Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 34

Chapter 343,466 wordsPublic domain

Da brach die Wuth der Christinos alle Schranken. Sie schleppten sämmtliche gefangene Unterofficiere aus den verschiedenen Festungen zusammen, ergänzten ihre Zahl aus den Soldaten bis auf sieben und neunzig und erschossen sie. Cabrera in hohem Unwillen drohte mit Repressalien. -- Sofort ließ van Hahlen, der gerade Oráa den Heerbefehl abgenommen hatte, allenthalben die royalistischer Meinungen Verdächtigen einkerkern und drohete, auch sie hinzurichten. Cabrera befahl, nochmals sieben und neunzig Mann zu füsiliren und verhieß strengste Rache für jeden neuen Mord, für jede neue Gewaltthat. -- Van Hahlen erklärte den Pardon für aufgehoben.

Augenblicklich stand tobend der Pöbel in Valencia auf und ließ in den letzten Tagen des Octobers einen Theil der dortigen Gefangenen, Militairs und Privatleute, hinrichten; Alicante, Murcia, Zaragoza, dann alle größeren Städte folgten dem Beispiele: die Kriegsgefangenen und wegen politischer Vergehen Arretirten wurden mit Zustimmung der Behörden erschossen oder gegen ihren Willen niedergemetzelt, und die überall errichteten Repressalien-Juntas opferten zahllose Unglückliche, da für jedes von den Carlisten getödtete Individuum eine jede Junta nun auch einen Carlisten tödten wollte. Da befahl Cabrera, im Gefühle seiner Pflicht gegen die Ermordeten und gegen seine Soldaten, daß hinfort kein Pardon mehr gegeben werde: gegen die treulosen Mörder Kampf auf Leben und Tod!

Den ganzen Winter hindurch wüthete das schreckliche System der Rache. Forcadell nahm Villamaleja und erschoß 55 Gefangene; in Valencia fielen fünf und funfzig, in Teruel neun, in Zaragoza acht Carlisten -- die einzigen noch vorhandenen, -- in jeder kleinern Stadt verhältnißmäßig. Borso di Carminati schlug am 2. December bei Chiva den General Llagostera und nahm ihm 200 Gefangene ab, denen er mit seinem Ehrenworte das Leben zusagte, da sie sich weigerten, die Waffen zu strecken. Van Hahlen erschien und füsilirte sie trotz der Protestation Borso’s, der erzürnt seine Entlassung forderte. Cabrera natürlich füsilirte wieder eben so viele Christinos.

Doch verfolgen wir nicht so widerlich empörende Auftritte weiter in ihre Einzelheiten. Die immer wiederholten Aufstände des Volkes in Valencia und Zaragoza, die selbst mehreren Chefs der Liberalen das Leben kosteten,[71] zogen eben so viele Schlächtereien der Gefangenen und Royalisten nach sich, und als er einst gar keine von denselben in seiner Gewalt hatte, ließ van Hahlen seinem eigenen Berichte gemäß die Eltern und Verwandten der carlistischen Soldaten hervorschleppen und erschießen, die Schandthat erneuernd, welche einst Cabrera’s blinde Mutter für die Schuld und den Haß büßen machte, welche der kühne Sohn auf sich geladen hatte. Wie schonend aber dieser General bei aller strengen Wiedervergeltung, die er stets übte, zu Werke ging, geht aus dem Umstande hervor, daß bei der Abschließung des Vertrages von Lézera am 3. April 1839 noch über dreitausend Kriegsgefangene in den carlistischen Depots sich befanden, und daß er nur Soldaten, mit den Waffen in der Hand gefangen, opferte, ohne trotz aller jener Proceduren der Christinos ein einziges Mal die friedlichen Bewohner des Landes seinen Zorn fühlen zu lassen.

