Part 2
Zum Text. Die vielen, manchmal sehr starken Anakoluthien wie 18,_{1-17}, 22,_{18}-23,_{1} oder Zerfahrenes wie 21,_{26} ff. bleiben natürlich bestehen; auch allerlei Schwankungen der Orthographie, soweit nicht der Zufall eine vereinzelte Abnormität bietet. 6,_{7} =auf dem fett= 7,_{6} =Endtzwecke=; in den Anm. übers Theater steht =Entzweck= 20 =zeigen=, nicht »zeugen von« ist bei Lessing u.s.w., Goethe u.s.w. nicht selten 8,_{36} =öftern= 9,_{14} =sich= ist wohl aus Versehen, da das obige nachklang, ausgefallen _{32} =Punkt mit dem=, Lenz wollte dann »verbinden« oder »vereinigen« schreiben 10,_{26} =Richtscheid= als Masc. wie Entscheid 11,_{10} =dem= _{37} =Ebenheurer= 12,_{2} =Gesicht, das= _{8} =Las=; Lenz mag ja in der Eile so geschrieben haben, wie er sogar 'Parnas' schreibt _{23} =Fischglocke= _{25} =gleichfals=, sonst hier nie _{31} =daß Wir= _{36} =Skiagraphie= zu ändern ist nicht geboten, da Lenzens Griechisch manchmal inkorrekt erscheint 13,_{23 } =sollten=. -- _{25} =heimsucht= 14,_{33} =wovon= fett 15,_{22} =seyn=: seyen, wie bei Kant, Herder u.s.w. _{34} =sobald= 16,_{1} J. Lenz moniert den Druckfehler, an Zimmermann s. o. 17,_{4} =konnte, die Leben= 18,_{21} Komma fehlt _{32} =Verdienste= nicht fett 19,_{10} =Amadisse, daß= _{18} =und die= 22,_{1} =Wohl dem= _{19} =den= =ersten= 24,_{24} =glaubt= zu ändern? 25,_{16} =ihre V., ihre= _{17} =ihre= _{20} =Sie= _{34} =seit ab= gegen 28,_{2} 26,_{3} =thönen= gegen die Norm (auch Anm. übers Theater S. 8) 27,_{22} =erborgtes= läge näher _{29} =gefühligen= korrigiert Lenz selbst statt des Druckfehlers =gefühllosen=, an Zimmermann s.o. 28,_{6} =ihre= _{17} =ihr=
_Beilagen_. 1. »_Pandämonicum Germanicum_.« Die Scene ist aus der in einem zu Weinholds Doktorjubiläum 1896 als Privatdruck von Berliner Germanisten mit den Varianten des Dumpfischen Manuskriptes und einem Kommentar herausgegebenen Maltzahnischen Handschrift; beides nun in der Kgl. Bibliothek vereinigt. Tieck und Sauer wiederholen den Nürnberger Druck, an dessen lässigen und willkürlichen Abweichungen nicht Dumpf, sondern der Verleger Campe die Schuld trägt. Vgl. zur Überlieferung noch Falck, Sterns Litterarisches Bulletin der Schweiz V 1896, No. 1 f.
29,_{11} πω und 30,_{23} =danzen= schreibt Lenz auch sonst 31,_{1} Sophie v. La Roche.
2. »_Meynungen eines Layen_ den Geistlichen zugeeignet. Stimmen eines Layen auf dem letzten theologischen Reichstage im Jahre 1773. Leipzig in der Weygandschen Buchhandlung. 1775« 189 S. Vgl. über diese anonyme Schrift, deren Einkleidung auf Klopstocks »Gelehrtenrepublik« weist, deren Tendenzen in erster Linie von Herder ausgehen, einstweilen meine Notiz, Lenziana 1901, S. 5 f. (Sitzungsberichte der kgl. preuss. Akademie der Wissenschaften 41, 983 f.). Die ästhetisch-ethische Abschweifung berührt den Gedanken- und Tendenzenkreis der »Vertheidigung«.
