Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 2
Ferdinand VII. erließ das Decret, durch welches er Philipp’s Grundgesetz vernichtete, ohne jene beiden höchsten Staatsgewalten zu Rathe zu ziehen, er nahm es eben so zurück und erklärte es dann nochmals für wirksam; die Cortes waren zu jener Zeit gar nicht versammelt, das Gutachten des Rathes von Castilien ward nicht eingefordert. Erst drei Jahre später, im April 1833 berief der König die Cortes, aber nicht um über das zu gebende Gesetz mit ihnen zu berathen, sondern um die Huldigung für die Thronerbinn entgegenzunehmen, die dann auch ohne Widerstand geleistet ward, da die Cortes vollkommen bearbeitet zu einem bloßen Werkzeuge der ehrsüchtigen Königinn sich herabwürdigten. Von Specialvollmachten, wie sie den Cortes von 1713 hatten ausgefertigt werden müssen, war natürlich gar nicht die Rede. -- So entsprach also das Gesetz, welches den Infanten Carl von der Nachfolge ausschließen sollte, in der Art, in der es gegeben wurde, gar nicht den Bedingungen, durch welche es der Verfassung gemäß Gültigkeit hätte erlangen können; es bleibt schon deshalb kraftlos und kann die Bestimmungen der früher und jenen Bedingungen entsprechend etablirten Thronfolge-Ordnung nicht aufheben.
Noch mehr aber werden wir von der Ungültigkeit desselben überzeugt, wenn wir seinen Zweck erwägen. Wie durch Carls IV. Entwurf Marie Louise’s, ist durch diesen nur Christina’s persönliches Interesse berücksichtigt, ohne daß das Wohl des Staates im Geringsten beachtet wäre. Alle die Vortheile, welche Philipp V. so mächtig zu seiner Anordnung trieben, bleiben in den Hintergrund gedrängt, da es sich darum handelt, die eitele Herrschsucht eines Weibes zu befriedigen; und doch dauern alle diese Vortheile in eben der Kraft fort wie hundert Jahre früher, ja sie gewinnen immer mehr Bedeutung, wie Spanien mehr und mehr geschwächt und in eine abhängigere Stellung zurückgedrängt wird. Und wie suchte Ferdinand so unedlen Zweck zu erreichen? Indem er das von dem Gründer der Dynastie festgestellte Fundamental-Gesetz der Thronfolge aufhob, wozu doch die Souverainitäts-Rechte des Königs nicht befugen; indem er seinen Bruder der Rechte beraubte, die das Gesetz ihm sicherte, und die keine Macht auf Erden legitimer Weise antasten konnte. Das Recht vergeht nur mit der Sache, über die es gewährt ist, und keine Verfügung, wenn auch König und Cortes sie gegeben, kann Gültigkeit erlangen, sobald sie das Recht eines Dritten schmälert; es sei denn mit dessen Zustimmung oder weil er selbst verbrecherischer Weise des ihm Zustehenden sich unwürdig gemacht.
Wohl suchten die Gegner Carls V., listig die Ereignisse der letzten zehn Jahre in Ferdinand’s Regierung benutzend, durch freche Verleumdungen solche Unwürdigkeit in ihm darzuthun, indem sie seine zügellose Herrschsucht als geheimen Hebel der ultra-royalistischen Aufstände hinstellten, die mehrfach die Monarchie beunruhigten. Welche Fehler man aber auch dem unglücklichen Fürsten beilegen möge, seine strenge Gewissenhaftigkeit und Loyalität konnten nie angetastet werden; auch ist er gegen so ungegründete Anschuldigungen von geistreichen und mit jenen Ereignissen vertrauten Männern auf eine Art vertheidigt worden, die fernere Worte darüber ganz unnütz macht.
