Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 16
Die Bataillone Valencia und 7. von Navarra waren die ersten, welche dem andringenden Feinde sich hatten entgegenwerfen können. Sie thaten es mit solchem Nachdrucke, daß sie die vordersten Bataillone der Christinos warfen und zerstreuten, worauf Navarra, der alten Gewohnheit treu, sich ganz auflösete, die Gefangenen zu plündern. Eine feindliche Escadron, die hinter einer Mauer versteckt gewesen war, brach hervor und säbelte die Plündernden nieder, als Elio mit der Cavallerie erschien und sie sofort dem Bataillon zu Hülfe führte; die feindliche Escadron wandte sich gegen uns. Fest kam sie unserer Charge entgegen, der Augenblick des Zusammenstoßens war da: beide Escadronen parirten und standen, mit den Lanzen fast sich berührend, unbeweglich. Finster und lautlos starrten die Krieger sich an; Niemand konnte fliehen, Niemand mochte zuerst auf die feste Masse der Gegner sich werfen. Da tönte aus den feindlichen Reihen drei Mal und jedes Mal lauter der Ruf: ~viva el Rey~! Wir befahlen ihnen, die Waffen zur Erde zu werfen, aber sie blieben bewegungslos, wie zuvor die Lanzen eingelegt. Eine neue Pause, noch beklemmender, noch majestätischer, folgte. Plötzlich stürzte ein Officier mit lautem ~viva Carlos quinto~ auf den feindlichen Oberstlieutenant, der wie ein Braver seinen Leuten um eine halbe Pferdeslänge voraus war, und streckte ihn durchbohrt zur Erde; eine Sekunde später hatten die Navarresen die Feinde durchbrochen, vierzig Mann todt und verwundet niedergeworfen und eben so viele Pferde genommen.
Die Bataillone von Vizcaya und Castilien waren mit der Cavallerie in die Gefechtslinie eingerückt, während 1. von Navarra, um die Garnison des Forts San Benito in Zaum zu halten, in der Stadt blieb und die Rekruten-Bataillone mit der Artillerie und Bagage hinter ihr sich aufstellten. Guipuzcoa war noch nicht von Toro zurückgekehrt. Wir hatten die Action außerordentlich vortheilhaft begonnen und der Christinos avancirte Bataillone auf das Hauptcorps zurückgedrängt, mit dem schon ein lebhaftes Tirailleur-Feuer engagirt war. Die Truppen, längst schon erprobt, waren von hohem Enthusiasmus beseelt, so daß ich nicht zweifele, wie die von Zambrana, würde auch diese Überraschung trotz der Überlegenheit des Feindes glorreich für uns geendet haben. Aber es hatten in Valladolid viele alte Officiere sich der Division angeschlossen und waren gut aufgenommen; mehrere befanden sich jetzt um den General. Nicht mehr an das Zischen der Kugeln gewohnt und noch weniger bekannt mit dem Geiste unserer Freiwilligen, riethen sie ängstlich dem General zum Rückzuge, ihm vorstellend, daß hinter der Front ein Fluß sich befinde, der im Falle einer Niederlage die Vernichtung des Corps nach sich ziehen müsse. Zariategui, des Terrains nicht kundig, brach das Gefecht ab, und langsam zogen wir seitwärts der Stadt uns zurück, indem Valencia[35] die Nachhut übernahm.
Carandolet hatte während der Action nicht von seiner zahlreichen Artillerie Gebrauch machen können, da wir theils seinen Truppen unmittelbar nahe standen, theils durch das Terrain, dem Geschützfeuer ungünstig, gedeckt wurden; so wie wir aber den Rückzug angetreten, schütteten seine Geschütze mit schrecklicher Präcision ihre Kugeln und Granaten über uns aus und verursachten uns bedeutenden Verlust. Eine der ersten Granaten sprang dicht neben dem General, tödtete einen Burschen, verwundete mich am rechten Ellenbogen und streckte meinen herrlichen Goldfuchs mit zerschmettertem Kopfe todt nieder. Ich bestieg ein bei unserer Charge genommenes Officierpferd. Das Bataillon von Valencia litt vor Allem durch dieses Feuer, und eine Kanonenkugel, die ganze Masse durchschlagend, tödtete und verwundete ihm drei und zwanzig Mann, indem sie dem Ersten Schädel und Barett, dem Letzten, einem Officier, die Hand mit dem Degen fortriß. Unser Verlust bestand in etwa zwei hundert und dreißig Todten und Verwundeten; doch hatten wir einige vierzig Pferde erbeutet und 32 Gefangene gemacht. Nachdem das 1. Bataillon von Navarra und am Abend auch die Brigade Guipuzcoa zu uns gestoßen war, übernachteten wir in Tudela, zwei Stunden von Valladolid.
