Versuch über die physische Erziehung der Kinder
Part 1
####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1803 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Altertümliche, regional gefärbte Ausdrücke, sowie die Zeichensetzung wurden nicht korrigiert, sofern der Sinn des Textes dadurch nicht verfälscht würde.
Die im Abschnitt ‚Berichtigungen‘ angegebenen Korrekturen wurden in der vorliegenden Bearbeitung bereits im Text berücksichtigt.
Der Ausdruck ‚et cetera‘ wurde im Original mit Hilfe des tironischen Kurzschriftzeichens ‚Et‘ dargestellt; in der vorliegenden Bearbeitung wird dieser dagegen mit ‚etc.‘ umschrieben. Einige Namen wurden gesperrt gedruckt; dies wurde allerdings im vorliegenden Text nicht konsequent durchgeführt. Diese Inkonsistenz wurde beibehalten.
In der Buchvorlage fehlt der Fußnotenanker [2]; dieser wurde vom Bearbeiter an der mutmaßlich zutreffenden Stelle ergänzt.
Der Originaltext wurde in Frakturschrift gedruckt. Passagen in Antiquaschrift werden durch _Unterstriche_ hervorgehoben; gesperrte Passagen sind von +Pluszeichen+ umgeben. Caret-Symbole (^) weisen auf nachfolgende hochgestellte Zeichen hin.
####################################################################
+Versuch+
über
die physische Erziehung der Kinder
von
+Ferdinand Wurzer,+
Doktor der Medicin, ord. Professor der Chemie, etc. zu Bonn; der Römisch-Kaiserl. Akademie der Naturforscher, der Königl. Preuß. Akad. nützl. Wissenschaften in Erfurt, der Societät der Medicin zu Paris, der Med.-Chir.-Pharm. Societät in Brüssel, der Naturforschenden Gesellschaft in Halle, der Physikal. in Göttingen, der Mineralog. in Jena, der Herz. D. in Helmstädt, und der Societät der Wissenschaften und Künste in Mainz Mitgliede; der Königl. Societät der Wissenschaften zu Göttingen Correspondenten, so wie auch der Societé d'Emulation des Rhein- und Mosel-Departements.
+Zweyte, neu bearbeitete, Auflage.+
+Köln,+
bei +Haas+ und +Sohn+, Buchhändlern auf der Brücke.
XI. -- 1803.
_Observés la nature, et suivés la route, qu'elle vous trace._ _J. J. Rousseau._
+Seinem edlen,+
und
unvergeßlichen Freunde,
dem
+Herrn Joh. Friedrich Westrumb,+
Königl. Großbrittannischem Berg-Commissaire,
etc. etc.
+Mit dem innigsten Gefühle+
der reinsten
+Hochachtung+
gewidmet
vom Verfasser.
Vorrede zur ersten Ausgabe.
Ideen in meinem Vaterlande in Rücksicht der Erziehung in Umlauf zu bringen, die dem größten Theile des Publicums immer noch unbekannt sind, und die es verdienen, daß +jederman+ sie kenne, das ist mein gegenwärtiger Zweck.
Das Erziehungswesen hat seit zwanzig Jahren eine Revolution erlebt, die trotz den mancherlei Dissonanzen unsers Zeitalters hinlänglich beweist, mit welchen Riesenschritten Vernunft und Cultur Fortschritte gemacht haben; die um so bewundrungswürdiger ist, je mehr sie den edlen Männern, die sie bewirkten, Mühe kostete, und je mehr Vorurtheil und veraltete Gewohnheit in geschwisterlicher Eintracht sich jeder Verbesserung entgegen stemmten, und aus Leibeskräften jedem wohlgemeinten Rathe den Eingang in die Kinderstuben verrammelten.
Eine vernünftigere, auf die aus dieser Revolution entstandenen Grundsätze gebaute, Erziehungsmethode bekannter zu machen, ist also wohl keine unnöthige Arbeit, wenn auch schon manches davon Mancher gesagt hat; denn kann wohl etwas, von dem für immer unser ganzer physischer Werth und dadurch ein großer Theil unsers moralischen abhängt, von dem unstreitig die physische Restauration der Menschheit ausgehen muß, zu oft gesagt werden?
Genugthuender für mein Gefühl kenne ich keine Belohnung, als den Gedanken: hiedurch vielleicht etwas zur vernünftigern Erziehung in meinem Vaterlande beizutragen und mitzuwirken: daß unsere Nachkommen gesünder, glücklicher und -- besser seyn werden.
