Versuch über die physische Erziehung der Kinder

Part 9

Chapter 93,532 wordsPublic domain

Besonders aber sollten Erzieher darauf sehen, das +Gefühl+ ihrer Zöglinge zu verfeinern; denn das Gefühl ist unsre beständige Wache, die über unsre ganze Oberfläche ausgebreitet ist, die bei der geringsten Gefahr durch Schmerz uns warnet, daß etwas da ist, was unsrem Ich nachtheilig seyn kann. Dies sehen wir vorzüglich an den Menschen, welche ihre Lage, ihr Unglück zwang diesen Sinn zu verfeinern. Die Blinden z. B. können oft Farben unterscheiden bloß durchs Gefühl. Warum denken wir also nicht mit Ernst darauf, diesen Sinn in hohem Grade bei unsren Zöglingen zu üben, da wir alle fast die Hälfte des Lebens blind sind? Wir sind, sagt +Rousseau+, beim Tage die Führer der Blinden, und bei der Nacht sind sie die unsrigen. Wir können des Nachts, wenn wir in einem dunklen Zimmer sind, durch den leisen Zug der Luft fühlen, ob und wo eine Thüre oder ein Fenster offen ist, wir fühlen auf einem Schiffe bei der Nacht durch den leisen Zug der Luft, welche Richtung es geht, ob es schnell oder langsam fortgetrieben wird. Wir fühlen, ob sich bei der Nacht ein Gegenstand unserm Körper nähert, oder sich von ihm entfernt. Wir können also ohne Hände, ohne Stock bloß durch Uebung viel fühlen, und haben manchen Vortheil durch diesen Sinn denn, wenn die übrigen uns nichts früchten; da wir aber das nicht bei Tage lernen können, weil uns denn unwillkürlich die andren Sinne zu Hilfe kommen, und uns wider unsren Willen zerstreuen; so ist das ein wichtiger Grund, der uns die +Nachtspiele+ der Kinder empfehlen muß. Man gewöhne die Kinder oft unter vernünftiger Aufsicht des Nachts zu spielen; dies hat in vieler Rücksicht manches Gute. Die Ammen mögen freilich vielen Antheil an der Furcht haben, die viele Menschen Nachts so sehr ängstigt. Allein unsre Unbehaglichkeit bei der Nacht kömmt nicht von ihnen allein her. Es ist +Instinct+; denn die Nacht erschreckt auch Thiere, wie wir vorzüglich bei großen Finsternissen sehr auffallend bemerken können. -- Was den Pöbel abergläubisch, und den Tauben mißtrauisch macht, das macht uns bei der Nacht furchtsam, nämlich: das Nichtwissen, was um uns vorgeht. Die Natur gab uns beim Tage die Augen zur Wache; wir können denn in weiter Entfernung schon Körper sehen, die uns schaden können; das ist nicht der Fall im dunkeln; daher verdoppeln jetzt die andern