Als wir die Esgueva, den gefürchteten Fluß, überschritten, fanden wir einen unbedeutenden Bach, der nicht zwei Fuß hohes Wasser hatte. Zariategui war außer sich, da er nun erkannte, wie die Ängstlichkeit jener Ankömmlinge, auf deren Abmahnung er schwach gehört hatte, die Gelegenheit zu neuem herrlichem Siege ihn hatte ungenutzt vorübergehen lassen. Er beschloß am Morgen wieder gegen Valladolid zu ziehen und in ihr den Feind anzugreifen, wenn er nicht zum Kampfe uns entgegen käme; in der That defilirten beim ersten Strahl der Morgenröthe die Bataillone auf dem Wege nach der geräumten Stadt. Da langte ein Bauer an und überreichte dem General einige Papiere. Seine Stirn verfinsterte sich, da er die Depeschen las, er ordnete den Contre-Marsch an und schlug schweigend an der Spitze der Division den Weg nach Aranda de Duero ein. Der Unglücksbote hatte die Meldung von dem Rückzuge des königlichen Expeditions-Corps auf die Sierra von Soria nebst der Ordre gebracht, in engere Verbindung mit demselben zu treten.
Wenn auch unwillig, den gehofften Angriff nicht ausgeführt zu sehen, zogen die Truppen doch gutes Muthes das Duero-Thal hinauf, da sie vertrauten, mit den Divisionen des Königs vereinigt, alsbald wieder kräftig die Offensive zu ergreifen. Unser Corps war nie auf so glänzendem Fuße gewesen, da unsere alten Truppen durch Disciplin und Bravour gleich sehr als Kerntruppen sich bewährten, die jungen aber auf acht starke Bataillone, über 6000 Mann, gebracht waren, und alle gleiche Begeisterung und Kampfbegier zeigten. Wir zogen das Bataillon an uns, welches zur Blokade von Peñafiel geblieben war und in seinem ersten Gefechte gut sich hielt, da es einen Ausfall der Garnison, aus zwei Compagnien Peseteros[36] bestehend, mit Verlust zurückwies. Auf beiden Seiten des Flusses naheten wir Aranda, wohin ich ungeduldig mich sehnte, da meine Wunde, die den Knochen bedeutend verletzt hatte, wenn sie noch nicht an Bewegung mich hinderte, doch stündlich peinigender wurde, während ich, von dort aus ein Hospital oder einen gesicherten Ort erreichend, durch Ruhe in kurzer Zeit wieder kampffähig zu sein hoffte.
Das 5. Bataillon von Castilien überschritt die Brücke, welche vom linken Ufer des Flusses nach Aranda führt, als hinter ihm die Tete einer starken feindlichen Colonne erschien und sofort im Sturmschritt auf die Brücke drang. Es war die Division des Generals Lorenzo, die 7500 Mann und 500 Pferde stark, von Espartero abgesandt war, um uns in der Besetzung von Aranda zuvorzukommen und die Vereinigung mit dem Corps des Königs zu verhindern; eine Viertelstunde später hätten wir die Stadt im Besitze des Feindes gefunden. Noboa besetzte mit seiner Brigade die Häuser, welche in geringer Entfernung von der Brücke einen Halbkreis bilden, dessen beide Enden an den Fluß sich lehnen, und eröffnete von dort ein mörderisch concentrisches Feuer auf die Sturm-Colonne des Feindes. Sehr brav drang sie bis zu der Mitte der Brücke vor, und ward, da sie dann wich, sogleich durch eine zweite ersetzt, die ebenfalls die Brücke betrat, dann aber, da von den Fenstern herab die Kugeln auf sie regneten, in Unordnung zurückfloh. Zariategui und Elio langten mit dem Stabe an, und die Bataillone eilten im Lauftritt herzu, während Lorenzo zwei Kanonen etwa funfzig Schritt vor der Brücke abprotzen und ein lebhaftes Kartätschen-Feuer gegen die Häuser beginnen ließ. Da befahl der General zum Angriff zu schreiten. Valencia sollte zur Rechten, wo eine Wehr den