Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 21
Dann traten die treuen Cameraden, vom Oberst Fulgocio geführt, ins Zimmer, Abschied von mir zu nehmen. Der Krieger ist wenig gewohnt, seine Empfindungen in schöne Phrasen zu kleiden, die so oft zum Deckmantel kalter Gefühllosigkeit dienen. In wenigen herzlichen Worten drückten die Gefährten ihre Theilnahme, ihre Wünsche mir aus; noch ein langer, kräftiger Händedruck ... schon rief der helle Hörnerklang zum Abmarsche, und sie eilten, ihren Compagnien sich anzuschließen. Wie viele dieser Braven sollte ich nie wiedersehen! Ehe ich von neuem mir den Vertheidigern Carls V. mich vereinigen durfte, hatten die Meisten unterlegen; auch sie sanken in der allgemeinen Vernichtung der kleinen Division.
Regungslos horchte ich dem Geräusche, welches von den Straßen herauftönte. Bald zogen die Escadrone ab klirrend und rasselnd; langsamen, schweren Schrittes folgte die Infanterie; kurze Ruhe trat ein, dann erschallte der freie, weniger der bindenden Ordnung unterworfene Tritt der Jäger, die den Nachtrab bildeten. Athemlos suchte ich den letzten Laut der Cameraden zu erhaschen, bis das Geräusch dumpfer und dumpfer hinstarb; Alles ward still wie das Grab. Da ward ich überwältigt von schmerzlichsten Gefühlen. Die Augen füllten sich mir mit glühenden Thränen, finstere Gedanken durchwühlten die wild sich hebende Brust und machten mich unfähig, meine Lage zu würdigen, unfähig selbst, Theil zu nehmen an dem Jammer derer, die mir nahe in schrecklichen Zuckungen ihr Leben aushauchten, oder in leisem Gewimmer die Schmerzen verriethen, deren Töne zu unterdrücken ihre Kraft nicht mehr hinreichte. Wohin vermag Selbstsucht den Menschen zu treiben! Sie tödtet jedes edlere Gefühl in ihm, sie macht ihn unempfindlich gegen die Leiden seiner Mitmenschen, ja sie vermag so ihn zu versteinern, daß er Freude fühlt bei dem Anblicke fremden Elendes und Trost im Dulden Anderer für sein eigenes Geschick sucht. Doch regten sich bald bessere Gefühle in meinem Herzen: die Bitterkeit machte der Wehmuth Platz, Ruhe und Ergebenheit trat an die Stelle des wilden Zornes, bis die bisherige Aufregung in Erschlaffung und Abmattung sich auflösete und fester, erquickender Schlaf des erschöpften Körpers sich bemächtigte.
Als ich erwachte, dämmerte der Morgen. Waffen und blutige Kleidungsstücke lagen im Zimmer umher; zwei der Verwundeten waren während der Nacht gestorben, die andern neun lagen hülflos da, außer Stand, sich zu bewegen. Nachdem ich meine Lage überdacht hatte, erhob ich mich langsam mit unsäglicher Mühe, in Schulter und Arm von stechenden Schmerzen gefoltert; ich hielt es als der Erste an Graduation unter den Zurückgelassenen für Pflicht, der Erste dem Feinde, der jede Minute anlangen konnte, mich darzubieten und die Sorgfalt der Anführer für die verwundeten Gefährten in Anspruch zu nehmen. Sehr geschwächt schlich ich dem Eingange des Dorfes zu, dessen Bauern, niedrig knechtisch gesinnt, wie der Neu-Castilianer allgemein, und vor dem Stärkeren stets schmeichelnd im Staube kriechend, mir finstere Seitenblicke zuwarfen, ohne ihre Hülfe anzubieten, und selten wagte irgend ein mitleidigeres Weib, einige Worte des Bedauerns zu äußern. Von Durst gequält trat ich in das kleinste Haus, einen Trunk Wasser zu fordern. Das Mädchen, welches mir ihn reichte, flüsterte mir zu: „Um Gottes willen, fliehen Sie ins Gebirge, denn die Schwarzen sind schon im Anzuge und werden Sie tödten.“ Mit schmerzlichem Lächeln sah ich auf den Arm, den bei der leichtesten Bewegung scharfe Stiche durchzuckten, und dankte dem theilnehmenden Kinde; dann setzte ich den schwankenden Gang dem Thore zu fort und erwartete auf einem Baumstamme sitzend die Ankunft der Feinde.