Sinne ihre Aufmerksamkeit. Wir sind immer gespannt, ob etwas rauscht, weil wir gewohnt sind, daß die meisten Körper, ehe sie uns schaden können, mehr oder weniger Geräusch machen. -- Aber wir fürchten, daß es Körper gibt, die uns Gefahr bringen können, ohne Lärmen zu machen: daher unsre Aengstlichkeit; daher unsre geschäftige Einbildungskraft. Gewohnheit ist auch hier das Universalmittel. Die Gewohnheit macht, daß es dem Dachdecker auf der Spitze des Thurms nicht mehr schwindelt, daß dem alten Soldaten das Blut kalt bleibet beim Krachen der Kanonen, wobei er als Rekrut zitterte: so ist auch, um uns vor Geistersehen und Gespenster zu schützen, die Gewohnheit in der Nacht zu gehen, das beste Mittel; denn nicht immer sind die abendtheuerlichen schreckbaren Figuren in der Nacht ein Werk der Phantasie[111]. Sie sind sehr oft wirklich in unsren Augen. Wir können im Dunkeln nicht anders von Gegenständen urtheilen, als durch die Größe des Sehewinkels, den der Gegenstand mit unserm Auge macht. Wir können daher nicht alle die Hilfsmittel zur Hand nehmen, die uns durch die Erfahrung am hellen Tage leiten. Wir schließen denn oft, wenn wir zu sehen glauben. Wir sehen daher einen nahen Strauch für einen entfernten Baum an, einen weit wegstehenden Ochsen für einen nahen Hund und umgekehrt. Nur erst denn, wenn uns hier wieder unsre Erfahrung zu Hilfe kommen kann, berichtigen wir unsern Irrthum. Wenn wir an irgend einer Bewegung sehen, daß der Ochs ein Ochs ist; so machen wir unsren Fehler wieder gut. Wir urtheilen denn nicht mehr durch die Größe des Sehewinkels, und wir sehen ihn denn in seiner völligen Größe und Dicke. Gesetzt aber nun, wir sehen einen entfernten Baum für eine menschenähnliche Gestalt an; so muß diese natürlich bei jedem Schritte, mit dem wir uns ihm nähern, wachsen; sie wird denn zur ungeheuren Figur, selbst noch ohne die Einwirkung der Phantasie. Sucht man sich nun nicht durch das Gefühl oder ein sonstiges Hilfsmittel den Irrthum zu benehmen; so hat man wirklich die kolossalische Figur im Auge. Man hat sie gesehen, und nur denn erst wird man seinen Fehler gut machen; wenn man seine gewöhnlichen Hilfsmittel zur Hand genommen hat, wodurch man sieht, daß der Baum ein Baum war. In demselben Augenblicke sind die riesenförmigen Arme, die uns so viel Furcht machten, Aeste geworden; die großen hellen Augen sind vielleicht der durchscheinende Mond u. s. w.

