Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 30
Und die braven Burschen murrten nicht. Lauter unbärtige Jünglinge sahen sie mit Liebe und Vertrauen auf die erprobten Führer, welche sie jedes Ungemach mit ihnen theilen und im Kampfe stets die ersten der Gefahr sich aussetzen sahen. Der herrliche Character der Alt-Castilianer, ihre biedere Treuherzigkeit, ihre Ausdauer und die aufopferndste Anhänglichkeit und Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten verleugneten sich auch hier nicht.
* * * * *
Sei es mir vergönnt, nun die Worte wiederzugeben, mit denen der Oberstlieutenant Don Pablo Alió, als ich im Januar 1840 zu Morella ihn kennen gelernt, in der einfachen Bescheidenheit, die den enthusiastisch braven, tief religiösen Mann so liebenswürdig machte, die Heldenthat mir beschrieb, durch die er das furchtbare Felsen-Castell der Herrschaft seines Königs eroberte, eine Heldenthat, wie die Geschichte ihrer nicht viele rühmen mag.
„Seit mehreren Wochen schon standen wir der Festung gegenüber, ohne die Hoffnung zu erlangen, daß wir je unser sie nennen würden; im Gegentheil wurde unsere Lage täglich schrecklicher, und es war vorauszusehen, daß wir bald die Blokade würden aufgeben müssen. Indessen hatte ich seit dem Augenblicke unserer Ankunft überlegt, ob es denn nicht möglich sei, durch einen Handstreich etwas gegen sie auszurichten. Aber nahmen wir auch die Stadt, so war uns wenig geholfen, da das Feuer des Castells uns sofort wieder vertrieben hätte; und dieses ... Wer könnte jene furchtbar senkrechten Felswände erklimmen, deren Anblick Schwindel erregt! -- Dennoch faßte der Gedanke täglich festere Wurzel in meiner Brust, bis ich endlich den Entschluß unserm Commandeur Gracia und dem Blokade-Adjudanten García mittheilte. Sie erschraken im ersten Augenblicke, aber bald stimmten sie mir bei: das Castell sollte mit Gottes Hülfe erstiegen werden.“
„Zuerst suchte ich der Liebe und der unbedingten Ergebenheit meiner Freiwilligen mich zu versichern. Ich litt selbst an Allem Noth; aber für das Wenige, was ich besaß, ließ ich Lebensmittel und Wein und Sandalen kommen und vertheilte Alles unter die armen, ausgehungerten Burschen. Dann gaben auch der Commandant und García das Ihrige dazu her, wir erborgten das Geld unserer Cameraden und verkauften endlich unsere Kleidungsstücke, bis wir Alle gar Nichts mehr hatten. Die armen Burschen erkannten mit der kindlichsten Dankbarkeit unsere Fürsorge und waren für uns zu Allem bereit. Zugleich führte ich sie bei den häufigen Kämpfen mit dem ausfallenden Feinde immer selbst an, schonte ihrer, wo ich konnte, und wählte für mich den gefährlichsten Posten: so gewann ich das Vertrauen meiner Leute, und sie folgten mir freudig, wohin ich sie auch führen mochte.“
„Indessen waren heimlich Leitern angefertigt, ungeheuer hoch und an den Enden gepolstert, um jedes Geräusch beim Ansetzen zu vermeiden; trotz aller Vorsicht ward Etwas davon bekannt, und die Bauern sprachen Viel über die Leitern. Ich fürchtete, daß die Christinos es auf irgend eine Art erfahren könnten, und beschloß deshalb, in der ersten stürmischen Nacht den Angriff zu wagen; aber da erschrak wieder der Commandant, er wandte unentschlossen seine Verantwortlichkeit ein und verschob die Unternehmung trotz unserer Bitten von einem Tage zum andern. Als er nun am 23. Juni auf einige Tage Urlaub nahm, wollten García und ich nicht länger zaudern: wir theilten unseren Plan dem Interims-Commandeur mit, der endlich, als er wieder und wieder die Felsmasse betrachtet hatte, mit Thränen seine Zustimmung gab. Ich durfte achtzig Freiwillige selbst mir auswählen; dazu rief ich einen Artilleristen, der wenige Tage vorher aus der Festung zu uns desertirt war und sich nun, weil er genau das Castell kannte, zum Führer anbot.“