Las Cuevas -- die Höhlen -- liegt, seinem Namen Ehre machend, wie ein Schwalbennest einem hohen abschüssigen Felsberge angeklebt, in dessen Mitte ein Absatz sich befindet, gerade groß genug, um die Häuser des Dorfes zu fassen, dem ein schmaler Felsenweg sich zuwindet, während die Straße, ohne den Ort zu berühren, unten im Grunde sich hinzieht. Von meinem Sitze aus konnte ich etwa tausend Schritt weit das Thal übersehen, bis es sich hinter den in mannigfacher Gestaltung es umkränzenden Höhen verlor. Im Morgennebel lag die Landschaft düster da, nicht durch emsige Arbeiter belebt, da diese, die Raubgier der zügellosen Soldateska fürchtend, ihre Wohnungen nicht zu verlassen wagten und nur von Zeit zu Zeit neugierig forschende Blicke nach dem Wege warfen, auf dem die siegreichen Christinos herankommen mußten. Sie zauderten nicht lange. Gewehre blitzten, einzelne Reiter, leichte Truppen des Vortrabes wurden sichtbar, und schnell folgte eine lange dunkele Masse, wie eine ungeheure Schlange durch die Öffnungen der Berge sich hinwindend. Die Colonnen befanden sich zur Seite des Dorfes, als ein kleiner Trupp, von der Marschordnung sich trennend, den Felsenweg heraufzog; Helme funkelten näher, und ein Detachement Dragoner, welchem eine Jäger-Compagnie folgte, sprengte dem Eingange des Ortes zu.
An der Spitze der Reiter jagte der Capitain der Jäger einher. An ihn richtete ich mich mit der Bitte, die im Gemeindehause befindlichen Verwundeten gegen jede Mißhandlung schützen zu wollen, worauf er, ein Mann edel und großmüthig, wie ich selten unter Spaniern, unter Christinos sie fand, mich aufforderte, ihm zu folgen und meiner Leute wegen unbesorgt zu sein; er stellte sofort Posten zu ihrer Sicherheit auf und ließ für die Armen, um die seit dem Abend Keiner sich bekümmert, durch die Behörden Pflege und Nahrung besorgen. In der That wagte Niemand, Hand an uns zu legen, so lange dieser Ehrenmann mit seiner Compagnie im Dorfe blieb; da aber kaum der letzte Jäger den Rücken gewandt, um mit der Colonne sich zu vereinigen, stürzten die Dragoner über uns her, mißhandelten die Hülflosen trotz ihres herzzerreißenden Jammers, nahmen ihnen Alles ab, was sie an Werth besitzen mochten, und gingen in ihrer wilden Grausamkeit so weit, daß sie die Kleidungsstücke, steif von geronnenem Blute, ihnen vom Leibe rissen. Auch ich ward, wie meine Cameraden, entkleidet und mußte auf besondern Befehl des feindlichen Generals dem Corps folgen, während die übrigen Verwundeten den Dorfbehörden zum Transporte nach dem nächsten Hospitale übergeben wurden.
Nachdem ich eine schreckliche Stunde zu Fuß mich fortgeschleppt hatte, durfte ich auf die Ballen eines hoch beladenen Maulthieres mich heben lassen. Jeder Schritt machte mich von furchtbarem Schmerze zucken, und mit fest über einander gebissenen Zähnen saß ich starr und lautlos, bis endlich die nie aufhörende Wiederholung desselben Schmerzes mich ihm vertraut oder stumpf gemacht hatte. Dann ward ich vom Hunger gequält, da ich seit dem Morgen des vergangenen Tages Nichts genossen, und umsonst hoffte ich, daß die Division anhalten und Lebensmittel austheilen werde. Der Marsch dauerte fort und fort, meine Schwäche durch Blutverlust und Nahrungslosigkeit herbeigezogen, nahm immer zu, ich glaubte mich sterbend und freute mich, daß alle Leiden nun bald vollbracht seien. Schon brach die Nacht an und noch ward nicht gerastet. Mein Maulthier weigerte sich, länger zu marschiren, es stolperte in jedem Augenblicke, dadurch meine Schmerzen auf den höchsten Grad steigernd, und wurde nur durch Kolbenstöße der Wache zum Weitergehen gezwungen. Da schlug es einen schmalen Fußsteig ein, der hoch über dem Wege erhaben neben ihm hinlief, glitt aus und stürzte von der Höhe hinab. Der eine furchtbare Schrei, den ich ausstieß, machte weithin die marschirenden Truppen stutzen: ich war auf den zerschmetterten Arm gefallen und lag besinnungslos am Boden. Einige Soldaten hoben mich auf und setzten mich, da ich wieder zum Bewußtsein gekommen war, auf ein anderes Maulthier, und wieder ging Stunden lang der Zug fort, bis ich gegen Mitternacht endlich von der folternden Furcht eines neuen Falles, die nun jede andere Empfindung zum Schweigen brachte, mich erlöset sah, da die Colonne in Carascosa auf der Heerstraße von Cuenca nach Madrid Halt machte, um bis zum Morgen von dem endlosen Marsche zu ruhen. Jener Tag war einer der entsetzlichsten, die ich erlebt; ich hatte den Tod als eine Wohlthat erbeten.