Dagegen behaupteten auch die Anhänger Christina’s, daß der Infant Don Carlos, da er nicht sofort gegen die Änderung des Grundgesetzes protestirte, stillschweigend seine Zustimmung gegeben und also seiner Rechte sich begeben habe. Ferdinand erließ nemlich sein Dekret im März 1830, der Infant protestirte am 29. April 1833, so wie einige Wochen später der König von Neapel, der als männlicher Nachkomme Philipps V. vor Ferdinand’s Tochter in der Reihefolge der Thronerben steht. Ganz abgesehen aber davon, daß damals die Prinzessinn noch nicht geboren war und der Infant daher im Falle der Geburt eines Prinzen durch eine voreilige Protestation lediglich den Unwillen seines königlichen Bruders veranlaßt hätte, bewogen ihn zu jener Zögerung zwei Gründe, die seinen Charakter in das ehrenvollste Licht stellen und die Grundlosigkeit jener Behauptung völlig klar machen.
Vor Allem wollte er, ehe er irgend einen Schritt zur Sicherung seiner Rechte that, sich überzeugen, daß diese Rechte wirklich existirten. Er fragte deshalb nicht nur die ersten Rechts-Gelehrten der Monarchie um Rath, sondern consultirte auch die Universitäten von Spanien, Portugal und Italien, und erst als sie einstimmig erklärt, daß seine Ansprüche unumstößlich gerecht seien und Philipp’s Thronfolge-Ordnung durch seines Nachkommen Willen keinesweges aufgehoben sei, entschloß sich der Infant, seiner Pflicht gemäß, der Beraubung seines Rechtes kräftig sich zu widersetzen. -- Dann wußte er sehr wohl, daß das ursprüngliche Dekret Ferdinand’s der Verfassung des Staates gemäß gar nicht Gesetzes Kraft haben könne, da weder Cortes noch Rath von Castilien ihre Einwilligung erklärt; weshalb hätte er gegen ein Gesetz protestirt, welches gar nicht existirte? Als aber Ferdinand im April 1833 die Cortes berief, um durch deren Huldigung seine Anordnung zu heiligen, da erhob sich der Infant mit Festigkeit zur Vertheidigung seiner nun bedroheten Rechte: er erließ die Protestation am 29. April und zog sich nach Portugal zurück, ohne daß Ferdinand, schwach auch in der Ausführung des beschlossenen Unrechts, so feindselige Maßregel gehindert hätte.
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Da also keine der Bedingungen Statt fand, die für die Gültigkeit der Veränderung des Grundgesetzes unerläßlich sind; da die neue Anordnung, staatsrechtlich wie moralisch beurtheilt, nicht Gesetzes Kraft haben kann; da das Recht der männlichen Nachkommen Philipps weder durch ihre Unwürdigkeit noch durch ihre Einstimmung aufgehoben ist: so bleibt Carl V. der rechtmäßige König von Spanien.
Übrigens waren die Leiter Derer, die auf jener unglücklichen Halbinsel sich Liberale zu nennen wagen, da sie die Usurpation Christina’s begünstigten, weit entfernt, deren Tochter für die legitime Thronerbinn zu halten; so oft ich innerhalb und außerhalb Spanien mit solchen Männern in Berührung kam, bewunderte ich die Gewandtheit, mit der sie die Frage des Rechtes zu umgehen wußten. Diese Parthei, welche seit vielen Jahren durch ihre Umwälzungs-Pläne namenloses Elend ihrem Vaterlande bereitet, erkannte sehr wohl, daß sie nie hoffen dürfe, unter Carl V. ihre selbstsüchtigen Absichten ins Werk zu setzen. Die Denkungsweise dieses Fürsten war zu bekannt, als daß sie den Anarchisten die mindeste Aussicht gelassen hätte, der Herrschaft sich zu bemächtigen und so die reichen Schätze der Krone, die hohen Ämter und die Verfügung über die Ressourcen des schönen Landes an sich zu reißen. Die Regierung eines Kindes unter der Regentschaft eines schwachen Weibes versprach ihnen leichteren Erfolg. Sie erkannten, daß Christina ohne Unterstützung im Volke, ohne Hülfsquellen und Macht schnell genöthigt sein würde, sich ihnen in die Arme zu werfen, und edleren Gesinnungen ja ganz fremd, eilten sie, die ihren Zwecken so günstige Gelegenheit nicht aus den Händen zu lassen. Sie erhoben sich stürmisch für die Ansprüche Isabella’s gegen Ferdinand’s gefürchteten Bruder; mit leicht erheucheltem Enthusiasmus huldigten sie dem Kinde, welches unbewußt seines Onkels Rechte usurpirte, und -- entwanden den Händen der Königinn die Zügel der Regierung, zu schwer für die Kraft der ehrgeizigen Frau.
