Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 29
Im Gefecht war Cabrera furchtbar: er flog stets an der Spitze der Seinen der Erste zum Kampfe, und wo er erschien, da stürzten die Feinde unter seinem eisernen Arme. So lange er Widerstand fand, kannte er keine Gnade, und nicht selten ertönte durch das Getümmel seine Donnerstimme: „~á ellos, carajo, no hay cuartel~!“ -- Vorwärts, kein Pardon! -- Gegen den Feind, der besiegt in seiner Gewalt war, blieb er stets großmüthig, und ich habe mich umsonst bemüht, ein einziges Beispiel von +überlegter+ Grausamkeit mit Ausnahme der natürlichen Rache-Scenen nach dem Tode seiner Mutter, wenn man sie überlegt nennen darf, während seiner thatenreichen Laufbahn aufzufinden.
* * * * *
Am 15. September 1836 vereinigte sich Cabrera nebst Quilez und Miralles bei Utiel mit der Division von Gomez. Bei der Beschreibung jener Expedition sahen wir, wie Cabrera fortwährend mit hoher Auszeichnung kämpfte, wie er nach dem unglücklichen Treffen von Villarrobledo mit der Vorhut in Cordova eindrang und dann bei Baena den General Escalante schlug. Später dankte ihm Gomez die rasche Einnahme von Almaden, worauf Cabrera am 7. November mit einigen Hundert Reitern von ihm sich trennte, da der Zustand der Dinge in Aragon gebieterisch die Rückkehr nach den ihm untergebenen Provinzen forderte.
Cabrera wollte jedoch vorher nach den Nordprovinzen passiren, um mit den Anführern der dortigen Armee über etwanige Operationen und Combinirung derselben sich zu verständigen; auch war er nicht mit den kampflosen Zügen von Gomez’s Division seit der Räumung von Cordova einverstanden gewesen und glaubte, über diesen General gegründete Beschwerden führen zu müssen. Glücklich durchkreuzte er die Mancha und die Provinzen Guadalajara und Soria und gelangte bis nach Rincon, einem Dorfe nahe am Ebro, eine halbe Stunde von dem feindlichen Fort von Calahorra entfernt. Unbekanntschaft mit den Verhältnissen in diesem Theile des Kriegsschauplatzes und Mangel an der nöthigsten Vorsicht wurden ihm verderblich; anstatt den Ebro zu passiren und dadurch im wirklich carlistischen Gebiete -- in Navarra -- Sicherheit zu suchen, ließ er die erschöpften Truppen im Dorfe auf dem jenseitigen Ufer ruhen und stellte selbst trotz der Warnungen eines vertrauten Officiers -- des Capitain Garcia aus Calahorra, der, schwer verwundet, von der Division Gomez mit Cabrera nach den Nordprovinzen zurückgehen wollte -- die auf so gefährlichem Punkte unerläßlichen Vorposten nicht aus, da die Leute nach einem Ritte von vierzehn Meilen des Schlafes bedurften.[57] In der Nacht überfiel die Colonne der Rivera unter Iribarren die sorglos Ruhenden; ein Theil der Reiter wurde niedergemacht, ein anderer gefangen, mit dem Reste entfloh Cabrera, der verwundet und halb entkleidet kaum entkommen war, nach der Provinz Soria, um von dort aus Aragon zu erreichen. Doch vorher wurde seine geschwächte Schaar gänzlich zersprengt; er selbst, aus drei Wunden blutend, ohne Pferd und ganz erschöpft, ward mit Mühe durch einen treuen Gefährten, den Oberst Don Rodriguez Cano -- la Diosa genannt -- gerettet, der den hülflos Daliegenden fortschleppte, auf dem Fuße verfolgt durch unwegsame Wälder ihn geleitete und endlich den von Blutverlust und Anstrengung zum Tode Müden in dem vom Feinde besetzten Städtchen Almazan unter der Pflege eines braven Pfarrers verborgen zurückließ. Cano eilte nach Aragon, kehrte im Fluge mit einer Compagnie Lanciers zurück und führte den noch nicht hergestellten Feldherrn den Seinen zu.
