Versuch über die physische Erziehung der Kinder
Part 2
Um gesund zu seyn, muß eine Schwangere im Allgemeinen so leben, wie Frauenzimmer überhaupt leben müssen, wenn sie gesund bleiben wollen. Mäßige Leibesbewegung zu Fuße ist den Schwangern durchaus wesentlich. Zu heftige Bewegung durch Tanzen, durch Spazierfahrten in rüttelnden Kutschen ist äußerst nachtheilig. Sie müssen sich bestreben in die Haltung ihres Körpers so viele Mannigfaltigkeit zu bringen, als nur möglich ist. Zu langes Stehen, lange anhaltendes Sitzen, Liegen, Gehen, sind gleich nachtheilig. Ihre Kleidung muß bequem, und besonders der Ausdehnung des Bauchs, und dem Anschwellen der Brüste, angemessen seyn, und hinlänglich warm halten, vorzüglich in Jahrszeiten, wo die Witterung oft plötzlich wechselt. Am meisten fehlen hiebey Frauenzimmer in der ersten Schwangerschaft, und am Anfange, wo eine, sehr übel angebrachte Schaam, ihre Bestimmung erreicht zu haben, und Mutter geworden zu seyn, sie nicht selten verleitet, sich in enge Kleider einzuschnüren, und dadurch dem Wachsthume des Kindes hinderlich zu seyn. -- Reinlichkeit ist auch in diesem Stande sehr zu empfehlen, da die Geburtstheile in den letztern Monaten fast immer eine schleimigte Feuchtigkeit ausfließen lassen.
Ihre Nahrung muß in gesunden, gutnährenden, leicht verdaulichen Speisen bestehen; z. B. Fleischspeisen, Fleischsuppe, weichgekochten Eyern u.d.gl. Blähende Gemüse, und Früchte, alles Fett, Mehlspeisen sind ihnen nachtheilig. Sie müssen wenig auf einmal, aber oft essen, weil ihre Eingeweide gedrückt werden. Zum Getränke müssen sie das wählen, woran sie gewohnt waren. Schwächlichen ist es besonders zuträglich, täglich etwas Wein zu trinken. Mutter, und Kind werden sich dabey sehr wohl befinden. Die Alten verboten den Weibern in diesem Zustande zu allgemein den Wein, und so strenge, daß +grundgelehrte Männer+ demonstrirt haben, dadurch sey das +Küssen+ aufgebracht worden, um nämlich zu erfahren, ob die Weiber -- Wein getrunken hätten. Reine Luft ist den Schwangern sehr anzurathen; daher sind Spaziergänge bei schönem Wetter für sie so heilsam; daher aber sollen sie auch keinen zahlreichen Versammlungen beiwohnen; z. B. in Kirchen, Schauspielhäusern etc., wo ihnen ohnedies noch das Gedränge schädlich werden kann; deswegen bekömmt ihnen auch der Aufenthalt in Obstkammern, Kellern, in Zimmern, die frisch angeweißt sind u. s. w. gar nicht gut. Schlafen müssen Schwangere wohl etwas länger, als andre, da sie sich leichter ermüden, also mehr Erholung bedürfen, und auch gewöhnlich etwas unruhig schlafen.
Vor allem aber ist +Mäßigkeit im Genusse der Liebe+, und Vermeidung jeder +heftigen Gemüthsbewegung+ den Schwangern streng zu empfehlen. Blutstürze, Mißfall, Tod sind nicht selten die Wirkungen von beiden.
