Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 28
Asiens Zuckerrohr gedeihet neben der hoch aufstrebenden Palme von Afrika; Arabien lieh seinen Kaffeebaum, wie Indien die wohlthätige Pflanze der Baumwolle zur Bereicherung dieses weiten Gartens, und selbst die Königinn der Früchte, die köstliche Ananas, vertauschte gern mit Valencia’s Ebene die waldbedeckten Flächen Amerika’s. Auch in den Gegenden, deren übermäßige Nässe jede Cultur zu verspotten scheint, belohnt der nährende Reis die Mühe der Armen, welche, bleich und hinfällig eine Beute der stets herrschenden Fieber, den Gefahren trotzen mögen, die jene Sumpfgründe täglich ihrem Bebauer drohen.
Gegen Abend erreichten wir Murviedro, gekrönt auf hohem, unzugänglich scheinendem Felsen von dem Castell, das als eines der festesten in Spanien angesehen ist; Murviedro, das alte Sagunt, so reich an geschichtlichen Erinnerungen und auf immer berühmt durch seine heldenmüthige Vertheidigung gegen den afrikanischen Feldherrn, der durch die Belagerung dieser Stadt den ersten Schritt that zu dem herrlichen Zuge, in dem er seine Schaaren bis vor die Thore der stolzen Roma führte. Noch jetzt sind einige Trümmer jener alten Veste und noch mehr des carthagischen Lagers sichtbar. Wir blieben in Murviedro bis zum folgenden Mittage, worauf wir über Nules den Marsch auf Castellon de la Plana fortsetzten. Das Land, wenn schon von Hügeln durchschnitten, die hin und wieder schrofferen Character annahmen, trug fortwährend den Stempel der Fruchtbarkeit und hoher Wohlhabenheit; doch hatte der Krieg, der Zerstörer jedes Glückes, hier häufige Spuren seiner Wuth zurückgelassen.
Die Bewohner des Königreiches Valencia, mehr gewandt als kräftig, lebhaft, schlau, oft hinterlistig, und aufbrausend, frappiren den Fremden sofort durch ihre National-Kleidung, in der sie, durch die stets gleich milde Sonne begünstigt, den Gebräuchen ihrer Voreltern treu geblieben sind. Wahrscheinlich ist ihr jetziger Anzug noch eben derselbe, in dem vor Jahrtausenden die Urvölker Spanien’s die phönizischen und ägyptischen Handelsflotten empfingen, und dem Klima angemessen ist er zugleich nicht unmalerisch. Ein weißes leinenes Hemd bedeckt den Oberkörper, und die weiten gleichfalls weißen Beinkleider gehen kaum bis zum Knie hinab und sind durch eine breite schwarze oder scharlachfarbige Schärpe um den Leib festgehalten; das Unterbein schützen knappe weiße Strümpfe von Wolle, die bis zum Knöchel hinabreichen, während ihr Schuhzeug in den aus Flachs oder Hanf geflochtenen Sandalen besteht, an den Fuß mit rothen oder blauen Bändern zierlich befestigt. Ein schwarzsammetnes Westchen mit vielen Reihen kleiner silberner Knöpfe vollendet den Anzug, wobei eine Scharlachmütze, weit über die Schultern hinabfallend, den dunkeln Lockenkopf deckt. So ziehen sie, mit lauter, klangreicher Stimme ihre Volkslieder singend, neben den kleinen Maulthieren und Eseln einher, die ihre einzigen Transportmittel bilden; ich erinnere mich nicht, mit Ausnahme der größten Städte, irgendwo einen Karren oder ein sonstiges Fuhrwerk je gesehen zu haben. Die Sprache der Valencianer ist ein Gemisch der französischen, italienischen und spanischen mit einzelnen arabischen Formen, dem Dialekt der Catalonier nahe verwandt, doch etwas mehr dem Castilianischen sich zuneigend; es ist demjenigen, der jene drei Sprachen besitzt, leicht, sich ihnen verständlich zu machen, was der Bewohner Castiliens sehr schwierig findet.
