Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
Part 14
Während die Brigade Vizcaya mit den Escadronen der Legitimität und Cantabrien die Heerstraße hinabzog, marschirte das Hauptcorps rechts von derselben ab, anfangs in höchster Ordnung und schlagfertig, wiewohl der Feind uns nicht auf dem Fuße zu verfolgen schien. Als wir aber um Mittag eine dürre Sandebene betraten, auf der, so weit das Auge reichte, kein Haus, keine Höhe, nur hie und da Fichtengehölz zerstreut sich zeigte, als bei drückender Gluth der Sonne im aufquellenden Staube weder Quelle noch Brunnen gefunden ward, den brennenden Durst zu löschen; da wurde die Marschcolonne immer länger und länger, und die Bataillone mit Ausnahme des 1. von Navarra, welches geschlossen den Nachtrab bildete, löseten sich endlich ganz auf, da die Soldaten rechts und links sich zerstreuten, um Wasser zu suchen und zugleich die Staubwolken des Weges zu vermeiden. Wie eine große Schafheerde durchkreuzte die Division die Ebene, als hinter uns Waffen und Helme durch den Staub blitzten: die feindliche Cavallerie nahete in scharfem Trabe und war im Begriff, sich auf uns zu werfen. Ein ungeheurer Schrei des Schreckens ertönte weit hin über die Fläche, und die Freiwilligen rannten in kleine Haufen sich zu vereinigen, während ich im Gefolge Elio’s dem 1. von Navarra zuflog, welches er sofort in Masse formirte und rechts und links durch die beiden Escadrone von Navarra deckte. Hätte der Feind seine sieben oder acht Escadrone in mehrere Theile getheilt und so auf die ungeordnete Menge sich geworfen, würde gewiß gänzliche Vernichtung uns getroffen haben; aber er vereinigte sich in eine große Colonne uns gegenüber und stürmte in drei Echelons zum furchtbaren Choc gegen das Carré. Elio ließ die Escadronen bis auf dreißig Schritte nahen, ehe er das Commando zum Feuer gab: sie zerstoben nach allen Seiten, dem zweiten Echelon Platz machend, welches wie das dritte rasch ihr Schicksal theilte, den Boden mit Menschen, Pferden und Waffen bedeckt lassend. Die Navarresen verlangten nun, den geworfenen Feind zu chargiren, was Elio nicht gestattete, worauf der Marsch mit größerer Vorsicht und Ordnung fortgesetzt und von der christinoschen Cavallerie, die sich in respektsvoller Entfernung hielt, nicht weiter beunruhigt wurde.
Bei der gewöhnlich so großen Scheu unserer Infanterie vor den Cavallerie-Angriffen, die im Gebirgskriege so selten und daher durch den Mangel an Vertrautheit mit ihnen mehr gefürchtet sind, war das Betragen unserer Soldaten bemerkenswerth, die, anstatt zu fliehen, in kleine Massen vereinigt dem formirten Bataillon sich anzuschließen eilten. Einem Officier, der einem Trupp Navarreser, auf das nahe Gehölz deutend, zurief, sich dahinein zu werfen, antworteten die braven Burschen dem Bataillone sich zuwendend: „Nein, wir siegen oder wir sterben mit unsern Brüdern.“
Bald hatten wir, mit Vizcaya vereinigt, den Duero passirt und erreichten die Gebirge von Soria, während die feindlichen Divisionen Mendez Vigo und Puig Samper nach Aranda marschirten. Espartero war nach Madrid zurückgekehrt, um von neuem dem königlichen Expeditions-Corps sich entgegen zu stellen.
[29] Diese Expedition, als eine der interessantesten und da meine Stellung mit allen Details mich genau bekannt machte, habe ich weitläuftig behandeln wollen, so daß sie ein deutlicheres Bild unserer Kriegesart zu geben vermag.
