Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 25

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Estella also sollte genommen werden. Doch wollte Espartero vorher theils einen Versuch gegen das Castell von Guevara[46] machen, wozu der Umstand des gerade eingetretenen Wechsels im Commando ihm sehr günstig sein mußte, theils auch die Aufmerksamkeit der Carlisten auf den entgegengesetzten Theil des Kriegstheaters ziehen. Er zog mit 18 Bataillonen und einem bedeutenden Belagerungspark nach Vitoria, in dessen Angesicht jenes feste Bergschloß liegt, das als Stützpunkt und Depot der alavesischen Division, wie durch seine Festigkeit und Lage von hoher Wichtigkeit war. Maroto eilte mit mehreren Divisionen von Estella herbei und stellte sich in vortheilhafter Position die Schlacht anbietend auf; doch Espartero hielt nicht für gerathen anzugreifen, und da er umsonst durch Märsche und Contremärsche den carlistischen Feldherrn aus seiner Stellung zu locken, über die eigenen Absichten ihn zu täuschen gesucht, ging er rasch auf Logroño zurück und verkündete nun, durch die Division der Rivera unter Don Diego Leon auf mehr denn 30000 Mann verstärkt, daß er unverzüglich Estella nehmen werde. Maroto that seinerseits Alles, um diese Stadt in den möglichst besten Vertheidigungszustand zu setzen: die Forts wurden verstärkt, alle Zugänge verschanzt und selbst die Straßen mit Abschnitten und Barrikaden versehen, während fast alle nicht waffenfähigen Einwohner die bedrohete Stadt verließen. Einige Officiere, unter ihnen der Commandant eines nahen Forts, die, durch das Gold und die Versprechungen des feindlichen Führers bestochen, in Einverständniß mit ihm getreten waren, wurden nach Spruch des Kriegsgerichtes erschossen.

Jede Vorbereitung war längst getroffen, die schwere Artillerie in großer Menge in den äußersten festen Punkten der Christinos versammelt, und Woche auf Woche ging hin, ohne daß Espartero die Erwartungen der Revolutionaire, welche in seinen Siegen ihren endlichen Triumph nahe träumten, gerechtfertigt hätte. Die am 18. August aufgehobene Belagerung von Morella hatte längst den seltsamen Vorwand entfernt, daß er erst nach der Einnahme jenes Platzes angreifen wolle, um in dem moralischen Einflusse derselben eine Chance mehr für sich zu haben; ja eben das gänzliche Fehlschlagen der Operationen Oráa’s schien ihn aufzufordern, durch einen glänzenden Sieg den übeln Eindruck desselben auf seine Parthei zu verwischen, den triumphirenden Muth der Carlisten niederzuschlagen. -- Espartero spatzierte fortwährend von einem der festen Punkte zum andern, stets drohend, stets rüstend, ohne doch je einen Schritt zur Ausführung zu thun.

