Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 15

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Die Scene war schauerlich schön: das Prasseln der hell auflodernden Flammen, das Geschrei der Kämpfenden, das hundertfache unregelmäßige Gewehrfeuer, von dem Donner der beiden Geschütze in gleichmäßigen Pausen übertönt, dann die hohe Kirche und das Kloster, vom Wiederscheine des Feuers geröthet und von dichten Rauchwolken umwallt, aus denen in rascher Folge die Schüsse der Cantabrer hervorblitzten; rings umher das Krachen einstürzender Mauern, das Klagegeschrei der Verwundeten -- es war ein herrlich wildes Ensemble, dessen Bild tief dem Geiste sich einprägen mußte. Da flatterte hoch über den finsteren Massen des Forts ein weißes Fähnlein empor, und der Silberklang einer Trompete tönte durch den Tumult; einige Schüsse fielen, dann unterbrach nur noch das Geprassel des Feuers die Todtenstille. Eine halbe Stunde später zogen siebenhundert Mann aus und übergaben ihre Waffen, da der Gouverneur und die Officiere capitulirt hatten, wiewohl die Mannschaft laut die Vertheidigung fortzusetzen forderte; die Kirche war noch ganz unverletzt, und es gebrach der Garnison an Nichts, die auch, vielleicht aus den bravsten Soldaten der Armee bestehend, umsonst zum Ausfalle geführt zu sein verlangte. Leicht hätte ein solcher uns verderblich werden können, da Zariategui durchaus nicht die Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, welche solch einen Versuch hätten unschädlich machen oder auch nur unsere Kanone decken können, für die wir übrigens nur noch ein und zwanzig Schuß hatten, als der Feind, der am Mittage unbewaffnet nach Burgos abmarschirte, die weiße Fahne aufzog.

Durch dreitägige fast ununterbrochene Anstrengung zum Tode erschöpft, stattete ich in achtzehnstündigem Schlafe der Natur den schuldigen Tribut ab.

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Am 10. September Morgens zog die Expeditions-Division unter dem ausschweifenden Jubel des Volkes in Aranda de Duero ein, nachdem Puig Samper am Tage vorher die Stadt geräumt und die Garnison mit sich auf Madrid geführt hatte. Die beiden Divisionen jenes Generals zählten trotz der Verluste durch Desertion über 11000 Mann, die unserige nach dem Rapport der Corps in Aranda 3860 Mann und fast 400 Pferde, da die Escadrone durch die requirirten Pferde ergänzt waren, während die vier jungen Infanterie-Bataillone in der Sierra standen. Das neben der Stadt am Duero errichtete Fort war ein so merkwürdig schlechtes Machwerk, daß seine Räumung als ein Zeichen gesunder Vernunft des feindlichen Generals betrachtet werden mußte; Mäuerchen, wenige Fuß hoch und noch weniger stark, erhoben sich in diesem Wirrwarr über und durch einander, von flachen Graben nicht gedeckt, so daß sie sich vielmehr gehindert als wechselseitig vertheidigt hätten und gewiß beim ersten Anlauf von den Freiwilligen ~à vive force~ genommen wären. Da der Stadt die gebührende Contribution zugetheilt wurde, fand sich, daß bereits am Abend kurz nach dem Abmarsche Puig Samper’s, zwei Cavalleristen in die Stadt gedrungen waren und im Namen des Generals mehrere tausend Piaster gehoben hatten. Ein Sergeant und ein Cadett, des Verbrechens überführt, wurden zum Tode verurtheilt; als sie schon, um erschossen zu werden, niederknieten, flog athemlos ein Beamter der Stadt herbei, Gnade verkündend, da der General mit übel verstandener Milde den Fürbitten der Behörden nachgegeben hatte. Die Elenden wurden degradirt und als letzte Soldaten in die Strafcompagnie gesteckt, die schon in Segovia wegen der Unordnungen nach dem Sturme errichtet war.