Tag auf Tag verging uns in der schmutzigen Klosterkirche, in die wir bei der Ankunft in Castellon eingeschlossen waren, ohne daß die Auswechselung sich verificiren zu wollen schien; und wiewohl ich mich bemühete, beim gänzlichen Mangel an Büchern durch eine L’Hombre-Parthie, die gewöhnlich vom Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden dauerte, möglichst mich zu zerstreuen, war doch die stets neu erregte, stets wieder getäuschte Erwartung so furchtbar peinlich, daß wir am Ende in einem Zustande von vollkommener Abspannung uns befanden. Doch endlich nach langen vierzehn Tagen kam der Glück bringende Augenblick. Um zwei Uhr Morgens am 1. August 1839 standen wir geordnet vor der Thür der Kirche zum Abmarsch bereit. Drei unserer Cameraden durcheilten unsere Reihen, Thränen im Auge, beschworen uns, für sie zu sprechen, und nahmen mit schmerzlichem Händedruck Abschied, als der ersehnte Befehl zum Aufbruch ertönte: der Graf von Morella hatte sich geweigert, sie auszuwechseln, da sie durch Gold und Fürsprache bewirkt hatten, daß die Christinos sie anstatt anderer drei Officiere von der Armee Cabrera’s nach Valencia sandten, während jene in Verzweiflung in Cadix zurückbleiben mußten.[55]
Schwellenden Herzens verließen wir Castellon de la Plana und zogen den nahen Gebirgen zu, den Gebirgen, die wir als den Unseren gehörig betrachten durften. Nie waren wir so leichten Schrittes gegangen; kaum vermochte die kleine Escorte, welche dem Vertrage gemäß zur Auswechselung uns geleitete, so stürmisch rasch zu folgen. Links, wenige tausend Schritt entfernt, glänzten stolz in der Morgensonne die hohen Mauern von Villafamés, das so oft unsern schwachen Angriffsmitteln widerstanden; schon war die Bresche wieder geschlossen, die wenige Wochen vorher Tortosa’s brave Freiwillige umsonst gestürmt hatten. Mehr und mehr wurde das Terrain gebrochen; der feindliche mit der Auswechselung beauftragte Brigadier blickte erwartungsvoll durch sein Fernrohr umher. Einige Reiter erschienen weithin in dem Grunde der Schlucht; wir erkannten die rothen und weißen Baretts der Carlisten und begrüßten sie mit donnerndem Jubelruf.
Eine halbe Stunde später standen wir in langer Reihe den Officieren gegenüber, die für uns sollten ausgetauscht werden; das lästige Ceremoniel war endlich durchgemacht, ein rauschender Triumphmarsch der Janitscharen-Musik ertönte: wir waren frei! Carlisten und Christinos umarmten sich im Taumel der Freude und wünschten sich Glück; dann schieden wir, um bald im Getümmel des Kampfes uns wiederzufinden.
Ich war frei, war vereint mit den Meinen; ich durfte hoffen, im Blute der Gehaßten so viele Leiden, so viele mit Zähneknirschen empfangene Insulte, so viele hingeopferte Gefährten zu rächen. Ich jubelte im Vorgefühle des seligen Tages, an dem ich die Waffen in der Hand den Schaaren Christina’s mich gegenüber sehen würde, ich athmete, ich schwur Rache, Rache für alle die Unbilde, welche sie höhnend auf uns Wehrlose gehäuft hatten.