Schwer ist es, zu entscheiden, was zu solcher Unthätigkeit ihn bewegen konnte. Vielleicht nahm der Federkrieg, in den er gerade damals mit dem Madrider Cabinet sich eingelassen hatte, zu sehr seine Zeit in Anspruch, als daß er an Betreibung der militairischen Operationen hätte denken können. Unzufrieden mit dem Ministerium hatte er die Entlassung einiger Glieder desselben verlangt, mit der Drohung, die seinige einzureichen, wenn ihm nicht gewillfahrt würde, und seine Forderung ward erfüllt, da man vergebens gesucht hatte, durch Nachgeben und Zugeständnisse ihn zu besänftigen. Die constitutionellen Minister traten ab, weil der General sie nicht liebte! Solche ist die Freiheit des liberalisirten Spaniens. -- Vielleicht war es nicht die Absicht des ehrsüchtigen Mannes, durch Erringung entscheidender Vortheile sich entbehrlich zu machen: Espartero wußte sehr wohl, daß man ihn und seine Anmaßungen nur duldete, weil die Furcht vor den Carlisten jede andere Rücksicht überwog, und zu jener Zeit hatte er noch nicht das Heer so ganz sich zu eigen gemacht, daß er ohne Scheu als unumschränkter Gebieter auftreten und nach Belieben zu thun und zu lassen sich anmaßen durfte. -- Dann stand er wohl damals schon in Unterhandlungen mit Maroto; deshalb schonte er ihn. Die Einnahme von Estella hätte gewiß diesem General seine Stelle gekostet, während doch seine Erhaltung zur Ausführung des abzuschließenden Handels unbedingt nöthig war; so opferte Espartero augenblicklich den kleinen Vortheil, um das Ganze einst desto sicherer und leichter zu erfassen. -- Wie dem auch sei, ich bin überzeugt, wie ich zur Zeit dieser Ereignisse es war, daß die Christinos ohne Schwierigkeit Estella genommen hätten, wenn sie sofort, da Maroto noch neu im Commando war, mit Kraft es angriffen, ehe dessen Maßregeln die Vertheidigungsfähigkeit der Stadt so sehr erhöheten. Und Estella’s Besitz übte unberechenbaren moralischen Einfluß.

Doch endlich sollte die lange erwartete Operation vor sich gehen. Nachdem am 3. September Maroto eine Demonstration nach dem Ebro zu gemacht, vor Lodosa ein feindliches Corps zurückgetrieben und dann mit seinen Truppen in Schlachtordnung geprunkt hatte, ohne daß der Feind einen Schritt gegen ihn gethan hätte, concentrirte Espartero am 6. plötzlich alle seine Divisionen an der Arga und zog langsam gegen Estella in mehrere Ortschaften ein, die ohne Schwertschlag geräumt wurden. Alle Welt erwartete mit Spannung die nächsten Schritte ... Espartero ging am 9. über den Ebro zurück: der Angriff auf Estella war ganz aufgegeben! -- Der Vorwand fehlte ihm nie. Er detachirte einige Bataillone zur Verstärkung der Armee des Centrums, die mehrere Niederlagen unmittelbar hinter einander gelitten; ein anderes Corps sandte er, den Pfarrer Merino zu verfolgen, der so eben Valladolid’s Behörden in Schrecken gesetzt hatte. Er hatte mit 1200 Mann das Heer Cabrera’s verlassen, um nach den baskischen Provinzen zurückzukehren, durchzog mit der kleinen Schaar ganz Castilien und vertrieb den feindlichen General-Capitain, Baron Carandolet, aus Valladolid, da dieser bei der Annäherung des gefürchteten Geistlichen mit dreifach überlegener Macht die Stadt räumte. Merino jedoch eilte nach dem Gebirge von Soria, wo er fast ganz ohne Mannschaft mit dem wilden Valmaseda sich vereinigte, und, da dieser seine Gefangenen nach Vizcaya in Sicherheit brachte, mit ihm dorthin ging.

Valmaseda, ein tapferer, ja tollkühner Reiterchef, rauh, grausam, Wüthrich gegen Alles, was nicht seine Meinung theilte, zugleich ausgezeichnet gebildeter Militair, hatte mit der Division des Grafen Negri den Ebro überschritten, bald aber, unzufrieden mit dem nutz- und kampflosen Hin- und Herziehen, sich von dem Expeditions-Corps eigenmächtig getrennt und mit einigen Hundert Mann in die Sierras von Castilien geworfen. Glänzend bewährte er sich als Partheigänger, hob kleine Detachements auf, mied stärkere, zerstörte Convoys, hob Contributionen und verwüstete dabei das Land, bis er seine Thaten krönte, indem er die Colonne, welche unter Oberst Coba in seiner Verfolgung beschäftigt war, am 2. September in Quintanar de la Sierra überfiel und vernichtete. Dreihundert Mann wurden niedergehauen oder kamen in den Flammen des brennenden Dorfes um, der ganze Rest der Colonne ward mit ihrem Chef gefangen. Bei seiner Rückkehr nach den baskischen Provinzen ward ihm die Trennung vom Grafen Negri verziehen, da dieser ja das Schlimmste erduldet hatte, während Valmaseda reich mit Beute beladen anlangte.