[30] Der schönste Mann, den ich je gesehen, vielleicht sechs und zwanzig Jahre alt. Abgeschnitten und ohne Rettung sprang er vom Pferde und rief, auf ein Knie sich niederlassend und dem nächsten Lancier seinen Degen reichend: Pardon, Pardon! dieser stach ihn trotz dem Zurufe zweier heransprengender Officiere erbarmungslos nieder. Als ich von der Verfolgung zurückkehrte, lag der Leichnam, ein Bild männlicher Kraft, ganz nackt neben dem Wege.
[31] Bei den Divisionen, welche die Nordprovinzen verließen, war meistens die Stellung der Officiere vom Generalstabe sehr schwierig, da sie aus Mangel an Ingenieur- und Artillerie-Officieren deren Geschäfte mit übernehmen mußten. Bei der Expedition Zariategui befand sich ein Ingenieur und ein Officier der Artillerie, der bald getödtet wurde. Übrigens zogen die Generalstabs-Officiere die höchste Eifersucht der andern Officiere auf sich, da sie zu jedem gefährlichen Unternehmen gebraucht wurden. Von den sieben Officieren, welche unter Brigadier Elio den Generalstab bildeten, wurden zwei getödtet und drei schwer verwundet.
XI.
Als die Division in den Gebirgen, die zwischen Soria und Burgos in beiden Provinzen sich hinziehen, mit dem Obersten Barradas sich vereinigte, fanden wir zu unserm höchsten Erstaunen, daß der Auftrag, Lebensmittel anzuhäufen und passende Orte zu befestigen, gar nicht in Ausführung gebracht war. Ein neu gebildetes Bataillon war jedoch da, für das es nun an Waffen und Uniformen gebrach. Wie schmerzlich empfanden wir da den Verlust der Tausende von Gewehren, die durch unsere Schuld in Segovia hatten zurückbleiben müssen. Hier stieß auch der Oberst Valmaseda zu uns, der mit dem 8. Bataillon von Castilien -- 250 Mann, -- vier Compagnien von Alava und anderen vier von Navarra bei Mendavia den Ebro passirt hatte, um einen bedeutenden Munitions-Transport dem Corps des Königs zuzuführen. Die Compagnien von Alava und Navarra kehrten sofort nach den Nord-Provinzen zurück, während Valmaseda, später als Partheigänger durch kühne Entschlossenheit wie durch Wildheit bekannt, mit einiger Cavallerie seinen Zug fortsetzte. Castilla blieb mit unserer Division vereinigt.
Bis zum Ende des Monates August standen wir ohne wichtige Ereignisse in der Sierra, vorzüglich mit der Ausbildung der neu errichteten Bataillone beschäftigt und Vorräthe jeder Art in San Leonardo und Ontorio del Pinar sammelnd. So wie wir dort anlangten, war eine Operation gegen die kleine Colonne von Soria, 2500 M. stark, versucht worden, die bisher in der Verfolgung des Oberst Barradas beschäftigt gewesen, dem als des Terrains Kundigem die Leitung des Unternehmens anvertraut wurde. Die Colonne ward nach erschöpfenden Hin- und Hermärschen während der Nacht umstellt und jeder Ausweg ihr abgeschnitten, so daß wir sie sicher gefangen hatten, als ... sie bei Anbruch des Tages verschwunden war. Barradas hatte eine Schlucht zu besetzen versäumt, und durch sie war der Feind entflohen.