Die Ereignisse haben hinlänglich gezeigt, wie richtig Spaniens sogenannte Liberale die Folgen ihrer Schritte berechnet hatten. Es wäre ungerecht, das Gute mit Stillschweigen zu übergehen, welches sie durch Abschaffung von einigen der zahllosen Mißbräuche hervorbrachten, unter denen Spanien dahinstirbt; aber eben so wenig darf übersehen werden, daß sie nur diejenigen angriffen, durch deren Zerstörung sie sich bereichern, ihre Macht mehren konnten: daher die Aufhebung der überreichen Klöster, deren Schätze größten Theils in das Ausland wanderten, die Zurücknahme vielfacher Privilegien und der Einzelnen ertheilten Monopole u. a. Wo dagegen solche Mißbräuche dem Interesse der Parthei fröhnten, da bestanden sie fort in ihrer schrecklichsten Gestalt oder tauchten gar ganz neu hervor; Bestechlichkeit, Erpressung, Unterschleif waren und sind an der Tagesordnung, jeder Zweig der Verwaltung liegt in der tiefsten Vernachlässigung danieder, Gerechtigkeit ist für Gold feil; Gold ersetzt alle Tugenden, alle Talente, Gold giebt Achtung, Ehre, Macht; der Mann wird nach der Gewandtheit geschätzt, mit der er die kurze Zeit, während der er ein Amt, eine Würde bekleidet, zur Erschöpfung jedes Weges der Bereicherung benutzt.[2]
Die Zeit der Regentschaft Christina’s giebt ein entsetzliches Bild der Verworfenheit, zu der niedrige Selbstsucht den Menschen führt, des Elendes, welches sie hervorzurufen vermag. Während jene Männer ihr Vaterland mit Trauer und Jammer füllten, seiner edelsten Söhne, von Bruderhand gemordet oder in fremde Länder vertrieben, es beraubten, während sie Europa’s reichstes Königreich in einen mit Blut und Thränen getränkten Schutthaufen verwandelten, wußten sie, in raschem Wechsel die Leitung der Geschäfte sich abnehmend, ihre leeren Koffer mit dem Gewinne des verzweifelnden Ackerbauers und Bürgers, den Schätzen der ausgeplünderten Handelsstädte zu füllen. Sie zauderten nicht, um ihren Leidenschaften zu fröhnen, der Verachtung der Nationen, dem Fluche des im Todeskampfe zuckenden Vaterlandes, der Rache des ewig Gerechten zu trotzen. -- Und sie triumphiren!
[1] In den offiziellen Erlassen der Madrider Regierung ward die Tochter Ferdinand’s gewöhnlich als „~nuestra innocente Reyna~“ bezeichnet. Diese Eigenschaft ihrer Königinn schien wohl den Christinos besonders merkwürdig.
