörlicher Bewegung feurige Blitze entsenden und, wohin sie sich fixiren, bis auf den tiefsten Grund durchbohrend zu dringen scheinen. -- Diejenigen, welche seit einigen Jahren ihn nicht gesehen hatten, fanden ihn unendlich verändert und gealtert, Sorgen und rastloses Mühen hatten ihren Stempel dem jugendlichen Antlitze aufgedrückt.

Ich ward von Cabrera auf nicht sehr schmeichelhafte Art empfangen, wozu mein Äußeres, wie es damals wohl choquiren konnte, die Veranlassung gab. Schon durch meine Statur zog ich stets die Aufmerksamkeit der Spanier auf mich, da sie allgemein kräftig, aber untersetzt gebaut sind. Dazu war ich wahrhaft ausgemergelt durch die Leiden und Entbehrungen der furchtbaren Gefangenschaft in Cadix’ Casematten und die dadurch hervorgerufene Kränklichkeit, während die Gesundheit, welche kaum wiederzukehren begann, die Spuren des Elends in den hohlen Wangen und dem krankhaft bleichen Teint noch nicht zu verwischen vermochte.

Der lange Aufenthalt in jenen halbdunkeln, feuchten Räumen, in denen wir zum Lesen selbst bei Tage des künstlichen Lichtes uns bedienen mußten, hatte meine Augen so geschwächt und empfindlich gemacht, daß noch Monate lang nachher das Strahlen der Mittagssonne, in jenen Landstrichen doppelt blendend, da sie rings von den weißen Häusern oder von grau glänzenden Felswänden zurückgeworfen wird, brennende Schmerzen mir erregte. Ich pflegte deshalb die Augen durch blaue oder grüne Klappenbrillen gegen den widrigen Einfluß zu schützen und beging, wiewohl das Vorurtheil der einfachen Facciosos gegen alles nicht der Natur Angemessene mir wohl bekannt war, die Unvorsichtigteit, bei dem Gange zum General eine blaue Brille aufzubehalten, deshalb nichts Übeles erwartend.

Als Arévalo mit einigen gütigen Worten mich vorstellte, betrachtete mich Cabrera eine Sekunde und fragte dann, die Stirn in Falten gezogen: „Und diese Brille? Ist das Mode in ihrem Lande?“ Auf meine Erwiederung, daß nicht Mode, sondern die Rücksicht auf meine in den Kerkern der Christinos geschwächten Augen sie mich tragen mache, sagte er kurz: „Vorwand, ~carajo~!“ Da konnte ich trotz dem Kopfschütteln Arévalo’s, der neben dem General stehend mir Schweigen zuwinkte, mich nicht enthalten, zu antworten, daß ich nie einen Vorwand gebrauchen würde, der übrigens in einer so ganz gleichgültigen Sache höchst unnütz wäre. „Aber ~carajo~, ich mag keine Brillen, Herr!“ donnerte Cabrera los. -- „So ersuche ich Ew. Excellenz um Paß nach Catalonien zu dem Heere des Grafen von España,“ bat ich fest, aber respektvoll.

In dem Augenblicke wandte sich Arévalo an den General und führte ihn an eine Fensterbrüstung, wo er eifrig mit ihm sprach. Bald traten sie wieder hervor und unterhielten sich mit den Officieren und Beamten, welche fortwährend mit Meldungen und Anfragen zu- und abgingen. Als ich endlich nach einer halben Stunde des Wartens mein Gesuch um den Paß wiederholte, erklärte mir Cabrera kurz, daß ich fürs Erste mit ihm kommen würde.

Arévalo, als ich bald mit ihm das Zimmer verließ, machte mir freundlich Vorwürfe über meine Empfindlichkeit und Schroffheit; er fügte hinzu, daß man unter Spaniern nicht jedes Wort so strenge nehmen und am wenigsten höher Stehenden so scharf erwiedern dürfe, wenn man nicht den unangenehmsten Händeln sich aussetzen wolle. „Ein Spanier, der so den Paß gefordert hätte, würde gewiß bei erster Gelegenheit erschossen sein; und Gelegenheit fehlt einem General nie.“

Wiewohl ich weder solche Macht des Generals noch solchen Charakter selbst im Spanier als allgemein anerkennen konnte, fühlte ich doch, daß mein Début mich auf etwas schlüpfrigen Boden stellte, und beschloß demnach, mit doppelter Vorsicht zu verfahren. Den Wunsch Arévalo’s aber, daß ich nicht wieder mit der ominösen Brille erscheinen möge, konnte ich unmöglich erfüllen; ich würde sie gern abgelegt haben, so wie der General mir ihretwegen nicht mehr Kälte zeigte; bis dahin hätte ich dadurch nur erbärmliche Schwäche kund gegeben. -- Während der folgenden Tage sah ich Cabrera wiederholt und ward stets mit flüchtigem Blicke und leichtem Neigen des Kopfes freundlich empfangen.