Übergang zu erleichtern versprach, den Fluß passiren und den Feind in der Flanke angreifen, während Castilla und Guipuzcoa über die Brücke vordrängen. Unter heftigem Feuer und das Wasser bis zur Brust erreichte Valencia das andere Ufer und formirte sich dort zur Angriffs-Colonne, Castilien aber wich auf der Mitte der Brücke dem doppelten Feuer der Geschütze und der Infanterie, riß Guipuzcoa mit sich zurück und gab so das brave Valencia isolirt dem Andrange der Feinde Preis. Ehe noch der General mit Zornesflammen sprühenden Augen seinem Gefolge das Wort „Freiwillige!“ zugerufen, stürzte ich mit andern zwei Officieren vorwärts, wo schon die Chefs von Castilien zu neuem Sturme die Truppen ordneten. Ohne zu wanken, folgten nun die Bataillone den Führern und debouchirten am andern Ufer, auf dem auch Valencia im Sturmschritt vorrückte. Die Feinde flohen in Unordnung und verließen ihre Kanonen; schon waren wir wenige Schritte von den ersehnten Trophäen entfernt, als zwei Artilleristen mit herrlicher Todesverachtung zurückstürzten, unter furchtbarem Kugelregen die Geschütze einhängten und, auf die Maulthiere[37] sich schwingend, sie uns entrissen, da wir fast mit den Bajonnetten sie berührten. Ehre den Braven, wo sie sich finden mögen! Die That jener beiden Männer, wie sie die Einzigen unter dem Pfeifen zahlloser Kugeln und im Bereiche unserer Bajonnette unerschrocken ihre Pflicht erfüllten, nöthigte mir die höchste Bewunderung ab.
Lorenzo nahm die weichenden Bataillone mit der Reserve auf und drang noch ein Mal umsonst vor, worauf er langsam und in Ordnung, bald durch seine Cavallerie gedeckt, den Rückzug ~en échelons~ antrat, von unsern Tirailleurs eine Stunde weit mit Nachdruck verfolgt; eine Escadron des königlichen Expeditions-Corps, die während des Gefechtes zu uns gestoßen war, schloß sich dabei uns an. Bei unserer Rückkehr nach Aranda fanden wir die Divisionen Sr. Majestät dort.
[32] ~caballero~ entspricht dem ~true gentleman~ der Engländer.
[33] Die Bewohner des Königreiches Leon werden in Spanien stets als Alt-Castilianer betrachtet, denen sie in jeder Beziehung ganz gleich stehen. Sie selbst kennen nur den Namen Castilianer für sich.
[34] ~la generala~ wird nur geschlagen, wenn der Feind vor den Thoren steht, daher bei Überfällen u. s. w.
[35] Dieses Bataillon zeichnete sich während der ganzen Expedition besonders aus; es ward durch treffliche Officiere befehligt, und die ursprünglichen Valencianer waren nach und nach durch Aragonesen und Castilianer ersetzt.
[36] Freicorps, so genannt, weil sie eine ~peseta~ -- vier Realen -- Sold erhielten.
[37] Die spanische Artillerie ist durchgängig mit schönen Maulthieren bespannt, die vor den Pferden durch Ausdauer hervorstechen.
XII.
Während Espartero von San Sebastian aus die Linien von Hernani und Irun zerstörte, verließ Carl V. Navarra an der Spitze von 18 Bataillonen und 3 Regimentern Cavallerie, 11000 Mann Infanterie und 1200 Pferde. Die Expeditionen des vergangenen Jahres, so wenig sie der Sache genützt, hatten doch die Hoffnung nicht niederschlagen können, daß durch solche Züge endlich große Resultate erlangt würden; der Geist des Volkes hatte sich allgemein nicht feindlich gezeigt, manche Erfolge waren erfochten, andere nur durch Schwäche eingebüßt. So sollte denn nun ein kraftvoller Versuch gemacht werden, um in das Innere des Königreiches vorzudringen und im Vereine mit den königlichen Armeen Westspaniens durch die Eroberung von Castilien den Krieg zu beenden.
