Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 36
Körperlich kräftig gebaut, untersetzt, oft selbst plump, ist der Aragonese einer der besten Linien-Soldaten Spaniens, so lange er durch strenge Disciplin gefesselt ist; wo sie irgend erschlafft, wo er gar in den Vorgesetzten Schwäche wahrnimmt, wird er sofort das Joch der Subordination von sich schütteln, und schwer ist es dann, ihn wieder zur Ordnung zurückzuführen. Daher waren die Bataillone von Aragon unter Cabañero’s schwacher Leitung stets undisciplinirt und zu jeder Unordnung, vor Allem zu Plünderung und Marodiren geneigt, was das Mißlingen manches Unternehmens veranlaßte -- so des Angriffes auf Zaragoza. -- Seit aber Llagostera, der jedoch zum Theil durch seine grobe Härte -- auch er ist Aragonese, -- weit mehr noch durch manche andere Fehler, besonders Habsucht, den Haß seiner Soldaten auf sich zog, den Oberbefehl der Division übernommen hatte, zeichnete sie sich durch Organisation und Disciplin sowohl, wie im Kampfe fortwährend aus.
Der Aragonese wird übrigens mit eben der Festigkeit gegen eine feindliche Veste geschlossen zum Sturm vorgehen, mit der er als Tirailleur Stunden lang Schuß auf Schuß mit dem gegenüberstehenden Gegner wechselt, in Masse formirt die Cavallerie bis auf zwanzig Schritt sich nahen läßt oder auf der Bresche mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit dem Andrange des stürmenden Feindes sich entgegenstemmt. Doch wird er sich oft ohne Nutzen aufopfern, um nur nicht weichen zu müssen.
Ganz verschieden von dem Sohne des rauheren Aragon ist der Valencianer. Leicht und gewandt ist er furchtbar im ersten Sturm des Enthusiasmus, der aber eben so rasch verfliegt und dann gänzliche Erschlaffung zurückläßt; weichlich, wie Klima und Lebensart natürlich ihn machten, ermüdet er schon, wo sein aragonesischer Camerad, der zwar anfangs langsameren Schrittes ihm folgte, der inwohnenden Kraft wahrhaft sich bewußt wird. Im Valencianer ist Nichts fest und entschieden: er schwankt wie das Rohr vor jedem Winde und folgt augenblicklich dem eben gegebenen Impuls, um durch den nächsten in vielleicht ganz entgegengesetzte Richtung sich werfen zu lassen. Er ist scharfsinnig und listig, ohne Treue und Glauben; ein Wort reizt ihn zu brausendem Zorne, und er stürzt sich auf den Beleidiger, das lange Messer ihm durch die Brust zu stoßen; aber eben so rasch besinnt er sich, zieht sich lächelnd zurück und -- erwartet den wehrlosen Feind hinter einer Ecke verborgen, um im Dunkel der Nacht unbestraft seine Rache an ihm zu kühlen.
Die valencianischen Truppen taugen nur zum ersten, raschen Angriff, wenn die Entscheidung augenblicklich herbeigeführt werden kann; so sind sie auch wohl zu dem unregelmäßigen Gefechte der ursprünglichen Guerrilleros geeignet,[82] denen der Kampf fast nur in Überfällen, Hinterhalten und Fliehen besteht. In dem schon regelmäßig organisirten Heere Cabrera’s dagegen waren die Bataillone der Division von Valencia immer die am wenigsten disciplinirten und wurden in jeder Hinsicht als die unzuverlässigsten und schlechtesten angesehen.
Zu festem, regelmäßigem Linien- und Massenkampfe mit den Colonnen der christinoschen Infanterie taugten sie gar nicht: sie wurden augenblicklich gebrochen und in wilde Flucht geworfen, denn geordneter Rückzug war ihnen unbekannte Sache. Bei dem Anblicke der Cavallerie aber pflegten sie, wenn nicht durch das Terrain gesichert, sich zu zerstreuen, indem ein Jeder für sich im Laufe sein Heil suchte. Und sie liefen leicht mit den Pferden um die Wette. -- Daher schlug Cabrera alle seine siegreichen Actionen mit den Divisionen von Aragon und vom Ebro.