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So wie Espartero die Belagerung von Estella aufgegeben hatte, wandte sich Maroto mit der Hauptmacht nach Vizcaya, theils Bilbao und dessen Hafenstadt Portugalete bedrohend, theils mit Thätigkeit die Befestigungen betreibend, durch die er seine Herrschaft bis in die Provinz Santander auszudehnen suchte. In Navarra war wiederum der General Don Francisco Garcia als Chef geblieben; er trug am 19. September entschiedenen Sieg über General Alaix, christinoschen Vicekönig von Navarra, davon, als dieser mit 9000 Mann von Artajona heranzog, um westlich von der Arga zu operiren. Garcia traf mit nicht ganz 6000 Mann auf ihn, und ein hartnäckiges, lange unentschiedenes Gefecht entspann sich; schon wankte die carlistische Division, von der Übermacht schwer gedrängt und in nachtheiliger Stellung.[47] Doch da Alaix das Regiment von Zaragoza, dessen Munition erschöpft war, durch Almansa ablösen ließ, benutzte Garcia das in sehr gebrochenem Terrain ausgeführte Manöver zu neuem, stürmischen Angriffe. Almansa, welches den linken Flügel inne hatte, da es jenes Regiment im Augenblicke des Vorrückens der Carlisten abmarschiren sah, wich in Unordnung mit dem Rufe: „Zaragoza verläßt uns!“ Das Regiment Soria, eines der bravsten des Heeres, ward durch die auf dem Fuße nachdrängenden carlistischen Bataillone in der Flanke angegriffen, aufgerollt und zerstreut, die ganze Linie lösete sich zur Flucht auf. Umsonst suchte die christinosche Cavallerie das Gefecht herzustellen; auch sie ward geworfen, worauf das Corps in wilder Verwirrung nach Puente la Reyna und Larraga sich zerstreute, von den Siegern bis zu den Glacis der Festungen verfolgt. Die Christinos verloren 1250 Mann, unter denen 200 Todte, Soria, das Lieblings-Regiment Espartero’s, der als Oberst es commandirte, büßte, da es am hartnäckigsten widerstand, 400 Mann ein; Alaix war schwer verwundet, sein Chef des Generalstabes gefangen. Die Carlisten verloren fast 500 Mann. Erst als bedeutende Verstärkungen angelangt waren, wagten die geschlagenen Divisionen, ihre Zufluchtsstätten zu verlassen, um den Streifzügen Garcia’s Schranken zu setzen.

Am 19. October langte die Prinzessin von Beira in Tolosa an, wo sie als Gemahlinn des Königs mit den höchsten Ehrenbezeugungen empfangen ward; sie begleitete der älteste Sohn Carls V., der Prinz von Asturien.[48] Viele der treuen Anhänger Sr. Majestät jubelten laut, da sie diese Nachricht vernahmen; sie schlossen, daß Carl V. wohl sehr begründete Aussichten auf rasche, glückliche Beendigung der Successions-Frage haben müsse, da er sich entschloß, nicht nur unter den obwaltenden Verhältnissen sich zu vermählen, sondern auch seinen Sohn zum Kriegsschauplatz kommen zu lassen. Gerüchte über fremde Intervention zu Gunsten der Carlisten, über Congresse und kräftige Unterstützung verbreiteten sich. Ich erinnere mich, welche Hoffnungen, oft ungereimt, alle so grausam getäuscht, Viele der Unglücklichen in Cadix’ Casematten belebten! -- Andere wollten den Augenblick für unpassend halten, und glaubten, wie die Ereignisse sich entwickelten, ihre Ansicht mehr und mehr bestätigt zu sehen. Die Christinos spotteten und fürchteten dennoch. Gewiß hätte die Königinn den wohlthätigsten, ja entscheidenden Einfluß üben können, wenn sie nicht das Übergewicht, welches ihr männlich kräftiger Geist über Carls V. milden Charakter ihr gab, zur Beförderung und Aufrechthaltung der so genannten Gemäßigten, vor Allen Maroto’s, benutzt hätte, da diese über ihre wahren Zwecke bis zum letzten Augenblicke sie zu blenden wußten. So war sie, ohne es zu ahnen, für den Sturz der Ihrigen thätig.