Am 19. Mai passirte das Heer den Fluß Aragon und zog in langsamen Märschen nach Westen hin, während General Iribarren, der mit 12000 Mann zu seiner Verfolgung eilte, von Tafalla aus nördlich dem Ebro ihm parallel zog. Am 24. zog es in die bedeutende Stadt Huesca ein; noch waren die Truppen in den Straßen aufgestellt, als schon Granaten über ihnen platzten. Kaum konnten die ersten Bataillone eine Stellung vor der Stadt einnehmen und den Andrang des Feindes bis zum Ausrücken ihrer Gefährten zurückhalten; da endlich der Kampf allgemein wurde, sah sich Iribarren, der seine Divisionen zum Angriff führte, bald zum Weichen genöthigt. Umsonst schlug sich die Fremdenlegion mit ihrer gewohnten Todesverachtung, umsonst führte der Brigadier D. Diego Leon, der vorzüglichste Cavallerie-Anführer der Christinos, seine Escadronen zu verzweifelter Charge; seine Cuirassiere und Carabiniere der Garde wurden zersprengt, er selbst fiel im wilden Getümmel, Iribarren ward schwer verwundet, seine Massen durchbrochen und zum Rückzuge gezwungen, den sie unbelästigt ausführten. Er starb wenige Tage nachher an seinen Wunden.
Glänzend hatte auch diese Expedition begonnen, die, dem Namen nach durch den Infanten D. Sebastian befehligt, vom General Moreno, dem Chef des Generalstabes, geleitet wurde, der, durch langjährige Erfahrung als Strategiker ausgezeichnet, nicht immer angesichts des Feindes die nöthige Entschlossenheit und Schnelle im Handeln entwickelte. Er zog am 27. Mai nach Barbastro, wo er abermals unthätig stehen blieb, während Oráa von Nieder-Aragon herzueilte und die geschlagene Division Iribarren aufnahm, mit der auch Buerens, 3000 Mann stark, sich vereinigt hatte. Am 2. Juni griff er die carlistische Armee bei Barbastro an und ward nach hartnäckigem Kampfe zurückgeschlagen; die französische Fremdenlegion, die dem carlistischen Fremdenbataillone gegenübergestanden und auch hier ihre deutsche Bravour nicht verleugnet hatte, wurde ganz vernichtet, und ihr Commandeur, der Brigadier Conrad, da er seine weichenden Tirailleurs vorwärts führte, gefährlich am Kopfe verwundet, starb nach wenigen Tagen.
Der Mangel an Energie, der später der kleinen Armee und der Sache, für die sie focht, so verderblich werden sollte, äußerte jetzt schon seine unheilvolle Einwirkung. Die Truppen waren nach dem Siege ruhig nach Barbastro zurückgekehrt und brachen erst am 4. Abends nach dem kaum eine Stunde entfernten Cinca auf, wo sie, kaum glaublich, nicht die geringsten Vorbereitungen für den Übergang getroffen fanden, da doch das Corps acht volle Tage in Barbastro gestanden hatte. Das Hauptquartier war von zahllosen ~ojalateros~[38], Officieren und Angestellten, die essen wollten, ohne zu arbeiten und der Gefahr sich auszusetzen, begleitet, und Jeder von ihnen führte eine enorme Bagage mit sich; so mußten die Bataillone auf dem rechten Ufer campiren, während alle jene Leute, die zahlreichen Munitions- und Bagage-Convoys, die Verwundeten und die Nicht-Combattanten in den einzigen zwei Kähnen über den Fluß geschafft wurden. Erst am Morgen, da schon das Heer Oráa’s nahete, konnte der Transport der Truppen beginnen: das herrliche 4te Bataillon von Castilien, welches die Nachhut bildete, befand sich allein auf dem jenseitigen Ufer, als die Massen des Feindes erschienen und sofort von allen Seiten es bestürmten; nach verzweifeltem Widerstande wurde es zersprengt und unter den Augen ihrer Cameraden, die ihnen nicht Hülfe bringen konnten, theils in den Fluß geworfen, theils gefangen.
Die Armee drang nach diesem Unglückstage in Catalonien ein und vereinigte sich mit den dort gebildeten Banden, ohne irgend Nutzen von ihnen ziehen zu können, da gänzlicher Mangel an Organisation und Disciplin zu aller geregelter Kriegführung sie untüchtig machte. Der feindliche General-Capitain des Fürstenthums, Baron de Meer, rückte von Lerida nach Balaguer vor und griff, nachdem Oráa, durch die Brigade Iriarte von Espartero um 4000 Mann verstärkt, zur Bekämpfung Cabrera’s nach Unter-Aragon hatte zurückkehren müssen, das Expeditions-Corps bei Guisona am 13. Juni an; die Flucht der catalonischen Truppen, die dem ersten Stoße der Christinos wichen, hätte fast den Untergang der Armee nach sich gezogen. Nach einem Verluste von 1000 Mann an Todten und Verwundeten und 150 Gefangenen erkämpfte die Entschlossenheit einiger Chefs und die Festigkeit der alten Bataillone kaum einen geordneten Rückzug. Da zeichnete ein Deutscher, der junge Brigadier Fürst Lichnowsky, glänzend sich aus, indem er im kritischen Augenblicke an der Spitze der Cavallerie mit Erfolg chargirte und der Erste in die feindlichen Lanciers einhieb. Mein armer Freund, Bernhard von Plessen, mit dem im Vaterlande, da wir Einem Bataillone angehörten, die Bande enger Cameradschaft schon mich umfaßten, starb bei Guisona den Heldentod, da er, Capitain der Artillerie, freiwillig den vorgehenden Bataillonen sich angeschlossen; eine Kanonenkugel streckte ihn todt nieder.
