Versuch über die physische Erziehung der Kinder
Part 6
So wie die Natur die Judenknaben mit einer kleinern Vorhaut zur Welt kommen läßt; wie sie den Kindern derjenigen Völker, die manche Glieder ihrer Neugebornen mehrere Generationen hindurch verzerren, endlich von selbst die beliebte Form gibt, so wurde sie (möchte ich sagen) endlich müde, uns ihre Winke zu geben. -- Dazu kömmt noch, daß in manchen Ländern Bevölkerungs-Principien herrschen, die allenfalls (und doch nur mit der größten Einschränkung) bei einem Gestüte gut seyn könnten; aber zur Degeneration der Menschen nicht wenig beitragen. Man glaubt nämlich oft, nicht genug Leute auf einem Flecke anhäufen zu können, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie sich auch gesund und gut da nähren können. Nothgedrungen muß denn der Mensch Nahrung genießen, welche mit seiner Natur gar nicht zusammenstimmt; und so degenerirt denn auch die unterste Klasse ganz zu dem Grade der Kultur, den die höhern Stände schon lange acquirirt haben.
Und was haben wir an der Stelle des Instincts? -- Bücher der Diätetik, welche kein Thier, auch nicht der Barbar bedarf, und welche sich nicht selten auf jedem Blatte widersprechen.
Was sollen wir aber thun, um aus diesem Labyrinthe zu kommen? -- Wir sollen unsre Kinder an einfache Speisen gewöhnen. Die einfachsten Speisen bekommen ihnen am beßten. Für Milch, Brod, Wasser, u. s. w. eckelt's keinem Kinde auf der Erde: unsere Bauernkinder sind kräftige Zeugnisse, wie gesund die Kinder bei dieser Diät werden. Auch selbst der Geschmack der städtischen Kinder geht immer noch nach den einfachen Speisen. Unsre Ragouts und andere beliebte Gerichte lieben sie nicht; diese macht ihnen erst Gewohnheit angenehm.
Milch, Brod, Obst soll eigentlich die Hauptnahrung der Kinder seyn, und in dem Maaße, als sie älter werden, gebe man ihnen allgemach öfter Fleisch. Ihr Getränk sey -- wenn sie gesund sind, Wasser. Kinder mögen auch anfänglich weder Wein noch Bier u. s. w.[78].
Aber wann und wie viel soll das Kind des Tags essen? Man soll ihm nicht zu wenig geben; da es nicht bloß zu seinem Ernähren, sondern auch zum Wachsen essen muß. Wenn das Kind also noch nicht selbst fordern kann; so gebe man Achtung, daß man ihm immer zu bestimmten Zeiten so lange gebe, als es mit Lust und Appetit die Speisen zu sich nimmt. Meistens fallen hier Mütter in entgegengesetzte Extreme. So wie einige, aus Furcht ihren Kindern zu schaden, ihnen viel zu wenig geben, so geben ihnen andere beinahe jeden Augenblick zu essen, und stopfen sie, wie die Gänse: daher Atrophie, Verstopfungen im Gekröse und ein ganzes Heer von Uebeln. Unzer[79] beschreibt diesen unter der gemeinen Klasse häufigen Fall mit seiner gewöhnlichen Laune: „Ein junges Kind muß doch essen, sagt er, man gibt ihm fleißig Brei, Semmel, weißes Brod, und lauter trockene oder zähe Speisen, die gut vorhalten. Dies geschieht des Tages vier bis sechsmal, wo nicht gar unaufhörlich: denn das Kind kann doch unmöglich hungern. Was ereignet sich? Das Kind wird elend und mager, und frißt täglich ärger. Was soll man thun, um es wieder gesund zu machen? Man gibt ihm täglich mehr zu essen; denn davon schweigt es, und bekömmt Kräfte. Sein Leib wird hoch und hart. Das Brod scheint anzuschlagen. Allein der ganze übrige Leib wird dürre, wie ein Stecken. Das Kind muß also doch wohl noch nicht Nahrung genug haben. Man nährt es besser, und es verzehrt sich und stirbt. Niemand bedauert, daß er es todt gefüttert habe. Wie sollte dieses auch möglich seyn? Es konnte ja nie satt werden?“
