Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 17
Mit den Truppen Cabrera’s vereinigt durchzog das Expeditions-Corps die Provinz Cuenca und marschirte über Tarancon auf der Heerstraße gegen Madrid, indem Moreno gewandt manövrirend dem Feinde mehrere Märsche abzugewinnen wußte; es überschritt den Tajo bei Fuentidueña und rückte am 12. September Morgens vor die Thore der stolzen Residenz. Cabrera, der mit seiner Division die Avantgarde bildete, hatte bei Vallecos, anderthalb Stunden von Madrid, die Cavallerie-Regimenter der Garde, da sie mit reitenden Batterien sich ihm entgegenstellten, gänzlich geschlagen, er schoß schon in die Straßen der Stadt hinein und erwartete ungeduldig mit den nachrückenden Divisionen die Ordre zum Angriffe, dessen Erfolg ganz unzweifelhaft war. Da ... erhielt er Befehl, seine Truppen zurückzuziehen. Er gehorchte -- Carl V. ließ den Augenblick, der die entrissene Krone ihm darbot, ungenutzt, und dieser Augenblick kam nie wieder.
Augenzeugen versichern, daß Cabrera in gerechtem Zorne über die Erbärmlichkeit der Rathgeber des Königs geschworen habe, fortan nur seinen eigenen Eingebungen zu folgen; so that er. Im königlichen Hauptquartiere selbst, welches bis Arganda, vier Stunden von Madrid gelangte, war Alles so von dem Einzuge in die Residenz überzeugt gewesen, daß schon einem Jeden sein Logis daselbst bezeichnet war. In finsterem Mißmuthe trat die Armee den Rückzug an, der die Früchte aller Anstrengungen und Siege auf immer ihr entriß.
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Mannichfach sind die Gründe oder, sage ich, die Entschuldigungen, welche für das Aufgeben der Unternehmung auf Madrid angeführt sind; doch kamen endlich alle übrigen auf die beiden hauptsächlichsten, die Schwäche der Armee bei der Nähe Espartero’s und das Nichterscheinen der Division Zariategui, hinaus. Früher zeigte ich, wie dieser General mit dem königlichen Expeditions-Corps in seiner Bewegung auf die Hauptstadt nicht combinirt agiren konnte, noch durfte, da er, so eben zur Offensive übergegangen, ein überlegenes feindliches Corps im Rücken hätte zurücklassen müssen. Auch war auf die Mitwirkung Zariategui’s gewiß nicht von den Anführern der Armee gerechnet.
Diese zählte zu jener Zeit mit Einschluß der Division Cabrera 13000 bis 14000 Mann; dagegen befanden sich in Madrid etwa 5000 Mann Linientruppen und acht Bataillone National-Garde mit ihrer Cavallerie und Artillerie, während Espartero über Guadalajara in Eilmärschen 25000 Mann heranführte. Daher hieß es, würde es Tollkühnheit gewesen sein, in ein Straßengefecht uns einzulassen, um im glücklichsten Falle nach vier und zwanzig Stunden aus der Stadt entweichen zu müssen oder in ihr den Angriff des feindlichen Heeres zu souteniren. Sieger in so hoffnungslosem Kampfe, wären wir in Madrid blockirt worden, besiegt konnte Nichts die gänzliche Vernichtung von uns abwenden.
Die Nichtigkeit solcher Argumentation ist auf den ersten Blick durchschaut. Das gefürchtete Straßengefecht würde gar nicht Statt gefunden haben: einige Bataillone hatten sich zwar bei dem zunächst bedroheten Thore aufgestellt und erwarteten ohne Hoffnung und ohne Muth den Angriff; aber die Besatzung reichte lange nicht hin, um die ausgedehnten Mauern auch nur rings zu besetzen, und jene Bataillone würden alsbald gezwungen sein, wie es ja stets den Garnisons der größeren Städte erging, in irgend ein festes Gebäude sich einzuschließen, um unter möglichst guten Bedingungen zu capituliren. Denn in der Stadt erwartete die Masse, der Kern des Volkes nur das Signal zum Angriffe, um sich zu erheben und Carl V. zu proclamiren. Daß jedoch, wie dem Anschein nach wohl erwartet wurde, die Bevölkerung bei der Annäherung der Carlisten selbstständig die Contrerevolution bewirke und die Truppen verjage, so daß unsere Armee die Thore geöffnet und von der Menge jubelnd sich empfangen fände -- das hieß in der That zu sehr auf das Loyalitäts-Feuer des Volkes rechnen. Auch von der National-Garde waren die vier letzten Bataillone durch Zwang gebildet und bestanden durchgängig aus echt royalistisch gesinnten Männern, Handwerkern und kleinen Kaufleuten, denen die Wahl gelassen war, ihre Laden zu schließen und ihre Familien, die Stadt verlassend, ins Elend zu stürzen oder als National-Gardisten sich enrolliren zu lassen. Es ist bekannt, daß die revolutionaire Regierung später Untersuchungen anstellen ließ, weil diese Bataillone bei dem Erscheinen der Carlisten ihre Neigung für sie deutlich an den Tag gelegt und complottirt hatten, um bei dem Angriffe für sie sich zu erklären, was natürlich allen Widerstand beendigt hätte.
