Versuch über die physische Erziehung der Kinder
Part 5
Gewöhnlich pflegt man sie in Federbetten einzugraben. Dies macht ihnen Beängstigung, und nöthigt sie zum Schwitzen. Weit zuträglicher ist es statt der mit Federn angefüllten Betten ihnen eine leichte, abgenähte Decke zu geben, die den Körper gar nicht genirt, und worin das Kind nicht zu warm wird: ihr Bett, so wie die Kissen sollen bloß mit weichgeklopftem, zartem Haferspreu gefüllt seyn; denn diese haben den Vortheil, daß die Feuchtigkeiten hindurch gehen, und also das Bett immer trocken ist; auch lassen sie sich sehr leicht von Zeit zu Zeit erneuern. Nur im Winter, oder wenn das Kind schwächlich ist, kann man eine leichte Federdecke erlauben, und doch nur so lang, bis die Kälte gelinder, oder das Kind stärker wird. In Rücksicht der Lage ist zu merken: daß die Kinder etwas erhaben mit dem Kopfe liegen müssen, weil bei einer horizontalen, oder auch mehr rückwärts gehenden Lage das Blut mit einer größern Gewalt nach dem noch so sehr weichen Gehirne strömt, und deswegen schädlich wird, was besonders +Lower+ von den Kindern, die beständig mit konvulsivischen Krankheiten geplagt sind, anmerkt.
Man soll die Kinder hüten, bei kränklichen oder bei Alten im Bette zu schlafen. Das ist der Fall zwar sehr oft, daß aus übertriebener Zärtlichkeit und Sorgfalt alte Großältern, oder Mägde die Kinder bei sich im Bette haben; allein dies kann nur zum größten Nachtheile des Kindes geschehen. Müller sagt: „Aus dieser einzigen Ursache hat man Kinder täglich abnehmen und in Auszehrung verfallen gesehen.“ Es ist hier eine natürliche Transfusion. Sie liegen beide in einem animalischen Dampfbade, woraus dann jeder seine Portion wieder einsaugt. Natürlich muß das um so vortheilhafter für den Alten seyn, je nachtheiliger es dem Kinde ist. Das kannten schon die Römer: +Kornelius Agrippa+ erzählt, daß die Aerzte seiner Zeit viel von Erwärmung des schönen Geschlechts erwarteten. Selbst Galen, der von einem alten Manne wegen seiner Abnahme an Kräften befragt wurde, wollte, daß er bei einem Kinde schlief, um seinen Unterleib davon zu erwärmen[57]. Dem Propheten David wurden ja seine Tage verlängert, indem man ihm (der Erwärmung wegen) ein sehr junges Mädchen ins Bette gab. Desessarz sah bei verschiedenen Kindern beiderlei Geschlechts, daß der Theil ihres Körpers, welcher den Alten, Kränklichen, neben denen sie schliefen, am nächsten lag, schwächer, blässer, und wie ausgezehrt wurde. Derselbe Fall ist oft bei Verheiratheten, vorzüglich wenn der eine Theil alt, kränklich, und der andere jung und gesund ist, daß es sich in wenig Monaten ganz umgekehrt mit ihnen verhält.
Es behaupten zwar mehrere neuere Chemiker und Aerzte, daß junge Thiere die Athmosphäre weit schneller und weit mehr verdürben, als die ältern eben derselben Art, und den Alten also nicht nützen, sondern schaden würden, wenn sie bei ihnen lägen: indessen die Erfahrung widerspricht offenbar hier den theoretischen Gründen.
Man muß die Vorsicht brauchen, unter Tages das Bettchen des Kindes so zu stellen, daß das Tageslicht vom Fenster gerade auf seine Augen fällt. Eben dies gilt auch von der Nachtlampe. Ist das Fenster, oder die Lampe rechts, oder links, oder rückwärts, so gewöhnt sich das Kind mehr auf diese, oder jene Seite zu sehen: es lernt schielen.
