Versuch über die physische Erziehung der Kinder
Part 7
Nach vier Wochen fängt man an nach und nach den Anzug zu verringern. Man läßt allmählig die Ermel verkürzen. Man entblößt die Füße, Hals und Brust, und macht die Haube kleiner, bis man nach einem Jahre dem Kinde die Kleidung anzieht, die ohne Unterschied des Standes und Geschlechtes alle Kinder wenigstens bis ins zehnte Jahr tragen sollten. Diese Kleidung besteht in einem Hemde, das vorn die ganze Brust offen läßt, keine Ermel hat, und unten nicht über die Knie geht; über dies Hemd kann man ihnen nun noch ein andres anziehen, welches eben so gemacht ist. Es steht der Mutter frei, eine Farbe oder einen Stoff zu wählen, welchen sie will. Es kann von Seide, von Leinwand, aber nur bei sehr starker Kälte im Winter, von Tuch seyn. Die Mutter mag denn Falbeln, Manschetten etc. und was und wo sie will, ansetzen. Es wird das Kind nicht hindern, all den Vortheil zu genießen, welchen ihm diese Kleidung gewährt. Dieser ganze Anzug soll weit genug seyn, um das Kind an keiner Bewegung zu hindern. Die Beine und Füße sollen bloß seyn, und wer sie ja bedecken will, der thue es nur so leicht, als möglich, z. B. mit leinenen Strümpfen und weiten bequemen Schuhen ohne Absätze, die nur mit Riemen oder Bändern zugebunden sind. Auch sey der Kopf unter jeden Umständen ohne alle Bedeckung. Die Theorie, und was weit mehr ist, Erfahrung verspricht uns, durch eine solche Reform -- starke und gute Menschen. Man glaube nicht, daß die Kinder durch Erkältung umkommen würden. Locke sagt: „das Entblößen des Gesichts schadet uns nicht: warum können wir die Leiber der Kinder nicht ganz zu Gesicht machen? Die Körper der Neger sind ja Gesicht, und befinden sich wohl!“ Ein Scythe, der gefragt ward, wie doch seine Landsleute unter ihrem frostigen Himmel nackend gehen können, gab zur Antwort: wir sind über und über Angesicht. In Finnland sieht man die Kinder[90] bis in das siebente oder achte Jahr selten anders als im Hemde herumlaufen. Aus der größten Hitze, wie sie in solchen Rauchhäusern ist, laufen die Kinder barfuß ohne Schuhe und Strümpfe in dem Schnee und der strengsten Kälte herum, ohne besondere Empfindung davon zu haben. Die Jugend ging bei den mehrsten Völkern bloß; und bei uns auf dem Lande sehen wir ja noch Kinder bei jeder Witterung halbnackt herumlaufen, und dabei sehr gesund und stark werden. Die alten Römer und die Deutschen gingen mit ganz nackten Armen; dadurch wurde ihre Stärke und Thätigkeit sehr vermehrt. Wahrscheinlich sind aus dieser Ursache die Vorderarme und Schenkel unsrer Frauenzimmer stärker und fester, als im Verhältnisse ihre andere Gliedmaßen. Auch lehrt die Erfahrung, daß es vortheilhaft sey, in jeder Witterung mit unbedecktem Kopfe zu gehen. Julius Cäsar war immer an der Spitze seiner muthigen Legionen mit bloßem Kopfe[91]. Noch gehen die mehrsten Völker der Erde mit unbedecktem Haupte. Herodot erzählt[92], daß man die Häupter der Perser von denen der Egyptier auf dem Schlachtfelde habe unterscheiden können; da erstere die Köpfe bedeckten und sehr warm hielten. Die Hirnschädel der Egyptier waren stärker, fester, und dienten dem, was sie verwahren sollten, zum bessern Behälter. Man konnte sie kaum mit einem großen Steine zerschlagen. Die Hirnschädel der Perser waren so mürbe, daß man sie leicht durchlöchern konnte. Auch (sagt er) sey dieß die Ursache der kahlen Köpfe, deren man bei den Egyptiern sehr wenig sieht. Die Kopfbedeckungen verhindern den freien Zutritt der wohlthätigen Atmosphäre[93], versperren den Ausdünstungen den Weg, und sind zum Theil Schuld an dem Ungeziefer und dem Kopfgrind. Aus dieser Ursache allein sehen oft Kinder, wie Leichen aus, weil sie keine Ruhe haben, und ihnen dabei eine nicht unbeträchtliche Menge Nahrung genommen wird. Uebrigens aber bin ich gar nicht der Meinung, daß man den Kindern (wie jetzt Sitte ist) den Kopf ganz scheren lasse; denn wozu hätte ihnen die Natur da so viel Haare gegeben? Am zuträglichsten wird es seyn, sie mit kurz über den Schultern und vorn über den Augbraunen abgeschnittenen Haaren gehen zu lassen, ohne sie zu schmieren, zu pudern, oder nach einer andern Richtung, als sie selbst nehmen, zwingen zu wollen. Das einzige, was man dabei zu thun hat, ist, daß man sie täglich auskämmen läßt, damit sie sich nicht verwirren.