33,_{5.6} =er= nicht in »es« zu ändern, da Lenz für =Kind der Natur= in Gedanken »Mensch« substituiert; auch ist 34,_{2} =dauerhaftern= nicht geboten 34,_{14} vgl. Anm. übers Theater S. 28 _{18} im dritten Absatz »Von deutscher Baukunst«.
Vertheidigung des Herrn W. gegen die Wolken
von dem
Verfasser der Wolken.
=Nec sum adeo informis.= =_Virg. Eccl. 2. v. 25 & sq._=
1776.
Nachricht des Verlegers.
Der Verfasser dieser kleinen Schrift hatte mir eine Handschrift zugesandt, deren Druck er nachher aus wichtigen Gründen zu hintertreiben für gut fand. Da diese Schrift aber doch durch verschiedene Hände gegangen war, fürchtete er, sie könte bei einigen seiner Leser nicht nur widrige Eindrücke gegen die darin vorkommenden Personen, sondern auch wider den Verfasser selbst, der, als er sie schrieb, seiner Einbildungskraft und seinen Leidenschaften Zügel anzulegen nicht im Stande war, zurückgelassen haben. Diese auszulöschen schrieb er folgende Vertheidigung der in den Wolken vorgestellten Personen und seiner selbst, weil er einen Schritt, den er im Aristophanischen Spleen zu weit gethan, auf keine andre Art gut zu machen wuste, um zugleich durch sein Beispiel allen seinen jungen Landesleuten, die in ähnliche Umstände kommen könten, einen Wink der Warnung zu hinterlassen.
Da sich sogar in der Katholischen Kirche, die eine Unfehlbarkeit des Pabstes zum ersten Grundsatz ihres Glaubens annimmt, von dem übel unterrichteten zum besser unterrichteten Pabst appelliren läßt, so wird hoffentlich einen großen Theil meiner Leser nicht befremden, wenn ein Dichter, der gewiß nicht mit kaltem Blut schrieb, bei gelassenerm Nachdenken manche Schritte, die sein Flügelroß gemacht, hernach selbst, wo nicht mißbilligt, doch entschuldigt und dafür um Nachsicht bittet. Er übersah seinen Weg, und das Ziel, wohin er kommen wollte, vorher, hernach setzte er =nulla habita ratione= über Stock und Stein, dahin zu gelangen; er sieht sich um, und findt, daß er von der Landstraße abgeirret, durch manche Sümpfe gesetzt, sich und andere mit Koth bespritzt, und nun zittert er, wohl gar durch sein Beyspiel andere Strudelköpfe zu seiner Nachah-[4]mung bewogen, und wieder sein Wissen und Willen in die äußerste Gefahr gestürzt zu haben, im Sumpf unterzusinken und dem Auge der Sterblichen entzogen zu werden.
Es ist nichts leichter als eine Aristophanische Schmähschrift geschrieben, es möchte aber in manchen Fällen ein wenig schwer werden, sie zu vertheydigen. Zum ersten gehört weder sehr ausgeschliffener Witz, noch sehr kühne und schöpferische Phantasie, noch auch großer Scharfsinn, sondern nur ein hoher Grad von Unverschämtheit, alles zu sagen, was einem in den Mund kommt, und viel Boßheit und Grobheit sich durch keine Rücksichten zurückhalten zu lassen, mögten sie auch noch so erheblich und der menschlichen Gesellschaft noch so heilig seyn. Es ist dieselbe Kunst, die ein dreister Bube besitzt, dem ersten besten wohlgekleideten Mann Koth, Steine, Erdschollen und was ihm zu Handen kommt, ins Gesicht zu werfen. Die Vertheidigung aber, die Darlegung der Ursachen, die uns nothgedrungen haben, eine so unanständige Handlung zu begehen, und wie Aristophanes (aber mit großem Unrecht) an einem Ort sagt, alle Schaam bey Seite zu setzen, ist eine so leichte Sache nicht, und wenn wir Unrecht haben, unmöglich.