Ein neuer Feind hatte sich indessen gegen die Carlisten erhoben, ein Feind, der auf den ersten Blick große Gefahr zu bereiten schien. Muñagorri, einst Notar, dann im Dienste des Königs, jetzt mit der Madrider Regierung complottirend, warf sich in Frankreich zum Haupte einer dritten Parthei auf, deren Streben dahin gerichtet war, den vaterländischen baskischen Provinzen durch die Unterwerfung unter Christina’s Herrschaft den lange entbehrten Frieden zu geben und ihnen zugleich die alten Privilegien zu sichern, welche als Bedingung jener Unterwerfung auf immer bestätigt werden sollten. So wollte also Muñagorri die Successions-Frage ganz von der lediglich die Basken betreffenden über deren Vorrechte trennen; seine Losung war: „~paz y fueros~“ -- Friede und Privilegien --. Vielleicht wäre sein Plan besser ihm gelungen, wenn nicht Maroto bereits ähnliche Absichten gehegt und mehrere der baskischen Führer dafür gewonnen hätte. Wie hätte dieser nicht Alles aufbieten sollen, um die Fortschritte des Mannes zu hemmen, ihn zu vernichten, der, wiewohl auf edlerem Wege, die Waffen in der Hand, eben dem Ziele zustrebte, welches Maroto mit Aufopferung der heiligsten Verpflichtungen zu erreichen hoffte, dadurch seine Habgier zu befriedigen; den Mann, dessen Erfolg +seinen+ Verkauf unnütz oder weniger wichtig, also das Kaufgeld niedriger machen würde!

Dennoch gelang es Muñagorri, durch französischen Einfluß und englisches Gold unterstützt, ein kleines Corps aus Deserteurs und Flüchtlingen zu bilden, dem einige Basken sich anschlossen, die ermüdet Frieden suchten, nur Frieden, in welcher Gestalt er sich auch darbieten möge. Er drang während des Winters wiederholt in das carlistische Gebiet ein und setzte sich auch wohl mit der Schaar, die er vereinigt -- man sprach anfangs von Tausenden, die bald auf achthundert sanken -- auf einige Zeit fest. Aber das Volk zeigte wenig Sympathie und hielt sich ruhig; Maroto nahm kräftige Maßregeln gegen ihn. So war Muñagorri stets gezwungen über die Gränze zurückzugehen, seine Anhänger wurden lau und schmolzen täglich zusammen, und das Unternehmen -- wie so oft in Spanien der Fall war -- endete desto unbeachteter und erfolgloser, je mehr es vorher Geräusch und leidenschaftliche Hoffnungen und Besorgnisse erregt hatte.