Ganz vorzüglich aber rathe ich, die Knaben nicht frühe Hosen anziehen zu lassen. Herr Hofrath Faust hat es bewiesen, an wie viel Uebel dies Kleidungsstück, vorzüglich bei der Jugend, Schuld ist[94]. Der Schöpfer legte die Hoden bei uns außerhalb den Körper, um sie kühl zu erhalten, und durch die Hosen bringen wir sie aus der Verbindung mit der Luft und in ein Dampfbad. Sie sind eine Hauptursache des Uebels, welches den physischen und moralischen Werth unsrer Generation so sehr herabsetzt; ich meine: der +Onanie+. Sie sind mit Schuld daran, daß es unter den Männern so viel Leistenbrüche gibt. Man rechnet in Deutschland zweimal hundert tausend Mannspersonen, die gebrochen sind. --
Der Bergschotte ist auf einer großen Strecke der Erde der einzige, der noch jetzt keine Hosen trägt, und wie sehr zeichnet er sich nicht in jeder Hinsicht vor seinen behosten fernen und nahen Nachbarn aus? Sein Körper ist stark und gesund; er läuft mit einem Pferde um die Wette, und ist unermüdlich in allen Beschwerlichkeiten. Sechzigjährige Bergschotten springen noch über Hecken, wie Rehe. Er ist standhaft, muthig, sittsam, keusch und frohen Muthes. In Deutschland scheint ein Volk, zum Theil, dasselbe zu beweisen. Die Altenburgischen Bauren in Sachsen tragen sehr weite Hosen, und zeichnen sich auch durch Größe, Schönheit, Regelmäßigkeit, und Festigkeit ihres Körpers, ihres Knochen- und Gliederbaues nicht nur aus, sondern auch durch ihre Sitten und Gebräuche[95].
Es kann seyn, daß es hier und da jemand gibt, der den Vorschlag, den Knaben erst so spät Hosen zu geben, lächerlich findet: allein ich glaube, dies beweist nichts, als -- daß Helvetius Recht habe, da er sagt: „jede Idee, welche unsrer Art zu sehen und zu empfinden fremd ist, dünkt uns immer lächerlich. Wir schätzen nur immer die den unsern ähnlichen Ideen, weil wir in der Nothwendigkeit sind, nur uns in den andren zu schätzen.“
Aber noch ein andrer Hauptumstand, den man noch nicht lange zu discutiren angefangen hat, macht es sehr wahrscheinlich, daß eine solche oder doch ähnliche Kleiderreform höchstzweckmäßig und für die Restauration der menschlichen Natur wesentlich sey; daß auch der Nachtheil unsrer gewöhnlichen Kleider sich auf weit mehr erstrecke, als auf verhinderte Ausdünstung, Druck der Glieder u. s. w. Es scheint nämlich, daß auf der Oberfläche unsrer Haut die Natur einen ähnlichen Prozeß anstelle, wie in den Lungen; daß auf der Oberfläche unsres Körpers, wie in der Brust, Wärme erzeugt werde. Sollte dies wirklich der Fall seyn, so ist es klar, daß unsre Kleider ein großes Hinderniß für die Operation sind. Zwischen Fell und Hemd (sagt ganz richtig der unvergeßliche +Lichtenberg+[96]) muß sehr bald eine Luft entstehen, die für den Prozeß nicht mehr taugt. Die Erstickung muß ihren Anfang nehmen zwischen Fell und Hemd; indessen bei uns Gesicht und Hände noch zu athmen fortfahren. Daraus folgt, daß, wenn es uns in Kleidern friert, es uns deswegen noch nicht nackend frieren müsse; weil der Wärme Erzeugungs-Prozeß nun nicht auf einer so großen Oberfläche des Körpers gehemmt ist. Und wirklich wenn man sich z. B. in einem Zimmer auskleidet, das bis zu dem Grade kalt ist, daß man sich die Hände zu reiben anfängt; so nimmt, wenn man ausgekleidet ist, die Kälte gar nicht in dem Verhältnisse zu, als man es erwarten sollte.