Man lasse also die Kinder oft des Nachts spielen, sie werden denn nicht bloß durch Gewohnheit die natürliche Furcht ablegen, sie werden sich auch andere Hilfsmittel abstrahiren, wodurch sie vor diesem optischen Betrug geschützt werden; die Ammengeschichten werden ihren Zweck ganz verfehlen, und die Kinder sind völlig sicher vor den Folgen, die diese nur zu oft haben, -- und wovon selbst Philosophen bei der besten Ueberzeugung zuweilen noch leise Anregungen fühlen[112].

Von den gymnastischen Uebungen.

Die Sache, wovon in diesem Kapitel die Rede seyn wird, ist so unbekannt geworden, daß Manche es für Schwärmerey der Aerzte halten; wenn sie zuweilen ihre Stimme darüber erheben. Dieser Punkt ist aber so wichtig, daß es nach meiner Ueberzeugung von ihm größtentheils abhangen wird, ob wir von dem Abgrunde, an dessen Rande wir stehen, gerettet werden können oder nicht. Wir sind der völligen Ausartung äußerst nahe. -- Wir haben ja fast keine Männer mehr. -- Eitel unbärtige Greise sind die Enkel derer, die Roms Legionen oft so nachdrucksvoll in ihrer Heimath empfingen.

Weichlichkeit, Vorurtheile (die wir Cultur nennen) und vorzüglich gänzlicher Mangel an Bewegung brachten uns allmählig dahin -- wo wir jetzt sind. Bewegung ist bei gesitteten Ständen ganz verbannt; daher denn auch überall Schnupfen und Catharren, wenn sich nur eine Viertelstunde ein rauher Wind erhebt -- Jetzt ist es schon eine Riesenarbeit für unsre Damen _du bon ton_, eine halbe Stunde weit zu gehen. Außer Athem sind sie schon; wenn sie eine Gasse lang gegen den Wind gegangen sind. Aber worinn besteht denn auch ihre gewöhnliche Bewegung? Die Etikette erlaubt sie ihnen weiter nicht, als vom Toilette aufs Canapee und von da zum Spieltische. -- Zu Fuß im Garten herum zu gehen, das hat schon mancherlei Inconvenienzen. Im Sommer macht die Sonne die Haut braun; im Frühlinge gibt's gar Sommerflecken. Und wahrlich (als wenn die Mode hierinn hätte consequent seyn wollen) das Kostüme unsrer Weiber ist so eingerichtet, daß sie froh seyn müssen, wenn sie still sitzen können. An ihre Füße legte sie einen weit sicherern Hüter, als die Beinschellen der Gefangenen, nemlich: -- die Schuhe. Kräftigere Mittel um alle Bewegung zu verhindern konnte die Mode nicht erfinden, und -- sie hat auch vollkommen ihren Zweck erreicht. Die ganze Arbeit unsrer +zimperlichen Dinger+ besteht beinahe bloß im Lesen scandalöser Geschichten, Liebes- und Ritterromane, in welchen durchaus nicht der Geist der Natureinfalt, und der Sittlichkeit wehet; die vielmehr dahin zielen, Leidenschaften aller Art emporzutreiben, und die Phantasie mit den üppigsten Bildern zu füllen.

Unsäglich ist das Unheil, was diese Schriften über unsre Generation verbreiten! Laßt ein Mädchen noch so gut erzogen seyn, gebt ihm die besten Grundsätze, bepanzert es um und um mit allem, was die Tugend Ehrwürdiges hat; -- erlaubt ihm aber dabei diese fatalen Schriften, wo alles so hübsch und glatt dargestellt wird, als wenn es gedrechselt wäre, wo vernünftiges Zureden +Tiranney+; Verrückung, oder Schwachheit des Kopfs und des Herzens +Leiden+ heißt, wo die Helden des Romans von +reiner Liebe+ schwätzen, bis -- das Fräulein im +Kindbett+ liegt, (welches denn natürlich, wie es auch +seyn muß+, auf Rechnung des armen, gequälten, weichen, liebevollen Herzens geschrieben wird), und dann läßt das gute Kind mit einem _Pastore fido_ zuweilen ein _tête à tête_ machen: ihr werdet erstaunen, wie geschwind sie sich lieben werden, und die Demoiselle eine H... wird. -- Und kann das wohl anders seyn? Denn wo ist das Mädchen, das nicht durch diese Schriften verdorben wird, dessen Blut nicht bei der Schilderung aller der Albernheiten in Wallung geräth, das sich nicht die Welt in der That so vorstellt, wie sie der Herr Tollhäusler in seinem Raritätenkästchen zeigt.

Allgewaltiges, obgleich schwaches Geschöpf! Was vermag nicht alles dein, zwar unmerklicher, aber sicherer Einfluß auf den Mann, und durch den Mann auf das gesammte Glück des gemeinen Wesens! Wie die Mutter, so der Sohn, der die ersten durch keine nachherige Erziehung jemals wieder ganz auszutilgenden Eindrücke zum Guten und Bösen von ihr erhält. Selbst der schon gereifte Mann, was ist er, sobald er durch eheliche Bande mit dem Weibe seines Herzens verbunden ist! Fast immer sind seine Launen, die fortschreitende Veredlung und Verschlimmerung seines Characters ihr Werk.

Wenn man es dem andern Geschlechte doch recht an's Herz zu legen vermöchte, daß von seinem Betragen das Glück der Nationen in die Zukunft größtentheils abhangen wird, und daß eine gute Mutter in ihrem stillen häuslichen Kreise die +Blume der Schöpfung, und der Segen der ganzen Nachkommenschaft+ ist.