Cabrera fand die Armee, welche er so glänzend verlassen hatte, in dem Zustande der furchtbarsten Auflösung. Umsonst hatte der brave Oberst Arévalo, sein Stellvertreter, Alles gethan, die Fortschritte des Feindes zu hemmen: seine Kriegserfahrung vermochte Nichts, da die untergeordneten Anführer, die einst unabhängigen und jetzt nur durch Cabrera’s Ansehen zusammengehaltenen Guerrilla-Chefs, Mitwirkung und Gehorsam ihm versagten. Sie wurden einzeln von den übermächtigen Massen der Christinos erdrückt, und ihre Truppen zerstreuten sich zum Theil oder verloren doch ganz die Disciplin und das Selbstvertrauen, durch welche Cabrera so Viel mit ihnen vermocht hatte.
So war es denn dem General Don Evarista San Miguel möglich gewesen, selbst Cantavieja, den Haupt- oder vielmehr einzigen Waffenplatz Cabrera’s in dem Centrum des wilden Gebirgsknoten von Unter-Aragon, am 31. October ohne Schwierigkeit zu nehmen, indem er mehr die Elemente und die Unzugänglichkeit des Terrains als den Widerstand der Carlisten zu besiegen hatte. Die Garnison verließ die Stadt, nachdem sie an dem Versuche, die 3000 Christinos nebst dem Brigadier Lopez, welche Gomez gefangen dorthin gesandt hatte, vor ihrem Rückzuge zu ermorden, durch dreihundert Mann von Gomez’s Division verhindert waren, die, zur Bewachung der Gefangenen zurückgelassen, die Ankunft der Feinde in der Stadt erwarteten, um die Wehrlosen nicht der Wuth ihrer Gefährten Preis zu geben. Sie fielen daher in die Hände San Miguel’s. Es wäre ungerecht, wenn ich nicht als ein Beispiel christinoscher Großmuth anführte, daß Espartero jene 300 Mann in Anerkennung ihres edlen Betragens, ohne Auswechselung frei nach Navarra sandte.
Bei seiner Rückkehr sah also Cabrera die Schwierigkeiten unendlich gehäuft und seine Macht in eben dem Maße verringert nicht nur durch die erlittenen Unglücksfälle, sondern auch durch die Trennung von Quilez, der mit seiner Brigade bei Gomez geblieben war. Die erste Sorge des Feldherrn war auf die Wiederherstellung der verlorenen Disciplin gerichtet, wozu freilich der Zauber seiner Gegenwart nebst einigen exemplarischen Strafen hinreichte. Sofort im Anfange des Jahres 1837 eilte er nach der Ebene von Valencia und streifte am 16. Januar bis an die Thore der Hauptstadt; mit reicher Beute zog er sich langsam nach den Gebirgen, als er am 18. Januar bei Torre blanca auf den General Borso di Carminati stieß, der seine Colonne zur Deckung Valencia’s heranführte. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich, in dem die Carlisten vergeblich die Stellung des Feindes zu forciren suchten, da die Jäger von Oporto, aus Deutschen bestehend, die unter Don Pedro nach Portugal gekommen und vor kurzem, durch höchste Unerschrockenheit ausgezeichnet, der Tochter Ferdinand’s zu Hülfe gesandt waren, unerschütterlich fest standen. Cabrera ward, an der Spitze seiner Cavallerie chargirend, von neuem im Schenkel verwundet und verlor einige hundert Mann; Borso aber rettete sich während der Nacht durch einen Gewaltmarsch nach Castellon de la Plana.
Der verwundete General beobachtete von Rosell aus die feindliche Division von Valencia, während Forcadell im Februar eine Expedition nach der Mancha machte, wo er ungeheure Vorräthe von Getreide und Vieh zusammenbrachte, mit denen er glücklich nach Aragon zurückkam.