Diese letztere hat den höchsten Ruf erworben: doch müssen dabei ihre beiden Theile streng gesondert werden. Sie bestand aus Cataloniern, den Landsleuten Cabrera’s, welche indessen mit den echten Cataloniern wenig gemein haben und ihnen selbst nicht angehören wollen: sie nennen sich Tortosinos und sehen mit gleicher Eifersucht auf Valencia und Catalonien, keinem von beiden sich zurechnend. Es sind die Bewohner des Ebrothales und des kleinen Theiles dieses Fürstenthumes, der sich südlich von dem Strome hinzieht. Sie bilden den Übergang von dem rauhen, braven Aragonesen zu dem geschmeidigen und weichlichen Valencianer, indem sie viele der bessern Eigenschaften der beiden Nachbarvölker in sich vereinigen und von deren Fehlern auch nicht ganz frei geblieben sind. Sie haben neben der unverwüstlichen Kraft und Ausdauer des Aragonesen die Körpergewandtheit und Leichtigkeit der Valencianer erhalten, deren auflodernde Heftigkeit und Rachsucht sie dafür auch theilen. Bieder und treu im Umgange verbinden sie damit die Schlauheit, durch die sie ihren Vortheil wohl zu wahren wissen.
In Betreff des militairischen Werthes dieser Süd-Catalonier muß wohl die Brigade von Mora, welche von ihren eigenen Officieren geführt wurde und nicht unter dem Einflusse von so vielen einwirkenden Umständen war, als Grundlage für die Beurtheilung angenommen werden. Sie sind demnach entschieden brav und fest beim Angriffe, tollkühn beim Sturm; aber selbst angegriffen verlieren sie leichter die Ruhe und Besonnenheit, und es ist vorgekommen, daß sie, ehe der Feind auch nur einen Schuß auf sie that, fliehend sich zerstreuten, da er durch langes Manövriren, dem sie sich nicht gewachsen glaubten, ihr anfängliches Feuer in Muthlosigkeit erkalten machte. Doch waren sie leicht disciplinirt und ertrugen standhaft jede Beschwerde.
Ganz verschieden aber zeigte sich stets die Brigade von Tortosa, die Garde des Grafen von Morella, zuletzt vier Bataillone stark. Sie focht mit hoher Auszeichnung immer gleich kaltblütig, gleich brav und entschlossen, und wie sie wahrhaft der Kern war, um den die Armee nach und nach sich gebildet hatte, so wurde sie auch die Elite derselben. Sie war begeistert durch das Gefühl, daß der angebetete General, den sie überall begleitete, als Landsmann und als Schöpfer ihr angehöre, und sie verrichtete heroische Thaten, um der Vorliebe eines solchen Führers sich würdig zu zeigen.
Unendlich Viel trug zu dieser Überlegenheit der Brigade von Tortosa über ihre Brüder von Mora ohne Zweifel der Umstand bei, daß Cabrera alle die ausgezeichnetsten Officiere der Armee, einen Jeden, der durch eine hohe Kriegerthat hervorleuchtete, zur Ergänzung der täglich in jener Brigade geöffneten Lücken[83] bestimmte. Und was hätte er mehr thun können, um sie zu heben! So durfte sie in Disciplin, Bravour, unerschütterlicher Festigkeit und Ausdauer den Elite-Truppen der ersten Armeen Europa’s an die Seite gestellt werden. In äußerer Ausschmückung stand sie freilich weit hinter ihnen.