Mit den Männern ist es noch nicht ganz so weit gekommen, aber wahrlich doch auch sehr viel weiter, als es je hätte kommen sollen. Die Erziehung der Gallier, und vorzüglich der alten Deutschen, war hart, und den Absichten des Krieges gemäß. Weichlichkeit und Verzärtelung kannte man nicht[113]. Ihr ganzes Leben war, wie J. Cäsar sagt, der Jagd und den kriegerischen Uebungen gewidmet. Von Kindheit an legten sie sich auf Arbeit und Abhärtung ihrer Leiber. Die Jünglinge beschäftigten sich mit Erlegung der Auerochsen. Wer die mehrsten von diesen erlegte, der trug die Hörner der getödteten Thiere vors Volk, und ärndtete denn den verdienten Beifall. -- Wie ist es jetzt? Sind wir nicht unbeschreiblich tief herabgekommen? Sind wir Europäer insgesammt nicht die schwächsten Menschen? Grönländer und Irokesen tragen ihren Kahn, wie einen Brodsack. Die Einwohner von Kanada jagen einen Hirsch zu Fuß fünfzig Meilen weit, ermüden ihn und schlagen ihn todt. -- Die Neger nehmen ihren Mann auf den Arm, und laufen mit ihm eine Meile weit in einem Athem. --

Unsre Cultur kostet uns sehr viel! Wir haben unsre Köpfe auf Kosten unsrer Gesundheit und unsrer Ruhe bereichert. Wir haben unsren Körper ganz vernachlässigt, indem wir nur immer Vervollkommnung unsres Geistes bezweckten; daher ist denn der auch durch seinen nothwendigen Zusammenhang kränklich und -- krampfig geworden. Mancher Hypothese sehen wir es ja wahrlich an, daß die Seele ihres Schöpfers in dem Augenblicke ihrer Entstehung an Vapeurs gelitten hat.

Bewegung war der Hauptgrundsatz, auf dem die Auferziehung der Spartaner beruhte. Die Griechen insgesammt hielten die Leibesübungen sehr hoch, und sie wußten selbst die Seelen ihrer Kinder nach gleichen Regeln zur Tugend zu bilden. +Plato+ räth, um die Gesundheit zu unterhalten, daß man die Seele nicht ohne den Körper, und den Körper nicht ohne die Seele übe, damit durch die darausfließende Uebereinstimmung der Kräfte von beiden auch beide gesund bleiben. -- In der Jugend, wo die Natur jeden Augenblick jedes Glied bewegt; da werden wir durch zweckmäßige Unterstützung dem Körper des Kindes die Ausbildung geben können, die es als gesunder Mensch bedarf. Durch den Gebrauch unsrer Glieder erhalten diese erst ihre gehörige Form, ihre Stärke. -- Der Arm, den wir am meisten brauchen, wird am dickesten, und hat die meisten Kräfte. Man fange also die gymnastischen Uebungen wieder an, die so lange vernachlässigt waren, die ehemals bei den Griechen und Römern, ehe sie, wie wir jetzt, sich der Weichlichkeit und Wollust überließen, so sehr im Schwange waren. +Galen+ hielt schon den für den besten Arzt, den man für den besten Lehrer in der Gymnastik halten könnte. Man sollte daher wieder eigne Meister in jedem Orte für Knaben und Mädchen halten, die jedes Alter die ihm passenden Spiele lehrten, und unter ihrer unmittelbaren Aufsicht ausüben ließen. Lycurgus suchte schon die Körper der Mädchen durch Wettlaufen, Ringen, Spießwerfen und Bogenschießen in immerwährender Bewegung zu erhalten, „damit der Keim zukünftiger Geschlechter festere Wurzel schlagen, und durch Stärke des Körpers gegen die Schmerzen der Geburt abgehärtet werde.“ -- Auch werden die gymnastischen Uebungen kräftig mitwirken den zu frühen Geschlechtstrieb abzuhalten, und dem schrecklichen Laster, das so unübersehbar viel Unheil stiftet, -- der +Onanie+, Einhalt zu thun.

