Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 3
Don Thomas Zumalacarregui diente in der Armee Ferdinand’s als Oberst und Commandeur eines leichten Regimentes; sein Commando war ihm, der nie seine politische Meinung verbarg, genommen, und Christina sendete ihn als Staatsgefangenen nach Pamplona. Bald gelang es ihm zu entkommen, nicht, wie die liberalen Blätter oft behaupteten, durch Verletzung des gegebenen Ehrenwortes; er opferte die Caution, gegen die es ihm gestattet war, in der Festung anstatt in der Citadelle zu leben. Baske wurde er von den Basken mit Jubel empfangen, und schnell stellten ihn seine Talente an die Spitze seiner Landsleute. Da entwickelte er mit eben so viel Scharfsinn als Thätigkeit das Kriegessystem, dessen standhafte Durchführung ihn befähigte, den erprobten Generalen Spaniens siegreich zu widerstehen, die doch gegen seine Bauern ihre altgedienten Soldaten heranführten. Die Configuration des Landes, bewundernswürdig benutzt, und genaue Kenntniß der Örtlichkeiten begünstigten ihn in so ungleichem Kampfe gleichwie die Neigung der Einwohner, welche Gut und Leben aufs Spiel setzten, um den Kriegern, die ja für sie stritten, unter denen sie die ihnen Theuren wußten, den Erfolg zu erleichtern, Nachrichten ihnen zukommen zu lassen und hauptsächlich vor Mangel sie zu sichern, so oft sie in den wilden Schluchten der Gebirge Zuflucht zu suchen genöthigt waren.
Sarsfield, Valdes, Quesada an der Spitze der Armee -- so viele andere Chefs unter ihnen -- scheiterten in dem Versuche, den stets wachsenden Aufstand zu unterdrücken. Zumalacarregui, immer treue Bataillone bildend und mit außerordentlicher Schnelle sie organisirend, vermied die stärkeren Corps oder erwartete sie in Stellungen, welche ihre Übermacht unnütz machten; er griff die kleinen an und vernichtete sie; er flog von einem Theile des Kriegsschauplatzes zum andern, auf die verschiedenen Abtheilungen sich zu werfen, wenn sie am wenigsten den Angriff erwarten konnten. Jeder Tag brachte neue Triumphe, jeder Tag mehrte mit den Verlusten den Schrecken des Feindes. Seine Siege gaben dem General die Mittel zur Bewaffnung neuer Corps, wie sie das Vertrauen seiner Landsleute zu anbetender Begeisterung hoben, die kaum mehr steigen konnte, als im Juli 1834 Carl V. selbst, von England unerwartet abgereiset, in den Provinzen anlangte. Doch hatten die feindlichen Truppen noch alle wichtigeren Punkte, alle Städte besetzt und größtentheils befestigt, ihre Colonnen durchzogen das ganze Land, die Garnisonen erneuernd, verproviantirend und schützend. Zumalacarregui war auf seine Gebirge -- das Land im Allgemeinen -- beschränkt, und selten noch gelang es ihm, irgend eines Forts sich zu bemächtigen: seine Angriffsmittel waren zu klein, als daß sie raschen Erfolg möglich gemacht hätten, und die christinoschen Divisionen eilten herbei, die kaum begonnene Belagerung aufzuheben. Lange Zeit besaßen die Carlisten nur ein Geschütz, ~el abuelo~ -- der Großvater -- genannt, welches viele Jahre vergraben gewesen war. Dann verstärkten sie nach und nach ihre Artillerie durch Kanonen, die in den Seehäfen halb in die Erde gegraben zum Anbinden der Schiffe gedient, und durch einige Stücke, welche seit Mina’s Zeiten in den Klüften verborgen gewesen.
Solche waren die Mittel, mit denen die Basken den Kampf gegen die Macht der Monarchie begannen; erst nach Jahren konnten sie die Fabriken und Werkstätten jeder Art etabliren, die ihnen dann alles Material lieferten, ohne welches der Krieg sonst unmöglich scheint.