Vorrede zur neuen Ausgabe.
Das günstige, meine Erwartung weit übertreffende Urtheil, was man in allen Recensionen, die mir über diese Schrift zu Gesicht gekommen sind, gefällt hat, ermunterte mich, da die erste Ausgabe jetzt vergriffen ist, diese Schrift von neuem zu bearbeiten, und die mir bekannten Mängel, worunter ich auch die zahllose Menge, nicht selten den Sinn entstellender Druckfehler rechne, zu verbessern.
Meine Erfahrung über die physische Erziehung der Kinder hat sich seit den sieben Jahren, da die erste Auflage erschien, beträchtlich erweitert; ich habe das reine Vergnügen mehrere Male genossen, meine gemachten Vorschläge von Männern, die die allgemeine Achtung besitzen, prüfen und anwenden zu sehen; aber ich sah auch, daß, so leicht und gewöhnlich es jetzt ist, Stunden lang von der Erziehung der Kinder zu reden, so schwer und selten gleichwohl eine wirklich weise, und zweckmäßige Erziehung sey. Es wird dazu Kenntniß, Vorsicht, und Behutsamkeit, ein fester, ruhiger, und liebevoller Sinn, Geduld, Ausdauer, und immer rege Aufmerksamkeit erfordert. -- Eigenschaften, die nur wenige Erzieher und Aeltern in sich vereinigen!
Man kann daher noch nicht oft, und nicht laut genug die Fehler rügen, die täglich in diesem Puncte und besonders in den ersten Jahren der Kinder begangen werden, wo diese in ihrer Schwäche, in ihrer Hülflosigkeit uns doppelt theuer sind, wo sie uns fast jeden Augenblick zur Theilnahme, und Hülfe auffordern, und wo denn gerade die natürliche starke Liebe, die dem Vater- und Mutterherzen so tief für ihre Kinder eingepflanzt ist, die sie mit so süßen und festen Banden an ihre Lieblinge knüpft, eine, nur allzureiche, Quelle vieler Fehler, und Verirrungen wird, wenn sie nicht von richtigen Grundsätzen geleitet wird.
Mein heißester Wunsch geht dahin, zur Verbreitung solcher Grundsätze nach Kräften -- mein Schärflein beizutragen.
+Inhalt.+
Seite. +Eingang+ 1 Ueber das Verhalten während der Schwangerschaft 13 Ueber die Behandlung der Neugebohrnen 20 Ueber das Selbststillen 27 Warte und Pflege 48 Vom Schlafen 67 Von der Bewegung 72 Vom Essen und Trinken 77 Von der Kleidung 95 Vom Baden 113 Von den Blattern 123 Vom ersten Unterricht der Jugend 128 Von den gymnastischen Uebungen 146 Von den Findlingshäusern 156
+Berichtigungen.+
S. 13. Z. 11 statt sicheres, lies sieches. -- 16. -- 13 --- daß l. das. -- 31. lezte Z. --- _l. c. l. Dissert. sur l'éducat. phys. des enfans._ -- 35. -- 8 --- heum l. herum. -- 43. -- 21 --- entstehe l. entsteht. -- 55. -- 19 --- verbundenen schlaffen l. schlaff verbundenen. -- 61. vorlezte Z. st. verdorbene l. verdorbenen. -- 62. -- 16 u. 17. st. Stickstoff, Kohlensaurem, und Wasserstoffgas l. Stick-, Kohlensaurem-, und Wasserstoffgas. -- 73. vorlezte Z. st. _étoilée_ l. _étiolée_. -- 77. -- 10 st. _(b)_ l. _(a)_. -- 101. -- 5 --- Eheleuten l. +Eleuten+. -- 105. lezte Z. --- Mit l. Aus. -- 125. -- 2 (in der Note) st. _Diseasi_ l. _Disease_. -- 139. -- 6 --- Seiltänzers l. Seiltänzer. -- 154. -- 20 --- 600 l. 60°.
Die Bemerkung der noch übrigen meist minder wichtigen Druckfehler bleibt der gütigen Nachsicht des Lesers überlassen.
Eingang.