Unsere kleine Division hatte außerordentliches Vertrauen erworben; da wir so viele Schwierigkeiten überwunden hatten, und da schon die feindlichen Massen ohne Kampf das Land uns überließen, glaubte das Volk, daß wir nun bleibend Castilien eroberten und schnell den Krieg siegreich zu Ende führen würden. Auch stand uns augenblicklich kein Feind mehr gegenüber, der uns hätte entgegentreten und unsere Fortschritte hemmen können, und Castilien, das Herz der Monarchie, lag offen und vertheidigungslos vor uns, während das königliche Expeditions-Corps von Aragon aus eben dahin sich richtete. Der moralische Einfluß, den unsere Siegesbahn äußerte, war unermeßlich, und mit ihm nahm unsere Stärke täglich zu. Da wurden hohe Hoffnungen rege, Hoffnungen, die wohl konnten erfüllt werden; wir glaubten uns selbst unüberwindlich, wir sahen uns als Herrscher Castilien’s, wir berechneten schon, wann wir in Madrid würden einziehen und den verehrten Herrscher auf dem Throne seiner Väter würden begrüßen dürfen. Und die Eifersucht, die Intrigue mußte die herrlichen Hoffnungen zerstören, die wahrlich nicht zu voreilig gefaßt waren!

Nach zweitägiger Rast in Aranda zogen wir langsam auf beiden Ufern des Duero hinab, überall von den biedern Alt-Castilianern mit Begeisterung empfangen, da sie damals zuerst carlistische Truppen ihre reichen Gaue durchziehen sahen. Das festliche Geläute der Glocken tönte schon aus der Ferne uns entgegen, und die Bewohner kamen in feierlichem Aufzuge, die ersehnten Befreier zu begrüßen, während in den Ortschaften die Frauen wetteifernd uns in die Häuser zogen, wo sie ihre schönsten Leckerbissen für unsere Bewirthung zubereitet hatten. Da ward es wohl unzweifelhaft, wie der Kern des Volkes ganz seinem rechtmäßigen Könige ergeben war: es ist ja so schwer, seinen gesunden Verstand irre zu leiten. Nur zwei Orte machten eine Ausnahme von dem allgemeinen Jubel, der häufig in wilde Ausgelassenheit überging; die Besatzung des Felsenschlosses Peñafiel empfing uns mit Kugeln, weshalb das in Aranda errichtete Bataillon, um es an das Feuer zu gewöhnen, zu seiner Blokade zurückgelassen wurde, und in dem Flecken Roa auf dem rechten Ufer des Stromes herrschte bei dem Einrücken unserer Bataillone finstere Stille, die grell genug gegen die Luft der ganzen Provinz abstach. Der Besitz derselben eröffnete uns große Hülfsquellen, da sie durch ungemeine Fruchtbarkeit, vorzüglich an Getreide, sich auszeichnet, wogegen sie so holzarm ist, daß allgemein der Mist als Feuerung benutzt ist, wozu ich ihn zu meinem Erstaunen sehr brauchbar fand, indem die von ihm ausstrahlende Wärme, während er sorgfältig bedeckt bleibt, nicht nur bei der empfindlichsten Nacht-Frische die Küche, das gewöhnliche Versammlungszimmer der Hausbewohner, sehr wohnlich macht, sondern auch die Speisen außerordentlich rasch und schmackhaft liefert, ohne daß Auge oder Nase je an die Anwendung des ominösen Materials erinnert würden.

Am 15. September Abends standen wir zwei Stunden von Valladolid entfernt. Der Generalcapitain von Alt-Castilien verließ die Stadt während der Nacht mit 4000 Mann und sämmtlichen leichten Geschützen, indem er 1200 Mann auserwählter Truppen mit vierzehn schweren Geschützen in dem Fort San Benito zum Schutze der dort befindlichen großen Magazine von Kriegesbedürfnissen und der Güter der Compromittirten zurückließ, welche gleichfalls dorthin gerettet waren. Der Erzbischof von Valladolid, als exaltirter Liberaler bekannt und durch das usurpatorische Gouvernement eingesetzt, kam uns bis Tudela entgegen und wurde ehrerbietig empfangen; ihm folgte bald ein unendlicher Haufen Menschen, die sich um unsere kleine Schaar neugierig drängten und die treffliche Haltung der gebräunten, mit Narben geschmückten Krieger bewunderten, da sie die Facciosos als wilde Ungeheuer gefürchtet hatten, denen sie kaum menschliche Gestalt zuzuschreiben wagten. Nachdem der General der Division und dem Volke erklärt hatte, daß jeder Insult wegen Meinungsverschiedenheit, jeder Diebstahl über den Werth eines Real und jede Unordnung mit dem Tode bestraft werde, rückten wir mit schmetternder Hornmusik durch die wogende Menge in die Stadt ein, die durch blühenden Handel und als Hauptstadt der Provinz eine der bedeutendsten des Königreiches ist und 35000 Einwohner zählt. Während die Division auf dem großen Platze zur Revue sich aufstellte, wurden einige Bataillone detachirt, das Fort zu cerniren.