Die kleinsten Knaben kann man schon um die Wette laufen, Ringen, Ballspielen und nach dem Ziele werfen lassen. Das stärkt Auge, Arm und Brust. Sie erhalten dabei einen richtigen Blick, um über die Entfernung urtheilen zu können, was wirklich bei mancher Gelegenheit ihnen zu Statten kömmt. Bei etwas ältern Knaben sind Kegelschieben, Bogenschießen und Schlittschuhlaufen sehr zweckmäßige Bewegungen. -- Knaben von zehen Jahren können schon exerziren lernen; eine Uebung, die sehr viel gesundes hat, wobei sich jedes Glied bewegt, und wobei der Staat noch den Vortheil erhält, daß er für jeden Fall geübte Krieger findet. -- Um diese Zeit müssen sie auch schon anfangen, Bäume zu erklettern und Mauern zu ersteigen. Kein Thier ist fast dazu so gemacht, wie der Mensch. Sein in die Höhe gerichteter Körper, sein nach vorn biegsames Kniegelenk, seine nach allen Richtungen beweglichen Finger und Zehen helfen ihm dazu sehr kräftig. Unglücke braucht man eben nicht zu fürchten; denn diese entstehen meist deswegen, weil die, welche es versuchen, gar keine Uebung und Gewandtheit in derley körperlichen Bewegungen haben. Sehr selten hört man auf dem Lande ein Unglück bei Kindern, die doch bekanntlich aus Vergnügen, der Vögel und des Obstes wegen, täglich auf Bäume klettern. Diese Uebungen müssen aber nicht allenfalls wöchentlich eine Stunde, sondern alle Tage vorgenommen werden; sonst verfehlt man seinen Zweck. Dabei soll ein vernünftiger Aufseher immer gegenwärtig seyn, damit zu gefährliche und die Kräfte des Alters übersteigende Spiele verhütet werden.

Schwimmen sollen alle Knaben, ohne Unterschied, lernen; wenn sie vierzehn Jahre alt sind. Man soll sie im Sommer an solche Stellen in den benachbarten Fluß führen, welche hinreichend den Tag hindurch der Sonne ausgesetzt waren, und wo also das Wasser nicht zu kalt ist. Man soll ordentliche Schwimmschulen errichten, so wie man bisher nur -- Tanz- und Fechtschulen hat. Aber die Knaben müssen nicht bloß auf die gewöhnliche Art schwimmen, sondern bald mit, bald ohne Kleider, und wenn ihre Kräfte groß genug sind, selbst über Untiefen, und reißende Ströme. -- Wie wichtig das vorzüglich für Soldaten seyn muß, fällt von selbst in die Augen. Julius Cäsar schwamm nicht selten mit seinen Kriegern über reissende Flüsse. Und ich begreife nicht, warum man diese Kunst bei Armeen nicht lange eingeführt hat, die gewiß auf die ganze Kriegskunst einen wichtigen Einfluß haben würde. --

Das Fechten ist auch eine sehr gute Bewegung, aber nur für erwachsene Knaben. Das Tanzen paßt für Kinder beiderley Geschlechts. Nur sollte die alberne Sitte abgeschafft werden, Bälle mitten in der Nacht zu halten. Man sollte (wie bei uns am Rheine die Landleute zu thun pflegen) unter freiem Himmel, unter schattigen Bäumen tanzen; die Luft würde denn nicht verderben. Man würde sich nicht zu sehr erhitzen, und daher nicht so leicht erkälten können. Der Tanz stärkt die Glieder, macht sie biegsam und zu allen Arten von Bewegungen geschickt. Nur deswegen macht das Tanzen manchen krank, Blutspeien und schwindsüchtig; weil es zu selten und daher übertrieben geschieht.

Um den Hang zu Leibsbewegungen in jedem Alter zu unterhalten, sollte man an allen öffentlichen Orten für die Jahrszeit und für jedes Alter angemessene Spiele finden[114]. Auch Reiten gehört hieher, aber dies erfordert zu viele Kosten, als daß es von vielen geübt werden könnte; doch müßte dafür gesorgt werden, daß man nicht denen, die es üben wollen (wie bis hierher oft geschieht) Miethpferde leiht, die solche wesentlichen Fehler haben, daß selbst geübte Reiter nicht selten ihr Leben dabei in Gefahr stellen.

