Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 24
Seitdem General Guergué nach der Rückkehr des Königs aus Castilien das Commando der Armee übernommen, war sein Streben darauf gerichtet, so bald wie möglich den Krieg wieder nach den Provinzen südlich vom Ebro zu spielen, wozu er, der Navarrese, das Corps von Castilien benutzte. Drei große Fehler beging er dabei: er entsendete die Expeditionen in der Jahreszeit, die alles Ungemach ihnen häufen mußten; er entsendete sie isolirt, ohne ihnen doch die nöthige Stärke zu geben, um für sich mit Kraft auftreten zu können; und er gab ihnen Führer, die wenig geeignet waren, solche Nachtheile aufzuwiegen.
Die dritte Division erlag dem Verhängnisse, welches seit dem Augenblicke des Ebro-Überganges im December 1837 über ihr waltete. Durch unvorhergesehene Hindernisse aufgehalten, folgten ihr erst im Anfange März die acht Bataillone Castilianer, welche mit ihr bei Amurrio die Revue vor Sr. Majestät passirt hatten; das Commando derselben nebst vier Escadronen und zwei Berggeschützen ward dem Generallieutenant Grafen Negri anvertraut. Ein prachtvolles Corps, ganz Ergebenheit für die Sache der Legitimität und Ausdauer und Disciplin -- und wie ging es unter! -- Graf Negri ist ausgezeichnet durch Geburt und Bildung, unerschütterlich loyal, persönlich brav; aber General war er nie und am wenigsten der schwierigen Aufgabe gewachsen, die bei solcher Expedition ihm zu Theil wurde. Welche herrliche, unersetzbare Kräfte wurden in diesen Zügen nutzlos vergeudet!
Ich werde das Schicksal dieser Expedition nicht in seinen Details verfolgen: sie sind, wie mehrfach schon geschildert, aus Fehlern und Elend, Strapatzen und bewundernswürdiger Ausdauer, aus einzelnen lichten Punkten und namenlosem Unglücke zusammengesetzt. Ein kurzer Umriß des Geschehenen wird genügen. Bei seinem Auszuge aus den Provinzen wies Negri den General Latre, der seinem Marsche sich zu widersetzen eilte, mit Verlust zurück und schlug ihn bald nachher in dem Gebirge von Santander, wobei Latre selbst verwundet wurde. Er durchzog dann ganz Alt-Castilien und besetzte Segovia, welches dieses Mal von den Truppen und Behörden geräumt war; der Zweck dieser Besetzung ist stets dunkel geblieben, wenn man nicht die Absicht, doch auch in eine bedeutende Stadt einzuziehen, als Beweggrund annimmt, denn die Verhältnisse waren sehr verschieden von denen, welche die Expedition Zariategui’s veranlaßt hatten. Nach wenigen Tagen schon war Negri genöthigt, Segovia zu verlassen; auf dem Fuße von den feindlichen Colonnen verfolgt, warf er sich in die Gebirge und erreichte sie kaum, nachdem er alle seine Jäger-Compagnien eingebüßt, da sie, den Rückzug der Division deckend, von Infanterie und Cavallerie mit unendlicher Überzahl angegriffen, umringt und in Masse formirt nach hartnäckigem Kampfe gefangen oder niedergemacht wurden. Da begann das entsetzliche Elend. Ohne Lebensmittel, ohne Schuhwerk verlor das Corps Zeit und Kraft in nutzlosen Hin- und Herzügen durch die Gebirge von Soria und Burgos, der Regen fiel Tag und Nacht in Strömen, den Truppen ward nicht Ruhe noch Rast gegönnt; sie verlangten nur zu schlagen und Negri hieß sie marschiren. Die Castilianer sanken erschöpft zusammen und rafften sich wieder auf und murrten nicht; ihr Pulver war längst durch unaufhörliche, Alles durchdringende Regengüsse verdorben, sie waren waffenlos, vertheidigungslos -- und ergeben folgten sie ihrem Führer; seit mehreren Tagen marschirten sie ohne Rationen, von Allem entblößt -- und ihre einzige Bitte war, daß sie gegen den Feind geführt würden, mit dem Bajonnette das Mangelnde sich zu erringen. Negri hieß sie marschiren, ohne Rast, ohne Aufhören marschiren.