Wie seine Officiere wußte Cabrera auch die Vorzüge und Schwächen seiner Truppen genau zu beurtheilen und sie immer dahin zu stellen, wo sie ihrer Eigenthümlichkeit wegen den meisten Erfolg hoffen durften. Die Division von Valencia sehen wir daher fast nie bei einer regelmäßigen Action genannt, sie wurde gewöhnlich in kleineren Detachements in der Art des Guerrilla-Krieges in den Provinzen verwendet, in denen das Terrain auch dem Feinde die Entwickelung seiner Massen nicht gestattete. Daher war sie besonders im gebirgigen Theile von Valencia, im Turia und in der Provinz Cuenca höchst thätig, während Cabrera mit den andern Divisionen in die ebeneren Provinzen, die Huerta, das westliche Aragon, Mancha und Guadalajara sich ausdehnte.
* * * * *
Am 31. Juli langten wir in Chelva an, einem niedlichen Städtchen nicht fern vom Guadalaviar, umgeben von Weinbergen und reizenden Gärten, in denen alle Arten von Südfrüchten prangten. An demselben Tage wurde ich dem Brigadier Arévalo vorgestellt, welcher damals en Chef die Provinz del Turia und die Division von Murcia commandirte, die er, ein erfahrener Militair, der seit dem Unabhängigkeits-Kriege in dem königlichen Heere gedient hatte, täglich mehr hob. Er sagte, daß er einen Angriff des Feindes erwarte, und erlaubte uns gern, da er zu schlagen entschlossen war, für diesen Fall seinen Truppen uns anzuschließen, wie er denn überhaupt durch höchst feine Bildung und Artigkeit vortheilhaft vor vielen unserer andern Chefs sich auszeichnete, die nur brave Soldaten und gute Anführer waren.
Der folgende Tag war in Lust und Scherz hingegangen, indem einige Officiere der dortigen Division in die tausendfachen Annehmlichkeiten der Stadt und ihrer köstlichen Umgebung uns einzuführen bemüht waren. Nachdem wir lange zu Pferde umhergestreift und dann dem üppigen Nationaltanze zugeschaut hatten, zogen wir uns nach Mitternacht vom Kaffeehause nach unserm bequemen Logis zurück, wo die Wirthinn, eine ausgewanderte Murcianerinn, uns schwellende Betten bereitet hatte, wie wir seit Jahren so einladend sie nicht gesehen, mit dem Gaze-Netze gegen die Mosquitos sorglich versehen. Da weckte uns früh Morgens am 2. August das Wirbeln der Trommeln, wir erfuhren, daß eine feindliche Colonne gegen Chulilla heranziehe, weshalb die zwei Compagnien, welche in Chelva sich befanden, dorthin eilten. Es war die Brigade Ortiz, welche, 3000 Mann Infanterie und 400 Pferde stark, mit zwei Feldgeschützen von Valencia entsendet war, um die kaum begonnene Befestigung von Chulilla zu zerstören und dann gegen die Colonne Arévalo’s zu operiren.
Um acht Uhr Morgens waren wir in dem nur zwei Stunden entfernten Chulilla angelangt, einem kleinen, freundlichen Dorfe, über dem ein isolirter Felsen an den Guadalaviar gelehnt sich erhebt, der zur Errichtung eines Castells benutzt war, um dadurch sowohl el Turia nach Südwesten hin zu decken, als den Übergang über jenen Fluß und die Einfälle bis zum Xucar und in das Königreich Valencia den Unsern zu sichern. Kundschafter erschienen indessen von Minute zu Minute, die Bewegungen des Feindes zu verkünden; doch Arévalo blieb ruhig in dem Dorfe, wo den von allen Seiten sich vereinigenden Compagnien Brod und Wein nebst Munitionen ausgetheilt wurde. Erst als ein Bauer[84] die Nachricht brachte, daß die Negros nur noch eine kleine Stunde entfernt seien, schwang er sich auf’s Pferd und stellte sich an die Spitze der Bataillone; ich folgte ihm mit einigen Adjudanten auf einem Bergpferdchen, dem einzigen, welches ich hatte auftreiben können, und so klein, daß meine Füße nicht selten auf dem unebenen Boden streiften.