Sehr zu bezweifeln ist aber, daß die Armee Espartero’s auf die Carlisten, nachdem diese Madrid’s sich bemächtigt, den Angriff gewagt hätte. Die Nachricht von dem Ereignisse würde auf die Soldaten den niederschlagendsten Einfluß geäußert und die Bande der Disciplin, in jener Zeit so sehr gelockert, vollends zerrissen haben. Und wenn Espartero trotz ihrer Entmuthigung die Truppen zur Wiedereroberung der Hauptstadt führte, entschied er nur rascher den Ausgang des Krieges und den Sturz der Parthei, für die er kämpfte. Da war es nicht nöthig, vor ihm zu fliehen oder geschlagen oder in der Hauptstadt blockirt zu werden; die siegreiche Armee würde mit Begeisterung dem Feinde entgegen gegangen sein, um ihn selbst anzugreifen, ihn moralisch geschwächt, wie er war, zu vernichten und so mit der letzten Hoffnung der Christinos den ferneren Widerstand ganz niederzuschlagen.
Alle jene Schwierigkeiten, so weit sie wirklich bestanden, mußten bedacht sein, ehe der verhängnißvolle Zug unternommen wurde; so wie der erste Schritt gethan, hörte alles Schwanken auf, und „Vorwärts“ ward das Loosungswort, denn jedes Zaudern brachte Verderben. Das ganze unendliche Übergewicht, welches die Eroberung Madrid’s ihnen gab, überließen die Carlisten durch den Rückzug ihren Feinden, indem sie den Spaniern und der Welt die Überzeugung von ihrer Schwäche oder ihrer Unfähigkeit aufdrängten, das Vertrauen der friedlichen Bewohner einbüßten, die sie nur erscheinen sahen, um sich eiligst den verfolgenden Christinos durch die Flucht zu entziehen, und sich, was oft noch unheilsvoller war, mit den vergeblichen Hin- und Herzügen zum Gegenstande des Spottes und der Verachtung machten.
So unermeßlich waren die Folgen der Uneinigkeit und des Intriguen-Spieles, welche unter den nächsten Umgebungen des Königs herrschten und jede energische Kraftäußerung unmöglich machten, jedes Unternehmen lähmten. Da war es nicht zu verwundern, wenn mancher treue Diener von Überdruß ergriffen wurde, wenn endlich die Truppen laut über Verrath schrieen und mit Widerstreben den Mühseligkeiten sich unterwarfen, die ihrer Führer verkehrtes Benehmen über sie verhängte.
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Die nächsten Tage vergingen in Bewegungen zwischen den Henares und Tajuña der Armee Espartero’s gegenüber, der fortwährend verstärkt täglich mehr das Expeditions-Corps drängte. In der Nacht vom 18. zum 19. September versuchte Moreno einen Überfall desselben in Alcalá, der gänzlich fehlschlug und das nachtheilige Arrieregarde-Gefecht vom 19. veranlaßte, in dem die Carlisten, heftig von der feindlichen Cavallerie bestürmt, mit Verlust in die Gebirge sich zurückzogen. Mehrere Compagnien, die man aus Gefangenen gebildet, denen auf ihr Bitten die Waffen gegeben waren, warfen bei dem Angriffe der Lanciers die Gewehre nieder und gingen mit dem Rufe: ~viva Isabel segunda!~ zu ihren alten Gefährten über. Cabrera, der in Guadalajara unter den Augen Espartero’s eingezogen war, trennte sich von dem Heere und führte seine Division nach Aragon zurück, da er in längerem Bleiben Schmach und Vernichtung erkannte, worauf der König, dessen Truppen in dem traurigsten Zustande waren und an Allem Mangel litten, den Rückzug nach dem Gebirge von Soria beschloß. Da die Division Zariategui den Angriff Lorenzo’s auf die Brücke von Aranda zurückschlug, konnten die beiden Corps in dieser Stadt sich vereinigen.