Das Volk aus den umliegenden Ortschaften war nebst vielen carlistischen Officieren gekommen, um Zeuge der Auswechselung zu sein, der zweiten, die seit dem Vertrage Statt fand, welcher den beiderseitigen Schlächtereien des Winters ein Ziel setzte. Sie hatten Lebensmittel und den feurigen Wein des Landes mit sich gebracht, und rasch war das Feld bedeckt mit bunten Gruppen, die fröhlich schmausend und trinkend ihr Glück in Gesängen des Krieges und der Liebe kund gaben, bis Guitarre und Castagnetten die Losung zum Tanze gaben, den der Spanier so selten zurückweiset. Erst als die sinkende Sonne zum Aufbruch mahnte, vertheilte sich die Masse in die nächsten Dörfer, in denen Vorbereitungen zu festlichem Empfange getroffen waren. Am folgenden Tage marschirten wir über las Cuevas nach San Mateo, einem freundlichen Städtchen in äußerst fruchtbarer und lieblicher Gegend und daher ausgewählt, damit wir von den Strapazen und Entbehrungen, welche die Gefangenen so hart geduldet hatten, dort ruhend uns erholten, ehe wir in Thätigkeit gesetzt würden.
Unwillig, ferner müssig zu sein -- ich hatte nur zu lange in gezwungener Muße mich aufgezehrt -- eilte ich zu unserm Commandeur, um einen Paß nach Tales ihn zu bitten, wo der General mit einigen Bataillonen gegen O’Donnell’s Heer operirte.
[55] Ein anderer Officier war niederträchtig genug gewesen, sein Recht auf Auswechselung um Gold einem Andern zu verkaufen. Er wurde mit Mühe von der Todesrache eines dritten Officiers gerettet, dem er zuerst seine Ansprüche abgetreten hatte, um sie dann, da ein Anderer eine höhere Summe ihm bot, heimlich diesem zu überlassen, indem er vor dem feindlichen Chef des Depots unauflösbar den Contract einging. Juan, ein braver, biederer Sohn des Gebirges, kernig an Körper und Geist und Herz, jeder Falschheit unfähig und sie hassend mit der ganzen, herrlichen Gluth seiner Seele, dabei wild und leidenschaftlich ewige Rache athmend, wie unerschütterlich fester Freund -- Juan hörte die Schreckenskunde, durch welche die sichere Hoffnung, das höchste Ziel alles seines Strebens so bubenmäßig ihm geraubt und in ungewisse Ferne hinausgerückt war. Wir wurden am Abend in unsere Casematte eingeschlossen. Da zog Juan ein Papier hervor und las den zwei und dreißig, die wir zusammen dort wohnten, die Verpflichtung vor, welche Ruiz gegen ihn eingegangen; zugleich erklärte er, wie dieser Ruiz nun schändlich sein Wort gebrochen. Er nahete darauf dem Bette desselben und sagte ihm ruhig. „Du hast fünf Minuten Zeit, Dich vorzubereiten, dann mußt Du sterben.“ Lautlos starrte der Wicht ihn an und brach in Thränen und Klagen und Flehen aus. Wie die fünf Minuten verflossen, ergriff Juan zwei mächtige Bretter und reichte Ruiz das eine derselben dar mit den Worten: „Waffen haben wir nicht -- nimm dieses und wehre Dich gut; denn wehrst Du Dich, so schlage ich Dich todt, und wehrst Du Dich nicht, so schlage ich Dich auch todt.“ Die übrigen Officiere sahen gleichmüthig dem zu, ohne sich zu rühren; auch der Vater von Ruiz, der den Sohn zu solcher Erbärmlichkeit überredet hatte, drückte sich in einen Winkel. Dieser aber, anstatt das dargebotene Brett zu ergreifen, wimmerte feig und jammerte weinend um Hülfe, um Rettung, bis er, als Juan den Schlag zu führen seinen Arm hob, in Todesangst mit weitem Sprunge zwischen Guiguer’s und mein Bett sich warf, unsere Kniee flehend umklammerte und -- unter den Betten verschwand. Dem Einflusse meines Freundes gelang es, Juan auf einen Augenblick durch Bitten und durch die Bemerkung zu entwaffnen, daß er sich nicht mit dem Blute eines solchen Wichtes besudeln dürfe; und ehe die Verachtung dem wieder auflodernden Zorne gewichen, war Ruiz dem Chef des Depot übergeben, der ihn auf ein Castell abgesondert bringen ließ. Er entschloß sich dann, für Isabella Parthei zu nehmen, und ward aufgenommen.