Doch ist allerdings diese Sache noch nicht ganz erwiesen. +Prießley+, +Fontana+, und noch vor kurzem +Fourcroy+[97] behaupten, daß keine gasförmige Flüßigkeit durch die Haut entwiche. Andre versichern, das entweichende Gas sey nur Stickgas, wie z. B. +Ingenhouß+, und jetzt neuerlich +Trousset+[98]. Mir ist jedoch, gestützt auf einige Versuche, die hier nicht am rechten Orte stehen würden, die Meinung am wahrscheinlichsten, daß das Geschäft der Haut einige Analogie mit dem der Lungen habe.
Auf alle Fälle will ich indessen durch das Gesagte dem Nackendgehen keine Apologie schreiben. Ich sehe sehr gut, in mehrern Rücksichten, für uns (wie wir jetzt sind) den klugen Gebrauch des Feigenblattes ein; aber ich sehe auch, daß wir gewiß nicht ungestraft die Operation, welche die Natur auf unsrer ganzen Oberfläche anstellen will, unterdrücken dürfen.
Manchem mag es vielleicht bei der vorgeschlagenen Kleidertracht anstößig seyn; daß in dem Anzuge der Knaben und Mädchen kein Unterschied seyn soll. Aber Kinder sind ja im Grunde ohne Geschlecht[99]! Der ehrwürdige Character der Kinder ist Unschuld, Arglosigkeit, Einfalt und Unwissenheit. Geschlecht, und Geschlechtsempfindungen liegen todt in den Kindern, und noch vielweniger wissen sie von einem Unterschiede der Geschlechter; warum macht man nun durch eine ganz wesentlich verschiedne Kleidung der Knaben und Mädchen, die Kinder aufmerksam auf den Unterschied der Geschlechter? Man macht sie nicht allein aufmerksam darauf, sondern theilt ihnen auch wirklich einen mehr, oder weniger dunkeln Begriff davon mit, und raubt ihnen dadurch ihre heilige Unwissenheit, die Frieden und Glück über ihre Kindheit verbreitete.
Vom Baden.
Das Baden ist ein bemerkenswerther Theil der physischen Erziehung. In meinem Vaterlande ist das Publikum noch gar nicht dafür; vorzüglich fürchtet man davon Erkältung. Wie ängstlicher man für die Gesundheit des Kindes bei uns ist, desto übertriebener sucht man es beständig warm zu halten; und wird das Kind vollends krank, denn erstickt man es fast in Betten. -- Es gibt noch sorgsame Väter genug, die, wenn es regnet, oder nur ein wenig kalt ist, kaum ihren Knaben erlauben, ohne Hut vor die Thüre zu gehen, und durch solche übertriebene Sorgfalt ihren Kleinen (da es doch unmöglich ist, sich für jeden rauhen Wind in dieser Welt zu hüten) in der Zukunft Gicht, Rheumatismen u. s. w. über den Hals ziehen. -- Aber von der andern Seite ist es auch unverzeihlich; wenn man will, daß die Kinder alle Tage +kalt+ baden sollen. Daß das kalte Baden gleich nach der Geburt schlechterdings nicht Statt haben darf, davon habe ich meine Gründe oben gesagt; aber auch späterhin darf das kalte Bad nicht unbedingt, und bei Kindern selten oder nie gebraucht werden. „Kalte Bäder (sagt Marcard) sind ein Arzneimittel, das große Kräfte besitzt;“ und keine wirksame Arznei kann allenthalben passen!