[2] Von allen den Anführern der verschiedenen Fraktionen, welche unter dem Namen Christina’s die Regierung inne hatten, ist wohl Martinez de la Rose der Einzige, der uneigennützig und nach seiner Überzeugung das Beste des Staates suchte. Wie Mendizabal, der Graf Toreno und alle die übrigen Minister, nach ihnen mit wenigen Ausnahmen die Militair- und Civil-Behörden bis zu den untersten Beamten nur Geld zu ihrer Losung machten, wie die Ersteren, in Dürftigkeit aus der Verbannung zurückgekehrt, bald in übermüthigem Luxus glänzten und Millionen im Auslande niederlegten, die sie dann zu verprassen eilten, bis die Umstände, neue Herrschaft, neuen Raub versprechend, sie nach dem Vaterlande zurückriefen; -- das wurde selbst von ihren Anhängern nicht geleugnet und -- -- natürlich gefunden. Armes Spanien! Übrigens brachte das System der Verwaltung diese Mißbräuche mit sich und mußte sie allgemein machen, da, so oft eine andere Parthei des Ruders sich bemächtigte, die der vorher herrschenden Angehörigen ihrer Stellen entlassen und mit ihren Familien zum Betteln verdammt wurden, wenn sie nicht in der fetten Zeit für die magere Vorrath gesammelt.
II.
Von Schleichhändlern geführt, in die einfache Kleidung eines baskischen Bauern gehüllt, durcheilte ich auf schmalen, kaum der Gebirgsziege wegsam scheinenden Fußsteigen die Felsen-Thäler der West-Pyrenäen. -- Der Pfad, bald hoch über grundlosem Abgrunde schwebend, bald in die Schluchten tief sich senkend, die der rauschend hinschäumenden Bergwassern malerisches Bett bilden, wand sich weit, stets die Punkte aufzusuchen, wo die Schroffe der aufgethürmten Felsmassen oder der von allen menschlichen Wesen gemiedene Wald das Auge des Forschers am unwahrscheinlichsten machte. Hoch über uns blitzten die Gewehre einer Patrouille, deren Blicken die sorgfältig benutzten Vorsprünge und Biegungen uns entzogen, dann schreckte uns der Lärm eines durch nahes Gebüsch entfliehenden Ebers; einzelne Bauern, von den militairisch mit Vor- und Nachtrab marschirenden Führern in mir unbekannter Sprache befragt, hatten befriedigende Nachrichten gegeben, und selten wurde der kleine Zug auf einige Minuten gehemmt. Da -- schon nicht fern von der Gränze -- ertönte wieder und wieder das gefürchtete „Halt!“ hinter uns, und da es den eiligen Lauf uns nur beschleunigen machte, bald auch das Feuern der französischen Douaniers, deren Kugeln uns jedoch nicht erreichten. Doch plötzlich standen die Führer bewegungslos. Neue, unausweichbare Gefahr befürchtend warf ich suchende Blicke nach allen Seiten, als des Guiden gebrochenes „~Eh bien, nous voici chez nous~“ mich in den Taumel der höchsten Freude versetzte: die letzte Barriere war ja überschritten, die dem so lange ersehnten, so oft ausgemalten Glücke noch hindernd im Wege gestanden.
Bald lag Zugarramurdi, das nächste carlistische Dorf, vor uns. Die Behörden und die Officiere der dort stehenden zwei Compagnien empfingen den Ankömmling artig und suchten zuvorkommend alle Dienste zu leisten, welche meine gänzliche Unkenntniß der Sprache möglich machte, wobei einer der Officiere, des Französischen kundig, als Dolmetscher diente. Da sah ich die Braven, von deren Kriegesthaten ich so oft bewundernd gelesen, an deren Seite zu kämpfen jetzt höchste Ehre und Ziel alles Strebens mir war.