Ein andres grobes Vorurtheil, welches unsren Kindern viele Unbequemlichkeit, und vielleicht viele Krankheiten macht, ist das alte, aber, in Rücksicht auf Kinder, alberne Sprichwort: _Aurora musis amica_. Man will die Kinder zur Arbeitsamkeit gewöhnen, man will ihnen, wie man sagt, ihre Trägheit benehmen, und zwingt sie daher früh aufzustehen, da es doch offenbar der Wille der Natur ist, daß die Kinder lange schlafen sollen. In den mehrsten Instituten müssen die Kinder wegen dieser grundlosen Meinung zu frühe aufstehen. Man scheint gar nicht daran zu denken: daß Kinder verhältnißmäßig weit stärker arbeiten, als Erwachsene. Ueberläßt man sie sich selbst, so ist wohl keines ihrer Glieder einen Augenblick in Ruhe. Lange also müssen sie schlafen; um so länger, je jünger sie sind, und im Winter weit länger, als im Sommer. Denn wir finden, daß Schlafen, wenn sich die Sonne unter dem Horizont befindet, weit erquickender ist, und daß wir auch denn mehr Schlaf haben.
Man wecke die etwas erwachsenen Kinder zu verschiedenen Zeiten und oft mit Geräusch auf, damit sie auch daran für die Folge gewohnt werden; da die gesellschaftlichen Verhältnisse sie gewiß manchmal in ihrem Leben plötzlich aus dem Schlafe bringen werden. -- Man gewöhne sie, sich selbst zu wecken. Man verspreche dem Knaben, ihn den andern Tag um diese oder jene Stunde dahin mitzunehmen, wo er viel Vergnügen hoffet, und nehme ihn wirklich nicht mit, wenn er geschlafen hat; so wird er bald das Wecken nicht mehr nöthig haben.
Von der Bewegung.
In der ersten Zeit des Lebens kann natürlich die Bewegung des Kindes bloß darin bestehen; daß man seinen Gliedern freien Spielraum läßt, und es auf dem Arme herumträgt. Das muß aber nun sehr bald (wie oben gesagt worden ist) geschehen; erst im Zimmer, dann im Hause, und endlich täglich in freier Luft, um es vor und nach daran zu gewöhnen.
Nach den ersten Monaten ist vorzüglich das Herumfahren in einem kleinen Wagen sehr vortheilhaft. Größre Kinder genießen dadurch selbst die Wohlthat der Bewegung, und der gesunden Luft, indem sie solche den kleinern mittheilen wollen. Die Kinder bekommen dadurch ein frisches, blühendes Aussehen, ein festes Fleisch, einen ruhigen Schlaf, vermehrte Eßlust, und werden munter und lustig. Man schütze sie nicht ängstlich vor der Sonne; im Gegentheil es ist ihnen sehr zuträglich, nebst der freien Luft auch der Sonne ausgesetzt zu seyn. Wahrlich dient das Licht in der Natur zu mehrerem, als -- um Tag zu machen[58]: Sein Einfluß auf die thierische Haushaltung ist schlechterdings unverkennbar. Wohnungen, wozu das Sonnenlicht schwerlich kommen kann, wie bei Gefängnissen und manchen Klöstern, sind feucht, ungesund: Menschen und Pflanzen verbleichen darin, und kränkeln. Man hat daher sehr Unrecht, den Teint des Kindes auf Kosten seiner Gesundheit zu erhalten. Ich glaube mit Berthollet[59], daß die Sonne Mitursache sey, warum die Kinder der Landleute so viel gesunder sind, als die der Städter.