„Der 25. Januar war furchtbar stürmisch; so sollte denn in der Nacht der Versuch gemacht werden. Am Abend versammelte ich die achtzig Mann in der Masada des Commandanten und sagte ihnen, was ich beabsichtigte, und wie ich das feste Vertrauen hege, daß unsere Beschützerinn, die erhabene Jungfrau der Schmerzen, ihren himmlischen Beistand zu dem Werke nicht versagen werde, da wir es ja für das Recht und für die Religion unternahmen. Ich forderte, nachdem ich ihnen die ganze Gefahr aus einander gesetzt hatte, daß ein Jeder, der nicht den Muth fühle, mit Freudigkeit mir zu folgen, jetzt zurücktrete; aber Alle antworteten, daß sie mit mir sterben wollten. Dann sah ich die Waffen nach und gab die nöthigen Instructionen, worauf wir Alle beichteten und das heilige Sakrament nahmen, um uns zum Tode zu weihen; ich ließ endlich die Freiwilligen tüchtig speisen und befahl ihnen, nachdem ich nochmals den Segen der heiligen Jungfrau erfleht hatte, sich niederzulegen und bis zu der Stunde der Ausführung zu ruhen.“
„Ich trat in das Zimmer des Commandanten und besprach noch ein Mal Alles mit ihm und García, die Beide bleich waren und zitterten, weil sie zurückbleiben sollten; auch verabredeten wir, daß ich im Falle des Gelingens ein hohes Feuer auf dem Platze des Castells anzünden solle, wenn es aber unglücklich abliefe, würden sie am folgenden Tage unsere Leichen fordern und sie in geweiheter Erde christlich beisetzen. Dann umarmte ich beide, die mich immer noch nicht lassen wollten, rief meine Burschen und trat an ihrer Spitze den Marsch an, während von den beiden Officieren, die mich begleiteten, der Eine in der Mitte des Zuges ging, der Andere ihn schloß.“
„Die Nacht war entsetzlich; ein furchtbarer Schneesturm mit Schlossen zwang uns, oft still zu stehen, auch bedeckte Fuß hoher Schnee die Felsenabsätze, über die wir hinkletterten, so daß wir nur sehr langsam vorwärts kamen. Seufzend gedachte ich der zerrissenen Bekleidung und der nackten Füße der armen Burschen: was mußten sie nicht leiden! Aber Niemand klagte. Erst gegen ein Uhr konnten wir von der Mauer des Kirchhofes, hinter der wir einen Augenblick Athem geschöpft hatten, nach dem Fuße der Felsenmasse, die dunkel über uns sich aufthürmte, schleichen, was wir, so viel die Leitern erlaubten, einzeln thaten, um nicht die Aufmerksamkeit der feindlichen Schildwachen zu erwecken. Glücklich waren wir endlich Alle angekommen und richteten die Leiter auf. Ich hatte eine Stelle gewählt, auf der in der Mitte der Wand ein schmaler, sehr abschüssiger Absatz sich befand, da ich sonst nicht mit den Leitern bis oben hätte hinkommen können.[59] Dort stiegen wir einzeln hinauf, wobei die Leitern, deren ich zwei an einander gebunden hatte, entsetzlich unter unserer Last sich bogen, weil wir sie, um sie leicht handthieren zu können, sehr schwach machen mußten. Auch wären sie hundert Mal gebrochen, wenn sie nicht beinah von unten bis oben an den Felsen sich gelehnt hätten.“