Trotz der Freudenbezeugungen des Volkes war etwas Drückendes, Ängstliches in dem Äußern der Stadt und der Bewohner nicht zu verkennen; augenscheinlich herrschte noch Mißtrauen und Furcht unter ihnen. Selbst die Laden waren bei unserm Einmarsche geschlossen. Wie hatten nicht unsere Feinde gearbeitet, um die ehrlichen Castilianer, zu denen wir bisher nie gedrungen, über uns zu täuschen, mit wie schwarzen Farben mußten sie uns geschildert haben, um solches Vorurtheil in dem Volke wecken zu können! Erst als die Truppen, da der Dienst vertheilt war, nach ihren Quartieren sich zerstreuten und dort mit Rücksicht und Schonung sich betrugen, wie die Bürger von den Christinos nie sie erfahren, als die Soldaten so rasch das Wohlwollen ihrer Wirthe sich erworben, während der General anstatt der gefürchteten Plünderungen und Brandschatzungen nur das dringend Nothwendige forderte; da kehrte das Vertrauen in die Brust der Bürger, laute Heiterkeit verbreitete sich durch die Stadt, die glänzenden Laden entfalteten ihre Schätze den Augen der erstaunten Gebirgssöhne, und von allen Straßen tönte bald der Klang der Tambourine und Castagnetten, die Freiwilligen zum Tanze mit Valladolid’s reizenden Töchtern einladend. Und als dann Zariategui allgemeine Amnestie verkündete und Männer jeder Meinung ungefährdet unter uns treten, selbst ihre Ansichten frei verfechten konnten, trat wahre Liebe und Enthusiasmus an die Stelle der Besorgnisse, welche die Erzählungen von dem Blutdurst und der Raubsucht der Carlisten und von ihrem politischen und religiösen Fanatismus, der zu jeder Grausamkeit sie bereit mache, wohl hatten aufregen müssen. Da erschienen auch viele Beamte und frühere Officiere Ferdinands VII., ja Isabella’s, endlich gar einige, die gegen uns unter den Waffen gestanden und spät erst aus den Reihen unserer Feinde geschieden waren; in ihren glänzenden Uniformen und die Christinos-Mütze auf dem Kopfe, mischten sie sich unbesorgt unter uns und wurden von den Freiwilligen mit mehr Ehrfurcht noch, als die eigenen Officiere derselben begrüßt, welche in ihrer Einfachheit seltsam gegen jenen Glanz abstachen. Mehrere solche alte Officiere, da sie unsern Triumph entschieden glaubten, boten ihre Dienste an.

Es wäre Tollheit gewesen, wenn wir mit den Mitteln, die uns zu Gebote standen, an die förmliche Belagerung eines Forts hätten denken wollen, zu dessen Vertheidigung vierzehn schwere Geschütze aufgestellt waren. Es ward endlich beschlossen, San Benito durch eine Mine anzugreifen, die sofort in einem Stalle begonnen wurde und, gegen die Sakristei des Klosters, die als Pulvermagazin diente, gerichtet, rasch vorschritt, während an verschiedenen andern Punkten, die Besatzung zu täuschen, mit vielem Lärm ähnliche Arbeiten angestellt wurden. Da der Feind sich jedoch sonst unbelästigt sah, hielt er sich vollkommen ruhig, und bald hatten sich zwischen ihm und unsern Wachen freundschaftliche Gespräche angeknüpft, so daß in der Nacht ein förmlicher Tauschhandel etablirt ward, indem die Freiwilligen den feindlichen Soldaten frisches Fleisch und Gemüse brachten und dafür von ihnen neue Gewehre der National-Gardisten für alte oder beschädigte erhielten. In Folge dessen untersagte Zariategui am folgenden Tage, daß irgend Jemand dem Fort sich nähere, aus dem einige Soldaten, mit Lebensgefahr von den Mauern sich herablassend, zu uns übergingen.