Übrigens muß zu van Hahlen’s Ehre hinzugefügt werden, daß er sich eben so bereitwillig zeigte, die Vorschläge anzunehmen, welche Cabrera auf besondern Befehl seines Monarchen im Frühjahr aufs neue für die Abschaffung der Repressalien und feste Annahme der völkerrechtlichen Kriegsgebräuche für beide Theile machte, wie er in der Durchführung des Repressalien-Systems energisch und rücksichtslos sich bewies. So ward denn jene Convention von Lézera abgeschlossen, welche den höchsten Unwillen der Revolutions-Männer gegen van Hahlen erregte und mehr noch als das unglückliche Resultat der militairischen Operationen seine Absetzung verursachte. In der That gewährte sie den Carlisten viele Vortheile, deren vorzüglichster in dem Artikel bestand, daß die zum ersten Male Desertirten, im Falle sie wieder eingefangen würden, als Kriegsgefangene sollten betrachtet werden. Denn theils bestand ein nicht unbedeutender Theil der carlistischen Armee aus solchen Deserteuren, die, gewaltsam ausgehoben, die erste Gelegenheit benutzt hatten, um, von der Gemeinschaft mit den verhaßten Negros sich losreißend, den Vertheidigern ihres Königs und ihrer Religion sich anzuschließen. Noch mehr aber reizte sie die christinoschen Soldaten zur Desertion, die ja durch solche Clausel straflos und erlaubt wurde, während der carlistische Feldherr wohl vertrauen durfte, daß seine Freiwilligen ohne Furcht und ohne Zwang treu an ihm fest hielten. In einigen Garnisonen mußten die feindlichen Chefs nun ihre Leute strenge bewachen lassen, und doch gingen während der ersten Wochen nach dem Vertrage mehrere hundert Soldaten zu den Carlisten über.

Nur zwei Personen hatte Cabrera von den Wohlthaten ausgenommen, welche jener Vertrag zusicherte; eigenhändig fügte er die Worte hinzu: „Ich will keinen Pardon und Nogueras, der Mörder meiner Mutter, erhält keinen Pardon.“

[66] Die folgende Action war eine der entscheidendsten und merkwürdigsten des Krieges, da die Truppenzahl etwa gleich, das Terrain beiden Theilen gleich günstig und dennoch der Ausgang des Kampfes für die eine Division so völlig vernichtend war. Daher erregte sie zu jener Zeit auch viel Aufsehen und Geschrei, weshalb ich sie näher detailliren werde. -- Die Notizen sammelte ich im Winter 1839 auf dem Schlachtfelde selbst von Bauern und später von vielen Officieren, welche dort mit fochten. Ich muß gestehen, daß die Darstellung der Bauern oft klarer war, als die von Manchem dieser Officiere. -- Die Bauern als ~bagageros~ waren übrigens Augenzeugen.

[67] Pardiñas ertheilte beim Beginn des Kampfes, des Sieges gewiß, die Ordre, keinen Pardon zu geben.

[68] In der carlistischen Armee ward der Tod von Pardiñas, über den die christinoschen Lärmmacher lautes Geschrei erhoben, gewöhnlich erzählt, wie General von Rahden in seinem Werke ihn wiedergiebt: daß Pardiñas durch Rufo, dieser durch den Grenadier gefallen sei. -- Doch bin ich von der Genauigkeit meiner Version überzeugt, da ich sie von mehreren unterrichteten Augenzeugen empfing; so von dem Oberst Don Eliodoro Gil, später Gouverneur von Cañete, der bei Maella die Lanciers von Tortosa befehligte und hohen Antheil an dem Siege hatte.

[69] Capitain Bessieres, der Einzige, welcher bei der Vertheidigung von Morella die Arbeiten leitete, war, dem Heere der Nordprovinzen angehörend, mit dem Grafen Negri und Don Basilio dorthin zurückgekehrt.

[70] Der Hauptanführer bei derselben, Sergeant Lucas, welcher bis in das Schlafgemach der Königinn Wittwe drang, ging bekanntlich nachher zu den Carlisten über, zeichnete sich sehr aus -- er nahm Theil an der Escalade von Morella -- ward Officier und wurde dann gefangen und füsilirt.