Wenn die Kinder fünf bis sechs Monate alt sind, so lasse man sie unter guter Aufsicht auf einem mit Teppich belegten Fußboden, oder im Sommer auf Grasplätzen herumkriechen. Sie bekommen dadurch einen freiern und leichtern Gebrauch, mehr Festigkeit und Beweglichkeit ihrer Glieder, und lernen daher eher und weit sicherer gehen[60]. Buffon[61] erzählt von den kleinen Negern, daß sie mit ihren Füßen, und Knien eine von den Hüften der Mutter fassen, und sich so fest an die Brust anklammern, wenn sie trinken wollen, daß sie ohne Beihilfe der Mutter hangen bleiben. Sie trinken beständig fort, ohne sich irren zu lassen, oder zu fallen; die Mutter, welche während dieser Zeit arbeitet, mag sich bewegen, wie sie nur immer will. -- Wenn diese Kinder zwei Monate alt sind, so fangen sie schon an zu gehen, oder vielmehr sich auf den Händen und Füßen zu schleppen; eine Uebung, die ihnen in der Folge die Fertigkeit gibt, fast eben so geschwind auf allen vieren zu kriechen, als aufrecht zu gehen. -- Von Weert sah[62] an der Magellanischen Straße, daß ein Kind, welches noch nicht viel über sechs Monate alt seyn konnte, schon viele Zähne hatte, und allein lief. Die Kinder der Maleyischen Weiber müssen sich uneingewickelt auf einer auf der Erde gespreiteten Matte behelfen, und man sieht sie schon herumlaufen, wenn sie ein halbes Jahr alt sind. Daran ist bloß ihre ungezwungene Behandlungsart Schuld, sie lähmen nicht ihre Kinder nach Sitte der Europäer durch Unthätigkeit, durch zweckwidrige Kleidung, oder durch Einsperren in enge verpestete Zimmer; sie hindern also ihr Wachsthum nicht, und eben dadurch können diese ihre Glieder bald brauchen.
Man hat auf diese Art die so gefährlichen Laufbänder nicht nöthig, die den Kindern an der Brust und Schultern anliegen, und da sie sich (weil sie noch nicht auf den Füßen stehen können) immer mit dem obern Theil ihres Körpers vorwärts neigen, so liegen sie mit ihrer ganzen Last auf dem vordern Theile des Laufbandes; die Brust wird dadurch gedrückt, mehr und mehr hineingepreßt, und das Wachsthum dieses wichtigen Theils des Körpers auf eine sehr nachtheilige Art gestört; besonders da die Mägde sie oft damit schwebend in der Luft halten, und sich hin und her bewegen lassen. -- Derselbige Fall ist ungefähr mit den Laufstühlen, worin man die Kinder einsperrt, und so herumirren läßt. Sie bewegen sich fort durch Stöße, welche sie mit der Brust geben, und oft auf eine empfindliche Art wieder erhalten, wenn sie plötzlich gegen eine Mauer prellen; dabei ist noch der Nachtheil, daß den Kindern durch das beständige Stehen die Beine krumm werden.
Auch muß ich erinnern, daß in diesem Alter manche Bewegungen, welche man so oft zum Scherze oder aus Unvorsichtigkeit mit den Kindern macht, äußerst gefährlich sind: manchmal faßt man den Kopf des Kindes zum Spasse mit beiden Händen, und hält ihn in die Höhe; dadurch können die Gelenke der Wirbelbeine bei verlängerten Bändern durch eine leichte hinzukommende Bewegung des Körpers aus ihrer Lage gebracht und verdreht werden, wornach ein plötzlicher Tod oder wenigstens ein krummer Hals die Folge ist.
Aus demselben Grunde soll man den Kopf des Kindes, wenn es aus dem Bette genommen, oder auf dem Arm getragen wird, nicht rücklings fallen lassen, weil das wegen dem von Natur noch knorplichten Zahnfortsatze des zweiten Halswirbelbeins nicht ohne beträchtliche Verletzung und Beschädigung geschehen kann. -- Auch ist es eine schädliche Gewohnheit, die Kinder bei den Händen oder Armen zu fassen, und so in die Höhe zu heben; denn hierdurch kann den zarten Kindern nicht nur eine Verrenkung, sondern auch ein Abbrechen von Knochenansätzen zugefügt werden. Es ist ebenfalls gefährlich, Kinder von einem Arme auf den andern zu werfen, und sie beim Stehenlehren auf dem Tische jähling auf die Füße und Knie fallen zu lassen, was die Knochen, die an ihren Enden noch knorplicht sind, und die Hüften selbst verletzen muß. -- Fast eben so nachtheilig ist es, das auf dem Arm sitzende Kind gleichsam in die Luft zu werfen, und schnell wieder herabzulassen; denn man legt hierbei, um es vor dem Fallen zu sichern, die linke Hand unter den Körper, die Finger der rechten Hand aber unter die Brust und die Rippen, und drückt nun so nicht allein die Brust zusammen, sondern verdreht auch die Rippen.