Der General war, so lange er in Chelva weilte, in ununterbrochener Thätigkeit; sein Logis war stets gefüllt und umgeben durch Haufen von Landleuten, welche auf die Kunde seiner Ankunft von allen Seiten herzuströmten, ihre Klagen und Bitten ihm vorzulegen. Da war keine Wache, um die Zudringlichen zurückzuweisen, kein Adjudant oder Kammerdiener, um mit nie erfüllten Versprechungen die Armen abzuspeisen. Cabrera empfing selbst Jedermann, hörte die Beschwerden und half sofort, indem er durch einen Adjudanten die betreffende Ordre niederschreiben, oder, wo Geld helfen konnte, von irgend Jemand aus seiner Umgebung einige Duros oder Gold-Unzen sich geben ließ; denn die eigenen Taschen hatte er gewöhnlich in der ersten halben Stunde geleert.

War er nicht so beschäftigt, so dictirte er im Büreau und sah die Berichte durch, welche stündlich von allen Seiten an ihn einliefen; bald empfing er Confidenten, oft aus den fernsten Theilen der Monarchie, bald hielt er Revue über die Truppen oder inspicirte Magazine und Hospitale, allenthalben bis in die kleinsten Details prüfend und jede Verbesserung selbst anordnend. Vorzüglich oft wurden auch die Kriegscommissaire herbeigerufen, entweder -- in Spanien sind sie alle anerkannte Spitzbuben -- um furchtbar sie anzudonnern oder gar einen aus ihnen auf der Stelle erschießen zu lassen,[88] wenn durch ihr Verschulden die Bedürfnisse der Truppen unbefriedigt geblieben waren; oder um anzuweisen, auf welche Art sie neue Ressourcen sich öffnen konnten. Hin und wieder rastete der General ein halbes Stündchen in der Mitte seiner Officiere, meistens über die Ereignisse des Tages sich unterhaltend, bis irgend ein neuer Gedanke der Fürsorge für seine Freiwilligen der kurzen Muße ihn entriß.

* * * * *

Am 28. August brachen wir von Chelva auf, wo Arévalo mit seinen Bataillonen zurückblieb. Wir zogen, nur vier Bataillone und einige Escadrone, über Titaguas der Provinz Cuenca zu, wurden aber bald durch Theile der Division vom Ebro und von Aragon verstärkt; wir sollten, so hieß es, nach der Mancha ziehen, wiewohl die eingeschlagene Richtung eher auf die Provinz Guadalajara als das Ziel des Marsches zu deuten schien.

Nachdem wir in einigen unbedeutenden Dörfern geruhet hatten, setzten wir am folgenden Tage den Marsch fort. Da erschien ein Spion, von mehreren Bauern begleitet, und ward angelegentlich vom General examinirt; der Marsch ward beschleunigt, Ordonnanzen entfernten sich in scharfem Trabe rechts und links, und bald erzählten sich die Adjudanten des Generals, daß wir eine feindliche Colonne angreifen würden. Der Spion hatte die Nachricht gebracht, daß fünf Bataillone und drei Escadrone der Division von Cuenca langsam dieser Stadt zuzögen, da sie den Aufenthalt Cabrera’s in el Turia und die Anhäufung von Truppen daselbst erfahren hatten. Wir eilten daher, den Rückzug dorthin ihnen abzuschneiden.

Am Mittage des 30. August vereinigten wir uns mit General Forcadell, der einige Bataillone von seiner Division und vier Escadrone uns zuführte, dann stieß auch Valmaseda mit seinen Reitern und die Escadron von Toledo zu uns. Wir hatten ohne Aufenthalt den ganzen Tag marschirt, als ein neuer Confident erschien, dessen Mittheilung den General, der fast ohne zu sprechen an der Spitze der Divisionen einherritt, lebhaft anregte. Er wandte sich mehrere Male zu uns um mit den Worten: „~los tenemos, Señores!~“ -- wir haben sie! -- und Blitze sprühten aus den leuchtenden Augen. Die feindliche Colonne war nach Carboneras, vier Stunden von Cuenca, abmarschirt, um dort zu übernachten und am Morgen Cuenca zu erreichen.