[71] Der commandirende General im Königreiche Valencia sogar, General Mendez Vigo, wurde ermordet.

XXV.

Seit langer Zeit war Cabrera’s Streben darauf gerichtet, durch Kauf mit Waffen sich zu versehen. Alle die Gewehre, welche seine Armee besaß, waren den Händen des Feindes entrissen, der größtentheils aus den britischen Zeughäusern sie erhalten hatte, und die Zahl der fortwährend erbeuteten mochte wohl den täglichen Abgang ersetzen -- der unter den obwaltenden Verhältnissen ungeheuer war, da kein Kunstverständiger bei den Bataillonen sich befand, der den etwaigen Schaden sofort ausgebessert hätte -- aber unmöglich konnten sie zu der Bewaffnung der zahllosen Rekruten hinreichen, welche von allen Seiten den Fahnen Carls V. zuströmten. Die so eben in Villarluengo etablirte Gewehrfabrik, noch in ihrer Kindheit und an Arbeitern Mangel leidend, konnte sehr wenig leisten.

So bildete denn Cabrera aus jenen Rekruten zwölf starke Bataillone, die vollkommen organisirt und exercirt wurden, um, sobald sie bewaffnet wären, zu den Operationen zugezogen zu werden. Leider sollte das Ende des Krieges sie fast alle in eben dem Zustande der Wehrlosigkeit finden, in dem sie ein Jahr vorher sich befanden, da alle Versuche des Generals, aus England und Frankreich Waffen sich zu verschaffen, an der Wachsamkeit der feindlichen Kreuzer und mehr noch an der Nachlässigkeit und der Gewissenlosigkeit der Agenten scheiterten.

Schon waren vier starke Transporte aufgefangen. Da endlich schien das Glück auch hierin Cabrera wohl zu wollen -- und was hätte es Größeres für ihn thun können! --: ein mit zehntausend Gewehren von England abgesegeltes Fahrzeug erschien im Februar 1839 an der Küste von Catalonien, südlich vom Ebro, wohin schon sämmtliche Rekruten dirigirt waren. Aber das Meer ging unruhig, so daß das Schiff nicht der Küste sich nähern konnte, und der Eigner weigerte sich, dem Wunsche Cabrera’s gemäß, gegen vollständige Entschädigung es auf den Strand laufen zu lassen. Der Stiefvater des Generals, ein alter Seemann, der die carlistische Marine, einige große Kähne, befehligte, wagte es endlich, zu dem Schiffe hinüberzufahren, und brachte zweihundert schöne Gewehre ans Land; das Unwetter machte jeden weiteren Versuch unnütz. Am folgenden Tage sprang der Wind um, das Fahrzeug ward genöthigt, weiter in’s hohe Meer hinauszusegeln; zwei Guardacostas nahmen es unter den Augen Cabrera’s und führten es nach Barcelona.

Die Hoffnung des carlistischen Heerführers, den Feldzug an der Spitze von dreißig disponibeln Bataillonen zu eröffnen, war durch dieses neue Mißgeschick vereitelt. Welche außerordentliche Resultate eine solche Vermehrung seiner Streitmacht hervorbringen mußte, begreift leicht ein Jeder, der die Erfolge zu würdigen weiß, welche er selbst ohne sie während der Campagne des Sommers errang. Sie machten ihn zum unumschränkten Gebieter des ganzen Kriegsschauplatzes und verbürgten, da sechs Generale nach einander seine Fortschritte umsonst zu hemmen gesucht hatten, die Ausführung des herrlichen Planes, durch die Unterwerfung von Castilien und die Einnahme der Hauptstadt den langwierigen Kampf zu enden.

