Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 35
In der Mitte Mai’s wurde die Belagerung mit Nachdruck aufgenommen; die Artillerie war von Morella angelangt und die Beschießung begann. Sogleich eilte General Amor, mit Ayerbe vereinigt, an der Spitze von funfzehn Bataillonen und zehn Escadronen von Teruel, wo er zur Beobachtung Cabrera’s sich aufgestellt hatte, der Festung zu Hülfe, schob sich zwischen die Colonnen von Llagostera und Valmaseda, welche Eifersucht trennte, warf diesen am 18. zurück und griff am 19. Mai die Division Llagostera’s bei Utrillas an. Die Christinos schlugen sich brav, durchbrachen die carlistische Linie und nahmen Utrillas, als Oberst Palacios, mit der Brigade von Tortosa vom General entsendet, nach forcirtem Marsche von sechs Leguas auf dem Kampfplatze anlangte, das Vordringen des Feindes endete und selbst durch einen glänzenden Angriff mit dem Bajonett Utrillas wieder nahm. Amor brach alsbald das Gefecht ab und zog sich auf Montalban zurück, von wo die schwere Artillerie in das Gebirge gebracht war.
Kaum hatte er die Stadt nach Ablösung der Garnison verlassen, als die Geschütze wieder in den unversehrt gefundenen Batterien aufgestellt wurden und die Beschießung fortsetzten. Am 22. war Bresche geöffnet, wiewohl kaum practicabel, und der Sturm ward versucht; er scheiterte gänzlich an der Festigkeit der Garnison.
Cabrera langte zugleich von seinem Zuge nach Castilien an und übernahm selbst das Commando der in Aragon vereinigten Truppen, von denen Oberst Polo von neuem mit seiner Brigade nach der Provinz Guadalajara detachirt war. Am 24. Mai zog Ayerbe mit vierzehn Bataillonen zum Entsatze heran. Cabrera erwartete ihn bei dem Dorfe Armillos, wo er auf einem niedrigen Höhenzuge eine vortheilhafte Stellung einnahm, die jedoch für seine Streitkräfte -- neun Bataillone und sieben Escadrone -- zu ausgedehnt war. So gelang es Ayerbe, nach blutigem Kampfe zugleich das Centrum zum Weichen zu bringen und durch die Besetzung des Dorfes Martin den linken Flügel der Carlisten zu bedrohen, weshalb Cabrera, die Straße nach Montalban offen lassend, eine halbe Stunde weit mit geschlossenen Massen sich zurückzog, ohne daß der Feind einen einzigen Gefangenen gemacht hätte.
Ayerbe stellte die zerstörten Werke her und zog sich dann, nachdem er die Garnison verstärkt hatte, am 29. Mai über Muniesa auf Daroca. An demselben Tage waren die Batterien wieder errichtet und spielten mit erneuter Kraft gegen die Mauern der Veste.
Da Cabrera nun in Person die Belagerung leitete, wurden alle Mittel aufgeboten, um das Endresultat zu beschleunigen; denn bisher hatte der Eifer des nun schwer verwundeten Obersten von Rahden vergeblich gegen die Sorglosigkeit und oft gegen den Unverstand Llagostera’s[76] angekämpft. Der größte Theil der Werke, durch Minen oder durch die Wirkung der Geschütze vernichtet, lag bald in Trümmern. Aber Sturm auf Sturm ward mit großem Verluste zurückgeschlagen; die Belagerten kämpften mit heroischem Muthe. Eine neue ungeheure Mine -- ungeheuer in Rücksicht auf die Hülfsmittel der Carlisten: sie enthielt 1800 Pfund Pulver -- ward unter ihrem letzten Réduit, der festen auf hohem Felsen gegründeten Kirche, angelegt, um den Thurm zu sprengen. Da ertönte am 8. Juni die Nachricht, daß Ayerbe eilends nahe.
Cabrera befahl, die durch den Capitain vom Genie-Corps Verdeja ausgeführte Mine zu sprengen, wiewohl ihm erklärt ward, daß noch einige Fuß zur vollkommenen Erlangung der gewünschten Wirkung fehlten. Ungeheure Massen Felsen und Schutt erhoben sich gen Himmel, der Thurm wankte und -- fiel nicht, wie Cabrera noch immer gehofft hatte; ein furchtbarer Fluch verkündete die getäuschte Erwartung. Aber der über der Mine stehende Eckpfeiler des Gebäudes stürzte ein und bot eine schmale Öffnung zum Sturm dar; rasche Benutzung des Augenblickes hätte den Erfolg sichern können, aber es ward wohl eine halbe Stunde verloren, um die den Weg bedeckenden Schutthaufen zu entfernen. Die Besatzung, welche bei der Explosion entsetzt in das Innere der Kirche entflohen war, hatte ihre Posten wieder eingenommen: auch dieser sechste Sturm ward mit außerordentlicher Standhaftigkeit abgewiesen.