Die Mine ward so thätig betrieben, daß sie in zwei Tagen bis unter die Sakristei hätte poussirt werden können, der Besatzung die Alternative augenblicklicher Ergebung oder der Vernichtung lassend, als Zariategui mit ihr eine Capitulation abschloß, kraft deren sie, wenn innerhalb zehn Tagen kein Entsatz nahte, sich kriegsgefangen ergeben würde. Gewiß war es ein großer Fehler des Generals, daß er in jener Lage der Dinge zu ähnlicher Capitulation seine Zustimmung gab; aber die feindlichen Anführer zeigten sich erbärmlich schwach und feige, da sie mit solchen Vertheidigungsmitteln und an Nichts Mangel leidend die Zeit der Übergabe fixiren konnten, ohne nur einen Schuß zu thun. Viel mochte zu diesem Entschlusse die Mine beitragen, deren Vorschritt im Fort wohl erkannt war, da die Einstellung jeder Arbeit zur ersten Bedingung gemacht wurde; weit mehr aber die moralische Schwäche und Entmuthigung, die damals unsere Gegner ergriffen hatte. Wie die feindlichen Truppen den Widerstand schon für unnütz hielten und überall ohne Schwerdtstrich wichen, wie das Volk sich nicht mehr scheute, frei seine Sympathie zu erklären, da es die Herrschaft der Carlisten stabil in der Provinz glaubte, weil es für den Augenblick sie unbestritten sah, so fing auch Zariategui an, sich für unbesiegbar, unangreifbar zu halten und war, durch seine bisherigen Erfolge aufgeblasen, überzeugt, daß Niemand wage, im ruhigen Besitze des Genommenen ihn zu stören.

Kleine Detachements wurden durch die Provinzen Palencia, Leon, Zamora und Salamanca entsendet, und Brigadier Iturbe besetzte mit seiner Brigade die alte Stadt Toro am Duero, während die neu gebildeten Bataillone das ganze Duero-Thal und den Gebirgszug zwischen Burgos und Soria beherrschten. In Valladolid aber strömte von allen Seiten die junge Mannschaft herbei, um unter dem Banner ihres rechtmäßigen Königes zu kämpfen, zum Theil Pferde mit sich bringend oder Gewehre, die sie den National-Gardisten der Heimath entrissen; selbst von diesen kamen mehrere freiwillig, ihre Waffen einzuliefern, da ja nun Widerstand unnütz sei. So konnten in wenigen Tagen drei starke Bataillone -- von Valladolid genannt -- errichtet werden, wiewohl auf besondern Befehl des Generals jedem Rekruten vorgestellt wurde, daß der Krieg noch lange nicht beendigt sei und viele Opfer und Mühseligkeiten erheischen werde, weshalb, wer nicht bereit sei und sich für fähig halte, das Schwerste für Carl V. mit Freudigkeit zu ertragen, zurücktreten möge, da es noch Zeit sei. Und diese braven Bataillone haben sich herrlich bewährt, da sie im folgenden Jahre, hülflos gegen Elemente und Feindesüberlegenheit ankämpfend, alle Beschwerden mit heroischer Standhaftigkeit ertrugen und dann, unter dem Drucke der Gefangenschaft erliegend, durch keine Lockung oder Drohung noch durch die Qualen, die bis zum Hungertode die Grausamkeit der Christinos über sie verschwendete, zur Verletzung des Eides der Treue sich hinreißen ließen, den sie in besserer Zeit ihrem Könige geleistet hatten.

Der Charakter des Alt-Castilianers,[33] dieses Kernes der aus so vielen heterogenen Bestandtheilen zusammengesetzten spanischen Nation, wird am Meisten dem der Basken sich nähern, wenn die Verschiedenheiten berücksichtigt werden, die Lage und politische Verhältnisse nothwendig erzeugen mußten; doch sind die Castilianer vor ihnen durch einen Grundzug von herzlichem Wohlwollen und Gutmüthigkeit ausgezeichnet, mit dem ihr ganzes Wesen durchwebt ist. Wenn die Basken stolz auf ihre Vorrechte hohen Unabhängigkeitssinn entwickeln, herrscht hier tiefe, unerschütterliche Ergebenheit für Alles, was ihre Voreltern als geheiligt ihnen überliefert haben, und der Scharfsinn, den in Jenen ihre Isolirung und eigenthümlichen Verhältnisse, der Speculations-Geist, den die Lage am Meere und zwischen Spanien und Frankreich in Verbindung mit den Privilegien hervorrief, sind durch innige Religiösität und Loyalität wohl mehr als ersetzt. Den wackern Bauern einiger Distrikte unseres norddeutschen Vaterlandes möchte ich die Alt-Castilianer gleich stellen. Der Bewohner Neu-Castiliens ist in mancher Hinsicht verschieden und nähert sich mehr seinen südlichen und westlichen Nachbarn: er ist schlauer, weniger gewissenhaft in Wort und That, vor Allem unendlich viel selbstischer. Der Alt-Castilianer aber, langsam, ehe er sich entschließt, ist unerschütterlich, wenn er das Rechte erkannt, treu, treuherzig und offen, vertrauend, weil er Vertrauen verdient, wenig den Neuerungen geneigt, plump, aber einfach und gastfrei. Wahre Biederkeit ist die Grundlage alles seines Thuns und giebt selbst der äußern Haltung einen edlen, anziehenden Ausdruck. Als Soldat ist er leicht disciplinirt, ausdauernd, gehorsam und folgt dem Chef, der seine Zuneigung zu erwerben gewußt hat, mit Freudigkeit durch alle Drangsale und zu jeder Gefahr; die heldenmüthige Eroberung des Castells von Morella, deren ich später erwähnen werde, ist ein glänzendes Beispiel von Dem, was der Alt-Castilianer vermag, wenn er gut geleitet ist. Sein hauptsächlicher Fehler besteht in der Heftigkeit und der unbezähmbaren Streitsucht, so wie er beleidigt, sein Stolz verletzt wird, auch ist er allgemein unwissend und abergläubisch; Mängel, deren Schwinden leider nur zu oft so manche jener herrlichen Eigenschaften mit verwischt, ohne durch angemessene Vorzüge sie zu ersetzen.