Durch die kleine Festung Montalban am Flusse Martin dominirten die Feinde einen großen Theil des Hügellandes von Unter-Aragon, so oft die carlistischen Truppen auf einem andern Theile des Kriegsschauplatzes standen; zugleich hatten sie in ihr einen willkommenen und gegen das Hochgebirge vorgeschobenen Stützpunkt für ihre Operationen in jenem Königreiche. Diese Vortheile beschloß Cabrera ihnen zu entreißen; sein Adlerauge wählte ein altes, in Ruinen zerfallenes Bergschloß zur Ausführung des Beschlossenen: Segura, drei Leguas westlich von Montalban und in der Mitte des reichen, hügeligen Distriktes, der bis zum Ebro von dem Gebirgsstock von Unter-Aragon sich hinabsenkend, bisher stets den feindlichen Colonnen offen gestanden hatte -- Segura sollte befestigt werden.

Viele Schwierigkeiten bot das Unternehmen. Nachdem er die feindliche Hauptarmee unter Oráa tief nach Valencia hinuntergezogen hatte, erschien Cabrera plötzlich in Unter-Aragon, bedrohete Caspe, überschritt den Ebro, lockte die zur Deckung der Provinz zurückgebliebene Division Mir durch geschickte Bewegungen nach Zaragoza, passirte wiederum den Ebro und warf sich mit den Divisionen vom Ebro und von Aragon in Eilmärschen auf den ausersehenen Punkt. Am 7. März dort angelangt, ließ er sofort mit höchstem Eifer die Befestigungsarbeiten beginnen, während ein kleiner Theil der Truppen Montalban blockirte.

Tag und Nacht arbeiteten mehrere Bataillone Rekruten, die Handwerker jeder Art wurden auf zwanzig Meilen in der Runde zusammengeholt, und einige Compagnien Sappeurs, denen Tausende von Bauern untergeben wurden, eilten von Morella herbei. Niemand durfte müßig sein, denn der General selbst legte häufig Hand an und war allenthalben gegenwärtig. So war es möglich, daß das sehr ausgedehnte und vorher nur noch in seinen Trümmern bestehende Castell in wenigen Tagen wieder hergestellt und, da einige Geschütze von Morella zu seiner Bewaffnung gebracht waren, der kräftigsten Vertheidigung fähig sein konnte, wozu die Leitung der so eben von der Nordarmee angelangten Ingenieure viel beitrug.

Durch die Befestigung dieses Platzes hatte sich Cabrera zum Meister des reichsten und fruchtbarsten Theiles von Unter-Aragon gemacht, den Einfluß des feindlichen Montalban paralysirt und die Eroberung desselben erleichternd vorbereitet. Er beherrschte dadurch die Straße von Valencia und Teruel nach Zaragoza und die Verbindung dieser Stadt mit den Festungen der Christinos am unteren Ebro, und er hatte durch die weit in das bisher feindliche Gebiet vorspringende Veste, falls er sie behaupten konnte, einen herrlichen Anhaltspunkt für seine weiteren offensiven Operationen gewonnen.

Die Anführer der Revolutions-Armee verkannten diese Vortheile nicht, welche den Besitz von Segura weit selbst über einen glänzenden Sieg hinausstellten. Van Hahlen kehrte eilig von Valencia zurück, während Mir in Daroca alle disponibeln Truppen des Königreiches an sich zog: Segura -- so lautete die bestimmte Ordre des Madrider Cabinets -- sollte vor Allem genommen und Cabrera dadurch in seine Schlupfwinkel zurückgeworfen werden. So rückte denn General Ayerbe, zum commandirenden General von Aragon ernannt, am 22. März mit den beiden Divisionen Mir und Parra, in 12 Bataillonen und 9 Escadronen 11000 Mann Infanterie und 1400 Pferde enthaltend, nebst acht leichten Geschützen und dem Belagerungs-Train über Muniesa bis Cortes und la Josa, etwa zwei Stunden von Segura, vor.