Am folgenden Tage zog Ayerbe ohne Gefecht mit achtzehn Bataillonen und zehn Escadronen in Montalban ein. Er forderte Freiwillige aus seinem Corps zur ferneren Vertheidigung der Ruinen, aber Niemand antwortete dem Aufrufe. Da zog er am Morgen des 11. Juni ab, die Garnison mit sich führend, von der mehr als die Hälfte todt oder schwer verwundet war; fast kein Mann war ohne Wunde geblieben.
Cabrera verfolgte ihn an der Spitze von 900 Reitern und griff in der weiten Ebene von la Hoz die feindliche Cavallerie an, welche die Deckung des Marsches übernommen hatte. Sie focht sehr brav, und lange wogte der Kampf unentschieden; Charge folgte auf Charge, der Boden war mit Leichen, Pferden und Waffen bedeckt. Endlich ward die Reiterei der Christinos ganz zersprengt und mit Verlust von fast 400 Pferden auf die Infanterie geworfen, welche in Masse formirt sie aufnahm und Cabrera zwang, sich entfernt zu halten, da er gar keine Infanterie bei sich hatte. Die carlistische Cavallerie hatte sich hier wie nie vorher bewährt; sie vernichtete die Überlegenheit, deren die Feinde auch in der Armee des Centrum in dieser Waffe bisher sich rühmen durften. Die herrliche Escadron von Toledo machte und empfing dreizehn Chargen hinter einander: Valmaseda’s beide Escadrone fochten mit gleicher Auszeichnung.
* * * * *
Die Beharrlichkeit Cabrera’s hatte endlich die Eroberung des so oft entsetzten Montalban erreicht, zu dessen Rettung die Feinde die höchste Kraft und Thätigkeit umsonst entwickelt hatten; er sah sich dadurch im ungestörten Besitze von Unter-Aragon bis zu der Heerstraße von Zaragoza nach Teruel, da die Garnisonen der Festungen Alcañiz und Caspe nun auf ihre Mauern beschränkt, ganz abgeschnitten und von gar keinem Einflusse mehr auf die Operationen waren. Über jene Straße hinaus stand aber die ganze Provinz ihm offen und bot ihm ihre Hülfsquellen.
Er eilte von Montalban, dessen Werke geschleift wurden, nach dem Königreiche Valencia, wo während seiner langen Abwesenheit der Generallieutenant Forcadell, der einen Theil seiner Division in el Turia und Castilien beschäftigt sah, gegen den Feind Terrain verloren hatte. General Aznar war bis nach San Mateo, einer bedeutenden, offenen Stadt in dem nördlichen Theile der Ebene vorgedrungen und hatte die dort aufgehäuften Getreidevorräthe genommen und zerstört. Cabrera bedrohete ihn mit der Cavallerie auf der Flanke und im Rücken, schnitt ihn, da die Division del Ebro herangekommen war, von Castellon de la Plana, seinem Rückzugspunkte ab, und zwang ihn nach hitzigem Gefechte, mit 3000 Mann nach Lucena sich zu werfen, wo er sofort eng blokirt wurde, da der Mangel an Lebensmitteln baldige Ergebung hoffen ließ.
General O’Donell,[77] bisher commandirender General in Guipuzcoa, war so eben zum Oberbefehlshaber der Armee des Centrum ernannt. Er eilte mit drei Divisionen zur Rettung der eingeschlossenen Bataillone und griff am 15. Juni das Heer Cabrera’s, vierzehn Bataillone, bei Alcora an, wo sie -- öfter wiederholter Fehler -- eine ausgedehnte Stellung nur schwach besetzen konnten. O’Donell durchbrach die carlistische Linie und konnte nach dreitägigem Gefechte den General Aznar befreien, wobei er jedoch ungeheuern Verlust erlitt, da er fortwährend mit seinen Massen die Tirailleurs der Carlisten bekämpfte und zur Seite drängte.