XX.
Don Ramon Cabrera, Sohn eines Kaufmanns in Tortosa, Student der Theologie und Inhaber einer kleinen ~capellania~ bei seiner Vaterstadt, verließ auf die Nachricht von dem Tode Ferdinands VII. seine Studien, um den Guerrillas sich anzuschließen, welche in den Gebirgen Aragon’s, Valencia’s und Cataloniens für die Rechte Carls V. zu den Waffen griffen. Drei und zwanzig Jahr alt stellte er sich an die Spitze von funfzehn Genossen, meistens seinen Schulcameraden, sämmtlich mit Jagdflinten und Stöcken bewaffnet, und warf sich mit ihnen in die Sierra, welche von dem zum Hochplateau sich erweiternden Gebirgsstocke von Unter-Aragon nach Norden zum Ebro ausläuft und jene Provinz von Catalonien, das Flußgebiet des Guadalupe von dem des Ebro scheidet. Sofort zeichnete Cabrera, feurig und thatendurstig, durch Unerschrockenheit und Ausdauer eben so sehr sich aus, wie durch Scharfsinn und entschlossene Kühnheit in der Ausführung der schwierigsten Unternehmungen.
Es würde ermüdend sein, Schritt vor Schritt den Zügen und Thaten des jungen Helden zu folgen; ich begnüge mich, bis zu der Epoche, in der er an die Spitze aller bis dahin unabhängigen Guerrillas jener Provinzen gestellt wurde, eine allgemeine Übersicht des von ihm Gethanen zu geben.
Miralles -- el Serrador, der Holzsäger, nach dem Handwerke genannt, welches er vor seinem Auftreten gegen die Constitution von 1820 hatte -- Quilez, Llagostera, Forcadell, Tallada, la Coba und viele unbedeutendere Männer waren die Chefs jener Haufen, über welche alle dem Namen nach Carnicer gebot, ein erfahrener General, der hohen Geist mit kriegerischem Talente verband. Ihm schloß Cabrera sich an und ward anfangs als Factor oder Commissariats-Gehülfe, bald als Lieutenant und Abanderado angestellt, in welcher Eigenschaft das schwierige Geschäft der Rationirung des Bataillons ihm oblag.
Bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet durch Bravour, Intelligenz und Thätigkeit erhielt er schon im Frühlinge 1834 mit dem Grade eines Capitains das Commando einer Jäger-Compagnie, und wie die Wechselfälle eines solchen Guerrilla-Krieges es mit sich brachten, war er bald mit seinem Chef vereinigt, bald kämpfte er lange Zeit unabhängig für sich oder in Combination mit andern Anführern. Sein Ruf verbreitete sich weit, und ihm vorzugsweise strömte fortwährend junge Mannschaft zu, so daß er zwei Compagnien, endlich ein Bataillon bilden konnte, mit dem er während der zweiten Hälfte des Jahres tief nach Aragon hinein und in den südlichen Theil des Königreiches Valencia Streifzüge machte, häufig glückliche Gefechte bestand und feindliche Forts nahm und zerstörte, wobei er durch Gefangene, die gern unter solchem Führer die Waffen nahmen, wie durch freiwillige Rekruten täglich die Zahl seiner Truppen mehrte. Schon hatte er seinen Namen zum Schrecken der Constitutionellen gemacht.