[5] Man wundre sich nicht, daß ich die Vertheidigung des Herrn W. mit einer Vertheidigung der Wolken anfange. So scheinbar dieser Widerspruch ist, so ist er in der That doch keiner, weil ich mich, wie billig, erst vor meinem Vaterlande legitimiren muß, ehe Herr W. oder ein anderer in meine Vertheidigung einen Werth setzen können. Sonst könnte der erste beste von dem niedrigsten Gelichter aufstehen, und die Ehre eines sonst um die Nation verdienten Mannes ungescheut antasten, unter dem Vorwande, durch seine Vertheidigung alles wieder gut machen zu wollen.
Wenn bloß jugendlicher Kützel und Leichtsinn mich zu einem solchen Schritt gebracht hätten, so wäre er in aller Absicht unverzeyhbar, wäre es Rache für empfangene Beleidigungen gewesen (die freylich bey den alten Griechen für kein Laster gehalten wurde) so wäre er, ich gestehe es, mehr klein als strafbar; beydes ist mein Fall nicht. Herr W. hat sich gegen mich gerechter als gegen alle andere angehende Schriftsteller bewiesen. Wäre es, was schon Hesiod an den Dichtern gerügt hat, Handwerksneid -- erlauben meine Leser, daß ich hier Othem hole -- -- Herr W. hat in der That seinen andern Zeitverwandten, denen doch die [6] öffentliche Stimme der Nation auch Gaben des Himmels zuerkannte, die Luft ziemlich dünne gemacht, und in einer zu subtilen Atmosphäre können nur Sylphen leben. So viele sind unter seiner alles verzehrenden Influenz ohnmächtig hingesunken, ohne einen Laut von sich zu geben, wenn nun die Wolken ein Schrey gegen Unterdrückung gewesen wären, welcher Tyrann wollte aufstehen und sie Henkershänden übergeben? -- Indessen, das waren sie meines Orts nicht. Herr W. wie gesagt, hat sich gegen mich billiger erwiesen, als gegen andere, und der nagende Vorwurf einer Unerkenntlichkeit, gänzlichen Unhöflichkeit vielmehr, war der schlimmste aller Geyer, die ich zu überwinden hatte.
Indessen, was ich niemals für mich gethan hätte, das that ich für andere, deren stillschweigend selbstübernommenes Loos (was die galante Welt so gern Schicksal nennt) mir durch die Seele gieng. Die Einbildungskraft, meine Leser! ist der Fonds, von dem wir alle leben sollen, dieser unter dem blendenden Vorwande des Geschmacks alles absprechen wollen, heißt allen Dichtern einer Nation das Leben absprechen: sehen Sie da die Ursache des Verfalls _alles Geschmacks_ bey erloschenen Na-[7]tionen, und damit diesem Uebel bey uns an der Wurzel vorgegriffen werde[B], sehen Sie da dringenden Anlaß zu einem gewaltsamen und entscheidenden Schlage. Sobald einer allein das Geheimniß besitzt, durch gewisse Reize, die sich andere oft nicht erlauben können, öfter aber nicht erlauben wollen, den großen Haufen Lacher auf seine Seite zu ziehen, und sodann nur das Geschmack nennt, was in seinen Kram gehört, das heißt, was seine anderweitigen eigennützigen Absichten befördert, so ist dieses Monopolium gerade der Untergang alles wahren Geschmacks und ein gräßlicher Rabe, der dem nahen Winter entgegen kräht. Mag er alsdenn für seine Person ein noch so treflicher Mensch seyn, er ist der Republik gefährlich, und um so gefährlicher, je hervorstechender und glänzender seine Talente sind, und das erste beste Mittel seinem Geist beyzukommen, _ohne seinen Glücksumständen oder der persöhnlichen Hochachtung, die man ihm schuldig ist_, zu nahe zu treten, muß jedem wahren Patrioten immer gut genug seyn.