Aber was hat es in der Schwangerschaft mit dem so genannten +Versehen+ für ein Bewandniß? Die Weiber +versehen+ sich nie. Die Furcht vor dem Versehen ist ganz ungegründet, und dies Vorurtheil ist um so nachtheiliger, da es die vielen Unbequemlichkeiten in diesem Stande bei einer Menge von Weibern beträchtlich vergrößert; aber wie (werden eine Menge Matronen mit sichtbarem Aerger in ihrem sonst ganz weisheitsvollen Angesicht sagen) wie läßt sich das behaupten, da tausend, und abermal tausend Geschichten die Wirklichkeit des Versehens bewähren: ja freilich Geschichten; aber welche? Den meisten steht unverkennbar der Stempel ihres Ursprungs vor der Stirne; bei weitem der größte Theil kömmt schnurgerade aus der Ammenstube, und sie datiren sich fast alle aus den Zeiten des Aberglaubens, und der Unwissenheit! Wer ist heute noch gutmüthig genug zu glauben, daß eine italiänische Dame sich an dem Bären in dem Wappen des Herzogs von +Ursini+ versehen, und darauf einen Knaben -- in einer Wildschure geboren habe? daß eine Schwangere, wie Pater +Mallebranche+ erzählt, einen Verbrecher radbrechen sah, und in einigen Tagen nachher ein Kind gebar, dessen Glieder, wie die des Geräderten, gebrochen gewesen seyen? Der Ehrwürdige Pater hat bey Erzählung dieser Geschichte noch die Menschenliebe, ein leichtes, und ganz wohlfeiles +Hausmittel+ bekannt zu machen, das sich nur nicht in jeder (wohlgezogenen) Gesellschaft anwenden läßt, nämlich: die Schwangere soll sich gleich an dem ründesten, und hintersten Theil des Körpers kratzen, wenn ihr der schreckliche Gegenstand einfällt; und dann sind alle Folgen des Schreckens wieder weggewischt: Wer Lust hat die lächerlichsten Dinge der Art zu lesen, der kann sie in den Schriften +Schenk's+, +Hellwig's+, +Horst's+, und andrer Kompilatoren dieser Gattung, in reichlicher Menge finden. Indessen sind allerdings nicht alle Geschichten von derselben Art. Die wahrscheinlichsten entstanden daher, daß sie verkehrt vorgetragen wurden, und dadurch natürlich großes Gewicht erhielten. Der Vortrag ist nämlich so eingerichtet, als wenn man die Beobachtung schon während der Schwangerschaft angefangen hätte; und nun bey der Niederkunft sey die Sache eingetroffen, da doch in der That solche Mahlzeichen unvermuthet gekommen sind, ob man sie gleich nachher von diesem, oder jenem Umstande nach der gewöhnlichen Methode hergeleitet hat, und nicht selten mit beträchtlichen Vergrößerungen. Eins der am meisten verführerischen Beispiele ist, meines Erachtens, die bekannte Geschichte vom König +Jacob+, dem 1ten in England. Seine Mutter +Maria Stuart+ war mit ihm schwanger, als ihr Liebling +Rizzio+ vor ihren Augen mit vielen Wunden erstochen wurde. Sie erschrak über diesen Zufall heftig, und wurde nachher von +Jacob+ entbunden, der nun eine solche Furchtsamkeit besaß, daß er nie einen bloßen Degen, ohne Zittern und Entsetzen sehen konnte; aber man verschweigt meistens geflissentlich, daß +Jacob+ sich eben so heftig vor dem Knall einer losgeschossenen Flinte entsetzte, und doch war +Rizzio+ durch kein Schießgewehr umgebracht worden!
Diese Geschichte beweißt (deucht mir) im Grunde das Gegentheil; denn +Jacob+ brachte nicht ein einziges Muttermal zur Welt, trotz den vielen Wunden, die seine Mutter an +Rizzio+ mit Schrecken gesehen hatte. -- Wer die Geschichte der zartesten Kindheit +Jacobs+, und die großen Unruhen in seiner Minderjährigkeit kennt, der kann es, ohne an das Versehen zu glauben, leicht begreifen, wodurch dieser König so furchtsam wurde.
Kein Blutgefäß (weder Schlagader, noch Blutader) gehen unmittelbar von der Mutter in's Kind, und nicht ein einziger Nerve! Und Einbildungen sind doch, wie alles, was von unsern Sinnen abhängt, ein Spiel der Nerven! Das Kind steht mit seiner Mutter in keiner +unmittelbaren+ Verbindung; es lebt für sich, ein eigenes Leben, lebt durch die Nachgeburt. Wie kann also das Versehen statt haben?
Die Einbildungskraft kann uns gähnen, erbrechen, traurig, fröhlich machen; ober ich weiß nicht, wie sie dem Kinde im Mutterleibe den 11ten Finger, oder einen 2ten Kopf machen kann, oder im Gegentheil wie sie die Nase aus dem Gesichte zu wischen vermag, u. d. gl.