Mendez Vigo, nachdem er lange unthätig in Aranda de Duero gerastet, wo seine Truppen von Erschöpfung vollkommen aufgelöset angekommen waren, hatte sich endlich gegen uns in Bewegung gesetzt und seine 7000 Mann in Navreda aufgestellt, wo Zariategui ihn am 28. August zu überfallen beschloß. Spät am Morgen naheten wir dem Dorfe und erfuhren von einigen Bauern, die wir eine Stunde entfernt antrafen, daß die Truppen mit Reinigen der Wäsche und Gewehrputzen beschäftigt seien; auch gelang es uns, nur wenige tausend Schritt von dem feindlichen Vorposten -- ein einziger Posten war ausgestellt -- einen seinen Blicken offenen Grund unbemerkt zu durchkreuzen. Alles versprach uns glücklichen Erfolg. Die Brigade von Navarra sollte rechts hinter dem Dorfe ein Gebüsch besetzen, welches als Rückzugspunkt des Feindes angesehen werden mußte, während Noboa mit dem 5. von Castilien links den Ort umgehen und, so wie das Feuer begänne, mit dem Bajonnett auf ihn sich stürzen, das Hauptcorps aber in der Front und von der rechten Seite ihn bestürmen würde, so den Feind auf die versteckte Brigade werfend. Schon war Navarra auf dem Marsche nach jenem Gebüsche, als plötzlich Feuer zu unserer Linken gehört wurde, dem alsbald die Allarm-Trommeln im Dorfe antworteten: Noboa war es, der, so wie er den feindlichen Feldwachen sich gegenüber sah, mit lautem Geschrei sie angriff und in das Dorf hineintrieb. Die feindliche Division verließ dieses sogleich und wälzte, eine große verwirrte Masse, dem Gebüsch sich zu, in dem, wenn nicht Noboa’s Übereiltheit den Plan vereitelte, Navarra sie schon hätte empfangen müssen. Nur die großen Wachen des Feindes, einzige geordnete Truppe, deckten den Rückzug der Division, die von Castilien kräftig gedrängt wurde. In dem Gebüsche formirte sie sich rasch, als Navarra dort ankam, fest mit dem Bajonnette sie angriff, Alles warf, was sich ihm entgegenstellte, mehrere hundert Gefangene machte und, furchtbare Gewohnheit, die oft den navarresischen Bataillonen verderblich wurde, sich zerstreute, die Gefangenen zu plündern. Mendez Vigo führte seine Reserve herbei, die allein noch auf dem Kampfplatze formirt war, und trieb ohne Schwierigkeiten die debandirten Bataillone vor sich her. Ihre Vernichtung schien unvermeidlich, als die Reserve in der Flanke angegriffen und zum Stehen genöthigt wurde. Zariategui, richtig die Ereignisse beurtheilend, hatte unter Elio’s Leitung einige Bataillone auf das Gebüsch entsendet, so wie Noboa unzeitig das Feuer eröffnete; wir langten mit Valencia in dem Augenblick an, da Navarra in gänzlicher Unordnung floh, griffen mit dem Bajonnett an und warfen die Reserve des Feindes, die eilig auf die übrigen Truppen zurückwich. Umsonst waren die Befehle, Drohungen und Bitten der christinoschen Generale, um ihre Soldaten zum Stehen zu bringen. Die ganze Division floh, von panischem Schrecken ergriffen, bis Aranda, wo sie unwillig sich empörte und Mendez Vigo zwang, das Commando niederzulegen, so daß nun Puig Samper beide Divisionen befehligte.