Vom Essen und Trinken.
Die erste Nahrung des Kindes muß nun, wie ich bewiesen zu haben glaube, die Brust der Mutter seyn. -- Aber hat das Kind wohl genug damit? -- Auch hier sind die kultivirten Menschen wieder klüger als -- die Natur! Sie glauben, der Säugling würde an den Brüsten seiner Mutter verhüngern, wenn sie nicht durch ihre Weisheit -- das Pfuscherwerk des Schöpfers verbesserten.
Das gesunde Kind hat mit den zwey Brüsten seiner gesunden Mutter die ersten Monate vollkommen genug[63]. Es findet in der reinen Muttermilch hinlängliche Nahrung. Man hat daher weiter nichts dabei zu künsteln nöthig. Aus dieser Ursache gefällt mir der Rath von +Pinel+, den ich übrigens, als einen der vorzüglichern Aerzte Frankreichs sehr hoch schätze, gar nicht: die Kinder nämlich beim Säugen frisches Wasser trinken zu lassen. Es soll bei denen, die mager werden, oder Anzeigen schlechter Verdauung haben, das sicherste Mittel seyn, dieselbe in Ordnung zu bringen, und die von der Milch überbleibenden Kruditäten wegzuspühlen, dem Krampfhusten vorzubeugen, und die Entwöhnung zu erleichtern. Er sagt, er gebe diesen Rath aus Erfahrung, man könne den Kindern drey bis viermal des Tags Wasser geben; denn der Instinct lehre sie so viel zu nehmen, als ihnen gut ist, und sie fänden bald Geschmack daran. Allein Herr Pinel wird mich schwerlich überzeugen können, daß kaltes Wasser einem Säuglinge gut bekommen könne, da die Natur so absichtlich ihm seine Nahrung lauwarm gibt, und wie, wenn das Kind gerade deswegen mager wird, weil die Milch seiner Mutter zu wässericht ist? Nur in dem Falle, und mit der Einschränkung kann man, das Wasser, und zwar als Arznei geben, wenn, wie es Hufeland that,[64] die Muttermilch zu fett und zu schwer ist, und das Wasser vorher laulicht gemacht wurde.
Nach einigen Monaten, wenn die Natur nach und nach anfängt, auf die Hervorbringung der Zähne zu arbeiten, sehen wir, daß dem Kinde die Milch der Mutter nicht hinlänglich ist. Die Natur will jetzt das Kind vor und nach an andre Nahrung gewöhnen; damit das Abgewöhnen von der mütterlichen Brust nicht auf einmal geschehe. Die beste Nahrung, die man denn dem Kinde geben kann, ist: Milchzucker in warmem Wasser aufgelöst, wozu etwas Satzmehl aus Kartoffeln[65], (es ist ganz dasselbe, was der theurere Sago und Salep ist) geschüttet wird. Wie das Kind älter und stärker wird, so setzt man mehr davon zu; man erhält das Ganze eine halbe Stunde unter stetem Umrühren über dem Feuer, und erhält so eine sehr nährende Gallerte. Nach einiger Zeit wechselt man ab mit Fleischbrühsuppen, worin gut gebackenes Weizenbrod abgekocht ist. -- Das sind Sachen, die den Uebergang von der Milch zu den übrigen Nahrungsmitteln zu machen, vorzüglich geschickt sind. Gewöhnlich gibt man aber den Kindern, und zwar bei uns von dem ersten Tage der Geburt einen Brei aus Milch, Mehl und Zucker. Offenbar eine Mischung, die so schädlich ist, als eine erdacht werden kann! Ungegohrne Mehlspeisen sind sogar den Erwachsenen aus Gründen, die der Chimist und Phisiolog kennt, äußerst schwer zu verdauen. Man kann sich nicht mit zu vielem Eifer gegen diese abscheuliche Nahrung auflehnen.