Vom Generalstabsarzte untersucht ward ich auf seinen Bericht in Carascosa zurückgelassen und am Tage darauf langsam und möglichst bequem nach Cuenca abgeführt, in dessen Hospital ich endlich die Pflege und vor Allem die Ruhe zu finden hoffte, deren Entbehrung in meinem Zustande die grausamste Qual war.
XV.
Nach vier Monaten durfte ich zum ersten Male vom Bette mich erheben. Vier furchtbare Monate! Mit Schaudern dachte ich an die Leiden zurück, die ich da erduldet hatte, und zollte der ewigen Vorsehung innigsten Dank, daß sie wunderbar mich erhaltend durch das Schrecklichste mich geleitet. Wunderbar war meine Rettung in der That; denn Nachlässigkeit, Schmutz, Ungeschick und böser Wille vereinigten sich wetteifernd, meine Wunde tödtlich zu machen. Zwei Mal kamen die Wundärzte, wie sie sich zu nennen nicht anstanden, mit dem Apparate ihrer gefürchteten Instrumente zu meinem Bette, mir erklärend, daß nur die Amputation Hoffnung auf Rettung des Lebens übrig lasse; die standhafte Weigerung, ihrer Amputirsucht mich zu unterwerfen, die Reinheit und Festigkeit meiner Constitution und die Geduld, mit der ich hundert und fünf Tage lang mit unbeweglichem Oberkörper auf den Rücken ausgestreckt ausharrte, retteten mir den Arm. Aber Entsetzliches litt ich. Und dann wurden in demselben Zimmer, in dem ich mit dreißig andern Verwundeten und Kranken lag, blutige Operationen vorgenommen, und das Zetergeschrei der Schlachtopfer machte uns innerlich erzittern; mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, endlich gar Blatternkranke schmachteten neben mir, im Bereiche meines Armes selbst; das Röcheln der Sterbenden umtönte mich täglich, und viele Stunden hindurch lagen verzerrte Leichname in unserer Mitte, ohne die Aufmerksamkeit der Wächter zu erregen. Und doch ward mir als Officier manche Sorge, die andern Unglücklichen versagt war. -- Sollte man möglich glauben, daß Gewohnheit uns endlich auch gegen alle jene Scenen des Schreckens und der Qual gleichgültig, ja taub machen konnte!
Wer möchte all den Jammer, das tausendfache, herzzerreißende Elend schildern, wie es in einem spanischen Hospitale, den Kältesten erschütternd, zusammengehäuft ist? Da liegen die Armen, in langen Reihen dicht an einander gedrängt, ja oft zu zweien in demselben Bette vereinigt, so daß der Genesende die Convulsionen des Sterbenden neben sich fühlt, der hülflose Kranke den eisigen Leichnam seines Gefährten berührt. Dumpfe, schwülstige Luft, geschwängert mit den widerlichen Ausdünstungen so vieler verschiedenartiger Übel, beklemmt die Brust des Eintretenden und macht ihn zurückschaudern im athemlosen Ekel; grause Unreinigkeit stattet rings in den widrigsten Formen, und Legionen von jeder Art Ungeziefer, dieser Kinder des Schmutzes, bedecken Boden, Wände und Betten durch nie endende Qual die Unglücklichen aufzehrend, welche umsonst ihre Kräfte erschöpfen, die höllischen Plagegeister von sich abzuwehren. Die Betten bestehen aus einem Strohsacke mit Betttuche und wollener Decke; als Nahrungsmittel, unabänderlich festgesetzt, ward am Mittag und Abend ein Stückchen Schaffleisch und ein halbes Pfund Brod, am Morgen etwas Brod mit Wasser, Knoblauch und Salz zerkocht und ein wenig rohes Öl darüber gegossen -- ~la sopa~ -- ausgetheilt. Sogenannte Bouillon von Schaffleisch fand sich in solcher Menge, daß die größere Hälfte stets weggegossen wurde, da selbst die Bettler sie nicht genießen mochten. So war die Kost aller Hospitale, die ich unter den Christinos gesehen, den Verbreitern der allgemeinen Aufklärung und Humanität, wie sie gern sich nennen; auf strengere Diät wurden die Kranken willig gesetzt, feinere, stärkende Nahrungsmittel dagegen nie bewilligt. Ist es unter solchen Umständen zu bewundern, daß Tausende von verwundeten oder erkrankten Soldaten in den Lazarethen ihr Leben aushauchten, da sie so leicht dem Lande konnten erhalten werden?