Etwa eine Viertelstunde von Chulilla entfernt zog sich der Weg zwischen zwei leichten Anhöhen hin; dort stellte Arévalo die drei Bataillone, welche sich vereinigt hatten, mit dem rechten Flügel an den Guadalaviar gelehnt, auf, während der linke einige Landhäuser besetzt hielt. Die Grenadiere und Jäger standen, in Tirailleurs aufgelöset, etwa vierhundert Schritt vorwärts in den Weinfeldern, und 40 Pferde wurden dem Feinde entgegengeschickt. Fast drei Escadrone waren in Chulilla zurückgeblieben. Kaum waren jene Dispositionen getroffen, als auf dem vorliegenden Höhenkamme die dunkele Colonne der Christinos sichtbar wurde, höchstens 2000 Schritt entfernt; sie zog langsam herab und rückte dann in drei Bataillons-Massen gegen unsere Stellung an, eine starke Tirailleurs-Linie vor sich ausbreitend und die Cavallerie auf beide Flügel vertheilt.
Ich hatte mich, eine Büchse in der Hand und die Patrontasche um den Leib geschnallt, der Grenadier-Compagnie des 1. Bataillon del Turia angeschlossen, welche nahe am Guadalaviar vorgeschoben war; pochenden Herzens und glühend von Ungeduld erwartete ich den Angriff der Feinde, jetzt da ich zum ersten Male nach so langer, schmerzlicher Ruhe, nach den tausendfachen Unbilden, die ich durch sie gelitten hatte, den Gehaßten mich gegenüber sah. Die Christinos drangen auf der Heerstraße fest vor, rechts und links durch die Cavallerie und einige Compagnien Infanterie gedeckt. Sie warfen mit Leichtigkeit die beiden Compagnien, welche dort sie empfingen, und erstiegen geschlossen die Anhöhe, auf der unsere Bataillone aufgestellt waren. Zugleich stürzte eine Escadron, welche im Trabe dem Flusse entlang avancirte, sich auf die Grenadiere, denen ich mich zugesellt hatte, und zwang uns, in ein nahes, mit niedrigen Weinstöcken besetztes Feld uns zu werfen, wo zwei Compagnien sofort mit dem Bajonnett uns angriffen. Einen Augenblick wichen die Grenadiere, die rechte Flanke der carlistischen Stellung entblößend. Aber sofort von ihren Officieren gesammelt und geführt, drangen sie wieder vor, trieben mit dem Rufe: ~viva el Rey!~ die beiden Compagnien vor sich her und nahmen das verlorene Weinfeld wieder, wobei sie zwanzig Gefangene machten.
Die Hauptmasse des Feindes aber rückte kräftig im Centrum vor, die carlistischen Tirailleurs mit einigem Verluste vor sich herschiebend, und seine beiden Escadrone des rechten Flügels jagten die dorthin gezogenen 40 Lanciers in die Flucht, zersprengten die Elite-Compagnien, welche nicht mehr Zeit hatten, sich in Masse zu bilden, und bedroheten die linke Flanke und selbst den Rücken unserer Bataillone in dem Augenblicke, in dem sie den Angriff der feindlichen Massen erwarteten. Die Lage der Dinge war kritisch; Mancher verfluchte wohl die Unvorsichtigkeit des Brigadiers, der unsere Reiterei unthätig in Chulilla ließ.
Da erschien plötzlich auf der Höhe, von welcher der Feind herabgestiegen war, ein starker Trupp Cavallerie, in eine dichte Staubwolke gehüllt; die Christinos verstärkend mußte er sofort unsere Niederlage entscheiden. Beide Colonnen standen bewegungslos, ungewiß, wem die im scharfem Trabe Nahenden Hülfe brächten, als ein langer Jubelschrei: ~son los nuestros!~ -- die Unseren! -- durch die Linie der Carlisten ertönte: die rothen und weißen Baretts leuchteten durch den aufquellenden Staub. Die drei Escadrone, welche Arévalo in dem Dorfe zurückließ, hatten dort den Fluß passirt, auf dem jenseitigen Ufer den Feind umgangen und fielen ihm nun in den Rücken, auf das linke Ufer zurückgekehrt.