Kaum war Don Carlos in den Provinzen[5] angekommen, als General Marquis Rodil, der so eben von Portugal mit der Armee, welche gegen Don Miguel operirt hatte, als Oberbefehlshaber gesendet war, jene fantastische Verfolgung begann, die ohne irgend ein günstiges Resultat für die Christinos so sehr zu der Schwächung ihrer militairischen Operationen beitrug. In dieser Verfolgung zeichnete sich Carl V. durch die Größe und Festigkeit in Ertragung des Härtesten aus, die die Bewunderung der Seinen, die Achtung auch seiner empörten Unterthanen ihm erwarben. Nur von einigen Hunderten, der ausgesuchtesten Mannschaft, unter des treuen Eraso Führung begleitet, irrte der König Monate lang durch die wilden Gebirgszüge der Pyrenäen, verfolgt, umringt von vier und fünf Colonnen, die nur diesem Zwecke bestimmt waren. Da duldete der König alle die Entbehrungen und Drangsale, die in solchem Maße sonst kaum dem Soldaten in den unglücklichsten Verhältnissen zu Theil werden. Viele Meilen weit klimmte er, auf den Arm eines Begleiters gestützt, über die Felsen und Abgründe, wo Pferd und Maulthier dem gefährlichen Marsche nicht länger zu folgen vermochten; weder Sturm noch Kälte noch oft der Fuß hohe Schnee konnten als Vorwand dienen zu augenblicklicher Ruhe, denn der die Beute erlauernde Feind war stets auf den Fersen. Wie oft forderte der Monarch ein Stück Brod vom bewährten Diener, der mit Thränen im Auge schweigend die Stärkung versagte, da Alles aufgezehrt; wie oft diente der rauhe Felsen, gefrorener Schnee ihm zum Lager, auf dem er, in die Decke eines seiner Soldaten gehüllt, erschöpft den erquickenden Schlaf suchte! -- Carl V. bewährte, daß er, wenn nicht energisch genug, um der Intrigue und dem Verrath der Seinen fest sich entgegenzustellen, mit immer gleicher Seelengröße über persönliche Leiden erhaben ist. -- Und die Vorsehung war mit ihm. Wie durch Wunder entging er allen Listen, allen Schlingen der schlausten Führer des Feindes, der oft nur um Minuten sein Opfer verfehlte.
Während aber die Hauptmacht der Christinos in der Verfolgung eines Schattenbildes, welches sie nie erreichen sollte, Zeit und Kraft vergeudete, benutzte Zumalacarregui trefflich die Muße, welche sie ihm gönnte. Schon wenige Tage nach der Ankunft Sr. Majestät -- am 21. Juli und 1. August 1834 -- hatte er rühmliche Gefechte bestanden; dann nahm er mehrere feste Punkte, rieb feindliche Abtheilungen auf und machte selbst wiederholt Einfälle in Castilien, um Waffen vor Allem und sonstige Kriegsbedürfnisse sich zu verschaffen. Er durchzog die fruchtbare Rioja zu beiden Seiten des Ebro, schob sich kühn und gewandt zwischen die Colonnen der Generale O’Doyle und Osma, die combinirt bei der Rückkehr ihn auffangen wollten, und vernichtete sie ganz in den beiden Actionen des 27. und 28. October zwischen Vitoria und Salvatierra. Der gefangene O’Doyle ward erschossen, da die Feinde fortwährend der Carlisten Aufforderung, gegenseitig Pardon zu geben, zurückgewiesen. -- Am Ende des Jahres 1834 zählte Zumalacarregui achtzehn Bataillone unter seinem Commando.
Rodil, am Erfolge verzweifelnd, hatte den Oberbefehl der christinoschen Armee niedergelegt; Mina war an seiner Stelle ernannt worden. Seine herrlichen Kriegsthaten im Unabhängigkeitskriege sind bekannt; das Theater, auf dem er nun zu wirken bestimmt wurde, war dasselbe, welches damals seinen Unternehmungen so günstig sich bewiesen. Bald aber erfuhr er, wie verschieden sein jetziger Auftrag von der Aufgabe war, der er sich einst freiwillig mit so glänzendem Erfolge unterzogen. Dazu war er kränklich und häufig gehindert, selbst die Operationen zu leiten. Seine untergeordneten Generale erlitten wiederholte und sehr bedeutende Niederlagen, die Lage der Dinge wurde täglich mißlicher, Zumalacarregui nahm mit seiner einen Kanone mehrere Forts -- so das wichtige ~los Arcos~ -- unter Mina’s Augen. Nachdem der alte Guerrilla-Chef seine Wuth in nutzlosen Grausamkeiten gegen Landleute und Weiber, wie in Niedermetzelung der wenigen Gefangenen geäußert, die ihm in die Hände gefallen, entsagte auch er mißmüthig dem Commando, welches er unter so großen Hoffnungen seiner Parthei auf sich genommen.