Wir wechseln unsere Meinungen, wie unsere Wäsche, finden das heute abgeschmackt, worüber wir vor vier Wochen entzückt waren! Das war vorzüglich der Fall mit unserm Erziehungswesen. Wir künstelten so lange, fanden so vieles zu verbessern, daß wir endlich vom Wege der Natur ganz abkamen; daher die widersprechenden Methoden, daher die entgegen gesetzten Meinungen so vieler Pädagogen, daher das Fallen von einem Extrem ins andere. --
Zurückgehen, ohne alle Umstände zurückgehen müssen wir auf den einfachen Weg der Natur. Jeder andere Weg ist Irrweg, und führt um so weiter vom Ziele, je mehr er von diesem geraden abgeht. Der Verlust so vieler Tugenden, die unsere Vorfahren so vortheilhaft auszeichneten, ist großen Theils Folge unseres schwankenden Erziehungs-Systems.
Unsere guten Ahnen künstelten nicht mit komplizirten Erziehungs-Planen. Sie folgten ihrem geraden Menschenverstande, und blieben der Natur getreuer; sie ließen dieser weisen Künstlerinn freiere Hände, und eben deswegen wurden ihre Kinder gesunder, stärker, und tugendhafter[1]. Sie machten ihre Kinder nicht altklug, pfropften sie nicht voll theoretischer Kenntnisse und verhinderten also dadurch das Wachsthum und die Vervollkommnung ihrer Körper nicht.
Durch ihre natürliche Erziehung erwachte bei ihren Kindern der Geschlechtstrieb spät; daher ihr hohes und gesundes Alter, daher ihre eiserne, unerschütterliche Gesundheit.[2] Und was sind denn wir nun gegen unsere Alten, und was werden, wenn das so fortgeht, unsere Nachkommen seyn? Gebildeter, geschmeidiger, verschlagener sind wir; aber wie viel denn nun weniger Laster? Was denn nun neues für alte, wilde Sitte, und rohe Natur? -- Chikane und List doch nicht für Gewalt: doch nicht geschmacklose, gefühlwidrige, naturlästernde Verzierung für den ungekünstelten Schmuck noch unentstellter, unverdorbener, reizender Wesen: doch nicht hinlänglich lodernde Rache -- verlarvte langsam peinigende Wuth: im Herzen verschlossener, verdorbener, nachlaurender Groll, für offenen, männlichen, schnellstürmenden Grimm, oder in Heftigkeit aufbrausenden, und bald wieder in Empfindungen ächter Freundschaft sich stillenden jähen Unwillen unsrer Väter? -- Schminke doch nicht für Tugend?
Wir machten durch Kultur unseres Bodens unsern Himmelsstrich südlicher; wir bereicherten durch Vermischung der Erzeugnisse aller Klimaten unsern Körper und unsern Geist mit den Eigenschaften südlicher Völker, mit ihrer Empfindsamkeit, lebhaften Einbildungskraft, frühreifen Verstande, mit ihrer Geilheit und Trägheit. Unser unausstehlicher Egoismus, unsere fade Selbstsucht kömmt zum Theil aus unserer abgeschmackten Diät; eben daher kömmt unsere läppische Eitelkeit, die ihre Nahrung bei äußerlichen Zeichen findet. Die wahre Ehrbegierde durch sich selbst groß zu seyn, ist mit unserer Lebensart weggewichen. Unsere erhöhte Empfindsamkeit, unsere kränkliche überspannte Eitelkeit machen uns Eckel an allen ernsthaften Arbeiten, sind Schuld an unserem unaufhörlichen Hindringen zu rauschenden Gesellschaften, jagen uns von Zerstreuung zu Zerstreuung; machen, daß wir nicht leicht zur Besonnenheit, zur stillen Ausübung des Geistes zurückkommen, daß wir immer kränklich, unlaunicht, mißvergnügt mit der ganzen Welt, und daher unglücklich sind. -- Wir sind aus diesem Wirbel nicht zu retten; aber unsere Nachkommen wieder in den glücklichen Zustand unserer Vorältern zu setzen, ihnen die Tugenden ihrer Ahnen wieder zu geben, das wird bessere, das wird natürlichere Erziehung vermögen; die wird es dem Moralisten leicht machen, zu wirken: wie und was er will.
Die Natur wollte den Menschen zum Bewohner der ganzen Erde machen, daher konnte sein Instinct nicht überall derselbe seyn. Sie modifizirte ihn nach Klima, Diät, Gewohnheit und Erziehung etc., die bekanntlich sehr auf den Menschen wirken[3], und Schuld daran sind, daß er in so verschiedenen Formen auf der Erde erscheint: daß man kaum glauben sollte, daß es ein und dieselbe Menschengattung sey; allein in jeder Lage, unter jedem Himmelsstrich giebt sie ihm seine Weisung, wie er gesund, wie er glücklich leben kann.
