Vier Jahre in Spanien. Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.

Part 11

Chapter 113,517 wordsPublic domain

Der Jubel der Christinos war unendlich: die Folgen so entschiedenen Sieges mußten groß sein und er zeigte unzweifelhaft, wie die Carlisten noch nicht in geregeltem Kampfe den überlegenen Massen ihrer Feinde entgegentreten durften. Die Hoffnung derselben, ohne weiteres Blutvergießen der wichtigen Stadt sich zu bemächtigen, war ihnen verderblich geworden, da sie gewiß früher sie genommen hätten, wenn seit dem Anfange Decembers kräftig der Angriff fortgesetzt wäre. -- In der Action am 24. verloren die Christinos etwas über 2000 Mann, die Carlisten nur 600, büßten aber ihre schwere Artillerie, drei und zwanzig Geschütze, ein, da der Fuß hoch liegende Schnee die Fortschaffung unmöglich machte.[26] Espartero, der noch unentschlossen beim Beginn des Kampfes unwohl in Portugalete sich befand und erst, als der Kannonendonner ertönte, seiner Armee nacheilte, verdankte seinen Sieg der Entschlossenheit und dem Talente des Chefs des Generalstabes, General Oráa, und vor Allem, wie sein Bericht anerkennt, der thätigen Mitwirkung der englischen Marine. Er wurde zum Grafen von Luchana ernannt. Villareal verlor den Oberbefehl, welcher dem Infanten Don Sebastian und unter ihm, als Chef des Generalstabes fungirend, dem General Moreno übertragen wurde.

* * * * *

Während der ersten Monate des Jahres 1837 wurden von den Christinos die größten Vorbereitungen getroffen, um im Frühjahre die Operationen mit entscheidender Energie beginnen zu können; denn Entscheidung wollte Espartero herbeiführen, indem eine allgemein combinirte Bewegung sämmtlicher Streitkräfte nach dem Innern der baskischen Provinzen diese unterwerfen, die carlistische Armee erdrücken und vernichten sollte. Er selbst stand gegen Ende Februars mit 28 Bataillonen in Bilbao, von wo er über Durango in das Innere von Vizcaya vordringen würde, während Evans, durch die Division Rivero auf 21 Bataillone verstärkt, von San Sebastian aus Hernani und Tolosa nähme und Guipuzcoa besetzte, Sarsfield aber mit 19 Bataillonen von Pamplona aus die Thäler Ulzama und Bastan unterwürfe, Evans die Hand reichte, dadurch die carlistische Armee von der Gränze abschnitte und sie zwischen die drei Corps zusammendrängte. Zugleich operirte die Division des Ebro-Thales -- ~de la rivera~ --, jetzt fast ganz aus Cavallerie bestehend, im südöstlichen Navarra an der Arga und dem Ebro, und die Division Alaix, 12 Bataillone stark, stand bei Vitoria in Alava, so die gänzliche Umzingelung und Einzwängung der Carlisten vollendend. Dieser Plan schien in der That, wenn er gewandt und kräftig durchgeführt wurde, die Vernichtung der Carlisten nach sich führen zu müssen, und allein so hätte das Ende des blutigen Kampfes +durch Waffengewalt+ mögen vorbereitet werden. Dazu war die Nordarmee jetzt stärker, als sie je zuvor es gewesen: außer den zahlreichen Besatzungen und den Freicorps zählten jene fünf mobilen Colonnen 80 Bataillone, welche durch eine neue Rekruten-Aushebung auf ihren vollständigen Etat gebracht waren.

Der Infant that, so viel feine Schwäche gestattete, um mit Festigkeit den drohenden Sturm zu empfangen. Er selbst stand mit funfzehn Bataillonen im Ulzama-Thale Sarsfield gegenüber, da dessen Vereinigung mit Evans ganz besonders verderbliche Folgen hätte haben müssen, Guibelalde mit neun Bataillonen hielt die Linien gegen die Divisionen Evans und Rivero besetzt, während Goni mit 11 Bataillonen das Hauptcorps Espartero’s beobachtete. Die übrigen Truppen waren in Alava und dem südlichen Navarra vertheilt, gegen die beiden dort drohenden Divisionen sie zu decken.