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Kaum war ich, von der Verfolgung Lorenzo’s zurückgekehrt, in meinem alten, nun mit Officieren der königlichen Divisionen angefüllten Logis angekommen und suchte ein Strohlager mit Mantel und Decke etwas bequemer zu machen, als ich zum General berufen wurde, der so eben in höchstem Mißmuthe von einer Zusammenkunft mit dem Infanten zurückkehrte. Er erklärte mir, daß er in Rücksicht auf meine Verwundung mich ausersehen habe, um etwa zweihundert durch Wunden und Krankheiten undienstfähige, aber leicht transportable Leute nach den Nordprovinzen zurückzuführen, wo auch ich raschere Heilung hoffen dürfe. Schmerzlich mußte es mir sein, meine Cameraden in jenem Augenblicke zu verlassen, da ich trotz des Elendes, in dem die andern Divisionen sich mit uns vereinigt, fest glaubte, daß nun rasch und kräftig die Offensive würde ergriffen und Entscheidung erkämpft werden. An Siege und glänzende Erfolge gewöhnt, konnten wir noch nicht den Gedanken fassen, so plötzlich von der Höhe herabgestürzt zu sein. Aber dennoch war ich meinem Chef Elio, denn ihm verdankte ich die Rücksicht, innig dankbar für die mir gewordene Sendung, da meine Wunde, in den ersten Tagen vernachlässigt, mehr und mehr peinigend wurde und mich auf einige Zeit für thätigen Dienst ganz untauglich machte.
Nachdem mir siebenzehn beladene Saumthiere für den General Uranga übergeben waren, trat ich in der Nacht mit meinem Convoy den Marsch an; zwanzig Infanteristen, alle aus den Theilen Castilien’s gebürtig, die ich durchschneiden sollte, so daß sie im Nothfalle als Führer mir dienen konnten, bildeten die Bedeckung. Ich durchkreuzte die ganze Provinz Burgos, im Allgemeinen den Windungen der Sierra folgend, überschritt die Heerstraße von Burgos nach Vitoria, dann den Ebro, wo er ein schmaler Bergstrom schäumend über die Felsen hinbrauset, und erreichte am 7. October den famösen Paß, der Felsen von Orduña genannt, der die Verbindung von Vizcaya und Burgos über den Hochrücken der Pyrenäen bildet. Wiewohl ich der Verwundeten wegen den Marsch sehr langsam gemacht und, nicht immer die unzugänglichsten Gebirgsstriche aufsuchend, mehrere bedeutende Orte berührt hatte, langte ich in den Nordprovinzen an, ohne auch nur einen Soldaten, Carlist oder Christino, getroffen zu haben. Nachdem ich die mir ertheilten Aufträge vollzogen, eilte ich nach Navarra, dessen milderes Clima mich anzog, um dort die Heilung meines Armes abzuwarten.
Während ich in einem reizenden Landhause bei Estella; welches als Convalescirungs-Quartier mir zugetheilt war, einige Wochen in angenehmer Muße zubrachte, gingen von den Corps, die ich in Aranda zurückließ, Unheil verkündende Berichte ein; eines Tages erschien selbst ein Trupp Cavalleristen, die bei Mendavia den Ebro passirt hatten und sich als vom Hauptcorps nach dessen Niederlage abgesprengt erklärten. Ihnen folgten in rascher Folge Andere, bis endlich die ganze dritte Escadron von Navarra, zu Zariategui’s Division gehörend, bei Estella anlangte. Sie erzählten, ihre Desertion zu entschuldigen -- denn die Officiere waren nicht mit ihnen gekommen -- wie die vollständigste Unordnung in die Armee eingerissen sei, die, an Allem Mangel leidend und überall geschlagen, nur in der Zerstreuung habe Heil finden können. Die Deserteure wurden arretirt und ihre Aussagen für erlogen erklärt, aber dennoch nahmen die beunruhigenden Gerüchte immer mehr überhand, als unerwartet und nach der Furcht der letzten Zeit fast mit Freude begrüßt die Nachricht anlangte, daß der Infant mit einem Theile des Heeres den Ebro passirt habe. Bald erschien er in Estella, von Zariategui und den ersten Officieren von dessen Division begleitet. Ich hatte die Genugthuung, von meinem Generale zur Rückkehr zu seinem Stabe aufgefordert zu werden, im Falle sein Commando ihm gelassen würde, was nicht geschah.