Ihr Anblick mußte tiefen Eindruck auf mich machen. Das dunkelgebräunte Antlitz leuchtete ihnen vom Gefühle hohen Muthes und vom stolzen Bewußtsein der vollbrachten Thaten, während die Narben, welche ihre kühnen Züge noch mehr hervorhoben, das schönste Zeugniß der Gefahren und Leiden bildeten, denen für König und Vaterland sie willig sich ausgesetzt. Meine Bewunderung stieg, da ich den Zustand wahrnahm, in dem diese Helden so viele Siege erfochten, so oft der Feinde dräuende Heerhaufen durchbrochen und vernichtet hatten. Kaum deckten die Überbleibsel eines hellblauen Rockes die kräftigen Glieder, während Viele fast barfuß die Felsenwege hineilten oder höchstens durch schwache Hanfsandalen[3] ihre Füße schützten. Ein scharlachfarbiges oder weißes Basken-Barett (~la voyna~) deckte das Haupt, der Hals war frei oder von einem seidenen Tuche umschlungen; die Bewaffnung bestand nur aus dem Tod sendenden Gewehre mit um den Leib geschnallter schwarzer Patrontasche, an der das Bajonett, oft ohne Scheide hinabhing. Alles war auf die höchste Leichtigkeit und Beweglichkeit berechnet: statt des Tornisters trugen sie einen leinenen Beutel auf dem Rücken, der nur ein Hemd, ein Paar Sandalen und die Lebensmittel enthielt.
An preußische Organisation, die elegante Einfachheit der preußischen Armee gewöhnt, mußte mich im ersten Augenblicke der Anblick dieser Krieger unangenehm choquiren. Doch schnell bedachte ich, wie unendlich höher das Verdienst der Männer zu stellen ist, die unter solchen Umständen nicht verzagten; die, an so vielem sonst für unerläßlich gehaltenen Mangel leidend, muthig, wenige Hunderte anfangs, gegen die von allen Seiten zu ihrer Erdrückung heraneilenden Colonnen sich erhoben, Jahre lang den ungleichen Kampf bestanden, die feindlichen Massen oft schlugen und aufrieben, bis sie, von ihren Gebirgsvesten herabbrechend, durch alle Provinzen Spaniens bis zu Gibraltar’s Felsen und an die Thore von Madrid den Schrecken ihrer Waffen verbreiteten und die Usurpatorinn auf dem in seinen Grundlagen erschütterten Throne zittern machten.
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Ferdinand VII., für den sein Volk unermeßliche Ströme edlen Blutes vergossen, unter dem Spanien, ein Schatten Dessen, was es einst war und noch sein könnte, von Stufe zu Stufe sinkend sich nur von dem mit politischen Umwälzungen unzertrennbaren Elend erhob, um in neuen, wo möglich, noch schmerzlicheren Jammer zurückgestürzt zu werden; -- Ferdinand starb am 29. September 1833 und überließ sein Reich allen Schrecken eines Bürgerkrieges, den er durch Schwäche hervorgerufen, dessen furchtbare Folgen er voraussehen mußte, ohne den Muth zu ihrer Abwendung zu haben. Die Königinn Wittwe Maria Christina nahm sofort von dem Throne im Namen der unmündigen Infantin Isabella Besitz.
Doch kaum ward die Nachricht von dem Tode des Königs in den Provinzen bekannt, als allenthalben muthige Männer sich erhoben, die Rechte des legitimen Thronerben proclamirend und bereit, den letzten Blutstropfen in der Bekämpfung der Revolution zu opfern. Der greise Pfarrer Merino, wegen seiner im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon vollbrachten Thaten vielleicht zu sehr gerühmt, sah sich in Alt-Castilien schnell an der Spitze von mehr denn 20000 M., alle als ~voluntarios realistas~[4] vollkommen bewaffnet, alle freiwillig für ihren Herrscher aufgestanden; in den übrigen Theilen des Königreiches fanden ähnliche Bewegungen, wiewohl in kleinerem Maßstabe, Statt. Ein entscheidender Schlag hätte Alles enden mögen. Aber schon trat der Mangel an Einheit, Einigkeit und daher an Energie hervor, der in einer späteren Epoche so schmerzliche Folgen bereiten sollte. Merino, nach Alava gezogen, ließ sich in Streitigkeiten über die Verpflegung seiner Castilianer mit den Anführern in jener Provinz ein, die da behaupteten, eine jede Provinz müsse ihre Truppen unterhalten, und den Castilianer deshalb auf Castilien verwiesen. Mangel riß ein; Merino, anstatt fest auf die Hauptstadt zu marschiren, zauderte fort: der größte Theil seiner Truppen, seit vielen Tagen ohne Lebensmittel, zerstreute sich.