Mit dem Losungsrufe ~viva Carlos quinto!~ stürmten sie gegen das nächste Bataillon der Christinos; großentheiles aus Rekruten bestehend, zerstreute es sich und riß auch das zweite Bataillon, das umsonst dem Drange sich zu entziehen suchte, in die Flucht fort. Arévalo gab zugleich das Signal zum allgemeinen Avanciren, und die sechs Elite-Compagnien warfen sich mit dem Bajonnette von vorn auf die nach allen Seiten Fliehenden, so die furchtbarste Unordnung erzeugend. Das eine Detachement der feindlichen Cavallerie ward gleichfalls zerstreut, da es zur Rettung der Infanterie unsere Escadrone chargirte, das andere stärkere floh, ohne zu kämpfen, auf Chiva. In einer halben Stunde war die ganze Colonne vernichtet, und die wilde Verfolgung der Fliehenden ward bis zum Abend fortgesetzt.
Nur die Jäger und Grenadiere der Bataillone waren zum Schuß gekommen und hatten etwa 120 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt. Dagegen wurden an jenem und dem folgenden Tage 1200 Gefangene nebst siebenzig Pferden und einer genommenen Kanone nach Chelva gebracht; die andere hatten die Artilleristen auf der Flucht in einen Brunnen gestürzt, wo sie unentdeckt blieb, bis einige Wochen später eine andere Division der Christinos sie herauszog und davon führte. Übrigens hatte der Feind, welcher nur 71 Todte aus dem Schlachtfelde ließ, von seinen Geschützen gar keinen Gebrauch gemacht.
Zweitausend Gewehre waren erbeutet, von denen die besten zur Bewaffnung einiger neu gebildeten Compagnien und zur Ergänzung der in der Division von Murcia fehlenden benutzt wurden, worauf Arévalo den Rest an den General Forcadell ablieferte, welcher damit das 7. Bataillon der Division von Valencia bewaffnete. Die Brigade Ortiz erschien nicht wieder im Felde. Uns aber empfing, da wir am Abend mit einem Theile der Gefangenen nach Chelva zurückkehrten, das Jubelgeschrei der treu carlistisch gesinnten Einwohner, gegen deren Insulte mit einiger Mühe die wehrlosen Christinos geschützt wurden. Sie bestanden fast ganz aus jungen, unbärtigen Männern aller Provinzen und schienen, vor wenigen Monaten mit Gewalt dem väterlichen Hause entrissen, nun fast erfreut, da ihre militairische Laufbahn für das Erste beendet war.
[79] Die Bewohner des Landes bezeichnen diese Wege mit dem nicht unpassenden Ausdruck der ~caminos reales de perdices~ -- Rebhühner-Chausseen. --
[80] Der Volksglaube knüpft an diese isolirten Blöcke manche Sage und manchen Aberglauben. Einen derselben sollte Orlando -- Roland -- durch einen Fußtritt von einem benachbarten Felsberge hinabgeworfen haben, auf dessen Gipfel eine Lücke von ähnlicher Gestalt sichtbar ist. Nicht fern davon ist eine ungeheure Spalte in einem Felsen: Orlando öffnete sie mit einem Hiebe seines Schwerdtes im Kampfe gegen die Araber u. s. w.
[81] Als ~Nuestra Señora del pilar de Zaragoza~ -- unsere Herrin von der Säule von Zaragoza -- in ganz Aragon enthusiastisch verehrt. Die Capelle der Cathedrale, in der ihre auf einer Säule stehende Statue von Gold bewahrt ist, soll die prachtvollste der Halbinsel sein. Espartero suchte sich die Gunst der Aragonesen zu versichern, indem er bei seinem Durchzuge im Herbst 1839 der Jungfrau seine Ehrfurcht bewies; das Volk aber behauptete, er habe gar nicht die gehörigen Formen beachtet und sich benommen, als ob er zu hoch stehe, um ihre Jungfrau anzubeten.