Schon war Cabrera, noch nicht genesen, wieder rastlos thätig. Er drang plötzlich tief nach Valencia hinein und griff am 18. Februar bei Buñol die 5000 Mann starke Colonne des General Cahuet in fester Stellung an, schlug sie gänzlich, nahm über 1900 Mann gefangen und jagte den Rest in vollkommener Auflösung und ohne Waffen, die sie zu leichterer Flucht weggeworfen hatten, nach der Hauptstadt. Sofort eilte er nach Aragon, um General Oráa, der so eben das Commando der Armee des Centrums übernommen, dorthin zu locken, wendete sich blitzschnell wieder nach Süden und stand am 29. März abermals im Angesicht von Valencia, wo er eine Colonne von 1500 Mann ereilte und vernichtete und Murviedro beschoß. Er durchzog, ohne Widerstand zu finden, die reiche südliche Hälfte des Königreiches und erschien am 1. April vor Alicante, während er Forcadell bis nach Orihuela, der Hauptstadt der Provinz, vorschob, deren Garnison bei der Annäherung der Carlisten entfloh. Mit siebenhundert ausgehobenen Pferden und einem ungeheuern Convoy von Lebensmitteln und Kriegsbedarf nebst 2300 Gefangenen kehrte Cabrera nach seiner natürlichen Gebirgsfeste zurück, wo Oberst Cabañero -- welcher, ein reicher Gutsbesitzer und Commandeur eines Bataillons Nationalgarde, vor kurzem ein Corps für die Carlisten gebildet hatte, um auch sie später zu verrathen -- am 27. April die Festung Cantavieja durch Einverständniß mit den Bürgern wieder genommen und die schwache Garnison, nur 600 Mann, gefangen hatte.
In vier Monaten waren durch die Anwesenheit des Generals alle die zahllosen Verluste ersetzt, die während seiner Entfernung die Armee von Aragon fast vernichteten; er hatte die Angelegenheiten der Carlisten in diesem Theile Spaniens selbst auf eine höhere Stufe gehoben, als sie je vorher gewesen. Aus dem kühnen Guerrilla-Chef war ein Heerführer geworden, dem der erste Feldherr Christina’s -- denn Oráa verdient den Namen -- entgegengestellt wurde, der schon seine gut organisirten und disciplinirten Truppen auf offenem Felde gegen den Feind führte, und der ungestraft die vorzüglichsten Städte Spanien’s bedrohete, seine reichsten Provinzen sich tributpflichtig machte.
Im Mai zog Cabrera nach Aragon und Catalonien,[58] wo er seine Herrschaft täglich ausdehnte, die feindlichen Forts, mit denen das Land übersäet war -- die Christinos hatten jede Stadt, auch die kleinste, befestigt und verloren so, um Alles zu decken, oft auch das, was sie ohne Zersplitterung ihrer Macht hätten bewahren können -- eroberte, die Werke derselben zerstörte und dabei fortwährend Zahl und Güte seiner streitbaren Mannschaft vermehrte. Doch umsonst belagerte er wieder das herrliche Gandesa, so oft schon bedrohet, umsonst suchte er der bedeutenden Stadt Alcañiz sich zu bemächtigen, welche er am 23. Mai zur Übergabe aufforderte; die Mittel zur regelmäßigen Belagerung fehlten ihm ganz, und die feindlichen Colonnen eilten stets zu raschem Entsatze herbei. Er zog dann vor Caspe und passirte, Zaragoza bedrohend, den Ebro, wandte sich sofort nach der Gränze von Aragon und Castilien, fing dort einen Convoy auf und stand am 14. Juni schon wieder vor Caspe, dessen Belagerung er eröffnete, um durch seine Einnahme der königlichen Expedition, die am 5. Juni in Catalonien angelangt war, einen bequemen Übergangspunkt über den Ebro zu sichern. Die Annäherung Oráa’s zwang ihn, das Unternehmen auf Caspe aufzugeben, weßhalb er den Übergang bei Cherta, nahe bei Tortosa, vorbereitete, wo er glücklich am 29. Juni bewerkstelligt wurde, von dem zu spät herbeieilenden Feinde nicht mehr gehindert.