Christina aber zitterte. Sie fühlte dem Sturme sich nicht gewachsen, den ihr Ehrgeiz hervorgerufen, und eilte, dem Fürsten, dessen Platz sie usurpirt, Vorschläge zu machen. Carl V., damals in Portugal, nahm sie mit der Verachtung auf, die allein ihnen passende Antwort war: er kannte sein Recht und fühlte die Pflicht, +ganz+ es zu behaupten. Da schon zeigte sich, wie wenig die Anführer der Parthei, die liberal will genannt sein, sich scheuten, zu den entehrendsten Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen, wenn sie so dem Ziele ohne Gefahr sich zu nähern hofften. Sie übersandten dem schon geschwächten, aber dennoch gefürchteten Merino eine Ordre, mit der verfälschten Unterschrift Carls V. versehen, durch die ihm geboten ward, den Rest seiner Truppen, da Kampf nun hoffnungslos, zu entlassen. Der treuherzige Greis, unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, vollführte mit Schmerz seines Königs Befehle.
Die Anhänger Christina’s triumphirten und benutzten den günstigen Augenblick zur erbarmungslosen Rache. In allen Städten, im ganzen Königreiche wurde dem Beispiele der Residenz gemäß unermüdlich gearbeitet, den überall drohenden Aufstand in Blut zu ersticken, auf den Leichen der Loyalen sollte die Herrschaft der Usurpation sich befestigen. Die Kerker wurden bald überfüllt durch die Unglücklichen, welche in stets erneuten Haufen den Hauptstädten zugeschleppt wurden, die gewöhnlichen Tribunale reichten nicht mehr hin, um so viele Unschuldige zu verdammen. Militair-Commissionen wurden allenthalben niedergesetzt, in ihrem Gefolge erhoben sich Schaffotte, bis, da auch sie zu langsam ihr grausiges Werk vollbrachten, das kriegerische Erschießen praktischer gefunden wurde. Ein unvorsichtiges Wort, eine Klage, bloßer Verdacht reichten hin, um Trauer und gränzenloses Elend den Familien zu bringen; Privathaß und Selbstsucht waren thätig, die Zahl der Opfer jedes Alters, jedes Geschlechtes zu mehren; ganz Spanien lag in stummer, wehrloser Verzweiflung, aller Derer beraubt, auf deren Talente und Edelsinn es seine Hoffnungen gebaut hatte.
Noch schien Rettung nicht unmöglich. In den baskischen Provinzen und dem Königreiche Navarra, diesem begünstigten Theile der Monarchie, hatte lange schon dumpfe Unzufriedenheit gegährt, durch die Besorgnisse hervorgerufen, welche das Betragen der Regierung für die unschätzbaren ~fueros~ der vier Provinzen rege machte. Während Ferdinand’s Herrschaft waren diese Privilegien unangetastet geblieben, weil das Königreich sich stets in solchem Zustande der Verwirrung und Schwäche befand, daß es Tollheit gewesen wäre, durch Gewalt solche Maßregel durchzusetzen. Aber sehr wohl wußten die Basken, daß trotz dem diese Frage mehrfach zur Sprache gekommen; ja in der letzten Zeit waren wirklich Truppen an ihrer Gränze zusammengezogen. Sie erinnerten sich, wie heilig diese auf Verträge gegründeten Rechte seien, sie erkannten, welche Macht die Lage und die Eigenschaften ihres Gebietes ihnen giebt; sie gedachten auch, wie der Infant Don Carlos im Gefühle der Gerechtigkeit stets für sie gesprochen, wie einst die schon beschlossene Aufhebung der Privilegien nur durch seinen Einfluß rückgängig gemacht wurde. Das brave Gebirgsvölkchen, dafür dankbar, zauderte nicht.