Cabrera stellte sich mit acht Bataillonen auf einer Höhe auf, die unmittelbar den Weg berrschte, auf dem die Artillerie vor das Castell gebracht werden mußte; drei hinter einander aufgeworfene Reihen Parapete, hinter denen die Bataillone, zum Theil in Tirailleurs aufgelöset, lagen, verstärkte die Position gegen den so sehr überlegenen Feind.

Am 23. griff Ayerbe an. Während seine sämmtlichen Geschütze die carlistischen Linien beschossen, stand er über eine Stunde lang auf Flintenschuß-Weite ihnen gegenüber, mit Gewandtheit manövrirend und bereit, die leichteste Blöße zu benutzen. Er bedrohete die linke Flanke, schob sich rasch links und warf sich dann, da Cabrera die rechte Flanke verstärkte, stürmisch auf den nun geschwächten linken Flügel. In einem Augenblicke war der Kampf auf der ganzen Linie allgemein geworden.

Die Truppen, welche die erste Reihe der Parapete besetzt hielten,[72] flohen vor dem Andrange des Feindes und warfen sich in Verwirrung auf die zweite, welche gleichfalls aufgegeben werden mußte, nachdem die Tortosiner kraftvoll sie vertheidigt hatten. Umsonst suchte Oberst Palacios durch einen Bajonett-Angriff an der Spitze des 1. Bataillon von Tortosa die verlornen Linien wiederzunehmen: er ward umzingelt und kaum durch einen glänzenden Angriff gerettet, den der General mit der Cavallerie unternahm. Nochmals drangen die Bataillone von Tortosa und die Guiden von Aragon vor. In Massen formirt wiesen die Christinos fest sie zurück und stürzten sich sofort auf die dritte Linie, welche sie nach kurzem Widerstande nahmen und behaupteten.

Die carlistische Armee -- wenn man acht Bataillone mit einigen Escadronen so nennen darf -- floh in Unordnung auf Armillas zurück, zwei Bataillone aber wurden abgedrängt und warfen sich auf Segura. Ayerbe, anstatt kraftvoll den gänzlich geschlagenen Feind zu verfolgen, blieb bewegungslos auf dem Schlachtfelde stehen und machte dadurch möglich, daß Cabrera -- echt guerrilleromäßig -- nach einer Stunde seine Bataillone vollkommen geordnet hatte und sie, keinesweges durch die nach allem Anschein entscheidende Niederlage entmuthigt, am Abend wieder zum Kampf führen konnte.

Nach halbstündigem Ausruhen wandten sich die Christinos endlich gegen das Castell, recognoscirten es und bewarfen es mit einigen Haubitzen; ja sie besetzten während der Nacht das unmittelbar unter den Werken liegende Städtchen. Die Besatzung erwartete natürlich, am folgenden Morgen die Batterieen errichtet zu sehen, wiewohl sie umsonst irgend ein Geräusch der Arbeit zu erhorchen strebten, um sie durch ihre Geschütze zu erschweren. Aber Ayerbe hatte seine Artillerie am Abend zurück gesendet; er selbst trat gegen Morgen still den Rückzug auf Muniesa und von da nach Daroca an, auf dem Fuße von Cabrera verfolgt, der während der Nacht ein zur Erhaltung der Communication einige Stunden rückwärts aufgestelltes Corps angegriffen, es zersprengt und 800 Gefangene ihm abgenommen hatte.

Nun verkündeten die Christinos, daß, da Ayerbe die +Recognoscirung+[73] des Castells mit so großem Erfolge ausgeführt habe, der Obergeneral van Hahlen zu der Eroberung desselben schreiten werde. Dieser rückte denn auch in den ersten Tagen des April’s sehr bedächtig über Muniesa heran und gelangte, da Cabrera eine Aufstellung rückwärts von Segura genommen hatte, ohne Hinderniß am 6. April vor das Castell; er führte 18 Bataillone und 12 Escadrone mit acht leichten und zwölf Belagerungsgeschützen heran. Am folgenden Tage recognoscirte er wiederum genau die Werke und -- -- zog sich aus Zaragoza zurück, ohne einen Schuß gegen die Veste oder die Armee gethan zu haben.