Espartero war mit seiner mobilen Colonne nach Burgos gezogen und erwartete dort ruhig den Augenblick, der das kräftig verfolgte Expeditions-Corps in seinen Bereich bringen und Gelegenheit zum Vernichtungsschlage ihm geben werde. Am 27. April zogen die Colonnen Negri’s wenige Meilen von Burgos entfernt durch die Sierra, verzweiflungsvoll, den Tod im Herzen; da ertönte der Ruf, Espartero sei nur noch eine Stunde hinter dem Corps zurück: er war von Burgos aufgebrochen, es abzuschneiden und übernahm, zu spät gekommen, mit Lebhaftigkeit die Verfolgung. Unbewegt hörten die Truppen die Schreckenskunde. Umsonst suchte Negri den Marsch zu beschleunigen, einen hohen Paß zu erreichen, der leicht vertheidigt ferneren Rückzug sicherte. Die Soldaten schlichen, schon für Alles gleichgültig, den Weg hinan, sie hatten mehrere Nächte hindurch keine Ruhe, seit acht und vierzig Stunden keinen Bissen Brod gehabt, der Regen machte jede Bewegung doppelt lästig. Bald waren die Truppen Espartero’s, die frisch und kraftvoll Burgos verlassen, im Angesichte des Nachtrabes, sie hatten den Weg mit Sterbenden und in Schwäche Hingesunkenen bedeckt gefunden.
Da wollte Negri, der so lange ängstlich den Kampf vermieden hatte, doch rühmlich untergehen; er ordnete seine Divisionen in Bataillons-Colonnen zur Schlachtordnung, und die braven Castilianer fühlten sich neu belebt, da sie endlich stehen und fechten sollten. Rasch dringt Espartero an der Spitze seiner Cavallerie-Massen heran, er stutzt, da er auf der kleinen Ebene, das Gebirge im Rücken, die acht dichten Haufen bewegungslos, drohend dastehen sieht, während die beiden Escadrone die Flanken zu decken scheinen. Doch schnell entscheidet er sich zur Charge und stürzt auf die ersten Bataillone, die fest den Sturm erwarten und, da die Reiter wenige Schritt entfernt, auf der Führer Stimme Feuer geben. -- -- Die Gewehre sinken aus den erschlafften Händen: nicht Ein Schuß war erfolgt, da alles Pulver untauglich geworden. In wenigen Minuten war das unblutige Werk vollbracht. Graf Negri mit den beiden Escadronen und einigen berittenen Officieren entfloh unverfolgt und gelangte nach Aragon; die acht Bataillone, die treuen, ergebenen Castilianer -- fielen wehrlos in des übermüthigen Siegers Hand, der auch die Geschütze und Bagage erbeutete.
So ward jenes herrliche Corps von Castilien vernichtet, welches nach der königlichen Expedition die Hoffnungen der Carlisten von neuem anregen durfte; seine beiden Theile sanken gleich brav, gleich nutzlos hingeopfert. Aber die Division, welche unter Don Basilio auszog, war glücklicher, da ihr gegeben war, bis zum Untergange heldenmüthig gegen die Übermacht zu ringen, da sie kämpfend, tödtend fiel, im Unterliegen auch des Feindes Bewunderung davon tragend.