[82] Dagegen taugten sie zu solchen nicht so gut, weil sie die Strapatzen einer solchen Kriegsart nicht zu ertragen wußten.
[83] Die Division, zu jedem schwierigen Unternehmen unter den Augen des Generals verwendet, litt immer ungeheure Verluste, so daß sie endlich aus lauter unbärtigen Jünglingen bestand. Die Officiere aber fielen natürlich stets die Ersten.
[84] Wo die Carlisten in ihrem Gebiete waren, ermüdeten sie selten die Truppen mit Vorposten-Dienst: jedes Dorf mußte die geringste Bewegung des Feindes sofort durch Eilboten melden und während der Nacht jeden Weg durch einen Posten bewachen lassen, so daß die Truppen durch mehrfache Reihen wachsamer Bauern geschützt waren.
XXVII.
Mehrere Wochen waren seit meiner Ankunft im Turia auf die angenehmste Weise verflossen. Das Gefühl, wieder unter den Meinen, wieder frei zu sein, würde ja das elendeste Gebirgsdörfchen zum lieben Aufenthalte mir gemacht haben; wie hätte ich da nicht überglücklich in dem reizenden Chelva sein sollen, wo eine ausgewählte, wahrhaft gebildete Gesellschaft sich vereinigte, da nicht nur die Familien vieler höheren Officiere und Beamten, sondern auch noch weit mehr aus den nahen, dem Feinde unterworfenen Provinzen vertriebene oder freiwillig ausgewanderte Carlisten dort sich niedergelassen hatten. Dazu kamen die eben so belehrenden wie heiteren Stunden, welche ich in Arévalo’s Gesellschaft, so oft er in Chelva war, zubrachte, die Tertulias in seinem Hause und die Spatzierritte, zu denen er täglich in der Kühle des Nachmittags mich einlud, da er seit dem glücklichen Gefechte von Chulilla durch ganz besonderes Wohlwollen mich ehrte.
So begleitete ich ihn auch zu einer militairischen Promenade mit zwei Bataillonen und zwei Escadronen südlich vom Guadalaviar auf Chiva -- unglücklichen Andenkens, da die Expedition des Königs dort von Oráa geschlagen wurde -- und dann gen Westen über Buñol nach Castilien, wo wir einen Tag in dem schönen Handelsstädtchen Utiel rasteten, um von da über Tuejar nach Chelva zurückzukehren. Wir hatten nirgends den Feind gesehen, schleppten aber einen nicht unbedeutenden Convoy von Lebensmitteln und vierzehn Maulthierladungen von Tuch und Schuhen mit uns, die, für O’Donnell’s Armee bestimmt, auf der großen Heerstraße von Madrid nach Valencia von uns aufgefangen waren.
Es war natürlich, daß meine durch den Jammer der anderthalbjährigen Gefangenschaft ganz zerrüttete Gesundheit unter dem Zusammenwirken so vieler wohlthätigen Umstände täglich mehr und mehr aufblühte.
Wenige Tage nach unserer Rückkehr, am 24. August, kam Cabrera, von Niemand erwartet, mit einer kleinen Escorte seiner Tortosiner in Chelva an; andere Bataillone von allen Divisionen sollten nebst zahlreicher Cavallerie theils auf dem Marsche nach dem Turia und der Provinz Cuenca begriffen sein, theils schon in den umliegenden Ortschaften sich befinden. Auch Oberst Polo -- seit kurzem mit einer Schwester des Grafen von Morella vermählt -- welcher mit fünf Bataillonen zu einem neuen Zuge nach Castilien detachirt wurde, während der General den feindlichen Oberfeldherrn mit seiner ganzen Armee bei Tales einige Wochen festhielt, war so eben mit bedeutenden Geldsummen durch la Mancha zurückgekehrt, einige dreißig tausend Schafe den Gebirgen zutreibend, wo sie sofort unter die Bauern vertheilt wurden.