Nachdem am Abend kurze Zeit gerastet war, setzten wir mit jeder Vorsicht wieder den erschöpfenden Marsch fort, dessen Beschwerden die Freiwilligen in der Hoffnung auf baldigen Kampf freudig ertrugen. Über schroffe Gebirge auf fast ungangbaren Pfaden schritten die Bataillone Mann hinter Mann einzeln hin, so daß häufig auf freierem Platze angehalten wurde, um die Queue der langgedehnten Marschcolonne nachkommen zu lassen; die Cavallerie aber schlug andere, weitere Wege ein, den Windungen der Thäler folgend. Kurz vor Tagesanbruch vereinigte sie sich mit der Infanterie; bald ward wieder Halt gemacht. Todtenstille herrschte unter den Truppen; eine dunkele Masse nicht achthundert Schritt vor uns sollte das vom Feinde besetzte Dorf sein, und doch verrieth kein Laut die Gegenwart lebender Wesen in ihm. Da schallte der eintönige Ruf der Schildwachen zu uns herüber -- ein Jeder wohl athmete leichter, von schwerer Last die Brust befreit. Wenige Minuten später, als schon der Tag dämmerte, ertönte im Dorfe die Diana, die Feinde zum Morgen-Appell rufend.

Unsere Escadrone trabten rechts und links ab, den Ort zu umstellen, während die Bataillone auf die niedrigen Anhöhen rings sich vertheilten, von denen die leichten Geschütze in dem Augenblicke ihr Feuer eröffneten, in dem die Infanterie zum Sturm gegen die Häuser vordrang, welche, gleichfalls auf einer Höhe liegend und sämmtlich massiv, einer kräftigen Vertheidigung fähig waren.

In Carboneras befanden sich zwei Bataillone von Ecija und ein und ein halbes von dem Linien-Regimente el Rey nebst zwei Escadronen; ein Bataillon des Regimentes Reyna Gobernadora, ein halbes vom Rey und eine Escadron standen in Reilla, eine Stunde weit auf dem Wege nach Cuenca liegend. Gegen diese wandte sich Forcadell mit einem Theile des Corps. Er traf die Feinde auf dem Marsche, da sie, das Feuer hörend, ihren Cameraden zu Hülfe eilten, griff sie an, zersprengte sie gänzlich und machte etwa 500 Gefangene, von denen zwei Compagnien der Reyna Gobernadora niedergemacht wurden, da sie, nachdem sie sich ergeben hatten, wieder zu den Gewehren griffen und von hinten auf die Sieger feuerten.

Forcadell rückte dann zur Beobachtung gegen Cuenca vor, wohin am Abend, keine Gefahr ahnend, der Anführer der Division mit seinem Chef des Generalstabes zu einer Berathung mit dem commandirenden General der Provinz gezogen war, so daß, da der zweite Commandeur in Reilla sich befand, der älteste Oberstlieutenant zu Carboneras commandirte.

Der Angriff unserer Freiwilligen, wie erschöpft sie auch sein mußten, war äußerst brav, aber der Feind, von der ersten Überraschung zurückgekommen, vertheidigte sich mit gleicher Bravour; jedes Haus mußte einzeln genommen werden, in jedem kämpften die Christinos verzweifelt und räumten es gewöhnlich erst, wenn es angezündet über ihnen zusammenzufallen drohte. Die Bataillone, nachdem sie einige Stunden gefochten hatten, wurden durch andere abgelöset, um zu ruhen, worauf sie von neuem ins Feuer gingen, während ihre Cameraden auf einige Zeit zurückgezogen wurden. Das Dorf brannte fortwährend rings umher, dichte Rauchwolken gen Himmel sendend, aus denen das ununterbrochene Knallen der Schüsse, das wilde Geschrei der Fechtenden und das Krachen der einstürzender Mauern schauerlich durch einander tönten. Am Abend hatte die Eroberung der Trümmer von etwa zwanzig Häusern, die zum Theil mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen waren, uns schon über 300 Mann gekostet.