Am 10. März eröffnete Evans, nachdem er eine hochtönende Proclamation an die Guipuzcoaner erlassen, den Feldzug, da er auf Hernani vordrang und mit einem Verluste von 800 Mann die Höhen von Amezagana erstürmte, welche durch leichte Verschanzungen gedeckt waren; er blieb dort stehen, das Vorrücken der andern Colonnen erwartend. Auch zog Espartero am folgenden Tage von Bilbao auf der Heerstraße vorwärts und besetzte Durango nach unbedeutendem Gefechte, und Sarsfield wandte sich an demselben Tage über Izarzan auf das Ulzama-Thal und drang bis zu dem Engpasse ~de las dos hermanas~. Evans griff nach leichtem Scharmützel in den vorhergehenden Tagen am 15. März von Neuem an und entriß nach blutigem Kampfe den Fuß vor Fuß der Übermacht weichenden Carlisten das Fort und die Höhen von Oriamendi nebst vier Kanonen; am 16. trieb er wieder langsam die carlistischen Bataillone vor sich her, und schon standen die Briten auf der Höhe, welche unmittelbar Hernani beherrscht; der Erfolg war nicht mehr zweifelhaft. Da stiegen in eiligem Zuge von den Gebirgen die Schaaren herab, mit denen der Infant den Seinen zu Hülfe eilte; neun Bataillone, zwei Escadrone und vier Geschütze von seinem Corps führte er nach ermüdendem Marsche auf das Schlachtfeld. Er stürzte sich sofort auf die siegenden Massen der Anglochristinos, umging, während er einen Scheinangriff auf den rechten Flügel richtete, die linke Flanke, warf sich mit dem Bajonnette auf die nächsten englischen Bataillone, zerstreute sie und rollte den ganzen linken Flügel auf. Panischer Schrecken ergriff die Feinde. Die Flucht der englischen Bataillone riß die ihnen zunächst stehenden spanischen fort, und da nun auch das carlistische Centrum mit Kraft vorwärts drang, lösete sich die ganze feindliche Armee in schimpflichster Verwirrung auf und floh nach San Sebastian zurück, von den Siegern auf dem Fuße verfolgt. Nur ein Detachement englischer Marine-Truppen, welches in der christinoschen Armee sich befand, blieb geschlossen und rettete den größten Theil der Artillerie, mit der es unerschütterlich fest sich zurückzog. Die Carlisten, deren Verlust 740 Mann betrug, nahmen vier Geschütze; die Engländer verloren etwa 900 Mann an Todten und Verwundeten -- 500 Todte von der Legion wurden auf dem Kampfplatze gezählt --, ihre spanischen Bundesgenossen aber 1300 Mann und 100 Gefangene.