Da die königliche Expedition bei der Vereinigung mit Zariategui in gränzenlosem Elende sich befand, auch sehr fatiguirt und demoralisirt war, übernahm dieser die Deckung des Rückzuges, der unter den Augen Espartero’s und im fortwährenden Kampfe mit dessen nachdrängenden Massen bewerkstelligt wurde. Die feindlichen Generale, nachdem sie durch Heranziehen aller disponibeln Truppen sich verstärkt hatten, rückten in die Sierra vor, zerstörten alle Vorräthe und trieben die Carlisten von Stellung zu Stellung, von Ort zu Ort, überall mit unmenschlicher Härte Jeden hinopfernd, der carlistischer Gesinnungen verdächtig war oder, wenn auch gezwungen, der Armee einen Dienst geleistet hatte; die Häuser selbst, in denen der König oder der Infant logirt hatte, brannte der wilde Lorenzo nieder. Da beschloß Moreno den Angriff der Feinde zu erwarten. Bei Retuerta bezog er mit 14000 Mann eine feste Stellung, in der er am 5. Oct. von Espartero und Lorenzo, die 35000 Mann vereinigt, bestürmt wurde; der Kampf war blutig, aber unentschieden, da die Carlisten gegen alle Versuche der Christinos ihre Stellung behaupteten und sie mit schwerem Verluste zum Rückzuge nöthigten, ohne doch solchen Vortheil benutzen zu können.
In kleine Colonnen aufgelöset suchten die Expeditionen sich in der Sierra zu behaupten; aber der Mangel an Allem wuchs täglich, die Feinde, hier alle Gräuel der ersten Kriegesjahre erneuernd, verfolgten mit Kraft und errangen immer neue Vortheile, selbst der König, von allen seinen Bataillonen getrennt, fand sich umzingelt und entkam kaum zu Fuß durch die Wälder den Schlingen, die Verrath ihm gelegt. Verrath! Durch das ganze Heer tönte der Schrei: Verrath! manche der ersten Führer wurden als dem Feinde verkauft bezeichnet und bedroht. Da siegte Espartero in der Action von la Huerta del Rey, die carlistische Cavallerie fast aufreibend; die Desertion riß immer mehr ein -- gänzliche Vernichtung oder Rückzug nach den Nordprovinzen war die einzig übrig bleibende Wahl. Der Infant Don Sebastian marschirte zuerst mit der Division Zariategui dorthin ab und langte am 19. Oct. in Alava an; der König war trotz seines Widerwillens, da er beim Abmarsche der Expedition erklärte, daß er nur als Sieger wiederkehren werde, gezwungen, den Rest des Heeres gleichfalls dorthin zu führen, um nicht seiner Treuen Leben umsonst zu opfern: am 24. Oct. überschritt er den Ebro. Er erließ eine Proclamation an Volk und Heer, ihnen verkündend, daß er selbst den Oberbefehl übernehme und daß er zurückgekommen sei, um die Armee von den Verräthern zu reinigen, welche die Anstrengungen der braven Freiwilligen vergeblich gemacht und den Erfolg der Expedition gehindert hätten; zugleich versprach er kraftvolle Wiederaufnahme der Operationen. General Guergué ward zum Chef des Generalstabes an Moreno’s Stelle gewählt.
Große Hoffnungen erregte diese Proclamation; sie sollten nie erfüllt werden! Die Verräther konnten unentlarvt ihre Pläne verfolgen, während die bravsten Truppen in nutzlosen Zügen geopfert, der Krieg lässiger als je hingezogen wurde.