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Der Alt-Castilianer ist der unveränderte Nachkomme der alten Hesperier, wie Griechen und Römer so bewunderns- und liebenswürdig in ihrer ursprünglichen Einfachheit sie uns schildern; er ragt hoch über alle andern Spanier hervor, wie er mehr als die meisten von fremder Mischung rein sich erhielt. Der Baske, dann der Navarrese, ein hartes Geschlecht, folgen ihm am nächsten, wogegen Andalusier und Valencianer am tiefsten in moralischer, die Bewohner einiger Distrikte der Mancha in intellektueller Beziehung stehen, in der nur die Estremeños, von unendlicher Natürlichkeit und Herzensgüte, aber ganz vernachlässigt und roh -- ~los indios de la nacion~ genannt -- den Rang ihnen streitig machen würden, wenn von Aufklärung und Cultur herstammende Intelligenz entscheidet.

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Tag auf Tag schwand hin unter Jubel und Festen, Bällen und Theater; die Valladolider hatten sich gewöhnt, uns als werthe Gäste anzusehen, und behandelten uns zum großen Ärgerniß der verstockten Ultra-Liberalen, die finster und spähend durch das Getümmel hinschlichen, täglich mit mehr Zuneigung und Herzlichkeit. Doch mochten wohl die Damen in unsern Officieren die zarte Sentimentalität und die unwiderstehlich liebenswürdige Galanterie jener christinoschen Officiere vermissen, die so fein mit ihnen zu seufzen und von den Abentheuern des Krieges zu erzählen wußten, den -- die bleichen Züge bekräftigten es hinreichend -- ihre zerrüttete Gesundheit sie zu meiden genöthigt hatte. Alle großen Städte wimmelten damals von solchen Officieren, die unter tausend Vorwänden ihre Regimenter verlassen hatten, um ungestört dem Vergnügen sich hingeben zu können. Und wie hätten auch unsere kräftigen Officiere jene gerühmten Künste sich aneignen mögen; sie, die seit Jahren im wilden Gebirgskampfe sich umhergetummelt, deren liebste Musik das Pfeifen der Kugeln, deren Bett der Felsboden des Bivouacs war, und von denen Viele die Epaulette lediglich der Bravour und Ergebenheit verdankten!