Die Folgen so glorreichen Sieges waren unberechenbar. Die große combinirte Bewegung, welche den Untergang der Carlisten herbeiführen sollte, war ganz mißglückt, denn Evans, der in sechs Tagen fast 5000 Mann geopfert hatte, um dann schimpflich in seine frühere Stellung getrieben zu werden, konnte nicht an Wiederaufnahme der Offensive denken, da seine Truppen für den Augenblick ganz demoralisirt waren.[27] Espartero, nachdem er ganz Vizcaya durchkreuzend am 15. bis Eybar vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von der Niederlage Evans’s und der Annäherung des Infanten eiligst auf Durango und am 21. nach Bilbao zurück. Die Generale Goni, Guergué und Urbiztondo hatten theils die Gebirge besetzt, durch welche die Straße sich hinzieht, und belästigten von dort aus den Marsch, theils drängten sie mit Nachdruck dem weichenden Heere nach. Mehrere Male machte dieses Front gegen die Verfolger, ruhigeren Rückzug sich zu erkämpfen, aber immer mehr eingezwängt und in dem schmalen Thale der Heerstraße sich verwickelnd, bildete es zuletzt einen großen unbehülflichen Knäuel, der nur durch die Festigkeit der Arriere-Garde vor Vernichtung geschützt wurde, so daß die Armee, nachdem sie in der Operation 2800 Mann eingebüßt, Bilbao erreichte. Sarsfield, da ein heftiger Schneefall sein Vorrücken gehindert hatte, war unter dem Vorwande von Krankheit nach Pamplona gegangen, dem General Ulibarren das Commando übertragend. Zu seiner Beobachtung ließ der Infant, da er nach Guipuzcoa eilte, die von Evans errungenen Vortheile zu hemmen, den General Zariategui zurück, der die feindliche Colonne, da sie über das Ulzama-Thal auf der Straße nach Tolosa vorrückte, in dem Engpasse ~de las dos hermanas~ warf und mit Verlust von 1100 Mann nach Pamplona trieb.

So hatte die große mit 68 Bataillonen von drei Seiten aus gegen die baskischen Provinzen unternommene Operation mit einer Niederlage geendet, die den Christinos 9000 Mann gekostet hatte; die Scharte von Bilbao war glänzend ausgewetzt. Espartero benutzte den Monat Mai, zu neuem Angriffe sich vorzubereiten, der von San Sebastian, in dem Herzen der vereinigten Provinzen, ausgehen sollte. Der König rüstete sich gleichfalls mit höchster Thätigkeit: er wollte an der Spitze der Seinen in das Innere des Königreiches ziehen, seine Hauptstadt, die zum Sitze des usurpatorischen Gouvernements geworden, sich erobern und so den Krieg enden, der von ihr ausgehend, von ihr aus unterhalten wurde.

Nachdem die Anglochristinos am 4. Mai das Dorf Loyola genommen, -- wozu wieder die englische Marine die Schiffbrücke über den Urrumea schlug -- ging Espartero mit zwanzig Bataillonen zu Schiffe nach San Sebastian und übernahm dort den Oberbefehl. Mit 36000 Mann und 40 Feldgeschützen griff er am 15. Mai Hernani an und nahm es nebst Andoain nach geringem Widerstande der Carlisten; der König hatte schon seine Kerntruppen in Navarra für die Expedition vereinigt. Am folgenden Tage wandte sich Evans mit 12000 Mann gegen Irun, welches von vier Compagnien mit hoher Bravour vertheidigt wurde; erst am 17. nahm er die die Straße beherrschende Redoute und drang in die Stadt ein. Die Garnison behauptete sich hartnäckig gegen die stets wiederholten Stürme, die Häuser wurden mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen. Am Nachmittage ergaben sich vierhundert Mann, da ein festes Gebäude, in welches sie zuletzt sich geworfen hatten, schon halb erstürmt war; zweihundert wurden nach der Capitulation von den Feinden, erbittert über ihren Verlust, niedergestochen. Evans griff dann Fuenterrabia an, dessen Garnison, 300 Mann stark, ohne Widerstand capitulirte, da sie sich hülflos abgeschnitten sah.

So hatte Espartero endlich die große Heerstraße den Carlisten genommen und es blieb ihm nur übrig, die Linie längs der Gränze zu etabliren, um den Provinzen die Verbindung mit Frankreich abzuschneiden und sie ganz auf die eigenen Hülfsquellen zu beschränken. Die Nachricht von dem Abmarsche der königlichen Expedition und ihren Fortschritten in Aragon zwang ihn, die Ausführung des wichtigen Planes aufzugeben: er zog am 29. Mai von Hernani durch das Ulzama-Thal nach Pamplona, lebhaft von einigen ihn beobachtenden Bataillonen harcelirt, wobei er mehrere hundert Mann, unter ihnen den General Gurrea, einbüßte. Der Krieg in den Nordprovinzen ward für einige Zeit zur Nebensache.