Alle Maßregeln deuteten auf die nahe Ausführung hoher Pläne, und Officiere und Soldaten, wenn auch noch ungewiß, wohin ihr angebeteter Feldherr jetzt sie zu führen beabsichtige, vertrauten jubelnd, daß die nächste Zukunft Großes bringen werde.
Wir sahen, wie Cabrera, da er General Aznar’s Rettung nicht hatte hindern können, zur Deckung der schwachen bei Tales errichteten Werke, eines kleinen Castells und zweier einfach runden Thürme, dem General O’Donnell gegenüber sich aufstellte. Es darf nicht übersehen werden, daß dieser General den größten Theil seiner disponibeln[85] Armee, 17 Bataillone und 11 Escadrone mit 17 Geschützen, dort vereinigt hatte, während er nur kleine Colonnen von zwei oder drei Bataillonen -- doch mit zahlreicherer Cavallerie, die in jenem Terrain selten Anwendung fand -- in den übrigen Provinzen seines Commandos zur Beobachtung der Carlisten zurückgelassen hatte, deren Hauptmacht er natürlich unter Cabrera’s Befehl sich gegenüber wähnte.
Dieser aber entsendete nach und nach von den 14 Bataillonen und 7 Escadronen, welche er nach Tales führte, die größere Hälfte nach den vom Feinde entblößten Theilen des Kriegsschauplatzes und blieb mit nur 7 Bataillonen und 2 Escadronen in den Schluchten und Abhängen nahe Tales stehen, den Feind durch gewandt berechnete Manövres und Listen glauben machend, daß er fortwährend das ganze Corps vor sich habe, wobei die unbedingte Ergebenheit der Einwohner trefflich ihn unterstützte. Ja selbst von jener unbedeutenden Macht detachirte er noch drei Bataillone und fast die ganze Cavallerie auf längere Zeit, die Communicationen des Feindes mit Castellon de la Plana und Valencia bedrohend.
Durch solche Täuschung irre geleitet, operirte O’Donnell vierzehn Tage lang nur mit äußerster Behutsamkeit und Zeit raubender Vorsicht gegen die kleine Schaar Cabrera’s. Als er aber endlich den Betrug erkannte und die kostbare Zeit, welche er unnütz dort verloren hatte, während die übrigen carlistischen Truppen weithin das christinosche Gebiet beherrschen und ausbeuten durften; da erst griff er in blindem Zorn eben so fehlerhaft, wie er vorher gezaudert, mit allen seinen Truppen in Masse die Stellung der Carlisten an, die er so lange kaum zu betasten wagte, und erkaufte den Besitz eines nutzlosen Thurmes mit dem Blute von Tausenden seiner Krieger.[86]
Schon am 1. August hatte O’Donnell seine Batterien gegen das kleine, nur funfzig Mann fassende Castell und die beiden, noch weit unbedeutenderen Thürme errichtet; da jedoch die Stellung Cabrera’s eine größere Annäherung ohne Kampf nicht zuließ, waren die Batterien so entfernt, daß sie fast gar keinen Schaden thun konnten. Die Carlisten harcelirten fortwährend die feindliche Armee, bald hier, bald dort erscheinend und so ihre Schwäche verbergend. Am 4. August zerstörten sie selbst einen großen Theil der feindlichen Arbeiten, und am 6. jagten sie alle avancirten Posten in gänzlicher Verwirrung auf das Hauptcorps, worauf sie am folgenden Tage den Versuch O’Donnell’s, eines vorwärts neben dem Castell liegenden Felsens sich zu bemächtigen, mit Verlust zurückwiesen. Die Scharmützel dauerten während der nächsten Tage ununterbrochen fort, ohne daß das Feuer der Batterien gegen die Werke oder die furchtsamen Demonstrationen der Armee gegen die Bataillone Cabrera’s entscheidenden Effect gehabt hätten.