„So wie die Hälfte von uns auf dem Vorsprunge stand, fingen wir an, die mit ungeheurer Mühe heraufgeschleppte Leiter in die Höhe zu ziehen; grausig war die Arbeit, wie wir so über siebenzig Fuß hohem Abgrunde schwebten -- jeder Fehltritt sicherer Tod --, eben so hoch über uns die senkrechte Felsenwand und oben der Feind. Lange gelang es uns nicht, die Leiter auf dem abschüssigen Felsenabsatze zu fixiren, den der unaufhörlich fallende Schnee glatt machte. Endlich stand sie aufrecht da, natürlich fast ganz senkrecht und von den drei riesenhaften Gastadores[60], die ich deshalb mitgebracht hatte, gestützt, da sie sonst unter uns sofort wieder hinabgeglitten wäre.“
„Leise flüsterte ich den dicht gedrängten Freiwilligen einige Worte der Aufmunterung zu und folgte rasch dem Führer zum Sturm, worauf die Andern in der durch das Loos bestimmten Ordnung sich anschlossen. Auf der obersten Stufe angelangt fehlten dem Führer noch vier Fuß bis zu der Höhe des Felsen. Das war furchtbar, denn fiel bei dem Versuche hinaufzuklettern Einer, steif durch die Kälte, wie Alle waren, so riß er im Sturze die Übrigen mit sich hinab; und die Leiter schwankte und bog sich entsetzlich unter der Last. Aber die gnadenreiche Himmelsköniginn wachte über uns. Der Führer schwang sich hinauf -- schon stand ich ihm zur Seite. Da sah uns die zwanzig Schritt entfernt in ihr Häuschen gedrückte Schildwache; sie sprang heraus und rief mit vom Entsetzen hinsterbender Stimme: „~cabo de guardia, los facciosos~!“ Der Schuß des Führers streckte sie todt nieder.“
„Mit lautem ~viva el Rey~ stürzte ich auf die Wache, die, 30 Mann stark, in dem Gebäude sich verbarrikadirte und ein heftiges Feuer begann. Jeder Augenblick war kostbar, denn schon tönten von der Stadt her die Trommeln und Hörner, und bald klangen die Glocken wild durch den hundertfachen Lärm; nahmen wir nicht rasch die Wache, so mußte die Hülfe dasein, und Alles war verloren. Aber wieder begünstigte uns unsere Schutzheilige. Die Freiwilligen, wie sie oben anlangten, stürzten herbei und feuerten auf Thür und Fenster des Wachhauses, da ich umsonst zwei Mal den Eingang zu forciren suchte. Ich befahl dann, rasch zu schießen und ließ alle Welt laut „~viva el Rey, viva Cabrera! acá Castilla! acá Tortosa! Aragon para siempre!~“ durch einander rufen, als wären alle diese Truppen unter Cabrera’s Anführung dort oben. Die Wache, durch das Geschrei getäuscht, brach plötzlich aus dem Gebäude hervor, um sich durchzuschlagen; auch gelang es Einigen zu entkommen, zwölf Mann wurden gefangen, die andern getödtet.“
„Ich recognoscirte nun rasch die Seite des Castells, welche die Stadt beherrscht, und sah schon die Garnison auf dem Platze aufmarschirt. Daher vertheilte ich meine Leute längs den Schießscharten der Ringmauer, öffnete mit Hülfe von drei gefangenen Artilleristen die Magazine und ließ eine große Zahl von geladenen Bomben und Granaten herausholen. Zugleich befahl ich den Artilleristen, mit allen Kanonen unaufhörlich zu feuern, um nur den Feind einzuschüchtern.“
„Dieser rückte sofort zum Sturm heran. Eine dunkele Colonne drang langsam und geschlossen auf dem gewöhnlichen Wege gegen das Thor vor, während plötzlich ein anderer starker Haufen über die Felsen zu klimmen und so uns zu überraschen suchte. Da ließ ich alle Granaten und Bomben anzünden und über die Felsen mitten unter die Massen der Stürmenden hinabrollen, so daß die ganze Felsenwand mit spielend hinunterhüpfenden Flammen bedeckt schien. Aber die Christinos rückten dennoch muthig vor und gelangten bis zu der ersten Biegung des Weges. Erst als dort das Gewehrfeuer aus tödtlicher Nähe sie niederschmetterte und fortwährend Bomben und Granaten auf sie regneten, wandten sich beide Colonnen zur Flucht und stürzten in nie gesehener Verwirrung in die Stadt zurück. -- Morella war unser.“