Valdes, zugleich Kriegsminister, erhielt nochmals den Heerbefehl: die Vereinigung der beiden Gewalten in eine Hand sollte den Operationen ganz besonderen Schwung geben. In der That brach der neue General im April 1835 mit zwei und vierzig Bataillonen nach dem Innern der Provinzen auf; nie vorher war eine so starke Macht auf einem Punkte disponibel gewesen, aber auch nie war die Noth so dringend. Einige der festen Städte Vizcaya’s und Guipuzcoa’s waren gefallen, andere wurden hart bedrängt und mußten unmittelbar entsetzt werden, da die Colonnen in der letzten Zeit nicht mehr bis zu ihnen hatten durchdringen und die nöthigen Bedürfnisse ihnen bringen können.
So wie Valdes Miene machte vorzudringen, eilte Zumalacarregui herbei und begleitete beobachtend seinen Zug; in einer günstigen Stellung im Gebirge, wenige Meilen von Estella entfernt, stellte er den Christinos sich entgegen und griff sie trotz ihrer unendlichen Überlegenheit an. Zwei Divisionen wurden geworfen und gesprengt, doch die Cordova’s leisteten kräftigen Widerstand; der carlistische Feldherr brach den Kampf ab, die Feinde aber, schon entmuthigt und für jetzt ihren Plan aufgebend, traten den Rückzug an. Da, als schon die Nacht angebrochen, warf sich Zumalacarregui von Neuem auf die feindliche Armee, panischer Schrecken ergriff sie, Verwirrung riß ein, wie nie zuvor, Jedermann glaubte den Feind zu sehen und schoß auf Jedermann, die Divisionen alle flohen in wildester Unordnung auf Estella, Waffen, Gepäck und Czakos fortwerfend, um leichter zu fliehen. Erst nach mehrern Tagen konnten die Aufgelöseten wieder einigermaßen geordnet werden. Bald ward Espartero, der von Bilbao aus auf der Heerstraße vordrang, um das belagerte Villafranca zu entsetzen, eben so vollständig auf den Höhen von Segura geschlagen, Iriarte nahe Bilbao geworfen. Valdes erkannte die Unmöglichkeit, die festen Punkte im Innern der Provinzen länger zu halten. Er ließ die noch nicht genommenen räumen und begnügte sich, die Ebrolinie und die Forts der Seeküste zu behaupten, so daß die Carlisten nun ganz Vizcaya und Guipuzcoa mit Ausnahme der Hafenstädte, die Hälfte von Navarra und Alava, wo Vitoria den Feinden blieb, in ihrer Gewalt sahen. So lange die Entscheidung des Krieges den Waffen überlassen blieb, behaupteten sie dieses ihr Gebiet gegen alle Anstrengungen der Christinos.
Das liberalisirte Spanien erhob seine Stimme gegen Valdes, da es so Viel ihn aufgeben und durch den Rückzug hinter den Ebro seine Schwäche ihn eingestehen sah; er ward selbst als Verräther bezeichnet und bald genöthigt abzutreten. Doch war während seines Oberbefehls noch eine wichtige Veränderung geschehen. Der Krieg war bis dahin ein Kampf auf Leben oder Tod gewesen, und wenn ja ein Mal Gefangene gemacht und erhalten waren, so war dieses nur der Großmuth des carlistischen Feldherrn zuzuschreiben, der umsonst wiederholt gegenseitige Schonung beantragt hatte. Die Christinos hatten in jener Zeit so selten Gelegenheit, praktisch ihre Gesinnungen zu zeigen, daß man nicht wissen kann, ob sie sonst nicht auch solcher fortwährenden Schlächtereien müde geworden wären. So wie die Sachen standen, ließen sie nie den wenigen Gefangenen, die sie machen konnten, Gnade angedeihen, erhoben aber jedes Mal ein gewaltiges Zetergeschrei, wenn, diese Ausschweifungen so wie die Excesse der empörendsten Art gegen die Bevölkerung zu rächen und zu zügeln, auch die Carlisten zu Gewalt-Maßregeln schritten.