Man mache den Versuch an sich selbst, esse nur so viel Mehlbrei, als man einem Kinde auf zweimal einstreicht, und wenn man nicht gleich nach dem ersten Mahle Drücken im Magen, saures Aufstoßen, und alle Zeichen einer Unverdaulichkeit und Säure im Magen wahrnimmt, so fahre man nur einige Tage mit dieser Kost fort -- und man wird denn hinlänglich überzeugt seyn, daß dieser Brei in dem Magen sich in Sauerteig verwandelt, und desto schneller bei Kindern sich verwandeln muß, je schwächer ihr Magen ist und je schwächer ihre Verdauungskräfte sind. Man sagt zwar, der Brei nährt viele Millionen Kinder; aber wie viele tausend hat er schon getödtet? Vielleicht hat noch kein Gift so viele Menschen plötzlich, oder nach und nach gemordet, als dieser Mehlbrei, und er hat vielleicht allein mehr Kinder in den ersten Monaten aufgerieben, als alle Kinderkrankheiten in der Folge! Wenn sich auch seine Wirkungen nicht plötzlich äußern, wenn auch nicht alle Kinder, welchen Mehlbrei eingestrichen wird, plötzlich sterben, was doch nicht ganz selten sich ereignet; so legt er doch den Keim zu einem Heere langwieriger Krankheiten. Wie konnte sich aber, sagt man, der Mehlbrei so lange in den Kindsstuben erhalten, wenn er so schädlich ist? Man darf nur die Faulheit und Nachlässigkeit der Ammen und mancher Mütter kennen, um das zu begreifen. Ein Kind, dem man eine Portion dieses Kleisters eingegeben hat, zumal wenn es des Abends geschieht, liegt die Nacht über in einer Betäubung da, wie ein Erwachsener, der vor dem Schlafengehen ein zu reichliches Nachtmal an unverdaulichen Speisen hielt -- es währt lange, bis der Magen den zähen Kleister verdauet, bis der Säugling wieder neuen Appetit bekömmt und nach Muttermilch schreit; daher schläft die Amme ruhig die Nacht über fort, und erwacht freudenvoll über die genossene Ruhe mit dem neuen Entschlusse, auch künftigen Abend ein Stündchen Schlafes mit dem Leben und der Gesundheit ihres Säuglings zu kaufen. Wie schnell mußte sich solch eine Entdeckung unter dem Ammenvolke verbreiten! Und wie viel leichter wäre es nicht, Alpen zu versetzen, als ein hirnloses Weib von dem Ungrunde einer vorgefaßten Meinung zu überführen! Unglücklicher Weise macht der Brei den Kindern dicke Bäuche, und da sich bei vielen Weibern der Stolz sehr oft auf die Fettigkeit ihrer Kinder gründet: so dient dies auch noch bei ihnen dem Brei zur Empfehlung; weil sie mit allem Eifer bedacht sind, diese drolligte Leibesbeschaffenheit ihren Kindern zu erzielen.