Im Frühjahre 1835 commandirte Cabrera zwei schöne Bataillone und nahm unter Carnicer, der hier alle Guerrillas vereinigt hatte, an der unheilsvollen Schlacht bei Molina Theil, in der er durch persönliche Bravour und die Leitung seiner Truppen wie durch deren feste Haltung, Organisation und Disciplin sich auszeichnete und eine glänzende Ausnahme von der allgemeinen Verwirrung und Entmuthigung machte, dadurch Vieles rettend. Er ward so zum Lieblinge der Soldaten, welche schaarenweise die übrigen Chefs verließen, um ihm sich anzuschließen, ja mehrere dieser Chefs selbst, im Gefühle seiner Überlegenheit, ordneten freiwillig sich ihm unter, so Don Luis Llagostera y Cadival, etwas später auch Don Domingo Forcadell und La Coba. Dadurch konnte Cabrera drei neue, starke Bataillone und einige Escadrone Lanciers bilden und stand im Sommer 1835 als der mächtigste und gefürchtetste Carlisten-Anführer des östlichen Spaniens da. Die Gewandtheit, mit der er die Vortheile des Terrains benutzte, die Raschheit seiner Märsche, sein durch kein Hinderniß abgeschreckter Unternehmungsgeist und das Talent, durch das er selbst aus den einzelnen Niederlagen Vortheile unerwartet zu erobern wußte, flößten den Feinden, die so oft unter seinen furchtbaren Schlägen bluteten, den Glauben ein, daß mehrere Cabrera gegen sie wütheten, und machten ihn zum Abgott der Seinen; zugleich trat aber auch die Eifersucht vieler Mitanführer, die da glaubten, höhere Ansprüche als der Jüngling machen zu dürfen, täglich mehr hindernd und erschwerend hervor.
Da ward Carnicer von den Christinos gefangen und erschossen, und der König ernannte an seiner Statt den Brigade-General Cabrera, der persönlich in den Nordprovinzen sich präsentirt hatte, zum Oberbefehlshaber sämmtlicher Streitkräfte in Unter-Aragon und Valencia. Willig gehorchten sogleich alle Chefs dem königlichen Befehle, den die Weisheit dictirt hatte; nur Miralles, el Serrador, mochte sich nicht beugen. Er hatte an der Spitze seiner Schaar im Königreiche Valencia die kühnsten Thaten verrichtet, die ganze Huerta von Castellon de la Plana, welches er zwei Mal nahm, bis unter die Mauern der Hauptstadt und südlich bis Murcia’s Gränze beherrscht und der Sache der Carlisten wesentliche Dienste geleistet; das Landvolk betete ihn an, und lange reichte sein Name hin, um alle Thore ihm zu öffnen. Diese Rücksichten bewogen Cabrera, mit Schonung gegen den verdienten Mann zu verfahren, bis die stets erneueten Eigenmächtigkeiten desselben und der bestimmte Befehl des Königs ihn zwangen, zur Strenge zu schreiten. Miralles vertauschte die Gefangenschaft, welche er seit der Expedition Gomez’s erlitten, nur mit dem Privatleben, aus dem er bis zum Ende des Krieges nicht heraustreten durfte.
So stand Cabrera im Anfange des Jahres 1836 an der Spitze der Armee von Aragon und Valencia als commandirender General dieser beiden Provinzen. -- Die Christinos hatten seit dem Beginn des Kampfes auch dort ihr beliebtes System in Anwendung gebracht: sie fühlten sich die Stärkeren, folglich mußte der Aufstand in Blut und Flammen erstickt werden. Es ward den Carlisten der Pardon gänzlich verweigert, sie wurden erschossen, wo immer sie in die Hände ihrer Feinde fielen, die Verwundeten und Kranken kaltblütig niedergemacht; ihre Güter wurden verwüstet und andern Eigenthümern übergeben, die Weiber und Kinder auf empörende Art gemißhandelt und dann fortgejagt. In den Gebirgsdörfern hauseten die Truppen entsetzlich; alle Einwohner, hieß es, sind Carlisten und müssen vernichtet werden; so ward denn geplündert, geraubt, geschändet und niedergebrannt. Viele Hunderte zwang das Elend, den Carlisten sich anzuschließen.