Früher sagte ich, wie ununterbrochen thätig Cabrera während der Vereinigung mit dem Corps des Königs war, wie er unwillig vor Madrid zurückwich, dann am 18. September Guadalajara unter den Augen Espartero’s besetzte und zwei Tage später, von der Expeditions-Armee sich trennend, mit seiner Division den Rückzug nach den ihm untergebenen Provinzen antrat.
Oráa warf sich auf die abgesondert marschirende Infanterie und holte sie mit seiner Cavallerie bei Arcos de la Frontera, nahe bei Cuenca, in einer Ebene am Fuße der Gebirge ein. Die zehn Elite-Compagnien der Brigaden von Tortosa und Mora stellten sich dem Feinde entgegen und hielten, in Massen formirt, seinen Choc auf, bis die Division das Gebirge erreicht hatte; so ihre Gefährten rettend sahen sie sich umzingelt und wurden, als die Infanterie der Christinos ankam, sich zu ergeben gezwungen. Nie hatte Cabrera so empfindlichen Verlust gelitten, der aus dem Fehler entsprang, welchen er durch Detachirung der ganzen Cavallerie unter Forcadell machte, während er mit seiner Infanterie nicht in einem Terrain blieb, das gegen Angriff der feindlichen Reiterei ihn gesichert hätte. --
Oráa beschloß Cantavieja wiederzunehmen. Er vereinigte in Valencia einen bedeutenden Belagerungs-Train und führte ihn im Anfange Novembers über San Mateo auf Morella. Cabrera erwartete den Feind auf dem südlichen steilen Abhange der Sierra Buey zwischen Ares del Mestre und Cati und wies dessen wiederholte Versuche zur Forcirung des Durchganges kraftvoll zurück; Oráa zog sich, seinen Plan aufgebend, nach Valencia zurück. -- Er hatte für die Belagerung von Cantavieja allein von der Stadt Zaragoza 30000 Piaster außerordentlicher Kriegssteuer erhoben, denn das Land mußte beiden Heeren Alles liefern.
Cabrera flog, die Entfernung der christinoschen Divisionen benutzend, nach dem Hügellande Unter-Cataloniens und belagerte von neuem Gandesa, in dessen Mauern er drei Mal umsonst Bresche geöffnet hatte. Auch jetzt zog General San Miguel, einer der fähigsten Anführer der Feinde, von Zaragoza zum Entsatze. Cabrera warf sich ihm entgegen, griff nur halb so stark wie der Feind bei Corvera ihn an und nöthigte ihn zum Weichen, konnte aber nicht verhindern, daß San Miguel ohne weiteren Verlust durch geschicktes Manövriren die bedrohete Stadt erreichte. Bei seinem Abmarsche führte er jedoch die Garnison mit sich fort, da er die Unmöglichkeit längeren Widerstandes erkannte, und ließ so am Schlusse des Feldzuges die Carlisten in unbestrittenem Besitze des südlich vom Ebro gelegenen Theiles von Catalonien, der durch seine Fruchtbarkeit und den Geist der Einwohner von hoher Wichtigkeit war und die Verbindung mit der royalistischen Armee von Catalonien sicherte. -- Gandesa hatte eilf Belagerungen Cabrera’s erlitten.
* * * * *
Der Winter von 1837 zu 38 war Zeuge einer Scene voll des unendlichsten Jammers und Elendes, einer Scene, die an herzzerreißendem Schrecken Alles überragt, was sonst der Bürgerkrieg Entsetzliches mag hervorgebracht haben.