Aber wenn nun das Kind abgewöhnt ist, was soll es denn essen? Die Natur gab andern Thieren den Instinct als die sichersten Leiter, die Sachen zu finden, die ein Stück ihres Körpers ausmachen sollten. Wir sehen das deutlich auf den oft abgefressenen Weiden, welche dem hungrigen Thiere wenig Nahrung geben können; und doch stehen gewisse Pflanzen in der schönsten Blüthe unangerührt da; weil sie ihnen nachtheilig sind. Diesen Instinct hatten wir auch; denn die ersten Menschen würden todt gehungert seyn, wenn sie durch die Erfahrung hätten lernen müssen, was ihnen nachtheilig oder gut sey. Ein Knabe, der in einem Walde gefangen worden, konnte alle gesunde Pflanzen von den schädlichen unterscheiden; er verlor aber diese Eigenschaft, so bald er aß, wie andere Menschen[66]. Das wäre uns gewiß am allergesündesten gewesen, was uns am besten geschmeckt hätte, wenn wir nicht so sehr entartet wären. Die Natur ermuntert uns ja immer durch Vergnügen zu dem, was wir thun sollen, und warnt uns durch Schmerz für das, was wir nicht thun sollen; läßt auch denn Vergnügen Schmerz werden, wenn wir ihre sanfte Stimme nicht hören wollen. -- So haben wir nach vieler Bewegung den besten Appetit; der Appetit wird nagender, schmerzhafter Hunger, wenn wir ihn nicht stillen; der Appetit wird Sättigung, wenn wir genug haben; er wird Eckel, wenn wir zu viel gegessen haben. In das, was uns schadet, legte sie einen Abscheu.
Es liegt aber sehr viel daran, was wir essen, selbst in Rücksicht auf unsre Moralität. Die von Pferdemilch lebenden Mysi sind die gerechtesten Menschen. Die jetzigen Einwohner von Hindostan, die bloß Vegetabilien genießen, sind sanfte, gute, leutselige Menschen[67]. Bloß Fleisch essen macht wild, unbarmherzig, grausam. Die Menschenfresser unter den Amerikanern[68] sind ungesellig, tiefsinnig u. s. w. Die Tartarn, die Patagonen und einigermaßen unter uns die Fleischer und Jäger bezeugen, daß Fleischessen wild macht[69]. Auch schadet allzuvieles Fleischessen offenbar dem höhern Denkvermögen, es macht die Phantasie üppig und ausschweifend; daher enthielt sich ihrer der größte Mensch -- +Newton+, als er das Meisterstück der menschlichen Vernunft, seine Theorie von dem Lichte und den Farben schrieb[70]. Vegetabilische Diät macht die Leute gelind in ihren Handlungen, aber schwach und zu großen Arbeiten untüchtig. Haller sah nach dem Gebrauche der Vipern die größte Ungeduld entstehn[71]. Boerhaave kannte einen Mann, der eine Zeitlang bloß Feldhühner aß, und dabei die Feinheit seiner Sitten verlor.
Von dem Einflusse der Diät auf die Moralität scheinen die Alten schon überzeugt gewesen zu seyn: Philopömen zwang die Spartaner, die Manier ihre Kinder zu nähren, aufzugeben; weil er wohl wußte (sagt Plutarch), daß sie sonst immer eine große Seele und ein erhabenes Herz hätten. Pausanias ließ nach der Schlacht bei Platäa seinen Offizieren eine persische und eine spartanische Mahlzeit zurichten, und sagte ihnen: seht die Thorheit der Medischen Anführer, die solcher Mahlzeiten gewohnt sind, und dennoch geglaubt haben, sie könnten uns überwinden.
Wir hätten vielleicht eine ziemliche Leichtigkeit, nicht bloß die verschiednen Nazionalcharactere anzugeben, sondern selbst die Charactere jeder einzelnen Individuen zu kennen, mit denen wir umgehen; wenn wir eine genaue Sammlung ihrer Küchenzettel hätten[72]. Gehörig beschränkt, ist also viel wahres an dem Satze, den schon +des Cartes+ behauptete, daß man die Mittel zur Verbesserung des menschlichen Geistes und Herzens in der Arzneikunde (und ich möchte hinzusetzen) auch +in der Küche+ suchen müßte. Dächten hieran die Leute, die manchmal unsere Sitten richten wollen, und den physischen Menschen gar nicht kennen; so würden sie vermuthlich einem Manne oft sein Genie oder seine Geistesschwäche, seine Moralität oder Immoralität nicht so hoch anrechnen, als sie es gewöhnlich thun, und um so mehr thun; je mehr sie von der Organisation desjenigen, von dem sie urtheilen, abstehen.