„Da sank ich mit Thränen im Auge auf die Knie und mit mir alle die braven Burschen, und laut dankte ich der gnadenreichen Jungfrau der Schmerzen, daß sie so herrlichen Sieg uns gegeben habe. -- Dann befahl ich, ein großes Feuer anzuzünden, um den Gefährten das Zeichen zu geben.“
So weit der wackere Alió. In zehrender Unruhe horchte sein Commandeur und der Adjudant García auf das leiseste Geräusch, ob es Nachricht bringe von den kühnen Genossen. Aber Stunde auf Stunde verging in lautloser Stille, nichts Gutes verkündend; -- und plötzlich ertönte wildes Gewehrfeuer, bald von dem Krachen der Geschütze übertäubt, das immer heftiger in die Nacht hinausschallte; der furchtbare Felsen schien ein rings Flammen sprühender Vulkan, Tod und Verderben ausspeiend. Sie zweifelten nicht mehr: ihre braven Gefährten waren entdeckt und lagen schon begraben unter dem immer dichter fallenden Schnee; im stummen Schmerze starrten sie bewegungslos das majestätische, Unheil verheißende Schauspiel an. -- Da trat geräuschloses Schweigen an die Stelle des Tumultes, jedes Leben schien erstorben; einen Augenblick später erhob sich hoch über die dunkle Felsenmasse eine hell aufleuchtende Flamme -- das Glück verkündende Zeichen des Sieges!
In stürmischer Freude umarmten sich die beiden Männer und eilten, ihre Truppen, die sie, auf Alles vorbereitet, vereinigt gehalten hatten, dem fliehenden Feinde entgegenzuschicken.
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Mit Erstaunen hatten die Bewohner weit in der Runde dem ungewohnten Lärmen von der gefürchteten Veste her gehorcht: sie glaubten, daß die Garnison unter einander sich bekämpfe, und waren erfreut, daß Zwietracht die gehaßten Negros wechselseitig sich opfern mache. Bewunderung machte selbst den Jubel auf einen Augenblick verstummen, als sie am Morgen die unglaubliche Kunde vernahmen. -- Der Gouverneur Portillo floh mit der Garnison auf der Straße, welche nach el Orcajo führt, und dann rechts durch das Gebirge auf Alcañiz, aber über 150 Mann, die in den Schrecken jener Nacht sich zerstreut hatten, wurden von den Streifparthieen und selbst vom Landvolke aufgefangen und eingebracht. Dagegen traf Portillo auf der Brücke, die zwischen Morella und dem Orcajo die Ufer des Bergantes verbindet, eine von letzterer Stadt entsendete Patrouille des Bataillons von Valladolid und nahm achtzehn Mann von derselben gefangen.
Am folgenden Morgen ging die Sonne zum ersten Male seit Wochen an unbewölktem Horizonte auf, mit ihren Strahlen die unabsehbare Schneefläche in blendenden Glanz hüllend; der Himmel schien sein finsteres Sturmgewand nur beibehalten zu haben, um den Carlisten die Gelegenheit zu der kühnen That nicht zu rauben. Als Alió dann mit einem Detachement seiner Braven in die Stadt hinabstieg, in deren Straßen jetzt Todtenstille herrschte, fand er auf dem Platze vierzig Mann unter einem Sergeanten aufmarschirt, die, zurückgeblieben, um fortan unter dem carlistischen Banner zu fechten, mit lautem ~viva Carlos Quinto!~ ihn begrüßten. Er arretirte sie indessen, da dieser Entschluß in solchem Augenblicke sehr verdächtig schien.