Während so O’Donnell, Aragon entblößend, im Königreiche Valencia operirte, ließ Cabrera einen Theil der schweren Artillerie von Morella über Cantavieja nach Alcalá la Selva bringen, der am meisten gen Osten in der Richtung zum Turia vorspringenden Festung des Hochgebirges von Unter-Aragon. Von dort sollte sie, sobald eine Gelegenheit sich böte, nach el Turia und Cañete transportirt werden, um theils zur Garnirung der neu angelegten Festungen zu dienen, ganz besonders aber für die Ausführung der beschlossenen Operationen in Castilien zur Hand zu sein.
Nichts zeigt so unzweifelhaft die Pläne des carlistischen Feldherrn für die zweite Hälfte des Jahres 1839, als diese Sendung des Belagerungsgeschützes nach dem so eben durch Befestigung gesicherten Gebiete, welches das Innere Spanien’s und selbst den Weg nach Madrid der Armee öffnete, da die Hauptstadt ohne weitere Vertheidigung, als seine eigenen, schwachen Mauern und seine Garnison, nur noch wenige Tagemärsche entfernt war. Kurz vorher hatte Cabrera auch Beteta nahe dem Tajo in der Provinz Guadalajara und zwanzig Leguas von Madrid zu befestigen angeordnet, was, ohne im geringsten vom Feinde gestört zu sein, ausgeführt werden konnte, da doch kaum 300 Mann Carlisten dauernd in der Provinz blieben. So groß war die Apathie, welche sich bereits der Christinos bemächtigt hatte! Wo immer Truppen Cabrera’s erschienen, unterwarf sich Alles unbedingt, und mit Recht klagten und höhnten die liberalen Blätter der Opposition, daß ein Sergeant mit acht Mann ungehindert ganz Guadalajara durchziehe und die Befehle seines Anführers mit Muße ausführe, während 6000 Mann Christinos in ihr vertheilt ständen, um bei dem Erscheinen einer feindlichen Guerrilla .... in die Festungen sich einzuschließen.
Durch die Anlegung des Castells von Beteta -- einst ein maurisches Schloß -- machte sich Cabrera zunächst die Hülfsquellen der ganzen Provinz zugänglich und sicher; für die späteren Operationen mußte es durch seine Lage höchste Wichtigkeit erhalten.
O’Donnell zog nach der Mitte Juni’s von Lucena zur Belagerung des kleinen Forts von Tales. Schon van Hahlen hatte nämlich die Stadt Onda befestigt, um durch sie in Verbindung mit Castellon und Segorve nebst den vorliegenden Vesten Villafamés und Lucena die Huerta, so reich an Hülfsquellen, gegen die Einfälle der Carlisten zu decken. Diese hatten nun über Tales, eine halbe Stunde von Onda, ein kleines Castell nebst zwei Thürmen angelegt, durch die sie der Garnison das Wasser abschnitten; diese Werke wollte daher O’Donnell vernichten. Cabrera zog ihm nach und nahm zur Deckung von Tales eine auf dessen Werke gestützte Stellung.[78]
[72] Die Bataillone von Mora, merkwürdiger Weise unter guten Chefs stets die schlechteste Brigade des Heeres, welche jeden Augenblick sich zerstreute, während die Brigade von Tortosa, gleichfalls Catalanen und aus einem benachbarten Distrikte, fortwährend glänzend sich auszeichnete. -- In dieser Action durchlief bei dem Anblicke des manövrirenden Feindes ein dumpfes Murmeln die Reihen von Mora, bis sie mit dem Rufe: „Sie manövriren, wir sind verloren!“ in gänzlicher Unordnung davon liefen, ehe noch der Feind einen Schuß gegen sie that.
[73] Jedenfalls war es ein ganz besonderer Gedanke, zu einer Recognoscirung den Belagerungs-Train mit so ungeheuren Schwierigkeiten durch die Gebirge mit sich zu schleppen.
[74] In den ersten Jahren des Krieges einer der thätigsten Verfolger der Carlisten und mehr als jeder Andere ihnen furchtbar, vermied er seit jenem Morde jedes Zusammentreffen mit ihnen.
[75] Herr General B. v. Rahden hat in seinem Werke sehr schätzbare Notizen über die Operationen des Jahres 1839 gegeben. Auch die demselben beigefügte Charte des Kriegsschauplatzes ist sehr genau.
[76] Llagostera verstand Nichts von Artillerie und Genie-Wesen, dennoch überall die Leitung mit Halsstarrigkeit fordernd. Übrigens war er einer der besten Untergenerale Cabrera’s im Felde; doch nicht sehr unternehmend und rasch.