Hat denn die Einbildungskraft der Mutter dem Kinde die 10 natürlichen Finger, oder den natürlichen Kopf gebildet? Ist es denn ein Werk der Phantasie der Mutter, schwanger zu seyn? Im Stande der Unschuld, sagt der heil. Thomas von Aquino, war schon durch die bloße Einbildung der Mutter ein Kind fertig: die Theile, die man jetzt dazu braucht, kamen erst nach der Erbsünde. Wir sind aber bekanntlich nicht mehr in jenen Zeiten. --
Die Muttermäler sind nichts anders, als Hautkrankheiten, oder Knochenauswüchse, die die geschäftige Phantasie der Gevatterinnen im ersten Falle zu Kirschen, Erdbeeren, Mäuse, u. s. w. erhebt; und im letzten entsteht denn oft das, was man mit dem Namen Kalbs-, Schweinsgesichter, Froschköpfe etc. etc. belegt. -- Daß die Maulbeeren, Erdbeeren, u. d. gl. im Sommer mit den Früchten dieses Namens wachsen, ist sehr natürlich; das ist ja auch der Fall mit den Sommersprossen, die mit ihnen eine und dieselbe Hautkrankheit sind. Auch bey den Thieren und Pflanzen finden sich Monstrositäten; versehen sich diese etwa auch? +Weickardt+ sagt in dem ihm eigenen Tone: „Ich sah im vorigen Jahre einen Kirschbaum, woran viele Kirschen mit krummen Stielen hiengen. Das muß wohl auch ein Muttermaal an den Kirschenstielen gewesen seyn; vielleicht hat sich der Baum an einem krummbeinichten Kerl versehen, da er eben in der Blüthe stand? Ich sah an einem Apfelbaum einen Apfel, an welchem noch ein kleiner Auswuchs war, der vollkommen einer Stachelbeere glich: ich fand nun bald die Ursache dieses Maalzeichens, indem ich eine Stachelbeerenstaude in der Nähe sah, woran also vermuthlich sich der Apfelbaum muß versehen haben.“
Wenn eine sehr heftige Begierde der Mutter eine Veränderung in der Gestalt des Kindes bewirken kann, wie kömmt es denn, daß es noch so viele Häßliche unter uns giebt? Welche Mutter sehnt sich nicht während ihrer Schwangerschaft nach einem schönen Kinde? Warum endlich gleichen so manche Kinder nicht ihrem vorgeblichen Vater, sondern dem Cicisbeo der Mutter?
Es ist aber doch nichts gewisser, als daß gerade bey den Kindern, über deren Vater die meiste Controverse statt hat, die Mütter den sehnlichsten Wunsch hegen, daß das Kind dem Manne, und nicht dem Hausfreunde gleichen möge.
Ueber die Behandlung der Neugebohrnen.
Der aus dem Schooße seiner Mutter hervorgetretene Mensch kömmt kaum -- in diese +beßte+ Welt, so vereinigen sich (noch ehe er athmet) schon Konvenienz und Vorurtheile aller Art, ihn gleich in Empfang zu nehmen, denn zum Unglück hält er _seine joyeuse entrée_ meist immer unter lauter Weibern.
Halb ohnmächtig, müde, abgemattet von seiner beschwerlichen Reise, kömmt er in ein neues Element. Er muß athmen, er muß sich einer plötzlichen Veränderung der Temperatur unterwerfen; das ist viel, sehr viel. Doch das hat er mit vielen Thieren gemein, aber daß er nun auch gleich einem halben Dutzend Gevatterinnen und Frau Baasen in die Hände fällt, das ist -- weit mehr. Nicht selten hat er schon Glieder zerbrochen, verrenkt, ehe er geboren ist u. d. gl.! Bei andern Thieren lehrt der Instinct den Neugebohrnen, was er thun soll, aber den haben unsere Kinder durch die Kultur der Aeltern schon eingebüßt; und hätten sie ihn auch noch, was würde er ihnen helfen? Dem würden die Weiber, und das _Profanum Vulgus_ der Aerzte, die sich immer klüger wähnen, als die Natur, schon _secundum Leges Artis_ begegnen.
Die Mutter ist gleich nach der Geburt, in Beziehung auf andre Thiere, in Beziehung auf natürliche Menschen in einer schrecklichen Lage, liegt oft Stundenlang -- ermattet, kraftlos da. Andre Mütter zerkauen meist in diesem Augenblicke die Nabelschnur; allein diese oder sonst eine sichere Trennung von der Nachgeburt, würden unsere Mütter aus Schwäche nicht vermögen; ein Dritter ist daher meist immer schon nöthig, um durch ein Verband das Leben des eben Gebornen zu retten.