Man mache hier, ich bitte, nicht so geschwinde die Anwendung auf Herrn W. ich bin [8] nicht da, ihn zu beschuldigen, sondern ihn zu rechtfertigen. Die Umstände haben sich vielleicht ohne sein Mitwürken so gefügt, und die jedem Menschen anklebenden Schwachheiten haben die Augenblicke der Versuchung überrascht, ihm das Ansehen eines _ganz allein_ auf dem Parnaß glänzen wollenden Diktators zu geben, auch hat er, welches das meiste ist, in unzählig vielen Dingen dieses Ansehen zu guten und treflichen Endzwecken angewandt. Absichten zu beurtheilen ist keine menschliche Sache, genug der _Erfolg redt für ihn_. Desto größer, wenn er ihn sich allein zuzuschreiben hat. Er hat, daß ich so sagen mag, auf einer Seite unserer vaterländischen alten Steifigkeit, _Langsamkeit_ und Pedanterey, auf der andern der glänzenden Unwissenheit vieler nach falschen Mustern gebildeten Gesellschaften von sogenanntem guten Ton mit wahrer deutscher Mannhaftigkeit und Muth die Stange gehalten, und selbst die Ausschweifungen seiner Muse von der äussersten angestrengtesten Schwärmerei zu der zügellosesten Leichtfertigkeit waren zu diesen Endzwecken nothwendig. Ja ich möchte sagen, dieser große Mann war vielleicht der Einzige unter allen Gebohrnen, der Durst nach Erkenntniß, Feinheit der Gefühle und in einem gewissen Grad Güte des [9] Herzens unter den allerdisparatesten Ständen und Beschaffenheiten seiner Landsleute von den Kabinettern bis zur niedrigsten Klasse seiner Leser gäng und gebe machen konnte. Um so viel mehr war er zu fürchten -- sobald er um ein Haar aus seinem Geleise trat.
Ich schrieb einst einem meiner Freunde, ich habe nichts wider W. aber alles gegen die W. die nach ihm kommen werden. Einem andern: ich liebe W. als Menschen, ich bewundre ihn als komischen Dichter, aber ich hasse ihn als Philosophen, und werde ihn unaufhörlich hassen. Ich führe diese Ausdrücke hier darum wieder an, um zu beweisen, daß nicht die Nothwendigkeit mich zu vertheidigen, sondern anderweitige Beherzigungen diese widrigen Empfindungen gegen ihn schon seit langer Zeit in mir veranlaßt. Zugleich bitte ich aber auch meine Leser, mit Geduld anzuhören, wie ich diese meine Ausdrücke verstanden wissen will.
So lange das Ansehen, das sich dieser Mann gab, zur Erreichung edler Endzwecke nothwendig war, so mußte es jedem andern Erdensohne, besonders aber dem, der auch nur [10] einen Schimmer von diesen Endzwecken abzusehen im Stande war, heilig bleiben. Sobald er aber -- man erlaube mir diese dreiste Zumuthung -- die Endzwecke erhalten, zu deren Erreichung er von höhern Mächten zum Mittel schien ausersehen zu seyn, so trete er in die Reyhe der übrigen um ihre Nation verdienten Männer zurück, und erwarte, welch einen Kranz ihm das von seinem Werth gerührte Vaterland zuwerfen wird. Ein solches Mißtrauen aber in seine Landsleute zu setzen, sich alles zuzueignen, was sie ihm freiwillig würden gegeben haben und das mit Vernachtheiligung und subtiler Verunglimpfung anderer, die, nachdem sie gehandelt hatten, schwiegen -- das zeigt, mein Gegner verzeyhe mir, von einer Seele, die ihr erstes Gepräge ein wenig auslöschen lassen, und vielleicht durch physische, vielleicht durch oekonomische Ursachen zu Mißtrauen und Kleinmuth herabgewürdiget worden. Wie glücklich, wenn ich sie ihrem Vaterlande wieder schenken, oder vielmehr die gehörige Erkennung zwischen ihr und ihrem Vaterlande durch alle meine tölpischen Streiche befördern helfen könnte.