Der Grund so merkwürdigen Verfahrens ist nie klar geworden, wenn man nicht etwa den Mangel an Vertrauen, welchen man seit der Belagerung von Morella in jeder Bewegung der revolutionairen Generale wahrnimmt, als solchen betrachten will. Die Christinos wütheten, da sie die Einnahme von Segura als ganz unzweifelhaft anzusehen sich gewöhnt hatten. Van Hahlen, der wenige Tage vorher den ominösen Vertrag von Lézera unterzeichnet hatte, verlor sofort das Commando, welches dem General Nogueras, dem Mörder der Mutter Cabrera’s, übertragen wurde. Bei der Nachricht von seiner Ernennung ward er vom kalten Fieber befallen[74] und legte alsbald unter dem Vorwande der Krankheit den Heerbefehl nieder, ohne während desselben je die Feinde aufgesucht zu haben, worauf General Amor interimistisch an die Spitze der Armee des Centrums trat.

Brigadier Valmaseda, nach der Erschießung der fünf Generale durch Maroto zu gleichem Tode verurtheilt, langte um jene Zeit mit den beiden Escadronen, die er gebildet und auf der Flucht mit sich geführt hatte, bei der Armee des Grafen von Morella an und trat unter die Befehle desselben. Leicht erlangte dieser von Seiner Majestät die Begnadigung des wilden, aber unerschütterlich treuen Reiterchefs, dessen Escadrone fortan als die besten des ganzen Heeres sich erwiesen. Valmaseda wurde für den Augenblick nach Aragon bestimmt, wo er mit der Division dieses Königreiches operirte.

* * * * *

Kaum sah Cabrera mit dem Rückzuge von Van Hahlen das Unternehmen des Feindes gegen Segura gescheitert, als er mit den Brigaden Mora und Tortosa in Eilmärschen nach dem Königreiche Valencia zog, während er die Division von Aragon unter Llagostera zur Blokade von Caspe, Alcañiz und Montalban und zur Beobachtung des Hauptcorps der Christinos zurückließ, von dem er bei den Zwistigkeiten der verschiedenen Anführer bis zur definitiven Ernennung eines Generals en Chef keine kraftvolle Operation befürchtete. Er vereinigte sich mit der Division Forcadell und rückte vor Villafamés, dessen Besitz zum Herrn der reichen Ebene Valencia ihn machen sollte.

Das schwere Geschütz, von Morella herbeigezogen, öffnete bald Bresche, die aber wegen Mangels an Munition sowohl, als weil gegen die Ansicht des Chefs des Geniewesens, Oberst Barons von Rahden, eine ganz unpassende Stelle für sie ausersehen war, nicht practicabel gemacht werden konnte. Dennoch befahl der General den Sturm, welchen einige Compagnien von Mora, von einem Detachement Sappeurs geführt, mit hoher Bravour ausführten. Sie erkletterten unter mörderischem Feuer den Felsen, auf dem die Mauer gegründet ist, und klimmten hinabgestürzt wieder und wieder gleich Katzen die noch zur Hälfte aufrecht stehende Mauer hinan; mehrere Freiwillige wurden selbst oben auf der Bresche getödtet. Aber der Widerstand war des Angriffes würdig; die Stürmenden flohen.