Und was sage ich von denen, die, in der Verwaltung der Hospitale angestellt, am meisten zur Pflege und zum Wohle der Kranken mitwirken sollten? Wenn ich behaupte, daß ihr Streben nur darauf gerichtet ist, durch die gröbsten und schändlichsten Veruntreuungen -- denn das Schändlichste ist, die leidende Menschheit, die Hülf- und Wehrlosen noch tiefer zu stürzen -- sich zu bereichern und möglichsten Vortheil sich zu sichern; da würden diese Leute mit Recht sich beklagen, daß ich ihre Handlungsweise in falschem Lichte darstelle, da in Deutschland spanische Verhältnisse und Begriffe unbekannt sind. Sie würden fragen, wie ich ihnen das als Verbrechen anrechne, was allgemein bekannt, folglich, da es unbestraft bleibt, erlaubt war? Wie ich ihnen vorwerfe, was alle Beamten des Staates vom Minister zum niedrigsten Schreiber, vom General en Chef zum Corporal -- der Soldat wurde stets von allen geschunden -- zum höchsten Ziele ihrer Mühen machten? Sie würden fragen, ob ich verlange, daß sie, indem sie nicht dem gewöhnlichen Wege folgten, sich ins Gesicht lachen, als Thoren sich schelten und verachten ließen? ob sie, da ihnen Jahre lang kein Gehalt gezahlt wurde, mit ihren Familien etwa Hungers sterben sollten? Und zu allen diesen Fragen werde ich achselzuckend stillschweigen oder mit „Ja“ sie beantworten müssen, denn sie widerlegen zu wollen, würde nur grobe Unwissenheit verrathen. In allen Classen des liberalisirten Spaniens ist dieses Betrugssystem so weit ausgebildet, so ganz heimisch in ihnen geworden, daß, wer nicht dem gewohnten Geleise folgte, verlacht und gestürzt wurde. Die christinoschen Beamten jedes Zweiges und jedes Ranges sahen sich lange, lange Monate hindurch ohne Hülfsmittel irgend einer Art gelassen, sie wußten sehr wohl, daß sie nie die Summen, welche Jahr auf Jahr rückständig blieben, zu erhalten hoffen durften; da suchten sie durch Veruntreuung und Bestechlichkeit, wo eine Gelegenheit sich bot, reichlich sich zu entschädigen. Sie wußten, wie ihre Stellung ganz ephemer war, wie sie, wenn eine andere Parthei an das Ruder kam, sofort von ihrer Höhe gestürzt, vielleicht in der Fremde Sicherheit zu suchen genöthigt wurden; so strebten sie, für solchen Fall durch Anhäufung von Capitalien sich vorzubereiten.
Sonderbar wäre es gewesen, wenn die in den Hospitalen Angestellten von der allgemeinen Ansteckung frei geblieben wären, und in diesem Zweige mußten die Folgen doppelt traurig und empörend sein. Die Intendanten, die Kriegs-Commissaire, Directoren, Inspectoren und tausend Andere zerrten an der leichten Beute, einen Fetzen davon an sich zu reißen. Die Wundärzte, nur dem Namen nach solche, stammten fast allgemein aus der Classe der Soldaten, indem sie einige Zeit in einem Hospitale als Gehülfen gedient hatten und dann berechtigt waren, selbstständig zu tödten. Der Caplan stürzte durch die Zimmer, stopfte dem Sterbenden das Sakrament in den Mund, machte ein paar Kreuze über ihm und verschwand, angenehmeren Beschäftigungen zueilend. Endlich die Krankenwärter ... Doch ich will nicht länger das Bild menschlichen Elendes in der entsetzlichsten Verlassenheit dem schaudernden Blicke aussetzen. Nur wer es erlebt, wer selbst es empfunden hat, vermag solche Gräuel und solchen Jammer sich zu denken.