Man erlaube mir doch hier, allen künftigen Dichtern oder Nachtretern und Nachbetern [11] unserer Dichter, wenn es möglich wäre, mit der Stimme des Mars, als er verwundet war, oder wollen sie lieber mit der Stimme Silens des Eselreiters zuzurufen, daß _Uneigennützigkeit_ der große, der ewige Probierstein aller wahren Dichter gewesen ist, ist und bleiben wird. Hier ins Kleine zu gehen, wird man mir erlassen: ich weiß, daß auch Dichter Leben und Othem haben müssen, und daß wohl niemand mit mehrerem Recht auf Belohnungen der Republik Ansprüche zu machen habe, als ein Dichter, der ausgedient hat. Wo sind die Zeiten hin, da die Anführer wilder Horden in den Schottischen Gebirgen hundert Barden mit sich führten, ihnen bey frölichen Schmäusen ihre Lieder vorzusingen? Und was kann wohl erbärmlicher seyn, als einen Dichter, der doch, wenn er ächt seyn will, _durch so vieles gegangen seyn muß_, am Ende seines Lebens einen Karren ziehen, oder ein Mühlrad umdrehen zu sehen wie Plautus. Ach, daß die Liebe zur Unsterblichkeit den Sporn für die Fürsten nie verlieren möge, nicht sich Schmeichler zu dingen, wie Horatz war, sondern um ihr Vaterland verdiente Männer _zu belohnen_, die höchste Schmeichelei, die sie sich selber machen können.
[12] Fern also, Herrn W. sein glückliches Schicksal zu beneiden, fern irgend einige Ansprüche auf ein ähnliches zu machen, ehe ich einen ähnlichen Grad des Verdienstes oder ein Alter erreicht, in welchem Erschöpfung der Kräfte und Hülflofigkeit von selbst, wo nicht zur Belohnung, doch zu menschenfreundlichem Beystande einladen werden: so wünschte ich vielmehr, durch meine unmanierliche Art von den Sachen zu reden seine wahren Verdienste in ein desto helleres Licht zu setzen, und sie durch den Schatten, den ich drauf geworfen, daß ich so sagen mag, desto besser abstechen zu machen, und den Leuten vor die Augen zu bringen, zugleich aber auch Herrn W. durch die gerechten Belohnungen seines Vaterlandes ein für allemal die Hände zu binden, daß er durch allzulebhafte Anmaßungen nicht Eingriffe in die Rechte anderer thue, sondern aufkommen und gedeyhen lassen wolle, was dem Vaterlande gut und nütze seyn kann, wenn es gleich nicht durch ihn gepflanzt und gesäet worden. Bisweilen ist auch die zu gar große Begierde, von dem Seinigen und zwar vor aller Welt Augen was dazu zu thun, die sich so gar zu gern in Patriotismus und Menschenliebe einkleidet, den jungen Pflanzen schädlich und verderblich, die durch allzu öftere [13] und bisweilen rauhe Berührung gern welk werden.
»Wer soll aber den Geschmack ausbreiten und der Verwilderung oder Verwahrlosung desselben vorbauen, wenn es nicht die thun, die es schon selbst in einer Kunst zu einem Grad der Fürtreflichkeit gebracht?«
Ich fühle das ganze Gewicht dieser Frage, meine Leser! aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Poeten als Kaufleute anzusehen sind, von denen jeder seine Waare, wie natürlich, am meisten anpreist. Wie ungerecht, wenn da einer aus ihren Mitteln _entscheiden_, die letzte Stimme geben soll! Und wenn er ein Engel wäre, wie ungerecht! Alle Plane, die er anlegt, alles Lob, das er austheilt, werden, wie natürlich, zu seinem Endzwecke führen, welcher ist, sich allen andern vorgezogen zu sehen und die andern aufs höchste nur als Trabanten in seiner Atmosphäre [sich] umdrehen zu lassen. Wem soll also das Urtheil über uns zustehen, wenn es nicht dem zusteht, für den wir da sind, dessen Beyfall uns leben und athmen lässet, ich meyne _dem ganzen Volk_. Ich nehme hier das Wort im gemilderten Verstande, so daß ich den Pöbel, der weder Dichter noch Gelehrte anders als vom Hörensagen kennt, davon aus- [14] schließe. Dagegen zähle ich auch _die Väter des Volks_ zum Volke, die wie alle _Helden und großen Männer des Alterthums_ auch in ihren Vergnügungen sich bis zum Volk herunterlassen, da sie wohl wissen, daß dieses von jeher das _einzige und höchste Mittel war, sich seiner freywilligen Treue und Ergebenheit in allen auch den schwersten Erfordernissen zu versichern_.