* * * * *
Während Guergué so zwölf Bataillone und vier Escadrone plan- und hülflos untergehen ließ, war er in den Nordprovinzen vollkommen unthätig und genoß der Muße, die Espartero reichlich ihm ließ, indem auch dieser, nachdem er die im vorhergehenden Feldzuge erschlaffte Disciplin wiederhergestellt und strenges Gericht über die Schuldigen gehalten, bis zum Frühlinge mit Spatziermärschen von einem Theile seiner Linien nach dem andern sich begnügte. So beschäftigte sich denn Guergué, während er den alten Pfarrer Merino mit den indessen neugebildeten Bataillonen von Castilien nach dieser Provinz entsendete,[44] mit der Reorganisation der traurig herabgekommenen Armee, was ihm jedoch so wenig gelang, daß, natürliche Folgen der Unthätigkeit, Mangel an Disciplin und Unzufriedenheit täglich überhand nahmen.
Nach der Vernichtung der Expedition Negri’s ward jedoch Espartero so lebhaft von Madrid aus zu kräftigerem Handeln gedrängt, und das Geschrei der Liberalen erhob sich so laut und drohend gegen ihn, daß er seinen Entschluß verkündete, die Festung Peñacerrada in Alava, welche Uranga im August 1837 erobert hatte, wiederzunehmen, und demnach umfassende Vorbereitungen traf. Da diese Veste den Carlisten die reichen Gefilde der Rioja alavesa unterwarf, Castilien ihnen öffnete und die Verbindung zwischen Alava und Navarra dem Feinde nur auf weitem Umwege über Miranda de Ebro möglich machte, eilte Guergué zum Schutze derselben herbei; er gab ihr eine auserlesene Garnison und mehrte, so viel die Umstände zuließen, die Befestigungen. Da jedoch in dem Heere die Hauptstütze und Sicherheit des Platzes gegen einen regelmäßigen Angriff beruhen mußte, errichtete er ein befestigtes Lager über einer Brücke auf dem Wege, den allein der von Vittoria heranziehende Feind benutzen konnte.
Um die Mitte Juni’s verließ Espartero diese Stadt mit 20000 Mann, von einem zahlreichen Belagerungs-Train begleitet; mit fast 14000 Mann stellte Guergué sich ihm gegenüber. Aber, o Staunen! er ließ das ganz unangreifbare, den Zugang beherrschende Lager unbesetzt, ja er vernichtete nicht einmal die Brücken, wodurch der Transport der Artillerie unendlich erschwert wäre; dagegen nahm er eine Stellung zur Seite der Festung in den Gebirgen. Espartero zog daher bequem heran, da er kein Hinderniß und die Wege im besten Zustande fand, bemächtigte sich mit Leichtigkeit eines kleinen dominirenden Forts, für Infanterie-Feuer eingerichtet, etablirte seine Batterien und begann mit Nachdruck die Beschießung der Stadt, die übrigens auf Befehl des Generals -- der keine längere Belagerung erwartete oder, da ja die Verbindung mit der Armee, so lange sie ihre Stellung inne hatte, offen blieb, nicht mehr Munition aussetzen wollte -- nur auf drei Tage mit Schießbedarf versehen war.
Am 27. Juli nach zweitägigem, ununterbrochenem Feuer war die Bresche im Begriff practicabel zu werden, auch empfand die Garnison schon Mangel an Munition, weshalb Guergué, durch einen Adjudanten stündlich von der Lage der Dinge unterrichtet, den Angriff auf die feindliche Armee beschloß, welche den Sturm für die kommende Nacht vorbereitete. Der Kampf wogte hin und her, aber um Mittag hatte die carlistische Armee den Feind auf allen Seiten zurückgedrängt. Die Besatzung der Stadt jubelte, und Guergué hielt selbst den Sieg für entschieden, wiewohl Espartero stets in vollkommener Ordnung einen Flintenschuß entfernt stand; daher befahl er den Bataillonen, während der glühenden Hitze zu ruhen und ihre Rationen rasch zuzubereiten, während ein einziges Bataillon von Navarra dem Feinde gegenüber zur Beobachtung stehen blieb; am Nachmittage sollte der Angriff fortgesetzt, der schon unzweifelhafte Sieg vollendet werden. Espartero benutzte diese Sorglosigkeit, vereinigte seine ganze Cavallerie, stellte sich selbst an die Spitze der Husaren,[45] warf im glänzenden Choc das Bataillon von Navarra über den Haufen und stürzte auf die kaum von ihren Kochtöpfen verwirrt sich aufraffenden Carlisten. Die Husaren von Arlaban suchten den Sturm aufzuhalten und chargirten mehrmals mit Glanz, wurden aber nach hartnäckigem Widerstande ganz zusammengehauen; in einer halben Stunde war die so eben noch siegreiche Armee zerstreut und floh in wilder Auflösung.