[24] Die Präcision des Artillerie-Feuers jener Schiffe ging so weit, daß bald zwei oder drei Personen nicht mehr vereinigt dem Strande zu nahen wagten, da selbst ein so kleines Ziel nicht selten getroffen wurde.

[25] In seinen Briefen an seine Gemahlinn nach Logroño erklärte er die Lage der Armee für ganz hoffnungslos, den Entsatz unmöglich.

[26] Mein braver Camerad, Bernhard v. Plessen, früher Lieutenant in königl. Preußischem Dienste, ward gefangen, da er seine Batterie nicht verlassen wollte und bis zum letzten Augenblicke feuerte. Er fiel, kaum ausgewechselt, in der königlichen Expedition 1837.

[27] Um die Größe jenes Sieges, den Moreno durch seine geschickten Dispositionen herbeiführte, die furchtbar verwirrte Flucht der Anglochristinos und ihre Muthlosigkeit ganz zu würdigen, muß man die Berichte der Officiere von der britischen Legion lesen.

IX.

Acht Monate waren mir in dem Kerker von Logroño verflossen, die Operationen der beiden Armeen hatten mit dem Eintritt der schöneren Jahreszeit mit mehr Lebhaftigkeit wieder begonnen; meine Ungeduld, da ich immer zur Unthätigkeit verdammt blieb, ward bei jeder Nachricht von neuem glorreichen Kampfe der Meinen zu bitterer Verzweiflung. Umsonst hatte ich Auswechselung gefordert: es erfolgte keine Antwort auf meine Vorstellungen, die wohl in irgend einem untergeordneten Büreau mochten liegen geblieben sein. Da trat eines Morgens -- am 8. Juni 1837 -- ein Platzadjudant in mein Zimmer, mich zu benachrichtigen, daß ich am folgenden Tage nach der französischen Gränze abgeführt werde. Der Gouverneur der Provinz, ein trefflicher Mann, der nach langem Dienste im Auslande nicht ganz die Ideen und Vorurtheile seiner Landsleute theilte, hatte mir erklärt, daß er streben werde, Befehl zur Auswechselung oder den Paß für mich zu erlangen. Auf seine Darlegung befahl ihm Espartero, bis zu der Gränze mich escortiren zu lassen. Lange blieb ich regungslos bei der Freudenbotschaft, ich faßte nicht, glaubte nicht, was ich schon nicht mehr zu hoffen gewagt; dann sprang ich umher in lautem sinnlosen Jubel und lachte und dankte Gott für so herrliches Geschenk. Mein sehnlichster Wunsch sollte ja endlich erfüllt werden: ich verließ diesen Kerker, aus dem Flucht unmöglich war. Wohl war ich entschlossen, das französische Gebiet nicht zu erreichen.

Am nächsten Tage durchschritt ich zwischen zwei Reihen von Soldaten die fruchtbaren Gefilde der Rioja, welche der Ebro der Länge nach bespült. Mit welcher Sehnsucht blickte ich auf die Hügel, die jenseit des Stromes sich erhebend dem carlistischen Gebiete angehörten! Wiederholt war ich im Begriff, die Wache zu durchbrechen und in den Strom mich zu stürzen, der durch die Sonnenhitze ausgetrocknet fast überall passirbar war. Solcher Versuch wäre Tollheit gewesen. Wir übernachteten in Calahorra, wo früher die Messer der Mörder auf meine Brust gezückt waren, und setzten dann den Marsch auf Tudela fort, den Ebro dort zu passiren. Mein Plan war, nördlich von diesem Strome die Flucht zu versuchen, da es leichter sein mußte, von dort aus durch die Gebirge die carlistischen Truppen zu erreichen; da eine günstige Gelegenheit früher sich darbot, eilte ich, sie zu benutzen.