Dieses Volk muß aber geführt werden, da es sonst in seinem Geschmack eben so unbestimmt und schwankend seyn würde, als es in seinen Handlungen zu seyn pflegt, es muß sich _in einem Punkt dem verfeinerten und bessern Geschmack der Edlern anschließen können_, das einzige Band zwischen Großen und Kleinen, Beherrschern und Unterthanen, das einzige Geheimniß aller wahren Staatskunst, ohne welches alle bürgerliche Verhältnisse und Beziehungen auseinander fallen, ohne welches der Bürger immer den Staat als den Unterdrücker und der Staat den Bürger als den Rebellen ansehen wird. Sehen Sie da die Nothwendigkeit _der wahren Gelehrten_, am meisten aber derjenigen _Philosophen_, die das ganze Reich der Wissenschaften durchwan- [15] dert und von diesen Wanderungen mit den schärfsten und reichhaltigsten Einsichten und dem feinsten Geschmack, aber auch mit dem unverdorbensten zärtesten Gefühl, für alle Rechte der Menschheit und auch für den geringsten Eingriff in dieselbigen zurückgekommen sind, etwa wie Herodot, Solon, Lykurg, und später Demokrit und Pythagoras im Alterthum waren. Diesen und nur der vereinten Stimme dieser überlasse man es, ein _Endurtheil_ über den Dichter zu fällen, der mit dem Volk stehen und fallen muß. Diese allein sollten den heiligen Namen der Rezensenten tragen, der freylich in unserm Jahrhundert an so unzähligen Stirnen schon ein Brandmal geworden ist. Auf dieser, und je nachdem sie sich durch anhaltenderes Streben und Leiden als bewährtere Freunde des Vaterlandes bewiesen haben, auf dieser ihre Stimme allein, harre und zähle die Nation, wenn sie über den Werth und Unwerth neuerschienener Produkte _entscheiden will_. _Aber auch diese müssen belohnet werden._ Wir haben solche Zeiten in Deutschland gehabt. Als noch Abbt, Mendelsohn, Hamann und ihres gleichen gehört wurden[C], da war noch [16] sicherer Richtscheid des Geschmacks derer, die ihr Gefühl an den aufwachsenden Sängern ihres Vaterlandes übten. Was soll man aber zu einem Dichter sagen, der mehr Buchhändler als Dichter auf diesen Grund fortbaute, das heißt Kunstrichter aus ganz Deutschland zusammenmiethete, um endlich auf diesen ungeheuren Obelisk sein Bild mit desto mehrerer Sicherheit aufstellen zu können, der alle Offizinen und Druckerpressen auf gewisse Art in Anspruch nahm, um nichts in seinem _Vaterlande ans Licht kommen zu lassen_, das nicht von ihm und seinem Geschmacksrath vorher war gestempelt worden. Denn er hatte die Wahl der Rezensenten, die er nach seinen einseitigen Absichten so geschickt zu vertheilen wußte, daß die Guten die Schlechten unterstützen, und da _sie alle ohne Nahmen waren_, so ganz in der Stille, unwahrgenommen und ungerügt, für einen Mann stehen, das heißt -- sein Buchhändlerinteresse befördern mußten. Eine herrliche Aussicht für unsere Gelehrsamkeit, eine herrliche freye Luft für Gelehrte -- den edelsten Theil der Nation -- darin zu athmen. So triumphirten von jeher kaufmännische Kunstgriffe und niedrige kleine Streiche über den wahren Adel des Herzens gewisser auf diesen _Punkt [17] einfältigen Weisen_, die die Vortheile des Lebens verachteten, und aus zuweit getriebener Sorglosigkeit dafür sich _auch die Mittel abschneiden ließen_, ihren Brüdern nützlich zu seyn.