Die Natur hat, um das Leben der Neugebornen zu schützen, bei allen uns verwandten Thieren, wo nicht in beiden Zeugenden, doch immer in der Mutter eine kräftige Schutzwehre für den Kraftlosen gesetzt. Denn gerade wie das Kind noch schwächer ist, ihres Schutzes mehr bedarf, gerade in dem Verhältnisse ist ihre Zuneigung größer. Die Natur gab in diesem Zustande dem Kinde Wächter, die das Wohl des Kindes mit ihrem Leben erkaufen, und bey denen in dieser Epoche die laute Stimme eigener Selbsterhaltung taub ist. Das ist der Fall bey sehr vielen Thieren, und der Mensch selbst ist wenigstens hierinn noch nicht ganz ausgeartet. Die Liebe zum Kinde (möchte ich sagen) verhält sich umgekehrt, wie die Kultur der Aeltern. Konvenienz und Degeneration machen den kultivirten Menschen die Kinder gewöhnlich zur Last. Das letzte wirkt sogar auf die Thiere, die der Mensch unterjochte, die er zu seinen Hausthieren machte; auch die lieben ihre Jungen um so weniger, je mehr sie gezähmt sind; betrachten wir z. B. die Pferde, die Kühe, die Schafe etc.; auch bei denen ist dieser edle Instinct fast ganz verloschen.
Wir wollen ein Mal, um zu sehen, was wir mit unsren Neugebornen thun müssen, betrachten, was die Thiere, die uns am nächsten sind, mit den ihrigen machen.
So wie die Jungen zur Welt gekommen sind, lecken die Mütter sie ab, legen sie so, daß sie warm bleiben, und bedecken sie gewöhnlich, um diesen Endzweck vollkommner zu erreichen, von Anfang meistens ununterbrochen mit ihrem Körper, und geben ihnen dann die mütterlichen Brüste. Das Lecken dient ihnen statt des Bades; die Wärme, um den Uebergang von der Temperatur der mütterlichen Gebährmutter zu der der Atmosphäre nicht zu plötzlich fühlen zu lassen; vielleicht auch, um die Wirkungen der Luft auf die noch ungewohnte Haut vor der Hand öfter zu unterbrechen. Die Milch dient den Jungen in diesem Augenblicke statt Arzney, um das Mutterpech abzuführen, und zugleich als Nahrung. Auf die Art, wie die Jungen liegen, nehmen die Alten keine sonderliche Rücksicht: diese liegen, wie sie selbst wollen, das heißt: wie sie am bequemsten warm gehalten werden können. Was thun nun aber wir?
Wir +Meisterstücke der Schöpfung+ kommen mit einem weißen, käsigten Firnis zur Welt, der das erste Bad nothwendig macht, da unsere Damen zum Ablecken sich ohnedies nicht verstehen würden. Wir haben nach den verschiedenen herrschenden Principien der Aerzte uns auch gewöhnlich verschiedener Surrogate für das Lecken bedient. -- Viele werfen, wie ehemals die Deutschen, die Kinder, die kaum dem mütterlichen, warmen Bade entschlüpft sind, in eiskaltes Wasser, als wenn es eine Kleinigkeit sey für den Neugebornen, die Temperatur des Mediums, worinn er sich aufhält, von 96° Fahr. plötzlich auf 32° herunter zu bringen. Oder als wenn man den menschlichen Körper wie einen Stahl durch plötzliches Löschen hart machen könnte. Diese Mode ward schon einigemal in verschiedenen Gegenden und zu verschiedenen Zeiten befolgt. Das thaten noch nicht sehr lange russische Mütter. +Raulin+[11] zeigt in einem eigenen Kapitel, daß bey den Alten die kalten Bäder für die Kinder üblich gewesen seyen. Und dies fand zu jeder Zeit hier und da Beifall. +Floyer+ glaubt, die rachitische Krankheit sey nur erst seitdem entstanden, da man in der englischen Kirche aufgehört, die Kinder bey der Taufe ganz einzutauchen, und sie statt dessen blos besprengt habe. +Cullen+[12] versichert, daß er in allen den Familien, in welchen man die Kinder von ihrer Geburt an alle Morgen in kaltes Wasser getaucht habe, nie ein Beispiel von einem rachitischen Kinde gesehen habe. Vermuthlich war das der Fall, weil es nur äußerst starke Kinder waren, die das überlebten; die andern wurden wahrscheinlich durch diese Operation nicht bloß von der englischen Krankheit, sondern von allen Uebeln, die uns diesseits des Vorhangs der Ewigkeit befallen können, radikal geheilt[13].