Wir gingen im Stande der Natur nackend, wir acquirirten höchst wahrscheinlich unsere Kleider durch Eitelkeit. So wie sich noch mehrere Völkerschaften bemahlen, so künstelten auch vermuthlich die Europäer zuerst mancherlei an ihren Körper, um sich zu verschönern; die Kälte hatte gewiß keinen Antheil daran. In Novazembla z. B. geht man nach +Addison+ noch nackend. Da wir aber nicht mehr in dem natürlichen Zustande sind, da jetzt unsere Haut verwöhnt, mit der Luft gar nicht mehr familiarisirt ist, in einem beständigen Dampfbade sich befindet, und mit mehr oder weniger Schmutz bekleidet ist; so ist es allerdings wichtig, diese wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück zu bringen. -- Wenn man also dem Kinde die Haut stärkt, so erhält es dadurch ein großes, in der jetzigen Generation fast verlornes Gut. Es wird nicht nur von vielen Hautkrankheiten frei seyn, sondern auch die nicht zu vermeidenden, als Blattern, Masern weit besser und leichter überstehen. Aber das vermag das kalte Bad nicht.
Zu den Beispielen, die Marcard[100] erzählt, daß bei solchen Kindern die Blattern schwer hervorbrechen, kann ich eins als Augenzeuge hinzusetzen. Vor einigen Jahren sah ich den sechsjährigen Sohn eines gelehrten Engländers. Der Knabe hatte von der Geburt an täglich kalt gebadet, er war stark, hatte aber eine spröde Haut. Er wurde von den natürlichen Blattern befallen. Der Ausbruch war fürchterlich; heftige Konvulsionen bekam das Kind; dann kamen hier und da einzelne Blattern zum Vorschein, und dabei nahmen Fieber, Angst, Irrereden immer zu. Erst zu Ende des fünften Tags fingen die Blattern an durchzubrechen.
Um also unsre systematisch durch Konvenienz geschwächte Haut in den Zustand zu setzen, worin sie eigentlich seyn muß, ist das tägliche kalte Bad keineswegs zu empfehlen; wir verfallen dadurch ins entgegengesetzte Extrem: wir bezwecken, Leben und Thätigkeit in alle, auch die entferntesten Organe, und überhaupt Harmonie ins Ganze zu verbreiten, das bei dem Kinde so wichtige Geschäft der Entwicklung und Ausbildung der Organe und Kräfte zu reguliren, und für die gleichförmige Vertheilung des letztern zu sorgen; aber durch das kalte Bad thun wir gerade das Gegentheil. -- Kalte Bäder vermindern die Stärke der Erregung des Organismus, besonders in den zunächst affizirten Gebilden, und zwar um so mehr, je kälter sie sind, und auf je schwächere Energie innerer Thätigkeit sie wirken. -- Das wußte schon +Galen+, daß dem wachsenden Körper das kalte Baden nicht zuträglich sey; denn er sagt, man solle junge Leute zwischen dem vierzehnten und ein und zwanzigsten Jahre noch nicht kalt baden. Aus denselben Gründen kann ich auch nicht das tägliche Waschen der Kinder mit kaltem Wasser empfehlen; dazu kömmt noch, daß, wenn das Waschen nicht schnell geschieht, die Kälte größer hiebei wird, als im kalten Bad, weil das Wasser Zeit zum Verdünsten behält.