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Während der letzten Monate 1838 und bis zum Frühlinge des folgenden Jahres ruhten die Operationen der Hauptheere gänzlich, und selten unterbrach irgend ein Streifzug eines untergeordneten Führers die Unthätigkeit. So bestand der mit immer gleich rastlosem Eifer wirkende General Castor einige leichte Gefechte im westlichen Vizcaya und in der Provinz Santander, von wo er häufig bis nach Asturien hineindrang. Valmaseda hob verschiedene Detachements und nicht fern von Logroño die zwei Compagnien starke Bedeckung der Correspondenz auf; ohne Schonung, wie immer, ließ er sie niedersäbeln, was ihm strengen Verweis zuzog und Remonstrationen von Seiten Espartero’s veranlaßte, der endlich selbst zu Repressalien schritt. Von mehr Wichtigkeit war die Action, welche Maroto mit vier Escadronen gegen die Colonne des General Don Diego Leon bestand, als dieser über Sesma auf los Arcos durchzudringen suchte, um der dort befindlichen Vorräthe sich zu bemächtigen. Wiewohl jenes Corps aus mehr als 5000 Mann mit zahlreicher Cavallerie und Artillerie bestand, hielt Maroto durch wiederholte glänzende Chargen es auf, bis die zunächst stehenden Bataillone herankommen konnten, worauf Leon, ohne weiter das dargebotene Gefecht acceptiren zu wollen, nach Mendavia sich zurückzog. Ein junger preußischer Husarenofficier, Herr von Schmidewsky, zeichnete sich besonders aus, indem er, der Erste beim Choc, einen feindlichen Oberstlieutenant vor seiner Escadron vom Pferde hieb und den Lanciers, die ihrem Chef zu Hülfe eilten, empfindlich die Schwere des deutschen Armes fühlbar machte.

Noch muß ich anführen, daß in den ersten Tagen des neuen Jahres die Besatzungen von Alhucemas und von Melilla, Fort und Presidio[49] an der Küste von Afrika, Carl V. proclamirten und mit den Gefangenen, die fast alle wegen politischer Verbrechen, d. h. wegen Anhänglichkeit an ihren König, dorthin verbannt waren, zur Vertheidigung sich vereinigten. Auch in Ceuta ward eine Verschwörung zu demselben Zwecke angezettelt und entdeckt. Die Besatzung von Alhucemas in der Provinz Malaga entfloh; Melilla aber ward durch einige Kriegsschiffe blokirt und genöthigt, eine Capitulation einzugehen, in der bedingt ward, daß Garnison und Gefangene nach den baskischen Provinzen geführt würden, um der carlistischen Armee sich anzuschließen. Es ist unnöthig hinzuzusetzen, daß sie nie dort anlangten. In Cadix ereilte sie ein Befehl des Ministeriums, dem zu Folge sie nach der Havanna eingeschifft wurden.

[46] Guevara lag malerisch auf einer hohen Bergkuppe und war sorgfältig befestigt. Mit dem Fernglase sah man von dort aus jede Bewegung der Truppen in Vitoria, selbst die Einwohner in den Straßen, und das ganze Alava bis zum Ebro lag dem Blicke offen. Espartero ließ es am Ende des Krieges sprengen.

[47] Christinosche Officiere vom Regimente Soria erzählten mir die Action, wie ich sie gebe.

[48] ~Principe de Asturias~ ist der Titel der spanischen Kronprinzen.

[49] Bagno für die zu Zwangsarbeit Verurtheilten. In Afrika finden sich ihrer mehrere, das hauptsächlichste in Ceuta.

XVIII.

Monat auf Monat schwand mir langsam in den düstern Casematten von Cadix hin. Der Winter, mild wie die lieblichsten Frühlingstage des Nordens, war vergangen, schon nahete der Sommer, herrliche Früchte, die des Südens Clima früh reift, im Übermaß ausstreuend; und die Hoffnung auf Befreiung blieb immer gleich ungewiß. Viel hatten wir gelitten. Was wilder, ungezügelter Haß, was leidenschaftlicher Partheigeist und Grausamkeit über die Opfer ihrer Wuth zu verhängen vermögen, das duldeten im schrecklichsten Grade die Gefangenen jener Periode. Im Anfange war unsere Behandlung erträglich gewesen, und wenn der Wächter Kargheit uns oft mit bitterm Mangel bedrohete, war uns doch gestattet, mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen; Eltern und Verwandte boten auf, was in ihrer Macht stand, gaben willig ihr Letztes, um den Theuren Erleichterung zu schaffen, die, weil sie ihrem Könige treu, in hoffnungsloser Gefangenschaft schmachteten. Und wer, freundlos und bedürftig, Nichts besaß, litt doch nicht Noth, so lange Cameraden ihm helfen konnten. -- Da ertheilten die Behörden Christina’s die Weisung, jede Communication uns abzuschneiden.