[77] Die Familie O’Donell ist eine der ausgezeichnetsten Spanien’s. In diesem Kriege dienten einer jeden Parthei zwei von den vier Brüdern; der eine Christino ward von Zumalacarregui erschossen, der eine Carlist gefangen vom Pöbel zu Barcelona ermordet und aufgefressen. Der andere ward zum Verräther mit Maroto!
[78] Ich habe die Operationen des Jahres 1839 nicht so detaillirt, wie meine Materialien es wohl erlaubt hätten, da General Baron von Rahden als Augenzeuge sie so meisterhaft beschrieben hat, daß ich im besten Falle nur das schon Gesagte wiederholen könnte.
XXVI.
Nach langer, leidenvoller Gefangenschaft war ich wieder frei. Bewunderung füllte mich für den jugendlichen Feldherrn, der aus dem Nichts seine zahlreichen Schaaren geschaffen, die wilden Guerrillas in disciplinirte Bataillone umgewandelt und mit seiner Schöpfung die Armeen geschlagen hatte, welche seit sechs Jahren in der Erdrückung der verachteten und immer herrlicher erblühenden Carlisten beschäftigt waren. Nun stand er gefürchtet ihnen gegenüber, den oft Besiegten rasche Vernichtung drohend. Ich glühte von Kampfbegierde und Sehnsucht, unter dem Helden zu streiten, auf den die Blicke aller Loyalen mit der Hoffnung des endlichen Triumphes gerichtet waren, während die Christinos mit Zagen den Tod verkündenden Namen hörten.
Und dennoch, wie ich vorher schon sagte, fühlte ich Grauen, da ich der Thaten jenes Mannes gedachte: sein Bild schwebte vor mir als das des blutdürstigen Ungeheuers, wie er ja immer der Welt dargestellt wurde, der schmählich den Glanz seiner Siege durch Grausamkeit und des Abscheues würdige Schandthaten trübte.
Kaum in San Mateo, einem der lieblichsten Städte unseres Gebietes, angekommen, eilte ich Urlaub zu erbitten, um den General aufsuchen und meinen Wunsch nach sofort thätigem Wirken ihm vorlegen zu können; ich konnte mich unmöglich entschließen, Wochen lang träger, erschlaffender Muße mich hinzugeben, wie sehr auch die Gefährten solches Glückes nach dem langen Dulden sich zu erfreuen schienen. Der Chef des Depots sah mich erstaunt an und -- -- schlug den erbetenen Urlaub mir rund ab. Er erklärte, daß wir, da der General die ausgewechselten Officiere zur Erholung hieher bestimmt habe, die höchste Undankbarkeit zeigen würden, wenn Jemand von uns, anstatt die gütige Fürsorge anzuerkennen, selbst zu neuer Arbeit sich darböte. Er wenigstens werde sich nie compromittiren, indem er zu solchem Schritte Urlaub gewähre.
Im Innern gegen alle Mönche wüthend, die ihren Rosenkranz mit dem Schwerdte vertauschten, schied ich von dem überängstlichen Mann. Denn Oberst Alcalde, übrigens ein ausgezeichnet braver und kenntnißreicher Mann, der, den Degen in der Faust, vom gemeinen Freiwilligen zum Obersten der Cavallerie sich emporgeschwungen hatte, war bis zu Ferdinands VII. Tode Bruder eines Prediger-Ordens, in dem er durch Wissen und besonders durch seine hohe Beredtsamkeit sich so hervorthat, daß er den rühmenden Beinamen des ~pico de oro~ -- des Goldschnabels -- sich erwarb. Da es uns indessen frei stand, das carlistische Gebiet zu durchstreifen, beschloß ich, einen meiner Cameraden nach Chelva im Turia zu begleiten, um das Land und das Volk, wie unsere Lage und Verhältnisse näher kennen zu lernen.