Wenn aber das Kind schon brav herumlauft, wenn es schon fordern kann, dann gebe man ihm zu essen, wenn es mag, wenn es will. Es wird denn nie zu viel essen. Ein natürlich erzogenes Kind wird sich nie Unverdaulichkeiten zuziehen, an denen wir allein Schuld sind. Die Natur bedarf immer eines Ersatzes; daher hat das Kind immer Hunger. Reizen wir nur seine Sinnlichkeit nicht, so wird es gewiß nicht mehr essen, als es Hunger hat. Allein wir lassen die Kinder sistematisch nach der Uhr hungern, und nur zu gewissen Zeiten des Tags essen; sie suchen sich denn, wenn ihnen der Zaum, den ihnen die Konvenienz anlegte, losgelassen wird, dafür schadlos zu halten, und füllen auf einmal in ihre kleinen Magen mehr, als sie verdauen können. Wir sehen davon Beweise an den Kindern der Landleute. Der Tisch ist diesen, vorzüglich im Sommer, immer gedeckt. Den ganzen Tag sitzen sie unter den Obstbäumen, und wie wenig wissen sie von Unverdaulichkeit! Haben sie sich durch Zufall eine zugezogen; so ist Hunger ja dafür das beste Mittel; die Natur verbindet ohne dies damit Eckel. Das natürlich erzogene Kind wird daher keinen Hunger haben, bis die Natur diesen Fehler wieder gut gemacht hat.
Ungegründet ist auch die Furcht, daß volle Befriedigung des Appetits die Knaben zu schwerfällig und träge mache. Man bedenke doch nur, daß sie nicht allein das Verlorne ersetzt haben, sondern außerdem noch zum Wachsthum etwas auflegen wollen. Ihre Verdauung ist wegen dieses doppelten Bedürfnisses so lebhaft, daß man von der Ueberladung des Magens nicht leicht etwas zu befürchten hat. Der Hunger selbst ist uns Bürge dafür; der zeigt sowohl, wie hochnöthig eine Nahrung ist, als auch, wie leicht und bald das Genossene verdaut wird.
In diesem Alter ist Essen die Hauptbeschäftigung, und von dieser Seite nur kennen die Kinder Vergnügen. Die Erzieher sollten das mehr benutzen, denn könnten sie sicherer zum Zwecke kommen, als nach der bisher gewohnten Art. Wie leicht trocknet oft ein Apfel, oder eine Kirsche einen ganzen Strom von Thränen! -- Jetzt verdirbt man oft das Herz der Kinder, indem man es bessern will. Neid nennt man bei der Jugend +Emulation+; unbeschränkten Ehrgeiz lobenswerthe +Wißbegierde+. Du sollst nicht eher ruhen, bis du in der Schule den Platz über diesen oder jenen deiner Gespielen erhalten hast; denke dir die Schande: -- dein Bruder oder dein Freund hat schon wieder diese Aufgabe besser gemacht, u. s. w. Das ist die nur allzugewöhnliche Erziehungs-Methode. So legt man aber den Keim zu den heftigsten Leidenschaften in das junge Herz, und vergiftet es für immer in die Zukunft. Hämischer Neid, unersättlicher Ehrgeiz mit allen seinen Folgen bemeistern sich dadurch des Kindes ganz. Es wird nur Ersatz für seinen Fleiß, für seine Arbeiten in äußerlichen Zeichen, im lauten Beifall des Publikums suchen; und haben ihm noch ehrgeizigere Menschen diese nahe am gehofften Ziele wegcabalirt; so ist es in Verzweiflung, hört auf zu arbeiten, oder will sich gar an Vaterland und Menschheit rächen.