Daß der Natur unendlich viel daran lag, uns die Sachen recht auswählen zu lassen, welche wir essen, sehen wir vorzüglich, wenn wir den Sinn des Geschmacks recht betrachten. Wie empfänglich ist der nicht für jeden Eindruck! Fast alles schmeckt! Aber es ist schwer anzugeben, was uns denn zur Speise angewiesen ist, was uns eigentlich am zuträglichsten seyn mag, da wir durch unsere Kultur den Instinct in dem Punkte ganz eingebüßt haben.
Höchstwahrscheinlich ist der Mensch zur Obstnahrung bestimmt; das beweist die Einrichtung seiner Verdauungswerkzeuge, die der Verwandlung der Obstspeisen durchaus angemessen ist. Seine Vorderzähne schaben den Bissen vom Obste; seine Hundszähne, die beinahe eine nicht größere Aehnlichkeit mit den Hundszähnen der Fleischfressenden Thiere haben, als die menschlichen Finger mit den Klauen derselben, dienen, die Schalen der Nüsse zu öffnen; seine Backenzähne zermalmen den Bissen. Die Gedärme des Menschen sind für Fleischspeisen zu lang, für Vegetabilien zu kurz. Sein Magen kann keine Kornfrüchte zermalmen; sonst wäre er fleischigter. Dabei gewährt das reife Obst unserer Zunge einen überaus angenehmen Geschmack; ein Vorzug, den schon Hippocrates[73] einer Speise sehr hoch anrechnet. Allein der Schöpfer wollte den Menschen über die ganze bewohnbare Erde verbreiten, und deswegen mußte er seine Natur seinem Wohnplatze anpassen. Daher ißt der Nordländer Fleisch; denn sein Land trägt ihm nicht Obst genug, auch könnte er damit in seinem kalten Himmelsstriche nicht gesund bleiben: in wärmern Gegenden ißt der Mensch des Fleisches weniger, und lebt wieder mehr von Vegetabilien. In ganz Ostindien, in Japan, in China ißt man wenig Fleisch, noch weniger in Aegypten. Der Reiß, einige Gewächse und Butter sind die gewöhnliche Speise der Einwohner von Bengalen. Auch ist es Sache der Erfahrung, daß ganze Menschenklassen sich einzig von vegetabilischer Nahrung ernähren[74], so wie andre bloß von Fleisch, und dabei sehr gesund bleiben.
Ueberall modifizirte die Natur den Instinct des Menschen nach den Umständen, so daß er jedem Himmelsstriche mit kühner Stirne trotzt, und sich an jede Speise gewöhnen kann. Aber wir Europäer haben wir nicht die Diät aller Völker bei uns vereint? Wahrlich der Europäer ist das gefräßigste Thier auf Erden[75]! Er ißt alle Arten von Fleisch, Fischen, Schalthieren, Vögeln, Wurzeln, Früchten, Kräutern etc. etc. Wir lachen, daß des Grönländers Lieblingsspeise halb verfaulte Stockfischschwänze sind, daß der Hottentote zum Götteressen faulende Därme hat, und wir essen -- Schnepfendreck, und faulendes Wildbret. -- Wir haben auf unserm Tische die Kirschen des schwarzen Meeres, die Spargel aus Siberien, die Aprikosen, Birnen, Aepfel und Pflaumen entfernter Gegenden, die Kartoffeln aus Amerika, das Korn und den Kohl und tausend andre Sachen, deren Vaterland unbekannt ist[76]. Selbst der Weinstock, den wir zu manchem Zwecke brauchen, und wohl noch öfter mißbrauchen, ist fremd: denn in unsern Wäldern war nichts, als einige Beerenstauden und Aepfel, welche wir zu essen verlernt haben. Ist es also wohl noch zu verwundern, daß wir keinen Instinct mehr haben? Wir haben ja (wie mein Freund Herr Hofrath Roose[77] sagt) lange aufgehört Menschen zu seyn -- um Staatsbürger zu werden.