Der König zog am 15. Juni nach Solsona und von dort am 19. auf Berga, welches der Oberst Osorio, von den Cataloniern gänzlich geschlagen und durch General Royo in die Festung eingeschlossen, während der Nacht mit 800 Mann und zwei Geschützen räumte. In dem Heere ward indessen außerordentlicher Mangel fühlbar, da die rauhen Hochgebirge für solche Colonnen die nöthigen Subsistenzmittel nicht liefern konnten, und die wenigen vorhandenen Ressourcen durch die jämmerliche Verwaltung der carlistischen Bandenanführer eher vernichtet als weise benutzt wurden. So trat endlich wahre Hungersnoth ein: die Soldaten, in öden Schluchten campirend, blieben drei und vier Tage lang ohne Ration und auf unreife Früchte beschränkt, die sich nur mehrere Stunden entfernt fanden und durch Zerkochen genießbar werden mußten; wer aber von seinem Bataillone getrennt getroffen wurde, duldete harte Strafe. Für ein Brot zahlten die Officiere zwei, drei Piaster, für ein Papier-Cigarrchen eine Peseta. Und wenn ein Freiwilliger, von der Verzweiflung des nagenden Hungers getrieben, selbst die drohende Todesstrafe nicht achtend, in einem Landhause etwas Nährendes zu suchen ging, trieben ihn nicht selten die wilden Gebirgsbewohner, die Alles sich genommen sahen, mit Kugeln von den Häusern zurück, und blutige Kämpfe entspannen sich. Unter den Navarresen, leicht zu Unordnungen gebracht, nahm die Unzufriedenheit immer mehr drohenden Ton an, während Castilianer und Basken schweigend, bis sie entkräftet hinsanken, das Ungemach zu ertragen wußten.
Endlich zog unter allgemeinem Jubel die Armee gen Süden dem Ebro zu, dessen Übergang, von Cabrera thätig vorbereitet, am 29. Juni bei Cherta im Norden von Tortosa bewerkstelligt wurde. Die feindliche Colonne, welche die Vereinigung hindern sollte, langte auf dem Ufer an, als die letzten Truppen auf der Mitte des Stromes sich befanden, und machte ihrer ohnmächtigen Wuth durch ein zweckloses Geschützfeuer Luft. Nachdem die ausgehungerten Soldaten in dem reichen Ebro-Thale, wo Cabrera große Vorräthe für sie angehäuft hatte, sich erholt hatten, wandte sich Moreno, durch die Division jenes Generals verstärkt, nach dem Königreiche Valencia, während Oráa, der von Alcañiz aus sie beobachtete, über Teruel dem Marsche der Carlisten folgte, um von dort der bedroheten Provinz zu Hülfe eilen. Die herrliche Huerta von Valencia wurde besetzt und Castellon de la Plana am 8. Juli eingeschlossen, der Angriff ~à vive force~ aber zurückgewiesen; am 10., da Oráa noch mehrere Märsche weit entfernt war, stand die Armee im Angesichte des vielthürmigen Valencia, welches, nur von einer Mauer umgeben und bis auf die Nationalgarden fast ganz ohne Truppen, dem ersten Anlaufe wohl nicht widerstehen konnte. Doch die Führer der königlichen Expedition besaßen nicht die Thatkraft und Entschlossenheit, die solchem Unternehmen erste Bedingniß des Gelingens ist, da durch Temporisiren Nichts gewonnen, leicht Alles verloren werden kann. Der greise Moreno, nachdem er mehrere Tage lang die Stadt angeschaut hatte, zog, ohne den Angriff zu versuchen, südlich vom Guadalaviar ab, da Oráa, dem er durch sein Zögern Zeit zur Vereinigung mit der Colonne von Valencia gegeben, über Segorbe von Aragon herabstieg. Wie unendlich würde die Einnahme von Valencia die Verhältnisse geändert haben, welches Übergewicht hätte sie nicht den Carlisten im westlichen Spanien gegeben! Ich wiederhole, Moreno war ausgezeichneter Strategiker, seine Bewegungen waren stets meisterhaft berechnet; wo es dann galt, das Resultat derselben in kräftigem Handeln zu sichern, hätte Cabrera seine Stelle einnehmen müssen.