Da führte Oberst Palacios das erste Bataillon seiner Brigade von Tortosa zum Sturm. Unerschütterlich erklimmte es die Bresche, dann konnte es nicht weiter gelangen. Mit schwerem Verluste standen die braven Tortosiner unbeweglich unter dem feindlichen Feuer, weder vorgehend noch weichend, bis Cabrera befahl, das Signal zum Rückzuge zu geben. Augenzeugen versichern, daß er bei dem Anblicke seiner hingeschlachteten Lieblinge Thränen vergossen habe, verzweiflungsvoll ausrufend: „Meine armen Burschen sterben, ohne Widerstand leisten zu können!“

Da der fortwährende Mangel an Munition für die Geschütze den Erfolg ungewiß machte und jedenfalls ihn sehr weit hinausschob, zog sich Cabrera bei der Annäherung des Generals Aspiroz von Castellon her zurück, die Belagerung aufhebend.

Schon während derselben war Oberst Don Juan Muñoz y Polo mit drei Bataillonen und zwei Escadronen von Aragon zu einer Expedition nach Castilien entsendet und bis tief in die Provinz Guadalajara vorgedrungen. Jetzt richtete sich Cabrera selbst an der Spitze von nur sechs Bataillonen und 600 Pferden dorthin, die Division von Valencia zur Sicherung der Communication in el Turia und der Provinz Cuenca zurücklassend; er erhob bis in das Innere der Mancha Contributionen und Rekruten und kehrte dann, ohne daß der Feind sich ihm irgend widersetzt hätte, über Cañete nach el Turia zurück. Er ordnete die Befestigung jener Stadt an, die nur acht Stunden von Cuenca entfernt ist, so wie die von el Collado, einem die ganze Provinz beherrschenden Felsberge, Alpuente und Vejis in el Turia, wo Brigadier Arévalo an Arnau’s Statt das Commando übernommen hatte.

Durch seine Lage über dem Guadalaviar und neben der Quelle dieses Flusses, des Xucar und des Tajo ward el Turia täglich von größerer Wichtigkeit, da durch dessen Besitz das Ausbreiten der Herrschaft nach dem südlichen Valencia und Murcia sowohl, wie in die Ebenen Castilien’s und gegen die Hauptstadt erleichtert wurde, indem es als Basis und Anhaltspunct diente. Cabrera aber, der die feindliche Armee ganz demoralisirt, die seinige an Zahl und Güte täglich zunehmen sah, wandte schon seine Blicke gen Westen, das glorreiche Ende des Krieges dort zu suchen. Daher trug er Sorge, durch die Befestigung von el Turia die Grundlage zu der Ausführung seiner großartigen Pläne zu legen, während er Cañete nach Castilien eben so kühn vorschob und mit eben den glänzenden Vortheilen in Betreff Cuenca’s und der Mancha, wie er kurz vorher das Felsencastell Segura in dem feindlichen Theile von Aragon drohend errichtet hatte.

Das Hauptcorps der Christinos war indessen in Aragon beschäftigt und festgehalten, ohne jenen Zug Cabrera’s und die Befestigung der von ihm designirten Orte verhindern zu können, da Llagostera die Belagerung von Montalban unternommen hatte. Unter dem Oberbefehle desselben leitete sie der Oberst Baron von Rahden, während die Division von Aragon zu ihrer Deckung aufgestellt war.[75] Es war vorauszusehen, daß der Feind trotz dem Mangel an Einheit im Commando, welcher seit dem Rücktritte van Hahlen’s alle seine Maßregeln lähmte, das Äußerste thun werde, um die Festung zu retten, die ihm besonders für die nur aufgeschobene Unternehmung auf Segura vom höchsten Interesse war und stets bedeutende Streitkräfte der Carlisten festhalten mußte.

In der That hatten die Belagerer kaum der Stadt sich bemächtigt und noch nicht die Batterien gegen die Werke des eigentlichen Forts errichtet, als General Ayerbe in der Nacht zum 2. Mai sie überraschte und in die Stadt einzog. Er verließ sie jedoch alsbald und ward auf seinem Rückmarsche kraftvoll vom Obersten Polo verfolgt, der an demselben Tage mit seiner Brigade von der Expedition nach Castilien zurückgekehrt war und sich nun der Division wieder anschloß. Eine Stunde nachher war die Blokade schon von neuem etablirt.