Am Mittage des zweiten Marschtages machte meine Escorte Halt, um in einem Landhause, einige hundert Schritt vom Ebro entfernt, ihr Mahl zu bereiten und dort während der drückendsten Wärme zu ruhen. Durch eine Schildwache vor der Thür bewacht, ward ich in ein Gemach der oberen Etage eingeschlossen, während die übrigen Soldaten vertrauend, daß ich der Freiheit zueilend wohl nicht entfliehen werde, und sorglos, wie stets der Spanier es ist, sich niederlegten, ihre Siesta zu schlafen. Auch der Officier zog sich auf sein Zimmer zurück, nachdem er mir einige Impertinenzen gesagt hatte. Ich biß die Lippen über einander und wünschte vom Grunde des Herzens, daß eine carlistische Streifparthei die unvorsichtigen Schläfer unangenehm aus ihrer Ruhe aufstören möge.

Die Sonne stand hoch am Himmel, glühende, erschlaffende Hitze ausströmend, da nicht der leiseste Hauch die Luft bewegte, Kühlung zu erzeugen. Die lautlose Stille war nur durch der Schildwache eintönig klagenden Gesang unterbrochen, der an die schwermüthig wilden Weisen des Arabers erinnert, wenn er vor dem Eingange des Zeltes den dunkeln Sternenhimmel bewundernd und umgeben von Allem, was ihm theuer, die Gazellenaugen der schönen Töchter Arabiens oder die Reize seines abentheuerlichen Wanderlebens besingt. Ich ward wunderbar aufgeregt; stürmisch wechselten Erinnerungen und Hoffnungen und Wünsche, bis alle in die eine Empfindung hinschwanden, in die unüberwindliche Sehnsucht nach Freiheit, den Entschluß, sie zu erlangen -- sei es durch den Tod. Geräuschlos nahete ich dem Fenster. Es war so hoch über dem Boden, daß es unmöglich schien, hinabzuspringen; doch ich konnte nicht mehr überlegen, ich schwang mich hinaus, ein kleiner Absatz begünstigte mich, doch der Fuß glitt ab, ich stürzte auf das Gras hinab, mit dem der Boden bedeckt war. Einen Augenblick lag ich betäubt, nur einen Augenblick: das Gefühl der drängenden Gefahr trieb mich auf, ich empfand kaum den Schmerz, welchen der heftige Fall dem linken Arm und der Schulter verursachte. Oben ward Geschrei hörbar; ich bog um die Ecke des Hauses, da lag der größte Theil der Soldaten ruhend im Schatten -- ich flog an ihnen vorbei dem Strome zu. Kugeln pfiffen um mich her, ehe ich ihn erreicht, ich warf mich in die Wellen und theilte sie mit der Kraft des höchsten Entschlusses; eine kurze Strecke nur mußte ich schwimmen, und bald deckten mich die Olivenwälder des jenseitigen Ufers gegen die Schüsse der Verfolger, die sehr lau in ihrem Bemühen den Fluß nicht zu überschreiten wagten, wiewohl ihr verworrenes Geschrei noch weithin mir nachtönte. Dennoch lief ich in athemloser Hast durch die Felder landeinwärts, bis gänzliche Erschöpfung in dichtem Gebüsche zu rasten mich zwang.

Ich war frei! Herrliches Gefühl der Freiheit; was bietet das menschliche Leben Erhabeneres, wer möchte ihm widerstehen, wer wäre taub und fühllos gegen die tausendfachen Güter und Reize, welche das eine Wort „Freiheit“ in sich fasset! Sie ist der schöne Götterfunken, durch den alles Edlere in des Menschen Brust zu Leben und Thätigkeit gerufen wird, das höchste Gut, welches den übrigen Werth giebt und sie veredelt. Wie traurig, daß erbärmliche Selbstsucht und Partheigeist so hehren Schatz zum Deckmantel ihrer Leidenschaften mißbrauchen können, daß die Freiheit dienen muß, zu allem Niedrigen und Entehrenden die verblendeten Menschen hinzureißen, und zur Verletzung ihrer heiligsten Pflicht und ihrer Eide, zum Umsturze der ehrwürdigsten Rechte zu vermögen. Wie schmerzlich, daß sie Selbstlingen, die jeder loyalen Empfindung unfähig sind, den Vorwand bieten muß zu dem vergeblichen Streben, was immer Natur, Recht und Gewohnheit als geheiligt hinstellt, bis zu ihrer eigenen schmutzigen Sphäre hinabzuwürdigen!