Der Feind nahm fast die ganze Artillerie der Carlisten, von der Espartero mehrere in den Fabriken der Provinzen verfertigte Geschütze wegen ihrer besondern Schönheit als Merkwürdigkeit nach Madrid sandte, auch machte er eine bedeutende Zahl Gefangener. Am Nachmittage zog er in Peñacerrada ein, da die Garnison, so wie sie die deckende Armee auf der Flucht und die Christinos im Begriff sah, ganz die Festung einzuschließen, ohne Mittel zu längerer Vertheidigung sie verließ und in die Gebirge sich rettete. Der moralische Eindruck dieses Sieges war außerordentlich: gewiß ist er der größte und wichtigste, den Espartero mit den Waffen in der Hand je errungen hat, und Muthlosigkeit verbreitete sich bei der Nachricht des Geschehenen durch die Provinzen. Drei Tage später ward Guergué, als General en Chef ganz untauglich, des Oberbefehls enthoben.
[41] La Mancha umfaßt die Provinzen Toledo und Ciudad Real, beide zu Neu-Castilien gehörend.
[42] Tallada nahm kurz vor seiner Bereinigung mit Don Basilio einige Compagnien der königlichen Garde gefangen, und ließ die Officiere derselben trotz der zugestandenen Capitulation niedrig ermorden -- aus Habsucht. Seit dem Augenblicke dieser Schandthat wich alle Energie, die vorher ihn ausgezeichnet hatte, von ihm, und ein furchtsames Schwanken und Geistesabwesenheit lähmten seine Talente, wie er denn von Unglück zu Unglück dem schnellen Untergange zueilte.
[43] Jedes bedeutende Dorf in der Mancha war zum Schutze gegen die Banden befestigt.
[44] Da die Züge Merino’s, deren Résumé Abmarsch, Aufenthalt in den Wäldern und Vernichtung ist, keine nähere Erörterung verdienen, erwähne ich ihrer hier kurz. Eine unbegreifliche Verblendung ließ diesen Greis, der längst sich überlebt hatte und dessen Ruhm seine Thaten weit überragt, in dem Jahre 1838 mehrfach zum Anführer kleiner Corps bestimmen, die er denn auch so trefflich zu handhaben wußte, daß er jedes Mal ganz ohne Truppen zurückkam. Es scheint wahrlich, daß es damals den Heerführern der Basken nur darauf ankam, der Castilianer sich zu entledigen, gleichviel auf welche Art. -- Merino hatte zu seiner Zeit nur Cavallerie geführt und hatte gar keinen Begriff von der Infanterie; doch gab man stets ihm solche. Er verließ die Provinzen mit zwei Bataillonen, verlor sie, entkam nach Aragon, nahm dort das Commando der Castilianer-Bataillone, die von Zariategui dorthin sich gerettet hatten, zog, nachdem er der Belagerung von Morella beigewohnt, gegen Cabrera’s Willen -- auf höheren Befehl -- damit aus, verlor sie, kehrte nach Navarra zurück, erhielt neue drei Bataillone und verlor sie wieder in Castilien. Von da an blieb er unthätig. Es ist bekannt, wie der Gram ihn tödtete, da er bei Maroto’s Verrath im verhaßten Franzosenlande Zuflucht suchen mußte.