Kinder müssen zu dem, wohin wir sie leiten wollen, durch sinnliche Gegenstände gereizt werden, aber denn ist es doch besser, sie dadurch zu führen, wofür sie in diesem Alter ganz Sinn sind. -- Zucker z B. ist das beste, was man ihnen zur Aufmunterung und zur Belohnung geben kann. Sie essen ihn sehr gern, und er ist trotz dem, was man dagegen gesagt hat, sehr gesund. Der Herzog von Beaufort, der vierzig Jahre lang täglich ein Pfund Zucker verzehrte, starb im sechzigsten Jahre an einem Fieber; man fand seine Eingeweide sehr gesund, und die Zähne fest und gut. Ein gewisser Melory, der unter alle Speisen Zucker that, wurde bei einer festen und dauerhaften Gesundheit hundert Jahre alt. Personen, die den stärksten Gebrauch vom Zucker machen, wie die Neger, haben gerade die schönsten Zähne: und Share versichert, seine Zähne durch das Reiben mit Zucker erhalten zu haben. Hunter empfiehlt sogar den Zucker als das beste Erquickungsmittel bei Leuten, die durch langes Fasten geschwächt, oder durch den Gebrauch von Merkurialmitteln mager geworden sind. Und wie mehrere Versuche beweisen, so begünstigt der Zucker nicht allein die Erzeugung der Würmer nicht, sondern er treibt sie sogar ab.
Man hüte die Kinder aber vor Näschereien, vorzüglich denjenigen, die um Weihnachten und Nikolaus in den katholischen Ländern verkauft werden. Es sind meistens Sachen, die mit Gummigutt, Grünspan, Schaumgold, d. h. Messing gefärbt, und aus schlechtem Mehl und etwas Zucker zusammengebacken sind, welche billig wegen ihren schädlichen Eigenschaften in jedem polizirten Staate verbothen werden müßten.
Man glaube nur nicht, die Kinder würden dadurch Fresser und Schlemmer, daß man sie durch so sinnliche Gegenstände zur Arbeit und guten Handlungen ermuntere, oder daß in der Folge für sie ein gutes Mittagsessen mehr seyn würde, als eine edle That. Nein das ist sicher der Fall nicht. So wie das Wachsen allmählig aufhört, das Kind sich weniger bewegt, so hört auch mit dem Bedürfnisse die Lebhaftigkeit dieses Sinnes auf, und um die Zeit bekömmt dabei im gesellschaftlichen Zustande das Herz so viel zu thun, daß der Magen uns so sehr nicht mehr beschäftigt. Nur die werden Fresser, welchen ihr Appetit nicht gestillt, sondern gereizt wird, oder welche Nerven von der Bauart haben, daß sie weder von innen noch von außen Beschäftigung finden, und also nur mit -- ihrer Verdauung und Ernährung zu thun haben.
Hier muß ich noch gegen einen Mißbrauch warnen, der den Kindern nicht selten sehr nachtheilig ist. Es ist die eckelhafte Gewohnheit vieler Kindswärterinnen, den Bissen, den sie kleinen Kindern geben, immer vorerst in ihrem Munde herumzuwälzen, und mit ihrem, oft gefährlichen, Speichel zu besudeln. Man lasse nur die Speisen gehörig abkühlen; denn ist es ja nicht möglich, den Kindern den Mund zu verbrennen!
Von der Kleidung.
Unter die zahllosen Bedürfnisse, welche die Gewohnheit mehr, als die Natur, dem Menschen nothwendig macht, rechnet man billig die Kleider[80]. Ein großer Theil unsrer Degeneration kömmt von unsrer albernen, läppischen Art zu kleiden her. -- Ich finde die Mode der Wilden, sich zu tatouiren, nicht so lächerlich und weniger ungesund, als die Sitte der Europäer, sich jedes Glied in eine widernatürliche Lage zu pressen.