Ich verdenke es Herrn W. nicht, daß er, um Ansehen dem Ansehen, Kunstgriffe den Kunstgriffen entgegenzusetzen, eine kritische Bude von ähnlicher Art, wiewohl doch mit mehrerem Geschmack, errichtete. Er war bisher von diesen gemietheten Kritikern, die _nur lobten, weil sie sich sonst beym Volk nicht hätten erhalten können_, zu sehr gemißhandelt worden, als daß er nicht auf ein Mittel bedacht seyn sollte, sich ihrem unleidlichen, ganz und gar nur Merkantilischen Joch zu entziehen. Welcher Gelehrte, der die Würde seiner Seele fühlt, könnte auch anders als mit Verachtung daran denken? Dieser Ostrazismus von Stimmen aus dem Vaterlande, die ein einziger, der zugleich Kunstrichter, Dichter, Buchhändler und alles in allem seyn will, einsammelt und in seinem geheimen Topf durcheinander schüttelt -- dieses schändliche Gewerbe von Lob und Tadel, zu dem ihm einige der Edelsten der Nation die Kräfte leihen, um alles, was Freyheit, Tu- [18] gend und Ehre athmet, zu unterdrücken, oder wenigstens, so viel an ihm ist, nicht zu Kräften kommen zu lassen, es sey denn, daß es zu seinen Privatabsichten diene, dieser Ebentheurer, mit den Mienen der Weißheit im Gesicht, der Eigensucht und Schalkheit im Herzen trägt, und vermittelst der ersteren durch diese zwey verborgenen Triebfedern unser ganzes Vaterland in Bewegung setzt, und von niemand abhängig, alles von sich abhängig machen will -- das unser Tribunal? -- von dem sich nicht appelliren ließe? -- das die bewährten Zeugen unseres Werths? -- Warum nennen sie sich nicht? -- Laß sie hervortreten, wenn das Vaterland ihnen glauben soll -- und wenn es sie sonst kennt, wird es ihre Stimme ehren, so aber sind sie durchs Fenster hineingestiegen und Miethlinge, denen der Nutzen des Vaterlandes so fremd ist, als dem darauf lauernden Wolfe.
Wenn nun diese mit den allergrößten Anmaßungen von der Welt, und immer, wie Herr Klopstock unbezahlbar erinnert hat, anstatt ihre _einseitige_ Stimme zu geben, mit einem Egoismus, der alle Grenzen der Schaamhaftigkeit übersteigt, und eben deswegen ungerügt bleibt, als Repräsentanten der [19] ganzen Nation sprechen, eine Stimme für die Stimme aller ausgeben, um die Blöden zu übertölpeln, die Einfältigen fortzureißen, die Weiseren aber, die zu stolz sind, sich mit ihnen in Verbindungen oder zu ähnlichen Kunstgriffen herab zu lassen, wie die Tischglocke den guten Homer um ihr Auditorium zu bringen: wer kann es Herrn W. verdenken, daß er gleichfalls um Ansehen dem Ansehen entgegen zu setzen, er, der es gewiß mit mehrerem Rechte thun konnte, sich des unleidlichen _Wir_ bediente, das er doch an andern Schriftstellern als ein unverzeyhbares Verbrechen verdammte[D]. Da es nun aber so weit gekommen ist, daß sein Wir nicht mehr gilt, als jedes andern ehrlichen Mannes von seinem Werth, so ist es auch billig, das Wir eines prätendirten Ausschusses der Nation, der es aber mit eben dem Recht ist als jener, der Karln dem Ersten den Kopf absprach, auf sein erstes Ich zurückzubringen: Ich der Buchhändler N. der das Kunststück versteht, eine Gesellschaft Gelehrte, die einander nicht kennen und sich gänzlich unähnlich sind, [20] einen durch den andern hinters Licht zu führen, etwa wie jener geschickte Taschenspieler, der in eine Gesellschaft unbekannter Leute hereintrat, von denen jeder glaubte, er sey der Freund des andern, und ihm alle mögliche Hochachtung bezeugte, die er denn so gut zu nutzen wußte, daß er mit dem ganzen Silberzeuge, auf dem sie gegessen, davon gieng.