Mit immer gleicher Wuth von beiden Seiten tobte der Kampf die Nacht hindurch; doch waren die Christinos während derselben schon bedeutend nach der Mitte des großen Dorfes zusammengedrängt, rings von einem Kreise rauchenden Schuttes und halb eingesunkener Wände umgeben, wodurch das Vordringen unserer Freiwilligen bedeutend erschwert wurde. Auch die noch vertheidigten Häuser brannten langsam weiter, indem die Angreifer bemüht waren, brennbare Stoffe um sie her anzuhäufen. Die Einwohner des Dorfes aber, von denen freilich einige getödet waren, retteten sich meistens zu uns und wurden auf des Generals Befehl sofort in den nächsten Dörfern untergebracht.

Cabrera war wüthend. Er fluchte den Feinden und drohete furchtbare Rache, da sie ganz ohne Hoffnung auf Hülfe nutzloses Blutvergießen veranlaßten,[89] er jammerte über seine armen Burschen, wie sie fortwährend todt oder verwundet aus dem Getümmel zurückgebracht wurden; dabei waren noch immer keine Lebensmittel vorhanden, und die Hitze wurde gegen Mittag furchtbar drückend. Endlich erschien ein großer Convoy, von dem nahen Cañete gesendet, worauf der General sofort den gerade ruhenden Truppen einen Theil der Lebensmittel austheilen ließ und dann, da sie kaum gegessen hatten -- an Kochen war natürlich nicht zu denken, -- zur Ablösung der kämpfenden Bataillone sie schickte, damit auch diese mit Brod und Wein sich stärkten. Zwei Maulthierladungen von Orangen, welche der Gouverneur von Cañete aus besonderer Aufmerksamkeit dem General bestimmte, befahl er nebst dem exquisiten Weine den Verwundeten zu bringen, für sich und jeden Officier seines Stabes eine Orange zurückhaltend.

So oft ein Haus lebhaften Widerstand leistete, beorderte Cabrera irgend einen Officier aus seiner Umgebung, an die Spitze der Stürmenden sich zu stellen; und wehe! wenn er nicht der Erste der Gefahr sich entgegenwarf. Auch ich ward mehrere Male mit solchen Aufträgen geehrt und führte sie mit Glück aus. Cabrera selbst setzte sich häufig der größten Gefahr aus und ging bis dicht an die noch vom Feinde vertheidigten Gebäude vor. Officiere und Ordonnanzen wurden an seiner Seite verwundet, und ein Capitain von Tortosa, da er vor dasselbe Fenster eines eben eroberten Hauses trat, aus dem der General eine Sekunde vorher den Fortgang des Kampfes beobachtet hatte, ward durch eine Büchsenkugel zu seinen Füßen todt niedergestreckt.

Schon nahete wieder der Abend, und immer noch hatten die Christinos zehn oder zwölf Häuser rings um die Kirche inne, aus denen sie ein lebhaftes Feuer gegen die anstürmenden Truppen unterhielten. Mit mehreren Adjudanten und anderen Officieren stand ich hinter dem General, der bleich mit furchtbar gefalteter Stirn und über einander gekniffenen Lippen den vierten Sturm beobachtete, welchen eine Compagnie von Tortosa auf ein kleines, unscheinbares Haus machte, das, aus der noch vom Feinde besetzten Masse vorspringend und sie flankirend, mit großer Festigkeit behauptet wurde und ganz von Truppen gefüllt schien. Wieder mußten die braven Tortosiner weichen, nachdem die am kühnsten vorwärts Dringenden unter dem mörderischen Feuer gefallen waren.

Einen Augenblick stand der General starr, nur das Gesicht von einer krampfhaften Bewegung durchzuckt; dann wandte er rasch sich um, und das geisterhaft flammende Auge auf die sich zur Seite wendenden Officiere gerichtet, rief er mit Donnerstimme: „Wer wagt es? Niemand, ~carajo~?“ Mit hochklopfendem Herzen flog ich, von einem jungen Cavallerie-Officier begleitet, an die Spitze der Grenadiere, denen Cabrera ermunternd: „Vorwärts noch ein Mal, Burschen, und stecht die Teufel alle nieder!“ zurief.