Furchtbar waren die Folgen des grausam berechneten Befehls. Es war zu der Zeit, in der die Repressalien, von den beiden in Aragon und Valencia sich bekämpfenden Heeren ausgeübt, die Menschheit mit Schauder erfüllten, in der viele Hunderte, Tausende von Unglücklichen in den Gefängnissen der beiden Armeen unter den Qualen, die der Grimm des Pöbels oder die Rache der Krieger über sie verhängten, ihr Leben aushauchten. Fern von dem Kriegsschauplatze, dem größten Theile nach nicht einmal jenen Heeren angehörend, blieben die Gefangenen zu Cadix doch nicht ganz frei von den Metzeleien, die in den großen Städten des Ostens an der Tagesordnung waren. Zwei Mal verkündete uns hohnlachend der Chef des Depots, daß zehn der Officiere[50] durch das Loos zum Erschießen bestimmt würden, um irgend einen in der Mancha oder in Aragon verübten Exceß zu rächen; zwei Mal zog ich aus der verhängnißvollen Voyna das Stückchen Papier, welches Tod oder Leben entschied. Und dann sahen wir die Gefährten unsern Armen entrissen, fortgeschleppt zum schrecklichen, unvermeidlichen Tode; athemlos, unbeweglich standen wir, horchend, zusammenzuckend bei jedem Laut und doch noch hoffend -- da ertönte der dumpfe Wirbel der Trommeln -- eisiger Schauder durchbebte uns, eine Secunde noch .... ha!.. sie sind nicht mehr! Und von der Blut bedeckten Stätte erschallte rauschend die Janitscharen-Musik der Christinos und des Pöbels donnerndes ~viva~!

Da füllte sich wohl manchem Krieger das Auge mit Thränen, und Mancher knirschend gelobte Rache, gelobte ewigen Haß.

Aber Schrecklicheres noch als den Tod wußte der Liberalen Wuth zu ersinnen, um die Vortheile zu rächen, welche Cabrera’s schwache Schaaren, gehoben durch das Gefühl des Rechtes, über die Satelliten der Revolution davon trugen. Der Tod -- wenn ein Übel -- war ja nur ein Augenblick; er befreite seine Opfer von den Qualen, die ihre Peiniger über sie verhängen ließen. Wie Viele erflehten den Tod! Wie Viele litten ihn hundertfach in der stets erneuten Pein! Unsere Wächter, „uns fühlen zu lassen, was es heißt, Gefangener in den Händen der Christinos zu sein“,[51] nahmen zum Hunger ihre Zuflucht. Die Nahrungsmittel, welche uns gegeben wurden, waren kaum hinreichend, um nothdürftig das Leben zu fristen, und von Tage zu Tage wurden sie mehr geschmälert: zuletzt waren wir auf ein Bischen Reis und Öl beschränkt, und oft, sehr oft fehlte auch dieses. Das Brod, auf Ekel erregende Art mit fremdartigen, schmutzigen Stoffen durchbacken, ward auf ein Viertel der gewöhnlichen Ration herabgesetzt. Finster brütend durchschlichen die abgemagerten Gestalten den Hof, gegen Alles stumpf und unempfindlich geworden, da das Gefühl des nagenden Hungers jeden andern Gedanken niederdrückte. Längst hatten die tausendfachen Spiele und Tänze aufgehört, mit denen die Armen während der ersten Zeit der Einkerkerung ihre Lage augenblicklich vergessen machten; die kraftlosen Arme vermochten nicht mehr den Ball zu schleudern; selbst das dem Spanier, wo er sein Stiergefecht nicht haben kann, so ansprechende Schauspiel der zum blutigen Kampfe gehetzten Hunde, welches sonst einen weiten Kreis von Zuschauern versammelte, die mit donnerndem Beifallrufe ihr Interesse kund gaben, hatte nun seine Anziehungskraft für sie verloren. Täglich führte die Entkräftung Einige der Unglücklichen zum Hospitale, welches sie häufig nur gegen die Ruhestätte des heiligen Feldes[52] vertauschen sollten.