Da die Operationen im Verein mit der königlichen Expedition und später zur Vertheidigung Cantavieja’s bis in den Spätherbst sich ausgedehnt hatten, war es dem carlistischen Feldherrn unmöglich gewesen, wie in andern Jahren aus den umliegenden Provinzen Lebensmittel nach dem Gebirge zu führen, so daß dort bald der empfindlichste Mangel sich fühlbar machte. Alle Magazine waren leer, alle Vorräthe erschöpft; das Volk lebte von wenigen Kartoffeln, dem Einzigen, was nebst etwas Hafer in diesen unfruchtbaren Districten gewonnen wird, die Bataillone blieben drei und vier Tage lang ohne Lebensmittel und waren während ganzer Monate auf halbe und Viertel-Rationen beschränkt.
Tausende von Gefangenen waren in den Depots der Carlisten aufgehäuft, der Mehrzahl nach von der glorreichen Action vom Villar de los Navarros herrührend, wo der König das Corps des General Buerens vernichtete. Cabrera erkannte die Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen solche Zahl den Winter hindurch zu ernähren. Er setzte daher dem feindlichen Obergeneral Oráa auseinander, wie gänzlicher Mangel an allem Nöthigen, unter dem seine eigenen Truppen schwer litten, ihm nicht erlaubten, die Gefangenen zu versorgen; wie auch bei dem Willen, es zu thun, die Unmöglichkeit unbesiegbar bleibe, da alle Magazine geleert seien. Er erbot sich, alle diese Gefangenen gegen einen bloßen Empfangschein auszuliefern, unter der Bedingung, daß Oráa, so wie Carlisten in seine Hände fielen, bis zur Completirung jener Zahl als ausgewechselt sie zurückgebe. Für den Fall aber, daß Oráa dieses nicht eingehen wollte, forderte er ihn auf, das zur Beköstigung der Gefangenen Nothwendige zu liefern, bis Cabrera in der bessern Jahrszeit im Stande sei, es zurückzugeben. Würde weder der eine noch der andere Vorschlag angenommen, so müßten alle jene Unglücklichen unfehlbar Hungers sterben.
Der christinosche General antwortete, daß, wer sich dem Feinde ergebe, sein wohl verdientes Schicksal tragen möge, was es auch mit sich bringe.
Furchtbar war das Loos der Krieger, die so von den eigenen Gefährten hingeopfert wurden. Als die Mittel der Bewohner, welche Wochen lang spärlich sie unterhielten, endlich ganz erschöpft waren, als sie Alles, was auf Augenblicke die entsetzliche Qual lindern konnte, bis auf das Leder ihrer Schuhe zernagt und verschlungen hatten, da sanken Hunderte in tödtlicher Entkräftung hin, und -- -- die Überlebenden zehrten gierig von dem Fleische ihrer gestorbenen Cameraden.
Da setzte Cabrera schaudernd die Mehrzahl der Verschmachtenden in Freiheit und vertheilte sie alle unter die Bauern zur Verpflegung. Oráa lud den Fluch aller menschlich Denkenden jeder Parthei auf sich; die Exaltados aber riefen ihm Beifall zu und -- -- schimpften Cabrera als blutgierigen Tiger!
[56] Der General Baron von Rahden irrt, da er in seinem Werke über Cabrera sagt, daß dieser zu Cordova die ersten Gefangenen nach seiner Mutter Ermordung gemacht habe.
[57] Viele Reiter waren auf den furchtbar forcirten Märschen -- täglich zwölf bis achtzehn Meilen durch Feindes Land -- aus eigener oder ihrer Pferde Ermüdung zurückgeblieben, mehrere todt niedergefallen.
[58] Ein kleiner Theil des Fürstenthums Catalonien liegt südlich vom Ebro, von diesem Flusse, dem Meere, Valencia und Aragon umgränzt. Dieser Theil war, wie Valencia und Unter-Aragon, Cabrera untergeben.
XXI.