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General Uranga hatte seit dem Abmarsche Zariategui’s bedeutende Vortheile davon getragen, indem die Unordnungen, welche unter den in den feindlichen Linien gebliebenen Truppen einrissen, ihm erlaubten, trotz seiner Schwäche die Offensive zu ergreifen. Escalera war von der nichtssagenden Verfolgung unserer Division eilig zurückgekehrt, um das bedrohete Peñacerrada zu decken; seine Soldaten ermordeten ihn zu Miranda de Ebro, und der greise Sarsfield, Vicekönig von Navarra, hatte am 26. August zu Pamplona dasselbe Geschick. Sofort warf sich Uranga auf das feste Peñacerrada, wichtig, weil es sowohl die directe Verbindung zwischen Vitoria und Logroña und dadurch zwischen dem östlichen und westlichen Theile des Kriegstheaters, als die reiche alavesische Rioja beherrscht; da der Feind keinen Versuch zum Entsatze machte, mußte die Garnison, 400 Mann mit vier schweren Geschützen, sich gefangen ergeben. Dann beschoß er den Brückenkopf von Lodosa, einen Hauptpunct der Ebro-Linie, und schlug den Partheigänger Zurbano, der dem bedroheten Fort zu Hülfe eilte, in der Ebene von Logroño südlich vom Ebro mit Verlust von 400 Todten und Gefangenen, wiewohl die Annäherung Ulibarren’s von dem westlichen Navarra her ihn nöthigte, die Belagerung aufzuheben. General Garcia aber nahm und zerstörte die Linie von Zubiri, seit so langer Zeit der Gegenstand täglicher Kämpfe, und öffnete den carlistischen Invasionen den feindlichen Theil von Navarra und das ganze Ober-Aragon; er belagerte Peralta, welches er früher schon überrascht, und zwang die 500 Mann starke Besatzung zur Capitulation. Ulibarren nahm es in der Mitte Octobers wieder. Zugleich erstürmten die Carlisten in der Linie von San Sebastian das von den Anglo-Christinos genommene Andoain, wobei mehrere Compagnien Engländer, die, in die Kirche eingeschlossen, bis sie ihre letzte Patrone verschossen, muthig sich vertheidigten, in die Pfanne gehauen wurden, wie so oft von ihren spanischen Gefährten erbärmlich verlassen.
Espartero war dem Könige nach den Nordprovinzen gefolgt und bezog wiederum die gewöhnlichen Stellungen in Alava und längs dem Ebro. Er beschäftigte sich während der letzten Monate des Jahres nur mit der Bestrafung der begangenen Excesse, vor Allem der an den Generalen verübten Morde, und mit Einführung einer strengen Disciplin, der seine Truppen so sehr bedurften. Die Vernichtung der französischen Legion, von der nur einige hundert Mann überblieben, welche fast alle nach Frankreich zurückgingen; die Entlassung der Trümmer der englischen Legion, da ihre Dienstzeit abgelaufen, und die Zurückrufung der portugiesischen Hülfs-Division nach ihrem Vaterlande hatten sein Heer sehr geschwächt, das nun mit Ausnahme von etwa 1500 Briten, die sich auf ein Jahr länger engagirten, ganz aus Spaniern bestand. Alle diese Verluste so wie die, welche der blutige Feldzug veranlaßt hatte, wurden indessen durch die Verstärkungen, die während desselben mit Entblößung der nicht aufgestandenen Provinzen zu ihm gestoßen waren, und durch eine neue bedeutende Quinta vollkommen ersetzt.
[38] ~ojala~, wollte Gott, daß ...! Daher Die, welche sich begnügten, mit ihren Wünschen den Erfolg der Sache zu befördern, von den Soldaten ~ojalateros~ genannt.
XIII.
Beobachten wir den Gang der Ereignisse in den baskischen Provinzen seit der Schilderhebung ihrer Bewohner, so frappirt uns die Bemerkung der anfänglichen außerordentlichen Fortschritte der Carlisten-Schaaren, des plötzlichen Stillstandes, der dann in ihrer Siegeslaufbahn folgte, und endlich des Rückganges, welcher nach einigen vergeblichen Versuchen zur Erlangung der früheren Superiorität mit dem gänzlichen Unterliegen der Parthei endete. Während Zumalacarregui, überall angreifend, überall siegreich, die Colonnen der Christinos vernichtet, ihre Massen zurückgewiesen, das Land nach Wegnahme aller festen Anhaltspunkte ihnen geschlossen hatte, werden seine Krieger später selbst in den ihnen ganz ergebenen Provinzen bedroht und angegriffen und statt kräftiger Offensive auf nie entscheidenden Vertheidigungskrieg beschränkt. Die Carlisten, da sie anfangs ohne Waffen, ohne Material und ohne Organisation die an Zahl unendlich überlegenen und mit allem der neueren Kriegskunst Nothwendigen im Überfluß versehenen Feinde verachten durften, sehen wir in den letzten Jahren mit Erstaunen die festen Positionen und die Forts, nicht selten ohne Kampf, verlieren, durch die ihnen der Eintritt in die benachbarten Gebiete des Feindes offen steht, und die ihm ihre eigenen Thäler verschließen. Und doch liefern ihnen nun ausgezeichnete Fabriken das sonst Fehlende; doch übertreffen sie, von erfahrenen Führern disciplinirt, schon ihre Gegner eben so an Kriegszucht, wie früher an Unerschrockenheit, und das Terrain, stets den Carlisten verbündet, stellt dem angreifenden Feinde seine furchtbaren Hindernisse entgegen!