Uebrigens braucht man bei diesen Spielen die Kinder nicht so ängstlich zu verwahren. Ob sie z. B. an feuchten Orten sitzen, oder an trocknen, ob ihre Füße naß werden, oder kalt, das gilt gleich. Sie müssen sich daran gewöhnen. Durch die Macht der Gewohnheit können die Bewohner von Arabien barfuß in den brennenden Sandwüsten gehen; wo unsre Reisenden es kaum mit Stiefeln auszuhalten vermögen. Die Gewohnheit macht, daß der Russe aus dem warmen Bade in den frierenden Fluß springen kann; daß die gesunden Knaben unsrer Bauern mit bloßem Kopfe und fast nackend in den Gassen laufen; wenn wir in Winterkleidern vor Kälte zittern. Ganze Nationen ertragen die plötzlichsten und stärksten Veränderungen des Wärmegrads der Luft ohne Nachtheil. Z. B. in Neuholland und auf der Norfolks Insel, wo das Clima sehr gesund ist[115], und die Bevölkerung begünstigt, obschon das Thermometer nicht selten des Morgens 56 bis 60, einige Stunden nachher 100 bis 200, und nach Sonnen Untergang wieder 60° zeigt. Warum sollen denn unsre Kinder sich nicht an ein bischen Nässe oder Kälte gewöhnen können, was doch in der Folge ihres Lebens oft nicht zu vermeiden ist. -- Auch thut man Unrecht, daß man Kinder, die physisch gut erzogen werden, +ganz ängstlich+ von dem Trinken abhalten will, wenn sie warm sind. Freilich unsre Schwächlinge, die wir mit so vieler Sorgfalt zu Spitalcanditaten erziehen, werden üble Folgen davon haben; aber diejenigen, welche sich dem natürlichen Zustande bei ihrer Erziehung mehr nähern, können auch diesen Instinct ohne Gefahr befriedigen. Warum haben nicht andre Thiere üble Folgen davon? Der Hund, wenn er erhitzt ist, trinkt, aber wie ich sehr oft bemerkte, von Anfang mit kurz abgebrochenen Zügen; das wird höchstwahrscheinlich der natürliche Mensch auch thun. Das Kind mag aus einem benachbarten Bache oder Fluße trinken, der mit der Luft, worin es sich erhitzte, ungefähr dieselbige Temperatur hat; und wenn es das auch nicht so +ganz genau+ in Acht nimmt; so kann der Schaden doch meines Erachtens nicht groß seyn. Wer gibt in diesem Punkte auf unsre Bauernkinder acht, die Tage lang in der brennendsten Sonnenhitze sich herumtummeln? Wie selten hört man bei ihnen von üblen Folgen! Wer gibt wohl den Negern auf der Küste von Guinea hierin Gesundsheitsregeln? Wie kann auch ein Instinct dem natürlichen Menschen Schaden bringen? Daß man unsren Kindern vor dem Trinken zu essen anräth, ist äußerst ungereimt. Weiß denn die Natur vielleicht nicht, was sie will, daß wir ihnen zu essen befehlen, wenn es ihnen dürstet? Wir können ja unsre an die Abwechslung der Temperatur gewohnte Gesichter und Hände bei der größten Hitze ohne Schaden ins Wasser stecken! -- Da wir alles zu Gesicht machen können, warum sollten wir nicht auch (möchte ich sagen) unsern Magen zu Gesicht machen können?

Von den Findlingshäusern.