Diese wechselseitigen Grausamkeiten mußten Europa’s Aufmerksamkeit und Abscheu erwecken. Lord Elliot, vom Tory-Ministerium deshalb entsendet, brachte nach einigem Unterhandeln eine Übereinkunft zwischen den Führern der beiden Armeen zu Stande, nach welcher die Gefangenen als solche behandelt und ausgewechselt, so wie überhaupt die unter civilisirten Völkern herrschenden Kriegesgebräuche auch auf diesen Bürgerkrieg ausgedehnt werden sollten. -- Jedoch nur in den Heeren, die Navarra und den baskischen Provinzen angehörten! -- Die Anträge Zumalacarregui’s, diesen Vertrag auf ganz Spanien auszudehnen, wiesen die Verkünder „der Aufklärung und zeitgemäßer Ideen“ entschieden zurück.
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Die respektive Lage der Armeen war ganz geändert. Bisher hatten die Christinos noch immer die Meister der baskischen Provinzen sich nennen dürfen, da sie ihnen stets offen und die Hauptpunkte derselben von ihren Truppen besetzt waren; sie bemühten sich den Aufstand der Bergbewohner zu unterdrücken. Die Carlisten dagegen bildeten ein wanderndes Heer, welches ohne weitere Stützpunkte, als die das Terrain ihm bot, in den Provinzen umherzog und dem Feinde so viel Schaden that wie möglich, ohne für sich mehr Vortheile zu erlangen, als welche es mittelbar und für die Zukunft durch der Feinde Schwächung hoffen durfte. -- Nun war jenes Gebiet den Christinos geschlossen; die Royalisten setzten in ihm sich fest wie in dem Kerne ihres Reiches, während das Hauptstreben der Revolutions-Armee auf lange Zeit sich beschränkte, die Ausdehnung des Aufstandes nach den andern Theilen des Königreichs zu verhindern.
Lange schon hatte Bilbao, reich durch Handel, wichtig als Seehafen, die Aufmerksamkeit der Carlisten auf sich gezogen. Zumalacarregui, dem schon ein leichter Versuch, der Stadt sich zu bemächtigen, fehlgeschlagen, wandte plötzlich mit seiner Hauptmacht (er commandirte schon dreißig Bataillone) sich nach Vizcaya und betrieb sofort die Belagerung mit höchstem Nachdruck. Das feindliche Heer war durch die unaufhörlichen Niederlagen und Verluste so geschwächt, es war vor Allem so ganz demoralisirt, daß jeder Versuch zum Entsatz zurückgewiesen wurde: die Stadt, erst während des Krieges befestigt, war auf dem Punkte, sich zu ergeben. Da traf der herbste Schlag die carlistische Armee, der mehr als verlorene Schlachten Verderben ihr brachte. Ihr großer Feldherr ward am 16. Juni 1835 in seinem Logis von einer Flintenkugel leicht im Beine verwundet und starb bald. -- Das Volk schrie über Vergiftung durch bestochene Wundärzte. Wahrscheinlicher ist, daß die ruhelose, energische Heftigkeit, welche den General charakterisirte, durch Entzündung des Blutes die Wunde tödtlich gemacht. -- Der König ehrte das Andenken des ruhmvoll Hingeschiedenen, indem er den Titel eines Herzogs des Sieges in der Familie erblich machte.
Die nächsten Folgen schon waren furchtbar. Die Sieges-Laufbahn, welcher die Armee ununterbrochen gefolgt und die unter Zumalacarregui’s Leitung zu rascher Beendigung des Krieges sie führte, wurde gehemmt, Muthlosigkeit ergriff die Truppen, da sie den angebeteten Führer nicht mehr an ihrer Spitze sahen: es gelang Cordova, der so eben an Valdes Stelle den Oberbefehl übernommen, das bedrohete Bilbao zu entsetzen.