Unser Weg führte uns durch mehrere der vorzüglichsten Gebirgsketten -- Sierras -- des nördlichen Valencia. Sie erheben sich im Allgemeinen nicht zu so bedeutender Höhe, wie ich in den baskischen Provinzen, dem Zuge der Pyrenäen angehörend, sie überstiegen hatte; aber dagegen bestehen sie, furchtbar wild und rauh, aus schroffen, über einander gethürmten Felsen, durch und über welche die Pfade hinlaufen, jetzt so steil zur Schlucht sich senkend, daß die Maulthiere sitzend hinuntergleiten, und dann wieder, nicht selten ganz ohne Windung, mit stufenartig ausgetretenen, jedoch unregelmäßigen Absätzen eben so steil die gegenüberliegende Höhe hinaufstrebend. Das Gebirge war fast immer kahl, dadurch von denen Guipuzcoa’s und Vizcaya’s verschieden, welche, überall mit herrlichen Waldungen bedeckt, das Auge durch die mannigfachen Schattirungen des lachenden Grüns erfreuen, während diese nackten, finstern Felsmassen, die kaum spärliches Moos oder einzelne grünbraune Kriechpflanzen ernähren, von der Hand des erstarrenden Todes getroffen scheinen. Da stört der Schritt des Reisenden kein lebendes Wesen auf, und kein Vogel belebt durch muntern Gesang das unheimliche Schweigen der Natur; nur grün glänzende Eidechsen gleiten lautlos durch das Gerölle, und der heisere Schrei des auf den unzugänglichen Felsen horstenden Adlers dringt hoch aus der Luft drohend zum Ohre des Menschen, der mit verdoppelter Hast den lieblicheren Thälern zueilt.
Und dann die Wege![79] Wie ist es möglich, daß ein Mensch ohne Herzklopfen diese -- was hier Wege genannt wird -- betritt; wie kann er gar, dem allgemeinen Gebrauche gemäß, ruhig auf seinem Maulthiere sitzend über diesen Abgründen auf dem mit losen Steinen besäeten und abschüssigen Pfade hinziehen! Der nicht an solche Art des Reisens Gewöhnte glaubt jeden Augenblick die unvermeidliche Katastrophe da; ein Fehltritt des Thieres muß in die gähnende Tiefe ihn hinabstürzen, jedes unter dem Fuße desselben hinabrollende Steinchen scheint ihn mit sich zum Verderben hinunterreißen zu müssen.
Lange pflegte ich, so oft solch eine halsbrechende Stelle kam, seufzend abzusteigen, den eigenen Füßen mehr trauend als fremden, bis ich endlich, da ich regelmäßig mit Lebensgefahr einige Mal stürzte, während die Reiter sicher und ungefährdet unten anlangten, von dem Thörichten meiner Befürchtungen mich überzeugte. Da vertraute ich denn auch auf den Theilen des Weges, die allenthalben sonst als ganz ungangbar würden betrachtet sein, der Gewandtheit des Maulthieres beim Hinabsteigen mich an. -- Das Hinaufklettern bietet im Vergleiche gar keine Gefahr dar. -- Aber welche Vorsicht und welche Sicherheit zugleich entwickeln dann die klugen, dort so ganz unentbehrlichen Thiere! Mit den größten Lasten beladen schreiten sie langsam und ruhig über den Schwindel erregenden Abgründen hin; nie schwanken sie, nie gleiten sie aus; ja bei finsterer Nacht thun sie keinen Schritt auf dem gefährlichen Boden, ohne vorher mit dem Fuße das Terrain sorgfältig betastet zu haben.
Auch in den Wegen tritt also die große Verschiedenheit dieser Gebirgsmassen von denen der baskischen Provinzen hervor, wo die Hauptstädte durch die schönsten Chausseen Spaniens und auch die im wildesten Gebirge gelegenen Dörfer durch fahrbare Wege verbunden sind. Denn dort sind allgemein von Ochsen gezogene Karren zum Transporte üblich, während in Valencia jedes Fuhrwerk unbekannt und ganz durch Maulthiere und Esel ersetzt ist.
So wie wir aber von diesen hohen Gebirgszügen in die mannigfach gestalteten Thäler hinabstiegen, entfaltete die reiche Natur des Südens wieder ihre ganze köstliche Pracht und Fülle vor uns. Wiewohl der allgemeine Charakter der Wildheit auch hier häufig hervortritt und oft mitten in den fruchtbaren Auen ein nackter Felsblock schroff sich erhebt, wie durch eine ungeheure Macht von dem Gipfel jener Massen losgerissen und in die Thäler hinabgeschleudert,[80] so war doch der sorgfältig benutzte Boden in scharfem Contraste gegen die ungastliche Kahlheit der Gebirge mit edlen Südfrüchten, Wein und dem trefflichen Weizen bedeckt, den die pyrenäische Halbinsel so reichlich erzeugt; und die starre Rauhheit der höheren Luftschichten ging, wie wir mehr und mehr zu den Ortschaften hinabstiegen, in liebliche Lauigkeit und bald in die reine, trockene Hitze über, welche in diesen Ländern doch gar nichts Drückendes und Entkräftigendes hat, wiewohl sie oft Monate lang durch keinen Regenguß gemildert wird.