Als die Expeditions-Division von Zariategui in Aranda de Duero mit der königlichen Armee sich vereinigte, sandte er die in Valladolid und in der Provinz neu errichteten Bataillone nach der Sierra de Soria, um ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Die größere Zahl derselben gelangte bei dem Rückzuge der beiden Expeditions-Corps in der zweiten Hälfte des Octobers 1837 mit ihnen nach den baskischen Provinzen, wo sie das beklagenswerthe Corps von Castilien bildeten; drei dieser Bataillone aber unter dem Obersten Savega sahen sich nach manchen Abenteuern und Gefahren, die meistens in der gänzlichen Unerfahrenheit der Rekruten ihren Grund hatten, durch die Colonnen Espartero’s abgedrängt und in die Sierra zurückgeworfen. Die ungeheuren Mühseligkeiten hatten auf die junge, des Krieges ganz ungewohnte Mannschaft so entmuthigend gewirkt, daß die Brigade schon von 2800 Mann auf 1700 zusammengeschmolzen war, ohne daß irgend ein ernstliches Treffen Statt gefunden hätte.
Savega war ein habsüchtiger Mann, der erfreut, als unabhängiger Chef dazustehen, den Truppen seine Absicht erklärte, in der Provinz Soria sich zu halten, wo er natürlich sein persönliches Interesse leicht befördern konnte; er begann also, sofort eifrig große Getreidevorräthe aufzustapeln. Doch das Officier-Corps dachte anders. Es stellte ihm vor, daß das Bleiben unvermeidliches Verderben nach sich ziehen müsse, weil die Mannschaft neu ausgehoben und größtentheils noch gar nicht im Feuer gewesen sei; weil es so ganz an Munition fehle, daß jeder Soldat nur fünf Patronen habe, wobei an Ersatz derselben nicht zu denken sei; weil zwei Colonnen von Burgos und Soria zu ihrer Verfolgung eilten; weil endlich der fortwährende Mangel am Nöthigsten in der rauhen Jahreszeit die ganz abgerissenen Truppen zur Desertion verleiten werde, welche die Nähe des kaum verlassenen väterlichen Daches noch besonders begünstige. Sie forderten ihn daher auf, die Brigade entweder nach Aragon oder nach den Nordprovinzen zu führen.
Da der Oberst unter nichtigen Vorwänden auf seinem Entschlusse beharrete, entschlossen sich die Officiere, selbstständig zu handeln. Sie sammelten daher in einer Nacht das eine Bataillon vollständig, die Hälfte des zweiten und die Jäger-Compagnie des dritten und verließen das Städtchen, in dem es dem Obersten mit Hülfe einiger ergebener Officiere gelang, den Rest der Leute, etwa 600 Mann, zurückzuhalten: wenige Tage nachher wurden dieselben vom Feinde ereilt und sofort zersprengt, der Oberst ward gefangen. Doch will ich diese willkürliche Trennung nicht rechtfertigen; wohl aber darf ich sagen, daß das Corps fortan stets durch Disciplin und Bravour sich auszeichnete und so jenen Fehler -- bei dem übrigens die Bataillons-Chefs an der Spitze standen -- vergessen machte.
Nachdem dreißig Artilleristen Zariategui’s, die nach Vergrabung ihrer beiden Geschütze sich retten konnten, und sechszig Pferde, Versprengte von allen carlistischen Corps, sich ihr angeschlossen hatten, richtete sich die kleine Brigade in forcirten Märschen nach Aragon, befreiete unterweges eine Guerrilla von 300 Mann, die, von einigen christinoschen Compagnien in einer alten Burg eingeschlossen, aus Mangel sich zu ergeben im Begriff waren, und langte im Anfange Decembers glücklich bei Cantavieja an. Cabrera befand sich gerade in der Ebene von Valencia, wohin er dem nach der verunglückten Demonstration auf Cantavieja sich zurückziehenden Oráa folgte; er befahl der nun in zwei Bataillone, ein jedes zu 450 Mann, organisirten Brigade, die Blokade der feindlichen Festung Morella zu übernehmen.