Mein Vorschlag ist daher (wie ich glaube) der Natur gemäß, wenn ich rathe, die Kinder täglich, wenigstens zwei Stunden -- das +Luftbad+ brauchen zu lassen. Die bequemste Zeit würde vor dem Ankleiden, und Abends nach dem Auskleiden sehn. Man soll die Kinder bloß mit einem weiten, offnen und ganz kurzen Hemde ohne Strümpfe u. s. w. herumlaufen lassen. Ohne Hemde würde es noch besser seyn; allein ich wage es nicht, dies zu rathen, weil ich nicht wünsche, mit den Theologen in Kollision zu kommen, die bekanntlich die Blößen gern decken. Die Kinder werden dadurch die Abwechslung der Temperatur der Atmosphäre gewohnt, und sie genießen in vollen Zügen den wohlthätigen bis auf unsre Zeiten ganz unbekannten Einfluß der Luft auf ihren Körper. Unter andern stimmt auch der große Franklin sehr für das Luftbad[101], und das ist allerdings ein Umstand, der dem Gesagten nicht wenig Gewicht giebt; denn die flüchtigsten Ideen eines solchen Mannes verdienen schon Respect.
Da aber die Kinder doch mehrere Stunden nun einmal gekleidet seyn müssen, und die Kleidung immer drückt, mehr oder weniger die Atmosphäre von der Haut abhält, sie verwöhnt und schmutzig macht, verkleistert; so sollen die Kinder wenigstens zweimal die Woche im Wasser baden; aber nicht kalt, sondern lauwarm, d. h. solche Bäder brauchen, die also nie unter 85 Grade haben. -- Diese werden vortrefflich stärken, und nicht die Nachtheile haben, die das kalte Bad auf die Gesundheit der Kinder haben muß; sie werden gewißermaßen wieder gut machen, was die Kleider die Woche hindurch verderben. Bei dieser Methode wird das Kind stark und flink, denn seine Glieder werden gleichförmig genährt und ausgebildet: Leibs- und Seelenkräfte werden sich regelmäßiger entwickeln: alles nimmt einen naturgemäßen successiven Gang. Sein Körper wird allen Abwechslungen der Witterung trotzen; und daher werden Katharren, Rheumatismen, Hautkrankheiten u. s. w. weit weniger ihm auf seinem Wege durch das Leben die Reihe der Unannehmlichkeiten vergrößern. Wird es davon befallen, so wird es weit weniger daran leiden; und daß das sehr viel gewonnen ist, davon kann man sich überzeugen, wenn man nur hiebei an die Blattern und Masern denkt. -- Ein solches Kind wird munter und lustig seyn; sein Gang aus Gefühl von Wohlseyn, von Kraft und Muth, wie bei den kleinen muntern Negern, immer eine Art von Tanz seyn, die, wenn sie nur etliche Schritte von einer Stelle zur andern gehn, wenigstens ein paar Sprünge machen; während daß unsre Treibhauspuppen alle Augenblicke Schnupfen und Katharren haben, und wie personifizirte Schlafkappen herumschleichen.
Endlich erhält ein an das Baden gewohntes Kind ein solches Gefühl für Reinlichkeit, wovon die meisten Menschen keine Idee haben. So wie ein gewöhnlich erzogener Mensch nicht ausgehen kann, ohne Gesicht und Hände gewaschen zu haben; so kann ein solches Kind unmöglich acht Tage ohne Bad seyn. Diesen Sinn, der für die Gesellschaft, wie für das Individuum, so vortheilhaft ist, kennen unsre galanten Damen und zuckersüße Herrchen nicht; diese sind gewöhnlich am Leibe um so schmutziger, jemehr sie Sorgfalt auf ihre äußere Toilette verwenden. -- Und was muß das alles für einen wohlthätigen Einfluß auf die sittliche Erziehung haben! Denn Tristram Shandy's Einfall, den Körper des Menschen und seine Seele mit einem Wamms und seinem Futter zu vergleichen, ist wahrlich sehr passend. „Verrumpft ihr das eine; (sagt er) so verrumpft ihr das andre.“ Auch bemerkt +Rumford+ ganz richtig: Tugend wohnt nie lange in Schmutz und Unsauberkeit. Der Einfluß der Reinlichkeit auf den Menschen ist so groß, daß er sich auch auf seinen sittlichen Character erstreckt. Vernunftlose Thiere lernen Reinlichkeit vom Naturtriebe. Kann es nun wohl einen stärkern Beweis geben, daß sie zu ihrem Wohlseyn wesentlich nothwendig ist?