Denn alle Städte und Dörfer sind in diese bezaubernden Thäler zusammengedrängt, die, oft zu Stunden weiter Breite ausgedehnt, oft auch schluchtenförmig eingeengt, als wollten die benachbarten, steil abgedachten Felsen zur Vereinigung über sie hinabstürzen, überall das Bild des regsten Lebens darbieten. Einzelne Gehöfte -- ~masadas~, ~masias~ --, schneeweiß und von Reben umrankt, liegen zerstreut zwischen den zahlreichen Ortschaften umher und lassen dem in das Thal Hinabsteigenden gleich einem jener weiten baskischen Dörfer es erscheinen, in denen jedes Haus, weit vom Nachbar getrennt, von den ihm angehörenden Ländereien umgeben ist. Dort schlängeln auch die Bäche, selten, bis sie die Ebene erreichen, zu größeren Gewässern vereinigt, durch die Gefilde befruchtend sich hin.
Auf den Gebirgen dagegen findet sich fast nie ein größeres Dorf und recht oft auf vier und fünf Stunden Entfernung selbst nicht ein einziges Haus, wohl aber sieht man hie und da einen viereckigen Raum, durch eine aus losen Steinen errichtete Mauer umgränzt, zur Einschließung des Viehes bestimmt, welches, meistens Ziegen und Schafe, als zur glücklichen Friedenszeit noch nicht Freund und Feind es aufgezehrt hatten, in den unwirthbaren Schluchten seine Nahrung suchte, die freilich spärlich genug ausfallen mußte.
Jetzt trafen wir sehr selten eine kleine Heerde von zwanzig bis dreißig Schafen; Cabrera hatte sie, da er aus der Mancha viele Tausende heimbrachte, fürsorglich unter die Landleute zu vertheilen befohlen, wie er denn bei jeder Gelegenheit den Landmann begünstigte, aus der drückenden Lage, in die der Krieg ihn gestürzt hatte, ihn zu heben und gegen die Anmaßungen des Soldaten zu schützen suchte. Vorher besaß die ganze, weite Sierra buchstäblich auch nicht Ein Stück Vieh mehr. Alles war requirirt und großentheils leider vergeudet worden, indem beim Beginn des Aufstandes von einer regelmäßigen Verwaltung und Benutzung der Hülfsquellen natürlich nicht die Rede sein konnte.
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Die Bevölkerung dieses ganzen Theiles von Valencia war entschieden carlistisch gesinnt; ich habe stets gefunden, daß der Kern des Volkes es allenthalben gleich war, wenn man etwa die Andalusier ausnimmt: sie sind Nichts. Cabrera’s Armee bestand fast allein aus Valencianern, Aragonesen und Cataloniern; sehr wenige Castilianer fanden sich in ihr, und diese in der Division del Turia, da die während der Expeditionen in den letzten Jahren sich anschließenden Freiwilligen den Rekruten-Bataillonen zugetheilt wurden, welche nie konnten bewaffnet werden. Die Aragonesen aber waren weit zahlreicher im Heere, als jede der beiden andern Völkerschaften.
Der Bewohner von Nieder-Aragon ist ungebildet und selbst roh, aber zugleich bieder und treuherzig; seine unbezwingbare Halsstarrigkeit, welche das Sprüchwort der der Vizcainer gleichstellt, wird nur durch die Grobheit übertroffen, die er über Jedermann ohne Ansehn der Person ausschüttet und die sein ganzes Wesen, wie ein unveränderlicher Grundstoff, durchzieht. Selbst in den größeren Städten, in denen die dort einheimische Verderbtheit dem Charakter einen Anstrich von Treulosigkeit und Gefühllosigkeit gegeben hat, welche so oft zu den entsetzlichsten Excessen führten, hat jener grobe rücksichtslose Starrsinn nicht verwischt werden können. Dabei ist der Aragonese tief religiös gesinnt, was bei dem Zustande seiner Cultur stets in den krassesten Aberglauben ausartet, und auch in den Ausbrüchen der Leidenschaft, die bei ihm so furchtbar sind, wird er nie die höchste Achtung und Ehrfurcht vor Allem, was die Religion geheiligt hat, aus den Augen setzen. Das Bild der Jungfrau von Zaragoza,[81] der Schutzherrin von Aragon, trägt er stets als wohlthätiges Amulet auf dem Busen geborgen; an sie richtet er sein kurzes, glühendes Gebet, sie wird, so vertraut er fest, in der Todesstunde ihren Schützling segnend umschweben.