Sofort nach Ferdinand’s Tode erhoben sich kleine Schaaren, Carl V. als König von Spanien, Herren von Vizcaya proclamirend; am 3. und 4. October brach der Aufstand in Bilbao aus, worauf die Stadt durch von San Sebastian entsendete Truppen besetzt wurde, in Vitoria erhob sich das Volk am 7. October. Doch auch hier ward der erste Versuch blutig niedergeschlagen. Sarsfield, zum General en Chef ernannt, durchzog das Land und erschoß wie viele Basken, bewaffnet oder unbewaffnet, in seine Hände fielen, selbst Weiber und Kinder wurden niedergemetzelt, die Wohnungen verbrannt, alles Werthvolle geplündert, vernichtet. Seine Untergebenen übertrafen ihn an Grausamkeit. Lorenzo ließ den edlen Don Santos Ladron, der, ausgezeichnet als General, als Bürger und als Mensch, an die Spitze des Aufstandes sich gestellt, im Graben von Pamplona rücklings erschießen, da er durch Verrath ihn gefangen genommen. Achthundert Mann hatte dieser General vereinigt, wiewohl zum Theil noch nicht bewaffnet; sie zerstreuten sich auf die Kunde von dem Tode ihres Chefs, die Wiederherstellung der Ruhe schien leicht. -- Lorenzo ward zum Vicekönig von Navarra erhoben zum Lohne seiner blutigen That.
Die Christinos behandelten das Land wie erobert: die Privilegien wurden nicht länger beachtet, Truppen besetzten die wichtigsten Stellungen und befestigten die Städte. Dazu wurden Brandschatzungen erhoben, Arretirungen auf den leisesten Verdacht der Unzufriedenheit hin vorgenommen, und Hinrichtungen fanden täglich in jedem Theile des Landes Statt. Das vermochte der Basken Freiheitssinn nicht zu tragen. In Masse erhoben sie sich gegen die Unterdrücker, welche nur in den festen Plätzen augenblicklich sichere Zuflucht fanden, einmüthig unterzogen sie sich, ein erhabenes Vorbild, für die Vertheidigung ihres Königs und ihres Vaterlandes der Gefahr und allen den Leiden des Kampfes gegen die zehnfach überlegene Macht des trotzigen Feindes. Doch wie willig das Ländchen seine Hülfsquellen den eigenen Söhnen öffnete, es fehlte ihnen an Waffen, an Munition, an einem Führer vor Allem. -- Jene entrissen sie den Gegnern selbst; kleine Siege, die sie anfangs über einzelne Detachements davon trugen, gaben mit dem Vertrauen die Mittel zur Bekämpfung auch der mächtigeren Corps. Und der Führer .... Wer kennt nicht den Helden, der aus ungeübten, wehrlosen Bauern ein Heer schuf, der an der Spitze seiner kühnen Landsleute die ersten Feldherren der Monarchie schlug, ihre geübten Armeen vernichtete und die Trabanten der Usurpation lehrte, was die kleine Schaar vermag, wenn das Gefühl des Rechtes im Kampfe sie beseelt! Europa hat mit Bewunderung Zumalacarregui’s Namen wiederholt.
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Es ist nicht meine Absicht, eine Geschichte der Thaten jenes Feldherrn zu geben, die Materialien dazu würden mir fehlen, es sei denn, daß ich zum Abschreiber oder Compilator mich herabwürdigen wollte. Doch wird es zweckmäßig sein, eine gedrängte Übersicht der Ereignisse hinzustellen, wie sie bis zu meiner Ankunft in den baskischen Provinzen Statt fanden.