Zariategui aber, da auch seine Truppen in hohe Verwirrung gerathen, kehrte in seine frühere Stellung zurück, von wo er gegen Salas de los Infantes aufbrach, in dessen Castell eine Besatzung von 120 Mann sich befand. Nach vier und zwanzigstündiger Beschießung aus unsern beiden Geschützen, wobei die Kanone ihres geringen Calibers wegen auf funfzig Schritt Entfernung vom Fort aufgestellt war, ergab es sich, und die Garnison, von der etwa 30 Mann vorzogen, für Carl V. die Waffen zu ergreifen, marschirte nach Aranda ab. Mit dem Gepäcke der Colonne von Soria, welches sie, um leichter zu marschiren, in Salas zurückgelassen hatte, konnten unsere jungen Bataillone bekleidet werden; die abgeschossenen Kanonenkugeln wurden, so viel thunlich, wieder eingesammelt. An demselben Tage zogen wir vor el Burgo de Osma, ein reiches niedliches Städtchen, welches gleichfalls durch ein Fort, aus einer Kirche in solches verwandelt, gedeckt war. Der Chef ~du jour~ ließ, da das Fort nur von einem schmalen Platze umgeben war, die Kanone der bessern Deckung wegen in das erste Stockwerk eines gegenüber liegenden Hauses postiren, und durch den Balkon feuern. Bei dem ersten Schusse stürzte, wie längst vorhergesagt war, der Fußboden ein, so daß über dem Hervorziehen aus dem Schutte und der neuen Aufpflanzung, die auf dem Platze unter lebhaftem Feuer des Feindes geschehen mußte, die Nacht anbrach. Am Morgen capitulirte die Garnison, zwei Compagnien, mit den Bedingungen, die Salas erlangt hatte. So Herren der ganzen Sierra, ohne daß Puig Samper, uns so sehr überlegen, irgend eine Bewegung unternommen hätte, richteten wir uns gegen Lerma, welches auf der großen Heerstraße in gleicher Entfernung von Burgos und Arando de Duero die Verbindung dieser Städte und dadurch die von Madrid mit der Nordarmee der Christinos sicherte, weshalb die mit Mauern umgebene Stadt durch ein Bataillon und eine Escadron garnisonirt war; das als trefflich geschilderte Fort beherrschte sie. Indem wir, aus dem Gebirge hervorbrechend, wieder zur Offensive übergingen, wurden die neuorganisirten Bataillone in der Sierra zurückgelassen, um sich dort in Ruhe zu üben und auszubilden.
* * * * *
Bei der Belagerung von Salas und el Burgo hatte ich einen verhältnißmäßig müssigen Zuschauer abgegeben, da jedes Mal nur zwei Officiere des Generalstabes ihrer Anciennetät nach mit den vorfallenden Geschäften, d. h. mit Allem, was sonst dem Ingenieur- und Artillerie-Officier obliegt, beauftragt wurden. Denn die carlistischen Artilleristen bekümmerten sich nur um die Fortschaffung ihrer Geschütze und um das Feuern; auch der Bau der Batterien gehörte nicht in ihren Bereich. Jetzt bei der dritten Belagerung lag es mir als drittältestem Officier ob, die Arbeiten zu dirigiren, wozu der Pr. Lieutenant Galindo als jüngerer Officier mir beigegeben wurde. Am Mittage des 5. September, da die Division die Chaussee von Aranda nach Lerma erreichte, sandte uns deshalb Zariategui mit einer Jäger-Compagnie und zwölf Pferden voraus, um die Stadt zu recognosciren.
Von Ungeduld hingerissen ließ ich, etwa anderthalb Stunden von Lerma entfernt, das Detachement unter der Führung eines Gefährten zurück und ritt die Heerstraße entlang der Stadt zu. Frohen Muthes trabte ich auf meinem prächtigen Goldfuchs, demselben, der bei Zambrana den portugiesischen Obersten getragen, durch das reiche Hügelland, mit Freude die dunkelnde Färbung der Trauben, mir die lieblichste Frucht, bemerkend, da die sanften Abhänge zur Anlegung von Weingärten benutzt waren. So bog ich um die scharfe Ecke eines Hügels, um dessen Fuß die Straße sich hinwand, als ich zu meiner Überraschung kaum zweihundert Schritt entfernt die Stadt erblickte, und auf dem schattigen Spatziergange, der zwischen ihr und dem Hügel sich hinzog und mit eleganten Damen und Herren, meistens Officieren, bedeckt war, ein starkes Detachement Cavallerie, das wie es schien, im Begriff war fortzureiten. So wie ich, durch das Scharlachbarett mit goldenem Quaste auf den ersten Blick als Carlist erkannt, trabend um die Ecke bog, ertönte ein wilder Schrei: „~los facciosos, los facciosos~!“ Die Damen kreischten, die Spatziergänger flogen mit nie gesehener Behendigkeit rechts und links durch die Felder, und die 25 Lanciers, die so eben zur Recognoscirung der Division abgehen sollten, jagten in Carriere der Stadt zu. Sie mußten natürlich voraussetzen, daß die Truppen unmittelbar mir folgten.