[45] Espartero soll persönlich sehr brav sein und zeigt dieses gern, indem er sich an die Spitze seiner angreifenden Escadrone stellt. Doch erzählten mir christinosche Officiere, welche bei jenem Angriffe sich befanden, daß Espartero, da die Husaren von Arleban mit Festigkeit chargirten, schweigend sein Pferd wandte und von der Tete zu der Queue der Colonne ritt.
XVII.
Don Rafael Maroto, in Andalusien geboren, diente im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon und später in den Colonien gegen die Insurgenten, in welchem Kriege er bis zu dem Grade von Brigadier stieg. Auch er sog dort die niedrigen, selbstischen Ideen und Grundsätze ein, die in allen Generalen und Chefs, welche in jenen Kriegen gegen die aufgestandenen Amerikaner ihre Schule machten, mit seltenen Ausnahmen so auffallend sind und später in Unbeständigkeit, Bestechung und Verrath sich kund thaten. Bei seiner Rückkehr nach Europa hatte Maroto umsonst das Commando einer Brigade in der Garde zu erlangen gesucht; der Graf de España, damals Chef des Garde-Infanterie-Corps, wußte die mächtige Fürsprache, welche die schöne Frau des Brigadier ihm erlangt hatte, zu vereiteln, indem er dem Könige vorstellte, daß Maroto vorher selbst ein Kriegsrecht fordern müsse, um über sein Benehmen bei dem schimpflichen Ende jenes Feldzuges sich richten zu lassen. Bald nachher war er genöthigt, jene Frau, eine reizende, sehr reiche Amerikanerinn, nach ihrem Vaterlande zurückzusenden, da sich fand, daß er mit ihr sich verheirathet hatte, während seine erste Frau vergessen in Spanien lebte. -- Maroto vereinigt mit niedrigen Gesinnungen hohe Talente; er ist fest, unbeugsam in seinem Willen, energisch in der Ausführung des Beschlossenen wie ohne Bedenken bei der Wahl der Mittel, dabei mit durchdringendem Verstande und herrischem Temperament begabt. Sein Äußeres und sein Benehmen üben auf die Umgebung, besonders auf die Frauen, so mächtig in Spanien, eine unwiderstehliche Gewalt: diese tief liegenden, dunkel glühenden Augen scheinen die Macht jener Schlange zu haben, deren Blick die zitternden Opfer fesselt und anzieht.
Dieser war der Mann, den Carl V. berief, um durch sein Talent die Unglücksfälle gut zu machen, welche unter Guergué’s Commando die Armee der Nordprovinzen getroffen hatten; und wahrlich, Viel hätte er thun, auf immer die Liebe des Volkes und den Dank des Monarchen sich erringen können, dessen Vertrauen so hoher Stellung ihn werth hielt. Maroto hatte während des Bürgerkrieges mannigfach sich ausgezeichnet, ohne doch durch glänzende Erfolge seine Fähigkeiten verkündet zu haben. Nicht ohne zweideutiges Benehmen nach dem Tode Ferdinand’s kämpfte er später in untergeordneter Stellung in den baskischen Provinzen und wurde -- sein erstes selbstständiges Commando -- im Jahre 1836 zum commandirenden General in Catalonien ernannt, hatte aber von dem ersten Augenblicke seines Auftretens daselbst mit so entschiedenem Unglück zu kämpfen, daß es ihm unmöglich ward, die wilden Horden -- denn andere Namen verdienten sie nicht -- der dortigen Carlisten zu bändigen und durch Vertrauen sich zu verbinden. Er wich den Umständen und zog sich nach Frankreich zurück, wo er, anscheinend ohne Einfluß, aber den Ereignissen und Intriguen des königlichen Hauptquartiers nicht fremd, bis zu dem Augenblicke lebte, in dem der Gang der Dinge die Machinationen der ihm Verbundenen zu begünstigen schien. Da eilte er, persönlich seine Pläne zu betreiben.