Während wir so in gedankenloser Lust die Tage vergeudeten, stand nicht fern von uns der Ausgang des langen blutigen Krieges auf dem Spiele: die königliche Expedition bedrohete die Hauptstadt Spaniens und ... Zariategui ruhete auf seinen Lorbeeren in den Delicien von Valladolid. So lautet die schwerste Anklage, welche gegen diesen General erhoben ist. Hätte er, behaupteten die Tadler, nach dem Einzuge in Aranda de Duero statt gen Westen nach dem Königreiche Leon ohne Zaudern die große Heerstraße hinab auf Madrid seinen Marsch gerichtet, so würde er zu rechter Zeit angelangt sein, um mit dem Corps Sr. Majestät combinirt zu operiren; er würde so die Unentschlossenheit der Führer desselben und damit den Krieg beendet haben. -- Zariategui, es ist wahr, hat in den Tagen seines höchsten Glanzes nicht die Umsicht, noch weniger die Energie entfaltet, durch die allein die Benutzung und vor Allem die Behauptung der errungenen Vortheile gesichert werden konnte; er hat in Valladolid kostbare Zeit verloren, ohne Verhältnißmäßiges zu thun. Ohne Zweifel ward jedoch der Aufenthalt der Division in Alt-Castilien durch die erhaltenen Instructionen in der Absicht angeordnet, durch sie einen Theil der die königliche Expedition beobachtenden Massen abzuziehen und ihr so freiere Hand für die Operationen auf Madrid zu lassen, wie denn die Wiederaufnahme der Offensive mit dem Vormarsche des Königs von Aragon aus genau zusammenfällt. Und abgesehen von den Instructionen ist es klar, daß wir, mit höchster Eile die Division Puig Samper verfolgend, um mehrere Tage zu spät angelangt wären, wenn nicht etwa gefordert wird, daß wir jene uns mehr als doppelt überlegene Division in Aranda unbeachtet ließen, um uns, von ihr im Rücken verfolgt, zwischen sie und das Heer Espartero’s einzuzwängen, was natürlich die nutzlose Vernichtung des Corps zur unmittelbaren Folge haben mußte. Der 12. September 1837, wie ein scharfsinniger Beobachter, der als Augenzeuge und vermöge seiner Stellung im Generalstabe des königlichen Expeditions-Corps zu gründlichem Urtheile befähigt ist, der Brigade-General B. von Rahden, es ausspricht, der 12. September war der Wendepunct; an jenem Tage lag die Entscheidung des Krieges in der Hand der carlistischen Feldherrn. Da der günstige Augenblick unbenutzt entflohen, konnte auch Zariategui’s Ankunft ihn nicht zurückschaffen.

Es bleibt deßhalb nicht weniger wahr, daß unser Anführer in sträflicher Indolenz die Zeit verlor, die unter solchen Umständen doppelt kostbar geworden war: während der acht Tage, die wir üppig in Valladolid zubrachten, ohne auch nur einen Soldaten zur Beobachtung uns gegenüber zu haben, hätten wir Vieles thun können. Die außerordentlichen Erfolge hatten Zariategui geblendet: vom Volke angebetet, von den Behörden als unüberwindlicher Sieger gepriesen und täglich neue Glück verkündende Nachrichten empfangend, wies er die Warnungen einzelner Officiere, besonders Elio’s, als unzeitige Ängstlichkeit zurück und vernachlässigte im sorglosen Genusse der Gegenwart die allernothwendigsten Vorsichtsmaßregeln.

Schon am 23. September verbreiteten sich in der Stadt Gerüchte über die Annäherung feindlicher Truppen; am 24. Morgens, da eine Deputation des Ayuntamiento wegen erlassener Contribution dem General zu danken kam, theilte sie ihm die eben erhaltene Nachricht mit, daß eine starke Division der Nordarmee über Burgos auf Palencia marschirt sei, um Valladolid anzugreifen. Zariategui erklärte Alles für Erfindung von Übelwollenden und fügte hinzu, die Stadt könne in dem Vertrauen leben, daß es keinem Feinde einfallen würde, den Angriff zu wagen.

Gemüthlich saß ich in meinem reichen Logis, die Zeit des Diner erwartend, als der unheilvolle Generalmarsch[34] wild durch die Straßen ertönte. Während der Bediente das Pferd sattelte, flog ich hinaus, Nachrichten einzuziehen: eine Cavallerie-Patrouille, die Elio besorgt auf Palencia abgesendet, hatte die feindliche Avantgarde kaum eine Stunde von der Stadt angetroffen, während zugleich die Botschaft anlangte, daß Generallieutenant Baron Carandolet in forcirten Märschen und dem Vortrabe auf dem Fuße folgend, 9000 Mann und mehrere Geschütze auf beiden Ufern der Pisuerga heranführe. In den Straßen flog Alles in wildem Treiben durch einander. Die Soldaten eilten den bestimmten Sammelplätzen zu, Officiere liefen ordnend hin und her, und die Bagage zog in langen Reihen dem südlichen Thore zu, während die Bürger mit finster besorgten Mienen dastanden und manches niedliche Mädchen bleich und mit Thränen dem Krieger nachsah, den die Pflicht aus ihren Armen auf das Schlachtfeld riß. Ich traf Elio schon zu Pferde, und rasch ritten wir an der Spitze der Escadron 1. von Navarra dem Kampfplatze zu, von dem lebhaftes Flintenfeuer herüberschallte.