Ich war frei! Mein Herz pochte laut bei so wonnigem Gedanken, und ich stattete dem Höchsten innigen Dank für die neue Wohlthat. Doch die Gefahr war noch nicht vorüber, und ich eilte, nach kurzer Frist meinen Marsch fortzusetzen, indem ich den Stand der Sonne beachtend nach Nordwesten mich richtete, wo ich zuerst carlistische Truppen zu finden hoffte. Wohl durch die Mittagshitze von den Arbeiten zurückgehalten, war lange Niemand in den Feldern sichtbar; wie aber die Frische zunahm, traf ich häufig Bauern, deren Blicken ich möglichst mich zu entziehen suchte. Was sollte ich thun? Ich wußte nicht, wo ich war, wie fern von unsern Garnisonen; ich mußte fürchten, gar irgend einer feindlichen Streifparthie oder einem ihrer festen Punkte mich zu nahen, im Falle ich etwa noch im Gebiete der Christinos mich befände. So beschloß ich zu fragen. Ein greiser Bauer war mir nahe mit der Hacke beschäftigt; ich eilte zu ihm, der nicht wenig überrascht, erschreckt selbst mich nahen sah. Mein Gespräch beruhigte ihn bald, und da ich endlich, durch seine herzlichen, einfachen Worte ermuthigt, ihm meine Lage offen auseinander setzte, bot er mir die Hand und bat mich, ohne Furcht ganz auf ihn zu vertrauen. Eine Stunde später saß ich ruhig in seinem niedrigen Häuschen, einen Becher stärkenden Weines vor mir, und spät am Abend bestiegen wir die Maulthiere meines Wirthes, der mich sicher nach Estella zu geleiten versprochen hatte.

Die Nacht war mondhell und erlaubte uns, auch auf den Gebirgspfaden verhältnißmäßig schnell zu reiten; wir hatten dazu das Glück, Niemand auf dem Marsche zu treffen, von dem wir Verrath hätten fürchten dürfen. Wenige hundert Schritt zur Rechten erhoben sich die Mauern von Lerin, die durch die Unseren kurz vorher zerstört, nun von Neuem aufgerichtet wurden, und der Ruf der Schildwachen „~sentinela alerta~“, wie er in rascher Folge längs den Werken hinablief, tönte hell und drohend in unser Ohr. Gewohnt, während der Nacht carlistische Krieger ihnen nahe und bis zum Fuße ihrer Wälle schweifend zu wissen, ließen die Feinde uns unbeachtet, wiewohl das Gebell der Hunde wie der laute Schall von den Tritten unserer Maulthiere die Gegenwart von Fremden ihnen verrieth, und so wie wir aus ihrem unmittelbaren Bereiche waren, entriß uns schnell ein tüchtiger Trab der Gefahr. Da naheten Tritte, Bajonnette blitzten im Mondenscheine; ich gestehe, ich fürchtete und beklommen vermochte ich kaum zu athmen. Doch mein Führer, scharfen Blickes das Helldunkel durchspähend, ritt ruhig vorwärts -- im nächsten Augenblicke erkannte ich die weißen Barette der Freiwilligen: ich war unter den Meinen. Mein Jubel war unendlich. Nach so langen Monaten, die ich eingekerkert, thatenlos verschmachtet, sah ich die Krieger, die ich als Cameraden begrüßen durfte, deren Kämpfe zu theilen das Streben meines höchsten Ehrgeizes war. Die Zukunft erschien mir wieder in das anziehend glänzende Gewand der Hoffnung gehüllt, die, wie oft auch bittere Erfahrung dem Menschen ihre Trüglichkeit zeigt, doch immer wieder auftaucht aus der Tiefe, in der sie geschlummert; die alte, heiße Sehnsucht nach Kampfesgetümmel und kriegerischem Treiben war nur feuriger geworden durch das Erlittene und in dem Schmerze, daß so lange Zeit, so glänzende Ereignisse für mich verloren waren.