Der Hof und in ihren Führern die Armee waren schon lange durch die Spaltungen, Intriguen und innern Anfeindungen getheilt, die so viel zur Schwächung der Carlisten und zur Paralysirung ihrer Anstrengungen beitrugen. Zwei Hauptpartheien oder Fractionen standen sich gegenüber, die in wenigen Worten charakterisirt sind. Die erste, die von ihren Feinden aller Orte und aller Arten als ultraroyalistisch bezeichnete Parthei, d. h. Alle, welche den König als König verehrten, ihn vertheidigten, weil ihre Grundsätze es erheischten, weil seine Sache die +gerechte+ war, Alle, welche bereit waren, für ihn den letzten Blutstropfen zu vergießen. Die andere Parthei nannte sich gemäßigt: sie widmete sich der Vertheidigung Carls V., um ihre persönlichen Zwecke und Interessen zu fördern, sie betrachtete und betrieb den Krieg als Mittel der Bereicherung, der Größe; sie strebte, möge nun Legitimität oder Usurpation den Sieg davontragen, für sich möglichst fette Bissen zu sichern. Ihr schlossen viele Wohlmeinende sich an, theils kurzsichtig und getäuscht, theils aus schwacher Verzagtheit. Wie empfehlungswerth und wohlthätig in den gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens die Mäßigung auch sein mag, sie wird nicht selten als schönes Deckwort der Schwäche, der Verderbtheit benutzt und muß denen als Schild dienen, die offen zum Kampf nicht vortreten mögen. Es giebt Umstände, in denen Mäßigung unvermeidliches Verderben bringen, „Alles oder Nichts“ der Wahlspruch sein muß, da, wer mit Etwas sich begnügen wollte, bald auch dieses Etwas sich entrungen sehen würde. In solchem Falle fanden sich die Carlisten.
An der Spitze der ersten Parthei standen Männer, die seit dem Beginn des Krieges in Treue und Heldenmuth sich hervorgethan; sie wollten ihren König ganz als solchen, daher keine Transactionen, keine Unterhandlungen, Sieg oder Tod! Freilich zählten sich ihnen auch solche zu, die, nur Fanatismus kennend und blind ihren Leidenschaften folgend, durch Gräuel die Sache schändeten, welche ihr entschlossener Muth hob; doch blieben diese stets in geringer Zahl und ohne Einfluß auf das Ganze. Die Gemäßigten verzagend am Erfolge, der so lange schon streitig, oder um das Errungene zu sichern und zu genießen, schlugen Aussöhnung vor und Nachgeben in einzelnen Punkten: die Armen, wie wenig kannten sie Spaniens Revolutions-Männer! Nebst dem Padre Cyrilo, Erzbischof von Cuba, leitete sie Maroto, nun an die Spitze des Heeres gestellt, und gewandt wußten sie die geistesstarke Princessin von Beira, mit der Carl V. sich zu vermählen gut fand, über ihre Zwecke zu täuschen und sie ganz für sich zu gewinnen. Maroto’s Pläne aber gingen weiter, als selbst die große Zahl der ihm Verbundenen es ahnete; vielleicht ließ er sich, da die ersten Schritte gethan, hinreißen zu dem, was er nie gewollt, da der Rücktritt schwer, die Lockung groß, ihm unwiderstehlich sein mochte. Er verkaufte sich, verkaufte das ihm anvertraute Heer, das Land, den König selbst, der so hoch ihn gehoben hatte; er ward zum Verräther! -- Ehe er aber den entscheidenden Schritt thun konnte, mußte er von jenen Männern sich befreien, die, treu bis zum Tode ihrem Herrscher ergeben, offen als Gegner sich ihm darstellten, die seine Gesinnungen, seine Maßregeln durchschauten und ihnen entgegen arbeiteten. Maroto ward alles leicht, was förderlich war: die Edlen starben von Henkershand, und triumphirend vollendete der Verrath sein Werk.