Sie war vorbei, diese Zeit des herben Duldens. Noch schwach, aber überselig, da ich aus den Thoren des Lazareths in die freie, herrliche Luft trat, ward ich zu dem Depot geführt, um mit der ersten Gelegenheit nach Madrid abzumarschiren. Ehe ich jedoch Cuenca verlasse, muß ich hinzufügen, daß ich dort nicht ohne Zeichen der Theilnahme gelassen wurde; nein, noch immer denke ich mit inniger Dankbarkeit dorthin zurück. Seit dem Augenblicke, in dem ich die Stadt betrat, hatte der Bischof, ein wahrer Geistlicher und wahrer Christ, mit Allem mich, wenn auch oft umsonst, zu versehen gesucht, was die Lage eines Verwundeten zu erleichtern vermag; und später, da ich schon auf dem Wege der Besserung war, sah ich mehrere Male vor meinem Bette eine junge, reizende Dame, die, enthusiastische Carlistinn, trotz dem Widerlichen, was das Hospital für die zarten Gefühle des Weibes haben muß, mit ihrer Mutter kam, den Verwundeten Trost und Hülfe zu bringen. Theilnehmende, ermuthigende Worte flüsterte sie mir zu, und bis zu meinem Abmarsche durfte nie einer der kleinen Leckerbissen mir fehlen, die unter den höhern Classen der Spanier so sehr geschätzt werden. Zwei Jahre später, als Verrath schon den Untergang über uns gebracht und uns nur Wochen der Existenz gelassen hatte, fand ich diese Damen als Verbannte in der Festung, die wir die letzte noch inne hatten, und kaum entgingen sie dem allgemeinen Verderben.
* * * * *
Am 12. Juli stieg ich die Hauptstraße von Cuenca, welche, da die Stadt auf dem Abhange eines Berges liegt, wohl eine halbe Stunde lang mit vielen Krümmungen das Thal sucht, zum Antritt des Marsches nach Madrid hinab. Mit Wollust athmete ich, die am Fuße des Berges gelegene große Vorstadt verlassend, die reine, freie Luft ein, welche ich so lange gegen die giftigen Dünste des Hospitales hatte vertauschen müssen, und überschaute schwellenden Herzens die Gefilde, reich mit Saaten bedeckt, die lieblich grünen Wälder und die Hügel, welche rings der Landschaft die mannichfachste Gestaltung gaben. Selbst gegen die erhabene Schönheit der Natur wird des Menschen Geist kälter durch die Gewohnheit ihres Anblickes; aber nach langer Krankheit oder wenn aus dem Kerker der ersehnten Freiheit wieder gegeben, sind wir doppelt empfänglich für das schmerzlich Entbehrte. So würde der Marsch nach Madrid mir immer höchst angenehm geworden sein, wenn auch der die Bedeckung commandirende Officier nicht so ganz edel und rücksichtsvoll -- wie in Spanien, im Bürgerkriege äußerst selten -- gewesen wäre. Er hatte lange Jahre gedient und in den Feldzügen gegen die insurgirten Colonien in Amerika gefochten, er kannte den Krieg, kannte die Gebräuche und Rechte, wie civilisirte Nationen auch unter Feinden sie festgestellt; er war brav, und der Brave ist stets großmüthig. Ich durfte während des Marsches ganz wie frei mich betrachten, theilte sein Logis und sein Mahl und sah mich stets mit aufmerksamer Artigkeit behandelt. Mehrere Male traf ich unter den Christinos mit Männern zusammen, die sich gegen mich auf die ehrenvollste Art benahmen, da ich doch aus eigener Erfahrung weiß, wie meine spanischen Gefährten nicht nur allgemein, sondern selbst von eben jenen Männern zu dulden hatten. Der Umstand, daß ich ein Fremder war, mochte wohl hauptsächlich zu solchem Vorzuge beitragen. Der ungewöhnliche Edelmuth jenes Officiers entwaffnete mich. Ich verließ Cuenca mit dem Entschlusse, trotz der Schwäche meines rechten Armes, der bewegungslos in der Binde hing, einen Versuch zur Flucht zu machen, die bei der Nähe der Truppen Cabrera’s möglich schien. Der Mißbrauch solcher Großmuth wäre schamlos, entehrend gewesen; ich blieb.