* * * * *

Am Mittage des 11. Juni langte ich in Estella an, einer der vorzüglichsten Städte Navarra’s und Hauptpunkt des carlistischen Theiles der Provinz; die Stadt, im Innern freundlich und durchströmt von der Ega, war nun doppelt belebt und blühend durch die Ausgewanderten, welche ihr eigener Eifer oder revolutionaire Unduldsamkeit dorthin getrieben hatte. Die Befestigung war seit dem Angriffe Oráa’s bedeutend gehoben; da die Stadt in einem Kessel liegt, waren rings die sie umgebenden Höhen mit selbstständigen Forts und Werken gekrönt, deren Feuer, überall sich kreuzend, wechselseitig sie vertheidigte, die zu der Stadt führenden Wege und Schluchten beherrschte und so die Annäherung sehr schwierig machte. Ich traf in Estella einen befreundeten Officier, mit dem ich während ein Paar Wochen vereint gefangen gewesen, und der mich dem General Garcia vorstellte, von dem ich zum General Uranga gesandt wurde, da dieser als commandirender General der vier Provinzen während der Abwesenheit Sr. Majestät zurückgelassen war. Er war in der Armee unter dem bezeichnenden Namen des guten Dummkopfes bekannt: seine rühmlichsten Eigenschaften bestanden in unbegränzter Herzensgüte, Redlichkeit und der Treue für seinen Monarchen, zu dessen Vertheidigung er das Schwerdt ergriffen. Seine Talente entsprachen leider nicht der hohen Stellung, die ihm anvertraut war, wiewohl er Vieles dadurch ersetzte, daß er stets bereit war, den Rath erfahrener Männer zu erbitten und zu befolgen. Uranga bestimmte mich nach freundlicher Aufnahme und langer Unterredung zu dem Generalstabe von Navarra, da General Garcia mich dazu erbeten hatte, von dem ich sofort, nach Estella zurückgekehrt, auf das schmeichelhafteste empfangen wurde.

Don Francisco Garcia war bei dem Ausbruche des Aufstandes Pr.-Lieutenant der freiwilligen Royalisten; Bravour und Talent hoben ihn rasch zu den höchsten Graden. Ohne militairisch-wissenschaftliche Bildung ersetzte er diesen Mangel durch lebhaften, das Verwickeltste mit Leichtigkeit auffassenden Verstand und durch genaue Kenntniß von seiner vaterländischen Provinz Navarra, den Vorzügen, Mängeln und Bedürfnissen derselben, so wie von dem Charakter seiner Landsleute. Seit er an der Spitze des Königreiches stand, leitete er die Kriegs-Operationen mit höchster Auszeichnung und verwaltete das Land sehr gerecht, weßhalb die Bauern, welche nicht selten seiner Fürsorge und Großmuth die Erhaltung ihrer Erndten, ihrer Güter und ihres Lebens verdankten, ihn eben so anbeteten wie die Soldaten, denen er der sorgsamste Vater war. Unerschütterlich in seiner Treue für Carl V. war er scharfsichtig genug, um die undankbaren Selbstlinge zu durchschauen, welche den verblendeten König durch Heuchelei zu täuschen wußten, da sie bereit waren, ihren erhabenen Wohlthäter zu opfern, so wie ihre Zwecke es erheischen möchten. Garcia kannte sie und that, so viel in seiner Macht stand, um ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Arglist siegte auch da über biedere Loyalität; der edle Garcia fiel unter den Streichen Derer, die durch seinen und seiner Freunde Tod das Gelingen ihrer Verrathes-Complotte sicherten.