Die meisten liederlichen Leute sind schmutzig und unordentlich. Die guten Wirkungen der Reinlichkeit, oder vielmehr die übeln Folgen der Unsauberkeit und des Schmutzes erklärt +Rumford+ vortrefflich. Unser Körper (sagt er) ist im beständigen Kriege mit allem, was ihm zur Last fällt; und alles wird ihm lästig, was ihm anklebt und ihn reizt. -- Und ob wir gleich durch lange Gewohnheit ein physisches Uebel ertragen lernen, daß wir dagegen ganz unempfindlich werden; so gestattet es doch dem Gemüthe keine daurende Ruhe. Es bleibt immer ein gewisses Mißvergnügen und Mißbehagen, eine Unentschlossenheit und ein Widerwille gegen alle ernsthafte Beschäftigung, welcher deutlich genug zeigt, daß das Gemüth nicht ruhig ist.
Auch +Garve+ sagt, Reinlichkeit ist der erste Schritt zur Moralität[102]; es sey nun, daß dieselbe mit der Scham und der Ehrliebe, oder daß sie mit der Verfeinerung der sinnlichen Empfindung verbunden ist.
Aber +wie lange+, und wie soll man ein Kind baden? Nach den ersten zwei Monaten bringe man die Kinder ein paarmal die Woche in ein Bad, und zwar immer nur auf kurze Zeit, anfangs nur auf einige Minuten; reibe es während der Zeit fast ununterbrochen über den ganzen Leib, und trockne es denn schnell und mit warmen Tüchern ab. Nach und nach verlängere man die Zeit im Bade, so daß das Kind zu Ende des ersten Jahres eine ganze Viertelstunde darin seyn kann. -- Man reize sie dabei unter allerhand Scherzen, wozu sie so aufgelegt sind, zur häufigen Bewegung.
Erst nach sechs -- acht Wochen, nachdem man das Kind allmählig mit der Luft zu familiarisiren sucht, fängt man auch das Bad mit der atmosphärischen Luft an. Zuerst läßt man es nur eine halbe Viertelstunde in einem etwas erwärmten Zimmer brauchen, steigt nach der Stärke und Constitution des Kindes, u. s. w. und macht dabei, daß das Kind in steter Bewegung ist.
Aus dem Gesagten wird nun nicht schwer zu beweisen seyn, daß auch die Taufe mit kaltem Wasser der Gesundheit des Kindes nicht zuträglich seyn kann. Der Kopf des Kindes ist im Verhältnisse zum ganzen Körper der beträchtlichste Theil, er ist wegen Unvollkommenheit der Hirnschale wenig gegen die Wirkungen äusserlicher Gegenstände gesichert, und da nun auch Erkältung jedes Theils beim Neugebornen so sehr nachteilig ist; so ist es wohl klar, daß die Erkältung des Kopfes manchem Kinde das Leben kosten mag. Nach Erkältung anderer Theile des Körpers, wenn man sie gleich nach der Geburt erkältet, entstehen oft Krämpfe, Zuckungen, Erstarrungen, krampfhafter Husten, Augen-Hals-Brustentzündungen, Schluchsen, Erbrechen, Durchfälle mit Koliken, Gelbsucht, u. s. w. +Silvius Anhorn+ erwähnt eines neugebornen Kindes, das mit den Füßen in kaltes Wasser getaucht, und darauf mit einer vollkommnen Gelbsucht befallen wurde, die den Tod nach sich gezogen hat. +Hippocrates+ und +Galen+ sagen schon, daß viele Kinder von heftigen Convulsionen bei einer feuchten und kalten Witterung angegriffen würden. In den französischen Besitzungen[103], wo die Hitze groß, aber nicht so heftig als in Senegal ist, müssen die Kinder der Neger die ersten neun Tage nach der Geburt in wohlverschlossenen und eingeheizten Stuben gehalten werden; unterläßt man dieses und setzt sie gleich nach der Geburt der Luft aus, so bekommen sie den Kinnbackenzwang, der sie verhindert, Nahrung zu sich zu nehmen und den Tod verursacht.