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Dem greisen Moreno ward das Commando des verwaiseten Heeres anvertraut, der ein lange gedienter und erfahrener General, wenn er Zumalacarregui nicht ersetzen konnte, gewiß der Würdigste war, ihm zu folgen, da der edle Eraso, schon dem Tode nahe, den Befehl abgelehnt. Doch wie geeignet Moreno zur Vollendung des hohen Werkes sein mochte, welches sein Vorgänger so gewandt wie glücklich durchgeführt, sein Commando begann mit Unglück, dem höchsten Verbrechen in solchem Kriege. Genöthigt, Bilbao aufzugeben, eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters und warf sich auf das feste Puente la Reyna, dessen Wegnahme den Eintritt in das christinosche Navarra und Aragon ihm sichern sollte. Cordova flog zur Hülfe der bedrängten Veste; die Schlacht bei Mendigorria wurde geschlagen. Übermacht trug über die Tapferkeit den Sieg davon, und wohl hätte dieser Tag von unheilvollstem Einflusse für die Sache des Königs sein mögen, wenn der feindliche Feldherr den Vortheil zu benutzen gewußt hätte, den ein Zufall ihm in die Hände gespielt. Doch der Sieg war noch den Christinos zu neu; sie geriethen in Unordnung, wagten nicht, die Geschlagenen zu verfolgen und ließen ihnen Zeit, um sich sammeln und den Siegern die Früchte ihres Glückes entreißen zu können. Doch war Puente la Reyna gerettet, und die christinosche Armee hatte erkannt, daß ihre Gegner nicht unbesiegbar waren, sie wagte wiederum Vertrauen in sich selbst zu setzen und dem panischen Schrecken zu widerstehen, der sonst bei dem Anblicke der gefürchteten Bergbewohner sie ergriffen. Die Cavallerie aber der Christinos datirte von jenem Tage das Übergewicht, welches sie unleugbar seitdem über die Carlistische der Nordprovinzen behauptete.
Cordova stand also an der Spitze der constitutionellen Armee. Ganz ohne Grundsätze oder Festigkeit des Charakters hatte er bald Royalist, bald liberal sich gezeigt, heute den Gemäßigten gehorsam, morgen fest der exaltirten Parthei sich anschließend; und bei Ferdinand’s Tode zwischen Carl V. und der Königinn Wittwe schwankend würde er nun zum eifrigen Republikaner werden, wenn er den Sieg der Republik für nahe halten, sich durch sie gehoben hoffen sollte. Ehrgeiz, ungemessene Ehrsucht ist seine herrschende Leidenschaft. Reißend schnell stieg er zu den höchsten Graden im Heere, ohne je im Kriegsdienste sich ausgezeichnet zu haben: er war bis zum Bürgerkriege stets als Diplomat beschäftigt gewesen, und als solcher, kaum ein Dreißiger, General geworden. Aber er hatte sich im Jahre 1823 eifrig absolutistisch gezeigt, er war feiner Hofmann, gewandt in der Intrigue und +bei den Frauen+ beliebt; seine Talente, wenn auch nicht als Militair, sind hoch. In den Nordprovinzen zeigte er persönliche Bravour und in verwickelten Lagen viele Besonnenheit[6].
Cordova erkannte bald, daß er nicht hoffen dürfe, durch Befolgung des bisherigen Systems endlichen Sieg über die Carlisten zu erringen, daß im Gegentheil dadurch sein Heer dahinschwinden und seine numerische Überlegenheit endlich ganz verlieren müsse, da selbst die einzelnen Siege, die es davon trug, es schwächten, ohne entsprechende Vortheile herbeizuführen. Er adoptirte daher eine andere Methode. Die Carlisten sollten in dem Gebiete, welches sie inne hatten, blockirt, jede Zufuhr ihnen abgeschnitten und sie so, ganz auf sich reducirt, durch Mangel zur Unterwerfung gezwungen werden. Er umringte zu diesem Zwecke die Provinzen mit den sogenannten Linien -- festen Plätzen, die von Distance zu Distance und aus jedem strategisch wichtigen Punkte errichtet, seinen Truppen als Stützpunkt dienen, dem Feinde, soutenirt wie sie waren durch mobile Colonnen, das Ausbreiten seiner Herrschaft über ihre jetzigen Gränzen hinaus erschweren und ihn hindern sollten, über sie hinaus in die fruchtbaren Niederungen Streifzüge wie bisher zu unternehmen. Diese Linien erstreckten sich von der Gränze Frankreichs nach Pamplona (Linie von Zubiri), längs der Arga zum Ebro und diesem Strome entlang nach Alava; von dort sollte sie durch das Gebirge bis an das Meer fortgesetzt werden, doch gelang es den Christinos nie, diesen Theil des Werkes ganz zu vollenden, da die Befestigungen, welche sie wiederholt in Valmaseda und andern Punkten versuchten, stets wieder zerstört wurden. Dann besaßen sie alle Hafenpunkte bis San Sebastian, von wo eine Linie durch das Bastan-Thal zur Vereinigung mit der von Zubiri auf spätere Zeiten projektirt wurde, die dann die Umschließung vollendet hätte.