Diese, so lange sie schwächer waren, vergalten Gleiches mit Gleichem, auch sie machten die besiegten Feinde nieder; aber wie so oft in den baskischen Provinzen, siegte auch hier zu häufig Großmuth über strengrächende Gerechtigkeit, und Tausenden von den in genommenen Forts gefangenen Garnisonen wurden die Waffen gegeben, mit denen sie gewöhnlich ihren früheren Gefährten sich wieder anzuschließen eilten, Dankbarkeit und Treue zugleich mit Füßen tretend.
So wie Cabrera den Oberbefehl übernahm, machte er im Vertrauen auf seine täglich zunehmende Stärke dem Feinde Vorschläge, die zu milderem Kriegssysteme führen konnten. Er verlangte, in den Vertrag des Lords Elliot, der schon in den Nordprovinzen gültig war, aufgenommen zu werden, und erließ, da diese Forderung mit Spott zurückgewiesen wurde, ein Rundschreiben an sämmtliche Gouverneurs und Colonnen-Anführer der Christinos, in welchem er erklärte, daß er den Wunsch hege, auf menschliche Art den Krieg zu führen, und daß daher Gewaltmaßregeln von seiner Seite nur als Repressalien für die von den Feinden ausgeübten Statt finden würden. Trotz dem fuhren diese fort, alle Gefangenen zu erschießen; Cabrera aber empfahl nochmals in einer General-Ordre seinen Truppen Mäßigung und Schonung der Besiegten. Die Madrider Zeitungen stempelten ihn indessen unverdrossen zum blutdürstigen Ungeheuer, zum Tiger und führten als Beweis die Strenge an, mit der er, seine Armee zu unterhalten und mit allem Nöthigen zu versehen, unvermeidlich und pflichtgemäß gegen nachlässige oder böswillige Alcaldes und sonstige Ortsbehörden verfahren mußte.
Da ließ General Nogueras im Februar 1836 ohne irgend eine Veranlassung die siebenzigjährige blinde Mutter Cabrera’s, seit Monaten in enger Haft, auf dem Marktplatze von Tortosa erschießen, als warnendes Beispiel für alle Rebellen; er ließ die Schwestern desselben öffentlich stäupen und dann aus der Stadt jagen. -- Mina, der General-Capitain von Catalonien, hatte auf Anfrage Nogueras’s seine Zustimmung zu der Schandthat gegeben.
Entsetzlich war die Verzweiflung des Sohnes, da er die schuldlose Mutter hingemordet sah, gemordet, um sein Verbrechen zu strafen; Rache, ewige Rache gegen die ruchlosen Mörder war sein erster Schrei. „Mit thränenschweren Augen,“ schreibt er in der General-Ordre aus Valderobles wenige Tage nach der Schandthat, die er seinen treuen Kriegern in Worten namenlosen Schmerzes verkündet, „mit thränenschweren Augen und gebrochenen Herzens erkläre ich die Mörder meiner schuldlosen Mutter für verlustig aller der Vortheile, welche Gesetz und Gewohnheit des Krieges ihnen gewähren könnten; und wie sehr ich auch aus innerster Seele das Blutvergießen verabscheue, wie sehr ich, wo irgend möglich, das Leben meiner Mitmenschen zu retten bemüht war, befehle ich jetzt, dem Rechte und der Pflicht gemäß, daß fortan dem erbarmungslosen Feinde kein Pardon zugestanden werden soll.“ Als Repressalie aber für den Tod, „der Besten der Mütter“ ordnete er an, daß sofort die Gemahlinn des Obersten Fontiveros, Gouverneurs von Chelva, die so eben in die Hände der Carlisten gefallen war, und mit ihr andere drei Frauen erschossen würden, sich vorbehaltend, zu gleichem Zwecke andere dreißig Frauen zu bezeichnen. Für jedes neue Schlachtopfer christinoscher Grausamkeit sollten aber von nun an zehn der Ihrigen als Sühne fallen.