Die Einwohner der Stadt, welche besorgt den Tag erwartet hatten, sahen freudig erstaunt, daß nicht die geringste Unordnung ausgeübt wurde: kein Freiwilliger betrat irgend ein Haus, wiewohl sie Alle ganz abgerissen und ohne Wäsche waren, bis Alió ihnen befahl, in die blau bezeichneten Häuser der dem revolutionairen Gouvernement günstig Gesinnten[61] zu gehen, und ein Jeder ein Hemd und ein Paar Beinkleider sich geben zu lassen. Und die treuherzigen Castilianer, sie, die eben stürmend die unnehmbar geachtete Veste erobert, sie naheten demüthig den zitternden Bürgern und baten sie beschämt, ein Hemd ihnen zu geben, weil sie so ganz entblößt seien; und freudig eilten sie zu ihrem Officier, mit kindlichem Vertrauen den erlangten Schatz ihm zu zeigen.
Freilich muß ich hinzufügen, daß auch unter den Carlisten solche Mäßigung wohl recht selten sich gefunden hat. Die jungen Castilianer, noch nicht durch langes Kriegen verhärtet und noch nicht gestählt gegen den Eindruck des fremden Jammers durch den immerwährenden Anblick von Leid und Elend und Gräuel, wußten wohl, dem geliebten Anführer in jede Gefahr folgend, das Schwerste auszuführen, aber den wehrlosen Bürger zu berauben wußten sie nicht. Sie gedachten noch des greisen Vaters, der Lieben, die daheim ja auch friedlich und wehrlos dem Übermuthe der Gewalt Preis gegeben waren; wie sollten sie da nicht mild und schonend sich zeigen!
Die Freudenbotschaft von der Escalade von Morella fand den General in Benicarló, dessen Fort er, nach der Reinigung von Unter-Catalonien wieder nach Valencia geeilt, so eben zur Übergabe genöthigt hatte. Er langte wenige Tage später in der Festung an und belohnte reich den Heldenmuth der kleinen Schaar. Lieutenant Alió trat als Capitain zu der Brigade von Tortosa, der Garde des Heeres, über, in der ich später als Oberstlieutenant ihn kannte.
So hatte denn das Jahr 1838 höchst günstig für die Sache der Carlisten begonnen. Durch die Eroberung von Morella sah sich Cabrera im vollständigen Besitze des Hochgebirges, welches die Grundlage und den Rückhalt aller seiner Operationen bilden mußte; in ihm konnte er mit Vortheil der Macht des Feindes sich entgegenstellen, von ihm aus als dem Centrum alle Provinzen der Christinos bedrohen und nach einander angreifen. Die Einnahme von Benicarló gab ihm einen Punkt am mittelländischen Meere und befestigte seine Herrschaft in dem fruchtbarsten Theile des Königreiches Valencia. Morella ward jetzt der Centralpunkt der carlistischen Macht im westlichen Spanien, wie Cantavieja bisher es gewesen war; zugleich schnitt es die Communication auf dem geraden Wege zwischen dem nördlichen Unter-Aragon und Valencia ganz ab, wodurch der Feind, das eine und das andere zu schützen, zu steter Zersplitterung seiner Kräfte genöthigt wurde.
Cabrera eilte, diese Vortheile zu verfolgen, zu kräftigster Offensive sie zu benutzen, während Oráa, der in Aragon eine neue Unternehmung gegen Cantavieja vorbereitete, rasch nach Valencia zur Deckung dieser Provinz zog, durch deren vollständige Eroberung Cabrera ungeheure Hülfsquellen sich geöffnet hätte.
[59] Die ganze Höhe des escaladirten Felsen betrug 143 Fuß.
[60] Die bei den Infanterie-Bataillonen befindlichen Sappeurs.
[61] Portillo ließ die Thüren der Anhänger Christina’s blau, die der Royalisten roth anstreichen, um Verwechselungen vorzubeugen!
XXII.