Bei Chiva trafen sich am 15. Juli die beiden Heere, und die Carlisten, nach anfänglich bedeutenden Vortheilen geschlagen, zogen sich mit einem Verlust von mehr als 1000 Mann auf Chelva zurück, von wo sie über Sarrion, Linares und Mosqueruela in das Hochgebirge von Unter-Aragon sich warfen. Der König begab sich nach Cantavieja, damals einzige Festung Cabrera’s, während die Truppen, durch die Leiden und Unglücksfälle der letzten Zeit sehr demoralisirt, täglich mehr in das Gebirge zusammengedrängt wurden. Auch Espartero war von den Nordprovinzen herbeigerufen, um gegen das Expeditions-Corps zu operiren, so daß die drei Colonnen von Oráa, Espartero und Buerens im Halbkreise es umstellen und concentrisch es angreifen konnten; am 30. war selbst Oráa bis Mosqueruela, vier Stunden von Cantavieja vorgedrungen, und die königlichen Truppen waren auf die Städte Villafranca, Fortanete und Mirambel in dem wildesten Theile des Gebirges von Cantavieja beschränkt.
Die Lage der Armee war sehr bedenklich, da sie unmöglich lange in jenem unfruchtbaren Theile Aragon’s sich aufhalten konnte; indessen die feindlichen Anführer, eifersüchtig auf einander, combinirten nicht ihre Kräfte zu thätiger Offensive, und bald war Oráa genöthigt, nach Valencia zu eilen, da Forcadell, die Entblößung der Provinz benutzend, bis zu der Hauptstadt vordrang und am 4ten August selbst ihren Hafen, el Grao, mit einigen tausend Mann besetzte, worauf seine Truppen von einer englischen Fregatte beschossen wurden. Als Oráa am 8. in Castellon de la Plana anlangte, zog Forcadell sich zurück, weshalb Jener über Segorbe nach Teruel eilte, wieder seine Stellung dem Könige gegenüber einzunehmen. Aber auch Espartero war während der Zeit zur Deckung Madrid’s gegen die Division Zariategui abgerufen, so daß der König, in Etwas von den Massen befreit, die ihn bisher erdrückten, in der Mitte August’s aus der Felsen-Festung vordringend die Offensive ergreifen konnte, das Gebirge von el Albarracin durchzog und sich dann nach dem an Wein und Getreide reichen Hügellande wandte, welches von der nördlichen sanften Abdachung des Hochgebirges von Unter-Aragon nach dem Ebro hin gebildet ist. Oráa und Buerens folgten dem carlistischen Armee-Corps dorthin, dessen Disciplin und Selbstvertrauen, wiewohl es schon sehr zusammengeschmolzen, während der sorgfältig benutzten Ruhe der letzten Wochen ganz hergestellt waren.
Am 24. August standen die Divisionen in der Gegend von Herrera, als eine Depeche des General Buerens aufgefangen wurde, in welcher er, von der Seite von Zaragoza heranziehend, dem General Oráa nach Daroca meldete, daß er am folgenden Tage angreifen werde und dazu die Mitwirkung desselben erwarte. Moreno stellte das Heer vor dem Villar de los Navarros in vortheilhafter Stellung auf und traf so treffliche Vorbereitungen, daß Buerens, der mit vielem Muthe angriff, zurückgewiesen, durchbrochen und vollkommen geschlagen wurde. Seine ganze Division, 11000 Mann, wurde zerstreut und in vollständiger Verwirrung auf Herrera gejagt, wo mehrere tausend Mann, die sich in die Kirche eingeschlossen hatten, capituliren mußten; nur zwei Garde-Bataillone zogen sich geschlossen vom Schlachtfelde zurück. 4000 Gefangene und 5000 Gewehre fielen in die Gewalt der siegreichen Carlisten, die durch diesen Schlag den Weg auf Madrid sich offen sahen, wiewohl Espartero in Folge dessen über Ziguenza nach Aragon eilte und schon am 1. Sept. in Daroca ankam.