Mit lautem ~viva el Rey! viva Cabrera!~ stürmten wir vorwärts. Nach fünf Minuten langem Ringen im Innern des Hauses hatten die herrlichen Tortosiner es genommen, alle Räume mit Todten und Sterbenden gefüllt; schon feuerten sie aus den Fenstern auf die zunächst liegenden Gebäude.

In dem Augenblicke, da der General in das Haus trat, sah ich, wie einige Freiwillige drei verwundete Christinos, die einzigen überlebenden von den Vertheidigern, aus einem Winkel hervorschleppten; sie durchbohrten kaltblütig den Ersten, einen Officier, und hoben die Bajonnette, um die Andern, welche umsonst Gnade erflehten, zu opfern, als mein Ausruf des Entsetzens: „Halt, Infame, Pardon!“ ihre Wuth hemmte. Da herrschte Cabrera finster mir zu: „ich habe befohlen, kein Pardon, Herr Capitain!“ mit einem Zornesblick vom Kopf zum Fuß mich messend, wie ich nie so drohend ihn gekannt. -- Mein Entschluß, Aragon zu verlassen, stand fest, während ich unmuthig nun mit verdoppelter Anstrengung in den Kampf mich stürzte.

Während der folgenden Nacht trieben wir den Feind, dessen Widerstand, wiewohl stets entschieden, doch augenscheinlich mehr und mehr erschlaffte, von einem Hause zum andern nach dem Mittelpunkte zusammen, nicht ohne manchen braven Gefährten einzubüßen. Beim Anbruch des Tages hielt er nur noch die Kirche mit ihrer unmittelbaren Umgebung inne, nach der er seine Pferde, Bagage und viele Verwundete gerettet hatte, und die in der Eile durch Öffnung von Schießscharten zur Vertheidigung eingerichtet war. Obgleich wir die verzweifelte Lage der Christinos kannten, welche, seit vielen Stunden ohne einen Tropfen Wassers, unmöglich lange ausharren konnten, befahl dennoch der General erbittert aufs neue den Sturm, als ein Officier, von einem Trompeter begleitet, sich zeigte und zu capituliren begehrte.

Ein Capitain von Tortosa ging zuerst bis zur Kirchenthür ihm entgegen, wohin ich mit andern Officieren ihm folgte. Als wir den kleinen Platz zwischen den Trümmern der zuletzt genommenen Gebäude und der Kirche überschritten, sahen wir in allen Schießscharten die Mündungen der Gewehre blitzen und dahinter die dunkel geschwärzten Köpfe der feindlichen Soldaten -- wohl um zu imponiren; doch wurden sie auf unser Verlangen sofort zurückgezogen.

Die Christinos forderten nach kurzem Gespräche, während dessen einem jüngern Officier, da er seine unzähmbare Gier nach Wasser aussprach, seine Cameraden drohende Blicke der Wuth und Verachtung zuwarfen, daß ihnen freier Abzug nach Cuenca mit Waffen und Gepäck zugestanden werde. Als der General auf die Meldung des Tortosiners dagegen unbedingte Ergebung verlangte, baten die Parlamentaire, selbst zu Cabrera geführt zu werden, was sofort geschah. Sie bestanden nach langem Unterhandeln daraus, daß die Colonne erst nach acht und vierzig Stunden sich ergebe, im Fall kein Entsatz käme, daß ihr aber bis dahin Lebensmittel und vor allem Wasser geliefert werde. Da erklärte der General, die Uhr hervorziehend, daß, wenn in zehn Minuten die Kirche noch besetzt sei, Niemand lebend sie verlassen werde. Vor Ablauf der Frist zogen die Christinos compagnieweise aus der Kirche, von Pulverdampf und Rauch geschwärzt und verzehrt vom glühendsten Durst, so daß viele unter ihnen nicht mehr vermochten, ein Wort zu sprechen.

Über 2100 Mann, unter ihnen 450 Verwundete, streckten die Waffen, so daß wir mit den Gefangenen Forcadell’s deren etwa 2400 zählten; 1620 Mann waren unter den Trümmern des Dorfes und in der Action Forcadell’s umgekommen, während von der ganzen schönen Division nur 800 Mann von Reilla nach Cuenca entflohen waren. Auch fielen 140 Pferde und fast 4000 Gewehre in unsere Hände. Bei dem verzweifelten Widerstande des Feindes mußte natürlich unser Verlust gleichfalls bedeutend sein: mehr als 800 Mann waren außer Gefecht gesetzt.