Obschon aber eine solche Empfindlichkeit bei den Kindern unsres mäßigen Erdstrichs nicht Statt hat; so kann man sich doch leicht vorstellen, was für Folgen daraus entstehen können, wenn man einem so eben aus dem mütterlichen Schooße gekommenem Kinde einen guten Theil kalten Wassers gähe auf den Scheitel gießt. Wie ziehen sich nicht alle Theile zusammen, wenn wir Erwachsene uns mit entblößtem Leibe in ein kaltes Bad begeben! Zimmermann[104] sagt: „Es ist in Malabar nichts seltenes, Leute mit gelähmten Gliedmaßen aufstehen zu sehen, die des Abends an einem der Nachtluft ausgesetzten Orte schlafen gingen.“ In Südcarolina entsteht im heißen Sommer ein fürchterlicher, den Kopf rückwärts ziehender tödtlicher Krampf, wenn nach starker Hitze ein kalter Regen einfällt[105]. Mauriceau und Brouzet sahen Kinder, die mit kaltem Wasser getauft waren, aus dieser Ursache sterben. -- Vielleicht trug dies mit dazu bei, daß ehemals, als das Taufen außer der Kirche ganz ungewöhnlich war, viele Kinder in meinem Vaterlande durch die Mundklemme weggerafft wurden; ich kenne Mütter, denen von 7 Kindern 2 an dieser Krankheit starben, sie trat auch immer fast in den ersten Tagen des Lebens ein, so daß die Weiber nicht mehr in dieser Hinsicht für das Leben ihres Kindes besorgt waren, wenn es neun Tage überlebt hatte.
Es wäre also sehr zu wünschen, daß man alle Kinder in den Häusern taufte, und dazu das Wasser, auch im Sommer, lauwarm machte. Besonders muß das Taufen in den kalten Kirchen auf dem Lande sehr nachtheilig seyn; da man oft gezwungen ist, die Kinder Stunden weit nach der Kirche zu schicken. Daher gab auch schon der letztverstorbene weise, als Fürst, als Bischof, und als Mensch so verehrungswürdige Fürst von Würzburg im Jahre 1790 den Befehl, daß seine Geistlichkeit im Winter die Kinder ohne Rücksicht des Standes im Hause taufen sollte, wenn es die Eltern verlangten.
Von den Blattern.
Bei dem Einfalle der Sarazenen in Spanien, im Anfange des siebenten Jahrhunderts, haben die Blattern wahrscheinlich unsern Welttheil zuerst heimgesucht. Eine traurige Erfahrung von zehen Jahrhunderten hat es nun bewährt, daß alle Menschen in ihrem Leben einmal von dieser Krankheit befallen werden! Die wenigen, welche sie verschont, sind nur Ausnahmen, und zwar sehr seltene Ausnahmen von der Regel. Die schrecklichste Pest hat zu keiner Zeit größere Verheerungen angerichtet, als diese Krankheit. Sie hat sich mit fortreißender Geschwindigkeit von Familie zu Familie verbreitet, von Völkerschaft zu Völkerschaft, und fast ganze Nationen aufgerieben.
Unter zehen, die von den natürlichen Blattern befallen werden, stirbt gewöhnlich in Europa einer. Die Todtenlisten der Stadt London zeigen, daß daselbst in 67 Jahren an den Blattern 113861 Menschen gestorben sind, die nicht einmal mitgerechnet, welche durch diese Krankheit ungestaltet, blind, krüppelhaft etc. wurden, und an den langsamen Folgen starben. Die gänzliche Ausrottung der Blattern, wie sie schon Medicus und andere beabsichtigten, und +Scuderi+, +Lenz+, +Salzmann+, +Junker+, +Faust+ etc. empfahlen, war in der Ausübung einer Menge von Schwierigkeiten unterworfen.