Da wo unsere Seefahrer den nackten, kalten Eisthron der Natur antrafen, da an dieser Gränze ist der Grönländer, der meistens nur fünf Fuß hoch ist, mit den Eskimos seinen Brüdern, die kleiner sind, je näher sie nach Norden wohnen. Sein Kopf ist im Verhältnisse des Körpers groß; das Gesicht breit und platt, weil die Natur, die nur in der Mäßigung und Mitte schön wirkt, hier noch kein sanftes Oval rundet, und insonderheit die Zierde des Gesichts, den Balken der Wage, die Nase, noch nicht hervortreten lassen konnte[4]. Seine Haare sind sträubigt, weil es, um weiche und seidne Haare zu bilden, an seinen emporgetriebenen Säften fehlt; das Auge ist unbeseelt, das Blut fließt träge, sein Herz schlägt matt, der Geschlechtstrieb ist bei ihm kalt. Die Lappen bewohnen einen mildern Erdstrich, daher sind auch sie milder. Ihre Größe ist schon beträchtlicher, die runde Plattigkeit des Gesichts nimmt ab, die Backen senken sich, das Auge wird dunkel grau, die schwarzen stracken Haare werden schon gelbbraun u. s. w.
Mitten im Schoose der höchsten Gebürge liegt das Königreich Kaschmire verborgen, wie ein Paradies der Welt. Fruchtbare und schöne Hügel sind mit höhern und höhern Bergen umschlossen, deren letzte sich mit ewigem Schnee bedeckt zum Himmel erheben. Hier rinnen schöne Bäche und Ströme; Inseln und Gärten stehen im erquickendsten Grün; mit Viehweiden ist alles überdeckt; die Einwohner werden für die geistreichsten und witzigsten Indier gehalten. Sie sind zur Poesie und Wissenschaften gleich aufgelegt; sie sind die wohlgebildetesten Menschen, ihre Weiber oft Muster der Schönheit. Die Gestalt der Hindus[5] ist gerade, schlank, schön; ihre Glieder fein, proportionirt; ihr Gesicht offen, gefällig; ihr Tragen des Körpers im höchsten Grade anmuthig und reizend, und wie die Leibesgestalt, so ist auch ihr Geist. Mäßigkeit, Ruhe, sanftes Gefühl bezeichnen ihre Arbeit, ihre Sittenlehre, Mythologie, ihre Künste, selbst ihre Duldsamkeit unter dem äußersten Joche der Menschheit.
Bei dem heissen Afrikaner ist das Profil und der ganze Bau des Körpers wieder anders. Der Mund tritt hervor, dadurch wird die Nase stumpf und klein. Die Stirne ist zurückgewichen, das Gesicht hat von vorne Aehnlichkeit der Konformation zum Affenschädel. Hienach richtet sich die Stellung des Halses, der Uebergang zum Hinterkopf, der ganze elastische Bau des Körpers, der bis auf Nase und Haut zum thierischen sinnlichen Genuß gemacht ist. In diesem Mutterlande der Sonnenwärme ist alles fruchtbar, alles Leben. Feine Geistigkeit wird hier der kochenden Brust versagt, aber dafür hat der Afrikaner Fibernbau, der an jene Gefühle nicht denken läßt. Er schwimmt, läuft, klettert sorglos mit unglaublicher Behendigkeit: er trägt alle Unfälle seines Klima[6]. Er vermißt nicht das quälende Gefühl höherer Freuden, für die er nicht gemacht ist. Die Natur hätte kein Afrika schaffen müssen, oder in Afrika müßten Neger wohnen.
Wie der Araber in der Wüste, und der Mongole auf seiner Erdhöhe in seinen Steppen einherzieht, so zieht der wohlgebildete Beduin in seiner weiten afrikanisch-asiatischen Wüste herum. Auch er ist ein Nomade in seiner Gegend, mit ihr ist seine einfache Kleidung, seine Lebensweise, seine Sitte, sein Karakter harmonisch; er liebt seine Freiheit, verachtet Reichthümer und Wollüste, ist leicht im Laufe, fertig auf dem Roße, seine Gestalt hager, nervigt; seine Farbe braun, seine Knochen stark; er ist edel, treu, sein gefahrvolles Leben macht ihn behutsam, argwöhnisch; das Einsame seiner Wüste macht ihn zum Gefühl der Rache, der Freundschaft, des Enthusiasmus aufgelegt.