Zur richtigen Würdigung der Ursachen, welche jene so verschiedenen Resultate erzeugten, werde ich darthun, wie es möglich war, daß die Carlisten überall, wo sie bedeutendere Corps bildeten, so große Vortheile davon trugen; und welche Gründe dann den Stillstand nothwendig nach sich ziehen und die Vertheidiger Carls V. von Stufe zu Stufe völligem Untergange zuführen mußten.
Die Hauptursache der Überlegenheit der früheren carlistischen Truppen beruht ohne Zweifel in dem Charakter und den Neigungen des spanischen Volkes, welche seine Art, den Krieg zu führen, von der aller andern europäischen Nationen wesentlich verschieden machen. Wie Spanien, von dem übrigen Europa durch die Pyrenäen-Kette geschieden, geographisch durch Lage, Clima und Produkte mehr Afrika angehört, so hat auch der Spanier in jeder Hinsicht größere Ähnlichkeit mit dem Morgenländer als mit Europa’s Völkern. Innige, achthundert Jahre lang dauernde Verschmelzung mit den durch muhamedanischen Enthusiasmus nach allen Weltgegenden fortgeschleuderten Arabern nährte in den Bewohnern der meisten Provinzen solche Hinneigung, die in ihrem Äußern, ihren Vorzügen, Leidenschaften, Sitten und Gebräuchen hervortritt, welche mit denen der Bewohner Nordafrika’s und des südwestlichen Asiens übereinstimmen. In Nichts ist jedoch die Ähnlichkeit der Spanier mit den Morgenländern so auffallend wie in ihrer Kriegesart.
Der Europäer kämpft in geschlossenen Massen, er sucht seine Stärke in der Vereinigung, er tritt seinem Gegner offen und fest gegenüber und thut keinen Schritt rückwärts, ohne von seinen Chefs dazu befehligt zu sein; ihm ist der Einzelne Nichts: im unbedingten Gehorsam, im nie schwankenden Zusammenwirken Aller weiß er das Element des Sieges zu finden. Diese Art zu kriegen hat den Heeren Europa’s die Überlegenheit gegeben, welche sie seit Jahrtausenden gegen die zahllosen Schwärme der Asiaten gelten machen. Diese fechten dagegen in langen aufgelöseten Reihen, sie brausen heran zum wilden Sturme und prallen zurück, um wieder zu gleichem Versuche vorzudringen; mehr vertrauen sie der persönlichen Gewandtheit und Kraft als des Führers weisen Anordnungen. Von dem Augenblicke an, in dem er die Seinen zum Kampfe führt, ist der Feldherr Soldat, welcher, der Leitung seiner Leute beraubt, nur noch durch individuelle Bravour vor ihnen hervorsticht und von ihrem Muthe den Sieg hoffen muß.
So der Spanier. Er ist der schlechteste Liniensoldat von der Welt; aber für den kleinen, den Guerrilla-Krieg entwickelt er die höchsten Talente und wahrhaft bewundernswürdige Eigenschaften. So wie er einer militairischen Organisation und kriegerischer Disciplin unterworfen wird, scheint er in eine Zwangsjacke gesteckt, die an jeder Bewegung ihn hindert und ihm alle Fähigkeit zum Handeln nimmt: er bedarf langer Zeit, um mit der seiner Natur so ganz widerstrebenden Lage in Etwas sich vertraut zu machen. Sieht er sich aber in selbstständigerer Stellung, die aus bloßer Maschine zum denkenden und unabhängig handelnden Wesen zu werden ihm gestattet, da treten alle die Eigenschaften, welche besonders im Gebirgskriege die Überlegenheit sichern, im höchsten Grade bei ihm hervor; er ist scharfsinnig, schlau, thätig, gewandt und unermüdlich in der Ertragung von Beschwerden und Entbehrungen. Der Spanier ist, wenn er vom Enthusiasmus getrieben wird, augenblicklich sehr brav. Aber den kalten, Tod verachtenden Muth, die unerschütterliche Festigkeit, die den guten Liniensoldaten auszeichnen und ein Erbtheil der Völker von deutschem und slavischem Ursprunge sind, solchen herrlichen Muth kann der Spanier nie sich zu eigen machen.