Der Frühling 1838 rechtfertigte keineswegs die Hoffnungen, welche durch die Eroberung von Morella angeregt waren; er brachte vielmehr allen carlistischen Armeen gleich empfindliche Verluste, von denen ich die Vernichtung der von Navarra zu neuen Expeditionen nach Castilien entsendeten Divisionen früher erzählte. Auch Cabrera, wenn er einzelne Vortheile errang, litt in seinen Unterfeldherren schwere Niederlagen und sah mehrfach seine eigenen Unternehmungen vereitelt.
Die Christinos hatten durch die Befestigung von Castellon, Villafamés und Lucena mit dem festen Bergschlosse von Villamaleja eine Linie nördlich vom Flusse Mijares gebildet, welche die Streifzüge der Carlisten nach dem südlichsten, reichsten Theile von Valencia sehr erschwerte, die Consolidirung aber ihrer Herrschaft daselbst unmöglich machte. Cabrera wollte diese Linie brechen und wandte sich deshalb gegen Lucena, welches, in der Mitte der beiden letztern Festungen und durch seine Lage äußerst stark, von ganz besonderer Wichtigkeit war. Alle Versuche Cabrera’s gegen dasselbe vor- und nachher scheiterten an der Festigkeit der Garnison, die meistens aus National-Milizen bestand, welche wegen exaltirter Gesinnungen aus ihrer den Carlisten unterworfenen Heimath geflohen waren und nun den Kampf des glühendsten Hasses und der Verzweiflung kämpften.
Kaum war die Belagerung eröffnet, zu der ein Theil der in Morella genommenen Artillerie herangezogen war, als Oráa mit weit überlegener Macht von Castellon de la Plana zum Entsatze eilte und, nachdem die Carlisten durch entschlossenen Widerstand bei Alcora die Zeit zur Zurückziehung ihrer schweren Geschütze gewonnen -- in den unwegsamen Sierras stets der schwierigste Punkt --, nach Lucena durchdrang. Cabrera aber flog auf der kürzesten Linie nach dem nun entblößten Aragon und nahm nach kurzer verzweifelter Gegenwehr das bedeutende Calanda im Flußgebiete des Guadalupe mit Sturm, worauf Andorra capitulirte. Er berannte sofort Alcañiz, ward aber zur Aushebung der Belagerung gezwungen, da General San Miguel von Zaragoza aus der bedroheten Stadt zu Hülfe zog. Er eilte von da, die Division von Aragon zurücklassend, nach el Turia, dem Landstriche zu beiden Seiten des Guadalaviar, wo Aragon, Castilien und Valencia sich berühren, welcher durch Tallada’s Vernichtung ganz von Truppen entblößt war.
Tallada war schon frühe als Guerrilla-Chef aufgetreten und von Tage zu Tage in den Provinzen del Turia und Cuenca mächtiger geworden, wiewohl er selten entschiedenen Sieg über feindliche Colonnen davon getragen hatte. Er war gewandter in der Kunst, den Kampf, wenn nicht alle Chancen ihm günstig, zu vermeiden, als in der des Schlagens, dabei überraschte er Freund und Feind häufig durch Märsche und durch Expeditionen bis tief in die Mancha und das Königreich Murcia, welche den Stempel der höchsten Kühnheit trugen, da er doch alle Verhältnisse so genau berechnet hatte, daß er seiner Sache sicher war. Seit er unter Cabrera’s Befehl stand, organisirte er seine Colonne trefflich und bildete fünf schöne Bataillone und drei Escadronen Lanciers, ein Ganzes von fast viertausend Mann. Er war indessen grausam gegen die Christinos, eigennützig und drückte schwer die von ihm heimgesuchten Districte.