Der Kalifornier am Rande der Welt[7] in seinem unfruchtbaren Lande, bei seiner dürftigen Lebensart, bei seinem wechselnden Klima, klagt nie über Hitze und Elend, irrt immer und schläft fast jede Nacht wo anders, entgeht oft dem Hunger nur schrecklich, ißt nicht selten den Heusamen aus seinem eigenen Koth wieder heraus; sein Hausgeräth besteht in Därmen, worin er Wasser hohlt, und doch ist er -- gesund und glücklich. Er schäckert, singt und lacht den ganzen Tag, wird alt, und ist so stark, daß er mit seinen zwei Vorderzähnen beträchtliche Steine heben kann. Er erträgt Schmerzen mit unglaublicher Standhaftigkeit, und erwartet den Tod im hohen Alter mit einer Gleichgültigkeit, die kaum ein europäischer Philosoph erreicht. Die Einwohner an den Ufern des Senegal leben in einer Hitze, die den Weingeist zum Kochen bringt; und die in der Hutsons- und Davids-Bay in Kamschatka, im nördlichen Asien in einer Kälte, die den konzentrirtesten Weingeist, selbst das Quecksilber gefrieren macht[8], und sind gesund, stark. --
Das sind nun die Menschen aus verschiedenen Winkeln der Erde, das sind solche, die wir Barbaren nennen, das sind Völker, deren Körper und Karakter durch die Einwirkung äußerer Ursachen so sehr von uns absteht, und sie sind -- glücklich, weil sie den Instinct, durch den die weise Natur spricht, hören, und -- befolgen, wenigstens genauer, wie wir. Der Europäer, der immer künstelt, immer an der Natur zu verbessern findt, ist kränklich, siech, elend -- unglücklich. Wo er auch nur immer in einen Winkel der Erde hinkömmt, da weicht Ruhe, Gesundheit und Glückseligkeit weg. Das auffallendste Beispiel sind die Brasilier, die ehedem ihres Alters wegen berühmt waren. Damals lebten sie ganz einfach, und daher glücklich. Sie waren stark, gesund; ihre Kinder wurden früh mannbar, waren fast nie krank, und lebten sehr lange; allein so bald die Europäer sie überwanden, ihre Erziehung, ihre Sitten, ihre Kniffe einführten, sie mit ihren Ausschweifungen, mit ihrer Unmäßigkeit bekannt machten, -- weg war das Glück dieser guten Einwohner, Gesundheit, langes Leben, Zufriedenheit, Alles, Alles war verschwunden, wie der Nebel bei der aufgehenden Sonne.
Also noch einmal: Zurückgehen müssen wir auf den Weg der Natur; dann werden wir glücklicher werden, und dann wird die Kultur unseres Geistes groß, und kraftvoll werden; wenn unser Körper gesunder seyn wird. --
Es ist wahr: es entscheiden schon über unser künftiges Glück, über einen großen Theil unserer physischen und moralischen Tugenden Umstände, die sich lange vor unserer Geburt ereignen. Der körperliche und Seelenzustand unserer Aeltern in dem Augenblicke, da sie sich mit der Gründung unserer Existenz beschäftigen, bestimmt schon großen Theils unsern zukünftigen Werth. „Ich wünschte (sagt +Tristram Shandy+) daß mein Vater, oder meine Mutter, oder lieber alle beyde (denn im Grunde war der eine so gut dazu verbunden, als der andere) hübsch darauf gedacht hätten, worauf sie umgiengen, als sie mich zeugten: hätten sie gehörig in Erwägung gezogen, was für ein wichtiges Geschäft sie verrichteten -- ich bin innig überzeugt: ich würde eine ganz andre Figur in der Welt gemacht haben.“ Und wirklich es ist keine phantastische Vermuthung, daß in dem Augenblicke unsrer anfangenden Existenz schon mancherlei Umstände auf uns -- +auf immer+ auffallend grossen Einfluß haben. +Müller+ hat wahrlich ganz Recht, daß er sagt, so oft ich ein mürrisches, träges Temperament sehe, so fühle ich mit +Frank+ die Versuchung zu denken, daß die Mutter desselben zur Unzeit genießt, und der Vater noch halb im Schlafe ihr gedankt habe. Kinder, die mehr aus Pflicht, als natürlicher Aufwallung gezeugt werden, haben immer das Ansehen, als wäre es ihnen nicht recht Ernst, in