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Maroto’s erstes Auftreten war seinen Talenten angemessen und wohl geeignet, die Blicke Aller auf ihn zu ziehen und selbst den heller Sehenden hohe Hoffnungen zu erwecken. Die Disciplin war gänzlich erschlafft; Wochen reichten dem neuen Obergeneral hin, strenge wie nie zuvor sie herzustellen. Seine Kraftmaßregeln beugten die Widerspenstigen, einige leichte Unruhen wurden fest unterdrückt und gerügt, die kleinsten Fehler gegen die Kriegszucht hart geahndet; selbst das Mißtrauen, den Haß, der zwischen Basken und Castilianern geherrscht und so oft in blutigen Zwisten sich Luft gemacht hatte, wußte seine Energie zu verdecken, wenn nicht auszurotten.
Der Zufall wollte, daß in dem Augenblicke seiner Ernennung zum Generalate eine bedeutende Summe, von eines edlen Fürsten Hand -- wohl zu besserm Zwecke -- gespendet, die seit langer Zeit leeren Cassen gefüllt hatte, und Maroto wußte sie trefflich für seine Pläne zu benutzen. Er bedurfte der Liebe und des Vertrauens der Soldaten. Während er also sie gehorchen lehrte, sorgte er für ihre Bedürfnisse mit väterlicher Sorgfalt: die Rationen fehlten nie, denn Geld vermochte Alles, die Bataillone und Escadrone wurden neu uniformirt und selbst überflüssig ausgerüstet, Soldaten und Officiere erhielten regelmäßig ihren Sold, zum ersten Male seit den Zeiten des großen Zumalacarregui. Zugleich blendete der General seine Truppen durch Glanz und Luxus, wie die einfachen Gebirgssöhne nie zuvor ihn gekannt. Prachtvolle Pferde, mit Gold bedeckte Schabracken, reich gestickte Uniformen setzten die Menge in Erstaunen, ein glänzender Generalstab umringte den Mann, der das Alles geschaffen hatte, zahlreiche Dienerschaft folgte ihm, jeden Wink des Gebieters zu erfüllen. Der Soldat, das Volk betrachteten Maroto als ein höheres Wesen, sie kannten die Quellen nicht, aus denen diese Wunder entsprungen, und glaubten deshalb, daß alles von ihm stamme, sein Werk sei. Er ward der Abgott der Truppen, die zugleich ihn anbeteten und wie einem Vater ihm vertrauten, der Abgott des Volkes, welches sich erleichtert fühlte trotz solches Aufwandes und so gehäufter Kosten; die Officiere, da sie strengste Gerechtigkeit ihn üben und jeden Mißbrauch mit Kraft angegriffen sahen, mehr aber noch im Gefühle der Verbesserungen, welche die Armee ihm verdankte, waren ganz sein. Maroto’s Name war in Aller Munde, Alle begrüßten und ehrten ihn als den Messias, zur Rettung der bedrängten Sache der Gerechtigkeit abgesandt. Hinter so vielen Talenten, so vielem Eifer und -- so vielem Golde, wer hätte da den undankbaren Verräther gesucht an dem Könige, der mit Ehre und Wohlthaten ihn überhäuft, der, noch mehr! sein Vertrauen ihm geschenkt, den Verräther an dem Lande, welches in freudiger Hoffnung an der Spitze seiner braven Söhne ihn sah!
Die Christinos hatten beschlossen, das Kriegsglück, welches seit dem Herbste des Jahres 1837 so hold ihnen gelächelt hatte, kräftig zu benutzen, um die errungenen Vortheile zu krönen, indem sie im Osten und Norden zugleich entscheidende Schläge versuchten: Morella, Solsona und Estella sollten belagert werden. Der Ausgang des Unternehmens gegen Morella ist bekannt; die Armee des Centrums hat ihre frühere Überlegenheit über Cabrera’s Truppen seit jener Zeit nicht wieder erlangt. Später werde ich darauf zurückkommen.