Wie unnatürlich sind nicht unsre Kleider! Ich glaube kaum, daß man eine abscheulichere Art, sich zu bedecken erdenken könnte, als die unsrige. Alle Glieder gepreßt, gebunden, geknöpft! -- Auf dem Kopfe glaubt man, nie Haare genug haben zu können, während die Männer sie um das Kinn, wo sie ihnen die Natur doch auch gab, mit der größten Sorgfalt abschneiden. -- Den Hals, der mit so wichtigen Gefäßen rund umgeben ist, umschlingen wir mit Binden, und stören da den Kreislauf des Bluts. Die Brust und der Unterleib werden erst durch Schnürleiber (die man immer noch in einigen Gegenden Knaben und Mädchen reichlich angedeihen läßt) denn durch enge Westen und hohe Hosen zusammengedrückt. So wird die Brust verengert, das Athemholen erschwert, und das ganze Verdauungsgeschäft gestört. --
Die Hosen sind die schädlichste Kleidung, welche auf diesem Planeten von irgend einem Volke getragen wird, und wahrlich in Absicht auf die Sitten ist die Mode im Königreich Pegu, wo sich die Weiber so kleiden, daß sich bei jedem Schritte ihr geheimster Theil darbietet, nicht von schlimmerer Wirkung. -- Auch die Schuhe sind so gestaltet, daß man glauben sollte, der Mensch habe sie sich zu seiner Quaal erfunden[81]. Die Natur machte unsre Füße vorn breit, und hinten spitzig; allein wir verstehen das Ding besser: unsre Schuhe sind vorn spitzig, und hinten breit, dabei so enge, daß unsre Zehen ganz gelähmt, und zwei Drittheile der Menschen mit allerhand Fußbeschwerden geplagt sind. Unsre Zehen sind beinahe, wie unsre Finger, gebildet; daher gibt es viele Völker, die das, was ihnen fällt, mit den Füßen aufheben, und diese fast eben so, wie ihre Hände brauchen können. Bei dem schönen Geschlechte in Europa ist die Kleidung noch weit unnatürlicher, als bei den Männern: sie zielt vorzüglich auf die Ausstaffirung des Busens und auf eine hübsche Taille. Bald befiehlt die Mode den Damen, ihren Busen nur durch einen seidenen Nebel blicken zu lassen, bald heischt sie ihn ganz zur Schau zu stellen; an vielen Orten aber zeigen sie ihn nur bei +Ehrenanlässen+. -- Der Leib ist allgemein in Europa beliebt worden, für schön zu halten, wenn er trichterförmig ist. Alle die Moden, wie z. B. jetzt, wo sich die Frauenzimmer kleiden, als wenn die Schenkel gerade unter den Schultern anfingen, sind nur von kurzer Dauer. Immer kömmt man wieder bald auf die erste, +auf die Trichterform+, zurück. Wie verderbt muß nicht unser Geschmack seyn, daß es uns gefällt, ein Frauenzimmer, wie eine Wespe in zwei Stücke getheilt zu sehen; daß wir es für eine Schönheit halten, wenn ihr Leib zum Umspannen schmal ist, da inzwischen die Schultern breit sind, die Brüste beinahe bis an das Kinn anschwellen, und der Hinterleib einen großen Raum ausfüllt!
Die vielfache, komplizirte, Kleidung der Europäer bestätigt die Meinung des Abts +Barthelemy+ ganz: daß mit dem Verderben der Menschen sich ihre Kleider vermehrt haben[82]. Unsre kränklichte, verkrüppelte Körper, wodurch wir uns so sehr vor andern Völkern auszeichnen, verdanken wir gewiß größtentheils unsrer Kleidertracht. Warum ist der Körper der Neger so viel vollkommner, als der unsrige? Warum die Brust der Mohren so viel geräumiger, gewölbter, als die des Europäers[83]? Wie einfach kleideten sich unsre Ahnen, und wie stark und gesund waren sie nicht! Julius Cäsar erzählt von ihnen[84], daß sie sich mit Häuten bekleideten, und einen großen Theil ihres Körpers unbedeckt ließen. -- Und ihr ganzes langes Knabenalter liefen sie nackt herum[85]. Die heutigen Türken beweisen augenscheinlich, wie sehr die Kleidung auf den Körper wirkt. Sie wissen nichts von der Einwicklung, tragen keine enge Kleider, und haben daher breite Schultern und eine sehr weite Brust. -- Die Kleidertracht ist also ein Umstand, der unsre Aufmerksamkeit im hohen Grade verdient; da ein beträchtlicher Theil Menschen an Krankheiten der wiedernatürlich verengten Brust zu Grunde geht. Das schlimmste ist, daß man, um die für schön gehaltene Form sicher zu erhalten, schon die Kinder in Kleider spannt, welche die Glieder in die beliebte Figur verzerren. Ihr ganzer Körper gibt, wie Wachs, jedem Drucke nach, und nimmt also bald für immer die unnatürliche Richtung an, welche man ihm zu geben für gut fand.