Dann stürzte Cabrera zur Rache, und in wenigen Tagen hatte der verzweifelnde Anführer Fort auf Fort vom Feinde erobert, und Alles, was lebte, fiel unter seinem Schwerdte. Oberst Fontiveros aber, er, der am schwersten gelitten, sprach in einer Bittschrift an seine Herrscherinn den Mann, auf dessen Befehl seine Gattinn gestorben, frei von jeder Schuld und verlangte mit kraftvoller Beredtsamkeit die Bestrafung der Ungeheuer, welche durch den einen gräßlichen Frevel so viel Wehe hervorgerufen hatten.
Und Cabrera? Wenige Monate, nachdem er das Verdammungsurtheil über Alles, was Christina angehörte, ausgesprochen, da kaum die erste, wilde Leidenschaft des unendlichen Schmerzes verraucht war, da hören wir ihn wieder die Sprache der Mäßigung und Menschlichkeit reden, da erläßt er wieder Rundschreiben, ähnlich den früheren, an die feindlichen Befehlshaber und spricht seinen Wunsch aus, dem blutigen Repressalien-Systeme ein Ende zu machen, von ihren Maßregeln es abhängig machend, ob das Leben der Gefangenen geheiligt sei oder nicht. Und bald nachher, da er durch die Wegnahme einiger befestigten Posten in Aragon über 700 Gefangene im Depot hatte,[56] richtete er an den General Palarea ein Schreiben, worin er über abermalige Hinschlachtung der Seinigen sich beschwerte und drohete, im Wiederholungsfalle von jenen Siebenhundert eine verhältnißmäßige Zahl zu erschießen. Am 30. Mai aber nahm er bei Bañon 1200 Mann von der Colonne Valdez gefangen und gab ihnen Allen Pardon, und als er am 29. Juni in Alcoriza eindrang, führte er die Besatzung gleichfalls gefangen fort, nur die Nationalen erschießend. -- Diese wie die Voluntarios Realistas waren +nach dem Gesetze+ stets vom Pardon ausgeschlossen: wer kriegen will, trete in die Armee ein. -- Von den dreißig Frauen, die ferner für seiner Mutter Tod sterben sollten, ward keine einzige geopfert.
Und das that derselbe Cabrera, der in Wogen menschlichen Blutes sich badete, der mit wollüstigem Vergnügen das Todeszucken seiner Schlachtopfer sah!
Niedrig mißbrauchten die revolutionären Blätter von Madrid das Privilegium, ohne Widerspruch Alles sagen zu können, was Partheigeist ihnen eingeben mochte. Ohne Zweifel sind auch in Aragon viele Thaten geschehen, die außerhalb Spanien unerhört scheinen würden; unter den besondern Verhältnissen des Bürger-, des Guerrilla-Krieges wurden sie zur traurigen Nothwendigkeit, da hohe Strenge allein Erfolg möglich machte, während Repressalien gerecht und durch die Pflicht vorgeschrieben waren. Vor Allem darf nicht übersehen werden, daß die Christinos durch empörende Ausschweifungen und kaltblütige Metzeleien die Rache-Acte hervorriefen, die sie so wohl zu schildern wußten, während die zehnfach blutigen und schändenden Aufreizungen ganz unerwähnt blieben.
Cabrera war strenge, oft hart, weil er nur so durchsetzen konnte, was er als nothwendig und gerecht erkannt: der geringste Mangel an Gehorsam ward beim Bürger und Bauer wie beim Soldaten mit unausbleiblichem Tode bestraft; er kannte das Volk, mit dem er zu schaffen hatte. Vorzüglich litten darunter die Magistrate und Behörden der Distrikte, welche abwechselnd von beiden Armeen besetzt, von beiden abwechselnd ausgebeutet wurden; denn wer nicht auf das genaueste das Befohlene ausgeführt hatte, starb wie der, welcher überführt war, +freiwillig+ dem Feinde Vorschub geleistet zu haben. Daß aber Cabrera mit aller Strenge nur gerecht war, ist wohl am besten durch die Liebe und Verehrung bewiesen, die er beim Volke und beim Heere in so hohem Grade besaß.