Da ich alle Welt laufen sah, sprengte ich hinter den Fliehenden drein, die das Stadtthor bereits geschlossen fanden und daher längs der Mauer sich hinwandten, von der einige Schüsse mich kurz halten machten. Die Cavallerie, da sie mich fortwährend allein sah, hielt auch an und kehrte bald zögernd gegen mich zurück: ich wandte halb mein Pferd und forderte den Capitain, der an der Spitze seiner Leute ritt, auf, allein vorzukommen; da er aber von der ganzen Schaar begleitet heransprengte, jagte ich davon, sofort mit furchtbarem Geschrei von dem Feinde verfolgt. Ehe er indessen die Biegung passirte, hielt er nochmals an, wohl ungewiß, ob nicht Truppen dahinter ständen, wodurch ich einen kleinen Vorsprung gewann. Als aber die Lanciers dann, so weit ihr Blick reichte, kein carlistisches Barett sahen, da war ihr Muth plötzlich wiedergekehrt, und in wilder Jagd tobten sie die Straße hinab hinter mir her. Ich konnte auf meinen Renner vertrauen und erkannte ihn bald den Pferden der Feinde überlegen, während die Hecken und Weingärten diese zwangen, vereint auf der Straße zu bleiben; so sah ich sie mit Freude mir folgen und bemühte mich nur, möglichst die Kräfte meines Thieres zu schonen.
Endlich nach halbstündigem Lauf sah ich das Detachement mir nahe; die Infanterie nahm eine Stellung auf einem Hügel ein, die Pferde postirten sich auf die Straße, ihre ganze Breite einnehmend. Doch bald erkannte ich an den Reitern jene schwankende Bewegung, das unruhige Vor- und Zurückprallen einzelner Pferde, die stets das sichere Vorzeichen augenblicklicher Flucht sind. Ich fühlte mich erbleichen: die ganze Last der Verantwortlichkeit fiel mir auf das Herz, wie sie mich treffen mußte, wenn meine Reiter zur Division flohen und die Infanterie verlassen zurückblieb. Da konnte nur schneller Entschluß retten. Verzweifelt riß ich das Pferd herum und stürzte mit gezücktem Säbel auf den feindlichen Rittmeister, der, wenige Schritte hinter mir, seinen Leuten bedeutend voraus war. Überrascht wich er und warf sich unter die Lanciers. Mein Zweck war erreicht; denn meine Reiter, durch den raschen Akt ermuthigt, chargirten, und die Feinde flohen verwirrt zurück. Bis dicht vor die Stadt setzten wir die Verfolgung fort und nahmen drei der Christinos, einen von ihnen verwundet, gefangen; wir fanden die Thore noch immer geschlossen, und als bald meine Jäger anlangten, fingen sie einen Officier und mehrere andere Spatziergänger auf, die noch in den Feldern umherirrten. Auch nicht ein Mann war von dem Gouverneur entsendet, um Nachricht über uns und über die Lanciers einzuziehen; noch an demselben Abend, ehe wir die Stadt einschließen konnten, ward die feindliche Escadron weggeschickt und zog sich auf Aranda zurück.
Ich hatte bei Abgabe der Gefangenen nur allgemein gemeldet, daß ich ein kleines Rencontre gehabt. Als aber Zariategui bei der Übergabe des Forts durch die christinoschen Officiere den Vorfall erfuhr, schickte er mich nach einem derben Verweise arretirt nach meinem Logis, weil ich meine Truppen verlassen, durch jugendlichen Übermuth, wie er es nennen wollte, das Gelingen des mir Aufgetragenen compromittirt und mich selbst unnütz ausgesetzt habe. Nach einer Viertelstunde ließ er mir durch einen Adjudanten ankünden, daß ich frei sei, und ein prachtvolles englisches Fernrohr, das, in Lerma erbeutet, meine Bewunderung erregt, mir überreichen, damit ich in Zukunft den Feind aus der Ferne sehen könne.