Bei einer bei Kindern einzuführenden Kleiderreform muß man +vorzüglich+ darauf Rücksicht nehmen, daß man dem Hange zum Putze, der die Menschen noch unter keinem Himmelsstriche verlassen hat, hinlänglich Spielraum läßt. Gibt man hierauf nicht Acht, so verfehlt man früher oder später seinen Zweck; denn es ist noch kein Volk im Menschengeschlechte gefunden worden, welches nicht durch irgend eine Art von Putz die ihm von der Natur verliehenen Reize zu erhöhen, und sich dadurch liebenswürdiger zu machen suchte. Die elenden kümmerlichen Pescherä's, die der Abschaum der Menschheit seyn sollen, haben Halsbänder von niedlich schimmernden Schneckchen. Und zum Beweise, daß der Trieb sich zu schmücken beim Menschen selbst weit früher da ist, als das Gefühl der Schamhaftigkeit, werfe man nur einen Blick auf die Einwohner von Neuholland. Diese übrigens ganz nackend einhergehenden Wilden durchbohren sich den Nasenknorpel, und knebeln sich einen fast spannenlangen Knochen durch die Oeffnung, (es versteht sich, der Schönheit wegen) der groß genug ist, der Luft den Weg so zu versperren, daß sie nur mit offnem Munde athmen, und mit schnarrender Resonanz sprechen können; malen sich mit rother Ocker, oder auch mit weißen Streifen, die gleichsam wie ein Ordensband über die Schulter, und schräg über den ganzen Leib gehen, auch zuweilen übers Kreuz von andern Streifen durchschnitten werden, und tragen Halsbänder von gereihten Muschelschaalen, Armspangen von kleinen Schnüren, und eine Schnur von Menschenhaaren um den Unterleib. -- In Van-Diemens Land hatten einige Weiber einen Lappen des Kangurufells, den sie wie einen Sack um den Hals und um den Leib banden, um ihre Kinder darin auf dem Rücken zu tragen; allein an eine Bedeckung, welche die Schamhaftigkeit nach unsren Begriffen erheischt, war schlechterdings bei ihnen nicht zu denken[86].
Völker, die den sehr weisen Gebrauch eines Feigenblattes einsehen, haben dafür Surrogate, die offenbar mehr als bloße Bedeckung zur Absicht haben. Im südöstlichen Afrika bedient man sich statt dessen eines Katzenschwanzes; die Einwohner von Darien einer Maschine, die einer Lichtputze ähnlich seyn soll, und ein benachbartes amerikanisches Volk eines Kürbis oder großen Schneckenhauses. -- Die männlichen Einwohner von Manikolo und den übrigen neuen Hebriden auf der Südsee haben sich einen kolossalischen Apparat hiezu ausgedacht: nemlich eine zylindrische Kapsel von einer solchen Länge und Stärke, daß sie mit Stricken getragen und um den Leib befestigt werden muß. Der Schmuck endlich unsrer Antipoden in Neu-Seeland ist ein hölzerner mit Bindfaden umwickelter Reif, dessen oberer Bogen mit Federbüschen besetzt ist, und in die bekannte Gegend applizirt wird; er dient offenbar nicht zur Bedeckung, sondern zur Parade. -- Eine der merkwürdigsten Verschönerungen ist unter den +Eleuten+ im nordischen Archipelagus gebräuchlich. Sie stecken sich nemlich Wallroßzähne durch die Lippen und Backen, um jenen Seeungeheuern gleich zu scheinen. --
Der Hang zum Putze ist also allgemein, fließt aus dem wohlthätigen Triebe zu gefallen, richtet sich daher nach dem Begriffe von Schönheit, welcher vorzüglich bei kultivirten Völkern äußerst veränderlich, und von Zufällen abhängig ist. Der Trieb ist also von der weisen Natur eingepflanzt, und zu allgemein, als daß wir ihn ersticken können, und warum sollten wir auch das? -- Alle zu einfache Kleidungsvorschriften, welche der Mutter nicht erlauben, im Kinde zu kokettiren, werden nie eingeführt werden können, werden und können -- nie allgemein werden.