Mir ist es unbegreiflich, wie man noch in unsern Tagen hin und wieder behaupten kann, daß es nicht rathsam sey, im Staate Findlingshäuser zu haben! -- Wem es nicht gleichgültig ist, ob gefallene Mädchen Kindermörderinnen werden; ob unglückliche Findlinge durch Elend umkommen, oder zu schlechten Menschen erwachsen; dem kann wahrlich hierüber wohl kein Zweifel aufstoßen. -- In dem gesellschaftlichen Zustande ist es nun einmal unvermeidlich, daß ein großer Theil und zwar gesunder Menschen im ehelosen Stande leben muß. Die Zahl vermehrt sich noch täglich durch die immer wachsenden, künstlichen Bedürfnisse, und daher ist es sehr natürlich, daß die Natur das Recht des alten Sprichworts: _naturam expellas furcâ etc._ zuweilen wieder geltend zu machen sucht. Da nun der Staat wohl nie Ehebruch und Hurerei ganz wird stören können, so soll er -- wahrlich diese Sache nicht befördern, nicht begünstigen; aber -- dem Mord vorbeugen, und hier palliativ verfahren, wo doch selbst, (wie es eine Reihe von Jahrhunderten bewies) Feuer und Schwert nichts vermochten.

Man sagt, die Unmoralität wächst dadurch, und -- daran hat man Unrecht. Lüderliche Dirnen, die ihren Körper verkaufen, werden selten Mütter; sie müßten denn sonst ihr Handwerk nicht systematisch gelernt haben. Diese Häuser sind also nur für Unglückliche, nicht für die im wahren Sinne Entehrten. Vorzüglich hat die Geistlichkeit hier und da ihre Stimme dagegen erhoben, und behauptet, „eine solche Anstalt befördere die Sittenlosigkeit.“ Aber ist es wohl wahrscheinlich, daß ein Mädchen eher aufhöre, tugendhaft zu seyn, ihrem Liebhaber nur eine Minute früher einwillige, weil es -- ein Findlingshaus gibt? Dies ist der Geistlichkeit, vorzüglich der Katholischen, leicht zu verzeihen, die das Physische der Weiber natürlich zu wenig kennen; denn sonst würden sie wissen, daß die Natur das andre Geschlecht in gewissen Augenblicken alles vergessen läßt. Hätte sie das nicht, wie würde ein Weib sich je entschliessen, Mutter zu werden; wenn sie in diesem Augenblicke an die hundertfachen Beschwerlichkeiten der Schwangerschaft, an die heftigen Schmerzen, selbst bei der natürlichen Geburt und an die zahllosen damit verbundenen Gefahren dächte? Wie wäre es möglich, daß Weiber mehrere Male den Kaiserschnitt ausgestanden hätten; wenn sie in einem solchen Zeitpuncte nicht all ihr Bewustseyn verlören? Was kann also wohl hier der Gedanke eines Findelhauses wirken? Daran denkt erst die Verirrte, wenn es schon zu spät ist, wenn äußerste Armuth oder sich empörendes Ehrgefühl sie an das Schreckliche ihrer künftigen Lage erinnert; und ist es denn nicht Pflicht des Staates der Gefallenen auf den Weg zu helfen, und zwey Unglückliche physisch und moralisch zu erhalten? Die Erfahrung bestätiget diese Theorie vollkommen; seit in Paris, Wien, London, Stockholm etc. Findlingshäuser sind, hört man an diesen Orten wenig, oder gar nichts vom Kindermorde[116].

Man sagt, der Staat muß dadurch viele Kinder von Verheiratheten erziehen, die, um sich die Last der Erziehung zu erleichtern, ihre Kinder zu Findlingen machen. Allein hat denn der Staat nicht Mittel in Händen, dies bei wahrhaft Armen zu verhüten? Und bei den andern, die es aus Gemächlichkeit thun, ist es doch reiner Gewinn für das gemeine Wohl; denn Kinder können bei solchen Aeltern, die so tief sanken, dreist das feste Band zu zerreissen, das die Natur so enge zwischen den Neugebornen und den Aeltern knüpfte, nur Krüppel oder Schurken oder -- beides zugleich werden.