Als die Division am Abend anlangte, hatte ich meine Recognoscirung bewerkstelligt und erhielt vom General auf meinen Antrag zwei Compagnien Grenadiere, um einen Versuch zur Überrumpelung der Stadt zu machen. An mehreren Punkten lehnten sich Häuser an die Mauer, so daß ich hoffte, durch eines derselben mich introduziren zu können, aus dem ich bei Tagesanbruch vorbrechen, dem Corps die Thore öffnen und die in der Stadt befindlichen Christinos nach dem Castell jagen würde, wo der größere Theil der Besatzung die Nacht zubrachte. In der That gelangte ich nach Mitternacht mit meinen Grenadieren unbemerkt an eines jener Häuser und stieg auf einer Leiter zu einem etwa dreißig Fuß über dem Boden befindlichen Fenster empor. Nach wiederholtem Klopfen antwortete zitternd eine feine weibliche Stimme; mit der Versicherung, daß sie persönlich Nichts zu besorgen habe, verband ich die Drohung, das Haus in Brand zu stecken, wenn sie nicht sofort öffne. Das Fenster flog auf, und mit Entsetzen sah ein junges, reizendes Mädchen, kaum mit dem übergeworfenen Tuche bedeckt, ihr Zimmer mit bärtigen Grenadieren gefüllt. Der Ausdruck der Stimme, da sie halb ohnmächtig auf einen Stuhl sinkend: „~caballero, por Dios!~“[32] mir zuhauchte, erschütterte mich tief, und ich eilte aus dem Heiligthume sie zu führen, zu dessen rücksichtsloser Verletzung ich das Werkzeug gewesen war. Auf dem Vorplatze übergab ich sie der Mutter, die entsetzt bei dem ungewöhnlichen Lärm herbeieilte. Natürlich sah ich die Damen, welche einer der ersten Familien der Provinz angehörten, nicht wieder; mehrere Jahre später traf ich aber in Morella den Bruder des jungen Mädchens, einen ausgezeichneten Officier im Sappeur-Corps, der damals im väterlichen Hause sich aufhielt und oft über die tragikomischen Scenen jener Nacht lachte.
Mit den größten Vorsichtsmaßregeln wurde bewirkt, daß eine Wache, die im anstoßenden Hause sich befand, nicht das mindeste Geräusch hörte, bis wir, so wie der Tag graute, auf die Straße stürmten und ein lebhaftes Feuer eröffneten, um in der Stadt Verwirrung zu erregen und die Unseren zu benachrichtigen. Während die eine Compagnie das nahe Thor öffnete und die schon harrenden Bataillone einließ, durchstreifte die andere, in Patrouillen vertheilt, die Straßen, wo der Feind, ohne an Widerstand zu denken, dem Fort zueilte. Mit vier Mann verfolgte ich einige Flüchtlinge und hatte fast sie erreicht, als sie um eine Ecke bogen und uns ein lebhaftes Flintenfeuer entgegen donnerte: wir standen unmittelbar vor dem feindlichen Fort, und ein Tambour, vor dem uns bisher die Fliehenden gedeckt, bestrich die ganze Straße. Zwei meiner Grenadiere stürzten nieder, der dritte schwankte einige Schritte zurück und sank gleichfalls, wir andern Beiden flogen in weiten Sprüngen die Straße hinab, von den feindlichen Kugeln umzischt, bis wir -- uns schien die Zeit eine Ewigkeit -- ein schützendes Seitengäßchen erreichten. Einer von den Grenadieren war todt, die andern wurden bald mit Haken, die an lange Stäbe befestigt waren, in die nahen Häuser gezogen und den Wundärzten übergeben.