Die Toilette des Kindes fängt nun gleich an, so wie es aus dem Bade, unmittelbar nach der Geburt, kömmt. Es muß denn in eine Kleidung gesteckt werden, wobei es ohne irgend einen Theil seines Körpers zu drücken, warm bleibt. In dem Leibe seiner Mutter saß es ja neun Monate krumm, und kam doch gerade zur Welt; warum sollen wir denn die armen Kleinen gleich bei ihrem Eintritte auf die Folter spannen, sie gleich der Bewegung aller ihrer Glieder berauben, und zur Pyramide wickeln[87]? Wer nur einmal zusah, wie froh das Kind zu seyn pflegt, wenn es bei Umwechslung der Kleider einen Augenblick seine Glieder brauchen darf, der wird sich leicht von der Quaal überzeugen können, in die es durch das Wickeln versetzt wird. Vorzüglich leiden das Athemholen und die Verdauung dabei, und anstatt krumme Beine etc. zu verhüten, ist nichts fähig, sie so leicht zu machen. Das Stöhnen und Stampfen des Kindes, das Versuchen sich seine Lage erträglicher zu machen, ist recht dazu geeignet, seine Glieder aus ihrer natürlichen Form zu bringen. Die wickelnden Nationen (möchte ich sagen) haben die meisten Krüppel. Die alten Einwohner von Peru[88] setzten ihre Kinder in ein Loch, welches sie in die Erde machten, und ihnen bis an die Hälfte ihres Körpers reichte; sie konnten denn ihren Kopf oder ihren Leib bewegen, wie sie wollten, ohne sich wehe zu thun, oder zu fallen.
Bei mehrern Völkern können daher die Kinder schon im sechsten Monate gehen. -- Die Natur leidet nicht gern bei Erwachsenen plötzliche Veränderung, also noch weniger beim Neugebohrnen. Er war bis hieher mütterliche Wärme gewohnt, lebte ganz durch seine Mutter; jetzt fängt er seine eigne Haushaltung an; kalte Luft dringt nun in seine Lunge; der Kreislauf des Bluts wird ganz geändert. Man suche ihm also seine Lage dadurch zu erleichtern, daß man ihn an den Uebergang allmählig gewöhne. Die Thiermütter sitzen die ersten Tage nach der Geburt beinahe ununterbrochen auf ihren Jungen, und thun es um so seltener, je weiter sie von dem Tage der Niederkunft abkommen. So muß es mit unsren Neugebornen seyn. Sie müssen die erste Zeit nach ihrer Geburt warm gekleidet, in dem Bette ihrer Mutter liegen, um ihnen den Unterschied der Temperatur so wenig, wie möglich, fühlbar zu machen. -- Ein Hemd, das überall weit ist, und auf dem Rücken mit Bändern zugemacht wird, um alle Nadeln zu vermeiden[89], und ein andres über dies, welches von einem Zeuge gemacht ist, der warm hält, und doch nicht schwer ist, mache seinen ganzen Anzug. Dies zweyte Hemd muß lang genug seyn, um seine Füße und seine Finger ganz zu bedecken. Bei Armen und auch bei Reichen (wenn es nicht zu wohlfeil wäre) würde hiezu Flanel sehr gut zu empfehlen seyn. Er ist warm, äußerst nachgiebig und doch leicht. Auf den Kopf des Kindes setze man eine Mütze, die ihn in der gehörigen Temperatur hält, und aus einem Zeuge gemacht ist, der durch seine Elastizität gewissermaßen sitzen bleibt, und also nicht nöthig hat, gestochen oder gebunden zu werden; oder eine Haube, die, wie eine Kaputze an das Hemdchen befestigt ist, und frei zurückgeschlagen werden kann. Die Bänder an den Mützchen, die unter dem Kinne gebunden werden, taugen eben so wenig, als jene, die über die Ohren gehen. Sie drücken die Ohren eben so, und können überdies das Kind erdrosseln, wenn es den Kopf zurücklegen will. Durch sie sind unsre Ohrenmuskeln schon frühe gelähmt; daher können wir unsre Ohren nicht bewegen, was die Wilden so gut können; und eben deswegen ist unser Gehör denn auch weniger scharf.