In der That war Cordovas Plan gut berechnet. Verstümmelt und unvollendet, wie er in der Ausführung noch war, brachte er doch die Regierung Carls V. in große Verlegenheit, da während einiger Zeit die Zufuhr aus Frankreich durch strenge Verbote fast ganz unterbrochen war. Als der Plan aber gerade durch Theurung und in ihrer Folge entstehende Unzufriedenheit seine Wirkungen zu äußern begann, ward Louis Philipp oder sein Minister vermocht, jene Prohibitiv-Maßregeln zurückzunehmen, so daß die Carlisten dem Mangel an Lebensmitteln immer aus jenem Königreiche abhelfen konnten.
Während Cordova mit der Ausführung seines Lieblings-Projekts beschäftigt war und deshalb von Pamplona nach Vitoria und zurück hin und herzog, allenthalben die zu errichtenden Werke zu dirigiren und gegen den Andrang des Feindes zu decken -- waren neue Massen hinzugekommen, das treue Bergvölkchen zu bekriegen und die verhaßte Herrschaft der Tochter Ferdinand’s ihm aufzudringen. Schon am 22. April 1834 hatten England, Frankreich und Portugal mit der revolutionairen Regierung Spaniens den Quadrupel-Vertrag abgeschlossen, durch den jene Nationen sich verbindlich gemacht, nöthigen Falls Isabella zu unterstützen. Die Christinos hatten dringend diese Hülfe reclamirt, ohne die sie nicht länger dem wachsenden Strome sich widersetzen zu können glaubten. Louis Philipp sendete daher die französische Fremden-Legion, welche acht Bataillone und einige Escadronen stark bisher die Araber bekämpft, von Algier nach Catalonien, von wo sie langsam nach Navarra sich in Marsch setzte. Sie zeichnete sich aus durch die nordische Bravour, der der Spanier nie staunende Bewunderung versagen kann. -- Zugleich hatte Oberstlieutenant de Lacy Evans die Erlaubniß des britischen Ministeriums erlangt, um in den vereinigten Königreichen ein Hülfscorps anzuwerben, welches auch, da Versprechungen nicht gespart wurden, rasch errichtet war. Die Leute bestanden aus dem Abschaum des Pöbels der drei Königreiche; die Officiere dagegen, unter denen Viele der englischen Armee angehörten, verdienten desto mehr Auszeichnung, daß sie mit solchem Stoffe so viel leisten konnten.
Evans, der mit den Ergänzungen, die nach und nach von England anlangten, etwa 16000 Mann nach Spanien führte, landete mit seinem noch undisciplinirten Haufen in San Sebastian, von wo er, bei einer Recognoscirung gegen Hernani von General Gomez zurückgewiesen, nach Bilbao aufbrach, welches wiederum bedroht war. Nach dessen Entsetzung zog er langsam nach Vitoria, wo die Legion während des Winters größtentheils unthätig blieb, mit ihrer Organisation beschäftigt. Krankheiten rissen ein, durch die unmäßige Lebensart der Leute hervorgerufen, und rafften viele Hunderte in entsetzlichem Elende hin; dazu gesellte sich schon Unzufriedenheit, veranlaßt durch den häufigen Mangel an Sold und selbst an den ersten Bedürfnissen, zu deren Befriedigung, wie Engländer sie mochten erwartet haben, den spanischen Behörden oft der Wille, stets die Mittel fehlten.
Zu diesen beiden Legionen kam bald eine portugiesische Division unter dem Baron das Antas, 6000 Mann stark, die, nachdem sie in Castilien operirt, im nächsten Jahre in Vitoria anlangte, wo sie fast ohne Kampf blieb, bis sie kurz vor ihrer Zurückrufung den Versuch, sich einmal thätig und nützlich zu zeigen, mit einer Niederlage büßte.
So hatten sich zu den Massen, welche Christina zur Erdrückung der braven Basken aufgeboten, fast dreißigtausend Fremde gesellt. Wer hätte da ferneren Widerstand für möglich gehalten? Carl V. aber, im Gefühle seines Rechtes und dessen, was er den Seinen schuldig war, zugleich hoffend, daß wohl Manche der Eindringlinge frühzeitig gewarnt dem drohenden Geschicke nicht sich unterziehen würden, hatte auf die erste Nachricht der beabsichtigten Werbung im Juni 1834 die Proclamation erlassen, durch welche er die fremden Corps, welche in der rein die spanische Nation betreffenden Successions-Frage die Usurpations-Herrschaft aufrecht zu erhalten kämen, für ausgeschlossen von den Wohlthaten des Elliot’schen Vertrages erklärte.
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