Auch +Venel+[14] ist für die kalten Bäder, und immer noch giebt es einige Aerzte, die dieser Methode nicht ganz abgeneigt sind, vorzüglich die, die das Rauhe der Erziehung nicht genug vertheidigen können, und ihren ganzen Plan so einrichten, als wenn sie aufgestellt wären, unsere Kinder als Rekruten nach Lappland zu schicken. Offenbar ist diese Sitte aus der irrigen Voraussetzung entsprungen: „Kälte stärkt.“ -- Unglücklicher Weise wird meistens nach jener Eisprobe gleich noch eine Art von Feuerprobe vorgenommen, die immerdar, wenn sie ausgehalten werden kann, einen sehr soliden Fond von Kräften des neugebornen Kindes voraussetzt: ich meine das Wickeln. Neun Monate war es in seiner Mutter in einer fast kuglicht zusammengerollten Lage; aber so wie es zur Welt kömmt, so spannt man es gleich kerzengerade in Windeln, umwickelt es recht nachdrücklich mit Binden, und damit dieser kleine mummisirte Martyrer gar nicht friere, so wird er erst in ein Kissen gebunden, mit diesem unter Federbetten in eine Wiege vergraben, diese wieder mit einer Himmeldecke verwahrt, und wenn das Glück gut geht, nun -- zum heissen Ofen gesetzt. In der That sollte man glauben, daß einem Menschen, der solche Qualen hat ertragen können, keine andere im Laufe seines künftigen Lebens unerträglich fallen könnten.
Aber was sollen wir dann nun thun in dieser Periode? -- Das, was augenscheinlich die Natur gebeut. Sie verträgt nie Sprünge, und wohl am allerwenigsten hier. Man soll das Kind also die Abwechselung der Temperatur so wenig, wie möglich, fühlen lassen. Man soll es daher gleich in ein Bad von lauwarmem Wasser bringen, das die Wärme des menschlichen Körpers hat, und ihm da gelinde den käsigten Ueberzug abwaschen. +Brouzet+[15] sagt: die Haut bekomme dann eine rosenartige Röthe; und nach +Vandermonde+[16] sollen die Kinder um so schöner werden, je röther sie nach ihrer Geburt wären, und das ist warlich ein Umstand, der unsere Mütter sehr interessirt. Das Kind hier wie einen Hering mit Salz einzupöckeln, wie +Galen+[17] schon anrieth, und nach ihm +Unterwood+, ist widersinnig; es prickelt die Haut, und verursacht ein unangenehmes Jucken. Andere empfehlen, wie +Camper+ z. B. das Waschen mit Seife; allein das lauwarme Wasser thut hier doch wohl dasselbe. Unzweckmäßig sind auch die Zusätze von riechenden Salben, Wein und aromatischen Wässern bei gesunden Kindern; weil diese mehr oder weniger reizen, und hier ist doch gar nichts nöthig, als -- das Abwaschen der käsigten Materie.
Nach diesem Bade trockne man das Kind ab, ziehe ihm die Kleider an, von denen wir unten reden werden, und halte es so warm, daß es die Temperatur des vorigen Aufenthalts nicht vermißt. Man lege es erst zu seiner Mutter ins Bette, und fange allmählig an, es vor und nach etwas mehr und mehr an die Atmosphäre zu gewöhnen, indem man es zuweilen am Tage aus dem Bette herausnimmt, und in dem Zimmer herumtragen läßt.
Aber wie sieht es mit seiner ersten Nahrung aus? -- Mir deucht, es leide keinen Widerspruch zu behaupten, daß die Mutter dem Kinde die Brust reichen müsse; wenn nicht physische Fehler es ihr schlechterdings unmöglich machen.
Ueber das Selbststillen.