Morella im Königreiche Valencia liegt mitten in dem Hochgebirge, welches der Schauplatz der Thaten Cabrera’s, der Sitz der carlistischen Macht im östlichen Spanien und die Basis war, auf die jener Feldherr seine Operationen nach Aragon, Valencia und Catalonien stützte. Nur acht Leguas von Cantavieja entfernt und mit starker Garnison versehen, gewährte die Festung den feindlichen Generalen bei allen Offensiv-Operationen einen willkommenen Anhaltspunkt, war den Carlisten -- im wahren Centrum ihres Gebietes liegend -- nicht selten sehr hinderlich und konnte bei größerem Unglücke leicht verhängnißvoll entscheidend werden, während ihre Festigkeit bei der Schwäche der feindlichen Angriffsmittel gegen jede Tentative sie zu sichern schien.
Auf einem isolirten Felsberge ragt ein ungeheurer, 140 bis 200 Fuß hoch senkrecht sich erhebender Granitblock empor. Auf diesem Blocke oder besser Kegel, der etwa 500 Fuß im Durchmesser hat, ist das gefürchtete, von den Bewohnern der Umgegend mit stummer Ehrfurcht angestaunte, Castell von Morella erbaut, und zu seinem Fuße auf dem höchsten Abhange des Berges dehnt sich im Halbkreise die Stadt aus, durch starke von Thürmen flankirte Mauern und vorliegende Felsabschüsse geschützt. Die Werke waren mit zahlreicher Artillerie garnirt und wurden durch eine ausgesuchte Besatzung von 900 Mann unter dem Obersten Don Bruno Velasco y Portillo vertheidigt, einem trotzigen Wütherich, dem Schrecken des Landes.
So war die Festung, deren Blokade die beiden Bataillone von Burgos und von Valladolid unternahmen. Sie postirten sich in Cinctorres und el Orcajo, zwei Meilen entfernt und die Wege nach Cantavieja beherrschend, und detachirten den Oberstlieutenant Don Martin Gracia mit 200 Mann, um die Stadt eng einzuschließen. Er vertheilte seine Mannschaft in Posten von zwanzig bis dreißig Mann, welche die rings um die Festung liegenden massiven Masadas -- Bauernhöfe, große Scheunen -- besetzten und durch geeignete Maßregeln die strengste Blokade etablirten.
Ich will nicht den Ereignissen derselben in ihren Details folgen; Ungeheures litten die wackern Castilianer. In elende Lumpen gehüllt, ohne sie auch nur wechseln zu können, waren sie fortwährend der rauhen Kälte, dem eisigen Schnee des Hochgebirges ausgesetzt; in der ganz verwüsteten Landschaft -- da bei dem Mangel jenes Winters die Magazine nichts lieferten -- konnten die nöthigen Lebensmittel nicht aufgetrieben werden, und Wochen lang waren die Armen auf wenig Brod und wenige Bohnen beschränkt; die Mehrzahl ging bald barfuß, da weder Schuhe noch Sandalen zum Ersatze der abgerissenen sich fanden. Dazu machte die vier Mal so starke Garnison fast täglich Ausfälle mit einigen leichten Geschützen, theils die Masadas, das einzige Obdach der Carlisten, zu zerstören, theils mit der Absicht, das fehlende Brennholz sich zu verschaffen. Selten gelang das Eine oder das Andere, da die Castilianer, rasch dem bedroheten Punkt -- es war nur ein Thor der Festung offen -- zu Hülfe fliegend, mit fabelhaft scheinender Unerschrockenheit immer kraftvoll den Andrang empfingen, oft die Übermacht in wilder Flucht bis zum Fuße der Mauern jagten, da das gebrochene Terrain das Feuer der Festung den Tirailleurs ganz unschädlich machte.