War aber die Lage der Officiere traurig, so ward die der Gefangenen in der Isla de Leon auf den höchsten Punkt des Entsetzlichen gebracht. Dort schmachteten etwa viertausend Mann, von denen einige Hunderte schon seit drei Jahren und länger die Schrecken der Gefangenschaft trugen, aus Navarra’s Feldern hierher geschleppt, während die Andern zu Gomez und des Grafen Negri Corps, Einige zur Division Don Basilio’s gehörten. Was immer durch Furcht oder Hoffnung den Menschen zu beugen vermag, war gegen diese Braven angewendet worden; doch umsonst vereinigten sich Drohungen und Verheißungen, Strafen und Schmeichelworte, um zum Abfall von ihrem Könige sie zu bewegen. Da sollten auch sie durch Hunger gebändigt werden. Unfähig, sich aufrecht zu halten, schwankten bald die Freiwilligen, zu vier oder fünf vereinigt und gegenseitig sich stützend, durch die langen Gänge der Riesen-Caserne. Jede Kleidung blieb ihnen versagt, so daß die Mehrzahl nur noch mit elenden Lumpen ihre Blöße bedeckten; das Ungeziefer zehrte sie auf. So starben über sechshundert Menschen hin, beneidet von den Gefährten, aus deren entfleischten, farblosen Antlitzen gleicher Tod starrte. Verzweifelnd entschloß sich endlich eine große Zahl, fast tausend Mann, die Waffen für Isabella zu nehmen, und der größte Theil ward nach den Colonien eingeschifft. Diejenigen, welche zu der Reserve-Armee, die damals unter Narvaez die Mancha reinigte -- besser: im Blut ertränkte -- bestimmt waren, fanden rasch den Weg zu den Ihrigen.

* * * * *

Erst im Frühlinge 1839 hörte so ruchlose Behandlung auf, die auf immer ein Schandfleck für Christina’s Anhänger bleibt. Alle Vorstellungen, welche von den Gefangenen durch die feindlichen Behörden an Maroto gerichtet worden, hatten gar keinen Erfolg gehabt. Der General hatte weder Muße noch Lust, für die Rettung von Männern ein Wort zu verlieren, deren Treue ihm freilich nur hinderlich sein konnte. Aber das Klagegeschrei der Schlachtopfer war zu Cabrera’s Ohren gedrungen, dieses Cabrera, den die Zeitungsschreiber von Madrid und ihnen blind folgend die Presse fast aller europäischen Völker als den Tiger bezeichneten, der, im Blute seiner Opfer schwelgend, nach mehr Blut lechzte; von dessen Grausamkeiten sie tausend und tausend abgeschmackte Mährchen erzählten, während die schändenden Thaten, welche ihn zwangen, trauernden Herzens das Racheschwerdt zu erheben, in das Meer der Vergessenheit gesenkt wurden.

Wohl wußten die Christinos, daß Cabrera nie umsonst sprach. Kaum ertönten die drohenden Worte des Feldherrn, furchtbare Vergeltung ankündigend für die Leiden seiner Kampfgenossen, als heilsame Furcht eine Änderung des bisherigen Systemes hervorbrachte. Wenn auch mit Widerstreben nahmen sie einen Theil der harten Maßregeln zurück, die ihr Haß, so lange er ungezügelt war, erfinderisch gehäuft hatte; und die Gefangenen, welche so vielen Jammer zu ertragen vermocht, segneten den Retter, segneten die Furcht, die ja allein den Niedrigdenkenden in Schranken zu halten vermag.