Das Fort bestand aus einem sehr festen Kloster und einer Kirche, die künstlich zu einem zusammenhängenden Vertheidigungs-Systeme eingerichtet waren, dessen erste Linie der vorliegende gleichfalls befestigte Platz bildete. Zur Beschießung bot sich ein ganz besonders günstiger Punkt dar, auf dem keine Kugel verloren gehen und der am wenigsten Feuer gegen unsere Arbeiten und bei dem Sturme concentriren konnte, während alle übrigen Punkte, gegen die wir Artillerie hätten aufstellen können, durch starkes flankirendes Feuer beschützt wurden. Dagegen mußte dann die Batterie kaum dreißig Schritt von dem Fort angelegt werden, weil die feindlichen Werke den Raum weiter rückwärts ganz von der Seite beherrschten, was bei dem Batteriebau ungeheuren Verlust nach sich ziehen mußte. Es gelang mir mit Elio’s Hülfe endlich, die Einwilligung des Generals durch die Bemerkung dazu zu erhalten, wie sehr die Wirkung unseres Sechspfünders gegen die starke Mauer durch solche Nähe erhöht werde. Wir eröffneten daher, von Haus zu Haus die Zwischenwände durchbrechend, einen verdeckten Gang, stapelten in dem letzten Hause einen großen Vorrath von Wollmatratzen, Mehlsäcken und ähnlichen Gegenständen auf und stürzten, ein Jeder mit Matratzen oder Säcken belastet, auf die Straße, in der ein furchtbarer Kugelregen uns empfing. In einem Augenblicke war eine Brustwehr errichtet, hinter der dann der regelmäßigere Bau der Batterie vor sich gehen konnte. Am Nachmittage war sie vollendet trotz dem unausgesetzten Feuer der Besatzung, welche uns 4 Mann und den Artillerie-Capitain, den einzigen Officier dieser Waffe, tödtete und siebenzehn Mann verwundete, von denen mehrere bei dem Versuche, von einer Seite der Straße nach der andern hinüberzuspringen, getroffen wurden, da die Besatzung, das Bataillon Schützen von Cantabrien, aus geübten Gebirgsjägern bestand, die jedes lebende Wesen, selbst Hunde und Katzen, niederstreckten, so wie sie in Schußweite sich zeigten. Ein Barett, auf einem Bajonnett kaum über die Brustwehr erhoben, fiel in einer Sekunde in Fetzen herab.
Während des Batteriebaues hatte Brigadier Elio aus Matratzen einen großen Schirm anfertigen lassen, der auf Rädern ruhend leicht geschoben wurde; hinter ihm schleppten die Freiwilligen mit Jubel die Kanone heran, indem sie spottend die feindlichen Schützen aufforderten, nun die Geschicklichkeit zu zeigen, deren sie sich vorher so gerühmt hatten. Denn da einige unserer Compagnien in die dem Fort nächsten Häuser gestellt waren, um von dort aus die Vertheidiger der Werke zu belästigen, füllten die Kämpfenden die Zeit zwischen den Schüssen mit Scherzreden, Beschimpfungen, oft auch mit Prahlereien. Bald schlug unsere erste Kanonenkugel, von donnerndem Viva geleitet, in die Mauer ein, Schuß auf Schuß folgte rasch, und auch einige Granaten wurden in das Fort geschickt. Bei Tagesanbruch begann das Feuer wieder, und am Mittage war eine Bresche in die erste Linie geöffnet, so daß am Abend der Sturm unternommen wurde; nach halbstündigem Ringen hatten unsere Grenadier-Compagnien alle Häuser der Linie erstürmt und die Vertheidiger, die sich sehr brav gehalten, in das eigentliche Fort, die Kirche, zurückgedrängt, gegen welche sofort das Feuer eröffnet und während der Nacht lebhaft unterhalten wurde. Gegen Morgen befahl Zariategui, die ganze erste Linie so wie zwei Häuser, die als Außenwerke dem Fort dienten und so eben gleichfalls erstürmt waren, in Brand zu stecken, da ein heftiger Wind Flamme und Rauch den Christinos zuführte.