der Welt ihre angewiesene Rolle mitzuspielen, und höchstens dienen sie -- die Scenen des menschlichen Lebens auszufüllen. -- Das leidet wohl keinen Widerspruch; eben so wenig, als daß die Aufführung der Mutter während der Schwangerschaft auf unser künftiges Wohl und Wehe wirkt; aber eben so wahr ist es, daß das Physische der Erziehung alle unsere mitgebrachte Anlagen auf eine unglaubliche Art modifizirt; daß sie durch ihren Einfluß auf den Körper eben so auf Moralität wirkt; wie umgekehrt Regierungsform, Religion etc. auf unsere physische Beschaffenheit wirken. Man kann versichert seyn (sagt +Hufeland+)[9] daß man durch eine gute physische Erziehung nicht bloß den Körper, sondern auch die Seele bildet, und daß man schon im ersten Jahre dadurch selbst den Seelenorganen eine ungemein glückliche Richtung geben kann, die die nachherige moralische Bildung sehr erleichtert, so nach meiner Meinung ein wesentliches Stück derselben ist. -- Denn wie viel Schiefheiten der Denkart, und des moralischen Gefühls sind im Grunde nichts weiter, als Kränklichkeit und Verstimmung der Seelenorganen; und ich bin völlig überzeugt, daß ein gesunder Zustand der Organisation, und naturgemäße Vertheilung, und Harmonie der Kräfte der wesentliche Grund von der Gabe ist, die man gesunden Menschenverstand, _bon sens_, nennt, und die eigentlich nichts anders ist, als ein gehöriges Gleichgewicht, und harmonische Brauchbarkeit der Seelenkräfte. Man wird's dem Arzte verzeihen, wenn ich zu bemerken glaube, daß aus eben dieser Ursache Witz, Genieflug, erhitzte Einbildungskraft, Schwärmerey u. s. w. in unserer Generation weit häufiger sind als reiner natürlicher Sinn, und richtige Urtheilskraft; wenn ich jene glänzenden Eigenschaften der jetzigen Zeit nicht als Ausbrüche von Kraft, sondern als bedenkliche Symptomen einer kränklichen, und ungleichen Seelenreizbarkeit ansehe, und wenn ich zu hoffen wage, daß durch fortgesetzte bessere, und naturgemäßere Behandlung des physischen Menschen auch eine gesündere Geistesstimmung zu erwarten seyn dürfte. Dieser Meinung ist auch der ehrliche +J. J. Rousseau+[10].
Die Natur bildet selbst den physischen Menschen zu dem, was er mit der Zeit seyn soll, und wenn man sie ungehindert arbeiten läßt, so bringt sie beinahe lauter Meisterstücke hervor, und überläßt uns die grosse Kunst -- aus Bäumen, und Menschenkindern Zwerge zu erziehen. Man lasse also nur die Natur allein ihren eigenen Weg einschlagen; man dünke sich nur nicht weiser, als diese kluge Schöpferinn; man lasse ihr ganz freies Spiel (wenigstens denn doch in so weit, als unser gesellschaftlicher Zustand es erlaubt) und man hat dann gerade alles gethan, was man in diesem wichtigen Zeitpunkte thun muß, weil man -- nichts gethan hat. Daher sind die mehrsten Menschen, die man Wilde nennt, von der vortrefflichsten körperlichen Bildung, ihre Mädchen schlank, und zur Geburtsarbeit so aufgelegt, daß unter tausend Gebärenden nicht eine stirbt.
Ueber das Verhalten während der Schwangerschaft.
Das Betragen der Mutter während der Schwangerschaft hat auf ihr Kind einen so wichtigen Einfluß, daß diese Periode auch wohl bloß in Hinsicht auf das Kind, eine eigene Betrachtung verdient. -- Die Erfahrung lehrt, daß fast immer das Kind gesund, und stark zur Welt kömmt, wenn die Mutter während der Schwangerschaft sich wohl befand. Die Mutter ist es daher nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Kinde schuldig, Alles anzuwenden, um in dieser Zeit gesund zu seyn. Krankheiten, sieches Leben, und der Tod erwarten sie, wenn sie während diesem Zeitpunkte ihre Gesundheit vernachlässigt: eine leichtere Entbindung, ein gesundes Kind, und häusliche Freude sind der Lohn, den ihr die Natur für diese kleine Aufopferungen werden läßt.