Ein Gefangener nahte ich Madrid auf derselben Straße, auf der ein Jahr vorher Carl V. seine Divisionen bis an die Thore der Residenz geführt hatte. Welche Betrachtungen, welche Gefühle mußte der Gedanke mir wecken! Bald hatten wir den Tajo passirt, die Gebirgszüge verloren sich in Hügel, die mehr und mehr wellenförmige Gestalt annahmen; da, als wir eine leichte Anhöhe erstiegen, lag die stolze Königsstadt vor uns in ihrer Pracht, von zahllosen Thürmen hoch überragt. So sah ich Madrid wenige Monate früher, da wir in freudiger Hoffnung nach Segovia’s Erstürmung heranzogen; damals eilte ich zum Kampfe gegen die Satelliten der Revolution, die wir rasch zu unsern Füßen zu zerschmettern hofften, und jetzt ...! Wie konnte so kurze Zeit so viel Schweres, so viel Furchtbares mit sich bringen?
Gegen ein Uhr Mittags betraten wir den Prado, den Versammlungsort der schönen Welt von Madrid; sechs Reihen herrlicher Bäume bilden, so weit das Auge reicht, schattige Alleen, von prachtvollen Gebäuden und Gärten umschlossen. Um diese Tageszeit war der Spatziergang ganz leer, weshalb wir gehofft hatten, unbemerkt und ohne Anfechtung die wenigen Straßen zu durchschreiten, welche von der zu unserer Aufnahme bestimmten Caserne von San Mateo uns trennten. Doch das Volk Madrid’s im Eifer, durch Insultirung wehrloser Gefangenen die Entschiedenheit seiner Meinungen darzuthun, scheut nicht Hitze, Staub und Ermüdung. Schnell umringte uns ein großer Haufe vom Pöbel aller Classen; einzelnen Schimpfworten folgten wilde Drohungen, mit den gräßlichsten Flüchen untermischt, und viele der Wüthenden, selbst Weiber, suchten zwischen die Soldaten der Bedeckung sich einzudrängen, um die Gefangenen zu erreichen. Die Escorte schloß dicht um uns und hielt mit vorgehaltenem Bajonnett die Rasenden zurück, unter denen zahlreiche National-Gardisten durch ihre französischen Militairmützen kenntlich waren, bis es ihr gelang, nachdem sie einige Schreier leicht verwundet hatte, bis zu der Caserne sich Bahn zu brechen. Die Abneigung der christinoschen Soldaten gegen die National-Gardisten stieg oft bis zu höchster Erbitterung, da diese, nur zu Grausamkeiten und Metzeleien fähig und willig, nie zu offenem Kampfe sich uns entgegenstellten, dagegen in ihren Ansprüchen noch über die Linientruppen hinausgingen. Solche Abneigung rettete manchem carlistischen Gefangenen das Leben, indem die Truppen, wenn jener Pöbel, wie so oft, ihr Blut forderte, bereitwillig sie zu beschützen eilten.
Das Gefängniß, in welches ich geführt ward, war so finster, daß ich anfangs gar nichts sah; als sich mein Auge endlich an das Halbdunkel gewöhnt hatte, bemerkte ich zehn oder zwölf Unglückliche, sämmtlich Officiere von der Armee Cabrera’s. Der Kerker war ein zwanzig Fuß langer schmaler Raum, der durch ein Gitterfensterchen sein Licht aus dem vorliegenden Gange erhielt. Von den Wänden fielen, durch die Feuchtigkeit losgebröckelt, fortwährend Stücke Kalk herab, in langsam regelmäßigen Pausen tropfte das Wasser zur Erde, und der Boden war mit leichtem Schlamme bedeckt, der nie trocknen sollte. Dabei diente eine Pritsche zur gemeinschaftlichen Schlafstelle, und das Zimmer trug ganz den Stempel der Militair-Gefängnisse, wie sie in allen spanischen Casernen sich finden, auch wimmelte es natürlich von Flöhen, die Tag und Nacht uns quälten. Von Zeit zu Zeit ward es uns erlaubt, eine Stunde lang in dem Hofe spatzieren zu gehen, wo wir dann die Unglücksgefährten trafen, welche in den andern oft noch schrecklicheren Gefängnissen schmachteten. Jeden Sonnabend war aber Communication mit der Außenwelt, indem alle diejenigen, welche durch Furcht vor der Rache der Liberalen und den Insulten der National-Gardisten, welche die Wache in der Caserne hatten, sich nicht abschrecken ließen, uns sehen und sprechen durften, wobei ein hölzernes Gitter sie von uns trennte.