So weit ist es nun mit uns gekommen, daß man jetzt beweisen muß, daß man das thun soll, was die Natur so laut befiehlt! -- Ist es der Gesundheit des Säuglings zuträglicher, die Milch seiner Mutter zu trinken, oder die einer Amme; oder ist es vollends besser für das Kind, ihm Thiermilch zu geben? Das sind Fragen, die man noch in unsren Zeiten aufstellt. -- Wunderbare Fragen! Wahrlich wunderbar! Und doch hat nicht der Pöbel bloß sie aufgestellt, sondern auch Aerzte! -- Die Natur gab ja unsern Weibern Brüste, bereitet diese schon in der Schwangerschaft allmählig zum Säugen vor, und wirft der Kindbetterinn meist unter einem heftigen Fieber die Milch stromweise in diese Organe! Das ist der Fall bei allen säugenden Thieren, und auch bei Menschen. Größern Beweis unserer Ausartung giebt es doch wohl nicht, als eben diese Fragen!
Man sollte es kaum glauben, daß ein Thier in der Schöpfung so weit sinken könnte, daß es mit dreister Stirne, frevelnd gegen die Gesetze der Natur die volle Quelle auszutrocknen wage, die nach der Entbindung, als in dem gefährlichsten Zeitpunkte des Lebens, der Gebärenden zur Sicherheit, und zur zweckmäßigsten Nahrung ihres Kindes aus ihren strotzenden Brüsten strömt; daß unsere empfindelnden Schönen, die in Ohnmacht fallen, wenn sie eine Gans bluten sehen, sich erdreisten könnten, ihr und ihres Kindes Leben und Gesundheit auf so eine gefahrvolle Art aufs Spiel zu setzen[18]. -- Auch unsere Hausthiere thun in diesem Punkte wieder um so vornehmer, je länger sie von den Menschen unterjocht, je mehr sie kultivirt sind. Unsere Kühe, unsere Ziegen geben Milch ohne ihre Säuglinge; aber auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung geben die Kühe der Hottentoten und die Ziegen keine, wenn nicht ihr Kalb dabei ist; ist das geschlachtet, so wird das Fell über ein andres gelegt, damit sie bei Empfindung des Geruchs die Milch fließen lassen[19]. Auch +Pallas+[20] erzählt, daß weder die Kühe, noch die Stuten bei den Kalmucken Milch geben, wenn nicht ihr Kalb oder Füllen gegenwärtig ist. Aber bei uns hat kaum die, leider! so oft ganz gegen ihren Willen schwangere Mutter geboren, so ist weder ihre eigne Gefahr, noch die Stimme der Natur vermögend, ihre Rechte geltend zu machen. Eiligst entzieht sie sich dieser heiligen Pflicht, und übergiebt ihr Kind einem Thiere, oder, wenn es viel ist, einer Säugamme, die, wie +J. J. Rousseau+ sagt, nicht den Namen Mutter verdient, wenn sie um ein Stück Geld ein fremdes Kind dem ihrigen vorzuziehen niederträchtig genug ist. Sehr viele redliche Männer, vorzüglich Aerzte aus allen Nationen, denen das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, haben es übernommen, unsern Weibern die schlechte Erfüllung ihrer Mutterpflicht vorzuwerfen, ihnen die Schuldigkeit und Vortheile des Selbststillens, die Gründe, warum eine Mutter ihr Kind selbst stillen soll, und die glücklichen Beispiele überzeugend mit Beredsamkeit darzustellen. An Ueberzeugung kann es nicht fehlen; nur Ausgelassenheit, Wollust, Schwelgerei, und Gemächlichkeit haben dieses Band der mütterlichen Liebe zerrissen; denn so, wie es jetzt bei uns ist, so war es auch zu Rom, als die Ueppigkeit am höchsten gestiegen war. +Plutarch+ erzählt schon als etwas außerordentliches, daß die Mutter des +Kato+ selbst gestillt habe. Aber damals waren die Sitten unserer Ahnen noch nicht verdorben. Da waren die stillenden Frauen nicht, wie jetzt, ein verächtlicher Haufen entehrter Weibsbilder. Dort (erzählt +Tacitus+)[21] stillt jede Mutter ihre Frucht mit eigenen Brüsten. In unsern Tagen, sagt +Frank+, würde +Tacitus+ diese, wie viele andere Stellen, die er zu unserm Lobe geschrieben, ganz ausstreichen müssen. Die Zärtlichkeit deutscher Weiber ist nun zu ihren Ehegatten gar zu groß, als daß sie in Erfüllung dieser Pflichten ihren Wuchs und das Harte und Runde ihres Busens zernichten möchten.