Ich erwähnte früher, wie Tallada auf seinem Zuge durch die Provinz Cuenca im Januar 1838 einige Compagnien der königlichen Garde, die in einer Capelle sich eingeschlossen hatten, gefangen nahm, Leben und Eigenthum ihnen zusagend; und wie er wenige Stunden nachher die Officiere derselben gegen sein Wort meuchlings erschießen und ihre Leichen in einen Fluß werfen ließ, um der bedeutenden Geldsummen sich zu bemächtigen, welche zwei von ihnen mit sich führten. -- Seine eigenen Officiere tadelten laut diesen Act niedriger Wortbrüchigkeit; sie prophezeiten selbst, daß solches Verbrechen Unheil nach sich ziehen müßte, und daß gewiß schweres Unglück auf diesem Zuge die Division treffen würde. Tallada aber verlor seit dem Augenblicke die Klarheit des Geistes, den Überblick und die Bravour, welche vorher ihn auszeichneten; er wurde düster und schwankend in seinen Anordnungen.
Bald vereinigte er sich mit dem Corps Don Basilio Garcia’s, störte durch seine Eifersucht wesentlich den Erfolg der Expedition, veranlaßte das unglückliche Gefecht bei Ubeda und trennte sich endlich in Murcia von jenem General, um nach el Turia zurückzukehren.
Die furchtbaren Regen, welche schon in der letzten Zeit seiner Vereinigung mit Don Basilio verderblich gewirkt hatten, fuhren fort auf dem eiligen Rückmarsche ihn unendlich zu belästigen, auf dem die Division an Allem Mangel litt und, durch furchtbare Fatiguen erschöpft, vom General Pardiñas lebhaft verfolgt wurde. Doch gelang es ihr, am 26. Februar den Xucar, hoch durch die Regengüsse angeschwollen und von feindlichen Colonnen beobachtet, um den Übergang zu verhindern, ohne Zusammentreffen zu erreichen und auf einer Nothbrücke zu passiren. Die Division war gerettet, da der Feind, wenn die Brücke zerstört wurde, sie unmöglich einholen konnte; so blieb sie denn in dem nahen Castriel zur ersehnten Nachtruhe. Aber am Abend waren kaum zwei Drittel der Truppen versammelt, indem Erschöpfung und die grundlosen Wege viele Hunderte gehindert hatten, dem lang gedehnten Zuge zu folgen. Da befahl Tallada, die Brücke nicht abzubrechen, damit die Nachzügler während der Nacht der Division sich anschließen könnten.
Um vier Uhr Morgens am 27. Februar überfiel Pardiñas mit einigen Compagnien Avantgarde nach furchtbar forcirtem Marsche den offenen Ort. Wähnend, daß die National-Gardisten der Umgegend sich genähert hätten, um die Colonne durch ihr Schießen zu allarmiren, ließ der Brigadier die Truppen ruhig in den Quartieren bleiben, mit der Ordre, aus den Fenstern der auf das Feld sehenden Häuser auf die Feinde zu schießen, falls sie zu lästig würden. So konnte Pardiñas, rasch verstärkt, die Eingänge der Straßen und selbst den Marktplatz ohne Widerstand besetzen. Als die Carlisten endlich aus den Häusern stürzten, fanden sie die ganze Stadt in der Gewalt des Feindes, dessen Patrouillen mit den sich formirenden Compagnien vermischt waren. Ungeheure Verwirrung herrschte. Die meisten Soldaten wurden gefangen, so wie sie auf die Straße traten, viele entflohen drei, vier Mal, um eben so oft einem andern Trupp in die Hände zu fallen; ganze Compagnien abgeschnitten ergaben sich.
Nur etwa 400 Mann entkamen und erreichten Chelva im Turia. Brigadier Tallada selbst, anfangs entflohen und allein umherirrend, ward am andern Tage von National-Gardisten aufgefangen und, der Einzige der Division, als Repressalie für den Mord jener Garde-Officiere füsilirt. Da Cabrera dieses als eine Verletzung der (stillschweigends eingegangenen) Übereinkunft über Nichterschießung der Gefangenen ansah und demnach zu rächen drohte, sandten die Christinos ihm die Actenstücke, welche sie über den Tod der Ihrigen aufgenommen hatten, worauf der General sich für völlig befriedigt und die Erschießung Tallada’s für gerechte Strafe einer Schandthat erklärte.